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Über uns – HINTER DEN SCHLAGZEILEN

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„Die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!“,

Ein Aufruf!

 

Proposition I

Nichts fehlt zum Triumph der Zivilisation.

Nicht der politische Terror, nicht die affektive Misere.

Nicht die allumfassende Sterilität.

Die Wüste kann sich nicht mehr ausbreiten:

Sie ist überall.

Aber sie kann sich noch vertiefen.

Vor der Offenkundigkeit der Katastrophe gibt es jene,

die sich empören, und jene, die sie zur Kenntnis

nehmen; jene, die denunzieren und jene, die sich

organisieren.

Wir sind an der Seite derer, die sich organisieren.

 

Scholium

Dies ist ein Aufruf. Das heißt, dass er sich an jene wendet, die ihn hören. Wir machen uns nicht die Mühe zu beweisen, zu argumentieren, zu überzeugen.

Wir reden über das Offenkundige.

Das Offenkundige ist nicht zuerst eine Frage der Logik, der Urteilskraft.

Es ist an der Seite des Sensiblen, an der Seite der Welten.

Jede Welt hat ihre Offenkundigkeiten.

Das Offenkundige ist das, was wir teilen,

oder was uns teilt.

Wonach jegliche Kommunikation wieder möglich wird, die nicht mehr vorausgesetzt wird, die aufzubauen ist. Und dieses Netz von Offenkundigkeiten, die uns ausmachen, hat MAN uns so gut gelehrt, zu bezweifeln, vor ihm zu fliehen, darüber zu schweigen, es für uns zu behalten. MAN hat uns das so gut gelehrt, dass uns die Wort fehlen, wenn wir schreien wollen.

 

Was die herrschende Ordnung betrifft, wissen alle, was sie davon zu halten haben: Das Empire ist ein Schlag ins Gesicht.

Dass ein soziales Regime im Todeskampf für seine Willkür keine andere Rechtfertigung mehr hat, als seine absurde Entschlossenheit – seine senile Entschlossenheit – einfach fortzudauern;

dass die weltweite oder nationale Polizei völlig freie Hand bekommt, ihre Rechnungen mit denen zu begleichen, die aus der Reihe tanzen;

dass die Zivilisation, tief in ihrem Herzen verletzt, dem permanenten Krieg, den sie losgetreten hat, nirgendwo mehr auf etwas anderes trifft als ihre eigenen Grenzen;

dass diese Flucht nach vorn seit bald hundert Jahren nichts weiter produziert als eine Reihe immer dichter aufeinander folgender Katastrophen;

dass sich die Masse der Menschen mit Hilfe von Lügen, Zynismus, Abstumpfung oder Pillen in dieser Ordnung der Dinge einrichtet;

niemand kann vorgeben, dies nicht zu wissen.

Und der Sport der endlosen, mal mehr mal weniger genüsslichen Beschreibung der gegenwärtigen Katastrophe ist nichts als eine andere Art zu sagen: „Es ist halt so“; der Lorbeerkranz der Niederträchtigkeit gebührt den Journalisten, all denen, die jeden Morgen aufs Neue vorgeben, die Schweinereien zu entlarven, die sie tags zuvor bereits aufgedeckt haben.

 

Aber was uns derzeit vor den Kopf stößt, sind nicht die Anmaßungen des Empire, sondern eher die Schwäche des Gegenangriffs. Wie eine kolossale Lähmung. Eine Lähmung der Masse, die sagt – solange sie überhaupt noch spricht –, dass man ohnehin nichts tun kann; bald unter Druck einräumt, dass es ja „so viel zu tun gibt“ – was keinen Unterschied macht. Und dann, am Rande dieser Lähmung, das „man muss doch etwas tun, irgend etwas“ der Aktivisten.

Seattle, Prag, Genua, der Kampf gegen Gentechnik oder die Bewegung der Arbeitslosen, wir haben unseren Teil beigetragen, wir haben unsere Partei ergriffen innerhalb der Kämpfe der letzten Jahre; und ganz bestimmt nicht an der Seite von Attac oder den Tute Bianche.

 

Die Folklore des Protestes hat aufgehört, uns abzulenken. Im letzten Jahrzehnt haben wir gesehen, wie der Marxismus-Leninismus seinen langweiligen Monolog bereits in den Mündern von Gymnasiasten wieder aufnahm.

Wir haben den allerreinsten Anarchismus auch das verneinen sehen, was er nicht versteht.

Wir haben gesehen, wie der platteste Ökonomismus – derjenige der Freunde des Monde Diplomatique – die neue Volksreligion geworden ist. Und wie der Negrismus sich als einzige Alternative zum intellektuellen Debakel der weltweiten Linken aufgedrängt hat.

Überall hat der Aktivismus wieder begonnen, seine wackeligen Konstruktionen

und depressiven Netzwerke zu errichten,

bis zur Erschöpfung.

Bullen, Gewerkschaften und andere informelle Bürokratien haben keine drei Jahre gebraucht, die „Antiglobalisierungsbewegung“ zu überwinden. Sie in Kontrollzonen aufzuteilen. Sie in Teilbereichskämpfe abzuspalten, die ebenso rentabel wie unfruchtbar sind.

 

Zur Stunde – von Davos nach Porto Alegre, vom Medef zur CNT – beschreiben Kapitalismus und Antikapitalismus den gleichen abwesenden Horizont, dieselbe beschnittene Perspektive, die Katastrophe zu verwalten. Was sich der vorherrschenden Trostlosigkeit entgegenstellt, ist definitiv nur eine andere, weniger gut ausgestattete Trostlosigkeit.

Überall herrscht die gleiche blöde Vorstellung von Glück. Die gleichen erstarrten Machtspiele. Die gleiche entwaffnende Oberflächlichkeit. Der gleiche emotionale Analphabetismus.

Die gleiche Wüste.

 

Wir sagen, dass diese Epoche eine Wüste ist, und dass diese Wüste sich ohne Unterlass vertieft. Das zum Beispiel ist keine Poesie, das ist offenkundig. Eine Offenkundigkeit, die viele andere beinhaltet. Insbesondere die des Bruchs mit allem, was protestiert und sich über die Katastrophe auslässt.

Wer anprangert, nimmt sich heraus.

Als ob die Linke die Gründe für die Revolte auf die gleiche Art anhäuft, wie der Manager die Instrumente der Herrschaft. Auf die gleiche Art heißt mit dem gleichen Genuss.

 

Die Wüste ist die fortschreitende Entvölkerung der Welt. Die Gewohnheit, die wir angenommen haben; zu leben, als ob wir nicht auf der Welt wären. Die Wüste ist in der fortschreitenden, massiven, gesteuerten Proletarisierung der Bevölkerungen, wie in den kalifornischen Vororten, wo das Elend gerade in der Tatsache besteht, dass niemand es mehr zu empfinden scheint. Dass die Wüste dieser Tage nicht wahrgenommen wird, beweist umso mehr ihre Existenz.

 

Einige haben versucht, der Wüste einen Namen zu geben. Das, was es zu bekämpfen gilt, nicht als die Handlung eines fremden Akteurs, sondern als ein Gefüge von Verhältnissen zu bezeichnen. Sie haben vom Spektakel gesprochen, von Biomacht, vom Empire. Aber auch das hat zur bestehenden Verwirrung beigetragen.

Das Spektakel ist keine bequeme Abkürzung für das massenmediale System. Es findet sich genauso gut in der Grausamkeit, mit der alles uns ständig auf unser Bild zurückwirft.

Die Biomacht ist nicht ein Synonym für Sozialversicherung, Sozialstaat oder die pharmazeutische Industrie, sondern nistet sich bequem in der Sorge ein, die wir uns um unseren hübschen Körper machen, in einer gewissen physischen Fremdheit sich selbst und anderen gegenüber.

Das Empire ist keine außerirdische Wesenheit, keine planetarische Verschwörung von Regierungen, von Finanzsystemen, von Technokraten und multinationalen Konzernen.

Das Empire ist überall, wo nichts geschieht. Überall, wo alles funktioniert. Dort, wo die normale Situation regiert.

Wenn wir uns unter dem Feind immer wieder ein Subjekt vorstellen, das uns die Stirn bietet – anstatt ihn als ein Verhältnis zu empfinden, das uns hält –, führt das dazu, dass man sich im Kampf gegen das Einsperren einschließt. Dass unter dem Vorwand der „Alternative“ die schlimmsten Seiten der herrschenden Verhältnisse reproduziert werden. Dass wir beginnen, den Kampf gegen den Handel von Waren als Ware zu handeln. Dass der antiautoritäre Kampf Autoritäten gebiert, der Feminismus mit dicken Eiern daherkommt, antifaschistische Pogrome entstehen.

 

In jedem Moment nehmen wir aktiv an einer Situation teil. In ihrem Inneren gibt es keine Subjekte und keine Objekte, nicht mich und die anderen, nicht meine Sehnsüchte und die Realität, sondern das Geflecht der Beziehungen, das Geflecht der Ströme, die sich durchqueren.

Es gibt einen allgemeinen Kontext – den Kapitalismus, die Zivilisation, das Empire, wie man will –, einen allgemeinen Zusammenhang, der es nicht nur versteht, jede Situation zu kontrollieren, sondern, schlimmer noch, danach strebt, dass es immer öfter keine Situation gibt. MAN hat die Straßen und die Wohnungen, die Sprache und die Gefühle, und dann das weltweit vorgegebene Tempo, das all das umgibt, allein zu diesem Zweck eingerichtet. Überall tu MAN so, als ob die Welten einander nur streifen, sich nicht kennen, nicht beachten. Die „normale Situation“ ist diese Abwesenheit einer Situation.

Sich organisieren heißt: von der Situation ausgehen und sie nicht von sich weisen. In ihrem Inneren Partei ergreifen. Die nötigen materiellen, affektive und politischen Solidaritäten in sie einweben. Das ist es, was jeglicher Streik in jedem beliebigen Büro, in jeder beliebigen Fabrik tut. Das ist es, was jede beliebige Bande tut. Jeder Maquis. Jede revolutionäre oder konterrevolutionäre Partei.

Sich organisieren heißt: die Situation bestehend machen. Sie real, fühlbar machen.

Die Realität ist nicht kapitalistisch.

 

Der in einer Situation eingenommene Standpunkt bestimmt das Bedürfnis, sich zu verbünden, und dafür gewisse Kommunikationswege aufzubauen, eine bereitere Zirkulation. Diese neuen Verbindungen gestalten ihrerseits die Situation.

Die Situation, die uns bereitet wird, nennen wir „weltweiten Bürgerkrieg“. Wo nichts mehr im Stande ist, die Konfrontation der vorhanden Gewalten einzuschränken. Nicht einmal das Recht, das vielmehr als eine andere Form der verallgemeinerten Konfrontation auf die Bühne tritt.

Das WIR, das sich hier ausdrückt, ist kein abgrenzbares, isoliertes WIR, kein WIR einer Gruppe. Es ist das WIR einer Position. Diese Position behauptet sich heute als eine doppelte Trennung: Trennung vom Prozess der kapitalistischen Inwertsetzung einerseits, Trennung weiterhin von all dem, was die simple Opposition zum Empire, und sei sie auch außerparlamentarisch, an Sterilität mit sich bringt; Trennung also von der Linken. Wobei „Trennung“ weniger auf die praktische Verweigerung zu kommunizieren hinweist, als vielmehr die Neigung zu derart dichten Formen der Kommunikation, dass sie dem Feind überall dort, wo sie sich etablieren, den größten Teil seiner Kräfte entreißen.

Um es kurz zu machen, wir sagen, dass eine solche Position Anleihen nimmt bei den Black Panthers wegen der Kraft ihres Hervorbrechens, von den deutschen Autonomen wegen der Volxküchen, von den englischen „No-Ludditen“ wegen der Baumhäuser und der Kunst der Sabotage, von den radikalen Feministinnen wegen der Wahl der Worte, von den italienischen Autonomen wegen der massenhaften Autoreduktionen, und von der Bewegung 2. Juni wegen der bewaffneten Freunde.

Von nun an gibt es keine Freundschaft für uns, außer politische.

 

Proposition II

Die grenzenlose Inflation der Kontrolle antwortet

ohne Hoffnung auf die vorhersehbaren Zusammen-

brüche des Systems.

Nichts, was sich in der bekannten Verteilung politi-

scher Identitäten ausdrückt, ist für sich im Stande,

aus der Katastrophe zu führen.

Folglich fangen wir damit an, uns davon freizuma-

chen. Wir bestreiten nichts, wir fordern nicht. Wir

konstituieren uns als Kraft, als materielle Kraft, als

autonome materielle Kraft im Inneren des weltweiten

Bürgerkriegs.

Dieser Aufruf formuliert auf welchen Grundlagen.

 

Scholium

Hier experimentiert man mit neuartigen Waffen, um Menschenmengen zu zerstreuen, mit einer Art Splittergranate aus Holz. Dort – in Oregon – schlägt man vor, jeden Demonstranten, der den Straßenverkehr blockiert, mit fünfundzwanzig Jahren Gefängnis zu bestrafen. Die israelische Armee ist auf bestem Wege, zum gefragtesten Berater für urbane Befriedung zu werden; die Experten der ganzen Welt eilen dorthin, sich an den neuesten Erfindungen zu ergötzen, die dazu dienen – so Furcht erregend und so subtil – alle Subversiven zu eliminieren. Die Kunst zu verwunden – einen verwunden, um hunderte einzuschüchtern – erreicht hier scheinbar ihren Höhepunkt. Und dann ist da der „Terrorismus“, natürlich. Verstanden als „jede absichtlich durch einen Einzelnen oder eine Gruppe begangene Zuwiderhandlung gegen einen oder mehrere Staaten, deren Institutionen oder Bevölkerungen, die beabsichtigt, die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen eines Landes zu bedrohen, stark zu beeinträchtigen oder zu zerstören“. Hier spricht die Europäische Kommission. In den Vereinigten Staaten gibt es mehr Gefängnisse als Bauern.

 

In dem Maße, in dem der öffentliche Raum neu eingerichtet und sukzessive wieder eingenommen wird, verhüllt er sich mit Kameras. Nicht nur, dass von nun an jegliche Überwachung möglich scheint, vor allem erscheint sie akzeptabel. Alle möglichen Listen von „Verdächtigen“, deren zu erwartende Verwendung schwer zu erahnen ist, zirkulieren von Verwaltung zu Verwaltung. Scharen verschiedenster Milizen – unter denen die Polizei als archaischster Garant wirkt – beziehen überall Stellung, wo es früher Klatschbasen und Flaneure, Figuren eines anderen Zeitalters gab. Ein ehemaliger Chef der CIA, eine der Personen auf der Gegenseite, die sich eher organisieren, als sich zu entrüsten, schreibt in Le Monde: „Mehr noch als um den Krieg gegen den Terrorismus geht es darum, die Demokratie auf die (arabischen und muslimischen) Teile der Welt auszudehnen, welche die liberale Zivilisation bedrohen und an deren Aufbau und Verteidigung wir das gesamte 20. Jahrhundert gewirkt haben, während des Ersten, dann des Zweiten Weltkriegs, auf den der Kalte Krieg – oder der Dritte Weltkrieg folgte.“

 

In all dem ist nichts, was uns schockiert, nichts, was uns überrumpelt oder was radikal unser Lebensgefühl verdirbt. Wir wurden in die Katastrophe geboren, und haben zu ihr eine merkwürdige und friedliche Beziehung der Gewohnheit aufgebaut. Fast eine Form von Intimität. Seit Menschengedenken hat es niemals eine andere Gegenwart gegeben als die des weltweiten Bürgerkriegs. Wir wurden als Überlebende aufgezogen, als Überlebensmaschinen. Man hat uns in der Idee aufgezogen, das Leben bestünde darin, zu laufen, zu laufen, bis zum Zusammenbruch inmitten anderer Körper, die identisch laufen, bis sie stolpern, dann ihrerseits in Gleichgültigkeit zusammenbrechen. Schlussendlich ist die einzige Neuigkeit der gegenwärtigen Epoche, dass nichts von alledem mehr versteckt werden kann, dass gewissermaßen alle Welt davon weiß. Daher die letzten, so sichtbaren Verhärtungen des Systems: Seine Funktionsweise liegt offen, es hilft nichts mehr, sie totzuschweigen.

 

Viele wundern sich, dass keine Fraktion der Linken oder der radikalen Linken, keine der bekannten politischen Kräfte in der Lage ist, sich diesem Lauf der Dinge in den Weg zu stellen. „Aber wir leben doch in einer Demokratie, oder?“ Und sie können sich lange wundern: Nichts von dem, was sich im Rahmen der klassischen Politik ausdrückt, wird jemals das Vorrücken der Wüste aufhalten können, da die klassische Politik Teil der Wüste ist.

 

Wenn wir das sagen, dann nicht, um irgendeine außerparlamentarische Politik als Gegenmittel zur liberalen Demokratie zu preisen. Das berühmte Manifest „Wir sind die Linke“, vor einigen Jahren vor allem unterschrieben, was Frankreich an Bürgerinitiativen und „sozialen Bewegungen“ aufzubieten hat, drückt ziemlich gut die Logik aus, die seit dreißig Jahren die außerparlamentarische Politik beseelt: Wir wollen nicht die Macht übernehmen, den Staat umstürzen, etc.; sprich, wir wollen von ihm als Gesprächspartner anerkannt werden.

 

Überall, wo das klassische Konzept von Politik herrscht, herrscht die gleiche Ohnmacht angesichts der Katastrophe. Dass diese Ohnmacht in eine Vielzahl von letztendlich versöhnbaren Identitäten aufgeteilt wird, ändert daran nichts. Der Anarchosyndikalist, der Rätekommunist, der Trotzkist von Attac und der Abgeordnete der UMP startet gleichermaßen amputiert. Verbreitet die gleiche Wüste.

Politik ist für sie, was zwischen Menschen gespielt, gesagt, getan und entschieden wird. Die Versammlung, die alle Menschen zusammenbringt, die sie alle in Abstraktion von ihrem jeweiligen Welten zusammenbringt, bildet die ideale politische Bedingung. Die Wirtschaft, die Sphäre des Ökonomischen, leitet sich logisch daraus ab: als nötige und unmögliche Verwaltung all dessen, was man für nicht-politisch erklärt hat, und was in Folge zu Familie, Firma, Privatleben, Freizeit, Leidenschaften, Kultur etc. wird.

Auf diese Weise verbreitet die klassische Definition von Politik die Wüste: Indem sie die Menschen von ihrer Welt abstrahiert, sie loslöst aus dem Netz der Dinge, der Gewohnheiten, der Worte, der Fetische, der Affekte, der Orte, der Solidaritäten, die ihre Welt bilden. Ihre fühlbare Welt. Und die ihnen ihre eigene Beschaffenheit geben.

 

Die klassische Politik, das ist die ruhmreiche Inszenierung von Körpern ohne Welt. Aber die theatralische Versammlung von politischen Individualitäten maskiert nur schlecht die Wüste, die sie wirklich ist. Es gibt keine vom Rest der Wesen getrennte menschliche Gesellschaft. Es gibt eine Mannigfaltigkeit von Welten. Von Welten, die umso realer sind, als sie geteilt werden. Und die koexistieren.

Politik ist in Wahrheit eher das Speil zwischen den verschiedenen Welten, die Allianz derer, die vereinbar sind, und die Konfrontation zwischen den Unversöhnbaren.

 

Daher sagen wir, dass die zentrale politische Tatsache der letzten dreißig Jahre unbemerkt geblieben ist. Weil sie sich in einer so tiefen Schicht der Wirklichkeit abspielt, dass sie nicht „politisch“ genannt werden kann, ohne eine Revolution des eigentlichen Verständnisses von Politik anzustoßen. Weil diese Schicht der Wirklichkeit am Ende genau die ist, in der die Trennung zwischen dem, was für real gehalten wird, und dem Rest, ausgearbeitet wird. Diese zentrale Tatsache ist der Triumph des existenziellen Liberalismus. Die Tatsache, dass man von nun an eine Beziehung zur Welt für natürlich hält, die auf der Vorstellung beruht, jeder habe sein Leben. Dass dieses aus einer Abfolge von Entscheidungen bestehe, guten oder schlechten. Dass jeder, der sich durch einen Satz von Eigenschaften definiert, von Eigentum, Eigenschaften, die ihn nach variabler Gewichtung zu einem einzigartigen und unersetzbaren Wesen machen. Wie der Vertrag adäquat zusammenfasst, wie Menschen sich mit- und gegeneinander verhalten, so fasst der Respekt alle Tugend. Dass die Sprache nur ein Mittel der Verständigung ist. Dass jeder ein Ich-Selbst zwischen den anderen Ich-Selbsts ist. Dass die Welt in Wirklichkeit einerseits aus Dingen besteht, die es zu verwalten gilt, und andererseits aus einem Ozean aus Ich-Selbsts. Die übrigens selbst eine bedauerliche Tendenz haben, sich in Dinge zu verwandeln, da sie sich verwalten lassen.

 

Selbstverständlich ist der Zynismus nur einer möglichen Formen aus dem unendlichen, klinischen Repertoire des existenziellen Liberalismus: die Depression, die Apathie, das schwächelnde Immunsystem – jedes Immunsystem ist notwendigerweise kollektiv –, das Verleugnen, die Schikanen der Justiz, die chronische Unzufriedenheit, die verweigerten Bindungen, die Isolation, die staatsbürgerliche Illusionen oder der Verlust jeglicher Großherzigkeit sind ebenfalls Teil davon.

 

Im Endeffekt hat es der existenzielle Liberalismus so gut verstanden, seine Wüste zu verbreiten, dass jetzt sogar die aufrichtigsten Linken ihr Utopien in seine Begriffe fassen. „Wir werden eine egalitäre Gesellschaft aufbauen, zu der alle ihren Teil beitragen und in der alle Bedürfnisse befriedigt werden. (…) Was die individuellen Wünsche angeht, könnte Gleichheit bedeuten, dass alle in dem Maß konsumieren, in dem sie auch bereit sind Leistung zu erbringen. Hier müsste man die Evaluationsmodi der erbrachten Leistungen der Einzelnen neu definieren“, schreiben die Organisatoren des Village alternatif, anticapitaliste et antiguerre contre le G 8 d’Evian in ihrem Text unter dem Titel „Wenn wir den Kapitalismus und die Lohnarbeit abgeschafft haben werden!“. Denn das ist einer der Schlüssel zum Triumph des Empire: dahin zu kommen, selbst das Gebiet, auf dem es manövriert, im Dunkeln zu lassen; den Plan, nach dem es die entscheidende Schlacht ausführt, mit Stille zu umgeben: den Plan der Vorprägung der Wahrnehmung, der Formung der Wahrzunehmenden. Auf diese Art lähmt es präventiv jegliche Verteidigung von Beginn an und ruiniert sogar die Idee einer Gegenoffensive. Der Sieg wird jedes Mal errungen, wenn sich der Politaktivist am Ende eines harten Tages voll „politischer Arbeit“ gemütlich vor einem Actionfilm niederlässt.

 

Wenn sie uns sehen, wie wir uns von den beschwerlichen Ritualen der klassischen Politik zurückziehen – Vollversammlung, Treffen, Verhandlung, Protest, Forderung –, wenn sie uns reden hören von der Welt, wie wir sie mit unseren Sinnen wahrnehmen, anstatt von Arbeit, Papieren, Rente oder Bewegungsfreiheit, schenken uns die Aktivisten der Linken nur ein mitleidiges Lächeln. „Die Armen“, scheinen sie zu sagen, „sie sind dabei, sich mit einer Minderheitenposition abzufinden, sie schließen sich in ihrem Ghetto ein, sie verzichten auf Verbreiterung. Sie werden nie eine Bewegung sein“. Aber wir glauben genau das Gegenteil: Sie sind es, die sich mit einer Minderheitenposition abfinden, ihre Sprache der falschen Objektivität sprechend, der Gewicht nur in Wiederholung und Rhetorik liegt. Niemand lässt sich von ihrer nur schlecht verborgenen Verachtung täuschen, mit der sich von den Sorgen der „Leute“ sprechen, und die ihnen erlaubt, vom Arbeitslosen zum Illegalen zu ziehen, vom Streikenden zur Prostituierten, ohne sich jemals aufs Spiel zu setzen – weil diese Verachtung eine spürbare Offenkundigkeit ist. Ihr Wille, „in die Breite zu gehen“, ist nichts als eine Art, vor denen zu fliehen, die schon da sind, mit denen sie vor allem nicht zusammenleben möchten. Und zuletzt sind es diejenigen, denen es widerstrebt, die politische Bedeutung der Empfindungen zuzugeben; diejenigen, die sich von ihrer Gefühlsduselei mobilisierende Effekte erhoffen.

 

Alles in allem gehen wir lieber von dichten, kleinen Kernen als von einem großen, laschen Netzwerk aus. Wir haben diese feige Belanglosigkeit zur Genüge kennengelernt.

 

Proposition III

Diejenigen, die auf die Dringlichkeit der Situation mit

der Dringlichkeit ihrer Reaktion antworten wollen, tun

nichts anderes als zum Ersticken beizutragen.

Aus ihrer Art zu intervenieren, folgt der Rest ihrer

Politik, ihrer Agitation.

Was uns angeht, so befreit uns die Dringlichkeit der

Situation einfach von allen Bedenken der Legalität

oder Legitimität, die ohnehin unbewohnbar geworden

sind.

Dass wir vielleicht eine Generation brauchen werden,

um eine siegreiche revolutionäre Bewegung in

ihrer ganzen Dichte aufzubauen, lässt uns nicht

zurückweichen. Wir sehen dem mit Gelassenheit

entgegen.

Wie wir dem kriminellen Charakter unserer Existenz

und unserer Gesten gelassen entgegensehen.

 

Scholium

Wir kannten, wir kennen noch immer, die Versuchung des Aktivismus.

Die Gegengipfel, die Anti-Abschiebungskampagnen, die Kampagnen gegen die Sicherheitsgesetze, gegen den Bau neuer Gefängnisse, die Besetzungen, die No-Border-Camps; das Aufeinanderfolgen all dessen. Die fortschreitende Zerstreuung der Kollektive, als Antwort auf die Zerstreuung der Aktivitäten selbst.

Den Bewegungen hinterherrennen.

Von Schlag zu Schlag seine Stärke nur um den Preis zu spüren, jedes Mal zu einer tiefen Ohnmacht zurückzukehren. Jede Kampagne mit einem hohen Preis zu bezahlen. Sie alle Energie verbrauchen zu lassen, über die wir verfügen. Dann die nächste in Angriff zu nehmen, jedes Mal atemloser, erschöpfter, trostloser.

Und Stück für Stück, mit jedem Fordern, jedem Anprangern unfähiger zu werden, schlicht wahrzunehmen, was eigentlich der Ursprung unseres Engagements sein sollte, die Natur der Dringlichkeit, die uns durchfließt.

 

Der Aktivismus ist der erste Reflex. Die konforme Antwort auf die Dringlichkeit der gegenwärtigen Situation. Die permanente Mobilmachung im Namen der Dringlichkeit ist etwas, woran uns unsere Regierungen, unsere Chefs gewöhnt haben, noch bevor sie den Anschein erweckt, ein Mittel zu ihrer Bekämpfung zu sein.

 

Lebensformen verschwinden jeden Tag, Pflanzen- oder Tierarten, menschliche Erfahrungen, und so viele mögliche Beziehungen zwischen ihnen. Aber unser Gefühl der Dringlichkeit ist nicht so sehr an die Geschwindigkeit dieses Verschwindens gebunden als vielmehr an die Unumkehrbarkeit, und mehr noch an unsere Unfähigkeit, die Wüste wieder zu besiedeln.

Der Aktivist mobilisiert sich gegen die Katastrophe. Tut aber nichts, als sie zu verlängern. Seine Hast verbraucht das bisschen Welt, das übrig ist. Die aktivistische Antwort auf die Dringlichkeit bleibt selbst im Inneren des Regimes der Dringlichkeit, des Notstands, ohne Hoffnung, es zu verlassen oder zu unterbrechen.

Der Aktivist will überall sein. Er begibt sich an jeden Ort, gleitet vom Rhythmus der Störungen der Maschine. Überallhin bringt er seinen pragmatischen Erfindungsgeist mit, die feierliche Energie seiner Opposition zur Katastrophe. Unbestreitbar, der Aktivist bewegt sich. Aber er gibt sich nie die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was zu tun ist. Was zu tun ist, um das Fortschreiten der Wüste konkret zu behindern, um unverzüglich bewohnbare Welten zu schaffen.

Wir desertieren vom Aktivismus. Ohne zu vergessen, worin seine Stärke besteht: eine gewisse Präsenz in der Situation. Eine Leichtigkeit, sich in ihrem Inneren zu bewegen. Den Kampf nicht aus einem moralischen oder ideologischen Blickwinkel zu verstehen, sondern technisch, taktisch.

 

Der alte Militantismus gibt das umgekehrte Beispiel. Es liegt etwas Bemerkenswertes in der Verschlossenheit des Militantismus gegenüber den Situationen. Wir erinnern uns an diese Szene in Genua: Um die 50 Mitglieder der Ligue Communiste Révolutionnaire schwenken ihre roten Fahnen, bedruckt mit „100% links“. Sie sind unbeweglich, zeitlos. Sie schreien ihre geeichten Slogans, von Ordnungskräften umringt. Währenddessen, ein paar Meter entfernt, greifen einige von uns die Linien der Carabinieri an, werfen Tränengasgranaten zurück, graben Pflastersteine aus, um daraus Wurfgeschosse zu machen, stellen Molotow-Cocktails her aus Flaschen, die wir im Mülleimer gefunden haben und Benzin aus umgedrehten Vespas. Dazu sagen die Militanten Abenteurertum, Gewissenlosigkeit. Sie behaupten, dass die Bedingungen dafür nicht erfüllt seien. Wir sagen, dass nichts gefehlt hat, dass alles da war, außer ihnen.

Wovon wir desertieren im alten Militantismus, ist diese Abwesenheit von der Situation. Genauso wie wir von der Substanzlosigkeit desertieren, zu der uns der Aktivismus verdammt.

 

Die Aktivisten selbst spüren diese Substanzlosigkeit. Und deshalb wenden sie sich regelmäßig an ihre Ahnen aus dem Militantismus. Sie leihen sich von ihnen die Art und Weise, die Territorien, die Parolen. Was sie am Militantismus anzieht, ist die Dauerhaftigkeit, die Struktur, die Treue, die ihnen fehlt. So kommen die Aktivisten zurück, um zu widersprechen, zu fordern – „Papiere für alle“, „Bewegungsfreiheit für alle“, „garantiertes Grundeinkommen“ oder „kostenlose Mobilität“. Das Problem mit den Forderungen ist, dass die Bedürfnisse in einer Sprache formuliert werden, die sie den Mächtigen verständlich macht, sie aber über diese Bedürfnisse selbst nichts sagen, nichts von dem, was sie an wirklicher Veränderung von der Welt erfordern. So sagt die Forderung nach kostenloser Mobilität nichts aus über unser Bedürfnis zu reisen, anstatt nur den Ort zu wechseln, nichts über unser Bedürfnis nach Langsamkeit.

Aber die Forderungen maskieren oft nur die wirklichen Konflikte, deren Einsätze sie ausdrücken. Kostenlose Mobilität zu fordern, verzögert nur die Verbreitung von Techniken des Betrugs in einem gewissen Milieu. Freien Personenverkehr zu fordern, weicht nur der Frage aus, wie, praktisch, der zunehmenden Verschärfung der Kontrolle entflohen werden kann.

Für garantiertes Grundeinkommen zu kämpfen, heißt, im besten Falle, sich der Illusion hinzugeben, dass eine Verbesserung des Kapitalismus notwendig ist, um ihn loswerden zu können. Was es auch sei, die Sackgasse ist immer dieselbe: Die mobilisierten subjektiven Ressourcen sind vielleicht revolutionär, bleiben aber in dem verhaftet, was sich als Programm radikaler Reformen präsentiert. Unter dem Vorwand, die Entscheidung zwischen Reform und Revolution zu überwinden, ist es die Zweckmäßige Mehrdeutigkeit, in der man sich einrichtet.

 

Die gegenwärtige Katastrophe ist die einer Welt, die aktiv unbewohnbar gemacht wurde. Durch eine Art systematische Verwüstung all dessen, was in den Beziehungen der Menschen zu einander und zu ihren Welten noch an Lebbarem geblieben ist.

Der Kapitalismus hätte nicht auf globaler Ebene triumphieren können ohne Techniken der Macht, Techniken, die per se politisch sind – Techniken, ihrer gibt es viele, mit oder ohne Werkzeug, körperlich oder diskursiv, erotisch oder kulinarisch, bis hin zu Disziplinen und Dispositiven der Kontrolle; und es führt zu nichts, de „Herrschaft der Technik“ anzuprangern. Die politischen Techniken des Kapitalismus bestehen zunächst darin, die Bindungen zu zerbrechen, aus welchen eine Gruppe die Mittel schöpft, gleichzeitig die Bedingungen ihrer Subsistenz und diejenigen ihrer Existenz herzustellen.

Die menschlichen Gemeinschaften von unzählbar vielen Dingen zu trennen, von Steinen und Metallen, von Göttern, Djinns, Wild- und Haustieren, Medizin und psychoaktiven Substanzen, Amuletten, Maschinen und von allen anderen Wesen, mit denen Menschengruppen in Beziehung Welten bilden.

Jede Gemeinschaft zu ruinieren, die Gruppen von den Mitteln ihrer Existenz und dem damit verbundenen Wissen zu trennen: Die politische Logik gebietet den Einbruch des Warenverhältnisses in alle Zusammenhänge. So wie es notwendig war, die Hexen zu liquidieren, das heißt mit ihnen das medizinische Wissen und die Passagen zwischen den Reichen, die sie ins Leben riefen, so müssen heute die Bauern darauf verzichten, ihre eigenen Samen auszusäen, um die Vorherrschaft der multinationalen Nahrungsmittelkonzerne und anderer Verwaltungsorgane der Agrarpolitik zu sichern.

 

Was diese politischen Techniken des Kapitalismus angeht, so stellen die zeitgenössischen Metropolen die Punkte ihrer maximalen Konzentration dar. Die Metropolen sind das Milieu, in dem es letztendlich fast nichts mehr gibt, das man sich wieder aneignen könnte. Ein Milieu, in dem alles so geschaffen ist, auf dass der Mensch sich nur noch auf sich selbst beziehe und sich getrennt von anderen Formen der Existenz produziere, sie tangiere oder sie benutze, ohne ihnen jemals zu begegnen.

Auf der Grundlage dieser Trennung, und um sie dauerhaft zu machen, hat MAN sich bemüht, noch den kleinsten Versuch, aus diesem Warenverhältnis auszubrechen, zu kriminalisieren.

Das Feld der Legalität vermischt sich seit langem mit dem der vielfältigen Zwänge, sich das Leben zu verunmöglichen, durch Lohnarbeit oder Ich-AG, durch das Ehrenamt oder die Tätigkeit in einer Partei.

Zur gleichen Zeit, wie dieses Feld immer unbewohnbarer wird, hat man aus allem, was dazu beitragen kann, das Leben zu ermöglichen, ein Verbrechen gemacht. Dort, wo die Aktivisten proklamieren, „Kein Mensch ist illegal“, muss man genau das Gegenteil anerkennen. Eine völlig legale Existenz wäre heute eine völlig unterworfene Existenz.

 

Es gibt den Betrug am Finanzamt und die fiktiven Beschäftigungsverhältnisse; es gibt den Sozialhilfebetrug und die falschen Zahlungsbestätigungen, das Abzweigen von Subventionen, man diniert auf Firmenkosten und gibt einen falschen Namen für Geldstrafen an. Es gibt die Reisen im Gepäckraum eines Flugzeugs, um über die Grenze zu kommen, und die Reisen ohne Fahrschein, um sich in der Stadt oder im Inneren eines Landes fortzubewegen. Schwarzfahren oder Ladendiebstahl sind alltägliche Praktiken tausender Menschen in den Metropolen.

Und es sind die illegalen Praktiken des Tausches von Samenkörnern, welche die Rettung vieler Pflanzensorten ermöglicht haben. Es gibt Illegalismen, die für das kapitalistische Weltsystem funktionaler sind als andere. Es gibt solche, die toleriert werden, solche, zu denen ermutigt wird, und schließlich auch andere, die unter Strafe gestellt werden. Ein improvisierter Gemüsegarten auf einem Stück Brachland hat beste Chancen, noch vor der ersten Ernte von einem Bulldozer niedergewalzt zu werden.

Würde man der Summe der Ausnahmegesetze und der Gewohnheitsregelungen Rechnung tragen, welche die Räume beherrschen, die irgendwer an einem Tag durchquert, gäbe es nunmehr keine Existenz, die sich der Straflosigkeit sicher sein könnte. Es existieren Gesetze, Codes, juristische Entscheidungen, die jede Existenz strafbar machen; dazu fehlt einzig, sie wörtlich anzuwenden.

 

Wir sind nicht dazu bereit, darauf zu setzen, dass da, wo die Wüste wächst, auch das Rettende wächst. Nichts kann geschehen, was nicht mit dem Bruch mit all dem beginnt, was die Wüste wachsen lässt.

Wir wissen, dass es Zeit brauchen wird, eine Kraft von einem gewissen Ausmaß aufzubauen. Es gibt viele Dinge, zu denen wir nicht mehr in der Lage sind. Tatsächlich wissen wir, wie alle Begünstigten der Modernisierung und der in unseren entwickelten Gegenden verbreiteten Bildung, von fast nichts mehr wie es zu tun ist. Selbst das Sammeln von Pflanzen, um sie nicht im dekorativen, sondern kulinarischen oder medizinischen Sinne zu nutzen, gilt bestenfalls als archaisch, schlimmstenfalls als nett.

 

Wir machen eine einfache Feststellung: Ein Jeder, der über ein bestimmtes Maß an Reichtum und Wissen verfügt, welches durch die simple Tatsache diese Gegenden der alten Welt zu bewohnen zugänglich wird, kann es vergemeinschaften.

Die Frage ist nicht, ob mit oder ohne Geld leben, stehlen oder kaufen, arbeiten oder nicht, sondern wie das Geld, das wir haben dazu benutzt werden kann unsere Autonomie in Beziehung zur Sphäre der Warenwirtschaft auszuweiten.

Und wenn wir den Diebstahl der Arbeit vorziehen und die Eigenproduktion dem Diebstahl, geschieht das nicht aus Sorge um Reinheit. Es ist, weil die Flüsse der Macht, die mit den Flüssen der Ware einhergehen, weil die subjektive Unterordnung die den Zugang zum Überleben bedingt, so exorbitant geworden sind.

Es gäbe viele unzureichende Arten auszudrücken, was wir uns vorstellen: Wir wollen weder wegziehen aufs Land, noch uns altes Wissen wieder aneignen und anhäufen. Unsere Angelegenheit ist nicht nur eine der Wiederaneignung von Mitteln. Und auch nicht eine der Wiederaneignung von Wissen. Wenn man alles Wissen und alle Technik zusammenbrächte, allen ins Feld des Aktivismus geführten Erfindungsgeist, erhielte man doch keine revolutionäre Bewegung. Das ist eine Frage der Zeitlichkeit. Eine Frage nach dem Aufbau der Bedingungen, unter denen ein Angriff genährt werden kann, ohne zu erlöschen, nach der Etablierung von materiellen Solidaritäten, die uns erlauben, standzuhalten.

 

Wir glauben, dass es keine Revolution gibt ohne Konstituierung einer gemeinsamen materiellen Macht. Wir ignorieren nicht den Anachronismus dieses Glaubens. Wir wissen, dass es zu früh ist, und auch, dass es zu spät ist, deshalb haben wir Zeit.

Wir haben aufgehört zu warten.

 

Proposition IV

Wir bestimmen den Punkt des Umsturzes, das

Verlassen der Wüste, das Ende des Kapitals in

der Intensität der Verbindung, die jeder zwischen

dem, wie er lebt und was er denkt, herzustellen

vermag. Entgegen den Verfechtern des

existenziellen Liberalismus weigern wir uns, darin

eine Privatangelegenheit, ein individuelles Problem,

eine Frage des Charakters zu sehen. Im Gegenteil

gehen wir von der Überzeugung aus, dass diese

Verbindung vom Aufbau gemeinsamer Welten, von

der Vergemeinschaftung effektiver Mittel abhängt.

 

Scholium

Jeder wird täglich darauf verpflichtet zuzugeben, wie naiv die Frage nach dem „Verhältnis zwischen Leben und Denken“ ist, wie veraltet, und wie sie im Grunde schlicht und einfach von einem Mangel an Kultur zeugt. Wir sehen darin ein Symptom. Tatsächlich ist diese Offenkundigkeit nichts anderes als ein Effekt der liberalen Umdefinierung – so grundsätzlich modern – der Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Der Liberalismus hat das Prinzip aufgestellt, dass alles toleriert werden soll, dass alles gedacht werden kann, insofern gewährleistet ist, dass es keine direkten Konsequenzen für die Struktur der Gesellschaft, ihre Institutionen und die Staatsmacht nach sich zieht. Jede Idee kann geduldet werden, ihr Ausdruck soll sogar gefördert werden, insofern die sozialen und staatlichen Spielregeln akzeptiert werden. Anders gesagt, soll die Freiheit des Denkens des privaten Individuums total sein, wie auch prinzipiell seine Freiheit sich zu äußern, aber es darf die Konsequenzen auf das kollektive Leben nicht wollen, die sich aus seinem Denken ergeben.

 

Vielleicht hat der Liberalismus das Individuum erfunden, aber es war von Anfang an verstümmelt. Das liberale Individuum, das sich heutzutage nirgends besser äußert als in den Friedens- und Bürgerbewegungen, ist jenes Wesen, das gehalten ist, auf seine Freiheit in genau dem Maße Wert zu legen, insofern sie zu nichts verpflichtet, und das vor allem nicht versucht, sich durchzusetzen. Die blöde Vorschrift „meine Freiheit endet dort, wo die der anderen beginnt“ wird heute als unumgängliche Wahrheit aufgefasst. Selbst John Stuart Mill, ein bedeutender Agent der liberalen Eroberung, hat darauf hingewiesen, dass sich daraus eine lästige Konsequenz ergibt: Es ist erlaubt, alles zu begehren, unter der einzigen Bedingung, dass es nicht zu intensiv begehrt wird, dass es nicht die Grenzen des Privaten übertritt bzw. auf keinen Fall die Grenzen der öffentlichen „Meinungsfreiheit“.

 

Was wir existenziellen Liberalismus nennen, ist die Zustimmung zu einer Reihe von Offenkundigkeiten, denen eine grundsätzliche Verfügbarkeit des Subjekts zum Verrat entspringt. Wir wurden daran gewöhnt, nach Art eines untertourigen Getriebes zu funktionieren, das uns von vornherein selbst von der Idee des Verrats fernhält. Dieses emotional untertourige Getriebe ist der Preis, den wir als Garantie für unser Erwachsenwerden akzeptiert haben. Dazu für die Fleißigsten die Fata Morgana eines autarken Gefühlslebens als unumgängliches Ideal. Nichtsdestotrotz gibt es zu viel zu verraten, für diejenigen, die sich entscheiden, Verbindung zu halten zu den Versprechen, die sie zweifelsohne von Kindheit auf in sich tragen; die sie weiterhin begleiten.

 

Eine der Offenkundigkeiten des Liberalismus ist es, sich sogar gegenüber eigenen Erfahrungen wie ein Eigentümer zu verhalten. Deshalb heißt, sich nicht wie ein liberales Individuum zu verhalten, zuallererst, nicht an Eigentum und Eigenschaften festzuhalten. Oder „Eigentum“ und „Eigenschaft“ müsste eine andere Bedeutung gegeben werden: nicht mehr, was mir selbst gehört, sondern, was mich an die Welt bindet und dabei nicht für mich reserviert ist, weder mit Privateigentum zu tun hat noch damit, was angeblich eine Identität definiert (das „Ich bin halt so!“ und seine Bestätigung: „das bist wirklich du!“). Dass wir die Idee des individuellen Eigentums zurückweisen, heißt nicht, dass wir etwas gegen Verbindungen haben. Die Forderung der Aneignung oder der Wiederaneignung reduziert sich für uns auf die Frage, was für uns geeignet ist, das heißt adäquat, im Sinne von Gebrauch, im Sinne von Bedürfnis, im Sinne von Verhältnis zu einem Ort, zu einem Moment der Welt.

 

Der existenzielle Liberalismus ist die Ethik, die sich ganz selbstverständlich an die als politisches Ideal angesehene Sozialdemokratie anpasst. Niemals werden Sie ein guter Staatsbürger sein, bis Sie, um Ihren Besitz zu behalten, dazu in der Lage sind, einer Beziehung oder einem Kampf abzuschwören. Das wird nicht immer ohne Schmerz gehen, aber genau hier ist der Liberalismus effizient: Er stellt sogar die Heilmittel gegen das von ihm hervorgerufene Unwohlsein bereit. Die Spende für Amnesty International, die Packung Fair-Trade-Kaffee, die Demo gegen den letzten Krieg, das Abo der Jungle World sind solche als rettende Gesten verkleidete Nicht-Handlungen. Benehmen Sie sich genauso wie sonst auch, das heißt, gehen Sie in den bereitgestellten Räumen spazieren und kaufen sie dort ein, das Gleiche wie immer, aber dazu, zusätzlich, machen Sie sich ein gutes Gewissen; kaufen Sie no logo, boykottieren Sie Shell, das sollte reichen, um Sie davon zu überzeugen, dass politisches Handeln im Grunde nicht viel verlangt, und dass auch Sie in der Lage sind, sich zu „engagieren“. Nichts Neues in diesem Ablasshandel, aber die Schwierigkeit, in der allgegenwärtigen Konfusion Entscheidungen zu treffen, ist spürbar. Die flehende Kultur des „Eine andere Welt ist möglich“, die Fair-Trade-Ideologie, lässt wenig Raum, um über Ethik anders als auf Etiketten zu sprechen. Die Vervielfachung der Umwelt-, „Solidaritäts-“ und humanitären Organisationen tritt nicht zufälligerweise auf, um das verallgemeinerte Unwohlsein zu kanalisieren – trägt somit zum Fortbestand des Status Quo bei, durch persönliche Selbstaufwertung, durch Anerkennung und die daran geknüpften „ehrlich“ erhaltenen Subventionen, kurz gesagt, durch den Kult der sozialen Nützlichkeit.

Hauptsache, keine Feinde mehr. Höchstens Probleme, Missbrauch und Katastrophen, so viele Gefahren, vor denen uns nur die Dispositive der Macht beschützen können.

 

Wenn die Gründer des Liberalismus besessen davon waren, die Sekten zu vernichten, dann weil sich in ihnen all die subjektiven Elemente trafen, deren Bann die Existenzbedingung des modernen Staates schuf. Für ein Sektenmitglied ist Leben vor allem, was sich der Umsetzung dessen widmet, was ein als richtig erachteter Gedanke fordert – eine gewisse Haltung gegenüber Dingen und Ereignissen in der Welt, eine Art, das Wichtige nicht aus den Augen zu verlieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Erscheinen der „Gesellschaft“ (und der daran gekoppelten „Wirtschaft“) mit der liberalen Umdefinierung des Öffentlichen und des Privaten. Die sektiererische Kollektivität ist an sich eine Bedrohung für das, was die Tautologie „liberale Gesellschaft“ bezeichnet. Insofern sie eine Organisierungsform der Sezession ist. Darin liegt der Albtraum der Gründer des modernen Staates: Ein Teil der Kollektivität spaltet sich vom Ganzen ab und ruiniert so die Idee einer sozialen Einheit. Zwei Dinge, die die „Gesellschaft“ nicht ertragen kann: dass ein Gedanke einverleibt werden kann, das heißt dass er auf eine Existenz einwirken kann, was Lebensführung oder Lebensweise angeht; dass dieses Einverleiben nicht nur weitergegeben kann, sondern auch vergemeinschaftet, kommunisiert. Mehr braucht es nicht, dass MAN sich daran gewöhnt, jede kollektive, unkontrollierbare Erfahrung als „Sekte“ zu disqualifizieren.

 

Überall hat sich die Offenkundigkeit der Warenwelt festgesetzt. Diese Offenkundigkeit ist das wirksamste Instrument, um die Ziele von den Mitteln zu trennen, um so den „Alltag“ als einen Raum der Existenz abzusondern, den wir nur verwalten müssen. Der Alltag ist, wohin wir angehalten sind, zurückkehren zu wollen, genau wie zur Akzeptanz einer notwendigen und universellen Neutralisierung. Er ist der ständig wachsende Teil des Verzichts auf die Möglichkeit einer nicht aufgeschobenen Freude. Wie ein Freund sagt: Der Alltag ist der Durchschnitt all unserer möglichen Verbrechen.

Es gibt nur wenige Kollektivitäten, die dem Abgrund, der sie erwartet, entkommen zu können: das heißt, zerdrückt zu werden auf der extremen Plattheit des Realen, der Gemeinschaft als Höhepunkt der durchschnittlichen Intensität, der Rückkehr des langsamen Zerfalls, ungeschickt mit ein paar banalen Affären verputzt.

Die Neutralisierung ist eine wesentliche Charakteristik der liberalen Gesellschaft. Die Brennpunkte der Neutralisierung – wo verlangt wird, dass keine Emotion ausbricht, wo jeder dazu angehalten ist, sich zusammenzureißen – kennen alle, und vor allem erlebt sie jeder als solche: Unternehmen (aber was ist heute kein Unternehmen?), Discos, Sportplätze, Kulturzentren etc. Die wichtige Frage ist, warum – vorausgesetzt, dass alle wissen, was sie von diesen Orten zu erwarten haben – also diese Orte trotzdem so gut besucht sein können? Warum wird es immer und vor allem bevorzugt, „dass nichts passiert“, dass auf keinen Fall etwas eintritt, was zu tiefe Erschütterungen hervorrufen könnte? Aus Gewohnheit? Aus Hoffnungslosigkeit? Aus Zynismus? Oder: Weil man so in den Genuss kommen kann, irgendwo zu sein und zugleich nicht anwesend zu sein, da zu sein und wesentlich anderswo; weil so, was wir im Grunde sind, bewahrt wird, bis wir nicht mehr existieren müssen.

Es sind diese „ethischen“ Fragen, die vor allem gestellt werden müssen, und vernehmlich sind sie es, die wir im Kern der Politik wiederfinden: Wie der affektiven Neutralisierung entgegentreten, der Neutralisierung potentieller Auswirkungen von ausschlaggebenden Gedanken? Und dazu: Wie spielen die modernen Gesellschaften mit diesen Neutralisierungen, oder besser gesagt, wie lassen sie ihr Räderwerk spielen, das für ihr Funktionieren unerlässlich ist? Wie wird die materielle Wirksamkeit des Empire mittels unserer Neigung zur Verminderung in uns selbst und sogar in unseren kollektiven Erfahrungen übertragen?

Die Akzeptanz dieser Neutralisierungen kann sicherlich mit großen schöpferischen Intensitäten einhergehen. Sie können bis zum Wahnsinn experimentieren, unter der Bedingung, dass Sie eine kreative Einzigartigkeit sind und in der Öffentlichkeit den Beweis dieser Einzigartigkeit erbringen (die „Werke“). Sie dürfen auch wissen, was die Erschütterung bedeutet, aber unter der Bedingung, sie allein zu empfinden und sie höchstens indirekt weiterzugeben. Dann werden Sie als Künstler oder Denker anerkannt, und falls Sie „engagiert“ sind, können Sie hie und da eine Flaschenpost ins Meer werfen, mit dem guten Gewissen desjenigen, der weiter sieht und die anderen gewarnt hat.

 

Wir haben, wie viele, die Erfahrung gemacht, dass Affekte, die in einer „Innerlichkeit“ eingeschlossen werden, sich zu etwas Schlechtem entwickeln: dass sie sich sogar zu Symptomen entwickeln. Die Starre, die wir an uns beobachten, kommt von den Mauern, von denen sich jeder verpflichtet glaubte, sie errichten zu müssen, um die Grenzen seiner Person zu markieren, und um hinter ihnen einzudämmen, was nicht überfließen darf. Wenn, aus diesem oder jenem Grund, diese Mauern Risse bekommen und zusammenbrechen, dann geschieht etwas, das vielleicht furchtbar sein kann und vielleicht sogar wesentlich mit Furcht zu tun hat, aber mit einer Furcht, die uns von der Angst befreien kann. Jede Infragestellung der individuellen Grenzen, der durch die Zivilisation vorgezeichneten Grenzen, kann sich als Rettung herausstellen. Die Existenz jeder materiellen Gemeinschaft geht mit einer gewissen Gefährdung der Körper einher: Wenn Affekte und Gedanken nicht mehr dem einen oder anderen zugewiesen werden können, wenn sich quasi wieder eine Zirkulation etabliert hat, in dem sich Affekte, Ideen, Eindrücke und Emotionen, den Individuen gegenüber gleichgültig bewegen. Man muss nur gut verstehen, dass die Gemeinschaft an sich keine Lösung ist: Es ist ihr Verschwinden – immer und überall – das Problem.

 

Wir nehmen die Menschen weder isoliert voneinander war noch getrennt von den anderen Wesen der Welt; wir sehen sie durch vielfältige Bindungen verknüpft, die zu verneinen sie gelernt haben. Diese Verneinung erlaubt es, die affektive Zirkulation zu blockieren, durch die diese vielfältigen Bindungen empfunden werden. Diese Blockade ist ihrerseits nötig, damit man sich an das neutralste, farbloseste, durchschnittlichste Regime der Intensität gewöhnt, dasjenige, das einen dazu bringt, sich Urlaub, die Wiederkehr der Mahlzeiten oder entspannte Abende als eine Wohltat zu wünschen – will sagen Dinge, die genauso neutral, durchschnittlich und farblos sind, frei gewählt. Von diesem Regime der Intensität, es ist in der Tat sehr verwestet, nährt sich die imperiale Ordnung.

 

Uns wird gesagt: Indem ihr die emotionellen Intensitäten verteidigt, die im gemeinsamen Experimentieren entstehen, widersprecht ihr dem, was die Lebewesen zum Leben verlangen, nämlich Annehmlichkeit und Ruhe – übrigens heute zu hohem Preis verkauft, wie jedes verknappte Lebensmittel. Wenn man damit meint, dass unser Standpunkt unvereinbar ist mit autorisierter Freizeit, dann könnten selbst die Wintersportfanatiker annehmen, dass es kein großer Verlust wäre, alle diese Skistationen abbrennen zu sehen und den Platz den Murmeltieren zurückzugeben. Hingegen haben wir nichts gegen die Zärtlichkeit, die alle Lebewesen als Lebewesen mit sich tragen. „Es könnte sein, dass Leben etwas Zartes ist“, irgendein Grashalm weiß es besser als alle Bürger der Welt.

 

Proposition V

Alle moralischen Bedenken, jegliche Sorge um Rein-

heit ersetzen wir durch das kollektive Erarbeiten einer

Strategie.

Nichts ist schlecht bis auf das, was dem Anwachsen

unserer Stärke schadet.

Es gehört zu diesem Beschluss, nicht mehr zwischen

Wirtschaft und Politik zu unterscheiden.

Die Aussicht, Gangs zu bilden, erschreckt uns nicht;

als Mafia zu gelten, belustigt uns eher.

 

Scholium

Man hat uns diese Lüge verkauft: Was uns am eigensten sei, wäre, was uns vom Gemeinen unterscheidet.

Wir machen die gegenteilige Erfahrung: Jede Eigenheit wird durch die Art und die Intensität empfunden, mit der ein Wesen etwas Gemeinsames schafft.

Im Grunde genommen ist es das, wovon wir ausgehen, das, wo wir uns wiederfinden.

Das Eigentümlichste in uns verlangt ein Teilen.

Nun stellen wir Folgendes fest: Nicht nur, dass was wir zu teilen haben, offensichtlich nicht mit der herrschenden Ordnung vereinbar ist; sondern auch, dass diese unablässig jede Form des Teilens verfolgt, deren Regeln sie nicht bestimmt. In den Metropolen, zum Beispiel, sind die Kasernen, die Krankenhäuser, die Gefängnisse, die Pflegeanstalten und die Altenheime die einzigen zugelassenen kollektiven Wohnformen. Der normale Zustand ist die Isolierung jedes Menschen in seinem privaten Würfel. Dorthin kehrt er stets zurück, unabhängig der Erschütterungen, welche die außerhalb erlebten Begegnungen für ihn darstellen, die Zurückweisungen, die er erleidet.

Wir haben diese Bedingungen der Existenz bereits kennengelernt und werden niemals zu ihnen zurückkehren. Sie schwächen uns zu sehr. Machen uns zu verletzlich. Lassen uns zugrunde gehen.

Die Isolation ist in den „traditionellen Gesellschaften“ die härteste Strafe, zu der man ein Mitglied der Gemeinschaft verurteilen kann. Zurzeit ist sie der Normalzustand. Der Rest des Desasters folgt logischerweise. Es ist aufgrund der engstirnigen Idee, die sich jeder von seinem „Bei sich Zuhause“ macht, dass es natürlich erscheint, die Straße der Polizei zu überlassen. MAN hätte weder die Welt so entschieden unbewohnbar machen noch danach streben können, jegliche Sozialität zu kontrollieren – von den Märkten zu den Bars, von den Unternehmen zu den „Darkrooms“ – wenn MAN nicht zuvor jedem die Zuflucht des Privatraums gewährt hätte.

 

In unserer Flucht aus den Existenzbedingungen, die uns verstümmeln, haben wir die Squats gefunden, oder eher die internationale Squat-Szene. In dieser Konstellation von besetzten Orten, in denen, was auch immer man davon halten möge, mit Formen von kollektiver Aggregation außer Kontrolle experimentiert wird, haben wir in der ersten Zeit ein Wachsen unserer Stärke erfahren. Wir haben uns für das elementare Überleben organisiert – Enteignung, Diebstahl, kollektives Arbeiten, gemeinsames Essen, Teilen von Techniken, Material und amourösen Neigungen – und wir haben Formen politischen Ausdrucks gefunden – Konzerte, Demos, direkte Aktionen, Sabotage, Flugblätter.

Dann, nach und nach, haben wir mit angesehen, wie das, was uns umgab, sich zum Milieu und vom Milieu zur Szene wandelte. Wir haben mit angesehen, wie die Verordnung einer Moral das Ausarbeiten einer Strategie ersetzte. Wir haben mit angesehen, wie Normen sich verfestigten, Reputationen sich aufbauten, gute Einfälle zu funktionieren anfingen, und alles wurde so vorhersehbar. Das kollektive Abenteuer hat sich zu einem eintönigen Zusammenwohnen gehäutet.

 

Eine feindselige Toleranz hat sich aller Beziehungen bemächtigt. Man hat sich arrangiert. Und so hat sich am Ende zwangsläufig zu einem Abbild der dominierenden Welt reduziert, was sich einst einbildete, eine Gegen-Welt zu sein: die gleichen Spiele der persönlichen Bewertung auf dem Gebiet des Diebstahls, der Schlägerei, der politischen Korrektheit oder der Radikalität – der gleiche schmierige Liberalismus im Gefühlsleben, die gleichen territorialen Sorgen, Sorgen der Kontrolle, die gleiche Unterscheidung zwischen alltäglichem Leben und politischer Aktivität und die gleiche Paranoia. Plus, für die vom Glück am meisten Begünstigten, den Luxus, immer wieder ihrer lokalen Misere zu entfliehen und sie woanders hinzutragen, dahin, wo sie noch exotisch ist.

 

Wir schreiben diese Schwächen nicht der Form Squat zu. Weder verleugnen noch verwerfen wir sie. Wir sagen, dass Besetzen für uns nur aufs neue Sinne bekommt unter der Bedingung, dass wir uns über die Grundlagen des Teilens, für das wir uns einsetzen, verständigen. In den Squats, wie überall anders auch, ist die Ausarbeitung einer kollektiven Strategie die einzige Alternative zum Rückzug in eine Identität, zur Integration oder zum Ghetto. Im Bezug auf die Strategie behalten wir alle Lektionen der „Tradition der Besiegten“ in unserem Gedächtnis. Wir erinnern uns an die Anfänge der Arbeiterbewegung.

Sie sind uns nah.

Weil das, wovon in ihrer Anfangsphase Gebrauch gemacht wurde, direkt mit dem in Verbindung steht, was wir leben, von was wir heute Gebrauch machen wollen.

Die Konstitution der Kraft, die später „Arbeiterbewegung“ genannt wurde, basierte zuerst auf dem Teilen krimineller Praktiken. Die schwarzen Solidaritätskassen für den Fall des Streiks, die Sabotage, die Geheimgesellschaften, die Gewalt der Klasse, die ersten Formen der Vergegenseitigung, die auf den Ausbruch aus dem individuellen Debakel zielten, haben sich in vollem Bewusstsein ihres illegalen Charakters und ihres Antagonismus entwickelt.

Es war in den USA, wo die Unterschiedslosigkeit zwischen Organisationsformen der Arbeiter und der organisierten Kriminalität am greifbarsten war. Die Stärke der amerikanischen Proletarier zu Beginn der industriellen Ära basierte ebenso auf der aus dem Inneren der Arbeitergemeinschaft entspringenden Entwicklung einer Kraft der Zerstörung und der Repressalien gegen das Kapital, sowie auf der Existenz klandestiner Solidarität. Das konstante Wechseln vom Arbeiter zum Übeltäter zog als Antwort eine systematische Kontrolle nach sich, die „Moralisierung“ jeder autonomen Organisationsform. MAN marginalisierte alles, was über das Ideal des aufrechten Arbeiters hinausging, als Gang. Nur um auf der einen Seite die Mafia und auf der anderen Seite die Gewerkschaften zu schaffen, alle beide Ergebnisse einer wechselseitigen Amputation.

 

In Europa bezahlte man die Integration von Organisationsformen der Arbeiter in den staatlichen Verwaltungsapparat – Fundament der Sozialdemokratie – mit dem Verzicht darauf, die geringste Fähigkeit zu stören auch nur in Betracht zu ziehen. Auch hier beruhte die Entstehung der Arbeiterbewegung auf materieller Solidarität und dem dringenden Bedürfnis nach Kommunismus. Die „Volkshäuser“ waren die letzten Zufluchtsorte dieser Nichtunterscheidung zwischen Notwendigkeiten sofortiger Kommunisierung und strategischen Notwendigkeiten, verbunden mit der Umsetzung des revolutionären Prozesses. Die „Arbeiterbewegung“ entwickelte sich im Folgenden zu einer fortschreitenden Trennung zwischen der genossenschaftlichen Strömung als ökonomische Nische, die ihren strategischen Zweck hatte einerseits, und aufs parlamentarische Terrain projizierten politischen und gewerkschaftlichen Formen der Mitbestimmung andererseits. Es ist die Abkehr von jeglichen sezessionistischen Absichten, der diese Absurdität entspringt – die Linke. Der Höhepunkt dessen ist erreicht, wenn die Gewerkschafter die Rückkehr zur Gewalt denunzieren, jedem, der es hören will, beteuernd, dass sie mit den Bullen zusammenarbeiten werden, um die Randalierer unter Kontrolle zu bringen.

 

Das polizeiliche Verhärten der Staaten in den letzten Jahren beweist nur dies: dass die westlichen Gesellschaften jede Kraft zur Aggregation verloren haben. Sie tun nichts mehr, als ihren unvermeidlichen Zerfall zu verwalten. Das heißt essenziellerweise, jegliche Reaggregation zu verhindern, und alles, was entsteht, zu pulverisieren.

Alles, was desertiert.

Alles, was aus der Reihe tanzt.

Aber es hilft nichts. Der Zustand der inneren Ruine dieser Gesellschaften lässt eine wachsende Zahl von Rissen sichtbar werden. Das kontinuierliche Wiederherstellen des äußeren Scheins kann nichts ändern: Dort formen sich Welten. Squats, Kommunen, Banden, Banlieues, alle versuche, sich der kapitalistischen Trostlosigkeit zu entziehen. Meistens scheitern diese Versuche oder sterben an der Autarkie, mangels Etablierung von angemessenen Kontakten und Solidaritäten. Auch am Mangel im globalen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen.

Aber alle diese Reaggregationen sind nichts im Vergleich zum Verlangen der Masse, dem dauernd aufgeschobenen Verlangen, alles hinzuschmeißen. Wegzulaufen.

In zehn Jahren, zwischen zwei Volkszählungen, sind in Großbritannien 10.000 Personen verschwunden. Sie haben einen LKW genommen, ein Ticket gelöst, LSD konsumiert oder sind in den Untergrund gegangen. Sie sind ausgetreten. Sie sind weggegangen.

Wir hätten gerne, während unseres Austritts, einen Ort gehabt, um uns wieder zu sammeln, eine Partei, die wir hätten ergreifen können, eine Richtung, die wir hätten einschlagen können.

Viele, die fortgehen, verlieren sich.

Und kommen nie an.

 

Unsere Strategie ist also die folgende: von nun an ein Ensemble von Brennpunkten der Desertation, von Zentren der Abspaltung, von Sammelpunkten zu etablieren. Für die Flüchtenden. Für die, die gehen. Ein Ensemble von Orten, an denen man sich dem Zugriff einer Zivilisation, die in den Abgrund stürzt, entziehen kann.

Es geht darum, sich die Mittel zu schaffen, die Ebene zu finden, auf der die Gesamtheit der Fragen gelöst werden kann, die, wenn sie jedem einzeln gestellt werden, in die Depression führen. Wie sich der Abhängigkeiten entledigen, die uns schwächen? Wie sich außerhalb der Giftigkeit der Metropolen einrichten, ohne nur „weg aufs Land zu ziehen“? Wie die Atomkraftwerke anhalten? Was tun, um nicht mehr gezwungen zu sein, auf die psychiatrischen Mühlen zurückzugreifen, wenn ein Freund verrückt wird, und zu groben Heilmitteln der mechanistischen Medizin, wenn er krank wird? Wie zusammenleben, ohne sich gegenseitig zu erdrücken? Wie mit dem Tod eines Genossen umgehen? Wie das Empire zerstören?

 

Wir kennen unsere Schwäche: Wir sind geboren und aufgewachsen in ebenso befriedeten wie aufgelösten Gesellschaften. Wir hatten nicht die Gelegenheit, die Festigkeit zu erlangen, die Momente intensiver kollektiver Konfrontation schaffen. Auch nicht das Wissen, das mit ihnen verbunden ist. Wir müssen die politische Bildung miteinander ausbrüten. Eine theoretische und praktische Bildung.

Und dafür brauchen wir Orte. Orte, an denen wir uns organisieren, die erforderten Techniken teilen und entwickeln. Wo wir uns in der Handhabung all dessen ausbilden, was sich als nötig herausstellen könnte. Wo wir kooperieren. Wenn es nicht auf jede politische Perspektive verzichtet hätte, würde das Experiment Bauhaus, mit allem, was es an Materialität und Unnachgiebigkeit enthielt, die Vorstellung beschreiben, die wir uns von für die Weitergabe von Wissen und Erfahrung eingerichteter Raum-Zeit machen. Auch die Black Panthers statteten sich mit solchen Orten aus, denen sie ihre politisch-militärischen Fähigkeiten, die 10.000 Gratis-Frühstücke, die sie jeden Tag ausgaben und ihre autonome Presse hinzufügten. Bald stellten sie eine so spürbare Bedrohung für die Macht dar, dass MAN die Spezialkräfte schicken musste, um sie zu massakrieren.

 

Wer auch immer sich so als Kraft konstituiert, weiß, dass er eine Partei im weltweiten Abwickeln von Feindseligkeiten wird. Die Frage der Anwendung oder des Verzichts auf „Gewalt“ ist keine der Fragen, die sich für eine solche Partei stellen. Und der Pazifismus selbst erscheint uns eher wie eine zusätzliche Waffe im Dienste des Empire, an der Seite der Riot-Cops und der Journalisten. Die Überlegungen, die uns beschäftigen müssen, erstrecken sich auf die Bedingungen des asymmetrischen Konfliktes, der uns aufgezwungen ist, von den Arten des Erscheinens und des Verschwindens, die unseren jeweiligen Praktiken adäquat sind. Die Demonstration, die unvermummte Aktion und der aufgebrachte Protest sind der aktuellen Herrschaft unangemessene Kampfformen, sie verstärken sie sogar, indem sie durch aktualisierte Informationen seine Kontrollsysteme nähren. Hingegen erscheint es angemessen, angesichts der Brüchigkeit der zeitgenössischen Subjektivitäten selbst unserer Herrscher, aber auch angesichts des weinerlichen Pathos, der als Umgebung des Todes selbst des geringsten Bürgers durchgesetzt wurde, eher materielle Einrichtungen anzugreifen, als die Menschen, die ihnen ein Gesicht geben. Dies aus strategischer Sorge. Außerdem sollten wir uns den alten Guerillas eigenen Operationsformen zuwenden: anonyme Sabotage, Aktionen, zu denen man sich nicht bekennt, Einsatz leicht erlernbarer Techniken und gezielte Gegenangriffe.

 

Es gibt keine moralische Frage in der Art, wie wir unsere Mittel zum Leben und Kämpfen beschaffen, sondern eine taktische Frage der Mittel, die wir uns geben, und der Verwendung, die wir für sie finden.

„Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit“, sagte eine Freundin.

 

Es geht darum, die materiellen Umstände zu schaffen, für eine Offenheit die Freude zu teilen.

 

Proposition VI

Einerseits wollen wir den Kommunismus leben;

andererseits wollen wir Anarchie verbreiten.

 

Scholium

Die Epoche, die wir durchleben, ist die der extremsten Trennung. Die depressive Normalität der Metropolen, ihre einsamen Menschenmengen, drücken die unmögliche Utopie einer Gesellschaft von Atomen aus. Die extremste Trennung enthüllt die Bedeutung des Wortes „Kommunismus“. Kommunismus ist kein politisches oder ökonomisches System. Kommunismus kommt sehr gut ohne Marx aus. Kommunismus schert sich einen Dreck um die UdSSR.

 

Wenn MAN nicht davon bedrängt würde, dass uns in Wirklichkeit alles zum Kommunismus hinführt, könnten wir uns nicht erklären, warum MAN seit fünfzig Jahren alle zehn Jahre wieder so tut, als würde MAN die Verbrechen Stalins entdecken, um auszurufen: „Seht her, was Kommunismus ist!“

 

Das einzige Argument, das nie gegen den Kommunismus verwendet werden konnte, war, dass wir ihn nicht brauchen.

Und für einige, trotz ihrer Borniertheit, gab es bis noch vor nicht allzu langer Zeit da und dort gemeinschaftliche Dinge, Sprachen, Gedanken und Orte, die überdauert haben; genug auf jeden Fall, um nicht zu Grunde zu gehen. Es gab Welten und sie waren bewohnt. Die Weigerung, ihn sich vorzustellen, die Weigerung, sich die Frage des Kommunismus zu stellen, hatte ihre Gründe, ihre praktischen Gründe. Sie wurden weggefegt. Die 80er Jahre verbleiben in Frankreich in ihrem Andauern als traumatisches Mal dieser letzten Säuberungsaktion. Von da an zeichnet Leiden alle sozialen Beziehungen. Sodass jede Betäubung, jede Isolierung, vorgezogen wird. In einem gewissen Sinn ist es der existenzielle Liberalismus selbst, der uns durch das Übermaß seines Triumphes zum Kommunismus drängt.

 

Die Frage des Kommunismus beruht auf der Gestaltung unserer Beziehung zur Welt, zu den Wesen und zu uns selbst. Sie stützt sich auf die Ausgestaltung des Spiels zwischen den unterschiedlichen Welten, auf die Kommunikation zwischen ihnen.

Sie handelt also nicht von der Vereinigung zu einem planetaren Raum, sondern von der Ausgestaltung des Fühlbaren, das heißt von einer Vielzahl von Welten.

In diesem Sinne ist der Kommunismus nicht die Aufhebung aller Konflikte, und er beschreibt auch keinen endgültigen Zustand der Gesellschaft, in dem alles gesagt ist. Denn auch durch Konflikte kommunizieren Welten.

„In der bürgerlichen Gesellschaft, wo die Unterschiede zwischen den Menschen sich nicht auf den Menschen selbst beziehen, werden gerade die wahren Unterschiede, die Unterschiede der Qualitäten nicht berücksichtigt. Der Kommunist will keine kollektive Seele schaffen. Er will eine Gesellschaft verwirklichen, in der die falschen Unterschiede eliminiert sind. Und sind diese einmal eliminiert, will er den echten Unterschieden all ihre Möglichkeiten eröffnen.“ So sprach ein alter Freund.

 

Es ist zum Beispiel offensichtlich, dass MAN vorgegeben hat, die Frage nach dem, was zu mir passt, was ich zum Leben brauche, was Teil meiner Welt ist, endgültig geklärt zu haben, einzig durch die polizeiliche Fiktion des legalen Eigentums, also dem, was mir gehört. Etwas ist mir in dem Maße zu eigen, in dem es den Bereichen angehört, die ich nutze; und nicht aufgrund eines juristischen Titels. Am Ende hat legaler Besitz keine andere Realität als die der Kräfte, die ihn beschützen. Demzufolge ist die Frage des Kommunismus einerseits, die Polizei zu beseitigen und andererseits, Formen des Teilens und der Nutzung auszuarbeiten zwischen denen, die zusammenleben. Es ist diese Frage, die MAN täglich mit Aussprüchen wie „Verschone mich!“ und „Mach dir keine Gedanken!“ umgeht. Sicherlich ist Kommunismus nicht einfach gegeben. Er muss ausgedacht werden, er muss gemacht werden. Auch ist fast alles, was sich gegen ihn stellt, auf einen Ausdruck von Erschöpfung zurückzuführen: „Aber ihr werdet es nie schaffen… Das kann nie funktionieren… Menschen sind so, wie sie sind… Und es ist schon schwierig genug, sein eigenes Leben zu meistern… Die Kraft hat ihre Grenzen, wir können nicht alles machen.“ Aber Erschöpfung ist kein Argument. Sie ist ein Zustand.

 

Der Kommunismus geht also von der Erfahrung des Teilens aus. Und als erstes vom Teilen unserer Bedürfnisse. Ein Bedürfnis ist nicht etwas, das uns kapitalistische Einrichtungen angewöhnt haben. Ein Bedürfnis ist nie nur ein Bedürfnis nach Dingen, sondern gleichzeitig immer auch ein Bedürfnis nach Welten. Jedes unserer Bedürfnisse verbindet uns, jenseits aller Scham, mit allem, was dieses Bedürfnis empfindet. Das Bedürfnis ist nur der Name der Beziehung, durch welche ein gewisses sensibles Wesen diesem oder jenem Element seiner Welt eine Bedeutung gibt. Darum haben auch jene, die keine Welten haben – metropolitane Subjektivitäten zum Beispiel – nur Launen. Und dies ist auch der Grund, warum der Kapitalismus, da wo er wie kein anderer Bedürfnisse nach Dingen befriedigt, nur umfassende Unzufriedenheit verbreitet: Denn um dies zu tun, muss er Welten zerstören.

 

Mit Kommunismus meinen wir eine gewisse Disziplin der Achtsamkeit.

 

Die Praxis des Kommunismus, so wie wir sie leben, nennen wir „die Partei“. Wenn wir gemeinsam ein Hindernis überwinden oder einen höheren Zustand des Teilens erreichen, dann sprechen wir davon, dass „wir die Partei aufbauen“. Sicherlich bauen andere, die wir noch nicht kennen, die wir noch nicht kennen, die Partei anderswo auf. Dieser Aufruf wendet sich an sie. In unserer Epoche kann keine kommunistische Erfahrung überdauern, ohne sich zu organisieren, sich an andere zu binden, sich in Krisen zu begeben, Krieg zu führen. „Denn die Oasen, die Leben spenden, werden vernichtet werden, wenn wir in ihnen Zuflucht suchen.“

 

So, wie wir es verstehen, kann der Prozess der Einführung des Kommunismus nur die Form eines Gefüges von Akten der Kommunisierung annehmen; durch das Teilen dieses und jenes Raumes, dieser und jener Geräte, dieses und jenes Wissens. Das heißt die Ausarbeitung der Formen des Teilens, die mit ihnen verknüpft sind. Der Aufstand an sich ist nur ein Beschleuniger, ein entscheidender Moment in diesem Prozess. So, wie wir es verstehen, ist die Partei nicht die Organisation –, wo, unter dem Druck der Transparenz, alles inkonsistent wird – und die Partei ist keine Familie –, wo in der Undurchsichtigkeit der Betrug floriert.

Die Partei ist eine Ansammlung von Orten, Infrastrukturen, kommunisierten Hilfsmitteln, und sie ist die Träume, die Körper, das Gemurmel, die Gedanken und Sehnsüchte, welche sich zwischen diesen Orten bewegen, die Nutzung dieser Mittel, das Teilen dieser Infrastrukturen.

Die Vorstellung von Partei antwortet auf die Notwendigkeit einer minimalen Formalisierung, welche uns untereinander zugänglich macht und gleichzeitig zum kommunistischen Anspruch, dass wir uns gegenseitig erklären und die Basis unseres Teilens formulieren. Sodass der neueste Ankömmling, mindestens in dieser Hinsicht, dem Ältesten gleichwertig sei.

 

Bei genauerer Betrachtung kann die Partei nichts anderes sein als Folgendes: Die Ausbildung der Sensibilität zu einer Kraft. Die Entfaltung eines Archipels von Welten. Was wäre eine politische Kraft unter dem Empire, die nicht ihre Bauernhöfe, ihre Schulen, ihre Lastwagen, ihre Medizin, ihre kollektiven Häuser, ihre Werkbänke, ihre Druckereien und ihre Brückenköpfe in den Metropolen hätte? Es scheint uns immer absurder, dass manche von uns immer noch gezwungen sind, für das Kapital arbeiten zu müssen

– abgesehen von den unterschiedlichen Infiltrationsaufgaben, natürlich.

Die offensive Kraft der Partei kommt von der Tatsache, dass sie zwar eine Produktionskraft ist, aber dass in ihr die Beziehungen nur gelegentlich Produktionsbeziehungen sind. Der Kapitalismus besteht seit jeher in der Reduktion der Beziehungen, in letzter Instanz in der Reduktion aller Beziehungen auf Produktionsbeziehungen. Von der Firma zur Familie taucht der Konsum selbst als weitere Episode in der allgemeinen Produktion auf, in der Produktion von Gesellschaft.

Der Umsturz des Kapitalismus wird von denen kommen, die fähig sind, die Bedingungen für andere Arten von Beziehungen zu schaffen. Demzufolge ist der Kommunismus, von dem wir reden, das strikte Gegenteil zu dem, was MAN als „Kommunismus“ bezeichnet hat und was in den meisten Fällen Sozialismus, vom Staat monopolisierter Kapitalismus war.

Kommunismus besteht nicht aus der Entwicklung neuer Produktionsbeziehungen, sondern in der Abschaffung derselben.

 

Keine Produktionsbeziehungen in unserem Milieu oder zwischen uns selber zu haben, heißt, die Suche nach Resultaten nie wichtiger werden zu lassen als das Interesse am Prozess, die Zerstörung aller Formen der Wertung zwischen uns und darauf acht zu geben, dass wir Zuneigung und Zusammenarbeit nicht entkoppeln. Aufmerksam gegenüber Welten zu sein, gegenüber deren sensiblen Konfigurationen, ist genau das, was die Isolation von so etwas wie „Produktionsbeziehungen“ unmöglich macht.

In den Orten, die wir eröffnen, mit den Mitteln, die wir teilen, ist es genau dieses Wohlwollen, das wir suchen, das wir empfinden.

Um diese Erfahrung zu benennen, hört man immer wieder das Wort „umsonst“. Eher als von „umsonst“ bevorzugen wir von Kommunismus zu sprechen – weil wir nicht vergessen können, was die Praktizierung dieser „Kostenlosigkeit“ an Organisation und, kurz gesagt, an politischem Antagonismus impliziert.

 

Demnach besteht der Aufbau der Partei in seinem sichtbarsten Aspekt für uns darin, zu teilen oder zu kommunisieren, was uns zur Verfügung steht. Einen Ort zu kommunisieren bedeutet: seine freie Nutzung zu ermöglichen und auf der Grundlage dieser Befreiung mit verfeinerten, intensivierten und komplexeren Beziehungen zu experimentieren. Wenn Privateigentum essenziellerweise die Ermessensfreiheit ist, wen man der Nutzung einer bestimmten Sache hindern will, dann ist die Kommunisierung, nur den Agenten des Empire den Zugriff darauf zu verweigern.

 

Von allen Seiten schreit uns die Erpressung entgegen, wählen zu müssen zwischen Offensive und Aufbau, Negativität und Positivität, dem Leben und dem Überleben, Krieg und Alltag.

Wir werden nicht darauf antworten. Wir sehen zu klar, dass dieses zerreißende „Enweder-Oder“ alle existierenden Kollektive wieder und wieder spaltet.

Für eine Kraft, die sich ausbreitet, ist es unmöglich zu sagen, ob die Vernichtung einer Einrichtung, die ihr schadet, eine Angelegenheit von Aufbau oder Offensive ist, ob die Tatsache einer relativen Autonomie in der Versorgung mit Medizin und Lebensmitteln, ein Akt des Krieges oder des Entziehens ist. Es gibt Umstände, wie die eines Krawalls, in welchen die Fähigkeit, sich unter Genossen zu pflegen, unsere Fähigkeit zu zerstören, beträchtlich steigert. Wer kann sagen, dass sich zu bewaffnen nicht Teil der materiellen Konstitution einer Kollektivität ist? Dort, wo wir uns auf eine gemeinsame Strategie einigen, gibt es keine Wahl zwischen der Offensive und dem Aufbau, es gibt in jeder Situation die Gewissheit über das, was unsere Kraft wachsen lässt und was sie mindert, über das, was geeignet ist und was nicht. Und dort, wo diese Gewissheit nicht vorhanden ist, gibt es Diskussionen und im schlimmsten Fall den Versuch „auf gut Glück“.

 

Im Allgemeinen sehen wir nicht, wie etwas anderes als eine Kraft, als eine Realität, die fähig ist, die totale Zerlegung des Kapitalismus zu überleben, ihn wirklich angreifen könnte, das heißt bis zu seiner endgültigen Zerlegung.

Um was es sich handelt, zu gegebener Zeit, ist, den generellen sozialen Kollaps zu unseren Gunsten zu drehen, einen Kollaps wie der in Argentinien oder der Sowjetunion, in eine revolutionäre Situation zu verwandeln. Jene, die vorgeben, die materielle Autonomie von der Sabotage an der imperialen Maschine zu trennen, zeigen in aller Offenkundigkeit, dass sie keins von beidem wollen.

Es ist ein Einwand gegen den Kommunismus, dass das größte Experiment des Teilens jüngster Vergangenheit die Bewegung der spanischen Anarchisten zwischen 1868 und 1939 war.

 

Proposition VII

Der Kommunismus ist jeden Moment möglich.

Was wir „Geschichte“ nennen, ist bis zu diesem

Tag nichts als das Gefüge von Umwegen, die der

Mensch erfunden hat, um ihn zu bannen. Dass diese

„Geschichte“ seit einem guten Jahrhundert auf eine

Anhäufung von verschiedenen Desastern hinausläuft,

und nur darauf, zeigt deutlich, dass die kommunis-

tische Frage nicht mehr aufgeschoben werden kann.

Es ist dieser Aufschub, den wir wiederum aufheben

müssen.

 

Scholium

„Aber was wollt IHR genau? Was schlagt IHR vor?“ Diese Art von Fragen kann unschuldig erscheinen. Aber es sind unglücklicherweise keine Fragen. Es sind Operationen.

Jedes WIR, das sich ausdrückt, auf ein fremdes IHR zurückzuweisen, heißt vor allem, die Bedrohung abzuwenden, dieses WIR könnte mich auf irgendeine Art und Weise ansprechen, dieses WIR könnte mich durchdringen. Dann heißt es auch, denjenigen, der nichts tut, außer eine Aussage – in sich nicht zurechenbar – zu tragen, als Eigentümer dieser darzustellen. Nun, in der zurzeit herrschenden, methodischen Vorgehensweise der Trennung, ist den Aussagen die Zirkulation nur unter der Bedingung zugestanden, dass sie einen Eigentümer, einen Autor, nachweisen können. Ohne das würde die Gefahr bestehen, dass sie ein wenig allgemein werden, und nur was MAN aussagt, ist für die anonyme Verbreitung zugelassen.

Und dann gibt es diese Mystifikation: dass wir, gefangen im Laufe einer Welt, die uns missfällt, Vorschläge zu machen und Alternativen zu finden hätten. Dass wir uns, anders gesagt, aus der uns aufgedrückten Situation herausziehen könnten, um nüchtern und sachlich darüber zu diskutieren, unter vernünftigen Menschen.

Eben nicht, es gibt keinen Raum außerhalb der Situation. Es gibt kein Außerhalb des weltweiten Bürgerkriegs. Wir sind unrettbar da.

Alles, was wir tun können, ist dafür eine Strategie erarbeiten. Eine Analyse der Situation teilen und daraus eine Strategie erarbeiten. Das ist das einzige WIR, das möglicherweise revolutionär ist, das praktische WIR, offen und diffus, von denen, die in dieselbe Richtung wirken.

 

Zu der Zeit, in der wir schreiben, im August 2003, können wir sagen, dass wir uns der größten Offensive des Kapitals seit gut zwanzig Jahren gegenübersehen. Der Antiterrorismus und der Abbau der letzten Einrichtungen, die in anderer Zeit von der verblichenen Arbeiterbewegung erkämpft worden waren, geben den Ton einer generellen Gleichschaltung der Bevölkerung an. Niemals haben die Verwalter der Gesellschaft so gut gewusst, von welchen Hindernissen sie befreit worden waren und welche Mittel sie in der Hand haben. Sie wissen zum Beispiel, dass das weltweite Kleinbürgertum, das nunmehr die Metropolen bewohnt, viel zu entwaffnet ist, um den geringsten Widerstand gegen seine programmierte Zerstörung zu leisten. So, wie sie wissen, dass sich mittlerweile in Millionen von Tonnen Beton, in der Architektur selbst von so vielen „neuen Städten“, die Konterrevolution eingeschrieben findet, die sie dirigieren. Auf lange Sicht scheint der Plan des Kapitals zu sein, auf globaler Ebene ein Gefüge von gesicherten Zonen loszulösen, die unaufhörlich untereinander verbunden sind, und wo der Prozess der kapitalistischen Wertschöpfung mit einer gleichzeitig ewigen und ungehinderten Bewegung jede Äußerung von Leben umfasst. Diese Zone imperialen Komforts, staatsbürgerlich und deterritorialisiert, wird eine Art polizeiliches Kontinuum bilden, wo ein fast konstantes Niveau an Kontrolle herrschen wird, sowohl politisch wie biometrisch. Der „Rest der Welt“ kann also, im Maße seiner inkompletten Befriedung, als Gegensatz gebrandmarkt werden und zur gleichen Zeit als gigantisches Außerhalb das es zu zivilisieren gilt. Das ungezähmte Experimentieren des Zusammenwohnens Zone-an-Zone zwischen feindlichen Enklaven, wie es sich seit Jahrzehnten in Israel abspielt, wird das Vorbild der kommenden sozialen Verwaltung stellen. Wir zweifeln nicht daran, dass dabei das wirkliche Ziel des Kapitals ist, sich seine eigene Gesellschaft von der Basis an herzustellen. Wie auch immer die Form und wie hoch der Preis auch sei.

Wir haben in Argentinien gesehen, dass hierfür der ökonomische Zusammenbruch eines ganzen Landes von seinem Standpunkt aus nicht zu teuer zu bezahlen war.

 

In diesem Zusammenhang sind wir jene, all jene, die die taktische Notwendigkeit dieser drei Operationen verspüren:

1. Mit allen Mitteln den Wiederaufbau der Linken verhindern.

2. Von der „Naturkatastrophe“ bis zur „sozialen Bewegung“ den Prozess der Kommunisierung vorantreiben, den Aufbau der Partei.

3. Die Spaltung bis in die vitalen Sektoren der imperialen Maschine tragen.

 

1. Die Linke befindet sich periodisch im Zusammenbruch. Das amüsiert uns, reicht uns aber nicht. Ihren Zusammenbruch wollen wir definitiv. Unwiderruflich. Damit nie wieder das Gespenst einer unversöhnbaren Opposition im Geist derer umher spukt, die wissen, dass sie nicht ins kapitalistische Funktionieren passen. Die Linke – heute geben das alle zu, aber erinnern wir uns übermorgen noch daran? – ist integrierender Bestandteil der Dispositive der Neutralisierung, die der liberalen Gesellschaft eigen sind. Je mehr sich die Implosion des Sozialen bewahrheitet, desto mehr beruft sich die Linke auf „die Zivilgesellschaft“. Je mehr die Polizei ungestraft ihre Willkür ausübt, desto mehr deklariert sich die Linke als pazifistisch. Je mehr sich der Staat von den letzten juristischen Formalitäten befreit, desto staatsbürgerlicher wird sie. Je dringlicher es wird, uns die Mittel unserer Existenz anzueignen, desto mehr ermahnt uns die Linke, zu warten und Verhandlungen zu fordern, wenn nicht sogar den Schutz unserer Herren. Sie ist es, die uns einschärft, angesichts von Regierungen, die sich offen auf dem Gebiet des sozialen Krieges platzieren, uns mit ihnen zu verständigen, unsere Beschwerden zu überarbeiten, Forderungen zu formulieren, politische Ökonomie zu studieren. Von Léon Blum zu Lula war die Linke niemals etwas anderes als das: die Partei des Mannes, des Staatsbürgers und der Zivilisation. Heute fällt dieses Programm mit dem Programm der vollständigen Konterrevolution zusammen. Dem, die Gesamtheit der Illusionen aufrecht zu erhalten, die uns lähmen. Die Bestimmung der Linken ist es also, den Traum davon darzustellen, wovon nur die Herrschaft die Mittel besitzt. Sie bildet den idealistischen Aspekt der imperialen Modernisierung, das notwendige Ventil der unerträglichen Gangart des Kapitalismus. MAN widerstrebt nicht mehr, es selbst in den Veröffentlichungen des Ministeriums für Jugend, Bildung und Forschung zu schreiben: „Von jetzt an weiß jeder, dass der Staat ohne die konkrete Hilfe der Bürger weder die Mittel noch die Zeit hätte, die Baustellen zu bewältigen, die unsere Gesellschaft daran hindern können, zu explodieren“ (Envie d’agir – Le guide de l’engagement).

Die Linke auseinander zu nehmen, zu besiegen – das heißt, den Kanal der sozialen Abneigung konstant offen zu halten –, ist nicht nur nötig, sondern heute möglich. Wir sind Zeugen, wie sich in einem beschleunigten Rhythmus die imperialen Strukturen verstärken und gleichzeitig Zeugen des Übergangs der alten arbeiterischen Linken, Totengräberin der Arbeiterbewegung – obwohl einst ihr entsprungen – zu einer neuen Linken, global, kulturell, von der wir sagen können, dass der Negrismus ihre am weitesten entwickelte Spitze darstellt. Diese neue Linke sitzt noch unsicher auf der kürzlich erfolgten Neutralisierung der „Antiglobalisierungsbewegung“. Die neuen Köder, die sie auswirft, werden als solche erkannt, während die der alten Linken wirkungslos geworden sind.

Unsere Aufgabe ist es, die weltweite Linke überall zu zerstören, wo sie sich manifestiert, jeden ihrer möglichen Momente der Konstituierung methodisch zu sabotieren, das heißt in der Theorie wie in der Praxis. In diesem Sinne lag unser Erfolg in Genua nicht so sehr in den spektakulären Auseinandersetzungen mit der Polizei oder in den Schäden, die den Organen des Staates und dem Kapital zugefügt wurden, sondern in der Tatsache, dass die Verbreitung von Praktiken der Konfrontation, die dem „Schwarzen Block“ eigen sind, in allen Zügen der Demonstration den angekündigten Triumph der Tute Bianche zum Kentern gebracht hat. Gleichzeitig besteht unser Misserfolg seither darin, dass wir es nicht verstanden haben, unsere Position derart auszuarbeiten, dass dieser Sieg auf der Straße etwas anderes wird als das seitdem von allen so genannt „pazifistischen“ Bewegungen bemühte Schreckgespenst.

Jetzt ist es der Rückzug dieser weltweiten Linken in die Sozialforen – Rückzug, weil sie auf der Straße besiegt wurde –, den wir angreifen müssen.

 

2. Von Jahr zu Jahr wächst der Druck, dass alles funktioniert. In dem Maße, wie die Kybernetisierung des Sozialen voranschreitet, wird die normale Situation zwingender. Und es ist einfach logisch, dass sich seitdem die Situationen der Krise und des Nichtfunktionierens vermehren. Ein Zusammenbruch der Elektrizität, eine Hitzewelle oder eine soziale Bewegung unterscheiden sich nicht vom Standpunkt des Empire aus. Es sind Störungen. Sie müssen verwaltet werden. Im Moment, das heißt aufgrund der Tatsache unserer Schwäche, stellen sich diese Situationen der Unterbrechung als Momente dar, in denen das Empire plötzlich auftritt, sich in die Stofflichkeit der Welten einschreibt, mit neuen Methoden experimentiert. Es ist vor allem in diesen Situationen, in denen es die Bevölkerung – die zu schützen es vorgibt – fester an sich bindet. Das Empire gibt sich überall als Agent der Rückkehr zur normalen Situation. Unsere Aufgabe ist es im Gegenzug, die Situation der Ausnahme bewohnbar zu machen. Wir werden es nur dann schaffen, „die Unternehmens-Gesellschaft“ zu blockieren“, wenn wir diese Blockade mit anderen Wünschen bevölkern als mit dem Rückkehr zur Normalität.

Was in einem Streik oder in einer „Naturkatastrophe“ passiert, ist in einem gewissen Sinn ziemlich ähnlich. Eine Unterbrechung greift in die organisierte Regelmäßigkeit unserer Abhängigkeiten ein. Das bedürfende Wesen kommt also in jedem nackt zum Vorschein, das kommunistische Wesen; und somit das, was uns essenziell verbindet und was uns essenziell trennt. Der Schleier der Scham, mit dem normalerweise all das verdeckt ist, zerreißt. Die Verfügbarkeit für Begegnungen, für ein Experimentieren mit anderen Beziehungen zur Welt, zu anderen, zu sich, so wie sie sich dann manifestiert, reicht, um jeden Zweifel an der Möglichkeit des Kommunismus wegzufegen. Was auch für das Bedürfnis nach Kommunismus gilt. Was also verlangt wird, ist unsere Fähigkeit zur Selbstorganisierung, unsere Fähigkeit, indem wir uns sofort auf der Grundlage unserer Bedürfnisse organisieren, die Situation der Ausnahme, auf deren Schrecken die imperiale Macht beruht, dauerhaft zu machen, zu propagieren und effektiv zu machen. Das ist besonders frappant in den „sozialen Bewegungen“. Der Ausdruck an sich, „soziale Bewegung“, scheint da zu sein, um zu suggerieren, dass, was wirklich zählt, die Tatsache sei, wohin wir gehen, und nicht, was dort passiert. Es gibt heutzutage in allen sozialen Bewegungen eine Haltung, sich nicht dessen zu bemächtigen, was da ist, wodurch sich die Tatsache erklärt, dass sie aufeinander folgen, ohne sich jemals zu verfestigen – wobei es eher scheint, dass sie sich jagen. Von daher die besondere Beschaffenheit, so flüchtig, der Sozialität der Bewegung, wo jedes Engagement so widerruflich erscheint. Von daher auch ihre unveränderliche Dramaturgie: ein schnelles Aufblühen, das der Medienresonanz geschuldet ist, dann, von dieser übereilten Aggregation ausgehend, der langsame, aber fatale Verschleiß; schließlich die ausgetrocknete Bewegung, der letzte Kreis von Unbeugsamen, der in dieser oder jener Gewerkschaft aufgeht, diese oder jene Assoziation gründet, in der Hoffnung, dadurch eine organisatorische Kontinuität für ihr Engagement zu finden. Aber das ist nicht die Kontinuität, wie wir sie suchen: der Fakt, über Orte zu verfügen, um sich eventuell zu treffen, und eine Kopiermaschine, um Flugblätter zu produzieren. Die Kontinuität, die wir suchen, ist die, die es uns erlaubt, nicht zur Arbeit zurückzukehren, nachdem wir monatelang gekämpft haben, die Arbeit nicht wie zuvor wieder aufzunehmen, sondern damit fortzufahren, Schaden anzurichten. Und diese Kontinuität können wir nur in Bewegung errichten. Sie ist eine Angelegenheit einer unmittelbaren und materiellen Kollektivierung, der Konstruktion einer wirklichen revolutionären Kriegsmaschine, des Aufbaus der Partei. Wie wir sagten, handelt es sich darum, sich auf der Grundlage unserer Bedürfnisse zu organisieren – fortlaufend auf die kollektive Frage nach essen, schlafen, denken und sich lieben zu antworten; Formen zu schaffen, unsere Kräfte zu koordinieren – und das als einen Moment des Krieges gegen das Empire aufzufassen.

Nur so, indem wir die dem Programm eigenen Störungen bewohnen, können wir diesem „ökonomischen Liberalismus“ Kontra geben, der nichts ist als die strikte Konsequenz, die logische Verwirklichung des existenziellen Liberalismus, der überall akzeptiert und praktiziert wird, den jeder als sein elementarsten Recht beansprucht, diejenigen eingeschlossen, die dem „Neo-Liberalismus“ die Stirn bieten wollen. So wird sich die Partei konstruieren, als eine Spur bewohnbarer Orte, die sie in jeder Situation der Ausnahme hinterlässt, durch die das Empire getroffen wird. Wir werden sehen können, wie die Subjektivitäten und die revolutionären Kollektive weniger mürbe werden im gleichen Maße, wie sie sich eine Welt geben.

 

3. Das Empire stammt offensichtlich aus der Zeit der Konstitution zweier Monopole: einerseits das wissenschaftliche Monopol der „objektiven“ Beschreibungen der Welt und der Techniken des Experimentierens mit ihr, andererseits das religiöse Monopol der Techniken des Selbst, Methoden, durch die sich Subjektivitäten ausarbeiten – das Monopol, an das sich die psychoanalytische Praxis direkt anschließt. Einerseits eine Beziehung zur Welt frei von jeder Beziehung zu sich selbst – zu sich als einem Fragment der Welt –, anderseits eine Beziehung zu sich, frei von jeder Beziehung zur Welt – zur Welt, insofern sie mich durchdringt. Alles verhält sich demzufolge so, als ob die Wissenschaften und die Religionen trotz ihres Zwiespalts den Raum bilden, in dem das Empire idealerweise frei ist, sich zu bewegen.

Sicherlich, diese Monopolen sind unterschiedlich verteilt, den Zonen des Empire folgend. In den sogenannten entwickelten Gegenden stellen die Wissenschaften einen Diskurs der Wahrheit, dem die Macht zuerkannt wird, die Existenz selbst der Kollektivität in Form zu bringen, dort, wo der religiöse Diskurs diese Fähigkeit verloren hat. Also genau dorthin müssen wir die Spaltung tragen, um anzufangen.

Die Spaltung in die Wissenschaften zu tragen heißt nicht, sich auf sie zu werfen wie auf eine einzunehmende oder niederzureißende Festung, sondern die Bruchlinien hervorzuheben, die sie durchziehen, die Partei derer zu ergreifen, die diese Linien betonen – die damit anfangen, sie nicht zu verwischen. Die gleiche falsche Kompaktheit des mit Rissen durchzogenen Sozialen findet sich in jedem Zweig der Wissenschaft – als ein von Strategien übersättigtes Schlachtfeld. Lange ist es der wissenschaftlichen Gemeinschaft gelungen, sich selbst das Ansehen einer großen geeinten Familie zu geben, grundlegend übereinstimmend und so voller Respekt für die Regeln der Höflichkeit. Es war sogar ihre politische Hauptoperation, die an die Existenz der Wissenschaften gebunden ist: die internen Risse verhüllen und als dieses Bild geglättet war, unerreichten Schrecken zu verbreiten. Schrecken gegen das Außerhalb, für alles, was nicht als wissenschaftlich anerkannt ist, Entzug des Status zur Teilnahme am Wahrheitsdiskurs. Schrecken gegen das Innerhalb, als höfliche, grausame Disqualifizierung potenzieller Ketzerei. „Lieber Kollege…“

 

Jede Wissenschaft macht Gebrauch von einem Gefüge von Hypothesen; diese Hypothesen sind im Bezug auf die Konstruktion des Realen gleichwertig mit Entscheidungen. Das wird heute weitestgehend zugegeben. Was verleugnet wird, ist die ethische Bedeutung jeder dieser Entscheidungen, in welchem Maße sie sich einer gewissen Lebensform verpflichten, eine gewisse Art, die Welt aufzufassen (zum Beispiel die Zeit der Existenz als Ablaufen eines „genetischen Programms“ zu empfinden, oder die Freude als eine Angelegenheit des Serotonins).

 

Auf diese Weise scheinen die Spiele der wissenschaftlichen Sprache weniger dafür gemacht zu sein, eine Kommunikation zwischen denen zu ermöglichen, die sie benutzen, sondern dafür diejenigen auszuschließen, die nichts von ihnen wissen. Die materiellen Einrichtungen, hermetisch abgeschlossen, in denen die wissenschaftliche Aktivität stattfindet – Laboratorien, Kolloquien etc. –, tragen in sich die Trennung der Experimente von den Welten, die sie konfigurieren könnten. Es reicht nicht zu beschreiben, auf welche Art und Weise die sogenannte „fundamentale“ Forschung immer über ein paar Umwege mit militärisch kommerziellen Flüssen verbunden ist und wo diese wechselseitig dazu beitragen, die Inhalte, sogar die Orientierungen der Forschung zu bestimmen. Die Art und Weise, in der Wissenschaften an der imperialen Befriedung teilnehmen, ist vor allem, einzig jene Experimente auszuführen, einzig jene Hypothesen zu testen, die mit dem Erhalten der dominanten Ordnung vereinbar sind. Unsere Weise, die imperiale Ordnung zu zerstören, kann nur sein, Räume für antagonistische Experimente zu öffnen. Es hängt von der Existenz solcher Orte des Freiwerdens ab, ob die Experimente, die mit ihnen zusammenhängen, Welten entstehen lassen können, wie es von der Vielzahl dieser Welten abhängt, ob sich die unterdrückte Konfliktualität der wissenschaftlichen Praktiken ausdrückt.

 

Es geht darum, dass die Verwender der alten, mechanistischen, pasteurianischen Medizin sich denjenigen anschließen, die „traditionelle“ Medizin praktizieren, alles verwirrte „New-Age“ bei Seite gelassen. Aufzuhören, Forschung mit Laboren zu verwechseln, Labore, die ihre Interessen juristisch verteidigen. Nicht-produktivistische landwirtschaftliche Methoden außerhalb des abgesteckten Feldes der Biolabel zu entwickeln. Auf dass diejenigen, die den unerträglichen Charakter der Widersprüche in der nationalen Bildung empfinden – zwischen Verteidigung der Republik und Atelier von diffusem Selbstunternehmertum – immer zahlreicher werden. Dass die „Kultur“ sich nicht mehr der Zusammenarbeit mit auch nur einem einzigen Erfinder von Formen brüsten kan.

 

Überall sind Allianzen möglich.

Die Perspektive, die kapitalistischen Kreisläufe zu zerstören, erfordert, dass sich die Spaltungen häufen, und dass sie sich verbinden.

MAN wird uns sagen: Ihr seid in einer Zwickmühle gefangen, die euch auf die eine oder andere Art verdammt: Sei es, dass ihr es schafft, eine Bedrohung für das Empire darzustellen. In diesem Fall würdet ihr schnell eliminiert werden; sei es, dass ihr es nicht schafft, eine derartige Bedrohung darzustellen. Dann hättet ihr euch selbst zerstört, einmal mehr.

 

Bleibt nur, die Wette abzuschließen, dass es eine andere Möglichkeit gibt, einen schmalen Grat, gerade breit genug, dass wir darauf laufen können, breit genug, dass alle diejenigen, die verstehen, darauf laufen und leben können.