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Über uns – HINTER DEN SCHLAGZEILEN

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„Die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!“,

Eduardo Galeano

Es ist ein System, daß die Menschen zur Einsamkeit, zur Angst, zur Hoffnungslosigkeit und zu Beklemmungen verurteilt. Es zerstört die solidarischen Beziehungen zwischen den Menschen. Es zwingt uns, die anderen als Feinde zu betrachten. Es überzeugt uns, daß das Leben eine Rennbahn ist, auf der es wenige Gewinner und viele Verlierer gibt. Es ist ein System, das die Seele vergiftet. Eduardo Galeano

 

 

 

 Arbeitsdisziplin?

In früheren Zeiten diente die Polizei einem Produktionssystem, das ausreichend willige Arbeitskräfte brauchte. Die Justiz strafte die Herumlungerer, und ihre Vertreter trieben sie mit dem Bajonett in die Fabriken. So proletarisierte die europäische Industriegesellschaft ihre Bauern und konnte in den Städten die Arbeitsdisziplin aufrecht erhalten.
Wie kann heutzutage die Disziplin der Arbeitslosigkeit aufrecht erhalten werden? Welche Gehorsamstechniken können gegen die wachsenden Massen wirken, die keine Arbeit haben, noch jemals eine haben werden? Was macht man mit den Ertrinkenden, wenn es so viele sind, damit ihr Um-Sich-Schlagen nicht das ganze Schiff untergehen läßt?
In der heutigen Zeit ist die "Staatsräson" die Räson der Finanzmärkte, die die Welt lenken und nichts weiter produzieren als Spekulation. Marcos der Sprecher der Indion von Chiapas, hat das Geschehen mit den passenden Worten beschrieben: Wir wohnen, so hat er gesagt, dem "Striptease" des Staates bei; der Staat legt alles ab, außer seiner unverzichtbaren Unterhose, der Repression. Die Stunde der Wahrheit: Schuster, bleib´bei deinen Leisten. Der Staat verdient die Existenz nur noch, um die Auslandsschuld zu zahlen und den sozialen Frieden zu garantieren.
EDUARDO GALEANO

 

 

 

 Eduardo Galeano (1940-)

DAS BEKENNTNIS DER BOMBEN - 1999

1. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der NATO entladen eine Sintflut von Raketen auf Jugoslawien bzw. das Wenige, das von Jugoslawien geblieben ist. Nach offizieller Lesart setzen sich die Angreifer für die Rechte des albanischen Volkes im Kosovo ein, das Opfer der "ethnischen Säuberung" durch die Regierung Milosevic ist. Nach Aussagen von Präsident Clinton, konnten die westlichen Demokratien angesichts dieser "unannehmbaren humanitären Katastrophe" nicht die Arme verschränken. Die fürchterlichste "ethnische Säuberung" und die aller "unannehmbarste humanitäre Katastrophe" der Geschichte der Amerikas im 20.Jahrhundert geschah in den letzten Jahrzehnten in Guatemala, vor allem in den 80er Jahren. Die guatemaltekischen Indigenas waren die Hauptopfer dieses Massakers: es gab hundertmal mehr Tote als in Kosovo und doppelt so viele Vertriebene. Während seiner letzten Reise nach Mittelamerika hat Präsident Clinton um Vergebung gebeten für die Unterstützung, die sein Land den Schlächtern der Indigenas gab, den Militärs, die von den Vereinigten Staaten ausgebildet, bewaffnet und beraten worden waren. Warum verlangt Clinton nicht von Milosevic, diese erfolgreiche Doktrin des Händewaschens ebenfalls anzuwenden? Die Bombardierungen könnten im Tausch für eine förmliche Verpflichtung eingestellt werden, sagen wir 2012 oder 2013 die Leichen im Kosovo um Vergebung zu bitten, womit alles gut wäre, die Angelegenheit erledigt, die Sünde gesühnt. Und weiter mit dem Morden.


2. Der US-Präsident war in einen Sex-Skandal verwickelt und Robert de Niro und Dustin Hoffman erfanden einen Krieg, um die Aufmerksamkeit des werten Publikums abzulenken. In dem Film "Wag the dog" wurde dieser fiktive Krieg im Namen der Rettung des albanischen Volkes geführt. Jetzt wird der Film mit anderen Mitteln fortgesetzt, wiederum im Namen der Rettung des albanischen Volkes. So ist das im Kino: die Flugzeuge, die aussehen, als ob sie aus Hollywood kämen, starten und Nacht für Nacht gehen Feuerwerke am Himmel über Jugoslawien hoch. Wie bei den Bombardierungen Iraks gehören Bilder von den toten Feinden nicht zu dem Spektakel; und eigene Tote gibt es keine. Solange die Angriffe aus der Luft stattfinden, wird dieser Krieg weiter vorgeben, ein virtueller zu sein. Würden die Truppen auf dem Boden einmarschieren und kämen die ersten Helden in Särgen in die angreifenden Länder zurück, wäre das eine ganz andere Geschichte.


3. Derweil feiert die NATO ganz gross ihren 50.Geburtstag. Die Tassen hoch! Das ist die teuerste Geburtstagsfeier der Geschichte: ohne den Wert der Leben und der Güter mit zu rechnen, die in Jugoslawien vernichtet werden, denn schliesslich gibt es keinen Feind, der sein Unglück nicht verdiente. Jede Bombennacht kostet 330 Millionen US-$. Nach einer Berechnung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.März haben die Vereinigten Staaten in der ersten Nacht dieses Krieges soviel Geld ausgegeben wie die gesamte Hilfe ausmacht, die Clinton den mittelamerikanischen Ländern versprochen hat, die vom Hurrikan Mitch zerstört worden sind. Nicht umsonst. Einige fragten schon, zu was die NATO zu gebrauchen sei, nachdem die kommunistische Bedrohung in Osteuropa verschwunden war. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Javier Solana, hat es übernommen, solche Zweifel zu zerstreuen. Vor zwanzig Jahren hat Solana "Nein zur NATO!" geschrieben, vor zehn Jahren sagte er, als der Krieg der USA gegen den Irak begann, namens der spanischen Regierung den historischen Satz: "Wir sind benachrichtigt worden, aber nachträglich." Und jetzt erklärt er uns, dass die NATO "den Frieden verteidigt" - für eine Million US-$ pro Rakete.


4. Die Grossmächte praktizieren das Verbrechen und empfehlen es. Niemand hat das Gesetz so häufig gebrochen. Bomber-Staaten lachen über das internationale Recht und über das eigene Gründungsdokument der NATO. Gegen einen blutigen Diktator wie Milosevic, sagen sie uns, ist alles erlaubt, auch das Verbotene. Gegen Milosevic? Im Fernsehen sieht man den sogenannten Hitler des Balkans jedenfalls gesund und munter. Wer leidet, das sind die Leute. Auch die Kriege gegen den Irak, die alle Gesetze, die es je gab und die es je geben wird, verletzt haben, sind mit der Notwendigkeit gerechtfertigt worden, Saddam Hussein zu stürzen. Die Jahre Vergehen, eine Bombardierung nach der anderen, und der sogenannte Hitler des Mittleren Ostens regiert weiter, als ob nichts geschehen wäre. Wie viele IrakerInnen sind dagegen gestorben? Nach offiziellen Angaben der Vereinigten Staaten (US Bureau of the Census, Januar 1992) sind 145.000 IrakerInnen und 124 US-AmerikanerInnen im Krieg von 1991 gefallen. Wie viele mehr leiden unter der Blockade, die theoretisch den Diktator zu Fall bringen soll? Wie viele werden vom Hunger bestraft, der von den internationalen Wirtschaftssanktionen erzwungen wird? Nach dem letzten Bericht des Roten Kreuzes hat sich in diesem Jahrzehnt die Anzahl der Kinder, die mit Untergewicht auf die Welt kommen, versechsfacht.


5. Und wenn es doch wahr wäre, dass die "ethnischen Säubrungen" der NATO das Herz zerreissen? Das jedes Mittel recht ist, um die bedrohten Minderheiten vor der Ausrottung zu schützen? Das wäre bewegend. Aber wenn dem so ist, weshalb bombardiert die NATO dann nicht die Türkei? Praktiziert die Türkei nicht die systematische Säuerung des kurdischen Volkes? Weshalb verdient Jugoslawien Bestrafung und die Türkei Beifall? Vielleicht weil die Türkei zur Familie gehört, ein Mitgliedsland der NATO ist; oder vielleicht mehr noch, weil die Türkei einer der wichtigsten Kunden der westlichen Rüstungsindustrie ist.


6. Dieser Krieg ist wie alle Kriege ein gigantisches Schaufenster für die Ausstellung und den Verkauf von Waffen. Die F-117 (Tarnkappenbomber), die ihre zerstörerische Karriere mit der Ermordung von PanameñerInnen Ende 1989 begonnen hat, ist nach wie vor der Star. Ein Stolpern gibt es in jeder Karriere, nicht alle Werbekampagnen sind erfolgreich: ausgerechnet ein Exemplar dieser angeblich unsichtbaren Wunderwaffe hat sich sehen lassen und ist abgeschossen worden. Das hat die US-amerikanischen SteuerzahlerInnen 45 Millionen US-$ gekostet, abgesehen vom Wert der Waffen, die der Vogel mit sich führte.


7. Dieser Krieg dient wie alle Kriege dazu, die Militärausgaben zu rechtfertigen. Die grossen Westmächte, die bis an die Zähne bewaffnet sind, brauchen Kunden und sie brauchen Feinde. Vor gar nicht langer Zeit, Anfang diesen Jahres, als der zweite Krieg gegen den Irak zu Ende ging, warnten die Generäle des Pentagon: Unser Vorrat an Raketen geht zu Ende. Sofort kündigte Präsident Clinton an, dass er den riesigen Kriegshaushalt, der 15% des gesamten US-Staatshaushaltes ausmacht und, niemand weiss weshalb, Verteidigungshaushalt genannt wird, um 12 Millionen US-$ aufstocken würde.


8. Die NATO entstand als bewaffneter Arm der Vereinigten Staaten in Europa. Obwohl Russland niemanden mehr bedroht, wächst die NATO weiter und mit ihr wachsen die Hegemonie Washingtons und der Markt für die US-amerikanische Rüstungsindustrie. Um gute Führungszeugnisse zu bekommen, sind Polen, Ungarn und die Tschechische Republik der NATO beigetreten und Käufer von neuen Waffen in den USA geworden. Die Bösen von gestern beweisen, dass sie die Guten von heute sind, indem sie ihre Kriegsarsenale erneuern, um das Operationsniveau zu erreichen, das die NATO fordert. Damit der US- Kongress zustimmt, schmieren die Lockheed Corporation und andere Industrien des Todes die Abgeordneten ganz legal.


9. Neulich hat es in Grossbritannien einen Skandal gegeben. Es wurde bekannt, dass die berühmtesten Universitäten, die frömmsten Wohltätigkeitsorganisationen und die wichtigsten Krankenhäuser die Pensionsfonds ihrer Angestellen in der Rüstungsindustrie investieren. Die Verantwortlichen für die Bildung, die Wohltätigkeit und die Gesundheit erklärten, dass sie ihr Geld in den Firmen investieren, die die höchsten Gewinne machen und dass dies eben genau die Unternehmen der Rüstungsindustrie sind. Ein Sprecher der Universität von Glasgow hat es ganz klar ausgedrückt: "Wir treffen keine moralischen Entscheidungen. Uns interessiert, ob die Investitionen rentabel sind, nicht ob sie ethisch sind. "Wenn die Bomben, die auf Jugoslawien fallen, nicht nur explodieren und töten, sondern auch sprechen könnten, würden sie dann die Wahrheit bekennen? "Ihr Herren Bomben, seid Ihr die tödlichen Instrumente des Guten?" - "Bitte ein wenig mehr Respekt, mein Herr, wir sind ein gutes Geschäft."

 

 Die weltweite Angst

Die, die arbeiten, haben Angst ihre Arbeit zu verlieren,

Die, die nicht arbeiten, haben Angst, niemals Arbeit zu finden.

Wer keine Angst vor dem Hunger hat, hat Angst vor dem Essen.

Die Autofahrer haben Angst vor dem Zufußgehen, und die

Fußgänger haben Angst davor, überfahren zu werden.

Die Demokratie hat Angst vor dem erinnern, und die Sprache

hat Angst davor zu sprechen.

Die Bürger haben Angst vor den Militärs, die Militärs haben

Angst davor nicht genügend Waffen zu bekommen, und die

Waffen haben Angst, dass es nicht genügend Kriege geben

könnte.

Dies sind Zeiten der Angst.

Angst der Frauen vor der Gewalt, der Männer und Angst der

Männer vor den Frauen ohne Angst.

Angst vor den Dieben, Angst vor der Polizei,

Angst vor der Tür ohne Schloss, vor der Zeit ohne Uhr, dem

Kind ohne Fernsehgerät, Angst vor der Nacht ohne Schlaftabl-

ten und vor dem Tag ohne Wachmacher.

Angst vor der Menge, Angst vor der Einsamkeit, Angst vor

dem, was war und dem, was werden mag, Angst vor dem Ster-

ben, Angst vor dem Leben.

Eduardo Galeano (Quelle: Das Buch - Die Füße nach oben - Zustand

und Zukunft einer verkehrten Welt.

 


La Jornada, 10. April 1999 Eduardo Galeano

 

 

 HILFE, HERR DOKTOR, ICH FINDE KEINEN SCHLAF! - 2000

Sechs Fliegen brummen in meinem Schädel und lassen mich nicht schlafen. Der Schwarm ist in Wahrheit viel grösser, aber ich sage sechs, um mich kurz zu fassen. Nun beschreibe ich einige der Ängste, die mich nachts plagen. Absolut kein Fliegendreck, wie man gleich sehen wird. Immerhin geht es um das Schicksal der ganzen Welt.

1. Wird die Welt ohne Lehrer auskommen müssen?

Nach einem Bericht der Zeitung The Times of India gibt es in der Stadt Muzaffarnagar, im Westen des Bundesstaates Uttar Pradesh, eine Schule des Verbrechens, die sich grosser Beliebtheit erfreut. Dort wird den Jugendlichen eine Ausbildung auf höchstem Niveau geboten, dank derer man leicht zu Geld kommen kann. Einer der drei Direktoren, der Pädagoge Susheel Mooch, leitet einen Speziallehrgang, in dem neben anderen Fächern die Gegenstände Menschenraub, Erpressung und Hinrichtung unterrichtet werden. Seine beiden Kollegen widmen sich eher herkömmlichen Lernstoffen. Für alle Klassen sind Praktika vorgeschrieben. Zum Beispiel wird das Fach Diebstahl auf Autobahnen und Landstrassen auch ausserhalb des Schulgebäudes gelehrt: Die Schüler müssen in geduckter Stellung vom Strassenrand aus einen Metallgegenstand auf das von ihnen gewählte Auto werfen. Sobald der Fahrer auf das Geräusch aufmerksam geworden ist und den Wagen anhält, fallen die Schüler unter Aufsicht der Lehrkraft über ihn her. Laut Auskunft der Direktoren erfüllt die Schule ein Bedürfnis des Marktes und eine soziale Funktion. Der Markt verlangt eine immer höhere Spezialisierung auf dem Gebiet des Verbrechens, und die Erziehung zum Kriminellen ist die einzige, die den Jugendlichen eine gutbezahlte und dauerhafte Arbeit garantiert. Ich fürchte sehr, sie haben Recht. Und mich schreckt die Vorstellung, dass das Beispiel in Indien und überall sonst auf Erden Nachahmer finden könnte. Was wird, frage ich mich, aus den armen Lehrern in den traditionellen Schulen, die schon jetzt mit Hungerlöhnen und dem geringen oder gänzlich fehlenden Interesse ihrer Schüler bestraft sind? Wie vielen Lehrern wird es gelingen, sich umschulen zu lassen und den Erfordernissen der modernen Gesellschaft gerecht zu werden? In meinem Bekanntenkreis ist keiner dazu imstande. Ich weiss mit Sicherheit, dass sie unfähig sind, auch nur einer Fliege etwas zu Leide zu tun, und ihr Talent reicht nicht einmal aus, um eine allein stehende lahme alte Frau zu überfallen. Was werden diese Nichtsnutze in der Welt von morgen unterrichten?

2. Wird die Welt ohne Präsidenten auskommen müssen?

Man sagt, sagt man, sagte jemand, dass der Präsident eines lateinamerikanischen Staates eines Tages nach Washington fuhr, um die Auslandsschulden neu zu verhandeln. Nach seiner Rückkehr gab er den Bürgern seines Landes eine gute und eine schlechte Nachricht bekannt: "Die gute Nachricht ist die, dass unsere Schulden bis auf den letzten Centavo getilgt sind. Die schlechte, dass alle Einwohner unser Land binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müssen." Die Länder gehören ihren Gläubigern. Die Schuldner schulden Gehorsam. Und gutes Benehmen zeigt man, indem man den Sozialismus praktiziert, aber den verkehrten Sozialismus, bei dem die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden. "Wir machen brav unsere Hausaufgaben." Diesen Satz habe ich, binnen weniger Monate, von Carlos Menem, damals noch Präsident Argentiniens, und von seinem mexikanischen Kollegen Ernesto Zedillo vernommen. Bei dem Tempo, das wir vorlegen, wird bald auch die Luft privatisiert sein, und dann werden die Experten eintreffen und erklären, dass diejenigen, die Luft gratis verbrauchen, ihren Wert nicht zu schätzen wissen und es deshalb nicht verdienen zu atmen. Alles oder fast alles ist privatisiert, beispielsweise in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko. In diesen Ländern hiess es, um die Auslandsverschuldung loszuwerden, müsse eben privatisiert werden - und heute sind ihre Schulden doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Und das ist ein weiterer Grund meiner Angstzustände: Ich ahne, dass die Gläubigerbanken eines Tages die Präsidenten rauswerfen und dass dann die Bankiers deren Platz einnehmen, mit der Losung: Schluss mit den Mittelsmännern! Und Nacht für Nacht wälze ich mich im Bett und frage mich, was aus all diesen Leuten werden soll. Wo wird eine so hoch qualifizierte Arbeitskraft wohl unterkommen? Werden die Präsidenten jeden Job annehmen? Vor McDonalds steht schon eine lange Schlange Arbeitssuchender.

3. Wird die Welt ohne Gesprächsstoff auskommen müssen?

Die spektakuläre Entwicklung der Technologie hat es ermöglicht, dass alle globalen Weltbürger mehr als 365 Tage lang, das ganze Jahr 1998 hindurch und sogar noch 1999, voller Spannung das grosse Ereignis des ausgehenden Jahrhunderts verfolgen durften: die sexuellen Heldentaten der Monica Lewinsky im ovalen Saal des Weissen Hauses. Die globalisierte Lewinskysierung hat es jedem von uns, noch im entlegensten Winkel der Welt, gestattet, noch am kleinsten Detail dieses wahren Menschheitsepos als Leser, Zuseher und -hörer teilzuhaben. Die grossen Kommunikationsmedien haben uns tausende Möglichkeiten geboten, zwischen ein und demselben Thema zu wählen. Aber das ist vergangen, so wie das Alte Griechenland und das Römische Reich vergangen sind, und seither wissen die grossen Zeitungen, die riesigen Fernsehkanäle und Rundfunkanstalten nicht mehr, worüber sie berichten sollen. Ich hatte die Hoffnung, dass ein weiteres Sexgate ausbrechen würde, als mir jemand erzählte, er habe aus gut informierten Kreisen erfahren, Aussenministerin Madeleine Albright werde den Präsidenten wegen sexueller Belästigung verklagen. Aber dann habe ich nie mehr was darüber gehört, und ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich um ein gemeines Gerücht gehandelt hat, unwürdig, im Mittelpunkt universeller Aufmerksamkeit zu stehen. Auch das raubt mir den Schlaf, jetzt, wo die Journalisten sich soziale Kommunikatoren nennen: Was werden sie der Gesellschaft kommunizieren? Wovon werden sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Noch eine Menge Arbeitsloser, die auf der Strasse landen?

4. Wird die Welt ohne Feinde auskommen müssen?

Die Vereinigten Staaten und ihre Bündnispartner in der Nato haben schon seit geraumer Zeit keinen Krieg mehr fabriziert. Die Todesindustrie wird langsam nervös. Die ungeheuren Militärausgaben bedürfen ihrer Rechtfertigung, und die Waffenproduzenten finden keine Gelegenheit, ihre neuen Modelle vorzustellen. Gegen wen wird sich der nächste humanitäre Einsatz richten? Wer wird der nächste Feind sein? Wer wird im nächsten Film den Bösewicht geben, wer den Satan in der kommenden Hölle? Das macht mir grosse Sorgen. Ich habe nachgelesen, welche Gründe angeführt wurden, um den Irak und Jugoslawien zu bombardieren, und bin zum alarmierenden Schluss gekommen, dass es ein Land gibt, ein einziges, das alle Voraussetzungen erfüllt, alle, wirklich alle, um in Schutt und Asche gelegt zu werden. Dieses Land ist der Hauptverursacher für die Instabilität der Demokratie auf dem ganzen Planeten, aufgrund seiner alten Gewohnheit, Staatsstreiche und Militärdiktaturen zu fabrizieren. Dieses Land stellt eine Gefahr für seine Nachbarn dar, die es seit jeher häufig überfällt. Dieses Land produziert, lagert und verkauft die grösste Menge an chemischen und bakteriologischen Waffen. In diesem Land gibt es den weltweit grössten Drogenmarkt, und in seinen Banken werden Milliarden Dollar aus dem Drogengeschäft weissgewaschen. Die nationale Geschichte dieses Landes ist ein langer Krieg ethnischer Säuberung, zuerst gegen die Ureinwohner, dann gegen die Schwarzen; und dieses Land ist, erst vor ein paar Jahren, hauptverantwortlich für einen ungehemmten Völkermord gewesen, bei dem 200 000 Guatemalteken ausgerottet worden sind, zum überwiegenden Teil Maya-Indianer. Werden sich die Vereinigten Staaten selbst bombardieren? Werden sie sich selbst überfallen? Werden sie so konsequent sein und gegen sich so vorgehen, wie sie gegen andere vorgehen? Tränen benetzen mein Kissen. Gott möge ein solches Unglück von dieser grossen Nation abwenden, die niemals bombardiert worden ist.

5. Wird die Welt ohne Banken auskommen müssen?

Am 14. Dezember 1998 veröffentlichte das Wochenmagazin Time den Bericht des US-Kongresses über das Verschwinden von 100 Millionen Dollar, die aus dem Rauschgifthandel in Mexiko stammten. Der Parlamentsausschuss, der die Angelegenheit untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass es die Citibank war, die jenen märchenhaften Drogenschatz durch fünf Länder gelotst sowie Phantomfirmen und Phantasienamen erfunden hatte, um jede Spur zu verwischen. Die nordamerikanischen Gefängnisse, die weltweit am meisten bevölkerten, sind voll mit jungen, armen, schwarzen Drogensüchtigen; aber die Citibank, leuchtender Stern am Firmament der Finanzwelt, wurde nicht eingesperrt. Ehrlich gesagt ist auch niemand auf die Idee gekommen. Trotzdem, die Lektüre des Untersuchungsberichts hat mich nachdenklich gemacht. Es stimmt zwar, dass diese grosse Bank weiterhin in Freiheit wachsen und gedeihen kann. Und dass die Seife Citibank, das Waschpulver Banque Suisse, der Fleckenlöser Bahamas und viele andere Marken, die in den besten Weisswaschsalons verwendet werden, nach wie vor Rekordverkäufe auf dem Weltmarkt für Reinigungsartikel erzielen, und zwar völlig unbehelligt. Aber ich kann nicht anders, ich muss an die Gefahr denken, die da lauert. Was würde geschehen, wenn man eines schönen Tages aufhörte, die Drogenindustrie mit einem Krieg gegen die Drogensüchtigen zu bekämpfen, der die Opfer bestraft? Wenn also die Waffen ihr Ziel änderten, weiter nach oben gerichtet würden? Was würde jetzt, wo die Wirtschaft verstorben ist und nur die Finanzen existieren, aus einer Welt ohne Banken? Und was aus dem armen Geld, wenn es dazu verurteilt ist, durch die Strassen zu streunen, wie die Obdachlosen? Beim blossen Gedanken daran krampft sich mein Herz zusammen.

6. Wird die Welt ohne Welt auskommen müssen?

Irgendwann im Oktober 1998, mitten im Zeitalter Lewinsky, stiess ich auf eine unbedeutende Notiz, die am unteren Rand auf irgendeiner Seite irgendeiner Zeitung versteckt war. Drei Umweltorganisationen - WWF International, New Economics Foundation und World Conservating Monitoring Centre - hatten herausgefunden, dass die Welt in den letzten dreissig Jahren fast ein Drittel ihrer natürlichen Reichtümer verloren hat. Das sei die grösste Umweltkatastrophe seit der Zeit der Dinosaurier, und die Wiederbeschaffung der ausgerotteten Pflanzen und Tierarten würde nicht weniger als fünf Millionen Jahre in Anspruch nehmen. Seit ich diese kleine Notiz gelesen habe, hat eine neue Unruhe von mir Besitz ergriffen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Pflanzen und Tiere einmal über uns das Jüngste Gericht halten werden. In meinen Wahnvorstellungen sehe ich uns alle vor Anklägern stehen, die mit Pfote oder Zweig auf uns deuten: "Was haben Sie aus diesem Planeten gemacht? In welchem Supermarkt haben Sie ihn gekauft? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, uns zu misshandeln und zu vernichten?" Und ich sehe ein Hohes Gericht aus Gewürm und Kraut, das die Spezies Mensch zu ewiger Verdammnis verurteilt. Werden wir zu Recht für unsere Sünden büssen? Werde ich meine Ewigkeit in der Hölle absitzen, in Gesellschaft erfolgreicher Unternehmer, die den Planeten ausgelöscht haben, und ihrer bestechlichen Politiker und Kriegsführer und Marketingexperten, die Gift in grünem Cellophan verkaufen? Mich plagen kalter Schweiss und Schüttelfrost. Früher war ich der Meinung, das Jüngste Gericht sei eine Sache Gottes. Schlimmstenfalls würde ich einst auf dem ewigen Grill zusammen mit Massenmördern, Talkshowtanten und Literaturpäpsten geröstet werden. Heute kommt mir so ein Schicksal vergleichsweise harmlos vor.


August 2000

 

 

 DAS THEATER VON GUT UND BÖSE - 2001
In dem Kampf zwischen Gut und Böse, sind es immer die Menschen die zu Opfer werden. Die Terroristen haben Arbeiter aus 50 Länder getötet, in New York und in Washington, im Namen des Guten gegen das Böse. Und, im Namen des Guten gegen das Böse, schwört Bush Rache: "Wir werden das Böse auf dieser Welt eliminieren," verkündet er. Das Böse eliminieren? Was würde aus dem Guten ohne das Böse werden? Es sind nicht nur religiöse Fanatiker die Feinde brauchen um ihren Irrsinn zu rechtfertigen. Die Waffenindustrie und das riesige Militärapparat der Vereinigten Staaten brauchen ebenfalls Feinde, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Gut und Böse, Böse und Gut, die Akteure wechseln Masken, Helden werden zu Monster, und die Monster werden zu Helden, je nachdem wie es jene verlangen, die das Drama schreiben.

Daran ist nichts Neues. Der deutsche Wissenschaftler Werner von Braun war böse als er die V-2 Raketen erfand, die Hitler auf London feuerte, aber er wurde an dem Tag gut als er seine Talente in die Dienste der Vereinigten Staaten stellte. Stalin war gut während des Zweiten Weltkrieges, und später böse, als er dazu überging, das Böse Imperium anzuführen. Während des Kalten Krieges schrieb John Steinbeck: "Vielleicht braucht die gesamte Welt Russen. Ich möchte wetten, dass sie auch in Russland Russen brauchen. Wahrscheinlich nennen sie sie dort Amerikaner." Später wurden die Russen gut. Jetzt sagt Putin auch: "Das Böse muss bestraft werden."

Saddam Hussein war gut, und die chemischen Waffen die er gegen die Iraner und Kurden einsetzte, waren gut. Später wurde er böse. Er wurde Satan Hussein genannt, als die Vereinigten Staaten - die Panama überfallen hatten - Irak überfielen, weil Irak Kuweit überfallen hatte. Bush der Vater führte jenen Krieg gegen das Böse an. Mit dem humanitären und mitfühlendem Geist den seine Familie charakterisiert, tötete er mehr als 100.000 Iraker, die meisten von ihnen Zivilisten. Satan Hussein ist immer noch das, was er war, aber dieser Menschheitsfeind Nr.1 ist auf die Kategorie Nr.2 abgesunken. Die Geissel der Welt heisst nun Osama bin Laden. Die Central Intelligence Agency (CIA) brachte ihm alles bei, was er über Terrorismus weiss: Bin Laden, von der US-Regierung geliebt und bewaffnet, war einer der grössten "Freiheitskämpfer" gegen den Kommunismus in Afghanistan. Bush der Vater war Vizepräsident, als Präsident Reagan sagte, dass diese Helden "das moralische Äquivalent zu den amerikanischen Gründerväter" seien. Hollywood stimmte dem Weissen Haus zu. Es war der Zeit, als Rambo 3 gedreht wurde: die afghanischen Muslims waren die guten Jungs. Jetzt sind sie die Bösesten der Bösen, in der Ära Bush' des Sohnes, 13 Jahre später.

Henry Kissinger war einer der ersten die auf die neue Tragödie reagierten. "Jene die ihnen Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung gestellt haben, sind genau so schuldig wie die Terroristen," urteilte er mit Worte, die Präsident Bush wenige Stunden später wiederholen sollte. Wenn das so ist, dann müsste man zuallererst Kissinger bombardieren. Er würde mehr Verbrechen für schuldig befunden werden als bin Laden und alle Terroristen auf der Welt verübt haben. Und in viel mehr Länder: im Dienste der verschiedenen U.S.-Regierungen, stellte er "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" für den Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh und in den südamerikanischen Länder, die unter dem Schmutzigen Krieg des Condor-Planes gelitten haben.

Am 11. September 1973, genau 28 Jahre vor den heutigen Flammen, brannte der Regierungspalast von Chile. Kissinger hatte Salvador Allendes Epitaph - und der chilenischen Demokratie - bestimmt, als er die Wahlergebnisse kommentierte: "Ich wüsste nicht, warum wir tatenlos zusehen sollten, wie ein Land marxistisch wird, bloss weil seine Bevölkerung unverantwortlich ist." Verachtung für den Willen des Volkes ist eins der vielen Aspekte, in denen Staatsterrorismus und privater Terrorismus miteinander konkurrieren. Nur um ein Beispiel zu liefern, die ETA, die im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes Menschen ermordet, verkündete durch einen ihrer Sprecher: "Rechte haben nichts mit Mehrheiten und Minderheiten zu tun." Heimischer Terrorismus und hochentwickelter technologischer Terrorismus sind sich sehr ähnlich, der Terrorismus der religiösen Fundamentalisten und der Marktfundamentalisten, der der Verzweifelten und der der Mächtigen, der der freilaufenden Verrückten und der der uniformierten Professionellen. Alle teilen sie dieselbe Verachtung für menschliches Leben: die Mörder der 5000 Bürger unter den Trümmern der Zwillingstürme, die wie auf Sand gebaute Burgen zusammenbrachen, und die Mörder von 200.000 Guatemalteken, grösstenteils Indigenas, die ausgelöscht worden sind, ohne dass das Fernsehen oder die Presse der Welt ihnen auch nur die kleinste Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Sie, die Guatemalteken, wurden von keinem muslimischen Fanatiker geopfert, sondern von Terroristensoldaten, die von aufeinanderfolgenden US-Regierungen "Unterstützung, Finanzierung und Ermutigung" erhalten haben.

All jene die in den Tod verliebt sind, teilen auch ihre Bessesenheit mit der Reduzierung sozialer, kulturellen und nationaler Konflikte auf militärische Begriffe. Im Namen des Guten gegen das Böse, im Namen der Einzigen Wahrheit, lösen sie alles indem sie zuerst töten und später fragen. Und auf diese Weise füttern sie letzten Endes den Feind den sie bekämpfen. Es waren die Greueltaten des Leuchtenden Pfades, die zu einem grossen Teil den Nährboden für Präsident Fujimori bereitet haben, der mit beachtlicher Unterstützung seitens des Volkes ein Terrorregime aufbaute, und Peru zum Preis einer Banane verkauft hat. Es waren die Greueltaten der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten, die zu einem grossen Teil den Nährboden für den Heiligen Krieg des Terrorismus im Namen Allahs bereitet haben. Auch wenn der Anführer der Zivilisation nun zu einem neuen Kreuzzug drängt, ist Allah der Verbrechen die in seinem Namen verübt werden nicht schuldig. Letzten Endes hat Gott nicht den Nazi-Holocaust gegen Jehovah´s Gläubige befohlen, und es war nicht Jehovah der die Massaker von Sabra und Chatila, oder die Vertreibung der Palästinenser von ihren Ländern angeordnet hat. Sind Jehovah, Allah und Gott nicht drei Namen für die selbe Gottheit?

Eine Tragödie der Missverständnisse: Man weiss nicht länger, wer wer ist. Der Rauch der Explosionen ist Teil eines viel riesigeren Rauchschleiers, der uns am Sehen hindert. Von Rache zu Rache, zwingt uns der Terrorismus ins Grab. Ich betrachte ein kürzlich veröffentlichtes Photo: auf einer Mauer in New York hatte eine Hand geschrieben: "Auge um Auge lässt die Welt erblinden." Die Spirale der Gewalt erzeugt Gewalt, und auch Verwirrung: Trauer, Furcht, Intoleranz, Hass, Wahnsinn. In Puerto Alegre am Anfang dieses Jahres, warnte der Algerier Ahmed Ben Bella: "Dieses System, das schon Kühe wahnsinnig gemacht hat, treibt auch die Menschen in den Wahnsinn." Und die Wahnsinnigen, wahnsinnig im Hass, handeln genauso wie die Mächte, die sie schaffen. Ein drei Jahre altes Kind namens Luca, kommentierte neulich: "Diese Welt weiss nicht wo ihr Zuhause ist." Er sah sich eine Landkarte an. Er hätte sich eine Nachrichtensendung ansehen können.

La Jornada, 21. September 2001

   
 

 

 

 DER KRIEG - 2003

Ich werde neugierig sein. Mitte letzten Jahres, als dieser Krieg noch ausgebrütet wurde, erklärte George W, Bush: "Wir müssen bereit sein, in jedwedem dunklen Winkel dieser Erde anzugreifen". Der Irak ist also ein "dunkler Winkel" dieser Erde. Glaubt Bush etwa, die Zivilisation sei in Texas entstanden und seine Landsleute hätten die Schrift erfunden? Hat er niemals von der Bibliothek von Niniwe gehört, nie vom Turmbau zu Babel, noch von den hängenden Gärten Babyloniens? Kennt er nicht mal eines der Märchen aus 1001 Nacht von Bagdad? Wer hat ihn zum Präsidenten des Planeten gewählt? Mich hat niemand an die Urnen gerufen, Sie etwa? Würden wir einen tauben Präsidenten wählen? Einen Mann, der unfähig ist auf etwas anderes zu hören, als auf das Echo seiner eigenen Stimme. Taub gegen den Donner von Millionen und Abermillionen Stimmen, die in den Strassen der Welt dem Krieg den Frieden erklären? Er war nicht einmal fähig, sich den liebevollen Rat von Günther Grass anzuhören. Der deutsche Schriftsteller verstand, dass Bush das Bedürfnis hatte, seinen Vater zu beeindrucken. Der empfahl ihm, einen Psychoanalysten aufzusuchen, statt den Irak zu bombardieren.


1898 erklärte Präsident William McKinley, Gott habe ihm den Befehl gegeben, die Philippinen zu behalten, um seine Einwohner zu zivilisieren und zu christianisieren. McKinley erklärte, er spräche während seiner mitternächtlichen Spaziergänge um das Weisse Haus mit Gott. Über ein Jahrhundert später erklärt Bush, Gott sei bei der Eroberung des Irak auf seiner Seite. Wann und wo ereilte ihn das göttliche Wort? Und warum hat Gott wohl so widersprüchliche Befehle an Bush und den Papst erteilt? Man erklärt den Krieg im Namen der internationalen Gemeinschaft, die den Krieg satt hat und, wie aus Gewohnheit, erklärt man den Krieg im Namen des Friedens. Es sei nicht wegen des Öls, sagen sie, wenn der Irak aber Radieschen produzierte, wem würde es dann wohl einfallen, in ihn einzufallen. Haben Bush, Cheney und die süsse Condoleezza Rice tatsächlich auf Ihre hohen Posten in der Öl-Branche verzichtet? Woher kommt der Groll Tony Blairs auf den irakischen Diktator? Es wird doch wohl nicht wegen der vor 30 Jahren von Saddam Hussein verstaatlichten britischen Irak Petroleum Company sein? Auf wie viele Ölquellen hofft José María Aznar bei der bevorstehenden Beuteteilung? Die Öl-trunkene Konsumgesellschaft hat panische Angst vor Entzugserscheinungen. Im Irak ist das schwarze Elixier am leichtesten zu fördern und womöglich sogar am reichhaltigsten vorhanden. Auf einer Friedensdemonstration in New York fragte ein Transparent: "Warum liegt unser Öl unter ihrem Sand?"


Die USA haben für die Zeit nach ihrem Sieg eine lange Besatzung angekündigt. Ihre Generäle werden sich darum kümmern, die Demokratie im Irak zu etablieren. Wird es eine Demokratie sein, wie jene, die sie Haiti, der Dominikanischen Republik oder Nicaragua geschenkt haben? Sie haben Haiti 19 Jahre lang besetzt und gründeten eine Militärherrschaft, die in der Diktatur François Duvaliers endete. Sie haben die Dominikanische Republik 9 Jahre lang besetzt und gründeten die Militärherrschaft, von Rafael Leónidas Trujillos. Sie haben Nicaragua 21 Jahre lang besetzt und gründeten die Diktatur der Familie Somoza. Die Dynastie der von den Marines auf den Thron gesetzten Somozas dauerte ein halbes Jahrhundert an, bis sie 1979 vom Volkszorn weggefegt wurde. Damals besprang Präsident Reagan sein Pferd und schickte sich an, sein von der Sandinistischen Revolution bedrohtes Land zu retten. Nicaragua, eines der ärmsten unter den armen Ländern, besass damals 5 Aufzüge und eine kaputte Rolltreppe. Reagan aber beschwor, Nicaragua sei eine Gefahr und während er sprach, zeigte das Fernsehen eine sich von Süden her langsam rot einfärbende Karte der Vereinigten Staaten, die eine bevorstehende nicaraguanische Invasion illustrieren sollte. Kopiert Bush Reagans Panik spähende Reden? Sagt er einfach dort Irak, wo Reagan Nicaragua sagte?


Die Zeitungen titelten am Vorabend des Krieges: "Die USA sind darauf vorbereitet, dem Angriff zu widerstehen" Die Verkaufszahlen von Isolierband, Gasmasken und Strahlenschutztabletten explodieren. Warum hat der Henker mehr Angst als das Opfer? Ist es auf kollektive Hysterie zurück zu führen oder erzittert er vor den Konsequenzen seines Handelns? Was ist, wenn das irakische Öl die Welt in Brand steckt? Ist dieser Krieg nicht genau jenes Vitamin, das der internationale Terrorismus benötigt?


Sie behaupten, Saddam Hussein ernähre die Fanatiker von Al-Kaida. Züchtet man Krähen, damit sie einem die Augen aushacken? Die islamischen Fundamentalisten hassen ihn. Ein Land, in dem Hollywood-Filme gesehen werden, in dem an vielen Oberschulen Englisch gelehrt wird und eine muslimische Mehrheit nicht verhindert, dass sich Christen mit dem Kreuz auf der Brust zeigen, in dem es nicht selten ist, dass man Frauen in Hosen und gewagten Blusen sieht, ist des Teufels. Unter den Terroristen, die die Türme von NY zum Einsturz brachten war kein Iraker. Fast alle waren aus Saudi Arabien, dem weltbesten Kunden der USA. Auch Bin Laden, der, von Satelliten verfolgt zu Pferde durch die Wüste flieht und. immer bereitwillig zur Stelle ist, wenn Bush seine Dienste als professionelles Ungeheuer braucht, ist Saudi.


Wussten sie, dass Dwight D. Eisenhower 1953 erklärte, der Präventivkrieg sei eine Erfindung Adolf Hitlers? Er stellte fest: "Mal ehrlich, ich würde keinen ernstnehmen, der mir eine derartige Idee unterbreiten würde." Die USA sind das Land, das die meisten Waffen auf der Welt herstellt und verkauft. Sie sind auch die einzige Nation, die je Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat. Und sie sind immer im Krieg gegen irgendjemand, schon aus Tradition. Wer bedroht also den universellen Frieden? Der Irak hat 17 UN-Resolutionen missachtet, Israel 64. Wird Bush nun seine treuesten Verbündeten ausbomben? Der Irak wurde 1991 durch den Krieg von Bush Vater zerstört. Seitdem wird er durch die Blockade ausgehungert. Welche Massenvernichtungswaffen kann dieses massiv zerstörte Land verstecken? Israel hält seit 1967 palästinensische Gebiete besetzt und zählt auf Atomwaffen, die im Straffreiheit gewährleisten. Pakistan, ein anderer treuer Alliierter und notorisches Terroristennest protzt mit seiner Atommacht. Könnte auch der irakische Feind diese Waffen besitzen? Wenn er tatsächlich welche besässe, wie Nordkorea erklärt sie zu haben, würden sie sich dann trauen, ihn anzugreifen. Und die chemischen und biologischen Waffen? Wer hat Saddam Hussein die Anlagen zur Herstellung und die Hubschrauber zum Abwurf jenes Nervengases geliefert, mit dem die Kurden massakriert wurden? Warum zeigt Bush die Quittungen nicht?


War Saddam in jenen Jahren des Krieges gegen den Iran und gegen die Kurden weniger Diktator als heute? Sogar Rumsfeld besuchte ihn damals freundschaftlich. Warum macht man sich erst jetzt und nicht schon damals Sorgen um das Schicksal der Kurden? Und warum nur die Irakischen und nicht die noch zahlreicheren kurdischen Opfer in der Türkei? Rumsfeld, der amtierende Verteidigungsminister kündigte an, gegen den Irak nicht-tödliche Gase zu verwenden. Werden sie so wenig tödlich sein wie diejenigen, die Putin letztes Jahr in dem Moskauer Theater verwendeten und die über 100 Geiseln das töteten? In der UNO wurde Picassos Guernica tagelang verhängt, damit die unschöne Szene Collin Powells Hornsignal zum Kriegsbeginn nicht störte. Angesichts der Zensur, an die sich die Kriegsberichterstatter zu halten haben, fragt sich, wie gross der Vorhang sein muss, der das Gemetzel im Irak verdecken soll?


Was wird mit den Seelen der Irakischen Opfer geschehen? Dem religiösen Berater des Präsidenten und himmlischen Haudegen Reverend Billy Graham zufolge, ist der Himmel eher klein: er misst gerade einmal 1.500 Quadratmeilen. Nur wenige werden Eingang finden. Und raten sie mal, welche Nation schon fast alle Eintrittskarten gekauft hat?


Und noch eine letzte Frage, die ich John Le Carré bitte, mir auszuleihen:

"Werden sie viele Menschen töten, Papa?" -

"Keinen, den Du kennst, Liebling. Nur Ausländer."

 

 BERÜHMTE ZITATE

«Waffenproduzenten brauchen den Krieg, so wie die Produzenten von Regenschirmen Regen brauchen.»


«Heute nennt sich der Kapitalismus Marktwirtschaft, der Imperialismus nennt sich Globalisierung, und Zynismus ist die einzige Form von Realitätssinn, die es noch gibt.»


«Die Schönheit ist nur schön, wenn man sie verkaufen, die Justiz nur gerecht, wenn man sie kaufen kann. Die Art, wie wir leben sollen, führt zum Tod des Planeten; genauso wie die für die Beschleunigung der Bewegung erfundenen Maschinen zum Stillstand und die für das Zusammenkommen von Menschen entstandenen Städte zur gegenseitigen Isolierung führen. Die Worte verlieren ihren Sinn, während das Meer sein Grün und der Himmel sein Blau verliert - beides liebenswürdigerweise gemalt von den Algen, die seit drei Milliarden Jahren Sauerstoff an die Atmosphäre abgeben.»  

 

 

 DIE ERDE ALS SHOPPING CENTER


- Das Konsumimperium -


Es heisst, das Recht auf Überfluss, Privileg Weniger, ist die Freiheit aller. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern sind die Blumen ständigem Licht ausgesetzt, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen dem Kaufzwang und der Beklemmung bezahlen zu müssen.


Die Explosion des Konsums in der heutigen Welt verursacht mehr Lärm, als alle Kriege und macht mehr Krach, als alle Karnevals. Wie ein altes türkisches Sprichwort sagt, wer auf Rechnung trinkt, betrinkt sich doppelt.


Die Vergnügungssucht betäubt und vernebelt den Blick; dieser grosse universelle Rausch scheint keine Grenzen, weder zeitlich noch räumlich, zu haben. Aber die Kultur des Konsums tönt laut, wie die Trommel, weil sie hohl ist; und wenn die Stunde der Wahrheit kommt, wenn das Getöse aufhört und das Fest zu Ende ist, erwacht der Betrunkene, allein, begleitet von seinem Schatten und den kaputten Tellern, die er bezahlen muss.


Die Expansion der Nachfrage stösst an die Grenzen, die ihr das gleiche System setzt, das sie schafft. Das System braucht immer offenere und breitere Märkte, wie die Lungen Luft brauchen und gleichzeitig müssen sie spottbillig sein, wie die Rohstoffpreise und die Arbeitskraft. Das System spricht im Namen von allen, an alle richtet es ihre ge-bieterischen Befehle zum Konsumieren, unter allen verbreitet es das Kauffieber; aber kein Durchkommen: für fast alle beginnt und endet dieses Abenteuer vor dem Fernsehschirm. Die Mehrheit, die sich verschuldet, um Sachen zu be-sitzen, besitzt am Ende nichts als Schulden, die neue Verschuldungen hervorbringen und hört mit der Aufzehrung der Phantasien, die sich manchmal in ein Vergehen umsetzen, auf.


Das Recht auf Verschwendung, Privileg von Wenigen, sagt, die Freiheit von allen zu sein. Sag mir, wieviel du ver-brauchst und ich sag dir, wieviel du wert bist. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern werden die Blumen Dauerlicht unterworfen, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen der Kaufsucht und der inneren Unruhe dann bezahlen zu müssen. Diese Lebensweise ist nicht sehr gut für die Menschen, aber sie ist sehr vorteilhaft für die Pharmaindustrie.


Die USA verbraucht die Hälfte der Beruhigungsmittel, Mittel gegen die Beklemmung und andere chemische Drogen, die legal in der Welt verkauft werden und mehr als die Hälfte der verbotenen Drogen, die illegal verkauft werden, was nicht wenig ist, wenn man bedenkt, dass die USA kaum fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.


„Unglückliche Leute, die leben, um sich gegeneinander abzuschätzen“, bedauert eine Frau im Viertel von Buceo in Montevideo. Der Schmerz nicht mehr das zu sein, wie früher der Tango sang, hat sich in die Schande nicht zu haben, gewandelt. Ein Mensch, der arm ist, ist ein armer Tropf. „Wenn ihr nichts habt, denkt ihr, ihr taugt nichts“, sagt ein Junge im Viertel Villa Fiorito von Buenos Aires. Und ein anderer beweist in der dominikanischen Stadt von San Francisco de Macorís: „Meine Brüder arbeiten für die Marken. Sie leben, Etiketten kaufend und leben Blut und Wasser schwitzend, um die Gebühren zu bezahlen.“ Unsichtbare Gewalt des Marktes: Die Mannigfaltigkeit ist Feindin der Wirtschaftlichkeit und die Einförmigkeit befiehlt. Die Serienproduktion, auf gigantischer Ebene, setzt überall ihre Pflichtnormen des Konsums. Diese Diktatur ist ver-heerender als jede Einparteiendiktatur: Sie drückt der ganzen Welt eine Lebensweise auf, die die Menschen wie Fotokopien des beispielhaften Konsumenten reproduziert.


Der beispielhafte Konsument ist der stille Mensch. Diese Zivilisation, die die Quantität mit der Qulität verwechselt, verwechselt die Korpulenz mit guter Ernährung. Gemäss der wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet, stieg in den letzten zehn Jahren die „ernstliche Fettleibigkeit“ um fast 30 % bei der jugendlichen Bevölkerung in den entwickeltsten Ländern an. Bei den nordamerikanischen Kindern nahm in den letzten 16 Jahren die Fettleibigkeit um 40 % zu, gemäss der kürzlichen Forschung des wissenschaftlichen Gesundheitszentrums der Universität von Colorado. Das Land, das die light Nahrung und light Getränke, die Essensdiät und die fettfreie Ernährung erfand, hat die meisten Fettleibigen der Welt. Der beispielhafte Konsument steigt nur aus dem Auto, um zu arbeiten und um fernzusehen. Vor dem kleinen Bildschirm sitzend, verbringt er vier Stunden täglich Plastikessen runterschlingend.


Es triumphiert der als Essen verkleidete Abfall: Diese Industrie erobert die Gaumen der Welt und schlägt die Traditionen der örtlichen Küche kurz und klein. Die Sitten des guten Essens, die von weither kommen, haben in manchen Ländern tausende von Jahren Raffinesse und Vielfalt und sind ein kollektives Erbe der Menschheit, das sich auf irgendeine Weise auf dem Herd von allen befindet und nicht nur auf dem Tisch der Reichen. Diese Traditionen, diese Zeichen kultureller Identität, diese Feste des Lebens, werden auf blitzartige Weise durch den Ein-schlag des chemischen und einzigen Geschmacks zerstört: Die Globalisierung des Hamburgers, die Diktatur des weltweiten fast foods. Das weltweite Plastikessen, Werk von McDonald’s, Burger King und anderen Fabriken, verletzt erfolgreich das Selbstbestimmungsrecht der Küche: Heiliges Recht, denn im Mund hat die Seele eine ihrer Türen.

Der Fussballweltmeister von 98 bestätigt unter anderem, dass die Kreditkarte MasterCard die Muskeln stärkt, dass Coca-Cola ewige Jugend schenkt, und dass das Menü von McDonald`s in keinem Bauch eines guten Athleten fehlen darf. Die riesige Armee von McDonald’s schiesst Hamburger in die Mäuler von Kindern und Erwachsenen auf dem ganzen Planeten. Der doppelte Bogen dieses M`s diente während der kürzlichen Eroberung der Länder Ost-europas als Standarte. Die Schlangen vor McDonald’s in Moskau, 1990 mit Pauken und Trompeten eingeweiht, symbolisiert den Sieg des Westens mit so viel Beredsamkeit, wie mit dem Fall der Berliner Mauer.


Ein Zeichen der Zeit: Dieses Unternehmen, das die Tugenden der freien Welt in sich trägt, verweigert seinen An-gestellten die Freiheit sich in einer Gewerkschaft zu organisieren. McDonald’s verletzt so ein legales, in vielen Ländern, in denen es operiert, bestätigtes Recht. 1997 versuchten sich einige ArbeiterInnen, Mitglieder von der vom Unternehmen so genannten Macfamilie, in einem Restaurant von Montreal in Kanada gewerkschaftlich zu organisieren: Das Restaurant schloss. Aber 98 erreichten andere Angestellten von McDonald’s in einer kleinen Stadt in der Nähe Vancouvers diese Eroberung, würdig für das Guiness-Rekordbuch.


Die Massenkonsumenten erhalten Befehle in einer universellen Sprache: Die Werbung erreichte, was das Esperanto wollte und nicht durfte. Überall verstehen alle die Botschaften, die der Fernseher übermittelt. Im letzten Viertel des Jahrhunderts verdoppelten sich die Ausgaben der Werbung auf der Welt. Dank ihnen trinken die armen Kinder immer mehr Coca Cola und immer weniger Milch und die Freizeit wird zur Pflicht-Konsumzeit. Freie Zeit, Gefangenenzeit: Die sehr armen Häuser haben kein Bett, aber sie besitzen einen Fernsehapparat und der Fernseher hat das Wort. Auf Raten gekauft beweist dieses Tierchen die demokratische Berufung des Fortschritts: Niemand hört zu, aber es spricht für alle. Arme und Reiche lernen so die Tugenden des letzten Automodells kennen und Arme und Reiche erfahren die vorteilhaften Ratenzahlungen, die diese oder jene Bank anbietet.


Die Experten verstehen es, Waren in Zaubereinheiten gegen die Einsamkeit zu verwandeln. Die Dinge haben menschliche Bestimmungen: Sie streicheln, begleiten, verstehen, helfen, das Parfüm küsst dich und das Auto ist der Freund, der niemals versagt. Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte. Die Öffnungen der Brust füllen sich, vollgestopft mit Dingen, oder davon träumend, es zu tun. Und die Dinge können nicht nur umarmen: Sie können auch Symbole des sozialen Aufstiegs sein, Passierscheine, um die Grenzen der Klassen-gesellschaft zu überwinden, Schlüssel, die verbotene Türen öffnen. Um so exklusiver, um so besser: Die Dinge wählen dich aus und retten dich aus der Massenanonymität. Die Werbung informiert nicht über das Produkt, das sie verkauft, oder seltene Male tut sie das. Das ist das wenigste. Ihre Funktion besteht in erster Linie in der Frust-kompensierung und Fantasien zu nähren: In wen möchten Sie sich verwandeln, wenn Sie diese Rasierlotion kaufen?


Der Kriminologe Anthony Platt beobachtete, dass die Straftaten auf der Strasse nicht nur Folge extremer Armut sind. Sie sind auch die Frucht der individualistischen Ethik. Die gesellschaftliche Besessenheit des Erfolgs, sagt Platt, wirkt sich entscheidend auf die illegale Aneignung der Dinge aus. Ich hörte immer sagen, dass Geld nicht glücklich macht; aber jeder arme Fernsehzuschauer hat genügend Motive zu glauben, dass das Geld etwas ähnliches herstellt, dass der Unterschied eine Angelegenheit von Spezialisten ist.


Gemäss dem Historiker Eric Hobsbawm beendete das zwanzigste Jahrhundert sieben Millionen Jahre menschlichen Lebens auf die Landwirtschaft konzentriert, seit Ende der Altsteinzeit die ersten Anpflanzungen auftauchten. Die Be-völkerung auf der Welt schliesst sich in Städte ein; die Bauern werden Bürger. In Lateinamerika haben wir verlassene Felder und enorme städtische Ameisenhaufen: Die grössten Städte der Welt und die ungerechtesten. Von der modernen Exportlandwirtschaft vertrieben und durch die Erosion ihrer Ländereien fallen die Bauern in die Vorstädte ein. Sie glauben, dass Gott überall ist, aber aus Erfahrung wissen sie, dass er sich um die Grosstädte kümmert. Die Städte versprechen Arbeit, Wohlstand, eine Zukunft für die Kinder. Auf dem Land sehen die Geduldigen das Leben vorbeiziehen und sterben gähnend; in den Städten geschieht das Leben und es ruft. Zusammengepfercht in ärm-lichen Behausungen entdecken die zuletzt Angekommenen zuerst, dass die Arbeit fehlt und die Arme überflüssig sind, dass es nichts umsonst gibt und dass die teuersten Luxusartikel die Luft und die Ruhe sind.


Während das 14. Jahrhundert geboren wurde, sprach Kloster-Bruder Giordana da Rivalto in Florenz eine Lobrede auf die Städte. Er sagte, dass die Städte wuchsen, „weil sich die Leute gerne zusammentun“. Sich vereinigen, sich treffen. Jetzt, wer trifft wen? Trifft die Hoffnung die Wirklichkeit? Der Wunsch, trifft er sich mit der Welt? Und die Leute, treffen sie sich mit den Menschen? Wenn sich die menschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Dingen reduziert haben, wie viele Leute treffen sich mit den Dingen?


Die ganze Welt neigt dazu, sich in einen grossen Fernsehbildschirm zu verwandeln, auf dem die Dinge sich an-schauen, aber nicht berühren. Die Waren im Angebot fallen ein und privatisieren den öffentlichen Raum. Die Bus- und Zugbahnhöfe, die bis vor kurzem Treffpunkt von Menschen waren, werden jetzt zu kommerziellen Ausstellungs-räumen.


Das Shopping Zentrum, oder Shopping Meile, Schaufenster aller Schaufenster, drückt seine überwältigende An-wesenheit durch. Die Massen strömen in Wallfahrten zu diesem Gross-Tempel der Konsummesse herbei. Die Mehr-heit der Gottergebenen betrachtet in Extase die Dinge, die ihre Geldbeutel nicht bezahlen können, während sich die Minderheit der Käufer der ununterbrochenen und erschöpfenden Angebotsbombardierung unterwirft. Das Gedränge, das mit der Rolltreppe hoch und runterfährt, reist um die ganze Welt: Die Modellpuppen ziehen sich wie in Mailand oder Paris an und die Maschinen klingen wie in Chicago und um zu sehen und zu hören ist es nicht notwendig den Fahrpreis zu bezahlen. Die von den Dörfern im Inneren gekommenen Touristen, oder aus den Städten, die bisher noch nicht diesen Segnungen des modernen Glücks wert waren, stellen sich für das Foto am Fuss der bekanntesten internationalen Marken auf, wie sie früher am Fuss der Statue des Führers auf dem Platz posierten.


Beatriz Solana beobachtete, dass die Bewohner der Vostädte ins Center, ins Shopping-Zentrum, herbeieilen, wie sie früher ins Zentrum eilten. Der traditionelle Spaziergang am Wochenende ins Zentrum der Stadt, tendiert dazu, vom Ausflug in diese städtischen Zentren ersetzt zu werden. Gewaschen und gebügelt und gekämmt, angezogen mit ihrer besten Galakleidung, kommen die Besucher auf ein Fest, auf das sie nicht eingeladen sind, aber sie können Zaun-gäste sein. Ganze Familien beginnen die Reise in der Raumkapsel, die ein Universum des Konsums durchläuft, in dem die Ästhetik des Marktes eine erstaunliche Landschaft von Modellen, Marken und Etiketten entworfen hat.


Die Konsumkultur, Kultur des Flüchtigen, verurteilt alles zur mediatischen Nichtverwendung. Alles ändert sich schwindelerregend beim Rhythmus der Mode, zu Diensten der Notwendigkeit zu verkaufen gestellt. Die Dinge altern während eines Blinzelns um von anderen kurzlebigen Dingen ersetzt zu werden. Heutzutage ist das einzige, das bestehen bleibt, die Unsicherheit; die Waren, zur nicht-Dauer fabriziert, zeigen sich so flüchtig, wie das Kapital, das sie finanziert und die Arbeit, die sie schafft. Das Geld fliegt in einer Lichtgeschwindigkeit: Gestern war es dort, heute ist es hier, morgen wer weiss und alle Arbeiter sind potentiell arbeitslos. Paradoxerweise bieten die Shopping-Center, Königreiche der Flüchtigkeit, die erfolgreichste Illusion der Sicherheit. Sie widerstehen ausserhalb der Zeit, ohne Alter und ohne Wurzel, ohne Nacht und ohne Tag und ohne Erinnerung und sie existieren ausserhalb des Weltalles, ent-fernt der Turbulenzen der gefährlichen Realität der Welt.


Die Besitzer der Welt benutzen die Erde, als ob sie ausschaltbar wäre: Eine Ware des flüchtigen Lebens, die sich ausverkauft, wie sich, von kurz nach der Geburt an, die Bilder, die das Maschinengewehr des Fernsehers schiesst, und die Moden und die Idole, die die Werbung ohne Waffenruhe auf den Markt wirft, erschöpfen. Aber in welche andere Welt werden wir umziehen? Sind wir alle dazu verpflichtet das Märchen zu glauben, Gott habe den Planeten an einige Unternehmen verkauft, weil er schlecht gelaunt entschied, das Universum zu privatisieren? Die Konsum-gesellschaft ist eine Dummenfänger-Falle. Diejenigen, die das Heft in der Hand haben, täuschen vor es zu ignorieren, aber jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass die grosse Mehrheit der Leute wenig konsumiert, sehr wenig oder notwendigerweise nichts, um die Existenz der wenigen Natur, die uns bleibt, zu garantieren. Die soziale Un-gerechtigkeit ist weder ein zu korrigierender Irrtum, noch ein zu überwindender Fehler: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die in der Lage ist ein Shopping-Center in der Grösse des Planeten zu ernähren.

 

Original : Eduardo Galeano : El imperio del consumo (2007) / Ecoportal


Eduardo Hughes Galeano ist ein Journalist, Essayist und Schriftsteller, geboren 1940 in Montevideo, Uruguay . Mit zwanzig Jahren wurde er stellvertretender Chefredakteur der Marcha, einer Zeitschrift für Kultur und Politik in Montevideo. Später war er leitend bei mehreren linksgerichteten Zeitschriften tätig; 1976 ging er ins spanische Exil, wo er bis zum Ende von Uruguays Militärdiktatur 1985 verblieb. 1971 erschien die erste Fassung seines wichtigsten Werkes Las venas abiertas de América Latina (dt. Die offenen Adern Lateinamerikas), welches sich mit der Geschichte Lateinamerikas, insbesondere den Kolonialherrschaften alter und neuerer Prägung auseinandersetzt.

Werke auf Deutsch: Die offenen Adern Lateinamerikas. Peter Hammer Verlag; Der Ball ist rund. Unionsverlag; Die Füße nach oben. Peter Hammer Verlag; ...


Übersetzt vom Spanischen von Isolda Bohler, Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, dass der Text nicht verändert wird und dass sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.


www.tlaxcala.es

 

Dank an Tlaxcala.

 

 

 

Eduardo Galeano "Die offenen Adern Lateinamerikas"

 
 
Lateinamerikanische Woche



Nun geht es aber endlich los. Und was eignet sich dafür besser als ein Klassiker!! Ja, ich weiß es ist keine Belletristik sondern ein Geschichtsbuch (der besonderen Art!) aber wer sich nur ein wenig für diesen Kontinent interessiert, sollte es unbedingt lesen!

Ich habe dieses Buch des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano lange nicht gekannt aber zum Glück wurde es mir noch rechtzeitig geschenkt. "Die offenen Adern Lateinamerikas" öffnet Augen in Bezug auf die Geschichte des Kontinents, zerstört romantische Illusionen (falls die jemand in Verbindung mit der spanischen Conquista in Lateinamerika haben sollte), nährt die Wut des Lesers in Bezug auf die verschiedenen ausländischen Interventionen der letzten Jahrhunderte und wirbt um Verständnis für die Situation vieler lateinamerikanischer Staaten.

Eduardo Galeano beschreibt Geschichte und komplexe Sachverhalte in einfachen Worten, da er mit den Menschen ins Gespräch kommen möchte. Als nicht spezialisierter Autor wendet er sich an ein nicht spezialisiertes Publikum mit der Absicht, gewisse Tatsachen zu verbreiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung, die eine Beschreibung der Geschichte der Sieger ist, verschleiert und verfälscht wurde.* Aufgrund dieser Ambition wurde es lange in verschiedenen Ländern Lateinamerikas verboten. So geschehen in Chile, Argentinien und Uruguay zu Zeiten der Militärdiktaturen. Galeano, Zeit seines Lebens als Schreibender unterwegs, beschäftigten viele Fragen, die er mit diesem Buch versuchte zu beantworten: "Ist Lateinamerika ein Teil der Welt, der zur Armut und Demütigung verdammt ist? Verdammt von wem? Hat Gott die Schuld oder vielleicht die Natur? Das erdrückende Klima, die minderwertige Rasse? Die Religion, die Bräuche? Oder ist unser Unglück ein Produkt der Geschichte, die von Menschen gemacht wurde und darum auch von Menschen verändert werden kann?"

Das Buch ist in verschiedene Teile untergliedert. Neuere Auflagen beginnen mit dem Einstieg "Sieben Jahre danach". Galeano beschreibt darin Reaktionen auf das Buch und die weitere Entwicklung Lateinamerikas der letzen sieben Jahre nach Erstauflage. Nach der relativ langen Einleitung "Hundertzwanzig Millionen Kinder im Mittelpunkt des Gewitters" folgt Teil 1 mit den Anfängen der Conquista. Teil 2 beschreibt vor allem die "derzeitige Struktur (in den 70er Jahren) der Ausplünderung".

Sicher hat sich seit 1978, als das Buch erschien einiges verändert aber viele angesprochene Probleme bestehen nach wie vor. Und über 30 Jahre später gelangte das Buch zu neuer Bekanntheit, als der venezualische Präsident Hugo Chávez beim fünften Amerika-Gipfel (2009) das Buch dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama überreichte.

* Quelle: Eduardo Galeano "Die offenen Adern Lateinamerikas"


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Eduardo Galeano "Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents"
Peter Hammer Verlag 2005
Original: "Las venas abiertas de America Latina"