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Über uns – HINTER DEN SCHLAGZEILEN

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„Die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!“,

Alain Touraine oder das Subjekt der Kritik.

Die Trennung von Akteur und System, von Bürger und Staat erscheint
als die einzige Antwort auf die totalitären Bedrohungen einerseits
und das neo-korporatistische oder liberale Regime des Marktes an-
dererseits.
Diese Definitionen treffen meines Erachtens vollkommen auf die
keimende soziale Bewegung zu, die aus der diffusen Ansammlung von
Gruppen, lokalen Wahlinitiativen, para-gewerkschaflichen Kooperationen,
militanten Intellektuellen, Sozialarbeitern, religiösen Vereinen,
Rentner- und Arbeitslosenverbänden besteht.
Und zwar, insofern sie nach einer Alternative zu der in Auflösung
begriffenen Lohngesellschaft trachten und auf der Basis eines anderen
Umgangs mit einer der wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen,
nämlich der durch den technischen Wandel freigesetzten Zeit,
für weniger Markt, weniger Staat und mehr selbstorganisierte Gesell-
schaftlichkeit kämpfen. Die Bedeutung dieser Bewegung liegt in
ihrer Art, Rationalisierung und Subjektivierung miteinander zu kom-
binieren.
Im Namen des Subjekts als Vernunft verwirft diese Bewegung eine
kapitalistische Wirtschaft, die die Produktivitätssteigerung in
einer Weise nutzt, die einerseits zur Absenkung der Löhne, zur Ver-
schlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen und zur Herausbildung
eines Lumpenproletariats aus Arbeitslosen und Obdachlosen führt und
andererseits zum explosionsartigen Anstieg der Profite, zur Bereicherung
der Reichsten und zu kostspieligstem Luxus. Anstatt das Verschwinden
von Armut, Streß und erschöpfender Arbeit zu befördern, dient nämlich
die Einsparung von Arbeitszeit der Verschärfung der Herrschaft, die
das Kapital im Namen der Marktgesetze auf alle Lebensbereiche ausübt.
Die Bewegung weist jene antimodernen Konzepte der Rechten zurück, die
Lohnsenkungen in der Form vorsehen, daß sich eine größere Zahl von
Arbeitskräften die von der Produktion ausgeschüttete abnehmende Lohn-
masse teilt.
Sie fordert statt dessen die Umverteilung des gesellschaftlich produ-
zierten Reichtums wie der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, damit
alle immer weniger arbeiten können und ihnen dennoch ein ausreichendes
Einkommen gesichert ist.
Eine solche Rationalisierung wird im Namen des Subjekts als Freiheit
gefordert. Ihr Ziel besteht in der "Zurückdrängung der Macht der Apparate".
Die Bewegung leitet Praktiken, Vorstellungen und Werte ein, die eine
Alternative zur Lohngesellschaft entwerfen, nämlich die "Multiaktivitäts-
gesellschaft", in der die freigesetzte Zeit die Entwicklung von selbst-
organisierten Netzwerken freiwilliger Kooperation und Selbstversorgung
ebenso ermöglicht wie Selbstbestimmung und Selbstbeschränkung der Konsum-
bedürfnisse.
Eine Gesellschaft, in der das Gleichgewicht zwischen Geben und Teilen
einerseits, Kaufen und Verkaufen andererseits, oder zwischen Selbsttätigkeit
einerseits und funktional spezialisierter Arbeit andererseits sich zugunsten
von Aktivitäten verschiebt, die sich der Logik des Marktes und des Systems
entziehen. Eine Gesellschaft also, in der die Einzelnen gleichzeitig
mehrere gleichwertige Leben führen könnten - etwa als Staatsbürger, Erzeuger,
Privatperson, Mitglieder einer Gemeinschaft, einer Vereinigung, einer
Kooperative - und diese durch die "endlose aber glückliche Arbeit an der
Konstruktion eines Lebens als ein aus unterschiedlichsten Materialien,
zusammengesetztes Kunstwerk kombiniert.
Die Gesellschaft, die Identitäten, Orte und Zugehörigkeiten verteilt,
gibt es nicht mehr.
wir müssen schreibt Jean-Marie Vincent, die Vorstellung von vollkommen
harmonischen Beziehungen zwischen Individuen, Gruppen und der Gesellschaft
aufgeben.(...)
Die Gesellschaft ist nichts anderes als eine Konstellation von Gruppen,
Interaktionsnetzen und sich wandelnden Normen. Sie verdankt ihre schein-
bare Einheit nur der Herrschaft praktisch-technischer Verwertungsapparate
oder staatlicher Macht.
Wir müssen eine variable und differenzierte Gesellschaftlichkeit suchen,
die einer sich ständig erneuernden Fülle von Kommunikationsweisen und
Tätigkeitssequenzen entspringt und den Individuen eine echte Erfahrungs-
häufung, Erweiterungen ihres Horizonts und ihre ständige Selbstverwandlung
ermöglicht.
Alain Touraine