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„Die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!“,


Gustav Landauer:
AUFRUF ZUM SOZIALIMUS
Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern.
Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden.
Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht.
Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? Wohin könnte sie zielen?
So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht!
So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren.
Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat.
Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen.
Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde!
Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden.
Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft.
Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben.
Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist.
Aus: Gustav Landauer / Aufruf zum Sozialismus (1911). - Gustav Landauer / Aufruf zum Sozialismus
- Gustav Landauer / Stelle Dich, Sozialist!
- Gustav Landauers Leben und Werk
- Gustav Landauers Gemeinschaftsutopie
- Gustav Landauer und die Räterepublik
"Anarchie ist nur ein anderer, in seiner Negativität und besonders starken Mißverständlichkeit weniger guter Name für Sozialismus. Wahrer Sozialismus ist der Gegensatz zu Staat und kapitalistischer Wirtschaft; er ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen."
Gustav Landauer (1870-1919)

Mühevoll aus einem Buch abgeschrieben zum Tode Gustav Landauers am 2. Mai 1919
Erich Mühsam (Gefängnis Ansbach)
Gustav Landauer
Gedenkblatt zu seinem 50. Geburtstag 7 April 1920
Die äußeren Umstände, unter denen diese Zeilen geschrieben werden, lassen die allein würdige Form, Gustav Landauer zu ehren, nicht zu: die der glutvollen Werbung für die von ihm erstrebte Neubildung der menschlichen Gesellschaft, für Sozialismus, anarchische Gerechtigkeit und ihre Bedingung, Revolution. Da mir in meiner Zelle auch alles literarische Material fehlt, an Hand dessen ich ihn selbst von reinem Menschentum, von Völkerfreiheit, von innerem und Süßerem Aufruhr sprechen lassen könnte, mag der Leser sich mit den einfachen Gedenkworten zu frieden geben, die der Überlebende dem Toten, der Freund dem Freunde, der Schüler dem Lehrer, der Rebell dem Kampfgenossen aus verehrendem und dank erfülltem Herzen zu widmen hat.

Die Daten seiner Entwicklung, seines Werdens und Wirkens, seines Wandels von der Geburt an bis zu seiner scheußlichen Ermordung im Stadelheimer Bluthof werden an dem Tage, an dem Gustav Landauer sein fünfzigstes Lebensjahr abgeschlossen hätte, in sovielen Artikeln und Nekrologen aufgezählt werden, daß diese Sätze nicht mit seinem curriculum vitae beschwert zu werden brauchen. Aber er käme zu kurz, wollte man die Abschätzung seiner Lebensarbeit ganz den Wohl meinenden überlassen, die, aus seinen Schriften wissender geworden, oder auch durch den persönlichen Umgang mit ihm bereichert, die Pflicht fühlen, die hoch ragende Bedeutung des Mannes vor geistig bewegten Bürgern oder gar mißtrauischen Zeitungslesern ins Licht zu stellen, seinen „Idealismus“ zu preisen, um au« ihm •eine schroffe Abkehr vom Staatstum, seine kämpferische Haltung gegen Traditionen und Normen abzuleiten und womöglich zu entschuldigen.

Nur aus der umgekehrten Betrachtung ist Landauers Persönlichkeit gerecht zu werden. Sein Grundcharakter war wahrhaftig nicht der eines Schwarmgeistes, eine Weltfremdlings oder Gottessüchtigen. wie ihn sich der wohlwollend lächelnde Philister vorstellen mag. der sein praktisches Einmaleins gelernt hat und dem überall zwölf auf ein Dutzend gehen. Nicht nahebringen will ich das Bild des toten Freundes dem Geschmeiß der satten Gemüter, die sich freie Geister dünken, weil sie die hungernden, nie gesättigten Seelen, die sehnsüchtigen Herzen, da sie selber doch ohne Herz sind, interessant finden, die bereit sind alles zu verzeihen, weil sie nichts verstehen; sondern entfernen will ich es von ihnen, es ihrem befleckenden Blick entziehen, die Feindschaft, den untilgbaren Gegensatz aufzeigen, der Landauers Geist ewig trennt von dem bürgerlichen Idealismus seiner literarischen Begreiner, die ihre gelockten Häupter über die Glatzen der Geschäftsrealisten erheben möchten, aber mit den Hintern stets an deren Kontorsesseln kleben bleiben.

Ein Idealist ! Natürlich war Landauer das, wie jeder, dem eine sittliche Idee, Wegweiser des Lebens ist. Aber der Begriff muß gesäubert werden von dem Schleim in den ihn die Anbiederungssucht ideeloser Jammerkerle gehüllt hat, die mit tonenden Worten hausieren und den reinen Glockenklang einer schallenden Menschenstimme in dem dürftigen Geklingel ihrer humanitären Salbaderei verkommen zu lassen suchen. Ich habe keinen Satz zur Hand, in dem Gustav Landauer selbst sich gegen die Gemeinschaft mit idealistischen Phrasenraßlern gewehrt hätte. Aber ich weiß, daß er mehr als einen geschrieben und in Gesprächen hundertmal bekannt hat, was der unerbittlichste Rebell aller Zeiten, Michael Bakunin, dem auch er mit Leidenschaft anhing, so ausgedrückt hat: „Doch muß mit jenem Idealismus auf geräumt werden, der es verhinderte, daß man nach Gebühr handle; er muß durch grausame, kalte, rücksichtslose Konsequenz ersetzt werden.“ Wir dürfen Landauer einen Idealisten nennen, wir, die sein Ideal kennen und teilen und als ein Ideal tatfrohen Zukunftswillens pflegen, nicht die, die selbst- und weltzufriedenen Schön geistern mit himmelnden Augen Sympathie für den Außenstehenden anschwätzen wollen.

Gustav Landauer war Revolutionär: nichts anderes: nichts außerdem. Revolutionär aber heißt Umstürzer, Zerstörer und Neuschaffer. Aus seiner revolutionären Natur erklärt sich alles, was er dachte, wollte und schuf. Sie war ihm Antrieb und Mittel seine! Werks, nur sie. Sie stellte den Gott in seinem Herzen auf, nur sie. Sie leitete sein Tun und sein Schicksal, nur sie.

Freilich war sein revolutionäres Wirken nicht begrenzt im Kampf gegen staatliche Satzungen und gesellschaftliche Systeme. Es erstreckte sich auf alle, Kategorien des Lebens, machte nicht halt vor wissenschaftlichen Methoden, vor künstlerischen Konventionen‘ und moralischen Doktrinen. Sein profundes Wissen erlaubte es ihm, mit der Kritik seines revolutionären Geistes in viele Gebiete des menschlichen Denkens hinabzusteigen und sie als Wüsten der Gedankenlosigkeit und verwilderter Überkommenheiten zu entschleiern. Es ist aber eine Verfälschung seines Lebenswerkes,‘ wenn die einzelne Erkenntnis, die aus diesem seinem Abtasten der Weltprobleme der Philosophie oder der Aesthetik, der Literaturgeschichte oder der Soziologie neue Fährten zeigte, als Verteidigung seines Wertes vor dem besitzbangen Bourgeois bemüht wird. Dem kann nicht eindringlich genug gesagt werden, daß Landauer kein Bourgeois war, sondern sein ausgeprägtes Gegenteil: ein Neuerer, der als Voraussetzung aller kulturellen Umwälzung die soziale erstrebte. Ihr, der sozialen Revolution, kitte er sich verschworen von Jugend an, und sein Walten all Neuerer in den Bezirken der Sittlichkeit und der Kultur klomm aus dem Willen, den Geist vorzubereiten für die Tat, im Volk Niveau zu schaffen für die Empfängnis des selbst erkämpften Sieges.

Noch einmal: wer Gustav Landauer im härenen Gewande zeichnet mit dem friedseligen Schmachtblick des Versöhners, der fälscht sein Bild. Nur wer ihn all Kämpfer lieht, als rücksichts- und furchtlosen Kämpfer, gefällig zwar und milde und von gütiger Heiterkeit im täglichen Umgang, aber unduldsam, hart und eigen willig bis zum Hochmut überall, wo es um Entscheidendes ging, der lieht ihn wie er war. Es ist nicht wahr, daß er aus lauter Liebe zusammengesetzt war. Wie irgendeiner hat er den Haß gekannt, den Haß gegen das Unrecht, gegen die Ausbeutung, gegen den gewalttätigen Staat, gegen die Idee der Brutalität — und gegen ihre Träger. Jawohl, auch die Personen hat er gehaßt, alle, die sich dem Werk der Volksbefreiung entgegenstemmten aus Eigennutz oder Gedankenfaulheit, aus Dummheit oder Eitelkeit. Man vergleicht Landauer oft mit Tolstoi. Mit Recht — gewiß. Denn was Tolstoi einmal in seinem Tagebuch all das „einzig Notwendige“ bezeichnet: „die Lösung sittlicher Fragen und ihre Anwendung im Leben“, das war auch ihm Richtung und Ziel alles Denkens und Schaffens. „Tolstoianer“ in dem Sinne, wie ethische Schmalztropfer die Gattung verstehen, war Landauer nicht, Tolstoi selber Übrigem ebensowenig. Auch der kannte den Haß und die Inbrunst der Verachtung, und auch ihm war die Liebe nicht das stets bereite Handwerkszeug in allen Lebenslagen, sondern der glühende Ursprung und das leuchtende Ziel des menschlichen Seins.

Landauer war Revolutionär von Natur wegen. Er gehörte nicht zu den Buchstabenschnüfflern, denen die Erwägungen des Hirns langsam und auf Widerruf die Zweckmäßigkeit des Umsturzes beweisen. Seine ursprüngliche Einstellung zu allen Dingen und Werten war voraussetzungslos, darum skeptisch, darum zur Ablehnung geneigt und kämpferisch. Nichts galt ihm die noch so exakte Wissenschaft, als die Erkenntnis anderer, deren Autorität beweitkräftig sein sollte. Noch nie ist das Ergebnis einer Forschung ungestürzt geblieben und alle Wahrheit hat nur Bestand bis sie einer neuen weichen muß. „Wahr ist, daß nichts wirklich ist“ hat Landauer einmal geschrieben, ich glaube, in „Skepsis und Mystik“, diesem merkwürdigen, götzenzertrümmemden Buch, in dem „im Anschluß an Mauthners Sprachkritik, die letzte Autorität, die Vernunft selber, als Produkt der Sprache, des unzulänglichen Verständigungsmittels der Menschen, und mithin die Logik“, als nichts beweisend verworfen und an ihrer Statt die „Mystik“, das Urwissen, das unmittelbare, intuitive Erkennen als einzig positiver Wert aufgestellt wird. Das Wissen um die Wahrheit ist primär, der vernünftige Beweis, das sprachliche Erfassen nachträglich.

Mit dieser Erkenntnis kommt nun Landauer nicht wie Mauthner zur „fröhlichen Resignation“, sondern zum Extrem, zum entschlossenen Angriff gegen das Bestehende, all falsch, schlecht und brüchig Erwiesene, zum Angriff gegen die Autorität schlechthin. Er entwurzelt die Autorität aller herrschenden Normen, von der Sprache angefangen — dabei ist seine Sprache von einer gedrungenen Wucht sondergleichen — bis zu Artikeln, Gesetzen und Fesseln des sozialen Lebens der Menschen. Aus seinen antiautoritären Wesen entspringt sein Wissen um die Freiheit, daraus sein Wille zur Befreiung und aus diesem Willen sein innerstes Bündnis mit der geknechteten Klüse des Volks, mit dem Proletariat, seine revolutionäre Entflammtheit für das Recht.

Was ist Recht? Das, was das Gewissen verlangt. Die Beobachtung des Unrechts leitet das Gewissen zum Recht. Der Name des sozialen Unrechts ist Kapitalismus, d. h. Ausbeutung, Zwang, Entrechtung des Volkes zugunsten einer Klaue.

Landauer wußte diese Begriffe identisch mit Zentralismus und Staat. „Der Staat“, sagt er in seinem herrlichen „Aufruf zum Sozialismus“, „sitzt nie im Innern der Einzelnen, er ist nie zur Individualeigenschaft geworden, nie Freiwilligkeit gewesen. Er setzt den Zentralismus der Botmäßigkeit und Disziplin an die Stelle des Zentrums, das die Welt des Geistes regiert“. Gerechtigkeit des sozialen Lebens kann es nur geben bei Selbständigkeit, Freiwilligkeit und gesellschaftlicher Gleichheit, also im Sozialismus. Von ihm sagt Landauer: „Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn, Sozialismus ist Wiederanschluß an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung“.

Es ist klar, daß bei diesen aus antiautoritärem Drängen gewonnenen Einsicht Landauers Sozialismus auf anarchistischem Boden fußte, daß ihm jeder Staatssozialismus genau so zuwider sein mußte, wie der Staat selbst und daß er seinen Plan zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nicht an Marxens zentralistisches Programm, sondern an die Ideen des Anarchisten Proudhon anschloß, ohne sich in allem mit diesem System zu identifizieren. Um „System“ war es ja Landauer überhaupt nirgends und niemals zu tun, und so begnügte er sich .auch in der Werbung nicht mit schulmäßigem Empfehlen einer sozialistischen Doktrin, sondern verlangte die Tat, den Beginn mit dem Sozialismus selbst. Durch Aufbau sozialistischer Pioniersiedlungen wollte er den Staat von innen heraus unterminieren, das Neue schaffen, um das Alte daran verderben zu lassen. Dies war der Sinn seines „Sozialistischen Bundes“, den er 1909 begründete, und dem er in seiner Zeitschrift „.Der Sozialist“ das eindringliche Organ schuf.

Der Weltkrieg, der ihn nicht schwach fand in seinen Überzeugungen, griff vernichtend ein in seine friedliche Revolutionsarbeit. Und dann kam die Revolution. Sie riß den Mann, dessen Element der Kampf war, der als junger Student schon in ständigem Konflikt mit allen Staatsgewalten und Parteipäpsten gestanden und viele Monate in Gefängnissen gelebt hatte, mit seiner ganzen Person mitten in die Bewegung der Massen, machte ihn dank seiner quellenden Beredsamkeit zu einem ihrer Führer.

Der von Rußland Herübergeschnellte Rätegedanke fand in Landauer einen glühenden Propagandisten. Er zeigte ihm die Möglichkeit einer freien Formung des gesellschaftlichen Aufbaues bei der Verwirklichung des Sozialismus. Ich will hier nicht verschweigen, daß in dieser Zeit, in der wir dauernd miteinander und nebeneinander am Werk der Befreiung arbeiteten, bei aller Freundschaft, die nicht einen Augenblick lang getrübt war, eine gewisse Gegensätzlichkeit in der Erfassung der Situation zwischen ihm und mir bemerkbar wurde. Landauer sah mit dem Zusammenbruch des alten Staates und der Labilität des neuen Zustandes schon die Möglichkeit gegeben, sofort mit dem Aufbau, mit der Verwirklichung vor allem des agrarischen Sozialismus zu beginnen und inzwischen der eben gewordenen bayerischen Republik unter Eisners Leitung soviel Unterstützung zu leihen, wie sie zur Förderung dieser proudhonistischen Pläne brauchte. Der ungestüme Drang, das Gebäude, wie er es sich dachte, hinzustellen, ehe neue Erschütterungen den Bau verhindern könnten, erklärt seine Nachgiebigkeit gegen Eisners Politik. Mir lag der destruktive Teil der Revolution, den ich noch zu leisten sah, näher, und ich kann den Gegensatz zwischen uns nicht besser klar machen, als ich es in einem der letzten Gespräche mit ihm tat. „Ich erkenne jetzt deutlich die innere Verschiedenheit zwischen Proudhon und Bakunin an uns beiden. Dich führt die Revolution immer stärker zu Proudhon hin. mich zu Bakunin“. Landauer gab mir recht.

Der Gedenktag macht alles wieder lebendig in mir. Denn der 7. April war nicht nur Landauers Geburtstag. Er war vor einem Jahre auch der Tag, an dem in München die Räterepublik proklamiert wurde, der Tag, den wir beide in tragischer Verkennung seiner Bedeutung als den Beginn der neuen Epoche begrüßten und der doch zum Unheil und für den großen, reinen Kämpfer, dem dieser Gruß gilt, zum Verderben wurde Der Zeitpunkt war nicht richtig erfaßt. So konnte Verrat sich einnisten und unendliches Leid stiften, wo unermeßlicher Segen hätte entstehen sollen.

Boshafte Verleumdung hat behauptet, Landauer habe die Ausrufung der Räterepublik eitler Selbstsucht wegen auf seinen Geburtstag „geschoben“. Ich will dieser elenden Legende, die nur glauben kann, wer diesen Mann nie gekannt und nie begriffen hat, ein für allemal den Hals abdrehen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Ausrufung sollte am Morgen des 5. April erfolgen. In der Nachtsitzung vom 4. auf 5. im Kriegsministerium verlangten plötzlich die Mehrheitssozialdemokraten durch den Mund desselben Mannes, der dann an der Spitze der Gegenrevolution stand, einen Aufschub von 48 Stunden, um die Provinz .noch im Sinne der neuen Wendung zu bearbeiten. Landauer und ich waren diejenigen, die am heftigsten gegen diese Verzögerung geeifert haben. Sein Geburtstag wurde gegen seinen Wunsch und erregt geäußerten Willen zum Tage der Proklamation bestimmt.

Der weitere Verlauf ist bekannt. Die Empfindungen, wie mich beim Gedanken an sein Ende erfassen, seien verschwiegen. Ich habe das Meinige getan, wenn ich die Gestalt dieses Menschen und Kämpfers den Vertraulichkeiten betulicher Bourgeois-Idealisten entzogen und Gustav Landauer als den gezeigt habe, der er war und vor der Geschichte bleiben wird: als Mann des Volkes und der sozialistischen Revolution.


      
Gustav Landauer Ich erinnere mich an ein Wort, das der englische Anarchist Mowbray 1893 auf dem internationalen Sozialistischen Kongreß in Zürich gesprochen hat. Es handelte sich darum, ob die Anarchisten das Recht hätten, am Kongreß theilzunehmen oder nicht. Nach stürmischen Debatten war eine Resolution durchgegangen, wonach nur solche zugelassen sein sollten, die für die "politische" Aktion einträten. In diesem Moment, wo wir Anarchisten schon ausgeschlossen zu sein schienen, brachte Mowbray noch einmal durch einen pathetischen Witz die Waage ins Schwanken. Er erklärte: Die That des Brutus, rief er aus, war eine eminent politische Aktion. Wir sind für die politische Aktion und müssen also zugelassen werden.
Dies Wort scheint mir überaus geeignet, die seltsame Erscheinung zu erklären, daß es fast zum anarchistischen Dogma geworden ist, die Tötung von Staatsoberhäuptern, wenn erst vollbracht, als etwas Anarchistisches anzusehen; das ferner in der That fast alle Attentäter der letzten Jahrzehnte von anarchistischen Grundgedanken ausgegangen sind. Seltsam wird jeder Unbefangene dieses Zusammentreffen in der That nennen; denn was hat es mit Anarchismus, der Lehre von einer zu erstrebenden Gesellschaft ohne Staat und ohne autoritärem Zwang, was mit der Bewegung gegen den Staat und gegen legalisirte Gewalt zu thun, daß Personen ums Leben gebracht werden? Gar nichts. Aber die Anarchisten sehen ein, daß mit Lehren und Verkünden noch nicht genug gethan ist; der gesellschaftliche Neubau ist nicht zu errichten, weil die Gewalt der Machthaber im Wege ist; es gilt also, so fahren sie in ihren Folgerungen fort, neben der Propaganda durch Wort und Schrift und neben der Konstruktion auch die Destruktion; zum Umreißen aller Schranken sind sie viel zu schwach; also wenigstens die That propagiren und durch die That Propaganda machen; die politischen Parteien treiben positive politische Aktion; so müssen also die Anarchisten, als Einzelne, positive Antipolitik, negative Politik treiben. Aus diesem Raisonment erklärt sich die politische Aktion der Anarchisten, die Propaganda der That, der individuelle Terrorismus.
Ich stehe nicht an, es in aller Schärfe auszusprechen - und ich weiß, daß ich mit diesen Worten hüben noch drüben Dank ernten werde -: Die Attentatspolitik der Anarchisten geht zum Theil aus dem Bestreben einer kleinen Gruppe hervor, es den großen Parteien gleich zu thun. Es steckt Rennomirsucht darin. Wir machen auch Politik, sagen sie; wir sind nicht etwa unthätig; man muß mit uns rechnen. Die Anarchisten sind mir nicht anarchisch genug; sie sind noch immer eine politische Partei, ja, sie treiben sogar ganz primitive Reformpolitik; das Töten von Menschen hat von je her zu den naiven Besserungsversuchen der Primitiven gehört; und Mowbrays Brutus war ein kurzsichtiger Reformpolitiker. Wenn die amerikanischen Machthaber jetzt, ohne Rücksicht auf Rechte und Gesetze, einige ganz unbetheiligte Anarchisten aufhängen ließen, so handelten sie genau so anarchistisch wie irgendein Attentäter, - und vielleicht, eben so wie dieser, aus Idealismus. Denn nur Dogmatiker können leugnen wollen, daß es glühende und aufrichtige Staatsidealisten giebt. Die Anarchisten freilich in ihrer Mehrzahl sind Dogmatiker; sie werden schreien, daß ich, der ich mir auch heute noch das Recht beimesse, meiner Weltanschauung den Namen der Anarchie zu geben, so ohne weiteres meine Wahrheit ausspreche; sie sind auch Oppurtunisten und werden finden, gerade jetzt sei nicht die Stunde zu solcher Aussprache. Ich aber finde: Jetzt gerade ist der Moment.
Auch das ist freilich so ein Dogma der Anarchisten, daß sie etwa sagen: Alle Tage werden soundso viele Arbeiter, soundso viele Soldaten, soundso viele Tuberkulose von unseren mörderischen Zuständen ums Leben gebracht; was soll das Geschrei? McKinnley (amerikanischer Präsident, 1901 von einem Anarchisten umgebracht) zählt nicht mehr als einer von ihnen. Mit Verlaub! Auch da werde ich meinen Anarchisten gar zu anarchisch sein: mich hat der Tod McKinleys mehr, weit mehr erschüttert als der eines Dachdeckers, der in Folge eines schlecht gebauten Gerüsts vom Dach gefallen wäre. Es ist altmodisch, ich gebe es gern zu; aber wenn ein Mensch, mit dem Schein der Machtfülle umgeben, harmlos und mit gutem Gewissen, von einem Mitmenschen, dem er die Hand hinstreckt, erschossen wird, wenn dann die Augen von Millionen seinem Sterbelager sich zuwenden, dann steckt darin für mich echte Tragik, die diesen Menschen, der vielleicht nur ein mäßiger Kopf und ein wenig edler Mensch gewesen ist, verklärt. Gern aber füge ich hinzu, daß ebenso auch der Attentäter meinem Herzen nähersteht als der unglückliche Kerl, der das Gerüst schlecht gezimmert hatte. Es will etwas heißen, so mit dem Leben fertig zu sein.
Es ist hier nicht meine Absicht, mich in die Psychologie der modernen Attentäter zu versenken. Sie sind vielleicht weniger Helden oder Märtyrer als eine neue Art von Selbstmördern zu nennen. Für einen Menschen, der an nichts glaubt als an dieses Leben und den dieses Leben bitter enttäuscht hat, der erfüllt ist von kaltem Haß gegen die Zustände, die ihn zu Grunde gerichtet haben und die ihm unerträglich zu gewahren sind, kann es ein dämonisch verführerischer Gedanke sein, noch einen von denen da oben mitzunehmen und sich auf dem Umweg über die Gerichte und vor den Augen der Welt demonstrativ ums Leben zu bringen. Und mindestens ebenso verführerisch ist der Gedanke, der tausendfach variiert in der anarchistischen Literatur widerkehrt: der autoritären Gewalt die freie Gewalt, die Rebellion des Individuums entgegenzusetzen.
Das ist der Grundirrthum der revolutionären Anarchisten, den ich lange genug mit ihnen getheilt habe, daß sie glauben: das Ideal der Gewaltlosigkeit mit Gewalt erreichen zu können. Sie wenden sich mit Heftigkeit gegen die "revolutionäre Diktatur", die Marx und Engels in ihrem kommunistischen Manifest als ein kurzes Übergangsstadium nach der großen Revolution vorgesehen hatten. Das sind Selbsttäuschungen; jede Gewaltausübung ist Dikatatur, sofern sie nicht freiwillig ertragen, von den befehligten Massen anerkannt ist. In diesem fall aber handelt es sich um autoritäre Gewalt. Jede Gewalt ist entweder Despotie oder Autorität.
Die Anarchisten müßten einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben. Ich sage damit wahrhaftig nichts Neues; es ist dasselbe, was uns Tolstoi schon lange gesagt hat. Als der König von Italien von Bresci umgebracht worden war, veröffentlichte Tolstoi einen wundervollen Artikel, der in den Worten gipfelte: Man soll den Fürsten nicht töten, sondern ihnen klarmachen, daß sie nicht selbst töten dürfen. Der Wortlaut war noch schärfer und der Artikel enthielt so wuchtige Streiche gegen die Machthaber, daß ihn anarchistische Blätter zum Abdruck brachten; auch diese Stellen wurden, ich möchte sagen: gemüthlich oder nonchalant, abgedruckt, aber, wie eine Marotte, nicht weiter beachtet.
Die Anarchisten werden einwenden: Wenn wir Gewaltlose sind, lassen wir uns alle Beraubung und Unterdrückung gefallen; dann sind wir nicht Freie, sondern Sklaven; Wir wollen nicht die Gewaltlosigkeit einzelner Individuen, sondern den Zustand der Gewaltlosigkeit; wir wollen die Anarchie, aber zuerst müssen wir zurückerhalten oder nehmen, was uns geraubt oder vorenthalten wird. Das ist wieder so ein Grundirrthum: daß man den Anarchismus der Welt bringen könne oder müsse; daß die Anarchie eine Menschheitssache sei; daß zuerst die große Abrechnung käme und dann das Tausendjährige Reich. Wer der Welt die Freiheit bringen will - Das heißt eben doch: seine Aufassung von Freiheit -, ist ein Despot, aber kein Anarchist. Niemals wird die Anarchie eine Sache der Massen sein, nie wird sie auf dem wege der Invasion oder der bewaffneten Erhebung zur Welt kommen. Und ebensowenig wird das Ideal des föderalistischen Sozialismus dadurch zu erreichen sein, daß man abwartet, bis das bereits aufgestapelte Kapital und der Bodenbesitz in die Hände des Volkes kommt. Die Anarchie ist nicht die Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich, sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten Gegensätze vom Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren: es handelt sich um Formen des nie Gewesenen.
Wenn die Anarchisten wüßten, wie nah ihre Gedanken an den tiefsten Grund des Menschenwesens rühren und wie unsagbar weit sie abführen von dem Getriebe des Massenmenschen, dann würden sie schaudernd erkennen, welcher Abstand gähnt zwischen ihrem Handeln, ihrem oberflächlichen Benehmen und den Abgründen ihrer Weltanschauung, dann würden sie einsehen: es ist zu alltäglich und zu gewöhnlich für einen Anarchisten, McKinley zu töten oder derlei überflüssige Posen und Tragödien aufzuführen. Wer tötet, der geht in den Tod. Die das Leben schaffen wollen, müssen Neulebendige und von innen her Wiedergeborene sein.
Ich müßte um Entschuldigung bitten, daß ich auf einem neutralen Boden "Propaganda für den Anarchismus" mache, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß, was ich hier, aber ohne mich irgend an das Wort zu binden Anarchie nenne, eine Grundstimmung
ist, die in jedem über Welt und Seele nachdenkenden Menschen zu finden ist. Ich meine den Drang, sich nocheinmal zur Welt zu bringen, sein eigenes Wesen neu zu formen und danach die Umgebung, seine Welt, zu gestalten, so weit man ihrer mächtig ist. Dieser höchste Moment müßte für jeden kommen: wo er, um mit Nietzsche zu sprechen, das ursprüngliche Chaos in sich schafft, wo er wie ein Zuschauer das Drama seiner Triebe und seiner dringendsten Innerlichkeiten vor sich aufführen läßt, um dann festzustellen, welche seiner vielen Personen in ihm herrschen soll, was das Eigene ist wodurch er sich von den Traditionen und Erbschaften der Vorfahrenwelt unterscheidet, was die Welt ihm, was er der Welt sein soll. Das nenne ich einen Anarchisten, der den Willen hat, nicht doppeltes Spiel vor sich selber aufzuführen, der sich so wie einen frischen Teig in entscheidender Lebenskrise geknetet hat, daß er in sich selber Bescheid weiß und so handeln kann, wie sein geheimstes Wesen ihn heißt. Der ist für mich ein Herrenloser, ein Freier, ein Eigener, ein Anarchist, wer seiner Herr ist, wer den Trieb festgestellt hat, der er sein will und der sein Leben ist. Der Weg zum Himmel ist schmal, der Weg zu einer neueren, höheren Form der Menschengesellschaft führt durch das dunkle, verhangene Thor unserer Instinkte und der terra abscondita unserer Seele, die unsere Welt ist. Nur von innen heraus kann die Welt geformt werden. Dies Land und diese reiche Welt finden wir, wenn wir durch Chaos und Anarchie, durch unerhörtes, stilles und abgründliches Erleben einen neuen Menschen entdecken; jeder in sich selbst. Dann wird es Anarchisten geben und Anarchie, da und dort, Einzelne, Zerstreute; sie werden einander finden; sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tieftse Versunkenheit zur Wiedergeburt führt; sie werden von sich mit Hoffmannsthals Worten sagen können: "So völlig wie den Boden untern Füßen hab' ich Gemeines von mir abgethan." Wer erst durch seinen eigenen Menschen hindurchgekrochen ist und tief im eigenen lebendigen Blut gewatet hat: Der hilft die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen.
Man würde mich sehr falsch verstehen, wenn man glaubte, ich predige Quietismus oder Resignation, Verzicht auf Aktion und auf Wirken nach außen. O nein! Man thue sich zusammen, man wirke für Munizipalsozialismus, auch für Siedlung- oder Konsum- oder Wohnungsgenossenschaften; man gründe öffentliche Gärten und Bibliotheken, man verlasse die Städte, man arbeite mit Spaten und Schaufel, man vereinfache all sein äußeres Leben, um raum für den Luxus des Geistes zu gewinnen; man organisiere und kläre auf; wirke für neue Schulen und die Eroberung der Kinder; all das erobert doch nur das ewig Gestrige, wenn es nicht in neuem Geiste und aus neu erobertem Binnenland heraus geschieht. Wir alle warten auf Großes und Unerhörtes, all unsere Kunst ist voll voll von zitternder und leiser Ahnung von etwas, das sich vorbereitet: aus unserem Wesen heraus wird es kommen, wenn wir das Unbekannte, Unbewußte heraufzwingen in unseren Geist, wenn unser Geist sich selbst vergißt im Elemente des ungeistig Psychischen, daß in unseren Höhlen auf uns wartet, wenn wir neu werden; dann wird die geahnte Welt werden, die die äußere Entwicklung nie bringen wird. Die große Zeit wird den Menschen kommen, die nicht nur Zustände und Einrichtungen, sondern sich selbst nicht mehr ertragen. Nicht andere umbringen, sondern sich selbst: Das wird das Kennzeichen des Menschen sein, der sein eigenes Chaos schafft, um sein Urältestes und Bestes zu finden und mit der Welt so mystisch eins werden, daß, was er in der Welt wirkt, aus einer unbekannten Welt in ihn hineingeflossen zu sein scheint. Wer die verflossene Welt in sich zum Leben, zu individuellem Leben erweckt, wer sich selbst als Strahl der Welt fühlt, nicht als Fremder: Der kommt, er weiß nicht woher, der geht, er weiß nicht wohin, dem wird die Welt sein wie er selbst. Die werden leben unter einander als gemeinsame, als Zusammengehörige. Da wird Anarchie sein. Das ist ein weites Ziel; aber es ist nun schon so gekommen, daß uns das Leben unfaßbar ist, wenn nicht Unglaublichem zuzusteuern uns vorzunehmen. Das Leben ist uns nichts und nichtig, wenn es uns nicht ein Meer ist, ein Unendliches, das uns Ewigkeiten verheißt. Was Reformen, was Politik, Revolution! Es ist doch immer das nämliche. Was Anarchismus! Was die Anarchisten uns als ideale Gesellschaft aufzeichen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und Mord, sondern Wiedergeburt.
Sehr falsch würde man aber widerum meine Meinung verstehen, wenn man in dieser gewandelten Auffassung eine Abkehr von der vielseitig fördernden, zusammenfassenden und erneuernden Thätigkeit des freien, undogmatischen Sozialismus finden wollte. Vielleicht liegt es unsereinem, der solchen Dingen seit jahren sein Thun gewidmet hat, nicht nah genug, gerade jetzt auf all das hinzuweisen, wo der Kinderglaube an eine radikale Wandlung durch äußeres Geschehen überall aufgegeben wird, wo man sieht, daß der Sozialismus nicht eine Sache ist, die hinter der bürderlichen Gesellschaft als neues, glänzendes Gebilde aufsteigt, sondern etwas, das innerhalb unserer kapitalistischen Welt selbst wächst und sich überall in sie hineindrängt. Diese Erkenntnis, so selbstverständlich sie zu werden beginnt, ist doch zu sehr mit Schmerzen erkauft, als daß wir uns so schnell in die neue Art der Thätigkeit hineinfinden könnten. Es ist etwas Helles, Hartes, Praktisches in den modernen Sozialismus gekommen. Das ist erfreulich, gewiß: aber wir Schwärmer von anno dazumal waren so sehr an das Halbdunkel und die Romantik der Erwartung und der Vorbereitung des Plötzlichen gewöhnt, daß man uns schon einige Zeit gönnen mag, uns nun an die neue Art zu gewöhnen; es fehlt ja auch nicht an frischen Kräften, die am Werke sind. Ebensowenig übersehe ich, daß die Massen, die aus sozialer Noth und Unsicherheit herauswollen, gar wenig mit den höchsten Kulturbedürfnissen un den seelischen Nöthen zu thun haben, von denen ich hier rede. Es ist ihnen gleichgiltig, wonach wir Besonderen ringen, und es wäre wiederum verderbliche Romantik, wenn man glaubte, die Erneuerungen, die den sozial abhängigen und armen Massen nothtun, seien identisch oder auch nur unlöslich verschmolzen mit der Wesenswandlung der Menschen, von der ich hier spreche. Wir müssen lernen, daß es hundertelei Wege giebt, staatliche und außerstaatliche, um den Massen vom Fleck zu helfen; wir müssen uns abgewöhnen, jede Verbesserung, jde Erneuerung nur in Verbindung mit unserem höchsten und letzten Ziel und unter keinen Umständen anders haben zu wollen. Es ist ein wundervoller Gedanke, den Wohlstand, das Gedeihen der Massen und die innerste Nothwendigkeit der Kultur so ineinander zu verkoppeln, daß beide Ziele auf einem Weg erreicht werden; aber er ist falsch, wie alle solche starren, reinlichen Begriffsgedanken falsch sind. Wir haben lange genug unter Sozialismus eine vage, allverbindende Weltanschauung verstanden, eine Springwurzel, die alle Thore öffnet und alle Fragen löst; wir könnten jetzt wissen, daß alles in der Welt da draußen und ebenso in unserer Seele, so durcheinander gewirrt ist, daß es niemals einen Weg giebt, den alle zu einem Ziele gehen könnten. Was ich hier also vertrete, ist keineswegs eine Aufforderung an die Menschengesellschaft; wir müssen einsehen, daß es verschiedene Stufen der Kultur nebeneinander giebt, und können ruhig den Traum aufgeben, der nicht einmal schön ist, daß alle auf ein Niveau gehoben werden sollen. Keine Aufforderung; ich will nur den inneren Zustand beschreiben, aus dem heraus einzelne vielleicht dazu gelangen können, den anderen Kommunismus und Anarchie vorzuleben. Ich will nur sagen, daß diese Freiheit erst im innersten Menschen geboren und erzogen sein muß, bevor sie sich als äußere Thatsächlichkeit sehen lassen kann. Auch Sozialismus ist allmählich ein altes ort geworden; er hat vielerlei zusammengefaßt, daß jetzt in mehrere Selstständigkeiten auseinanderfällt. Überall geht die Dogmatik zu Ende und der Kampf für Schlagwörter, die man als utopistische Grenzpfähle an den Beginn einer neuen Periode gestellt hatte; überall ist aus den Worten Wirklichkeit und Fließendes geworden, Unberechenbares und Schwankendes. Klarheit giebt es eben nur im Lande des Scheins und der Worte; wo das Leben beginnt, hört die Systematik auf.
Auch die Anarchisten sind bisher gar zu sehr Systematiker und in feste, enge Begriffe eingeschnürte gewesen; und das ist schließlich die lezte Antwort auf die Frage, warum Anarchisten im Menschenthöten etwas Werthvolles erblicken. Sie haben sich angewöhnt, gar nicht mehr mit Menschen zu thun zu haben, sondern mit Begriffen. Es giebt zwei feste, getrennte Klassen für sie, die einander feindlich gegenüberstehen; sie töteten nicht Menschen, sondern den Begriff des Ausbeuters, des Unterdrückers, des Staatsrepräsentanten. So ist es gekommen, daß die gerade, die im Privatleben und Empfinden oft die Menschlichsten sind, im öffentlichen Treiben der Unmenschlichkeit sich hingeben. Ihr Empfindungsleben ist dann ausgeschaltet; sie handeln als denkende Wesen, die, ähnlich wie Robespierre der Göttin der Vernunft, der scheidenden und urtheilenden unterthan sind. Aus den Urtheilen der kalten, innerlich unwissenden, unlebendigen, lebensfeindlichen Logik sind die kalten Todesurtheile zu erklären, die von den Anarchisten gefällt werden. Die Anarchie ist aber nichts so Nahes, Kaltes, Deutliches, wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos und ihr handeln von einerlei Art werden.
(1901)