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Alles Verändern, ein anarchistischer aufruf / …

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Gedanken einer Aktivistin:

 

start_revolutionDu hörst es oft. In deiner unmittelbaren Umgebung, durch entfernte Bekannte bei Facebook, als O-Ton der Gesellschaft allgemein. Es sind Sätze wie:
„Sei doch nicht so negativ“,
„Wieso musst du immer alles so politisch sehen?“ und
„Man muss auch einfach mal Spaß haben.“
Sie implizieren alle das Gleiche: Befasse dich nicht so viel mit den schlechten Dingen, die auf der Welt passieren. Lebe einfach dein eigenes Leben und habe Spaß, denn ändern kannst du sowieso nichts.

Es ist die naive Aufforderung zu mehr Unbeschwertheit und gleichzeitig, durch die Permanenz, in der diese Aufforderung wie ein Druck von allen Seiten immer wieder auf dich ausgeübt wird, ein Diktat der modernen Spaßgesellschaft zu mehr Ignoranz und Füße still halten. Zum Einordnen in die Welt der Belanglosigkeiten zwischen dem letzten Starbucks-Kaffee und dem nächsten Disko-Besuch am Wochenende, nicht wissend, dass auch sie in ihrer vermeidlichen Freiheit und Unbeschwertheit nur einem Diktat folgen.

 

Freiheit ist nur sehr schwer greifbar, weil definitionsabhängig. Sie obliegt zu meist unserer subjektiven Wahrnehmung und wird so zugleich zu einer Waffe, die die Mächtigen, die Meinungsmacher dieser Welt gegen uns richten. Denn während die Glücklichen in einer Welt des belanglosen Spaßes glauben, sie wären frei, erkennen nur die Beschwerten, dass sie es nicht sind, dass es keiner von uns ist. Was ihnen bleibt, ist lediglich die Unbeschwertheit durch Unwissenheit, die Verarschung der eigenen Person und die Verdrängung unserer Verantwortung. Ein Zustand, den ich zugegebenermaßen schon dem ein oder anderen in schwachen Augenblicken geneidet habe.

 

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals komplett in dieser Blase befunden habe. Vermutlich als Kleinkind. Meinen ersten Kontakt mit Armut und der damit einhergehenden ungerechten Verteilung der natürlichen Ressourcen, Nahrung und Einkommen hatte ich bereits als Grundschulkind, als ich meine damaligen 10 Mark Monatstaschengeld per Telefon an eine Fernseh-Spendenaktion zu Gunsten hungerleidender Kinder in Afrika spendete. Ich erinnere mich bis heute daran, wie ich weinte, als ich die Bilder der unterernährten Kinder im Fernsehen sah.

 

Ich weiß nicht wirklich genau, woher es kam und ob der Gerechtigkeitssinn vor den Bildern oder umgekehrt da war. Viele Begebenheiten aus meiner Kindheit kann ich nicht mehr wirklich in eine chronologische Reihenfolge bringen. Ich weiß nur, dass mein Sinn für Gerechtigkeit neben der ungerechten Verteilung von Ressourcen auch Kuscheltieren galt. So musste meine Mutter mir im Supermarkt unter großem Drängen einen nicht sehr hübschen Plüschhund kaufen, weil er der Letzte war, der in der Warenablage lag und mir deshalb schrecklich leid tat.

 

Später war es wohl vor allem eben jener ausgeprägte Sinn für Gerechtigkeit, der dafür sorgte, dass ich mich, obgleich anfänglich noch sehr naiv, für Politik zu interessieren begann. Mich interessierte, wie die Welt funktionierte, wieso die Dinge so waren, wie sie waren, aber vor allem war ich idealistisch genug, um den Anspruch zu erheben, dass die Politik bzw. eigenes politisches Engagement Dinge zum Positiven verändern könne. Dabei musste ich schnell feststellen, dass nicht nur das Wissen über politische Zusammenhänge, sondern vor allem das politische Engagement, das ambitionierte Bestreben nach Veränderung, ein nicht zu unterschätzendes Frustrationspotenzial mit sich brachte. Die Politik bzw. das Erwachen des eigenen Interesses daran ist daher für mich bis heute der spannendste und zugleich niederschmetterndste Prozess in meinem Leben. Es ist die Geschichte von idealistischem Optimismus und Leidenschaft und zugleich grenzenloser Fassungslosigkeit. Es ist die Geschichte von Zyklen, Höhen, Tiefen und Zwischenphasen. Es ist das Hoch der Überzeugung, was dir den Anstoß und den Antrieb liefert, dich zu interessieren, es ist das Interesse, was dir die Scheiße offenbart und die Ungerechtigkeit stetig ungerechter werden lässt, weil ihr Ausmaß sich mit jedem Fetzen, den du aufnimmst, weiter vor dir offenbart. Es ist die Depression, die sich daraufhin in Verbindung mit der eigenen vermeidlichen Machtlosigkeit breit macht und es sind die ganz kleinen Erfolge und wiederum die Überzeugung, der Sinn für Gerechtigkeit, der dich immer wieder daraus holt, der dich immer weitermachen lässt.

 

Dazwischen ist viel und es wäre nicht richtig, diese Phasen zu unterschlagen. In diesen Phasen befassen wir politischen Menschen uns mal mehr, mal weniger mit der Politik, mit all dem, was um uns herum passiert. Denn die Politik ist nichts anderes als das. Sie ist das, was uns umgibt, sie entscheidet darüber, wie wir leben, auch wenn ein Großteil der Gesellschaft leider aufgehört hat, über sie zu entscheiden. Und auch wenn diese Phasen deutlich machen, dass wir uns nicht immer mit dem gleichen Elan mit ihr und ihren Auswirkungen auseinandersetzen, dass auch der politische Mensch Phasen der Regeneration braucht, so zeigen sie doch eines: Die Kontinuität des politischen Bewusstseins.

 

Und genau das ist die Antwort auf die indirekt gestellte Frage zu Anfang des Textes. Die Antwort auf die Frage, wieso Menschen mit politischen Bewusstsein nicht anders können, als politisch zu denken, wieso wir auf die Spaßgesellschaft so negativ wirken.

 

Einmal erwacht, ist das politische Bewusstsein nichts, was weggedrängt, nichts, was nach Belieben für einen Disko-Besuch oder ein Holi-Festival ausgeschaltet werden kann. Es gibt keinen Weg zurück in die Spaßgesellschaft, in ein Leben, in dem der Kaffee von Starbucks einfach gut schmeckt, H&M einfach nur ein schickes Top für 9,95 im Schaufenster hat und die eigene Zufriedenheit über die Definierung des eigenen gesellschaftlichen Status, des materiellen Konsums und die in Alkohol getränkte Befeierung selbiger Sinnlosigkeit am Wochenende bestimmt wird.

 

Heute spende ich keine 10 Mark mehr an eine Fernseh-Spendenaktion. Heute liege ich an meinem freien Tag morgens im Bett und lese ein Buch von Jean Ziegler mit dem Namen „Wir lassen sie verhungern“ über die gezielte Ausbeutung und Massenvernichtung in der Dritten Welt. Ich starte damit bereits um 8.00, um bald fertig zu sein, um das nächste Buch von meinem nie kleiner werdenden Stapel lesen zu können. Vielleicht wird es Sartre, oder ich lese Schirrmachers „Ego“ weiter, in dem er auf einzigartige Weise das Monster Kapitalismus beschreibt. Ich hoffe, dass ich vielleicht noch Zeit habe, die mehrteilige Doku, die ich vor einer Woche angefangen hatte, weiterzuschauen. Ich will viel schaffen, bevor ich wieder los muss, bevor die freie Zeit wieder nur spärlich vorhanden ist. Parallel plane und starte ich Aktionen, gestalte den aktiven Teil, dem ich mich vor allem in der Zeit zuwende, wo ich für die Theorie, das Anhäufen von Wissen nicht viel Ruhe habe. Es ist die fünfte Seite von Zieglers Werk auf der steht, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, dass dieser Planet, auf dem es stirbt, problemlos zwölf Milliarden Menschen, also fast das doppelte der Erdbevölkerung ernähren könne und dass der Fakt, dass es trotzdem an Hunger sterben muss, Mord sei. Dieser Massenvernichtung begegne die öffentliche Meinung des Westens mit eisiger Gleichgültigkeit, allenfalls mit gestreuter Aufmerksamkeit, wenn die Katastrophen „besonders sichtbar“ seien. Es sind Zeilen wie diese und die 300 Seiten, die auf sie folgen, die das Unrecht im Detail offenbaren, die dafür sorgen, dass ich nicht unbeschwert bin. Dass ich es nie mehr sein werde. Und genau so geht es anderen. Auch in Momenten, in denen wir lachen, in denen wir Spaß haben, lachen wir anders, haben anders Spaß als die anderen, weil wir die Welt anders sehen.

 

Die Welt des politischen Bewusstseins und ihrer Menschen ist in den letzten 30 Jahren zu einer eigenen geworden, obgleich wir alle tagtäglich von Politik und ihren Auswirkungen umgeben sind. Die Zeiten, in denen „alles“ als politisch galt, die 68er-Bewegung, ist lange vorbei. Die Zeiten des politischen Aktivismus sind vermutlich so vorbei wie niemals zuvor. Das lässt sich nicht zuletzt durch die beeindruckenden Gleichgültigkeit der Gesellschaft in Bezug auf den Abhörskandal dieser Tage erkennen. Und so isoliert das eigene politische Bewusstsein von der restlichen westlichen Spaßgesellschaft in gleichem Maße, wie es wächst. Du kannst immer weniger mit ihnen anfangen und sie immer weniger mit dir. Das Ausmaß ist nicht zu unterschätzen. Es betrifft Freundschaften, Familie und nicht zuletzt Liebes-Beziehungen, weil der richtige Partner immer schwerer zu finden und noch viel schwerer zu halten ist. Denn die meisten Beziehungen, die meisten Partnerschaften heutzutage sind nicht mehr für derartiges gemacht. Weil die meisten von uns eben auch in ihrer Beziehung nur Unbeschwertheit und Spaß haben wollen. Und so fühlen wir uns zunehmend unverstanden.

 

Es ist somit nichts anderes als die Einsamkeit des politischen Bewusstseins, die hier Beschreibung findet.

 

Und manchmal ist es genau dieser Aspekt, der für das Zweifeln, das Hadern mit sich selber sorgt. Ich betrachte die Eigen-Isolation durchaus kritisch. Der Mensch wird gemeinhin als soziales Wesen bezeichnet. Schaue ich auf mich, so erkenne ich mittlerweile nicht nur Spuren asozialen Verhaltens und bewusster Abgrenzung. Ja, es ist hart, Freunde auf dem Weg zurück zu lassen und Beziehungen scheitern zu sehen. Es ist umso härter, dennoch nichts wirklich dagegen tun zu können, weil du dich, deine Persönlichkeit sonst selber unterdrücken müsstest, weil man sonst beginnen müsste, Unbeschwertheit zu spielen. Es ist eben oft nicht leicht in einer Welt, einer Gesellschaft zu leben, in der es so wenig geduldet wird, sich mit ernsten und deshalb für die meisten negativen Dingen zu befassen. Es ist schwer, dem Druck von Außen, sich gefälligst wieder in die so fremd gewordene Gesellschaft einzuordnen, standzuhalten. Ja, es erscheint fast wie eine Pflicht, abzuschalten, „einfach“ Spaß zu haben. Es herrscht so etwas wie eine Nulltoleranz aufgrund der beschränkten Vorstellungskraft des Mainstreams, dass man eben nicht an den gleichen Dingen Freude findet. Dass eben nicht jeder glücklich ist, wenn er sich nur um sich selber kümmert und am Wochenende das hart erarbeitete Geld vertrinkt und verfeiert. Es ist diese vermeidliche Pflicht zum Spaß nach ihren Regeln, die für ein permanent auferlegtes Rechtfertigungs- und Schuldgefühl sorgt, so lange man sich nicht von der Mainstream-Gesellschaft isoliert.

 

So ist es die Absurdität des Systems, in dem wir leben, dass sich nicht jene rechtfertigen müssen, die Zeit ihres Lebens mit belanglosem Spaß und eigenem Mikro-Kosmos verbringen, sondern jene, die die Grenzen des eigenen egoistischen Daseins überwunden und sich für ein Leben entschieden haben, welches aus mehr besteht, als dem Einsatz für sich selber.

 http://www.echte-demokratie-jetzt.de/2013/07/sei-doch-nicht-so-negativ/