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FANAL 1. Jahrgang 1926/27 Online !

Die ersten 12 Hefte der Zeitschrift Fanal von Erich Mühsam sind nun hier zum Herunterladen & Lesen.
Heft einzeln oder den gesamten Jahrgang zum download.



 
 Erich Mühsam:

APPELL AN DEN GEIST  
 
Wir Menschen sind geschaffen, in Gesellschaft miteinander zu leben; wir sind aufeinander angewiesen, leben voneinander, beackern miteinander die Erde und verbrauchen miteinander ihren Ertrag. Man mag diese Einrichtung der Natur als Vorzug oder als Benachteiligung gegenüber fast allen anderen Tieren bewerten: die Abhängigkeit des Menschen von den Menschen besteht, und sie zwingt unsern Instinkt in soziale Empfindungen. Sozial empfinden heißt somit, sich der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen bewußt sein; sozial handeln heißt im Geiste der Gemeinschaft wirken.
 
Dies ist der Konflikt, in den die Natur uns Menschen gestellt hat: daß die Erde von unseren Händen Arbeit fordert, um uns ihre Früchte herzugeben, und daß unser Wesen bestimmt ist von Faulheit, Genußsucht und Machthunger. Wir wollen Nahrung, Behausung und Kleidung haben, ohne uns dafür anstrengen zu müssen; wir wollen, fern von der Pein quälender Notwendigkeiten, beschaulich genießen; wir wollen Macht ausüben über unsere Mitmenschen, um sie zu zwingen, uns unsre heitere Notentrücktheit zu sichern. Den Ausweg zu finden aus dieser Diskrepanz: das ist das soziale Problem aller Zeiten.
 
Nie hat sich eine Zeit kläglicher mit dem Problem abgefunden als unsere. Der kapitalistische Staat, das traurigste Surrogat einer sozialen Gesellschaft, hat im Namen einer geringen, durch keinerlei geistige oder menschliche Eigenschaften ausgezeichneten Minderheit die Macht über die gewaltige Mehrzahl der Mitmenschen okkupiert, indem er sie von der freien Benutzung der Arbeitsmittel ausschließt. Sein einziges Machtmittel ist Zwang; gezwungene Menschen beschützen in gedankenloser Knechtschaffenheit Faulheit und Genuß der privilegierten Machthaber. Wild, sinnlos, roh, von keinem Brudergefühl gebändigt toben die Menschen gegeneinander. Was sie als Macht erstreben, ist nüchterner Besitz an materiellen Gütern. Der Kampf aller gegen alle ist kein Ringen um den Preis der Schönheit, der inneren Freiheit, der Kultur, – sondern eine groteske Balgerei um die größte Kartoffel. Auf der einen Seite Hunger, Elend, Verkommenheit; auf der anderen Seite geschmackloser Luxus, plumpe Kraftprotzerei, schamlose Ausbeutung. Und all das chaotische Getümmel verstrickt in einem stählernen Netz von Gesetzen, Verordnungen, Drohungen, die die bevorzugte Minderheit schuf, um ihrer Gewaltherrschaft das Ansehen des Rechts zu geben.
 
Eine verlogene Ethik hat das Wissen um Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit vergiftet. Rabulistische Advokatenlogik hat den guten, reinen und wahren Begriff der Freiheit zum Popanz autoritärer Marktschreier verdreht. Die Verständigung der Menschen beschieht im Kauderwelsch der Politik; der Wille der Menschen beugt sich unter abstrakte Paragraphen, das Rückgrat der Menschen paßt sich verkrümmten Uniformen an.

Geknebelt ist der Gedanke, das Wort und die Tat, – geknebelt selbst die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Die Seele des Menschen ist dem Staate beamtet, und der Geist der Menschen schläft im Schutze der Obrigkeit.
 
Kein Knirschen der Wut stört die Hast der Geschäfte. Der Lärm geht um den Profit; kein Stöhnen der Verzweiflung übertönt ihn. Wer aber warnend seine Stimme hebt, wer Menschen sucht, um mit ihnen zu bauen, aufzurichten das Werk der Freiheit, der Freude und des Friedens, dem gellt das Lachen ins Ohr derer, die sich nicht stören lassen wollen, derer, die Tritte empfangen und um sich treten, das Hohnlachen der Philister.
 
Welche Ansicht der Mensch von den Dingen der Menschen haben darf, ist vom Staate abgestempelt. Einzelne Einrichtungen des Staates, besondere Maßnahmen darf er kritisieren, benörgeln, beschimpfen. Aber wehe dem, der der Fäulnis der Gesellschaft in die Tiefe leuchtet. Er ist verfemt, geächtet ausgestoßen. An Mitteln fehlt es den Philistern nicht, ihn unschädlich zu machen: sie haben ihre "öffentliche Meinung", sie haben die Presse. Wohl eifern auch die Organe der verschiedenen Parteien gegeneinander; wohl tuten auf der Jagd nach dem Profit in den Gefilden der öffentlichen Meinung die Hörner am lautesten und am schrillsten. Aber darin sind sie einig: der freie Gedanke, das freie Wort, die freie Sehnsucht darf keine Stätte haben in ihrem Revier. Ein breiter Graben zieht sich durch ihrer aller Lager; und in dem fließt der Strom, mit dem wir schwimmen müssen.
 
Hoch über den Ebenen, in denen die Philister einander in die Seiten puffen, ragt die Burg, darin der Geist wohnt. Der Literat und der Künstler wenden den Blick degoutiert ab vom Gewimmel der Menge. Was schert es sie, wie Hinz den Kunz übers Ohr haut ! Dem Bettler, der am Weg die Drehorgel leiert, gibt man mildtätig einen Groschen und geht seines Weges. Zu ihnen hinauf, in die Domänen der Kultur darf der Dunst des Alltags nicht steigen. Die Nase zu vor den Ausdünstungen des Volks! Den Blick empor zu den reinen Höhen der Geistigkeit.
 
Lächelnd spottet man bei den ästhetischen Gelagen über den Snob, der auf die Tribüne steigt und die Massen aufruft zum Kampf gegen Gewalt und Ausbeutung, für Recht und Freiheit. Ein Sensationshascher und Reklameheld – im besten Falle ein verrannter Narr, dem es schon recht geschieht, wenn man ihn ignoriert und boykottiert. Was geht ihn die soziale Not des Volkes an?! ...
 
Der Künstler, der sich allem, was die Umwelt angeht, so hoch überlegen dünkt, ist ein Philister. Seine bequeme Zufriedenheit hat nichts Erhabenes, sondern nur etwas Verächtliches. Er verschließt die Augen vor dem Elend, in dem er selbst bis an die Knöchel watet, und macht sich damit für die Behörden zum Erwünschtesten aller Staatsbürger.
 
Aber gerade der Künstler hätte tausendmal Grund, wütend aufzubegehren gegen die Schändlichkeiten unseres Gesellschaftsbetriebes. Sein Werk steht – und das muß so sein – jenseits der Marktbewertung. Unter den Zuständen, die uns umgeben, ist es daher überflüssig, wertlos, unnütz und mithin lächerlich oder gefährlich. Der Kunstler selbst gilt –sofern er nicht als Kapitalist andere Menschen für sich arbeiten läßt – als Schmarotzer, als Schädling, als Verkehrsstörung. Soll ihn seine Kunst ernähren, so muß er sie dem verrotteten Geschmack des Banausentums unterordnen, und er verkommt menschlich und künstlerisch. – Hat er aber die Mittel zum Leben, produziert er, wozu es ihn treibt, so bleibt sein Werk den Mitmenschen fremd, und die höchste Freude des Schaffenden, mit seiner Arbeit Menschenseelen zu erfrischen und zu erhellen, bleibt ihm versagt.
 
Aber er ist ja Esoteriker. Ihm genügt ja die Anerkennung der wenigen, derer, die "reif" sind für seine Kunst, die gleich ihm dem Spektakel des Lebens fernestehen. Ach, Schwätzerei! –Das ist eine matte, blutleere, dürftige Kunst, die nicht getränkt ist vom warmen roten Zustrom der lebendigen Wirklichkeit. Nur das sind noch immer die Zeiten der Kultur gewesen, in denen Geist und Volk eins waren, in denen aus den Werken der Kunst und des Schrifttums die Seele des Volkes leuchtete.
 
Ihr törichte Einsame, die ihr wähnt, oben in euern Ateliers andre, freiere Luft zu atmen als die Masse auf den Plätzen der Städte! Auch ihr eßt auf euerm Kothurn das Brot, das Menschenhände gesäet, Menschenhände gebacken, Menschenhände euch gereicht haben. Tut nicht, als wäret ihr Besondere! Seid Menschen! Habt Herz!

Und besinnt euch auf die Unwürdigkeit eurer Existenz! – Ihr, die ihr Werke schafft, aus denen der Geist unsrer Zeit in die Zukunft flammen soll, sorgt, daß eure Werke nicht lügen! – Helft Zustände schaffen, die wert sind, in herrlichen Taten der Kunst und der Dichtung gepriesen zu werden! Täuscht der Nachwelt nicht Bilder vor, die das jämmerliche Grau unsrer Tage in Gold malen! Seid keine Philister, da Ihr allen Anlaß habt, Rebellen zu sein!

Paria ist der Künstler, wie der letzte der Lumpen! Wehe dem Künstler, der kein Verzweifelter ist! Wir, die wir geistige Menschen sind, wollen zusammenstehen – in einer Reihe mit Vagabunden und Bettlern, mit Ausgestoßenen und Verbrechern wollen wir kämpfen gegen die Herrschaft der Unkultur! Jeder, der Opfer ist, gehört zu uns! Ob unser Leib Mangel leidet oder unsre Seele, wir müssen zum Kampfe blasen! – Gerechtigkeit und Kultur – das sind die Elemente der Freiheit! – Die Philister der Börse und der Ateliers, zitternd werden sie der Freiheit das Feld räumen, wenn einmal der Geist sich dem Herzen verbündet!


 Erich Mühsam (1878-1934, ermordet im KZ Oranienburg).
- Appell an den Geist
- Lumpenlied
- Im Kerker
- Voller Sterne
- Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck
- Erich Mühsam - Leben und Werk

 


 

 
ERICH MÜHSAM
Die Geschichte der Menschheit mit ihren Kriegen und Revolutionen, mit ihren Bestrebungen um Änderung, Besserung, Beseitigung oder Erhaltung von Zuständen und Einrichtungen, mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen vollzieht sich in immer veränderten Forderungen dennoch immer mit derselben Begleitmusik. In allen Zeiten, bei allen Völkern, wo Meinung gegen Meinung, Losung gegen Losung stand und steht, empfehlen sich die Beschützer des Alten wie die Pioniere des Neuen als die Sachverwalter der Freiheit. Es gibt keine Bewegung, hat nie eine gegeben und kann keine geben, die erfolgreich um Anhang für sich werben könnte, wenn nicht auf ihrer Standarte das Bekenntnis zur Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt werden, die über materielle Nützlichkeit hinausreichen oder doch hinauszureichen scheinen, kann Gefolgschaft nur mit sittlichen Zwecksetzungen gewonnen werden; zum sittlichen Begriff schlechthin aber, dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und untergeordnet sind, der die hohen seelischen Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, glückliche Verbundenheit, in der natürlichen Vorstellung aller zur Gefolgschaft geeigneten Massen umfasst, wird von allen verschiedenen und entgegengesetzten Parteien und Vereinigungen die Freiheit erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im Sprachgefühl der Menschen das einzige, das in sich die Eigenschaften der individuellen Tugend mit denen eines gesellschaftlichen Ideals verbindet.

Daß offenbar jeder Mensch die Freiheit als gesellschaftliches Ideal empfindet, ist ein Beweis dafür, daß die Sehnsucht nach individueller Freiheit in der menschlichen Natur selber begründet ist. Dieser Sehnsucht nach persönlicher Steigerung der Lebenswerte muß jede Werbung Rechnung tragen, die die allgemeine Erhöhung des Kollektivgefühls zu bewirken verspricht. Daher und weil bei primitven Menschen ebenso
wie bei differenzierten das Streben nach veredelter Gemeinschaft durchaus gleich empfunden wird mit dem
Streben nach vermehrter Freiheit in der Verbundenheit aller, spielt sich fast aller öffentliche Kampf um die Geister der Menschen als ein Wettstreit der Weltanschauungen, der politischen und wirtschaftlichen Bekenntnisse und der sozialen Grundsätze ab, die eigene Freiheitlichkeit als die beste zu erweisen, das fremde und feindliche Prinzip als freiheitswidrig herabzuwürdigen. Wäre nun die Freiheit im Sprachbewußtsein der Menschen ein klar erkanntes und in ihrer Bedeutung einhellig erfasstes sittliches Gut, dann bedürfte es keiner konkurrierenden Anpreisung gesellschaftlicher Programme unter dem Gesichtspunkt der Freiheit, dann wäre es leicht, unter den empfohlenen Systemen dasjenige herauszufinden, das der positiven Forderung am nächsten käme oder gar sich mit ihr deckte.
 
 

 
Leider verbindet sich jedoch bei den meisten Menschen mit dem Wort Freiheit nur ein ganz verschwommener Empfindungswert, so daß aus dem gesellschaftlichen Begriff, der aus dem stärksten ethischen Drang des Menschen stammt, die seichteste aller öffentlichen Phrasen werden konnte. Es gibt in den vielen Jahrtausenden übersehbarer Menschengeschichte keine Tyrannis, keine Unterdrückung und Vergewaltigung von Arbeits- und Willenskräften, die sich nicht des Freiheitsverlangens ihrer Opfer bedient hätte, um zur Macht zu kommen. Der Sklave nämlich stellt sich fast niemals die Freiheit vor, sondern leidet nur unter der greifbar erlebten Unfreiheit und läßt sich somit leicht überreden, neue Knechtschaft auf sich zu laden, wenn nur der neue Herr die glaubhafte Zusicherung gibt, er werde ihn aus der alten Knechtschaft befreien. Die Erfolglosigkeit aller bis jetzt geführten Kämpfe um gesellschaftliche Freiheit hat also ihre Ursache darin, daß sie nie für die Erringung wahrhaft freien Lebens, für einen positiv von Freiheit durchdrungenen sozialen Zustand geführt wurden, sondern ihren Ausgang nahmen von der Unerträglichkeit des Bestehenden und ihr Ziel begrenzten auf die rein negative Befreiung von dieser Unerträglichkeit.
 

 
 
Das Versprechen: wir werden euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit befreien!; die Aufforderung: befreit euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit befreien!; die Aufforderung: befreit euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die Menschheit! hat mit Freiheit nur insofern zu tun, als in diesen Parolen ihr Nichtvorhandensein anerkannt und als Übel festgestellt wird. Was dagegen aufgestellt wird, beschränkt sich in fast allen Fällen auf die Ausmalung von Verhältnissen, die sich durch Abwesenheit der Dinge auszeichnen werden, deren Ausmerzung Sinn der Befreiung sein soll. Umgekehrt begegnen aber auch die Hüter der befehdeten Einrichtungen, Zustände oder Gebräuche dem Appell, sich von ihnen zu befreien, mit dem Beweise, daß alles, was sie ersetzen soll, dem Geiste der Freiheit widerspreche, und die Einen wie die Anderen lassen die Darstellung der Unfreiheit des Bekämpften als Überzeugungsgrund dafür gelten, daß die von ihnen gewünschten oder verteidigten Werte den Charakter der Freiheit trügen. Es bleibt also zu untersuchen, ob der Begriff der Freiheit als gesellschaftliches Prinzip überhaupt in positiver Formulierung zu fassen ist und wie die Organisation der Gesellschaft beschaffen sein müßte, die die Freiheit zum lebensbewegenden Inhalt des menschlichen Zusammenhalts machen wollte.
 
 

 
Es kann sich hier natürlich nicht um eine philosophische Deutung des Freiheitsbegriffes handeln, wie sie etwa Schopenhauer in seinen zwei Grundproblemen der Ethik vornimmt. Allerdings ist auch nicht darauf zu verzichten, das gesellschaftliche Problem der Freiheit als ein Problem der Ethik zu betrachten. Doch ist es nur deswegen nicht überflüssig, die Notwendigkeit solcher Betrachtung aus ethischen Gesichtspunkten besonders zu betonen, weil leider die Behandlung gesellschaftlicher Fragen als Fragen vorwiegend
sittlicher Natur längst nicht mehr überall als selbstverständlich zu gelten scheint. Vermehrte gesellschaftliche Freiheit wird dazu helfen, das Primat der Ethik für alle auf die Beziehung der Menschen zu einander gerichteten Erörterungen sicherzustellen. Hiermit ist aber schon gesagt, daß der gesellschaftlich genommene Freiheitsbegriff auch keineswegs schlechthin als politischer Wert aufgefasst werden darf.
Zwar wirkt sich bestehende und mangelnde Freiheit wesentlich politisch aus, in dem weiten Sinne nämlich, daß alle Herrschaft, auch wirtschaftlicher Macht, politisch gefügt sein muß, um sich zu erhalten. Aber Politik betrifft in viel zu enger Weise wandelbare Einrichtungen und auf Widerruf statuierte Bindungen, als daß ein Ewigkeitsprinzip menschlicher Verständigung sich in ihren Methoden verwirklichen ließe.


Die zu lösende Frage ist diese: Der Mensch strebt nach Erfüllung seiner individuellen Möglichkeiten. Er will seinen einmaligen, von allen anderen Menschen unterschiedenen Charakter mit den darin begründeten Fähigkeiten, Neigungen, Kräften, Leistungs- und Genußanlagen unabhänig von auferlegtem Zwange frei entwickeln und verwerten. Diese Unabhängigkeit, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in sich schließt, ist seine Vorstellung von Freiheit; ohne sie kann es keine Freiheit für ihn geben. Die Menschen aber sind auf ihre Arbeit angewiesen und zwar jeder auf die Arbeit aller, alle auf die Arbeit eines jeden. Infolgedessen ist die Gemeinschaftsaufgabe jeder Gesellschaft, die sogenannte soziale Frage zu lösen, d.h. Arbeit, Verteilung und Verbrauch so zu organisieren, daß Leistung und Verwendung in das richtige Verhältnis zum Ertrage der Erde gebracht werden. Unter gesellschaftlicher Freiheit wird nun gemeinhin verstanden, daß die Organisation der gemeinsamen Arbeit der Willkür und dem Nutzen Einzelner entzogen und der Gesamtheit des produzierenden und konsumierenden Volkes übertragen werde. Ist nun - und das entscheidet, ob die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip bestehen kann, - eine Regelung der menschlichen Beziehungen erreichbar, bei der das Höchstmaß verbundenen Werteschaffens zum Nutzen
aller und unter Ausschaltung der Willkür Einzelner geleistet wird, - und gleichzeitig die Persönlichkeit zur vollen Entwicklung ihrer Fähigkeiten, zum vollen Ausleben ihrer Kräfte, zur vollen Befriedigung ihrer Bedürfnisse gelangen kann?

Der marxistische Sozialismus bejaht mit Entschiedenheit die Lösbarkeit der sozialen Frage, also die Organisierbarkeit der Arbeit in der Form, daß der Ertrag jeder Leistung dem Leistenden selber zugute kommt. Er postuliert dazu - und darin begegnen sich alle Lehren des Sozialismus - die Vergesellschaftung des Grundes und Bodens und der Produktionsmittel, sohin die Beseitigung des Herrentums über die
Arbeitskraft anderer Menschen. Ohne Zweifel ist hier eine Voraussetzung nicht nur kollektiver, sondern auch individueller Freiheit erfüllt. Doch beschränkt sich der Marxismus auf die Forderung der ökonomischen Gleichstellung der Menschen. Marx und Engels, denen Lenin hierin folgt, stellen zwar als
letztes Endziel und schließlich Folgerung der sozialisierten Wirtschaft die Überwindung des Staates und die Vollendung des freiheitlichen Kommunismus hin, wonach jeder nach seinen Fähigkeiten schaffen, jeder nach einem Bedarf verbrauchen soll, doch gelangt bei ihnen die freiheitliche Zielsetzung nirgends über hypothetische Hindeutungen hinaus. Ihre Theorien erschöpfen sich in wirtschaftlichen Analysen der
bestehenden und anzustrebenden Produktionsformen und gewähren der Darstellung der Freiheit als gesellschaftliche Grundeigenschaft so gut wie keinen Raum.

Die nichtsozialistischen Gesellschaftslehren, soweit sie dem Worte Freiheit höheren Wert als nur den einer Werbeformel beimessen, gehen von der bekannten Behauptung des Malthusischen Gesetzes aus, daß der Ertrag der Erde niemals gleichen Schritt halten könne mit der Vermehrung der Bevölkerung und daher der volle Genuß des Lebens von Natur wegen einer bevorzugten Schicht vorenthalten sei. Der Satz des Malthus ist so oft und so gründlich widerlegt worden, ist zumal durch die Kulturmethoden der intensiven Landbewirtschaftung auch praktisch so vollkommen entwertet, daß von ihm kaum mehr etwas anderes übrig geblieben ist als die Freiheitsformel des liberalistischen Kapitalismus vom freien Spiel der Kräfte. Selbstverständlich findet hier, wo nur die ungestörte Konkurrenz zwischen bevorrechtigten Besitzenden
gemeint ist, der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit keine Anwendung, noch auch da, wo sich die Freiheitsforderung mit nationalen, rassemäßigen, konfessionellen oder Standesegoismen identifiziert. Das Vorhandensein von Herrschergewalt irgendwelcher Art, sei es in Form wirtschaftlicher Vormacht, sei es in Form politischer Obrigkeit oder sonstwelchen Privilegien ist mit dem Gedanken der gesellschaftlichen Freiheit schlechterdings unvereinbar, und eine Freiheit, welche sowohl dem Individuum seine
Unabhängigkeit als der Gesamtheit ihre Entfaltungsmöglichkeiten läßt, kann nicht bestehen, wo verhängte Dienstpflicht, Autorität, Regierung und Staat besteht. Will auch der Liberalismus dem Staat den Eingriff in
die Selbstbestimmung der Wirtschaft verwehren und nennt die Fernhaltung der politischen Obrigkeit vom Konkurrenzkampf der Ökonomie mit dem Namen der Freiheit, so setzt diese Lehre doch zugleich die Unterwerfung der Arbeit unter den Besitz voraus, und will der Staatssozialismus im Gegenteil das Gesetz regierender Organe zum Regulativ der Wirtschaft und des Verhaltens der Menschen zu einander machen, so scheidet er eben das Individuum aus der Festsetzung der eigenen Lebensformen aus. Der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit ist in keinem dieser Fälle anwendbar.

Der grundlegende Irrtum aller Lehren, die bei Erhaltung des Autoritätsprinzips die Freiheit glauben fördern zu können, beruht auf der Verwechslung der Begriffe Regierung und Verwaltung. Worauf es bei einer Neuorganisation der Gesellschaft im Geiste der Freiheit ankommt, hat Michael Bakunin in die klare Formel gefaßt: Nicht Menschen regieren, sondern Dinge verwalten! Die Aufgabe derer, die Freiheit zum
gesellschaftlichen Prinzip erheben wollen, besteht demnach darin, das gemeinsame Wirtschaften der aufeinander angewiesenen Menschen von der Leistung einer Gehorsamkeitspflicht gegen empfangene Befehle zur Erfüllung eines Kameradschaftsdienstes auf Gegenseitigkeit zu machen. Nichts ist verkehrter als die Meinung, der Mensch arbeite nur unter der Peitsche der Kommandogewalt. Im Gegenteil: die
Unlust an der Arbeit, die vielfach schon für eine schicksalsgegebene menschliche Eigenschaft gehalten
wird, hat ihren einzigen Ursprung im Gefühl, unter dem Zwange regierender Befehlshaber auferlegte Arbeit zu tun. Wo das Bewußtsein lebendig ist, daß Mensch sein Kamerad sein bedeutet und daß Kameradschaft ebenso notwenig ist zur Befriedigung der Lebensnotdurft wie zum Genuß der Freude und zum Ertragen des Leides, da kann der Gedanke keine Stätte haben, der die Beschaffung von Nahrung, Bekleidung und Behausung glaubt von obrigkeitlicher Satzung und aufpassender Disziplinargewalt. Nicht einmal darauf kommt es an, daß die Obrigkeit auf demokratischem Wege eingesetzt ist, sondern darauf, daß es keine Obrigkeit gibt und alle gesellschaftliche Funktion Funktion der Kameradschaft ist. Demokratie ist nur das technische Verfahren, in dem die Regierten ihre Regierer selbst einsetzen. Das demokratische Verfahren aber setzt wie jedes andere Regierungssystem voraus, daß die notwendigen Dinge der Gesellschaft nur verrichtet würden, wenn die Menschen unter Zwang gehalten werden. Diese Voraussetzung trifft indessen nur zu, solange Arbeit geleistet werden muß, deren gesellschaftlichen Wert der Arbeitende nicht erkennt und deren Ertrag nicht ihm noch der Gesamtheit, sondern einem fremden Gewinn- oder Machtzweck zufällt.

Somit deckt sich der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit nahezu vollständig mit dem der allgemeinen Kameradschaft unter den Menschen und es erhebt sich die Frage aller Fragen, ob und in welcher Weise diese Kameradschaft zum bestimmten Antrieb des gemeinnützigen Tuns aller gemacht werden kann.
Dieser Frage ist Peter Kropotkin in seinem schönen Werk über die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt wissenschaftlich nachgegangen und kommt nicht nur zur Bejahung der Frage, sondern zu dem Ergebnis, daß die Solidarität eine naturgegebene Eigenschaft aller lebenskräftigen Geschöpfe ist. Alle kameradschaftlich lebenden Tiere gründen ihr Gemeinschaftsdasein ausschließlich auf die natürliche
Veranlagung zur kameradschaftlichen Brüderlichkeit, die, wie Kropotkin eindringlich dartut und wie Darwin bestätigt, die den Kampf der Arten gegeneinander ergänzende Lebensform zur Erhaltung der Arten darstellt. Die Jagdgemeinschaften der Wölfe sind ebenso wie die Massenwanderungen des
Damwildes zur Auffindung fruchtbarer Wohngebiete Beispiele in Freiheit organisierten gesellschaftlichen Lebens. Hier wirkt kein Staat, also keine zentrale Regierungsmaschinerie, sondern Anarchie, deren Wesen Gustav Landauer als Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit kennzeichnet. In dem philosophischen Ergänzungswerk zu seiner naturwissenschaftlichen Arbeit über die Gegenseitige Hilfe, in der "Ethik" setzt aber Kropotkin den Begriff vollständig gleich mit dem der Freiwilligkeit, wie er die Begriffe Gerechtigkeit und Gleichheit mit dem der Gleichberechtigung gleichsetzt. Durch diese klaren Deutungen der im allgemeinen Gebrauch reichlich verwaschenen Worte Freiheit und Gleichheit füllt sich ihr Wert mit jedem
Mißverständnis entrücktem sozialen Inhalt. Zugleich jedoch leuchtet ein, daß Goethes immer wieder angezogene Äußerung, wo Gleichheit sei, könne keine Freiheit bestehen, vor der rechten Würdigung beider Begriffe nicht standhält. Im Gegenteil: Freiheit, als Freiwilligkeit jeder Leistung im Zusammenklang der Gesellschaft erfaßt, ist nur vorstellbar, wo Gleichheit im Sinne von Gleichberechtigung gilt. Gleichberechtigung aller in der menschlichen Gesellschaft aber bedingt Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen die Menschen ins Leben treten und ihre Gaben und ihre Persönlichkeit zum eigenen Vorteil und zum Nutzen der Gesamtheit entfalten zu können. Diese Voraussetzungen scheinen nur im Sozialismus gegeben zu sein, wobei die Frage, ob der kollektivistische oder der kommunistische
Sozialismus vorzuziehen sei, Zukunftssorge sein mag, die Erkenntnis hingegen, daß es staat- und herrschaftsloser Sozialismus sein muß, Bedingung gesellschaftlicher Freiheit ist. Goethe wollte mit seiner Behauptung die liberalistische Formel der französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" als leer tönende Redensart verdammen. Wenden wir diese Formel in der Bedeutung an: Freiwilliges Schaffen gleicberechtigter Individuen im Dienste gegenseitiger Hilfe, so erhalten wir das soziale Programm einer Menschengemeinschaft, in der die Freiheit das gesellschaftliche Prinzip ist.

Eine solche Auffassung widerspricht nicht, sondern bestätigt Goethes Lebensideal: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit! Denn Persönlichkeit kann wertvolle Eigenschaften niemals losgelöst von der gesellschaftlichen Gesamtheit entfalten. Ja, Persönlichkeit und Gesellschaft können von jeder freiheitlichen Perspektive gesehen, nur als vollkommene Einheit begriffen werden. Die auf der
Kameradschaft gleichberechtigter Menschen errichtete freie Gesellschaft ist ein Organismus, dem alle Elemente der Persönlichkeit innewohnen mit Einschluß selbst des individuellen Empfindungslebens, während jeder Mensch, der unter natürlichen, das heiß freiheitlichen Umständen lebt, sich nicht nur als Glied der gesellschaftlichen Kette, als Rädchen im Riesenapparat des gesellschaftlichen Geschehens fühlt,
sondern durchaus als identisch mit der Gesamtheit, die für ihn genau so lebendige Wirklichkeit ist, wie sein eigenes körperliches und seelisches Sein. Mensch und Gesellschaft können unter freiheitlichen Lebensverhältnissen niemals in Gegensatz geraten, sie sind gleichwertige, einander ergänzende Ausdrucksformen desselben Zustands.

Daher ist auch, die Wirklichkeit einer freien Gesellschaft angenommen, die Freiheit des Einzelnen nicht begrenzt bei der Freiheit aller, wie das die reinen Individualisten postulieren; vielmehr kann tatsächliche gesellschaftliche Freiheit gar nicht zur Begrenzung der Freiheit des Einzelnen zwingen, da ja Freiheit der Persönlichkeit nicht bestände, wo sie im Widerspruch zur allgemeinen Freiheit wirken wollte. Die Willkür nämlich, die für sich selber Rechte in Anspruch nimmt, die in der gesellschaftlichen Einheit nicht begründet sind, hat mit Freiheit gar keine Berührung; sie ist Despotie, die Unfreiheit voraussetzt, ist somit selber abhängig von der Bereitschaft anderer, sich Obrigkeit und Befehlsgewalt gefallen zu lassen und würde Gegensätze zwischen Gesellschaft und Mensch aufreißen, die die Natur nicht geschaffen hat und die dem
Prinzip der Freiheit kraß zuwiderlaufen.

Die Gesellschaft der Freiheit ist ein Organismus, das heißt ein einheitliches und darum harmonisch schaltendes Lebewesen; das unterscheidet sie vom Staat und jeder Zentralgewalt, wo ein Mechanismus die Funktionen des organischen Lebens zu ersetzen sucht und wo nicht die Dinge der Gemeinschaft
gemeinsam verwaltet, sondern die Menschen von anderen Menschen zur Innehaltung von auferlegten Pflichten zwangsweise angehalten werden. Es genüge hier, die beiden Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens einander gegenüberzustellen. Das System der Regierung von oben nach unten, das System der Zentralisation der Kräfte, hat sich in aller Welt durchgesetzt und bis jetzt, kaum ernstlich
bedrängt, erhalten. Das System der Föderation von unten nach oben, des Bündniswesens, der Kameradschaft und der Freiheit, dieses System der Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit muß den Beweis seiner Verwendbarkeit in der wirklichen Welt aus der grauen Vorzeit der Menschheitsgeschichte und aus den täglichen Beispielen der uns umgebenden Tierwelt führen. Wer den Glauben an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.

Von den Mitteln, wie die Menschen zum Zustand der Freiheit gelangen könnten, soll hier schon gar nicht gesprochen werden, um so weniger als unter den verschiedenen Richtungen, die auf das gleiche Ziel, darin durchaus keine Einheitlichkeit der Meinung besteht und Bakunin zum Beispiel weitaus andere Wege einschlagen wollte als etwa Tolstoi. Wer der Freiheit ergeben ist und den Gedanken rücksichtslos in sich aufgenommen hat, daß der Mensch frei sein wird, wenn es die Gesellschaft ist, die Gesellschaft der Freiheit aber nur von innerlich freien Menschen geschaffen werden kann, der wird bei sich selber und in seinem nächsten Umkreis mit dem Befreiungswerk beginnen. Er wird niemandes Knecht sein und wissen, daß nur der kein Knecht ist, der auch niemandes Herr sein will. Der Mensch ist frei, der allen anderen Menschen die Freiheit läßt und die Gesellschaft wird frei sein, die kameradschaftlich Gleiche in Freiheit verbindet.

Vortrag, gehalten im Südwestdeutschen Rundfunk, Frankfurt a.M., 7.November 1929
aus: FANAL, Jahrgang 4, Nummer 12, September 1930

 

 

 
Mühsam - Verstreute Texte I

 

Erich Mühsam

 

Verstreute Texte I

 

Freiheit als gesellschaftliches Prinzip Seite 1

Staatsverneinung Seite 8

Die Anarchisten Seite 12

Bismarxismus Seite 18

 

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

 



Die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

 

Die Geschichte der Menschheit mit ihren Kriegen und Revolutionen, mit ihren

Bestrebungen um Änderung, Besserung, Beseitigung oder Erhaltung von Zuständen

und Einrichtungen, mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, religiösen und

gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen vollzieht sich in immer

veränderten Forderungen dennoch immer mit derselben Begleitmusik. In allen

Zeiten, in allen Völkern, wo Meinung gegen Meinung, Losung gegen Losung stand

und steht, empfehlen sich die Beschützer des Alten wie die Pioniere des Neuen als die

Sachverwalter der Freiheit. Es gibt keine Bewegung, hat nie eine gegeben und kann

keine geben, die erfolgreich um Anhang für sich werben könnte, wenn nicht auf ihrer

Standarte das Bekenntnis zur Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt werden, die

über materielle Nützlichkeit hinausreichen oder doch hinauszureichen scheinen,

kann Gefolgschaft nur mit sittlichen Zwecksetzungen gewonnen werden; zum

sittlichen Begriff schlechthin aber, dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und

untergeordnet sind, der die hohen seelischen Eigenschaften der menschlichen

Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, glückliche Verbundenheit, in der natürlichen

Vorstellung aller zur Gefolgschaft geeigneten Massen umfasst, wird von allen

verschiedenen und entgegengesetzten Parteien und Vereinigungen die Freiheit

erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im Sprachgefühl der Menschen das einzige, das

in sich die Eigenschaften der individuellen Tugend mit denen eines gesellschaftlichen

Ideals verbindet.

Daß offenbar jeder Mensch die Freiheit als gesellschaftliches Ideal empfindet, ist ein

Beweis dafür, daß die Sehnsucht nach individueller Freiheit in der menschlichen

Natur selber begründet ist. Dieser Sehnsucht nach persönlicher Steigerung der

Lebenswerte muß jede Werbung Rechnung tragen, die die allgemeine Erhöhung des

Kollektivgefühls zu bewirken verspricht. Daher und weil bei primitven Menschen

ebenso wie bei differenzierten das Streben nach veredelter Gemeinschaft durchaus

gleich empfunden wir mit dem Streben nach vermehrter Freiheit in der

Verbundenheit aller, spielt sich fast aller öffentliche Kampf um die Geister der

Menschen als ein Wettstreit der Weltanschauungen, der politischen und

wirtschaftlichen Bekenntnisse und der sozialen Grundsätze ab, die eigene

Freiheitlichkeit als die beste zu erweisen, das fremde und feindliche Prinzip als

freiheitswürdig herabzuwürdigen. Wäre nun die Freiheit im Sprachbewußtsein der

Menschen ein klar erkanntes und in ihrer Bedeutung einhellig erfasstes Gut, dann

bedürfte es keiner konkurrierenden Anpreisung gesellschaftlicher Programme unter

dem Gesichtspunkt der Freiheit, dann wäre es leicht, unter den empfohlenen

Systemen dasjenige herauszufinden, das der positiven Forderung am nächsten käme

oder gar sich mit ihr deckte.

Leider verbindet sich jedoch bei den meisten Menschen mit dem Wort Freiheit nur

ein ganz verschwommener Empfindungswert, so daß aus dem

1

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

gesellschaftlichen Begriff, der aus dem stärksten ethischen Drang des Menschen

stammt, die seichteste aller öffentlichen Phrasen werden konnte. Es gibt in den vielen

Jahrtausenden übersehbarer Menschengeschichte keine Tyrannis, keine

Unterdrückung und Vergewaltigung von Arbeits- und Willenskräften, die sich nicht

des Freiheitsverlangens ihrer Opfer bedient hätte, um zur Macht zu kommen. Der

Sklave nämlich stellt sich fast niemals die Freiheit vor, sondern leidet nur unter der

greifbar erlebten Unfreiheit und läßt sich somit leicht überreden, neue Knechtschaft

auf sich zu laden, wenn nur der neue Herr die glaubhafte Zusicherung gibt, er werde

ihn aus der alten Knechtschaft befreien. Die Erfolglosigkeit aller bis jetzt geführten

Kämpfe um gesellschaftliche Freiheit hat also ihre Ursache darin, daß sie nie für die

Erringung wahrhaft freien Lebens, für einen positiv von Freiheit durchdrungenen

sozialen Zustand geführt wurden, sondern ihren Ausgang nahmen von der

Unerträglichkeit des Bestehenden und ihr Ziel begrenzen auf die rein negative

Befreiung von dieser Unerträglichkeit.

Das Versprechen: wir werden euch, das Volk, den Staat, die Gesellschaft, die

Menschheit befreien!; die Aufforderung: befreit euch, das Volk, den Staat, die

Gesellschaft, die Menschheit! hat mit Freiheit nur insofern zu tun, als in diesen

Parolen ihr Nichtvorhandensein anerkannt und als Übel festgestellt wird. Was

dagegen aufgestellt wird, beschränkt sich in fast allen Fällen auf die Ausmalung von

Verhältnissen, die sich durch Abwesenheit der Dinge auszeichnen werden, deren

Ausmerzung Sinn der Befreiung sein soll. Umgekehrt begegnen aber auch die Hüter

der befehdeten Einrichtungen, Zustände oder Gebräuche dem Appell, sich von ihnen

zu befreien, mit dem Beweise, daß alles, was sie ersetzen sollen, dem Geiste der

Freiheit widerspreche, und die Einen wie die Anderen lassen die Darstellung der

Unfreiheit des Bekämpften als Überzeugungsgrund dafür gelten, daß die von ihnen

gewünschten oder verteidigten Werte den Charakter der Freiheit trügen. Es bleibt

also zu untersuchen, ob der Begriff der Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

überhaupt in positiver Formulierung zu fassen ist und wie die Organisation der

Gesellschaft beschaffen sein müßte, die die Freiheit zum lebensbewegenden Inhalt des

menschlichen Zusammenhalts machen wollte.

Es kann sich hier natürlich nicht um eine philosophische Deutung des

Freiheitsbegriffes handeln, wie etwa Schopenhauer in seinen zwei Grundproblemen

der Ethik vornimmt. Allerdings ist auch nicht darauf zu verzichten, das

gesellschaftliche Problem der Freiheit als ein Problem der Ethik zu betrachten. Doch

ist es nur deswegen nicht überflüssig, die Notwendigkeit solcher Betrachtung aus

ethischen Gesichtspunkten besonders zu betonen, weil leider die Behandlung

gesellschaftlicher Fragen als Fragen vorwiegend sittlicher Natur längst nicht mehr

überall als selbstverständlich zu gelten scheint. Vermehrte gesellschaftliche Freiheit

wird dazu helfen, das Primat der Ethik für alle auf die Beziehung der Menschen zu

einander gerichteten Erörterungen sicherzustellen. Hiermit ist aber schon gesagt, daß

2

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

der gesellschaftlich genommene Freiheitsbegriff auch keineswegs schlechthin als

politischer Wert aufgefasst werden darf - zwar wirkt sich bestehende und mangelnde

Freiheit wesentlich politisch aus, in dem weitesten Sinne nämlich, daß alle

Herrschaft, auch wirtschaftlicher Macht, politisch gefügt sein muß, um sich zu

erhalten. Aber Politik betrifft in viel zu enger Weise wandelbare Einrichtungen und

auf Widerruf statuierte Bindungen, als daß ein Ewigkeitsprinzip menschlicher

Verständigung sich in ihren Methoden verwirklichen ließe.

Die zu lösende Frage ist diese:

Der Mensch strebt nach Erfüllung seiner individuellen Möglichkeiten. Er will seinen

ehemaligen, von allen anderen Menschen unterschiedenen Charakter mit den darin

begründeten Fähigkeiten, Neigungen, Kräften, Leistungs- und Genußanlagen

unabhängig von auferlegtem Zwange frei entwickeln und verwerten. Diese

Unabhängigkeit, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in sich schließt, ist

seine Vorstellung von Freiheit; ohne sie kann es keine Freiheit für ihn geben. Die

Menschen aber sind auf ihre Arbeit angewiesen und zwar jeder auf die Arbeit aller,

alle auf die Arbeit eines jeden. Infolgedessen ist die Gemeinschaftsaufgabe jeder

Gesellschaft, die sogenannte soziale Frage zu lösen, d.h. Arbeit, Verteilung und

Verbrauch so zu organisieren, daß Leistung und Verwendung in das richtige

Verhältnis zum Ertrage der Erde gebracht werden. Unter gesellschaftlicher Freiheit

wird nun gemeinhin verstanden, daß die Organisation der gemeinsamen Arbeit der

Willkür und dem Nutzen Einzelner entzogen und der Gesamtheit des produzierenden

und konsumierenden Volkes übertragen werde. Ist nun - und das entscheidet, ob die

Freiheit als gesellschaftliches Prinzip bestehen kann, - eine Regelung der

menschlichen Beziehungen erreichbar, bei der das Höchstmaß verbundenen

Werteschaffens zum Nutzen aller und unter Ausschaltung der Willkür Einzelner

geleistet wird, - und gleichzeitig die Persönlichkeit zur vollen Entwicklung ihrer

Fähigkeiten, zum vollen Ausleben ihrer Kräfte, zur vollen Befriedigung ihrer

Bedürfnisse gelangen kann?

Der marxistische Sozialismus bejaht mit Entschiedenheit die Lösbarkeit der sozialen

Frage, also die Organisierbarkeit der Arbeit in der Form, daß der Ertrag jeder

Leistung dem Leistenden selber zugute kommt. Er postuliert dazu - und darin

begegnen sich alle Lehren des Sozialismus - die Vergesellschaftung des Grundes und

Bodens und der Produktionsmittel, sohin die Beseitigung des Herrentums über die

Arbeitskraft anderer Menschen. Ohne Zweifel ist hier eine Voraussetzung nicht nur

kollektiver, sondern auch individueller Freiheit erfüllt. Doch beschränkt sich der

Marxismus auf die Forderung der ökonomischen Gleichstellung der Menschen. Marx

und Engels, denen Lenin hierin folgt, stellen zwar als letztes Endziel und schließlich

Folgerung der sozialisierten Wirtschaft die Überwindung des Staates und die

Vollendung des freiheitlichen

3

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

Kommunismus hin, wonach jeder nach seinen Fähigkeiten schaffen, jeder nach einem

Bedarf verbrauchen soll, doch gelangt bei ihnen die freiheitliche Zielsetzung nirgends

über hypothetische Hindeutungen hinaus. Ihre Theorien erschöpfen sich in

wirtschaftlichen Analysen der bestehenden und anzustrebenden Produktionsformen

und gewähren der Darstellung der Freiheit als gesellschaftliche Grundeigenschaft so

gut wie keinen Raum.

Die nichtsozialistischen Gesellschaftslehren, soweit sie dem Worte Freiheit höheren

Wert als nur den einer Werbeformel beimessen, gehen von der bekannten

Behauptung des Malthusischen Gesetzes aus, daß der Ertrag der Erde niemals

gleichen Schritt halten könne mit der Vermehrung der Bevölkerung und daher der

volle Genuß des Lebens von Natur wegen einer bevorzugten Schicht vorenthalten sei.

Der Satz des Malthus ist so oft und so gründlich widerlegt worden, ist zumal durch

die Kulturmethoden der intensiven Landbewirtschaftung auch praktisch so

vollkommen entwertet, daß von ihm kaum mehr etwas anderes übrig geblieben ist als

die Freiheitsformel des liberalistischen Kapitalismus vom freien Spiel der Kräfte.

Selbstverständlich findet hier, wo nur die ungestörte Konkurrenz zwischen

bevorrechtigten Besitzenden gemeint ist, der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit

keine Anwendung, noch auch da, wo sich die Freiheitsforderung mit nationalen,

rassemäßigen, konfessionellen oder Standesegoismen identifiziert. Das

Vorhandensein von Herrschergewalt irgendwelcher Art, sei es in Form

wirtschaftlicher Vormacht, sei es in Form politischer Obrigkeit oder sonstwelchen

Privilegien ist mit dem Gedanken der gesellschaftlichen Freiheit schlechterdings

unvereinbar, und eine Freiheit, welche sowohl dem Individuum seine Unabhängigkeit

als der Gesamtheit ihre Entfaltungsmöglichkeiten läßt, kann nicht bestehen, wo

verhängte Dienstpflicht, Autorität, Regierung und Staat besteht. Will auch der

Liberalismus dem Staat den Eingriff in die Selbstbestimmung der Wirtschaft

verwehren und nennt die Fernhaltung der politischen Obrigkeit vom

Konkurrenzkampf der Ökonomie mit dem Namen der Freiheit, so setzt diese Lehre

doch zugleich die Unterwerfung der Arbeit unter den Besitz voraus, und will der

Staatssozialismus im Gegenteil das Gesetz regierender Organe zum Regulativ der

Wirtschaft und des Verhaltens der Menschen zu einander machen, so scheidet er

eben das Individuum aus der Festsetzung der eigenen Lebensformen aus. Der Begriff

der gesellschaftlichen Freiheit ist in keinem dieser Fälle anwendbar.

Der grundlegende Irrtum aller Lehren, die bei Erhaltung des Autoritätsprinzips die

Freiheit glauben fördern zu können, beruht auf der Verwechslung der Begriffe

Regierung und Verwaltung. Worauf es bei einer Neuorganisation der Gesellschaft im

Geiste der Freiheit ankommt, hat Michael Bakunin in die klare Formel gefaßt:

NICHT MENSCHEN REGIEREN, SONDERN DINGE VERWALTEN! Die Aufgabe

derer, die Freiheit zum gesellschaftlichen Prinzip erheben wollen, besteht demnach

4

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

darin, das gemeinsame Wirtschaften der aufeinander angewiesenen Menschen von

der Leistung einer Gehorsamkeitspflicht gegen empfangene Befehle zur Erfüllung

eines Kameradschaftsdienstes auf Gegenseitigkeit zu machen. Nichts ist verkehrter

als die Meinung, der Mensch arbeite nur unter der Peitsche der Kommandogewalt.

Im Gegenteil: die Unlust an der Arbeit, die vielfach schon für eine schicksalsgegebene

menschliche Eigenschaft gehalten wird, hat ihren einzigen Ursprung im Gefühl, unter

dem Zwange regierender Befehlshaber auferlegte Arbeit zu tun. Wo das Bewußtsein

lebendig ist, daß Mensch sein Kamerad sein bedeutet und daß Kameradschaft ebenso

notwenig ist zur Befriedigung der Lebensnotdurft wie zum Genuß der Freude und

zum Ertragen des Leides, da kann der Gedanke keine Stätte haben, der die

Beschaffung von Nahrung, Bekleidung und Behausung glaubt von obrigkeitlicher

Satzung und aufpassender Disziplinargewalt. Nicht einmal darauf kommt es an, daß

die Obrigkeit auf demokratischem Wege eingesetzt ist, sondern darauf, daß es keine

Obrigkeit gibt und alle gesellschaftliche Funktion Funktion der Kameradschaft ist.

Demokratie ist nur das technische Verfahren, in dem die Regierten ihre Regierer

selbst einsetzen. Das demokratische Verfahren aber setzt wie jedes andere

Regierungssystem voraus, daß die notwendigen Dinge der Gesellschaft nur verrichtet

würden, wenn die Menschen unter Zwang gehalten werden. Diese Voraussetzung

trifft indessen nur zu, solange Arbeit geleistet werden muß, deren gesellschaftlichen

Wert der Arbeitende nicht erkennt und deren Ertrag nicht ihm noch der Gesamtheit,

sondern einem fremden Gewinn- oder Machtzweck zufällt.

Somit deckt sich der Begriff der gesellschaftlichen Freiheit nahezu vollständig mit

dem der allgemeinen Kameradschaft unter den Menschen und es erhebt sich die

Frage aller Fragen, ob und in welcher Weise diese Kameradschaft zum bestimmten

Antrieb des gemeinnützigen Tuns aller gemacht werden kann. Dieser Frage ist Peter

Kropotkin in seinem schönen Werk über die GEGENSEITIGE HILFE IN DER

TIER- UND MENSCHENWELT wissenschaftlich nachgegangen und kommt nicht

nur zur Bejahung der Frage, sondern zu dem Ergebnis, daß die Solidarität eine

naturgegebene Eigenschaft aller lebenskräftigen Geschöpfe ist. Alle

kameradschaftlich lebenden Tiere gründen ihr Gemeinschaftsdasein ausschließlich

auf die natürliche Veranlagung zur kameradschaftlichen Brüderlichkeit, die, wie

Kropotkin eindringlich dartut und wie Darwin bestätigt, die den Kampf der Arten

gegeneinander ergänzende Lebensform zur Erhaltung der Arten darstellt. Die

Jagdgemeinschaften der Wölfe sind ebenso wie die Massenwanderungen des

Damwildes zur Auffindung fruchtbarer Wohngebiete Beispiele in Freiheit

organisierten gesellschaftlichen Lebens. Hier wirkt kein Staat, also keine zentrale

Regierungsmaschinerie, sondern Anarchie, deren Wesen Gustav Landauer als

Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit kennzeichnet. In dem

5

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

philosophischen Ergänzungswerk zu seiner naturwissenschaftlichen Arbeit über die

Gegenseitige Hilfe, in der "Ethik" setzt aber Kropotkin den Begriff vollständig gleich

mit dem der Freiwilligkeit, wie er die Begriffe Gerechtigkeit und Gleichheit mit dem

Begriff der Gleichberechtigung gleichsetzt. Durch diese klaren Deutungen, der im

allgemeinen Gebrauch reichlich verwaschenen Worte Freiheit und Gleichheit, füllt

sich ihr Wert mit jedem Mißverständnis entrücktem sozialen Inhalt. Zugleich jedoch

leuchtet ein, daß Goethes immer wieder herangezogene Äußerung, wo Gleichheit sei,

könne keine Freiheit bestehen, vor der rechten Würdigung beider Begriffe nicht

standhält. Im Gegenteil: Freiheit, als Freiwilligkeit jeder Leistung im

Zusammenklang der Gesellschaft erfasst, ist nur vorstellbar, wo Gleichheit im Sinne

von Gleichberechtigung gilt. Gleichberechtigung aller in der menschlichen

Gesellschaft aber bedingt Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Voraussetzungen,

unter denen die Menschen ins Leben treten und ihre Gaben und ihre Persönlichkeit

zum eigenen Vorteil und zum Nutzen der Gesamtheit entfalten zu können. Diese

Voraussetzungen scheinen nur im Sozialismus gegeben zu sein, wobei die Frage, ob

der kollektivistische oder der kommunistische Sozialismus vorzuziehen sei.

Zukunftssorge mag es sein, die Erkenntnis hingegen, daß es staat- und

herrschaftsloser Sozialismus sein muß, Bedingung gesellschaftlicher Freiheit ist.

Goethe wollte mit seiner Behauptung die liberalistische Formel der französischen

Revolution "FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT" als leer tönende

Redensart verdammen. Wenden wir diese Formel in der Bedeutung an:

FREIWLLIGES SCHAFFEN GLEICHBERECHTIGTER INDIVIDUEN IM

DIENSTE GEGENSEITIGER HILFE, so erhalten wir das soziale Programm einer

Menschengemeinschaft, in der die Freiheit das gesellschaftliche Prinzip ist.

Eine solche Auffassung widerspricht nicht, sondern bestätigt Goethes Lebensideal:

Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit! Denn Persönlichkeit

kann wertvolle Eigenschaften niemals losgelöst von der gesellschaftlichen Gesamtheit

entfalten. Ja, Persönlichkeit und Gesellschaft können von jeder freiheitlichen

Perspektive gesehen, nur als vollkommene Einheit begriffen werden. Die auf der

Kameradschaft gleichberechtigter Menschen errichtete freie Gesellschaft ist ein

Organismus, dem alle Elemente der Persönlichkeit innewohnen mit Einschluß selbst

des individuellen Empfindungslebens, während jeder Mensch, der unter natürlichen,

das heißt freiheitlichen Umständen lebt, sich nicht nur als Glied der gesellschaftlichen

Kette, als Rädchen im Riesenapparat des gesellschaftlichen Geschehens fühlt,

sondern durchaus als identisch mit der Gesamtheit, die für ihn genau so lebendige

Wirklichkeit ist, wie sein eigenes körperliches und seelisches Sein. Mensch und

Gesellschaft können unter freiheitlichen Lebensverhältnissen niemals in Gegensatz

geraten, sie sind gleichwertige, einander ergänzende Ausdrucksformen desselben

Zustands.

6

Mühsam - Freiheit als gesellschaftliches Prinzip

Daher ist auch, die Wirklichkeit einer freien Gesellschaft angenommen, die Freiheit

des Einzelnen nicht begrenzt bei der Freiheit aller, wie das die reinen Individualisten

postulieren; vielmehr kann tatsächliche gesellschaftliche Freiheit gar nicht zur

Begrenzung der Freiheit des Einzelnen zwingen, da ja Freiheit der Persönlichkeit

nicht bestände, wo sie im Widerspruch zur allgemeinen Freiheit wirken wollte. Die

Willkür nämlich, die für sich selbst Rechte in Anspruch nimmt, die in der

gesellschaftlichen Einheit nicht begründet sind, hat mit Freiheit gar keine

Berührung: sie ist Despotie, die Unfreiheit voraussetzt, ist somit selber abhängig von

der Bereitschaft anderer, sich Obrigkeit und Befehlsgewalt gefallen zu lassen und

würde Gegensätze zwischen Gesellschaft und Mensch aufreißen, die die Natur nicht

geschaffen hat und die dem Prinzip der Freiheit kraß zuwiderlaufen.

Die Gesellschaft der Freiheit ist ein Organismus, das heißt ein einheitliches und

darum harmonisch schaltendes Lebewesen; das unterscheidet sie vom Staat und

jeder Zentralgewalt, wo ein Mechanismus die Funktionen des organischen Lebens zu

ersetzen sucht und wo nicht die Dinge der Gemeinschaft gemeinsam verwaltet,

sondern die Menschen von anderen Menschen zur Innehaltung von auferlegten

Pflichten zwangsweise angehalten werden. Es genüge hier, die beiden Möglichkeiten

menschlichen Zusammenlebens einander gegenüberzustellen. Das System der

Zentralisation der Kräfte, hat sich in aller Welt durchgesetzt und bis jetzt, kaum

ernstlich bedrängt, erhalten. Das System der Förderation von unten nach oben, des

Bündniswesens, der Kameradschaft und der Freiheit, dieses System der Ordnung

durch Bünde der Freiwilligkeit muß den Beweis seiner Verwendbarkeit in der

Wirklichen Welt aus der grauen Vorzeit der Menschheitsgeschichte und aus den

täglichen Beispielen der uns umgebenden Tierwelt führen. Wer den Glauben an die

Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest

praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.

Von den Mitteln, wie die Menschen zum Zustand der Freiheit gelangen könnten, soll

hier schon gar nicht gesprochen werden, um so weniger als unter den verschiedenen

Richtungen, die auf das gleiche Ziel, darin durchaus keine Einheitlichkeit der

Meinung besteht und Bakunin zum Beispiel weitaus andere Wege einschlagen wollte

als etwa Tolstoi. Wer der Freiheit ergeben ist und den Gedanken rücksichtslos in sich

aufgenommen hat, daß der Mensch frei sein wird, wenn es die Gesellschaft ist, die

Gesellschaft aber nur von innerlich freien Menschen geschaffen werden kann, der

wird bei sich selber und in seinem nächsten Umkreis mit dem Befreiungswerk

beginnen. Er wird niemandes Knecht sein und wissen, daß nur der kein Knecht ist,

der auch niemandes Herr sein will. Der Mensch ist frei, der allen anderen Menschen

die Freiheit läßt und die Gesellschaft wird frei sein, die kameradschaftlich Gleiche in

Freiheit verbindet. ?

7

Mühsam - Staatsverneinung

Staatsverneinung

Das Problem des Staates ist ein Problem der Macht. Menschen, einzelne oder in Gruppen

verbundene, denen die Erringung der gesellschaftlichen Macht über die Mitmenschen

gelungen ist, bedürfen eines zentralen Machtapparates, um die Unterworfenen auf die

Dauer in ihrer ökonomischen Abhängigkeit zu halten. Es gibt keine andere Unterwerfung

von Menschen unter die Macht anderer als ihre Fesselung in wirtschaftliche Hörigkeit.

Das politische Zwangsinstrument dieser wirtschaftlichen Fesselung ist der Staat.

Die Staatsform, um die unter den jeweiligen Inhaber und Anwärtern der

gesellschaftlichen Exekutivgewalt ein aufgeregtes und verwirrendes Geschrei tost, Ist in

Hinsicht der Funktion des Staates als Vollstreckungsorgan der ökonomischen Ausbeutung

ohne alle Bedeutung. Mag das despotische Sultanat eines absoluten Herrschers, die

konstitutionell eingeschränkte Monarchie, die faschistische Diktatur, die republikanische

Demokratie oder die Olgarchie eines Parteivorstands ein Land regieren, --- jede dieser

Methoden erweist sich schon durch Ihre zentralistische Struktur als dem Volksganzen

übergeordnet, demnach als vom Volksganzen losgelöst, mithin als dem Volksganzen

feindlich. Zentralismus bedeutet nichts anderes als Direktion von oben nach unten,

Herrschaft der Verwaltung über Verwaltete, Befehlsgewalt der Schalterbeamten,

Entmündigung der gesellschaftsbildenden Masse, Bürokratismus. Jedes zentralistische

Gebilde kann nur als Machtapparat bestehen; Macht In gesellschaftlichem Sinne ist

immer ökonomische Unterdrückung; also ist Staatsmacht In allen Ihren Formen Ihrer

Ausdrucksmöglichkeiten stets der Rechtsvorwand einer Klasse zur Beherrschung und

Ausbeutung der andern Klasse.

Staat und Obrigkeit sind Synonyme: daher kann es keine anderen Staaten geben als

Obrigkeitsstaaten. Staat und Klassengesellschaft sind Synonyme; daher kann es keine

anderen Staaten geben als Klassenstaaten. Staat und Zentralismus sind Synonyme; daher

kann es im Staat keine Organisation von unten nach oben, keinen ausbeutungslosen

Sozialismus, keine Selbstbestimmung des Volkes, keine Zusammengehörigkeit der

Gesamtheit, kein einheitliches Recht und kein Volksganzes geben.

Der Ursprung des Staates ruht in dem Bedürfnis nach ökonomischer Machtbefestigung.

Das Prinzip des Staates, jedes Staates, Ist die juristische Sicherung des Privilegs der

Ausbeutung der gesellschaftlichen Arbeit durch eine schmarotzende Minderheit. Es ist

völlig wahr, was die Marxisten sagen --- nur ist diese Wahrheit, wie viele andere

marxistische Erkenntnisse bedeutend älter als der Marxismus, --- daß der Staat Produkt

und Ausdruck der ökonomischen Klassendifferenzierung in der Gesellschaft ist. Aber die

Marxisten übersehen oder unterschätzen einen Umstand von allgemeiner Geltung. Alle

gesellschaftlichen Verhältnisse schaffen sich immer nur die Ausdrucksform, die durch

ihre besondere Wesensart bedingt ist. Das bedeutet, daß die Organisationsform eines

sozialen Zustandes nicht auf

8

Mühsam - Staatsverneinung

einem neuen, grundsätzlich verschiedenen, übertragen werden kann. Der zentrale Staat

wurde geschaffen als administrativer Apparat der gesellschaftlichen Ausbeutung; in

seiner gegenwärtigen Gestalt als wesensloses Räderwerk eines öden bürokratischen

Mechanismus ist er der präziseste Ausdruck des verfallsreifen Hochkapitalismus. Es ist

nicht möglich, die kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen, ohne das Gehäuse zu

zerschlagen, daß der Kapitalismus sich zu seinem Wachstum gemäß seinen besonderen

Bedürfnissen gebaut hat. Das hat zum Glück der russischen Revolution Lenin eingesehen

gehabt, als er 1917 Im Bunde mit Anarchisten und linken Sozialrevolutionären. Bakunins

Auffassung, daß der Staat nicht, wie Marx und Engels lehrten, zu erobern, sondern zu

zerstören sei, zu praktischer Durchführung verhalf. Leider fielen jedoch die Bolschewiken

nach vollbrachter Tat in den Staatsautoritären marxistischen Aberglauben zurück und

errichteten an Stelle des zertrümmerten zentralistischen Staatsapparates einen neuen der

gleichen Struktur, in der naiven Meinung, in dem vom Kapitalismus für seine Methoden

ersonnenen, für seine Ausbeutungszwecke temperierten Treibhause Sozialismus und

Gleichheit, klassenlose Gemeinsamkeit und Autonomie der Räte entwickeln zu können.

Die Verwaltung des Gemeinwesens durch die von den Arbeitsstätten aus von unten nach

oben wirkende föderative Organisation der Räte, die von den revolutionären

Kommunisten aller Schattierungen als Ziel angestrebte Räterepublik, kann niemals ein

Staatsgebilde sein. Staat setzt Regierung voraus, das ist obrigkeitliche Befehlsgewalt und

Rangordnung.

Die Räterepublik ist charakterisiert In der Forderung der russischen Arbeiter und

Bauern von 1917, die das revolutionäre Weltproletariat als Kampfruf aufgenommen hat:

Alle Macht den Räten! Räte sind die aus den Produktionsbetrieben unmittelbar

entsandten, für jede Einzelfrage nach besonderer Eignung ausgesuchten, stets abrufbaren

und auswechselbaren, unter dauernder Kontrolle der Werktätigen nach deren eigenen

bindenden Beschlüssen handelnden Delegationen der industriellen und

landwirtschaftlichen Betriebsbelegschaften. In den Räten ist also die gesamte städtische

und ländliche arbeitende Bevölkerung zur direkten Ausübung aller

Verwaltungsfunktionen des Gemeinwesens zusammengeschlossen. Die Leistung der

Verwaltungsaufgaben in den gemeinsamen Angelegenheiten weiterer und weitester

Bezirke geschieht durch Unterdelegationen dieser Räte zu Kreis-, Provinzial-, Landes-

Räte-Kongressen nach dem leichten Grundsatz der Verantwortung nach unten, der

Abrufbarkeit, des gebundenen Mandates, bis hinauf zu den höchsten Exekutivorganen,

dem Zentralexekutivkomitee und dem Rat der Volksbeauftragten, denen keine

Legislative, sondern durchaus nur die Ausführung des Willens der im Produktionsprozeß

unmittelbar Tätigen zusteht, und die, stets gewärtig, den Platz im ganzen oder für einzelne

Aufgaben berufeneren Genossen räumen zu müssen, immer nur Beauftragte, nie

Auftraggeber sind. Die Verfassung der Russischen Sozialistischen Förderativen

Sowjetrepublik vom 10. Juli

9

Mühsam - Staatsverneinung

1918, die der Zusammenarbeit marxistischer und anarchistischer Kräfte zu

danken ist, hat die Prinzipien dieses staatlosen Systems, wenn auch noch nicht

unter restloser Konsequenz, so doch mit der klaren Hervorhebung der Tendenz

herausgearbeitet, daß in dieser Konstitution der Übergang gesucht wird zur

"Einsetzung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, unter der es weder eine

Klassenteilung noch eine Staatsmacht geben wird".

Förderalistische Organisation heißt Organisation von der Basis zur Spitze,

Verbindung der wirkenden Kräfte zu selbstverantwortlichem Tun, statt

Übertragung der Verantwortung auf übergeordnete Instanzen. Der Rätegedanke

ist demnach eine rein förderalistische Idee. Der Versuch, eine Regierungsgewalt

mit dem Rätesystem zu verquicken, hebt die Omnipotenz der Räte praktisch auf

und setzt über die Räte, denen doch "alle Macht" gehören soll, eine andere

Macht. Die Gründe, die die Bolschewiken veranlaßten, anstelle der Rätediktatur

die Diktatur ihrer Partei zu errichten, liegen freilich auf der Hand. Sie fürchten,

daß unter den werktätigen Arbeitern und Bauern eine Mehrheit von Indolenten,

der west-europäischen Demokratie ergebenen oder gar der feudalistischen

Tradition anhängenden Elementen die Räterepublik als bestimmenden Faktoren

von vorn herein unrettbar diskreditieren, und sie an der Erfüllung ihrer

revolutionären Mission hindern würden nämlich die Überführung der Reste der

kapitalistischen Wirtschaft in die sozialistisch-kommunistische Produktions- und

Lebensordnung zu gewährleisten. Ohne Zweifel war diese Gefahr groß, ohne

Zweifel konnte Ihr aber auf andere Art gesteuert werden, als dadurch, daß über

die Räteinstanzen eine Parteiregierung und damit ein zentraler Staat gestülpt

wurde, dessen monopolitische Politik wohl die konterrevolutionären

Bestrebungen der Menschewisten, der rechten Sozialrevolutionäre und der

übrigen Helfershelfer der von der geeinten revolutionären Arbeiter- und

Bauernschaft niedergeworfenen Weißgardisten unterdrückte, zugleich aber

auch, und zwar in viel höherem Maße als Passive und Indifferente, die aktive

vorwärtsdrängenden linken Revolutionäre aller Richtungen, die Anarchisten,

linken Sozialrevolutionäre, Maximalisten und die Unkskommunisten, soweit sie

nicht der bolschewistischen Partei angehörten, niederhielt und unter Verfolgung

stellte, also gerade die Kräfte, ohne deren energische Beteiligung die

Oktoberrevolution niemals hätte siegreich sein können.

Der Grundirrtum der marxistischen Theorie, das zentralistische Prinzip gewann

in Rußland Geltung. Aus der Räterepublik wurde ein "Räte-Staat", ein

Widerspruch In sich selbst. Eine Staatsregierung, an deren Wesensart der Name

"Räte-Regierung" nichts ändern kann, erläßt Staatsgesetze, und das Gefäß des

Staates füllt sich langsam und unaufhaltsam mit dem Inhalt, für den die Form

des Staates ursprünglich geschaffen, für dessen Aufnahme sie allein geeignet ist:

mit dem Inhalt kapitalistischer Konzessionen.

Das russische Revolutionsproblem läßt sich nicht von einem Punkt aus

beurteilen. Die krisenhafte Zuspitzung der Differenzen wegen der russischen

Staats- und Wirtschaftspolitik und mithin der Taktik und der Methoden der

10

Mühsam - Staatsverneinung

kommunistischen Internationale, die heute die populärsten Persönlichkeiten der

revolutionären Heroenzeit in Opposition gegen das herrschende Regime zeigt, unter ihnen

Trotzki, Sinowlew, Kamenew und selbst Lenins Witwe, Krupskala, hat zahlreiche

Gründe, die zum allergeringsten Teil in persönlichen Rivalitäten, geschweige denn in

gewolltem Verrat oder mangelndem Idealismus zu suchen sind. Die Tatsachen sind

überall stärker als die Menschen, zumal die Tatsachen der Ökonomie. Nur stellen auch

Tatsachen, an deren Auswirkungen die Menschen nicht mehr vorbeikommen, ihr

Verhalten unter dem Gesichtspunkt zur Kritik, ob nicht ein anderes Verhalten andere

Tatsachen gezeitigt hätte. Und da sollte man bei der Erörterung der russischen Frage

nicht an der Möglichkeit vorbeigehen, daß die Gesamtanlage des bolschewistischen

Staatssystems an einem Konstruktionsfehler leidet: an dem, daß die föderative Rätemacht

durch eine zentralistische Staatsmacht ersetzt Ist.

Die bevorstehenden Revolutionen der westeuropäischen Proletariate haben aus den

Erfahrungen der russischen Arbeiter und Bauern in ernster Prüfung zu lernen. Sie

können unendlich viel Nachahmenswertes von ihnen annehmen. Die warnende Lehre der

russischen Revolution aber ist ihre Kapitulation vor der Idee des Staates. Staat, man mag

ihn kneten wie man will, ist Unterwerfung der Arbeitenden, Ist Klassenscheidung der

Gesellschaft. Ein "Räte-Staat" ist niemals eine Räterepublik. Denn Staat Ist immer die

Ausdrucksform unterdrückender Zentralgewalt: Räterepublik aber ist die

förderalistische Ordnungsform der Anarchie, d. h. der obrigkeitslosen Selbstbestimmung

der gesellschaftlichen Gesamtheit. Die Revolution, die den Staat nicht austilgt, so daß an

seiner Stätte nichts ähnliches Je wieder wachsen kann, wird ohne Hoffnung sein, die

klassenlose kommunistische Gesellschaft zu verwirklichen. Die Diktatur des Proletariats

ist nötig als Diktatur Klasse, solange die feindliche Klasse noch Atem hat: als Diktatur der

Revolution gegen die Konterrevolution. Der Ersatz der proletarischen Diktatur durch die

Diktatur einer obrigkeitlichen Regierung bedeutet die Preisgabe der sozialen Revolution

an den Staat. Der Staat aber ist unvereinbar mit dem Recht des Arbeiters; er ist der

Todfeind der sozialen Gleichheit. Wo Staat ist, kann keine Freiheit sein und keine werden.

?

11

Mühsam - Die Anarchisten

Die Anarchisten

Es muss mit der Offenheit gesprochen werden, deren ein ernster Gegenstand bedarf,

wenn er Grund zu Besorgnissen bietet. Empfindlichkeiten können dabei nicht

geschont werden, das gefühlvolle Betropfen der eigenen Vortrefflichkeit mag denen

überlassen bleiben, die eine vor jahrzehnten getroffene Erkenntnis einmal und

endgültig in ein nummeriertes Thesenprogramm eingesperrt haben und als Polizisten

einer ausgetrockneten Tugend zähnefletschend davor Wachposten stehen. Meine

eigene Leidenschaft für die Idee der Anarchie verpflichtet mich, leidenschaftslos zu

prüfen, warum es den deutschen Anarchisten nicht gelingt, der lebendigsten,

klarsten, vor Verflachung und Korrupierung durch gedankliche Reinheit am

sichersten geschützten gesellschaftsrevolutionären Ideen im Proletariat Verständnis

und Ausbreitung zu sichern.

Der Spott der Parteikommunisten über das Fehlen eines einheitlichen Wollens der

anarchistischen Gruppen und über die Zersplitterung der Bewegung in zahllose

winzige Sondervereinigungen hat gar keine Berechtigung.

Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer auf das gleiche Ziel gerichteten

Bewegung schützen vor Stagnation und Verknöcherung, und die Frage, ob

Differenzen in der Beurteilung organisatorischer oder taktischer Angelegenheiten der

einheitlichen Korporation(1) zu liebe zu überbrücken oder ob organisatorische

Trennungen vorzuziehen seien, ist technischer Natur. Wenn anarchistische

Verbindungen sich meistens zur Spaltung entschließen werden, so entspricht das

einfach der ihnen allen gemeinsamen Überzeugung, dass freiheitliche Bestrebungen

nicht dadurch gefördert werden können, dass ihren Bekennern unerwünschte

Bindungen auferlegt werden. Übrigens ist es nicht allzu schlimm mit dem

Grüppchen-Separatismus der Anarchisten, und ich bezweifle, ob es so viele

anarchistische Einzelvereinigungen gibt wie offene oder versteckte Fraktionen in der

kommunistischen Partei mit ihren rechten. linken, zentristischen, opportunistischen,

menschewistischen, trotzkistischen, sinowjewistischen, luxemburgistischen,

KAPdistischen, ultra-linken, reformistische, korschosophische, meyerologischen,

scholemanischen und urbahnausischen "Abweichungen" von der einzig wahren

"Linke" dessen, was auf der allein echten "Plattform" des seit kurzem und bis

nächstens unumstößlich katechisierten bolschewistischen Leninismus als richtig zu

gelten hat. Die Dezentralisation der anarchistischen Bewegung ist ihrem Wesen nach

gerade geeignet, Richtungskämpfe so übler Art, wie sie die KPD innerlich zerfressen,

zu vermeiden und unter Achtung der Besonderheit der andern Gruppen

kameradschaftliche Begegnungen an vielen Stellen herbeizuführen, an denen sie sonst

neben einander laufende Wege zu einer breiteren Straße zusammentreffen.

Vorzuwerfen ist den deutschen Anarchisten im Gegenteil, dass sie die Vorteile der

Dezentralisation vielfach nicht erkennen, organisatorische

12

Mühsam - Die Anarchisten

Trennungen nach dem Muster der Partei-Marxisten zum Anlaß erbitterter

Feindschaft (Zu)machen und mit autoritären Klüngelansprüchen dem eigenen Teil

die zentralistische Führerrolle anzumaßen versuchen.

Mit den individualistischen Anarchisten erübrigt sich die Auseinandersetzung. Da sie

glauben, die Freimachung der eigenen Persönlichkeit von Zwang, Gesetz und Staat

sei unabhängig von geschlossenen Massenbewegungen nicht nur möglich, sondern

Vorraussetzung der gesellschaftlichen Befreiung, so kann die Vorbereitung der

proletarischen Revolution, die in diesem Zusammenhange allein zur Erörterung

steht, nicht mit ihnen betrieben werden. Sie leugnen die klassenmäßige Bedingtheit

unserer Staatsverknechtung, betrachten den personalen Egoismus des in sich freien

Menschen unter jeder Gesellschaftsform als sozialen Wert und befürchten von der

Ausschaltung des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes durch den Kommunismus

die Vergewaltigung auch jeglicher geistigen und individuellen Betätigungsfreiheit. Sie

werden nach der revolutionären Niederzwingung der kapitalistischen Wirtschaft

wertvolle Helfer sein, um dem Begriff der Freiheit Fundament und halt in den

Köpfen der zu kollektivistischem Denken erzogenen Menschen zu geben, bis dahin ist

ihr Freiheitsbestreben, das sich, wie ich glaube, nicht ganz mit Recht auf den in

Wirklichkeit durchaus massenverbundenen Stirner beruft, eine bürgerlichphilosophische

Angelegenheit und keine proletarisch-revolutionäre. Auch die sehr

ernst zu nehmende und für revolutionäre Übergangsperiode außerordentlich

bedeutungsvolle Lehre Silvio Gesells scheidet hier aus, weil sie nicht ohne Weiteres

als anarchistisch auszusprechen ist, trotz der Abstammung von Proudhon, und weil

in dieser Betrachtung nicht von wissenschaftlichen Theorien sondern vom

praktischen Verhalten bestimmter revolutionärer Genossen die Rede sein soll. Die

Beschäftigung mit der FFF-Bewegung der Physiokraten bleibt vorbehalten.

Die Geschichte der deutschen kommunistisch-anarchistischen Bewegung ist noch

nicht geschrieben. ihr Grundriss ist aufgezeichnet in Rudolf Rockers prachtvoller

Most-Biografie (Verlag der Syndikalist). Der Mann, der alle Eigenschaften hat,

umfassenste Sachkenntnis, Urteilskraft, philologische Zuverlässigkeit und

revolutionäre Begeisterung für die anarchistische Sache, ist also da und wird uns

hoffentlich nicht allzu lange auf das anarchistische Parallelwerk zu Franz Mehrings

Geschichte der deutschen Sozialdemokratie warten lassen. Schon Rockers most-Buch

läßt deutlich erkennen, wie die Bewegung, der Persönlichkeiten Most, Neve,

Rheinsdorff ihren Atem gaben, in der der geniale Geist Gustav Landauers wirkte

und aus der die revolutionäre Weltliteratur reich vermehrt worden ist, entstand und

wuchs und wie sie es doch nicht vermochte, sich gegen die brutale Verfolgung der

Reaktion gegen die skrupellosen Intrigen der autoritären Sozialdemokraten, kurz

gegen den Bismarxismus wirksam zu behaupten. Rocker verschweigt nicht den

Anteil, den das eigene Verschulden der anarchistischen Genossen

13

Mühsam - Die Anarchisten

an der Erfolglosigkeit ihres Kampfes trifft. Monomanische(2) Verranntheit,

persönliche Eifersüchteleien, enttäuschte Ungeduld, die in Mutlosigkeit und

Verbitterung umschlug, viel Kleinliches und Allzumenschliches untergrub

Begeisterung, Energie und Werbekraft, und die Fortführung der Untersuchung über

den Wirkungskreis und die Lebensdauer Johan Mosts hinaus wird an der

betrübendsten Erscheinung der Folgezeit nicht vorbeigehen dürfen: der

Verwechslung des Autonomiegedankens mit Abkapselung und Sektentum. Heraus

aus der Sekte! - Heran an die Massen!!

Immer wieder hat es uns Rudolf lange zugerufen. Er was so gescheit, am 31.Juli 1914

diese trübe Welt zu verlassen. So brauchte er nicht mit anzusehen, wie vom nächsten

Tage ab die Mängel der revolutionären Vorarbeit ihre gute Saat verderben ließen.

Die Revolution fand sicherlich fast alle Anarchisten auf dem Posten. Unsere Genossen

waren in Berlin dabei, bei der Vorwärts-Besetzung, bei den Kämpfen um den

Marstall und bei Büxenstein, sie taten im Ruhrgebiet, in Sachsen, in Bayern und

überall ihre Pflicht. Was war diese instinktiv erkannte und enthusiastische befolgte

Pflicht? Mit der Waffe in der Hand da zu stehen, wo die Massen standen, mit dem zu

Abwehr und Angriff zu spontaner Gemeinsamkeit verbundenen revolutionierten

Proletariat zu kämpfen und zu bluten. Wie hießen damals die gemeinsamen

Forderungen der ganzen kämpfenden Arbeiterschaft ohne Unterschied des

Programms und der letzten Ziele? Besinnt euch, anarchistische Genossen! Sie hießen:

Niederzwingen der Konterrevolution, Durchkämpfung der Revolution, zu ihren

sozialistische Zielen, Verhinderung der Abriegelung des Kampfes durch

Parlamentarismus und Demokratie, Abrechnung mit Sozialdemokraten und

Gewerkschaften, Vergesellschaftung der Produktion, Expropriation(Enteignung) des

privilegierten Besitzes, Übernahme der öffentlichen Verwaltung in die Hände der

Arbeiter- und Bauernräte, Kampfgemeinschaft mit dem revolutionären Russland,

alle Macht den Räten, Ersetzung des Klassenkampfes durch die Diktatur des

Proletariats: Jawohl! Diktatur des Proletariats! --- das war Ende 1918 und Anfang

1919 selbstverständliche Forderung aller Revolutionäre, und wenn in Klosterneuburg

oder sonstwo irgend ein Anarchisterich händeringend Scharteken(altes wertloses

Buch) wälzte, um zu beweisen, dass jede Diktatur von allen anarchistischen Lehrern

immer verworfen sei, und dass Herrschaftslosigkeit Gewaltlosigkeit bedeute und

deshalb die Teilnahme von Anarchisten an einer Revolution des klassenerwachten

Proletariats verboten sei, so ließ man das Köterchen den Mond ankläffen und ölte

seinen Gewehrhahn.

Die deutsche Revolution ersoff in Proletarierblut. Die als Klasse vereinten

Revolutionäre, denen Karl Liebknecht nie als Parteimann galt, sondern als

liebeumbrandeter Fels im Kampf, haben sich allmählich alle wieder aus der

unmittelbaren Verbindung mit den Klassengenossen gelöst und hinter den

Thrönchen ihrer besoldeten Bonzen, hinter Parteiprogrammen,

Prinzipienerklärungen, Organisationsstatuten, hinter den Weisheitssprüchen

14

Mühsam - Die Anarchisten

ihrer unterschiedlichen Kirchenväter und den mit Vereinsfähnchen

gezierten Thoraschränken des wahren Glaubens geborgen, von wo aus sie

sich gegenseitig Dreck anschmeißen. Die Anarchisten zumal haben aus dem

Erlebnis einer revolutionären Erhebung, die sie in die Reihen der Massen

endlich hineinriss, nichts besseres zu lernen gewusst, als dass man Genossen,

die endgültig aus der Sekte ausbrechen möchten, des Verrats zeiht. (Ich will

hier von meinen eigenen Erfahrungen lieber schweigen.) Alle Vorurteile und

überlebten Begriffsbedeutungen sind wieder da, und wer Diktatur des

Proletariats sagt, nachdem doch die Klärung dieses Postulats durch die ---

übrigens durchaus anarchistische --- Räte-Idee geschaffen ist und die

russischen Anarchisten sich ausdrücklich zur proletarischen Revolutions-

Diktatur bekannt haben, ist Renegat(Glaubensabtrünniger) und wird als

Anarchist nicht anerkannt. Es ist das Unglück der Anarchisten, dass sie vor

jeder marxistischen Initiative scheu und schimpfend zurückweichen. Marx

stellt als erster die Forderung nach der Diktatur des Proletariats auf.

Bakunin bekämpfte diese Forderung, weil er mit Recht annahm, dass Marx

darunter die Parteiherrschaft seiner Gefolgschaft verstehe, dass eine solche

Parteiherrschaft keine Diktatur der arbeitenden Klasse über die besiegte

Ausbeuterschaft, sondern eine Klüngeldespotie mit dem Charakter einer

Staatsregierung bedeutet, erweist sich ja in Russland. Ich habe in der ersten

Nummer dieser Zeitschrift die Diktatur des Proletariats definiert als

"Diktatur der Klasse, solange die feindliche Klasse noch Atem hat: als

Diktatur der Revolution gegen die Konterrevolution". Das Bakunin solche

revolutionäre Diktatur keineswegs abgelehnt hat, lässt sich aus zahllosen

Stellen seiner Schriften und erst recht aus seinen Handlungen nachweisen.

Man sehe sich doch nur die Dekrete an, die er zur Proklamierung der

Kommune in Lyon vorbereitet hatte. Wenn das keine Diktatur ist weiß ich

nicht, wo sie anfängt. Wollt ihr, verehrte diktaturfeindliche Genossen, keine

Zwangsmaßnahmen ergreifen? Wollt ihr die reaktionäre Presse ungestört

ihr Gift spritzen lassen? Wollt ihr die organisatorischen Maßnahmen des

Proletariats von entgegen wirkenden Kräften sabotieren und vernichten

lassen, bloß um euch in dem Wahn zu schaukeln zu können. Revolution sei

Freiheit, man brauche bloß zu verkünden: das Volk ist frei! und schon

bedürfe es keines Zwanges mehr in aller Welt? Ihr meint das ja selber gar

nicht, ihr ängstigt euch nur vor dem Wort Diktatur und so schreit ihr gegen

die Sache! Von Theorien und Wortängsten unbeeinflusste Proletarier aber

denken an die Sache und nennen sie bei dem ihnen geläufigen Namen. Da die

Marxisten den Namen Aussprechen, sich zu ihm bekennen, gewinnt er

langsam die Bedeutung, die sie ihm beilegen. Ihr, Anarchisten, macht erst

aus der Diktatur des Proletariats die Diktatur der Partei, die sie propagiert.

Ihr, Anarchisten, habt alle die Zeichen, die dem Proletariat stets gemeinsam

waren, sobald die Bolschewisten, sie für sich reklamierten, ihnen überlassen

und damit anerkannt, dass sie Parteimonopole seien. Das alte Arbeiter-

Symbol des mit der Sichel gekreuzten --- die Parteikommunisten haben es

15

Mühsam - Die Anarchisten

zum Merkmal ihres Bekenntnisses gewählt, und wenn ein Anarchist es ansteckt, so

hört er von den eigenen Kameraden, dies Zeichen gehöre der Partei. Durch die

Annahme der schwarzen Fahne anstelle der roten, die bisher das verbindende

Banner der ganzen proletarischen Klasse war, bringen gerade die Anarchisten es

dahin, dass das rote Tuch der Bourgeoisie als die kommunistische Parteifahne gilt.

Wo aber ihr eigenes Abzeichen von guten Menschen akzeptiert wird, die mit

revolutionären Tendenzen schon gar nichts zu tun haben, da finden unsre braven

Anarchisten nichts dabei. Es bringt sie nicht einmal auf den Gedanken, ob denn

dieses Abzeichen überhaupt etwas mit Anarchismus und Staatsverneinung zu

schaffen hat. Früher, als wir in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht hatten, war

der wichtigste Kampf gegen den Staat der antimilitaristische. Das Zeichen des

zerbrochenen Gewehrs hieß damals: Zerschlagt dem Staat seine Waffen, weigert

euch, sie für den Staat zu tragen! --- Inzwischen ist der alte deutsche Militärstaat

kaputt gegangen, und die antimilitaristische Propaganda, die früher Reservat der

radikalsten Mannschaft des Proletariats war, ist Gemeingut aller bürgerlichen

Pazifisten geworden. Man schreit: Nie wieder Krieg! und predigt salbungsvoll gegen

das Blutvergießen. Daß diese schöne Zukunftsvision niemals Wirklichkeit werden

kann, solange der Kapitalismus nicht im revolutionären Kampf beseitigt ist, will kein

Bürger sehn, denn es ist nicht seine Art, einem Übel an die Wurzeln zu gehen. Er

reformiert gern Methoden, aber ans System zu rühren ist ihm ein zu unruhiges

Geschäft. Und die Anarchisten? Konservativ und verloren in holden

Kindheitsträumen vergaßen sie ihre Gewehrnadeln abzunehmen, und als die

Pazifisten sie ansteckten, da vergaßen sie sogar die ursprüngliche Bedeutung des

Sinnbildes und übernahmen fröhlich die, die ihm die neuen Freunde beigelegten. In

der anarchistischen Bewegung konnten sentimental-pazifistische Gewaltverneiner

Fuß fassen! Die deutschen Anarchisten, deren besten einer, August Reinsdorff, den

Kopf aufs Schafott gelegt hat, wurden als gewaltlose Kohlrabiapostel zum Gespött

der revolutionären Arbeiter. Gewiss, diese unglaubliche Verirrung scheint so

ziemlich in allen anarchistischen Kreisen außerhalb Klosterneuburgs überwunden,

aber es ist trübe genug, dass sie möglich war.

Es gibt noch genügend Lächerlichkeiten, die mit dem Namen der Anarchie Unfug

treiben. Am schlimmsten sind jene anarchistischen Krautsiedler, die die

unbeschreibliche Vermessenheit haben, sich bei ihrem friedfertigen Tun auf Gustav

Landauer zu berufen.

Nein wahrhaftig, Gustav Landauer hat die Kaninchenzucht in Schrebergärten nie im

Leben für revolutionäres und sozialistisches Beginnen gehalten! Seine revolutionäre

Siedlungsidee beruhte auf dem Gedanken eines höchst kämpferischen Boykotts der

kapitalistischen Produktion und Konsumtion und sollte erst verwirklicht werden,

wenn der Boden "durch andre Mittel als Kauf" in den Händen der Sozialisten sei.

Wie es gekommen ist, dass die anarchistische Bewegung in Deutschland

16

Mühsam - Die Anarchisten

zeitweise vollständig die Verbindung mit ihren Traditionen zur Zeit des

Sozialistengesetzes verlieren konnte, könnte lohnender Gegenstand einer

Spezialuntersuchung sein. Ein nicht unerheblicher Anteil an dieser Entwicklung

ist jedenfalls auf den Einfluss zurückzuführen, den der Syndikalismus auf die

anarchistischen Gruppen gewann. Als die lokalistischen Gewerkschaftsströmung

sich zu Anfang des Jahrhunderts nach französischem Vorbild auch in

Deutschland zu einem umfassenden Netz syndikalistischer Arbeiterbörsen

vereinigten, glaubte man, sich zugleich auf ein weltanschauliches Bild Bekenntnis

festlegen zu sollen. Das föderalistische Organisationsprinzip und die dadurch

bedingte Anwesenheit anarchistischer Genossen in den Lokalverbänden mag die

grundsätzliche Anerkennung des Anarchismus bei der Begründung der freien

Vereinigung deutscher Gewerkschaften veranlasst haben. So kamen Arbeiter

zum Anarchismus, denen die großartigen revolutionären Ideen der Anarchie

gänzlich fremd waren und wohl auch für die Dauer hinter ihren dem Kampf ums

tägliche Brot zugekehrten Koalitionsinteressen zurückstehen müssen. Der

Gedanke, dass revolutionäre Kämpfe und Maßnahmen nur wirtschaftliche

Mittel erlaubten, drang verheerend in die Vorstellungswelt der Anarchisten ein

und überschlug sich in dem Wahnwitz, den gewaltsamen Kampf allgemein zu

verwerfen. Erst in der letzten Zeit scheinen sich endlich die Anarchisten --- und

unter ihnen grade auch solche, die die wirtschaftliche Organisation des

Syndikalismus entschieden bejahen --- von dem lähmenden Einfluss des

Nurgewerkschaftertums in der Bewegung energisch befreien zu wollen. der Geist

Bakunins und Most beginnt wieder, sich zu regen. Opposition wird bemerkbar

gegen die Verfälschungen der revolutionären Kampfidee des Anarchismus,

gegen die Verbonzung und Zentralisierung der Bewegung durch

Funktionärskörper und Aufsichtsinstanzen, gegen den zelotenhaften

aktionslähmenden Buchstabenfanatismus der Gralshüter überholter

Auffassungen, endlich auch gegen die Selbstgenügsamkeit der anarchistischen

Pagoden, die im Wissen, dass ihnen allein alle Wahrheit und Heilslehre zuteil

ward, kopfwackelnd auf einem Broschürenhaufen sitzen und uns bemitleiden,

die wir immer von neuem verdaute, immer von neuem gefressene Weisheit dieser

Schriften nicht allein für das rettende Elixier der Menschheit und der Freiheit

halten.

Von der anarchistischen Jugend muss ein anderes Mal gesprochen werden. Sie

wird der Opposition Halt und Ziel geben müssen. Findet sie nicht aus der

Gefolgschaft der Alten den Weg zur Spitze, den Mut zur Tat, zum Beispiel, zu

Kritik und Entschluss, zur Umkehr und zu neuem Aufstieg, --- dann sehe ich

nicht, was die anarchistische Bewegung Deutschlands noch vor dem Versauern

in nörgelnden Diskutierklubs retten kann. Was nötig ist, ist Abkehr von den

Traditionen der letzten 20 Jahre, Rückkehr zu den Traditionen, die dem

Anarchismus einmal den Ruhm verschafften, der Schrecken der bürgerlichen

Wohlanständigkeit zu sein, Freimachung von der Isolierung, und --- bei völliger

Selbstständigkeit in Idee und Entschluss --- kameradschaftlicher Anschluss an

die kampfgewillten Massen aller Richtungen des revolutionären Proletariats!

?

17

Mühsam - Bismarxismus

Bismarxismus

Freiheit ist ein religiöser Begriff. Wer mit dem Ziele der Freiheit Revolutionär ist, ist

ein religiöser Mensch, Revolutionär sein ohne religiös zu sein, heißt mit

revolutionären Mitteln andre als freiheitliche Ziele anstreben. Anders gesagt:

Revolutionäre Entschlossenheit kann aus einer seelischen Not stammen, aus dem

Empfinden der Unerträglichkeit von Zwang, Gesetz und Entpersönlichung --- dann

ist sie religiös; sie kann auch stammen aus der nüchternen Errechnung von

Zweckmäßigkeit, wenn sich unter ihren Faktoren die Revolution als unumgängliches

Mittel erwiesen hat --- dann ist sie positivistisch. Der Positivist, --- das ist der

kirchliche Mensch im Gegensatz zum religiösen, der Leugner der Wildheit, des

Rausches und der Utopie: der Dogmatiker und Fatalist, dem die Freiheit eine

Kleinbürger-Phantasie und der Kampf ums Dasein eine Bestimmungs-Mensur

scheint.

Hier wird zu Revolutionären gesprochen, deren revolutionäres Ziel die Freiheit ist.

Freiheit ist ein gesellschaftlicher Zustand, dessen Fundament die freiwillige

Vereinbarung der Menschen zu gemeinsamer und einander ergänzender Arbeit und

zur gegenseitigen Verbürgung des Lebens und seiner Güter bildet. Der

gesellschaftliche Zustand der Freiheit beruht auf der Freiheit der Persönlichkeit, die

Freiheit des Einzelnen aber findet ihre Grenze an der Freiheit der Gesamtheit; denn

wo nicht alle Menschen frei sind kann keiner frei sein. Das Ringen um diese Freiheit,

die unvereinbar ist mit irgend welcher Art Obrigkeit, gesetzlichem Zwang,

angeordneter Disziplin oder staatlicher Gewalt, ist die religiöse Idee der Anarchie. Zu

ihrer Verwirklichung bedarf es der revolutionären Umwälzung der Grundlagen des

gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen, will sagen der Schaffung der

materiellen Basis, auf der allein Freiheit möglich ist: das ist ökonomische Gleichheit.

Wir Anarchisten sind Sozilisten, Kollektivisten, Kommunisten, nicht weil wir in der

gleichmäßigen Regelungen von Arbeitsleistung und Produktenverteilung die letzte

Forderung menschlicher Glückseligkeit erfüllt sähen, sondern weil uns kein Kampf

um geistige Werte, um Vertiefung und Differenzierung des Lebens möglich scheint, --

- und eben dieser Kampf ist der Sinn der Freiheit ---, solange die Menschen unter

ungleichen Bedingungen geboren werden und heranwachsen, solange geistiger

Reichtum in materieller Armut ertrinken, geistige und seelische Armseligkeit im

Glanze erkaufter Macht und Bildung als Reichtum strahlen kann.

Gleichheit hat mit dem, was heute Demokratie heißt, nicht das mindeste zu schaffen.

Die Gleichheit der bürgerlichen Demokratie beschränkt sich auf die Anerkennung,

dass jede zur Stimmabgabe zugelassene Person als eine Stimmeinheit zu zählen sei.

Dabei ist die Mehrheit der Stimmen selbstverständlich immer der Klasse verbürgt,

die durch ihre wirtschaftlichen Privilegien fast den gesamten Beeinflussungsapparat

beherrscht; überdies sind aber die Institutionen, für die gewählt werden darf, ihrer

Art nach nur geeignet, Bestehendes zu erhalten und zu verwalten.

18

Mühsam - Bismarxismus

Mag die Mehrheit der Wähler immerhin mit revolutionären Absichten votieren, die

Gewählten, welcher Programmrichtung sie auch angehören mögen, können in ihren

Körperschaften niemals anders als konservativ handeln. Sozialismus und Freiheit ist

auf dem Wege der Demokratie nicht zu erlangen; Demokratie aber im Sinne von

Freiheit und Gleichheit ist nur auf dem Boden des restlos verwirklichten Sozialismus

möglich. Diese eigentliche Demokratie, die die Herrschaft der Gesamtheit über sich

selbst, das ist die Selbstbeherrschung jedes Einzelnen im Bewußtsein seiner

gesellschaftlichen Mission, bedeutet, bedingt wirtschaftliche und rechtliche

Gleichheit, die die Voraussetzung aller Freiheit ist.

Nirgends in der Welt steht der religiöse Drang nach Freiheit tiefer im Ansehen als bei

den Deutschen. Der Positivismus, als philosophisches Prinzip von dem Franzosen

Comte aufgerichtet, fand seinen realen Nährboden in dem Lande, das schon den Sieg

des brutalen Rationalisten Martin Luther über den glühenden Weltstürmer Thomas

Münzer erlebt hatte. Das ist die ganze Geschichte Deutschlands: immer und überall

zertrampelt das Schema und die Formel den lebendigen Geist, die Schulweisheit den

Impuls des Inneren Wissens, die Kirche die Religion. Der stärkste Geist der

deutschen Geniezeit, Goethe, imponiert den Deutschen nicht durch seine apollinische

Natur, sondern durch seine robuste Lebensauffassung, und sie verehrten ihn, weil er

seinen phänomenalen Verstand so gut bürgerlich zu kleiden wußte und weil er den

Oberlehrern die bequeme Phrase des gesättigten Appetits geliefert hat, dass, wo

Gleichheit sei, keine Freiheit bestehen könne. Von den innigsten Geistern jener Zeit,

Hölderlin und Jean Paul, weiß der Deutsche wenig, und warum der Versuch der

Romantiker, vor den Stiefeltritten des Preußenschneids in Mythologie und

Mystizismus zu flüchten, in fade Sentimentalität umschlug, um endlich vom

Literatentum der Böme und Laube im Positivismus begraben zu werden --- darüber

machen sich die Leute keine Gedanken. Das junge Deutschland --- das war

literarischer Positivismus, verschärft mit Hegelei.

Der Positivismus, die Philosophie der nüchternen Gegebenheiten, die letzten Endes

Gelehrsamkeit mit Wirklichkeit verwechselt, und der Hegalinianismus, das uniforme

Metternichtum des Geistes, dessen apodiktische Abstraktionen und dialektische

Gaukeleien den Irrsinn produzieren, alles Wirkliche vernünftig zu finden, --- diese

beiden Denkfesseln mußten sich gleichzeitig um die Willensgelenke der Deutschen

legen, um ihre beste Eigenschaft, den Kosmopolitimus, zu vernichten und an seiner

Stelle im Geistigen, wie im Politischen den Zentralismus, das nationale Reglement,

das "Staatsbewusstsein" wachsen zu lassen. Das Preußentum, das Luthertum --- in

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Kapitalismus Deutschland zu

industrialisieren begann, gebar es aus der Banalität der konkretesten und der

Verschrobenheit der abstraktesten aller Philosophien die Theorie seiner

Geistverlassenheit und der in kapitalistischen Formen entbrannte Klassenkampf in

Deutschland sah die

19

Mühsam - Bismarxismus

Gegner auf beiden Seiten den gleichen philosophischen Strick ergreifen, --- nur

fassten ihn beide am entgegengesetzten Ende an. Bismarck spaltete Deutschland und

schuf das zentrale Reichsgebilde mit dem Preußenkönig als Kaiser an der Spitze, so

den Boden bereitend für die hemmungslose Entfaltung des kapitalistischen

Besitzmonopols; Karl Marx spaltete die Arbeiter-Internationale, warf Bakunin und

alle Revolutionäre hinaus, die der Selbstverantwortlichkeit des Proletariats, seinem

Freiheitswillen und seiner Entschlusskraft mehr zutrauten als den Rechenkünsten

festbesoldeter Revolutions-Manager und machte aus der Religion des Sozialismus die

Kirche der Sozialdemokratie. Bismarck arrangierte drei Kriege, um den Agrar-,

Industrie-, und Börsenkapitalisten die nötige Ellenbogenfreiheit für die Ausbeutung

der menschlichen Arbeitskraft zu schaffen; Marx schrieb eine für die Zeit ihres

Entstehens meisterhafte, aber sehr professorale Analyse des Kapitals, die er mit einer

von Hegel entlehnten abstrakten Philosophie garniert, wonach der Kapitalismus die

naturnotwendige Konsequenz der sich am Faden der historischen Dialektik

abspulenden Menschheits-Entwicklung sei und der historische Materialismus sein

Aufschwellen bis zu der Überfülle bedinge, die ihn unter Nachhilfe der

unausweichlichen proletarischen Revolution von selber platzen lassen werde.

Bismarck praktizierte den Obrigkeitsstaat, dessen Machtfundament von der

Kommandogewalt des Unteroffiziers über den Rekruten gestützt wurde; Marx

kopierte in Partei und Gewerkschaft die Disziplin und den Drill, die Subordination

und Schnauzerei des Kasernenstaates und übernahm dazu von der katholischen

Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes und Avancement-Stufenfolge nach dem Grade

ergebener Frömmigkeit. Bismarck endlich ordnete seinen Staat nach dem Prinzip des

autoritärsten Zentralismus, wie es den Wünschen und den Interessen der

ausbeutenden Bourgeoisie entsprach, und Marx proklamierte diese

Organisationsform als die dem Proletariat nach der Machtergreifung ebenfalls

gemäße des "Arbeiterstaates".

So wuchsen im neuen Deutschen Reich zwei feindliche Stämme aus derselben Wurzel,

einer öden und phantasielosen Autoritätslehre; genährt von den gleichen Kräften,

gedanken- und begeisterungsloser Disziplin und anspruchsvollem und gänzlich

unfruchtbarem Bürokratismus; beide entschlossen, jede Konkurrenz mit allen

Mitteln der Macht oder doch des Machtwillens niederzuschlagen: Bismarck den

nationalen Kapitalismus anderer Länder, Marx die revolutionären Sozialisten, die

weder von Marxens fatalistischer Theorie noch von Bismarcks allgemeinem

Wahlrecht Gebrauch zu machen wünschten und keine Staaten zu erobern sondern

alle zu zerstören trachteten, um statt ihrer die von keinen Staatsgrenzen getrennt

arbeitenden Menschen nach eigenen Ratschlüssen produzieren und konsumieren zu

lassen. Die peinlichste Ähnlichkeit der beiden Stämme, die in Deutschland als

bismarcksche kapitalistische Staatsmacht und als marxsche doktrinäre

Arbeiterbewegung zu den Sternen strebte, die ihnen nicht leuchteten, war der völlige

Mangel an jeder schöpferischen Originalität, die völlige Abwesenheit

20

Mühsam - Bismarxismus

aller religiösen Inbrunst, in Wesen und Ziel der völlige Verzicht auf jedwede Freiheit.

Dieser Mangel, verbunden mit Anmaßung, Pedanterie, Bürokratendünkel,

Paragraphenbesessenheiten und Schulmeisterei --- das ist der deutsche Kujonengeist,

dem die herrschende Klasse ihren stumpfsinnigen Aufstieg von gepflegter alter

Kultur zur Geldmacht und einem komfortablen Stande auf dem internationalen

Sklavenmarkt verdankt, und der die deutsche Arbeiterbewegung immer weiter vom

Sozialismus weg auf den Weg der Resignation und zur inneren Fäulnis und

Kampfunfähigkeit geführt hat. Es ist das, was ich, den ganzen Jammer unsrer Zeit

umfassend, Bismarxismus nenne.

Die Parallele von Bismarcks untheoretischer Praxis und Marxens unpraktischer

Theorie hat schon vor 5 1/2 Jahrzehnten Michael Bakunin gezogen, der von

oberflächlichen Beurteilern vielfach als Antisemit und Deutschlandfeind ausgegeben

wird. Er war beides nicht und hat sich ausdrücklich dagegen verwahrt, für das Eine

oder das Andere gehalten zu werden. Dennoch tobt er in seinen Polemiken immer

wieder mit wütendem Hass gegen "die Deutschen" und "die Juden". Mögen unsere

Hakenkreuz-Teutonen wissen, dass Bakunin beide Ausdrücke gebrauchte, um ein

und dieselbe Eigenschaft damit zu bezeichnen, eben die, für die ich das Wort

Bismarxismus vorschlage. Bakunin schimpfte auf die deutschen Juden und auf die

jüdischen Deutschen und meinte den von dem Deutschen Bismarck und von dem

Juden Marx in gleicher Feindschaft gegen Menschenwert und Freiheit geübten Geist

der Despotie und der zentralistischen Autorität; unter diesem Gesichtspunkt

identifizierte er die Begriffe Deutschtum und Judentum vollständig,

selbstverständlich in vollem Bewusstsein dessen, dass er damit nur eine einzige

Untugend charakterisiere, für die ihm eine bestimmte Art Deutsche und eine

bestimmte Art Juden repräsentativ schienen.

Michael Bakunin ist nun über 50 Jahre tot. Die trostlosen Prophezeiungen, die er der

proletarischen Revolution für den Fall hinterließ, dass die Bismärckerei Europa und

die Marxerei die Arbeiterbewegung verseuche, sind in fürchterlichem Maße

Wahrheit geworden. Aber schon neigen sich die Schatten des Untergangs über beide

Infektionsgebiete. Wenn ich hier einmal das Wort von der "Todeskrise des

Kapitalismus" übernommen habe, so irrt der Genosse, der mich darum angriff,

wähnend auch ich hätte mich nun der fatalistischen Ideologie des Marxismus

ergeben, die die Weltgeschichte nach ehernen Gesetzen und unabhängig vom aktiven

Tatwillen der Menschen in "naturnotwendiger" Entwicklung dialektisch ihr Pensum

erledigen sieht. Im Gegenteil: Ich stimme vollständig überein mit der Ansicht Gustav

Landauers, dass jederzeit und überall die Beseitigung des Kapitalismus und die

Aufrichtung des Sozialismus möglich ist, wenn die Menschen das Notwendige

veranstalten, um die revolutionären Bedingungen dazu zu schaffen. Die "Todeskrise

des Kapitalismus" ist für mich nicht eine Erscheinung der göttlichen Vorsehung, die

uns berechtigen könnte,

21

Mühsam - Bismarxismus

geruhsam zuzusehen, wie jetzt das bestehende Wirtschaftssystem automatisch

zusammenkrachen und an seiner Stelle ebenso gottgewollt und unausbleiblich ein neues

sozialistisches und in der Reihenfolge marxistisch errechneter "Phasen" aufblühen werde.

Von dieser Krise nehme ich aber untrügliche Erscheinungen wahr, deren erste und

verständlichste der Weltkrieg mit seinen für die kapitalistische Maschinerie

unreparierbaren Folgen war; das Erkennen dieser Krise hat mit Fatalismus nichts zu tun,

sondern verpflichtet zum Eingreifen, damit die krepierende Bestie nicht in der Agonie die

Keime vernichtet, aus denen Revolution, Sozialismus und Freiheit erwachsen sollen. Das

Verrecken des Kapitalismus in seiner bisherigen Form bedingt keineswegs das Entstehen

des Sozialismus an seiner Stelle. Ein andrer, vielleicht besser organisierter Kapitalismus

kann, wenn die revolutionären Sozialisten die Todeskrise nicht durch den Todesstoß

beschleunigen, sehr wohl der Ausbeutung in veränderten Formen neue und noch

erweiterte Möglichkeiten schaffen. Bleibt der Staat in irgend einer Gestalt am Leben,

dann hat der Kapitalismus und mit ihm der Positivismus, das Kirchentum des Lebens, mit

einem Wort der Bismarxismus freies Feld.

Die Todeskrankheit des Kapitalismus ist aber zugleich die Todeskrankheit des

Marxismus. Heute steht ja, zumal in Deutschland, die Arbeiterbewegung fast ausnahmslos

auf dem Boden dieser fatalistischen Lehre, und Sozialdemokraten und Unabhängige,

rechts- und linksbolschewistische Kommunisten, KAPisten und Unionisten aller

Schattierungen sieht man sich unter Aufwand haarsträubender Rabulistik gegenseitig die

Bibel des garantiert wissenschaftlichen Sozialismus, die Marxdoktrin, auslegen. Am

Bibelwort selbst zu rühren, die Heilswahrheit des gesamten Marxismus anzuzweifeln, das

wagt keiner von ihnen allen, das ist unter Sozialisten ein solche Verbrechen, wie bei den

Bismarck-Epigonen die Verneinung der Notwendigkeit des großpreußischen Deutschen

Reiches. Und siehe: die Bejahung dieser Notwendigkeit geschieht nirgends so

überzeugungsvoll wie bei den sozialdemokratischen und kommunistischen Marxisten.

Jene 1918/19, diese 1923: Bismarxismus auf der ganzen Linie

Ist das zu verwundern? Der Marxismus --- Landauer weist in seinem herrlichen "Aufruf

zum Sozialismus" nachdrücklich darauf hin --- beschäftigt sich in allen seinen

theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse

und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der

Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen

Periode behauptet, ja ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft

hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle

Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das

Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu

Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht auch in der Idee vom Staat losgekommen

ist. Es kann nicht vom Staat loskommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf

die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin,

Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt

Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem

revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nicht

andres ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht

und seine Kraft, der Hass gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit! ?

 

22

Kurzbiographie - Impressum

Erich Mühsam

kurz umrissende Lebensdaten:

Geboren 1878 in Lübeck, ermordet 1934 im KZ Oranienburg.

1900 wird er freier Schriftsteller, anarchistischer Agitator,

Redakteur, Kabarettist und Bohemien.

1902 zieht er selbst nach Friedrichshagen und gibt dort mit Albert Weidner die

anarchistische Zeitung "DER ARME TEUFEL" (1902-04) heraus.

1918 führender Kopf in der Bayerischen Revolution 1918, Mitglied der

Münchener Räterepublik. Dann zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Als

unbeugsamer Revolutionär und Verfasser revolutionärer Lieder ist Mühsam zu

Beginn der 20er Jahre weit über anarchistische Kreise hinaus in der

Arbeiterschaft populär. Gibt von 1926 bis 1931 erneut eine Zeitschrift "Fanal"

heraus.

Mühsam wird noch in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und nach

einem Leidensweg durch mehrere KZ in der Nacht zum 10. Juli ermordet.

(frei nach der Friedrichshagener Biographie)

 

Quellenangaben:

"Freiheit als Gesellschaftliches Prinzip"

Vortrag, gehalten im Südwestdeutschen Rundfunk, Frankfurt a.M., 7.November 1929

"Staatsverneinung" aus: FANAL, 1. Jg. Berlin Okt 1926, Nr 1

zu den anderen beiden Texten keine Quellenangaben

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