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Ret Marut/B. Traven – Im freiesten Staate der Welt (1919)

Wu­che­rer und Schie­ber, Raub­mör­der und Mör­der von Re­vo­lu­tio­nä­ren leben in Wonne und Wol­lust, Ar­bei­ter und Re­vo­lu­tio­nä­re da­ge­gen wer­den hin­ge­schlach­tet, in Ge­fäng­nis­sen und Zucht­häu­sern ge­mar­tert. Daß es ein­mal so kom­men würde, wenn die So­zi­al­de­mo­kra­ten die Macht hät­ten, habe ich so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­tern be­reits im Jahre 1905 ge­sagt. Daß die So­zi­al­de­mo­kra­ten, ein­mal zur Macht ge­langt, hun­dert­fach bru­ta­ler sein wür­den als die Väter des So­zia­lis­ten­ge­set­zes habe ich im Jahre 1907 so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Wäh­lern ge­sagt. Ich habe es ihnen ge­sagt nicht aus po­li­ti­scher Er­kennt­nis her­aus, (die hatte ich da­mals nicht und die habe ich heute nicht, wes­halb ich mir mein Ge­fühl für den Men­schen be­wah­ren konn­te), son­dern ich habe es ihnen ge­sagt aus dem Ge­fühl her­aus, daß die So­zi­al­de­mo­kra­tie ein Papst­tum züch­te­te schlim­mer als das der ka­tho­li­schen Kir­che.

Und so ist es denn heute auch ge­kom­men: Die So­zi­al­de­mo­kra­tie, die von sich be­haup­tet, daß sie auf dem Boden der ma­te­ria­lis­ti­schen Ge­schichts­auf­fas­sung stün­de, ist völ­lig er­blin­det ge­gen­über dem ge­setz­mä­ßi­gen und fol­ge­rich­ti­gen Gang der Ent­wick­lungs-Ge­schich­te. Die So­zi­al­de­mo­kra­tie glaub­te, sie al­lein sei Die re­vo­lu­tio­nä­re Par­tei: sie glaub­te, nur sie ver­tre­te die In­ter­es­sen der Ar­bei­ter; sie glaub­te, sie sei das Höchs­te und das Ende aller po­li­ti­schen Ent­wick­lung. Und doch er­stand für Jeden, der sehen woll­te, schon viele Jahre vor dem Krie­ge die Nach­fol­ge­rin der So­zi­al­de­mo­kra­tie;

Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei. Heute schon ist darum auch die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei die Kon­ser­va­ti­ve Par­tei des Lan­des ge­wor­den, weil sie mit Stau­nen und Schre­cken er­kennt, daß sie von den Plä­nen links immer wei­ter auf die Plät­ze nach rechts ge­drängt wird. Und wir müs­sen die Augen wohl auf hal­ten, denn auch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei hat zur lin­ken Seite schon ihre äu­ßerst kräf­ti­ge Nach­fol­ge­rin und es kann ge­sche­hen, daß die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, ein­mal zur Macht ge­langt, die An­hän­ger ihrer nach­fol­gen­den Par­tei viel­leicht eben­so ver­folgt, wie die Kom­mu­nis­ten heute von den So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­folgt wer­den. Ich stehe — um einen po­li­ti­schen Be­griff bei­zu­be­hal­ten — so­weit links, daß mein Atem selbst jene Nach­fol­ge­rin noch nicht ein­mal be­rührt.

Nur Je­mand, der ver­gißt, daß die Mensch­heit sich un­aus­ge­setzt wei­ter ent­wi­ckelt und es in der Ge­schich­te der Mensch­heit eben­so wenig einen Au­gen­blick des Still­stan­des gibt wie in der Natur, könn­te dar­über lä­cheln.

Das deut­sche Bür­ger­tum hat jedes mo­ra­li­sche Recht dar­auf ver­scherzt, ohne Ge­walt und ohne Mord be­sei­tigt zu wer­den. Wenn das Pro­le­ta­ri­at es trotz­dem voll­bringt, dem ver­lot­ter­ten Bür­ger­tum den Gna­den­stoß ohne Blut zu geben — und das Pro­le­ta­ri­at hat die Kraft hier­zu, weil es mehr Sitt­lich­keit und mehr Mensch­lich­keit in sei­ner Seele trägt, — dann wird der Sieg der kom­men­den Re­vo­lu­ti­on umso si­che­rer und un­ver­gäng­li­cher sein. Was nach die­sen Er­eig­nis­sen im Namen des frei­es­ten Staa­tes der Welt und im Namen sei­ner De­mo­kra­tie-Dik­ta­to­ren mit dem Ver­lag und mit Freun­den des Zie­gel­bren­ner ge­schah, das soll dem­nächst be­rich­tet wer­den, weil bis heute die Akten noch nicht voll­stän­dig sind und jeder Tag neue Frei­heit und neue Ord­nung bringt. Die Rä­te-Re­pu­blik ist nicht das Ende aller Dinge, noch we­ni­ger be­deu­tet sie die voll­kom­mens­te Form mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Für die Neu­ge­stal­tung der Kul­tur aber ist die Rä­te-Re­pu­blik eine Vor­be­din­gung; sie er­mög­licht die Li­qui­da­ti­on des Staa­tes. Für das Rä­te-Sys­tem und damit auch für die Rä­te-Re­pu­blik zu ar­bei­ten, muß die Auf­ga­be des Re­vo­lu­tio­närs von heute sein.

Le­dig­lich durch große Ver­samm­lun­gen ist wohl nie je­mand von einer so neu­ar­ti­gen Sache, wie sie das Rä­te-Sys­tem ist, in einer Weise über­zeugt wor­den, daß er sagen könn­te, er wüßte nun genau, was das Rä­te-Sys­tem sei, was es be­zwe­cke und wie es wirke. Darum herrscht eine so heil­lo­se Ver­wir­rung unter den Ar­bei­tern, weil sich in­fol­ge man­geln­der Kennt­nis jeder etwas an­de­res unter Rä­te-Sys­tem und Rä­te-Re­pu­blik und Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats vor­stellt. Es kommt nicht dar­auf an große Mas­sen zu über­zeu­gen, große Mas­sen zu lo­dern­der Be­geis­te­rung mit zu rei­ßen, große Mas­sen zur An­nah­me einer Re­so­lu­ti­on zu be­we­gen, son­dern es kommt dar­auf an, Men­schen zu über­zeu­gen. Die kom­men­den Men­schen und die Men­schen, die das Wer­den­de vor­be­rei­ten, sol­len nicht über­re­det wer­den, sie sol­len nicht be­din­gungs­los glau­ben, son­dern sie sol­len er­füllt wer­den mit dem Be­wußt­sein, daß die­ses recht und durch­führ­bar, jenes un­recht und un­durch­führ­bar ist. Die Men­schen, die heute das Wol­len zur Ent­wick­lung in sich tra­gen, sol­len nicht mit dem Hirn eines ge­schick­ten Füh­rers für das kom­men­de Ge­schlecht wir­ken, son­dern mit ihrem ei­ge­nen Hirn, mit ihrem ei­ge­nen Her­zen, mit ihrer ei­ge­nen Seele. Das kön­nen sie aber nur, wenn sie wis­sen, um was es sich han­delt und wenn sie das, was sie selbst wol­len, auch genau ken­nen und ver­ste­hen. Wenn Ar­bei­ter, Bau­ern und nicht hab­gie­ri­ge Bür­ger das Rä­te-Sys­tem und des­sen Wert und Wir­kung erst in Wahr­heit ken­nen, so wird ihnen jede an­de­re Form mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens und Zu­sam­men­wir­kens für die Zeit des Ue­ber­gan­ges zu einer hö­he­ren Form wi­der­sin­nig er­schei­nen.

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