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FAU-Fahne

Das Volk widerstrebt, versteht die neue Bürokratensprache nicht,
wird entmündigt, geknebelt und verelendet;
"(...) es hat immer genügt, dass ein Mensch seine Furcht über-
windet und revoltiert, damit die Maschinerie ins Knirschen gerät."
ALBERT CAMUS

Und außerdem:
Man kann nicht mit der Wahrheit leben - "wissend" - wer es tut,
sondert sich von den anderen Menschen ab, er kann in nichts mehr
an ihrer Illusion teilhaben. Er ist ein Monstrum - und eben das bin
ich.
Albert Camus

Mein Kommentar zu dem Zitat von Alber Camus:
Dem kann ich Zustimmen, erst kommt der Rückzug,
daß sich loslösen von dieser Gesellschaft.
Die klare Absage, an diese konforme, gleichge-
schaltete, kapitalistische-blöde Herde.
Nach einiger Zeit kommt dann aber doch der
Wunsch nach subversiver  Gemeinschaft.
Der Wunsch Gleichgesinnte subversive Freunde
und Freundinnen zu haben. Oft sogar der Wunsch
in einer subversiven Gemeinschaft, einer
autonomen Gruppe, oder in einer Öko-Commonie
zu Leben. G.F.

 

 Albert Camus‘ Kritik am Marxismus und an der historischen Revolte in ihrer politisch-geschichtlichen Realisierung im Kapitel „Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ seines Essais „L’Homme révolté“ :
Proseminar SS 1997 Literaturwissenschaft:
Albert Camus: Essais und Dramen     Dozent: Dr. J. R.     Vorgelegt von Y.S.1.0

Einleitung

Im Jahre 1951 erscheint Camus‘ Essai „ L’Homme révolté “, das als gedankliche Weiterführung zu dem die Absurdität behandelnden Essai „Le Mythe de Sisyphe“ gedacht war. Es ist ein Versuch , das damalige Zeitgeschehen zu verstehen, das geprägt ist vom Nachdenken über den deutschen und italienischen Faschismus, dem zweiten Weltkrieg, den Entartungen des Stalinismus , dem Kalten Krieg und der Angst vor dem drohenden Atomkrieg. Camus sucht nach den Ursprüngen von

Schreckensherrschaft und Unterdrückung. Dabei entwickelt er aus seinem

Absurditätsdenken die Unterscheidung von Revolte und Revolution, die sich durch den Individualismus und das Solidaritätsstreben des Ersten und den Totalität beanspruchenden, dadurch degenerierenden Charakter des Zweiten unterscheiden. Camus‘ Werk bildet sich aus den beiden großen Themenbereichen der metaphysischen und historischen Revolte. In dieser Hausarbeit steht die historische Revolte und insbesondere die Kritik am Marxismus im Mittelpunkt der Untersuchung, weil sie den Kernpunkt der Umkehrung von Gerechtigkeitsstreben in Unterdrückung am Beispiel des Marxismus/Stalinismus herausstellt. Der Abschnitt mit dieser Thematik ist „Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“ mit Schwerpunkt auf die zweite Hälfte. Die Kernfrage dieses Abschnitts ist die, aus welchen Gründen der Marxismus, der ja eigentlich eine Gesellschaft gleicher und freier Menschen anstrebte, scheitert bzw. sich in sein Gegenteil, die Unterdrückung im Stalinismus, umkehrt.

Was sind die Grundlagen der Theorie?

Wo liegen die Schwächen und Fehleinschätzungen der Theorie?

Wo ist der Wendepunkt , an dem der Marxismus totalitär und unterdrückerisch wird?

Welche Rolle spielt die Geschichtsauffassung?

Diese Fragen zu beantworten , ist hier die Aufgabe. Erweiternd wird noch ein Beispiel der Kritik aus dem Lager der autoritären Linken gegeben, das den Streit und Bruch Camus‘ mit den Kommunisten um Sartre begründete. Ein Versuch, den libertären Sozialismus und Anarchismus als Alternative und dem Revoltedenken verwandt zu zeigen, bildet den Abschluß dieser Arbeit. Mittels eingehender Betrachtung des Primärtextes, dem gesammelten Wissen aus der verfügbaren Sekundärliteratur und dem historischen Hintergrund sollen die Fragen beantwortet werden. Die Gründe für diese Themenwahl liegen im persönlichen Interesse an Sozialpolitik und Geschichte als auch an dem Umstand, daß Camus für seine politische Arbeit wenig bekannt ist.

2.0 Einführende Erklärungen zu

„Le Terrorisme d’état et la terreur rationnelle“

2.1 Revolte und Revolution:

Camus macht in seinem Werk eine essentielle Unterscheidung zwischen Revolte und Revolution. Er definiert zuerst die metaphysische Revolte. Ein Revoltierender sagt nein zu einem unerträglichen Zustand und setzt somit eine Grenze fest. Er fordert ein Recht ein, dessen Existenz in ihm bewußt ist. Doch verneint der Revoltierende nicht nur , er solidarisiert sich mit anderen Unterdrückten und bejaht die Gemeinschaft. Camus prägt diese Vorstellung mit der Aussage „Je me révolte, donc nous sommes. “ . Von ihrem Wesen her kann die Revolte also gar nicht egoistisch sein, da der Revoltierende auch für die anderen kämpft. Sie ist auch nicht imperialistisch , da man sich selbst verteidigt. Die Problematik besteht allerdings darin, fern der Religion Handlungsregeln zu finden. Das metaphysische an der Revolte erklärt folgendes Zitat: „La révolte métaphysique est le mouvement par lequel un homme se dresse contre sa condition et la création tout entière. Elle est

métaphysique parce qu’elle conteste les fins de l’homme et de la création.“

Der metaphysisch Revoltierende protestiert gegen die Lebensumstände, die er in seiner Rolle als Mensch ertragen muß. Es muß einen gemeinsamen Wert geben , den alle Menschen teilen. Wird ein Mensch unterdrückt, ist dies nicht mehr der Fall. Es gibt einen Menschen, der die Grundbedürfnisse nach Freiheit und Gerechtigkeit eines anderen leugnet . Der Revoltierende wehrt sich gegen die höhere Gewalt und zieht sie auf eine gleiche Stufe mit ihm. So lehnt sich er zuerst vor allem gegen Gott auf, der über ihn steht und sein Schicksal bestimmt. Die Revolte ist ihrem Wesen nach irrational, weil sie aus dem tiefsten Inneren des Menschen kommt. Sie endet mit dem Mord , der Maßlosigkeit, und ist dann Revolution. Die Revolution ist sehr vom Nihilismus geprägt, der keine Werte anerkennt. Der Nihilismus führt auch die Forderung des Absoluten in die Revolution ein. Entweder lehnt er das Bestehende, die Schöpfung total ab , weil er den Schöpfer haßt, oder er befürwortet nur das momentan Erreichte, weil es ihm lieber als eine beschnittene Freiheit ist. Zerstörung oder Totalität ist die Devise. Die Revolution will mit allen Mitteln die Revolte realisieren und vergißt dabei die Ursprünge beziehungsweise leugnet sie. Die absolute Freiheit fordert absolute Pflichten. Sie findet kein Maß mehr .

2.2 „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“:

In den beiden ersten Abschnitten „La Prophétie Bourgeoise“ und „La Prophétie Révolutionnaire“ des Kapitels „Le terrorisme d’état et la terreur rationelle“ seines Essais „L’Homme Révolté“ betrachtet Albert Camus den Marxismus unter dem Aspekt der Prophezeiung (la prophétie). Er stellt hier fest, daß Marx sowohl vom christlichen als auch vom bürgerlichen Messianismus beeinflußt wurde, als er seine Theorie vom Marxismus und somit den von Camus so benannten wissenschaftlichen Messianismus aufstellte. Er weist den Christen die Begründung der linearen Geschichtsauffassung zu. Dazu sagt Camus : „Les chrétiens ont, les premiers, considéré la vie humaine, et la suite des événements, comme une histoire qui se déroule à partir d’une origine vers une fin, au cours de laquelle l’homme gagne son salut ou mérite son châtiment. “ Das Leben des Christen richtet sich auf eine Belohnung oder Bestrafung nach dem Tode, also ein Ziel außerhalb des menschlichen Daseins in einem metaphysischen Bereich . Das bürgerliche Denken des 19. Jahrhunderts setzt dahingegen den Menschen an die Stelle Gottes und den technischen Fortschritt anstelle der christlichen Heilserwartung. Die Konsequenzen daraus veranschaulicht folgendes Zitat: „Lorsqu’on est assuré que demain, dans l’ordre même du monde, sera meilleur qu’aujourd’hui, on peut s’amuser en paix. Le progrès, paradoxalement, peut servir à justifier le conservatisme . [. . . ] À l’esclave, à ceux dont le présent est misérable et qui n’ont point de consolation dans le ciel, on assure que le futur, au moins, est à eux. L’avenir est la seule sorte de propriété que les maîtres concèdent de bon gré aux esclaves. “ Hiermit wird schon das grundlegende Problem deutlich, daß die Revolte zur Revolution degenerieren läßt. Die revolutionäre Prophezeiung ist deshalb revolutionär, weil die Volkswirtschaft nach Marx dem dialektischen System der Produktionsstufen folgt. Jede Produktionsstufe der Wirtschaft läßt Gegenkräfte entstehen, die die derzeitige Produktionsgesellschaft zerstören und eine höhere Produktionsstufe einleiten. Der Kapitalismus soll die letzte dieser Stufen darstellen, denn nach dessen Überwindung durch die Revolution tritt die klassenlose Gesellschaft ein, in der es keine Antagonismen mehr gibt und alle Menschen in Freiheit leben. Die Geschichte ist Wirtschaft und Dialektik zugleich. Mit Erreichen der klassenlosen Gesellschaft ist das Ende der Geschichte erreicht. Dieses Ende der Geschichte ist der Kern des

wissenschaftlichen Messianismus.

3.0 „L’Échec De La Prophétie“

In diesem Abschnitt erläutert Camus die Irrtümer und Fehleinschätzungen Marx‘ in dessen Doktrin und zeigt die Konsequenzen, die aus den dadurch entstehenden Problemen gezogen werden. Am Beispiel einiger Revolutionsbewegungen ab 1917 erörtert Camus , wie sich die Wiederkunft (la parousie ),das heißt das “Kommen“ des klassenlosen „Reiches“ ohne Ungerechtigkeit und Unterdrückung, entfernt. Die Oktoberrevolution in Rußland und die Novemberrevolution in Deutschland und Österreich 1917 wecken große Hoffnungen auf den baldigen Umsturz und die Einleitung des realisierten Sozialismus. Doch die Spartakusbewegung wird unterdrückt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Der französische Generalstreik als auch die italienische Revolutionsbewegung scheitern. Die Enttäuschung der Hoffnungen derer, die darauf warten, führt zur krampfhaften Suche nach anderen Mitteln zur Verwirklichung der Parusie. „La foi est intacte, mais elle plie sous un énorme masse de problèmes et de découvertes que le marxisme n’avait pas prévus. “ Die revolutionäre Prophezeiung scheitert an wirtschaftlichen und politischen Umständen. Im einzelnen führt Camus die folgenden Widersprüche zwischen Theorie und Realität an:

    Das Kapital wird weniger von Krisen geschüttelt als erwartet, es ballt sich nicht zusammen, sondern es entsteht eine Mittelschicht aus kleinen Besitzenden, die kein Interesse an Umstürzen oder Streiks hat. Das Gesetz der Zusammenballung trifft überhaupt nicht auf nicht auf die Landwirtschaft zu.

    Die nationalen Schranken fallen nicht durch den Kapitalismus, sondern es kommt im Gegenteil zum Kampf der Nationalitäten.

    Das Proletariat wächst nicht unbegrenzt, da der Reformismus und der Syndikalismus zu einer Verbesserung der Lebens-und Arbeitsumstände führen und das soziale Klima ein wenig entschärfen.

    Der wirtschaftliche Fortschritt läßt eine völlig neue soziale Schicht entstehen. Es sind die Techniker/Technokraten, die die Arbeitsteilung durch ihre Funktion unvermeidlich machen. Sie allein kennen den gesamten Plan eines Arbeitsprozesses und dirigieren die Proletarier.

Dazu Camus :

Marx „n‘a pas cru que cette concentration pourrait survivre à

l’abolition de la propriété privée. Division du travail et propriété

privée, disait-il, sont des expressions identiques. L’histoire a démontré

le contraire. “

3.1 Die Demontierung der Sendung und Selbstbestimmung des Proletariats

„L’oppression par la fonction“ nimmt dem Proletariat dadurch ein Stück

Selbstbestimmung. Die Sendung ( la mission ) des Proletariats wird von den

nationalen Barrieren untergraben , wie auch die Rationalisierung der Arbeit ,die die Arbeiter moralisch schwächte und verzweifeln ließ, nicht zur politischen Reife dieser führte. Camus wirft dem Marxismus vor, den Arbeitern nie die Freude der Schöpfung gegeben zu haben, sondern das Elend derer zur Verwirklichung der Revolution in Kauf zu nehmen: „Le socialisme industrielle n’a rien fait d’essentiel pour la condition ouvrière parce qu’il n’a pas touché au principe même de la production et de l’organisation du travail, qu’il a exalté au contraire. “ . Die sozialistischen Ideologen interessieren sich mehr für die Revolution als für die Menschen und leugnen so die Sendung des Proletariats: „Les socialistes autoritaires ont jugé que l’histoire allait trop lentement et qu’il fallait, pour la précipiter, remettre la mission du prolétariat à une poignée de doctrinaires. “ Hiermit ist der Wandel von Befreiung zu Unterdrückung, vom ethischen Streben zu reinem Machtstreben in vollem Gange. Alle anderen Erscheinungen sind nur noch Konsequenzen davon. Camus‘ Bild von der Sendung ist ein anderes. „Elle existe pourtant, non pas au sens exclusif que lui donnait Marx, mais comme existe la mission de tout groupe humain qui sait tirer fierté et fécondité de son labeur et de ses souffrances. Pour quelle se manifeste cependant, il fallait prendre un risque et faire confiance à la liberté et à la spontanéité ouvrière. “

3.2 Akkumulation und Hegemonialstreben

Der autoritäre Sozialismus wird schließlich selbst beherrscht von der sich ständig hochschraubenden Akkumulation. Da die kämpfenden sozialistischen Kollektive (collectivités) ihre Theorien durchsetzen wollen und dabei auf den Widerstand der bürgerlichen Gegner und anderer Feindmächte stoßen, müssen sie selber immer mehr anhäufen, das heißt vor allem aufrüsten, um sich durchsetzen zu können. Das führt letztendlich zum Krieg und damit zum Streben nach der alleinigen Vorherrschaft auf der Welt. „Elle s’équipe, elle s’arme, parce que les autres s’arment et s‘équipent. Elle ne cesse pas d’accumuler et ne cessera jamais qu’à partir du jour, peut-être, où elle régnera seule sur le monde. Pour cela, d’ailleurs,il lui faut passer par la guerre. Jusqu’à ce jour, le prolétaire ne reçoit qu’à peine ce qu’il lui faut pour sa subsistance. La révolution s’oblige à construire, à grands frais

d’hommes,l’intermédiaire industriel et capitaliste que son propre système

exigeait. “ Schuld an der Entwicklung von der Revolution zur Sklaverei sind nach Camus‘ Meinung die bürgerlichen Feinde, die von außen angreifen, und die nihilistischen Anhänger des autoritären Sozialismus, die die Menschlichkeit und das Maß zugunsten der Ideologie außer acht lassen .

3.3 Ist der Marxismus wissenschaftlich?

Wieso der wissenschaftliche Sozialismus der Realität so wenig gerecht wird,

beantwortet Camus: „La réponse est simple: il n’était pas scientifique. “ . Die

Problematik besteht in dem Anspruch, gleichzeitig deterministisch und

prophetisch, dialektisch und dogmatisch sein zu wollen. Der Geist als Spiegelbild der Dinge kann nicht den zukünftigen Lauf der Dinge vorhersehen. Die Ableitung der Theorie von der Wirtschaft kann nur die Vergangenheit beschreiben ,nicht die Zukunft. Der Marxismus ist nur wissenschaftsgläubig, denn er prophezeit im Absoluten , was er nicht beweisen kann. Die Prophezeiung kann nicht bewiesen werden. Um den Marxismus wissenschaftlich zu machen, muß man die gegen den Determinismus gerichtete, auf Wahrscheinlichkeit und Zufall basierenden Wissenschaften leugnen (Quantentheorie, sprunghafte Mutationen... ). Da Wirtschaft und Wissenschaft sich nicht mehr unbeschadet in den Marxismus einfügen lassen, bleibt nur die Prophezeiung. Damit das Warten und Kämpfen für diese nicht unerträglich und absurd erscheint, braucht man einen starken Glauben. Somit bekommt der sich als wissenschaftlich bezeichnende Marxismus eine

mystische und religiöse Dimension. Der Glaube an das Ende der Geschichte, die klassenlose Gesellschaft, sind die einzige Aufrechterhaltung der schon lange kämpfenden Proletarier. Das Ende der Geschichte ist ein statischer Endzustand, eine konsequent gedachte Dialektik läßt aber kein Ende zu. Es werden immer neue Antagonismen entstehen, auch nach der Stufe des Kapitalismus und Sozialismus. Ein Ende der Dialektik kann nur gewaltsam aufgesetzt sein, es ist also ein Dogma und das Dogma bleibt die einzige Grundlage des Marxismus, da Wissenschaftlichkeit und Determinismus widerlegt sind und sich die Prophezeiung/Parusie dadurch immer weiter entfernt. Je weiter sie sich entfernt, desto mehr wird sie Glaubensartikel. Es gibt keine göttliche Gnade und keine auf Vernunft basierende Gerechtigkeit mehr. „La volonté de puissance est venue relayer la volonté de justice, faisant mine d’abord de s’identifier avec elle, et puis la reléguant quelque part au bout de l’histoire, en attendant que rien sur la terre ne reste à dominer. “ Was bleibt sind Terror, Willkür und Macht. Dieses Zitat von David Spritzen erklärt die Verwandschaft des russischen Kommunismus mit der Religion und das Problem des Endes der Geschichte: „In the post-enlightenment Western world, people no longer believe in God. Having lost faith in the vertical transcendence of the divine, they have turned toward history for salvation. Since they seem unable to do without the absolute, horizontal transcendence emerges as compensation, holding out the promise of the „end of history“, by which the sufferings of this world will be overcome. From the

perspective of this historicized absolute, values become gauges of efficacy. The end justifies the means – any means:“

Zusammenfassend erklärt Walther Neuwöhner in seiner Monographie Ethik im Widerspruch: Nach Meinung des Autors wird die Geschichte damit unvermittelt zum Feld der Realisierung absoluter Zielsetzungen. Sie soll der vollkommene Ausdruck jener Prinzipien sein, die mit der Vernunft klar und deutlich erkannt werden können. Es ist offensichtlich, daß sie in solcher Direktheit der geschichtlichen Wirklichkeit nicht gerecht werden; doch wird von den Protagonisten daraus nicht der Schluß gezogen, der zu einer Moderierung der Prinzipien führen könnte. Vielmehr wird an den Prinzipien festgehalten, um die geschichtliche Wirklichkeit ihnen anzupassen. Wo dies nicht möglich ist, wird sie negiert bis zur physischen Vernichtung. “

4.0 „Le Royaume Des Fins“

In diesem Abschnitt wird Lenins Theorie und Politik als explizites Beispiel für die Einführung eines (militärischen ) Imperiums mit Führungseliten dargestellt. Das ist der Weg vom Staat für das Volk zum Staat der weltweiten Vorherrschaft.

4.1 Die Kraft der Wirksamkeit

Gleich zu Anfang stellt Camus die Hauptkomponente in Lenins Vorstellungen vom Weg zur/der Revolution heraus: Die Effizienz oder Kraft der Wirksamkeit. Dabei ist jedes Mittel recht, so wie ihn Camus zitiert: „Il faut être prêt à tous les sacrifices, user s’il faut de tous les stratagèmes, de ruse, de méthodes illégales, être décidé à celer la vérité, à seule fin de pénétrer dans les syndicats. . . et d’y accomplir malgré tout la tâche commmuniste. “

Moral und Ethik werden bei der Verwirklichung der Revolution zu störenden

Hindernissen in der politischen Strategie. Der Reformismus wird von ihm ebenfalls als hindernd empfunden und bekämpft, weil er den Lauf der Geschichte nach der Ideologie stört, obwohl die Lage der Arbeiterschaft durch Reformen verbessert wird. So behauptet Lenin, daß das Proletariat von sich aus keine unabhängige Ideologie erschaffen würde und verneint so die von Camus als Ideal vertretene „spontanité des masses“ als Antrieb der Sendung des Proletariats. „La théorie, dit-il, doit se soumettre la spontanéité*.“ Er verlangt „Berufsrevolutionäre“ und ideologische Führer. Diese müssen auch zuerst organisiert werden, dann das Volk. Damit steht ein kleine Gruppe von Kadern und Ideologen, denen das Volk zu gehorchen hat, an der Spitze der Revolution. Von der ursprünglichen Sendung des Proletariats, das die eigentliche revolutionäre Kraft darstellte bleibt nichts übrig. Es ist nur noch ein quantitatives Machtinstrument, das von „oben“ gesteuert wird. David Sprintzen erläutert: „Since for him questions of metaphysics and morals were essentially resolved in advance, being summed up in the doctrine of the revolution, the only important issues that remained were strategy and tactics. [. . . ]Before the task of organizing the revolution, all other matters were inconsequential. Moral scruples impede revolutionary action. Even more, the revolution is not a matter of personal expression or of collective self-determination. Spontanous protest on its own leads nowhere. The revolution must be organized, and it must have a theory that is strategically useful and believable to the followers.“

4.2 Der kommunistische Staat

Nach der Überlegung zum Wie der Revolution kommt die Frage nach dem

Aussehen und der Zukunft des Staates, der in seiner bürgerlichen Form auf

Autorität und Unterdrückung fußt. Camus schreibt, daß schon Friedrich Engels erkannte, daß der autoritäre Staat und die klassenlose, freie Gesellschaft nicht einher gehen können, und die Auslöschung des Staates nach dem Verschwinden der Klassengesellschaft zwingend ist. Daher verwirft Lenin die „konkrete Autorität“ Der proletarische Staat im Gegensatz zum bürgerlichen Staat ist nach der Umsetzung der klassenlosen Gesellschaft nicht mehr nötig und löst sich folglich auf. Voraussetzung für die klassenlose Gesellschaft ist jedoch die Diktatur des Proletariats. Sie zerstört die letzten Überbleibsel der bürgerlichen Machtstrukturen durch Enteignung und Sozialisierung der Produktionsmittel und der Bekämpfung bürgerlichen Widerstands. So sehr Lenin das Sterben des proletarischen Staates auch proklamiert, kommt er laut Camus trotzdem zu einer Legitimierung einer zeitlich nicht begrenzten Weiterführung des doch eigentlich provisorischen Staates. Um ein Scheitern wie bei der Pariser Kommune zu verhindern, die blutig niedergeschlagen wurde, hält Lenin auch die unbegrenzte Erweiterung der Befugnisse dieses Staates für rechtens. „[. ] Lenin affirme, en effet, que le pouvoir est nécessaire pour réprimer la résistance des éxploiteurs [. ]. “ Die Macht rückt also in den Mittelpunkt allen Handelns und Denkens. Damit nimmt der Staat eine völlig neue Mission an, die bei Marx und Engels nicht vorgesehen war. Findet man die entsprechenden Begründungen, dann kann man die Diktatur des Proletariats endlos ausdehnen. Es liegt auch nicht in der Hand des Volkes, darauf Einfluß zu nehmen. Den Widerspruch in der Ideologie und der sozialistischen Realität legt Camus folgends dar: „ Ou bien ce régime a réalisé la société socialiste sans classes et le maintient d’un formidable appareil de répression ne se justifie pas en termes marxiste. Ou il ne l’a pas réalisée, la preuve est faite alors que la doctrine marxiste est erroné et qu’en particulier la socialisation de moyens de production ne signifie pas la disparation des classes." Somit tritt der Staatssozialismus eines Ferdinand Lassalle bei Lenin zutage. Im Gegensatz zu Marx stellt für Lassalle der Staat eine „Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen“ dar, der dazu dient, die Menschen zu erziehen. Die Erziehung der Menschen wird später ein wichtiges Instrument der Machterhaltung. Das offizielle Hauptargument für die Aufrechterhaltung des Staates steht unter dem sozialen Vorzeichen des allgemeinen Wohlstandes. Erst wenn die Devise „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ erfüllt ist, also zum Beispiel alle Wohnungen mietfrei sind, das

Ziel erreicht ist, dann stirbt der Staat samt seiner Autorität ab. Schließlich leugnen die Machthaber sogar, jemals den tatsächlichen Eintritt , die Realisierung der klassenlosen Gesellschaft, das Paradies der Arbeiter und Sozialisten, versprochen zu haben. An diesem Punkt geht laut Camus das Prinzip der Freiheit endgültig zugrunde. Als historische Beweise dafür nennt er die Einschränkung der Autonomie der Sowjets, den Kampf gegen den Anarchisten Machno in der Ukraine und die blutige Niederschlagung des Matrosenaufstands 1921 durch die bolschewistischen Regierungskräfte.

4.3 Der Übergang zur Totalität

Doch die Machthaber gehen noch einen Schritt weiter: Sie stellen den Anspruch, die ganze Welt zu „bekehren“, in ihren Worten, jede Ungerechtigkeit , Ausbeutung und kapitalistische Struktur zu zerstören. Daraus folgt auch die stetige Vergrößerung des Machtapparats zur Bewältigung dieser Anforderung und die Vernachlässigung der

eigentlichen Probleme der Bevölkerung. Dieses Weltmachtstreben nennt Camus den „ Imperialismus der Gerechtigkeit“ und dieser verlangt entweder Sieg oder Niederlage. Die Doktrin wird eins mit der Prophezeiung. Die entfernte Gerechtigkeit rechtfertigt die Ungerechtigkeit zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit. Der totale Frieden, die totale Gleichheit und Gerechtigkeit sind mystische Ziele, die außerhalb des Jetzt stehen: „La mystification pseudo-révolutionnaire a maintenant sa formule: il faut tuer toute liberté pour conquérir l’Empire et l’Empire un jour sera la liberté. Le chemin de l’unité passe alors par la totalité. “

Zusammenfassend gesagt: Die Prophezeing ist nicht beweisbar und weist die

klassenlose Gesellschaft ans Ende der Geschichte. Da aber Probleme auftauchen, wird keine Aussage mehr über das Erreichen dieses Zustands gemacht, allerdings fordert man dann die Erfüllung des allgemeinen Wohlstands und die weltweite Einführung des Kommunismus, bevor man den sozialistischen Staat abschafft, der die Übergangsstufe darstellt. So konstruieren sich die Machthaber eine zeitlich nicht eingeschränkte Option auf die alleinige Macht

5.0 „La Totalité“

Auch hier vergleicht Camus wieder die Revolution und ihre Ausführungen mit der Religion. Diesmal zieht er den Vergleich in Bezug auf den Totalitätsgedanken. Die Totalität ist das Verlangen nach der vollkommenen Einheit aller Menschen in Form einer Heilserwartung, sei es das Ende der Geschichte oder das himmlische Gottesreich. Im real existierenden Marxismus-Leninismus in seiner Umwandlung zum Stalinismus in Rußland wird ähnlich dem Christentum die Gesamtheit der Menschen, die Kollektivität über das Individuum gestellt. Der einzelne Mensch muß das Leid ertragen, um eines Tages allen Menschen die totale Freiheit zu ermöglichen. Die langsame Verknechtung des Individuums erst zugunsten der Aufrechterhaltung der Theorie, dann zur Verwirklichung dieser in ihrer Pervertierung zum Machtstreben findet in dem Anspruch der Totalität ihre Vollendung. Camus nennt das, „[. . . ] appeler la liberté la servitude totale. “ .

5.1 Die Dimensionen der Totalität

Ist der Mensch zwar jetzt befreit vom Glauben an Gott und jeder anderen

Transzendenz, so muß er sich nun vor der Partei niederwerfen. Er ist gezwungen, sich dem Lauf der Geschichte zu unterwerfen: „La pensée historique devait délivrer l’homme de la sujétion divine; mais cette libération exige de lui la soumission la plus absolue au devenir. “ Die Totalität erstreckt sich auf Raum ,Zeit und Mensch . Der Raum wird durch Kriege erobert, die Zeitvorstellung wird absurd, weil kein Ende der Geschichte in Sicht ist , und der Mensch wird durch Kontrolle und Unterdrückung Werkzeug der Totalität. Die konkrete Form der Totalität ist der universale Staat. Er kann nur unter zwei Bedingungen existieren, anderenfalls wird er durch andere Nationen mit anderen Systemen bekämpft: Entweder es finden in allen größeren Ländern zu nahe beieinander liegenden Zeitpunkten Revolutionen statt, so daß überall gleiche Ziele gelten, oder die Revolutionäre müssen die bürgerlichen Nationen im Krieg besiegen. Die erste Bedingung ist an dem Eingreifen der kapitalistischen Bewegungen gescheitert, obwohl die revolutionären Kräfte in Rußland, Deutschland, Italien und Frankreich im Jahre 1917 sehr stark waren. So bleibt nur der Krieg als Weg zum Ziel. Der Kalte Krieg, die ständige Verteidigung gegen die Feinde lassen die Revolution stocken und kehren sie in einen Apparat von Kontrolle, Strategie und Wirklichkeitsverleugnung um. Dies sind falsche Prinzipien. Hier mahnt Camus zur Umkehr: „Si elle ne renonce pas à ses principes faux pour retourner aux sources de la révolte, elle signifie seulement le maintien pour plusieurs générations, et jusqu’à la décomposition spontanée du capitalisme, d’une dictature totale sur des centaines de millions d’hommes; ou si elle veut précipiter l’avènement de la cité humaine, la guerre atomique dont elle ne veut pas et après laquelle toute cité, au demeurant, ne

rayonnerait que sur des ruines définitives. “

5.2 Die Auswirkungen des Totalitätsstreben auf die Individuen oder die Kennzeichen des rationalen Terrors

Die „nature humaine“, das Irrationale, lebt nicht allein von der Geschichte,

deshalb ist sie der „ cité universelle“ feindlich. Kultur, Kunst und Traditionen

passen nicht in die Doktrin, solange sie sich ihr nicht völlig unterordnen. So wird die menschliche Natur geleugnet. Der Mensch muß geformt werden, das Mittel dazu ist die Propaganda. Je weniger ein Mensch von seiner Natur behält, desto formbarer ist er. Somit wäre er der Idealbürger, da er ganz auf der Linie der Partei ist. Nach dem freudschen Schema bedeutete dies, daß der Mensch lediglich aus sozialem und rationalem Ich bestehen sollte, und daß das unberechenbare Unbewußte getilgt wird. Der Tod als stärkstes irrationales Erlebnis im Leben eines Menschen muß daher auch einbezogen werden. Ein zum Tode Verurteilter wird nur der Öffentlichkeit vorgeführt, wenn er seine Strafe als gerecht erklärt. Die Freundschaft, ein elementarer Teil des menschlichen Lebens, fällt auch der Verformung durch das Regime zum Opfer. Es zählt nur die „politische Freundschaft“ für die Sache der Partei. Persönliche Bindungen dürfen nicht stärker sein als die Bindung an die Lehre des Regimes. Die Solidarität mit anderen Menschen erstreckt sich lediglich auf den Kampf gegen die Feinde außerhalb des Reiches. Die Liebe wird zu einem Abstraktum, konkrete Liebe zu einem Menschen widerspricht dem Bild des zukünftigen, perfekten, befreiten Menschen. Es gibt nur noch das Reich der Sachen, denn das Reich der Menschen ist untergegangen. Das Denunziantentum ist die Konsequenz aus diesen Umständen. Die Beziehung zwischen den Menschen weicht dem Monolog der Propaganda und der Polemik. So wird auch das reale Leben abstrakt wie das Ende der Geschichte. Die Beschäftigung mit der Psyche des Menschen dient allein der Verbesserung der Methoden , die diesen umformen sollen, das heißt den Foltermethoden. Die oben angeführten Umwandlungen im menschlichen Dasein nennt Camus die Kennzeichen des rationalen Terrors.

6.0 „Le Procès“ oder die potentielle Schuld

Als man schließlich feststellt, daß Totalität nicht gleich Einheit ist, rückt der

Mensch immer mehr ins Zentrum der Schuldzuweisung durch die Partei. Stalin räumt während der großen Säuberung 1936-1938 zum Zwecke der alleinigen Machterlangung seine Gegner, vor allem die Revolutionäre aus den ersten Jahren unter Lenin, in Schauprozessen aus dem Weg . Die Religion der Geschichte lebt am Ende von Schuld und Unschuld, die von willkürlichem Ermessen abhängig sind. Die Revolte hat dieses Recht zu strafen nicht. Marx glaubte an den guten Willen der Geschichte, „la bonne volonté“, der unausweichlich zur klassenlosen Gesellschaft führt. Wenn dies sich nicht erfüllt, muß die Schuld also beim Menschen liegen. Die Vertreter der Geschichtlichkeit strafen jeden Mißerfolg. Der Glaube an sie gekoppelt mit der Aufgabe eigener Interpretationen der Geschichte kann den Einzelnen vor dem Prozeß retten, tut dies jedoch nicht unbedingt. Selbst der absolute Glaube reicht nicht aus, „es richtig zu machen“. Jeder ist potentiell schuldig. "Nothing is more successful in stamping out revolt than a sense of guilt. Individuals must be made to realize that they are nothing by themselves. No wonder the importance of making pride a sin. The unquestioning dominization of a church requires the institution of such guilt, so that the citzenry will feel in advance that they deserve what they get. The church has long known that. And so does the party. “ Camus gibt eine philosophische Definition des Terrors: „[...] [L’objectivité de culpabilité] se résume dans une subjectivité interminable qui s’impose aux autres comme objectivité [...]. “ Das objektive, schuldzuweisende System duldet keine Gleichgültigkeit der Doktrin gegenüber. Neutralität ist gleichbedeutend mit Regimefeindlichkeit. An dieser Stelle ist die Revolution soweit, daß sie ihren Ursprung, die Revolte tötet, um sich selbst am Leben zu halten. Dadurch tötet sie jedoch sich selbst, ist sich dem aber nicht mehr bewußt oder will es sich nicht bewußt machen , weil

schon längst andere Ziele gelten als Freiheit: nämlich die Macht. „Ici s’achève l’itinéraire surprenant de Prométhée. Clamant sa haine des dieux et son amour de l’homme, il se détourne avec mépris de Zeus et vient vers les mortels pour les mener à l’assaut du ciel. Mais les hommes sont faibles, ou lâches; il faut les organiser. Ils aiment le plaisir et le bonheur immédiat; il faut leur apprendre à réfuser, pour se grandir, le miel des jours. Ainsi,Prométhée, à son tour, devient un maître qui enseigne d’abord, commande ensuite. La lutte se prolonge encore et devient épuisante. Les hommes doutent d’aborder à la cité du soleil et si cette cité existe. Il faut les sauver d’eux-mêmes. Le héros leur dit alors qu’il connaît la cité, et qu’il est seul à la connaître. Ceux qui en doutent seront jetés au désert, cloués à un rocher, offerts en pâture aux oiseaux cruels. Les autres marcheront désormais dans les ténèbres, derrière le maître pensif et solitaire. Prométhée, seul, est devenu dieu et règne sur la solitude des hommes. Mais, de Zeus, il n’a conquis que la solitude et la cruauté; il n’est plus Prométhée, il est César. Le vrai, l’eternel Prométhée a pris maintenant le visage d’une de ses victimes. Le même cri, venu du fond des âges, retenit toujours au fond du désert de Scythie. “

7.0 Die Kritik von Francis Jeanson an Camus‘ Werk

Camus‘ Essai „L’Homme Révolté“ stieß auf großen Widerspruch gerade innerhalb der kommunistischen Linken um Jean Paul Sartre. In seiner Zeitung „Les Temps Modernes“ wurde im Mai 1952 eine Kritik von Francis Jeanson abgedruckt, die Anlaß für einen heftigen Disput zwischen Camus und den autoritären Kommunisten gab. Diese Kritik ist nicht nur sachlich, sondern auch sehr sarkastisch und persönlich angelegt wie schon der Titel zeigt: „Albert Camus ou l’âme révolté“ . Jeanson beginnt seine Kritik mit Zitaten aus einigen Lobreden über das Essai. Er fragt nach dem Geheimnis von Camus‘ Erfolg und impliziert mittels einer Frage eine Schwammigkeit und Vagheit in dessen Werk, das so unterschiedlich denkende Menschen in ihrer Begeisterung vereint: „Ou bien cette satisfaction générale s’expliquerait-elle par une certaine inconsistance de sa pensée, qui la rendrait indéfiniment plastique et malléable, apte à recevoir maintes formes diverses ?“ Er wirft ihm einen vom Anarchismus belebten vagen Humanismus vor, begleitet von einem starken Hang zur Formalität und der schönen Worte: „Nous plaindrons-nous que sa protestation soit trop belle?Oui, trop belle, trop souveraine, trop sûre d‘elle même, trop accordé à soi. “ Bei der Analyse der metaphysischen Revolte konzentriere sich Camus lediglich auf das Metaphysische, kümmere sich aber nicht um die historischen und ökonomischen, also die materialistischen Hintergründe. Laut Jeanson spricht er der Geschichte jeglichen Einfluß auf das Entstehen einer Revolution ab und reduziert den Begriff Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen. Er findet Camus‘

Geschichtsauffassung merkwürdig („ étrange “), abgetrennt von jeglicher

konkreten Situation. Es sei ein reiner Dialog von Ideen. Auch sei Camus Marx gegenüber unbarmherzig und entschuldige ihn nur , um ihn erneut anzugreifen. Jeanson kritisiert, daß er sich nicht richtig mit Marx auseinandergesetzt habe. In seinem Abschnitt über den rationalen Terror greife Camus das revolutionäre Phänomen ungerechtfertigterweise an, ohne auf die Umstände seines Auftretens, seiner Begründer und seiner Veränderungen einzugehen.

Jeanson ist sich nicht klar über Camus‘ Ziel, dessen Revolutionsgeschichte sei falsch und seine Diskurse über die Ideologien abenteuerlich und schikanös („ les traitements les plus aventureux et les plus cruelles brimades“ ).

Ein anderer Vorwurf ist der, daß Camus die Wirksamkeit („efficacité“) verurteilt und sich so alle möglichen Aktionsformen versperrt. „[. . . ] il faut agir, bien sûr, mais simplement pour agir et sans en attendre aucun résultat, sans nourrir l’illusion de donner un sens à ce qui n’en saurait avoir. “ „La suggestion de Camus, finalement, est qu’il y a un mystère de l’inefficacité, et

qu’il suffit d’atteindre à l’extrème de celle-ci pour la voir miraculeusement

s’inverser et devenir la << veritable>> efficacité. “ Jeanson macht darauf aufmerksam, daß auch gerade die feindlichen Mächte, der Kapitalismus, für das Scheitern der Revolutionen verantwortlich sind und nicht das Kräftemessen von Revolte und Revolution. Die Revolte scheitere nur deshalb nicht, weil sie nichts Konkretes plane: „Ainsi le révolutionnaire est-il à la fois la victime et la dupe de Dieu, parce qu’il projette de l’égaler en puissance et qu’il n’y saurait évidemment parvenir. Le révolté, par contre, est la victime qui se dresse dans un permanent défi: celle qui ne donne pas à Dieu la satisfaction de contempler ses échecs, -- car elle ne projette rien, et ne saurait donc échouer. “ Camus nörgele insbesondere über das „historische Böse“ im Kapitel „La révolte historique“. Überhaupt stelle das Buch ein manichäistisches System dar, das allein auf der Dualität von Gut und Böse beruhe, wobei sich das Böse in der Geschichte manifestiere und das Gute irgendwo außerhalb davon. Man sei gezwungen, sich gegen die Geschichte zu entscheiden, obwohl sich ihr niemand entziehen kann: „L’espoir de Camus serait-il vraiment de supprimer <<le cours du monde>> par le refus de toute entreprise dans le monde? Il reproche aux staliniens ( mais aussi à l’existentialisme...) d’être totalement prisonniers de l’histoire: mais ils ne le sont pas plus que lui, ils le sont seulement d’une autre manière. “ Jeanson behauptet, daß die Geschichte nur durch den Menschen existiert ,und daß,

wenn man sich auf gewisse Weise außerhalb von ihr befindet, doch in ihr ist. “Le <<cours du monde>> est à la fois notre prison et notre œuvre [...] nous ne cessons de la [ l’histoire] faire, mais elle nous fait, aussi [...]. “ Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß es sich um eine „ pseudo-philosophie d’une pseudo-histoire des <<révolutions>>“ handele.

8.0 Anarchismus, libertärer Sozialismus und Syndikalismus als Alternativen zum autoritären Sozialismus

Camus hat sich zwar nie ausdrücklich zu anarchistischen Tendenzen bekannt, ist allerdings eindeutig von diesen Vorstellungen beeinflußt. In seiner politischen Arbeit unterstützte er vor allem Syndikalisten, da deren direkte Aktionen die Lage der Arbeiter sofort verändern und nicht ein in unbestimmter Zukunft liegendes befreites Reich über alles stellen. Horst Wernicke belegt diese Unterstützung :„Wie Herbert Lottmann in seiner Camus -Biographie berichtet, waren die „ libertaires“, die Syndikalisten von der revolutionären Linken, auch die exilierten spanischen Republikaner bis in seine letzten Tage

hinein immer seine treuen Freunde, die sich auf ihn verlassen konnten und denen gegenüber Camus voller Sympathie und Vertrauen war, die er unterstützte, wo er es nur konnte. Sein anarchistischer Individualismus war es auch, der ihn die Kriegsdienstverweigerer in den fünziger Jahren unterstützen und verteidigen ließ. “Definiert man Anarchismus, Syndikalismus und libertären Sozialismus, die einander sehr ähnlich sind, sieht man die Parallelen zu seinem Werk „L’Homme révolté“:

Der Anarchismus ist ein sozialphilosophisches und politisches Denkmodell, das jegliche Form von Herrschaft über Menschen durch andere Menschen , also zum Beispiel Staat und Kirche ablehnt. Uneingeschränkte Freiheit nach den Prinzipien Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität dienen als Grundlage des Lebens ohne Staat, das dezentral und selbstverwaltet sein soll.

Der Syndikalismus lehnt die Partei und den parlamentarischen Kampf als politische Grundlage der Arbeitervertretung ab. Vielmehr tritt er für Selbstverwaltung als ein Mittel der direkten Aktion in den Betrieben selbst ein und organisiert die Arbeiter in Syndikaten. Er lehnt ebenfalls jede Zentralgewalt ab.

Der libertäre Sozialismus glaubt gleichsam nicht an eine Schaffung einer

freiheitlichen , gerechten Lebensform allein durch die Vergesellschaftung der

Produktionsmittel. Die Freiheit des Individuums, die Grundrechte und eine aktive Mitwirkung aller Menschen in zum Beispiel Rätesystemen sind der Weg zu dieser Lebensform. Der Anarchismus und gerade sein Vertreter Pierre Joseph Proudhon erkannten schon früh die Gefahren des Marxismus. „Seine [Proudhons ] Revolte richtete sich auch gegen die revolutionären Parteien – vor allem die Marxisten, diese ,Zukunftsregierungscanaillen‘-, die in seinen Augen eines Tages die Freiheit des Menschen zugunsten einer fragwürdigen, blinden Gerechtigkeit verraten würden. “ Die Ähnlichkeit zwischen Camus‘ Idealbild vom Revoltierenden und dem des Anarchisten ist sehr groß. Horst Wernicke erläutert weiter dazu: „Ziel und Motivation des Anarchismus, so wie er sich bei Proudhon und seinem Schüler Bakunin vor allem darstellt, finden sich in Camus‘ „Revolte“-Denken wieder, das die Grundzüge dieses Menschen und dieses gemeinschaftlichen, solidarischen Lebens entwirft und auch den Einfluß Rousseaus noch einmal deutlich werden läßt. Der Anarchist und der „homme révolté“ protestieren gegen jede Art von Diktatur, sie sei „cäsarisch“ oder die des Proletariats, und wollen die Gewalt des „Staates“ ersetzen durch die nicht manipulierte Gemeinschaft der Einzelnen ; darin liegt ein radikaler Unterschied zum orthodoxen Kommunismus. Der „révolté“ im Sinne Camus‘ und sein Bruder, der Anarchist, stehen im gemeinsamen Kampf gegen den deformierenden Staatsapparat und die Gesellschaft einander entfremdeter Menschen und für die Übereinstimmung und das gute Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem „Nächsten“ und zur Natur, für eine Autonomie in allen Lebensbereichen gegen jede Kollektivität. “ Camus vertritt insbesondere auch den unblutig eingeführten Sozialismus in Skandinavien, wo die Gewerkschaften und Ombudsmänner großen Einfluß auf das politische Geschehen haben. “Camus praises the political systems of the Scandinavian countries , where socialism has been achieved without recourse to totalitarian means. Revolutionary syndicalism comes close to being an ideal manifestation of revolt, because it proceeds from the individual to the group, rather than being a mass organization that submerges the needs of the individual. “ So scheinen Anarchismus , Syndikalismus und libertärer Sozialismus die einzigen

Möglichkeiten zur Umsetzung der Revolte zu sein. Zwar sind gewisse

anarchistische Strömungen auch in Terror umgeschlagen, wobei sie sich allerdings gegen einzelne Personen mit hoher Machtposition (Zar, hochrangige Politiker, etc. ...) richteten, doch gab es schon zu Beginn der anarchistischen Strömungen eine Spaltung zwischen terroristischen und nicht-terroristischen Anarchisten. Es bleibt allerdings zu bezweifeln, ob sich Syndikalismus und Anarchismus in der heutigen immer noch sehr kapitalistisch geprägten Welt durchsetzen könnten, ausgenommen der gemäßigteren libertären sozialistischen Strömungen , ohne von außen gewaltsam zerstört zu werden ( siehe zum Beispiel Spanischer Bürgerkrieg, Ukraine ). Eine Umwandlung zum totalitären Streben wäre aber nicht möglich, denn einer der obersten Leitsätze ist: Der Weg ist das Ziel.

9.0 Zusammenfassung

Camus will also in seinem Essai die Degeneration der metaphysischen Revolte, in der sich der Mensch gegen den Tod und die absurden Lebensumstände auflehnt, zur unterdrückerischen Revolution aufweisen. Die Revolte sagt nein zur Unterdrückung und ja zu Solidarität und Freiheit. Er erklärt zuerst Marx Vorstellungen von der Revolution und den Marxismus. Dann veranschaulicht er Lenins Veränderungen der Doktrin und endet schließlich mit dem Stalinismus als letzte Konsequenz der Degeneration. Die Ursprünge des marxistischen Messianismus liegen in der linearen Geschichtsauffassung der Christen und dem bürgerlichen Fortschritts- und Wissenschaftsglauben, die Gott durch den Menschen ersetzen. Da der Marxismus allerdings einige politisch-wirtschaftliche Entwicklungen falsch einschätzt, muß das Aktionsprogramm geändert werden. Die Arbeitsteilung wird trotz allem durch die zunehmende Komplexität der Technik

unausweichlich, das Proletariat wächst nicht unbeschränkt, die nationalen

Schranken fallen nicht und das Kapital wird nicht so stark durch Krisen

geschwächt. Das führt zur Beschneidung der Sendung des Proletariats, der eine straffe Organisation durch Eliten vorgezogen wird. Durch die oben erwähnten Fehleinschätzungen verlagert sich die Widerkunft bzw. Prophezeiung der klassenlosen Gesellschaft in unbestimmte Zeit. Camus dementiert die Wissenschaftlichkeit des Marxismus, indem er den Widerspruch der Dialektik und dem Ende der Geschichte aufdeckt und die Prophezeiung als wissenschaftlich nicht beweisbar entlarvt. Es gibt keine Ansätze zur Vermeidung von Entfremdung und der direkten Änderung der Lebensumstände. Wo Wissenschaft und Wirtschaft durch nicht vorhersehbare Entwicklungen nicht mehr ins System passen , bleibt nur

noch der Glaube an die Prophezeiung. Die Nihilisten, die Werte wie Maß und

Menschlichkeit nicht anerkennen, übernehmen die Führung der Massen. Mit Lenin wird das militärische Imperium eingeführt, in dem das Dogma der Effizienz und der Glaube oberstes Gebot sind. Der weltumfassende Imperialismus der Gerechtigkeit heiligt alle (ungerechten ) Mittel. Der kommunistische Staat als Diktatur des Proletariats nur vorübergehend vorgesehen, wird von Lenin ohne zeitliche Einschränkung unter dem Vorwand des allgemeinen Wohlstands und der weltweiten Gerechtigkeit legitimiert. Diese Totalität des Staates stellt den Lauf der Geschichte, der als letztes Element des Marxismus übriggeblieben ist, über alle Menschlichkeit und ist Charakteristikum des Stalinismus. Da Totalität aber nicht gleich Einheit ist, beansprucht der Stalinismus die totale Kontrolle über die Menschen, indem er ihn als letzten Feind denunziert, der dem „guten Willen“ der Geschichte im Wege steht. Der rationale Terror wird gekennzeichnet durch die Zerstörung der irrationalen, das heißt unberechenbaren Elemente des Menschen in der Form von zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht im Dienste der

kommunistischen Politik stehen. Diese negative Bild des Kommunismus stößt natürlich auf harsche Kritik bei den autoritären Linken, wie zum Beispiel Francis Jeanson , der Camus teils berechtigt, wenn auch auf sarkastische Weise kritisiert. Zu metaphysisch, zu abgehoben von der Geschichte als Auslöser einer Revolution sei sein Revoltedenken. Die Reduktion der Revolution auf die Vergöttlichung des Menschen sei falsch. Camus versperre sich alle Möglichkeiten der Aktion, indem er die Effizienz ablehne. Die

Revolte im Gegensatz zur Revolution scheitere nicht, weil sie nicht konkret

handele. Weiter sei das Buch zu sehr auf die Dualität von Gut (Revolte/Geschichtsunabhängig) und Böse (Revolution/Geschichtsabhängig)

konzentriert. Abschließend kommt Jeanson zu dem Ergebnis, daß Geschichte und Mensch wechselseitig agieren, der Mensch macht die Geschichte und lebt in ihr. Vergleicht man nun die libertären, anarchistischen Ideen mit Camus‘ Idee vom Revoltierenden, so entdeckt man, daß beide für Solidarität, Gerechtigkeit und Individualismus stehen. Der Weg über deformierende Institutionen fällt weg. Das so wichtige Maß bei der realen Umsetzung findet sich beim Anarchismus in der Treue zu den Prinzipien. Mit Gewalt und Herrschaft kann kein gewaltloses und freies Zusammenleben entstehen; dem ist sich der Anarchismus von Anfang an bewußt. Beide erkennen niemals über sich stehende Autoritäten an. So ist der Kreis beginnend bei der Revolte , abschließend bei den Aktionsformen der libertären Bewegung , geschlossen.. Es bleibt weiterhin zu untersuchen, inwieweit eine Verquickung dieser beiden Ideen in der realpolitischen Form Erfolg haben würde.

 

9.0 Bibliographie der benutzten Literatur

CAMUS, Albert, Der Mensch in der Revolte,

BERÜHMTE ZITATE

Leben und Mensch

«Leben heisst handeln.»

«Wollen heisst Widersprüche wecken.»

«Das Leben ist naturgemäss niemals leicht.»

«Stets werde ich mir selbst ein Fremder sein.»

«Das Leben verlieren ist keine grosse Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.»

«Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.»

Freiheit, Liebe, Hoffnung und Phantasie

«Man ist immer auf Kosten eines anderen frei.»

«Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.»

«Die Liebe ist Ungerechtigkeit, aber die Gerechtigkeit genügt nicht.»

«Einen Menschen lieben heisst einzuwilligen, mit ihm alt zu werden.»

«Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.»

«Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können. Der Humor über das was sie sind.»

Politik, Gewalt und Strafen

«An Kaisern fehlt es uns nicht, nur an Persönlichkeiten.»

«Grausamkeit empört, Dummheit entmutigt.»

«Warte nicht auf das Jüngste Gericht. Du stehst jeden Tag vor deinem Richter.»

«Die Strafe, die züchtigt, ohne zu verhüten, heisst Rache.»

«Es ehrt unsere Zeit, dass sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.»

«Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung, geleichgültig, welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.»

Christentum

«Ich werfe dem Christentum vor, dass es eine Lehre der Ungerechtigkeit ist.»

«Christus mag für jemanden gestorben sein, aber jedenfalls nicht für mich.»

«Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.»

«Wenn ein spanischer Bischof politische Hinrichtungen segnet, ist er kein Bischof mehr und kein Christ, ja nicht einmal ein Mensch; dann ist er ein Hund, genau so gut wie jeder, der von der hohen Warte einer Ideologie aus die Hinrichtung befiehlt, ohne die Arbeit selbst zu verrichten.»

Wissenschaften

«Ein Intellektueller ist ein Mensch, dessen Geist sich selbst beobachtet.»

«Übersetzer sind verwegene Kämpfer, die den Turm von Babel angreifen.»

«Man sollte auch gute, ja, ausgezeichnete Bücher verbieten, bloss damit sie mehr gelesen und beachtet werden.»

«Die Werke von Kopernikus und Galilei standen bis 1822 auf dem Index. Drei Jahrhunderte Starrsinn, das ist hübsch.»

«Die grösste Ersparnis, die sich im Bereich des Denkens erzielen lässt, besteht darin, die Nicht-Verstehbarkeit der Welt hinzunehmen - und sich um den Menschen zu kümmern.»

Andere Aussprüche

«Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.»

«Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.»

«Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.»

«Die meisten grossen Taten, die meisten grossen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.»

«Äussere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer grossen inneren Unordnung fertig zu werden.»

 

"Der Mensch in der Revolte"

Die vollständige Gewaltlosigkeit begründet auf negative Weise die Knechtschaft

und ihre Gewalttätigkeit; die systematische Gewalt zerstört positiv die lebendige

Gemeinschaft und das Sein, das wir von ihr empfangen.

Um fruchtbar zu sein, müssen die beiden Begriffe eine Grenze finden. Absolut gesetzt,

legitimiert die Geschichte die Gewalt, als ein relatives Wagnis ist sie ein Bruch der

gemeinsamen Verbindung.

Sie muss somit für den Rebellen den vorläufigen Charakter eines Einbruchs behalten

und, wenn sie sich nicht vermeiden lässt, immer verbunden  sein mit einer persönlichen

Verantwortung, mit einem unmittelbaren Wagnis.

Die Gewalt als System reiht sich in die Ordnung ein; in gewissen Sinn ist sie Ausdruck 

eines geistigen Komforts. Als Führerprinzip oder Vernunft der Geschichte, durch  welches 

Gesetz auch immer begründet, herrscht sie über eine Welt der Sachen, nicht der Menschen.

Wie der Rebell den Mord als die Grenze betrachtet, die er, wenn er danach die Hand aus-

streckt, durch seinen Tod bestätigen muss, kann die Gewalt nur eine äußerste Grenze sein,

die sich einer anderen Gewalt entgegenstellt, im Fall des Aufstands zum Beispiel.

Wenn das Übermaß der Ungerechtigkeit diesen nicht mehr vermeiden lässt, verweigert 

der Rebell im Voraus die Gewalt im Dienst einer Doktrin oder einer Staatsräson.

Jede geschichtliche Krise z.B. endet mit öffentlichen Einrichtungen.

Wenn wir auch keinen Einfluss auf die Krise  selbst haben, die reines Wagnis ist, haben

wir einen solchen auf die Einrichtungen, denn wir können sie ja bestimmen, diejenigen

aussuchen, für die wir Kämpfen und mithin unsern Kampf in ihre Richtung lenken.

Die echte Tat der Revolte wird nur für Einrichtungen zu den Waffen greifen, die die Gewalt

einschränken, und nicht für die, welche sie gesetzlich verankern.

Nur dann lohnt eine Revolution den Tod, wenn sie unverzüglich die Abschaffung der Todes-

strafe versichert, und die Leiden des Gefängnisses, wenn sie im Voraus die Anwendung

von Strafen ohne voraussehbares Ende verweigert. Wenn die Gewalt des Aufstand sich

auf dem Weg zu diesen Einrichtungen entfaltet, indem sie sie so häufig wie möglich

ankündigt, ist das für sie die einzige Art und Weise, wirklich nur vorübergehend zu sein.

Ist das Ziel absolut, d.h. geschichtlich gesprochen:

Glaubt man es gewiss, so kann man so weit gehen, alle anderen zu opfern.

Wenn es das nicht ist, kann man nur sich selbst opfern im Einsatz eines Kampfes für die

gemeinsame Würde.

Rechtfertigt das Ziel die Mittel? Das ist möglich. Doch wer wird das Ziel rechtfertigen?

Auf diese Frage, die das geschichtliche Denken offenlässt, antwortet die Revolte:

die Mittel.

Was bedeutet eine solche Haltung in der Politik?

In erster Linie: Ist sie wirksam? Ohne Zögern muss man antworten, dass sie es heute allein

ist. Es gibt zwei Arten von Wirksamkeit, die des Taifuns und die des Lebenssaftes.

Der geschichtliche Absolutismus ist nicht wirksam, sondern Wirkung auslösend; er hat die 

Macht ergriffen und behalten.

Einmal im Besitz der Macht zerstört er die einzige schöpferische Wirklichkeit.

Die unnachgiebige und begrenzte Tat, die aus der Revolte hervorgeht, hält diese Wirklichkeit

aufrecht und versucht lediglich, sie mehr und mehr auszudehnen. Es ist nicht gesagt, dass

die Tat nicht siegen kann. Es steht fest, dass sie Gefahr läuft, nicht zu siegen und zu sterben.

Aber entweder nimmt die Revolution dieses Wagnis auf sich, oder sie kennt, nur das Unter-

nehmen neuer Herren zu sein, der gleichen Verachtung unterworfen.

Eine Revolution, die man von von der Ehre lostrennt, verrät ihren Ursprung, der aus dem Reich

der Ehre stammt. Ihre Entscheidung beschränkt sich auf jeden Fall auf die materielle Wirk-

samkeit und das Nichts oder das Wagnis und die Schöpfung.

Die alten Revolutionäre gingen auf das Dringendste aus, und ihr Optimismus war vollkommen.

Heute jedoch hat der revolutionäre Geist an Bewusstsein und Scharfblick zugenommen; 

er hat hundertfünfzig Jahre Erfahrung hinter sich, über die er nachdenken kann.

Die Revolution hat ferner das Ansehen eines Festes eingebüßt. Sie ist für sich allein eine

ungeheure  Berechnung, die sich auf die Welt erstreckt. Selbst wenn  sie es nicht eingesteht,

weiß sie, dass sie weltumfassend oder gar nicht sein wird.

Ihre Chancen sind im Gleichgewicht mit den Risiken eines Weltkrieges, der ihr, selbst im Falle

eines Siegs, die Herrschaft nur über Ruinen einbringen wird. 

Sie kann also ihrem Nihilismus treu bleiben und in den Leichenkammern die Ultima Ratio

der Geschichte verkörpern. Man müsste dann auf alles verzichten, außer auf die schweigende

Musik, die die irdische Hölle verkären wird. Aber der revolutionäre  Geist kann in Europa

auch zum ersten und letzten Mal über seine Prinzipien nachdenken, sich fragen, welches

die Abweichung ist, die ihn in die Irre leitet zu Terror und Krieg, und zusammen mit den Gründen

seiner Revolte seine Treue wiederfinden.

ALBERT CAMUS . DER MENSCH IN DER REVOLTE - Seite 381-383.

 

 

„Erbin einer verdorbenen Geschichte in welcher sich gescheiterte Revolutionen,

 verrückt machende Techniken, die toten Götter und müde gewordene Ideologien 

vermischen; wenn mittelmäßige Mächtige das alles zerstören können, 

aber noch nicht wissen wie man überzeugt; als die Intelligenz sich herabgewürdigte

 bis sie sich in die Dienerin des Hasses und der Unterdrückung verwandelt hat, 

musste sich diese Generation, in sich selbst und um sich selbst herum, 

wiederherstellen, von ihren Leugnungen an, ein bisschen von dem was es wert macht 

zu leben und zu sterben.“ A. Camus