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Howard Zinn über Gefängnisse

 

 Über die Jahre habe ich häufig Gefangene besucht. Ich  verbrachte auch einen
  Tag in Block Neun,
dem Hochsicherheitstrakt des berüchtigten Walpole-Gefängnisses in Massachussets.
Ich habe in mehreren Gefängnissen unterrichtet. Ich bin überzeugt davon, dass die
Gefängnisse dazu dienen, den Schein zu erwecken, dass das Kriminalitätsproblem
gelöst wird. Den Kriminalitätsopfern ist damit nicht geholfen. Das Prinzip der Vergeltung
wird so perpetuiert, an der Gewaltspirale wird weitergedreht. Das Gefängnis ist ein
grausamer und untauglicher Ersatz für die Beseitigung der Ursachen der meisten
Verbrechen, die bestraft werden - Armut, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung, Rassismus,
Gier.
Die Verbrechen der Reichen und Mächtigen bleiben meist straflos.
Es ist ein Beispiel unbeugsamer Haltung, dass Frauen und Männer, wenn es auch nicht
besonders viele sein mögen, die Hölle des Gefängssystems überleben und an ihrer
Menschlichkeit festhalten. (HOWARD ZINN)

Rezension: Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes

 

 

 

 

Howard Zinn:

Eine Geschichte des amerikanischen Volkes.

SCHWARZERFREITAG, 2007

690 Seiten

28,80 EUR

 

 

 

Der Standpunkt des Geschichtenerzählers

Howard Zinns Standardwerk "Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes" erscheint nach 27 Jahren zum ersten Mal auf Deutsch – und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

von Sarah Ernst

Henry Kissinger definiert Geschichte als ‚Erinnerung der Staaten’. Die Antithese dazu formuliert Howard Zinn mit seiner Sozialgeschichte der USA. Für ihn sind „Nationen keine Gemeinschaften und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenskonflikte“.

Von Kolumbus bis zum ‚Krieg gegen den Terrorismus’ spannt sich der Bogen dieser People`s History, die – so umfassend sie mit ihren über 600 Seiten auch ist – keinen alleinigen Wahrheitsanspruch vertritt. Als Historiker kennt Zinn Schwächen und Faszination seines Metiers, und sein Rückblick auf die vergangenen 500 Jahre weißer Vorherrschaft in der ‚Neuen Welt Amerika’ unterscheidet sich fundamental von dem, was üblicherweise als Geschichtsschreibung betrachtet und gelehrt wird.

Zinn bezieht Stellung und schreibt über die Unterlegenen, beleuchtet die Position der Besiegten und versucht die Situation jener zu schildern, die oft nur als Fußnote neben den großen Taten anderer erwähnt werden. Dies gelingt ihm anschaulich und ohne Romantisierungen, scheut er sich doch nicht, auch die „Grausamkeiten [anzusprechen], welche die Opfer einander antun“. Zeugnisse von Lebensweisen, Arbeits­be­dingungen, Hoffnungen und Konflikten stehen hier neben den vermeintlich so bedeutenden historischen Daten und Namen, an denen wir uns normalerweise durch Zeitabläufe hangeln. Daraus ersteht ein farbiges Panorama, eine Geschichte Amerikas abseits der gegebenen Geschichtsschreibung.

Denn diese ist ebenso wenig objektiv wie andere Wissen­schaften auch und weist ideo­logische Lücken und weiße Flecken auf. Wenn etwa von ‚Zeiten des Friedens’ die Rede ist, wird oft unterschlagen, dass dieser nur für eine privilegierte und prozentual verschwindend kleine Gruppe von Menschen gilt. All diejenigen, deren Leben tagtäglich bedroht war und ist, werden dabei stillschweigend übergangen. Sie werden nicht vergessen, sondern spielen schlicht keine Rolle.

Gegen diese Scheuklappen schreibt Zinn an, denn „ein Grund, warum diese Gräuel immer noch unter uns sind, ist, dass wir gelernt haben, sie unter Massen von anderen Fakten zu begraben, so wie radioaktiver Müll in Containern in der Erde vergraben wird. Wir haben gelernt, ihnen genau das Maß an Auf­merk­samkeit zu widmen, das Lehrer und Autoren ihnen [...] zugestehen. Dieses erlernte Gefühl für moralische Größenverhältnisse, das der scheinbaren Objektivität der Gelehrten entspringt, neh­men wir leichter an, als wenn es von Politikern auf Presse­konferenzen stammt. Aus diesem Grund ist es auch tödlicher.“

Diesen zentralen Ansatz seines Buchs verliert Zinn nie aus den Augen, er seziert unser Geschichtsverständnis regelrecht. Den ersten Schnitt setzt er bei den westlichen Grün­dungsgeschichten an, die sich um die ‚Entdeckung’ Amerikas ranken. Seine Dar­stellung stützt sich auf Aus­sagen der europäischen Er­oberer, Ansichten späterer SiedlerInnen, Beobachtungen von Priestern und Stimmen von Histori­kerIn­nen, welche die Koloniali­sierung ihrerseits analysiert haben. Die Kolonialisierten konnten kaum Zeugnisse hinterlassen, welche die Eroberung aus ihrer Sicht schildern. Sie sind die ersten beiseite geschobenen Toten in einer langen Liste der Geschichte der westlichen Moderne. Für Zinn ist klar, „die stille Hinnahme von Mord und Eroberung im Namen des Fortschritts ist nur ein Aspekt einer bestimmten Herangehensweise an Geschichte, bei der die Vergangenheit aus der Sicht von Regierungen, Eroberern, Diplomaten und Anführern erzählt wird.“

Zinn ist ein streitbarer Zeit­genosse und seine Inter­pretation historischer Ereig­nisse verweigert sich brüsk dem Mainstream. Nicht zuletzt, da er auf jede Form von Rück­sichtnahme verzichtet und ungeliebte Wahrheiten beim Namen nennt. Dies beinhaltet die schonungslose Ent­schleierung nationaler (Grün­dungs-)Mythen: von Poca­hontas über die angeblich nötige Abwehr illegaler Immi­grantInnen bis hin zu offiziellen Krieggründen. Schon allein durch die Themenwahl bezieht Zinn eindeutig Position. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird belohnt werden und in Zinns Buch ein anregendes, faktenreiches und verständliches Grundlagenwerk entdecken.
 

Inhalt

Über 40 Jahre lang stand Howard Zinn in der ersten Reihe des sozialen Wandels in Amerika, vom Hörsaal des ausschließlich von schwarzen Frauen besuchten Spelman College in den 1950er Jahren über die Bewegungen gegen den Vietnam-Krieg in den 1960ern bis zu seiner scharfen Kritik am »Krieg gegen den Terror«. Mit dieser Autobiografie ist ein bewegendes Porträt seiner Epoche entstanden.

Wer mehr über die die Sit-In-Bewegung der sechziger Jahre in den Südstaaten erfahren möchte: 50_Jahre_SNCC

Zum Autor
Howard Zinn

Howard Zinn, geboren am 24. August 1922 in Brooklyn, gestorben am 27. Januar 2010, war Hochschullehrer. Historiker und sein Leben lang politischer Aktivist. Das bekannteste Standardwerk seiner zahlreichen Veröffentlichungen ist Eine Geschichte des amerikanischen Volkes (1980, dt. 2007). Noam Chomsky würdigte es als seinen »wichtigen Beitrag zur amerikanischen intellektuellen und moralischen Kultur«. 
Seine Autobiografie erschien unter dem Titel You can't be neutral on a moving train 1994 und erhielt für die deutsche Ausgabe, ein neues Nachwort.

 
Pressestimmen

»… Eine Lektüre, die sich zu lesen lohnt. … Besonders bemerkenswert ….«
Sebastian Kalicha, graswurzelrevolution 

»… Erhebt Anklage …, nervt aber weder mit Selbstgerechtigkeit noch mit Larmoyanz.«
Arno Orzessek, Deutschlandradio Kultur 

„... Ein Leckerbissen für alle, die sich für die jüngere US-Geschichte interessieren.“
Profil. Das unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs

„… Wirkt inspirierend.“
Buch-Magazin

Leseprobe

Für einige Leute stand nicht nur mein Buch, sondern mein ganzes Leben außerhalb der Ordnung – meine Kritik an vielem, was in dieser Gesellschaft vor sich ging, hatte etwas Unpatriotisches, Subversives, Gefährliches. Während des Golfkrieges von 1991 hielt ich einen Vortrag an einer Highschool in Massachusetts, einer Privatschule, deren Studenten aus begüterten Familien stammten und den Ruf genossen, »zu 95 Prozent Kriegsbefürworter zu sein«. Ich sagte offen meine Meinung und erhielt zu meiner Überraschung großen Applaus. Als jedoch danach in einem Unterrichtsraum eine kleine Gruppe von Studenten zusammenkam, ergriff eine Studentin, die mich während der Diskussion feindselig angestarrt hatte, mit wütender Stimme das Wort: »Warum leben Sie in diesem Land?« – Das traf mich. Es war eine Frage, die – wie ich wusste – viele Leute beschäftigte, wenn auch unausgesprochen.

Ich versuchte zu erklären, dass meine Liebe dem Land gilt, den Menschen, nicht aber der Regierung, die gerade an der Macht ist. An Demokratie glauben hieße, an die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung glauben – daran, dass die Regierung ein künstliches Gebilde ist, eingesetzt vom Volk, um die gleichen Rechte aller auf Leben, Freiheit und Glück zu verteidigen. Die Geschichte ist voller Beispiele dafür, dass Menschen trotz enormer Widrigkeiten zusammengekommen sind, um für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen und gewonnen haben – nicht oft genug natürlich, doch häufig genug, um zu demonstrieren, wie viel mehr möglich ist. Noch die kleinste, unheroischste Tat fügt dem Kienholz etwas hinzu, das sich durch irgendeinen überraschenden Umstand entzünden und zu einem stürmischen Wandel führen kann. Es kommt auf die Individuen an, von denen ich in meinem Leben viele kennengelernt habe, gewöhnliche und außergewöhnliche, deren bloße Existenz mir Hoffnung verliehen hat.

Ich bestehe auf Hoffnung. Es ist ein Gefühl, ja. Doch es ist nicht irrational. Menschen respektieren Gefühle, sie wollen jedoch auch Gründe erfahren. Gründe, um weiterzumachen, um nicht aufzugeben, um sich nicht in den privaten Luxus oder in die private Verzweiflung zurückzuziehen. Menschen wollen Beweise für jene Möglichkeiten im menschlichen Verhalten, von denen ich gesprochen habe. Ich habe angedeutet, dass Gründe existieren. Ich glaube, es gibt Beweise. Doch es gibt zu viele, als dass ich sie dem Fragesteller an jenem Abend in Kalamazoo hätte nennen können. Dazu war ein ganzes Buch nötig.

Howard Zinn ist gestorben (* 24. August 1922; † 22. Januar 2010)

 
Kein Leben verläuft ohne Kanten, Brüche, Widersprüche und Abbrüche. Darum kommt es selten zu dem, was man - etwas paradox - eine geradezu anarchische Geradlinigkeit nennen könnte.
 

Howard Zinn, im 88. Lebensjahr am 27.1.2010 beim Schwimmen am Morgen in Santa Monica an der US-amerikanischen Westküste gestorben, hat sein Werden und lebenslanges Tun als selbstbewusst ‚bekennender' Anarchist spannend und erfahrungsreich beschrieben

Aus zwei Gründen ist es angezeigt, seiner mit Sympathie, aber unvermeidlich von außen anhaltend zu gedenken und - so noch nicht geschehen - seine buchfüllige Hinterlassenschaft zu lesen, erfahrungsträchtig, lebendig wie heute (oder morgen).

Zum einen, weil er in Brooklyn als Kind armer Immigranten geboren, im Zweiten Weltkrieg als Bomberpilot der USA eingesetzt, seit den 50er Jahren als Geschichtsprofessor an wechselnden Orten in allen hauptsächlichen Kämpfen agierte. Sie bauschten sich in den USA meist mit weltweiter Resonanz voll von Gewalt auf: die Kämpfe der Rassen und/oder Klassen und solche der imperialen "Arroganz der Macht".

Howard Zinn war mitten unter den rassisch und/oder sozial Diskriminierten. Er war bei denen mit vorn, die sich gegen die imperialen Gelüste der USA und ihre führenden Interessen mit allen Mitteln gewaltfreien Widerstands aufbäumten. Er nutzte seine Kompetenz als Historiker, als politischer Intellektueller, der dadurch geradezu zum Repräsentanten einer oder mehrerer Generationen wurde, um theoretisch wie praktisch im Getümmel zu wirken, publizistisch wie demonstrativ, als einzelner wie als Teil der Bewegungen der Schwarzen, der Bürgerrechte, der GegnerInnen des Vietnamkriegs wie später der antiterroristischen Weltfeldzüge herrschaftsterroristischer Qualität.

Das ist der eine Grund. Nicht um Personen noch todeskultig zu privilegieren, wohl aber um besondere Personen in die nie abbrechende Tradition der Genannten und Ungenannten zu stellen und in ihr zu bewahren, ist es angesagt, an Leuten besonderen Salzgehalts wie Howard Zinn festzuhalten.

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Keine Herrschaft und keine ihrer aufhaltsamen, wenngleich Menschenopfer unerhört kostenden Siege vermögen sie irre zu machen, zur wohlgefälligen Resignation zu treiben oder gar sich ehrenköstlich anzupassen.

Dieser erste Grund gibt dem zweiten die Hand. Weltweit, und im "Westen" besonders, bekommt man selbst oppositionell den Eindruck, als seien die sich übereinander schiebenden Herrschaftskrusten - und deren nicht zuletzt intellektuell anmutenden Mitesser - trotz, ja wegen ihrer Gewalt und ihrer Opfer so beweglich hart, dass aller Widerstand vergebens welke. Darum kommt es entscheidend darauf an, die Tradition widerständigen Murrens, Knurrens, Krachmachens und Handelns in der Erinnerungsflamme lebendig zu erhalten.

Howard Zinn hat verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, ja seine gesamte Geschichtsschreibung lebt von dem untergründigen und unterdrückten Wissen.

Wenige Aspekte der ganzen Person Howard Zinn, die herrschende USA umgekehrt, kann ich markieren:

Mehrfache, immer erneuerte Subversion ist angezeigt

a) "Gegen die Wirklichkeit des verzweifelnd bitteren Kampfs um Lebenschancen, die durch die Kontrolle der Eliten knapp gehalten werden, nehme ich mir die Freiheit, die 99 Prozent (der negativ Privilegierten) als ‚die Bevölkerung' zu vereinen. Ich schrieb eine Geschichte, die versucht, ihre unterdrückten, ihre nicht berücksichtigten gemeinsamen Interessen wahrzunehmen. Das Gemeininteresse der 99 Prozent zu betonen und die große Distanz zum Interesse des einen Prozent, bedeutet genau das zu tun, was die Regierungen der Vereinigten Staaten seit den Gründungsvätern auf jegliche Weise zu verhindern suchten. Madison fürchtete eine mögliche Mehrheit und hoffte sie mit der neuen Verfassung kontrollieren zu können. ..."

Diese kurze Passage aus dem letzten Kapitel von Zinns bekanntestem Buch "A People's History of the United States" gibt Zinns allgemeine Perspektive wider. Die Perspektive von unten, von denjenigen aus, die meist, zeitgenössisch formuliert, als allgemeine Kollateralschäden geschichtlichen "Fortschritts" totgeschwiegen werden, zuvor schon bis zum Tod ausgebeutet oder in Herrschaftskriegen lebendig verheizt (ich habe aus der 1. Auflage von 1980 übersetzt. Die deutsche Ausgabe einer späteren Auflage liegt vor.

Sie hat allerdings schon im Titel den Nachteil, dass dessen Wörtlichkeit verzerrt: "Eine Geschichte des amerikanischen Volkes". People - das meint eine plurale Gesamtheit, zu deutsch: Bevölkerung. Der deutsche Ausdruck "Volk" wirkt wie ein geschlossenes Subjekt und gibt darum allen nationalstaatlichen Missbräuchen bis heute die geschmeidige Hand. Art. 20 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz: "Alle Gewalt geht vom Volke aus." Da lachten die Hühner, schnarrten diese, sind deutsch, traditionsgemäß nicht ungespässig).

b) Die andere, weitgehend ungeschriebene Geschichte, von Howard Zinn und wenigen Kolleginnen und Kollegen in den 60er Jahren erst eigentlich entdeckt (Staughton Lynd sei als einer genannt oder, mehr außenpolitisch, William Appleman Williams), öffnet sich, wenn man sich um die darum namenlos genannten Opfer kümmert. Diese Perspektive begründet "radikale Geschichtsschreibung": zu der Bevölkerung in ihrer umfassenden Mehrheit als den (Gras)Wurzeln hinab. Diese Herrschaftsunterlegenen sind aber nicht ein zweites Mal zu opfern. Ihnen ist vielmehr, soweit irgend möglich, ihre eigene Stimme zu geben. Howard Zinns Geschichte der "Unterdrückten der Erde".

In seinem Falle vor allem derer in den USA, wie es Frantz Fanon um diese Zeit für die Bevölkerungen der "Dritte WeltLänder" ausdrückte, das hat im Deutschland der jüngeren Geschichte trotz oder wegen der alles in allem herrschaftsbraven und deutschtreuen "Sozialgeschichte" kaum ein Pendant.

Am ehesten noch bei den Bauern, die Peter Blickle trefflich seit dem "Bauernkrieg" in den Blick rückt.

c) Nicht nur auf eine Umkehr der Perspektive kommt es an. Die nötige Subversion gilt allen etablierten Begriffen und Symbolen. Howard Zinn belegt trefflich, in welcher Weise von früh an die Begriffe der Nation, sogar der Emanzipation von England, der Verfassung, insbesondere der Gleichheit und Freiheit (all men are born equal) usw., usf. als symbolischer Kitt benutzt worden sind und in der Kontinuität herrschaftlich freier Verteilung halluzinatorischer Mittel verwandt werden. Man denke bundesdeutsch nur an den betörenden Sekt, genannt Grundgesetz, und die besonders scharfen Getränke mit Namen wie Rechtsstaat oder Schnäpse wie "Die Würde des Menschen ist unantastbar".

d) Liest man Zinns dickbändige Geschichte derjenigen, die herrschenden Interessen unterworfen werden und bleiben, einer bis auf die Schwarzen und anders die Frauen angeblich seit der hehren Konstitution souveränen Bevölkerung, kommt eine alte und immergrüne Inszenierung der kontinuierlich diskontinuierlichen Ungleichheit als Ungleichheitsmachung heraus: von Columbus und dem fortgesetzten Indianeropfer auf dem Altar des religiös bis heute aufgepfropften "Fortschritts", dekliniert nach dem Kanon der weißen Eindringlinge; von der Erfindung der humanen Farbengrenze als Grenze der Humanität, sodass die tief eingeprägte Misshandlung der Schwarzen bis heute als der Gefängnispopulation anhält; von dem Zauberstück einer "Emanzipation" vom britischen Mutterland als gelungene Verfassung des gleichen Scheins mehrfach gestaffelter klassen- und dann verworren Rassenungleichheit ... bis zur Gegenwart einer nach innen und außen gleichermaßen auf der Trommel der Ungleichheit hämmernden Kapital- und Staatsgesellschaft. Diese hat all die verschiedenen Herrschaftsschichten habituell, rechtlich und strukturell, nun global ausgeweitet, aufgehoben (aufbewahrt und soweit nötig beseitigt in einem). Spannend ist es, nicht nur Zinns amerikanischer Amerikageschichte zu folgen, die viele der verdeckten und verwachsenen Herrschaftsfacetten entdeckt; spannend wäre es, diese Detektivgeschichte in anarchischer Absicht auch für die BRD zu wiederholen und für ihre penetrante Schmierseife, genannt: freiheitliche demokratische Grundordnung, Kern des Verfassungs- wie Staatsschutzes.

In den Tupfern seither habe ich nicht nur Howard Zinns eigenes Tun übers Schreiben hinaus ausgeklammert. An einem wichtigen frühen Exempel, Howard Zinns Beteiligung an der SNCC, hat The Lamia das in seinem Artikel "50 Jahre SNCC. Die Sit-In-Bewegung in den Südstaaten der USA (Feb.-Juni 1960) und das SNCC-Mitglied Howard Zinn (1922-2010)" in der graswurzelrevolution Nr. 347 (Februar 2010, S. 1, 14f.) korrigiert.

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Ich habe aber vor allem nicht berührt, was Howard Zinn in Sachen Anarchismus zu sagen hat. Darauf kann ich nur stichwortartig hindeuten. Zu Recht lehnt er jede Guru-Rolle ab. Gleichermaßen zu Recht macht er deutlich, dass so etwas wie eine anarchistische Theorie oder eine konkret ausgemalte Utopie zu verlangen, süßsaure Suppe aus der Tüte servieren hieße. Das wäre an-anarchistisch, also herrschaftstümelnd archistisch in sich selber. In verschiedenen seiner Publikationen, zuletzt in einem Interview über Anarchismus 2008 macht er aber wichtige intellektuelle und habituelle Facetten deutlich.

Sie sind immer erneut zu erinnern. Denn die Angst aller Fettmöpse der Ungleichheit, die herrschende Krankheit schlechthin, richtet sich gegen alle nicht ‚ordentlich' kanalisierten Bewegungen von unten.

Anarchismus, das Selbstverständlichste jedes freien Menschen, wird gerade darum zum schreckgestalteten Polizeischrei.

a) Wann immer die Idee sich in einer Sozialisation ereignet, z. B. aufgrund der Lektüre von Zinn: grundlegend ist, ob man aus herrschendem Gespinst den Weg ins Freie schafft. Für ihn gibt den Ausschlag: wieweit Freiheit und Gleichheit als eng gekoppeltes Tandem durchgehend orientieren, festgemacht an den einzelnen Personen, ihren Leiden und Freuden.

b) Zum anarchischen Denken und Verhalten gehört dann - unter dem Blickwinkel, was es für die einzelnen Menschen bedeutet -, die dauernde Reflexion von Zielen und Mitteln gerade im Zusammenhang eigenen Tuns.

c) So wichtig gewaltfreies Handeln ist, so prinzipiell die pazifistische Herangehensweise, dass allenfalls in der raren Ausnahme punktuell gewaltförmiges Tun nötig sein könnte, so wenig darf man mit Absoluta, die nicht mehr denkhandelnd zur Disposition gestellt werden, die eigene Wahrnehmung von Wirklichkeit still stellen.

Ein schwieriges Terrain. Klar ist jedoch, dass jedenfalls herrschende, monopolgeschützte und geübte Gewalt(taten) nicht von vornherein mehr Legitimität genießen als sogenannt private.

Klar ist in gleicher Weise die uneingeschränkte Opposition gegen Herrschaftskriege, und welche sind es nicht, die um abstrakt einseitiger Interessen willen, die "Nation" und ihr angeblicher "Wohlstand" an erster Stelle, Menschen morden. Gerade dazu hat sich Zinn auch aus seiner Bombererfahrung geäußert. Er hat auch deswegen führend die "Pentagon Papers", von Daniel Ellsberg herausgeschmuggelt, zeitweise verborgen und dann mit veröffentlicht.

d) Anarchisches Handeln kennzeichnet lokale und regionale Organisationsformen vorübergehender Art - wider allen Zentralismus - ebenso wie immer erneute, von schwarzen/afroamerikanischen Bewegungen seit den 50er Jahren erprobte "direkte Aktionen".

e) Nicht im Sinne eines Trotzdem-Humors, sondern als geschichtliche Erfahrung z.B. der Bürgerrechts- und der Anti-Vietnamkriegsbewegung lässt sich festhalten: Der Herrschaftsgeschichte korrespondiert, je nach dem verschoben, eine Geschichte der Demonstrationen, eine Fülle von Gruppenaktionen z.B. gewaltfreier Blockaden u.a.m., die die Überlegenheit der ersteren unterbricht, beeinflusst, verändert, ohne absehbares Ende. Außer: Es lohnt sehr wohl, zu widerstehen in eins mit all den oben angedeuteten und zu erweiternden Reflexionen. Gerade anarchisch sich verstehende Gruppen müssen die ‚Kosten' bei ihrem Tun für sich selber und andere dauernd bedenken. Selbst für die Gegner.

In einem, im Oktober 2009 in der graswurzelrevolution Nr. 342 abgedruckten Beitrag äußerte sich Zinn skeptisch auf die Frage, was er von Obama halte.

Er hätte seine eigenen anarchischen Bezüge und herrschaftsanalytischen Kriterien entwertet, hätte er sich wie viele, auch Bundesdeutsche oba-manisch ausgelassen. Zinn hat denn auch wohl begründet auf die Sozialisation Obamas in und durch die etablierten Institutionen aufmerksam gemacht. Er hat angemerkt, wie eng gezimmert, von herrschenden Interessen überlagert der Manövrierraum Obamas ist, selbst wenn er wollen könnte, was er wollte.

Hannah Arendt hat bekanntlich "Macht" einmal im Sinne von Machenkönnen (als Verändernkönnen) übersetzt. In diesem Sinne kann man nur sagen: Armer Obama. Vergleicht man, historisch verschoben und fiktiv - aber, nehme ich an, Augen öffnend fiktiv -, den verändernden Einfluss, den die Obama-Administration bis jetzt schon ausgeübt hat und ausüben kann, u.a. die herrschaftsterroristischen Akte von Bush jr. nur geschickter gemildert fortsetzend (vgl. trefflich Roger D. Hodge: The Mendacity of Hope, Harper's Magazine February 2010, pp 7-11), mit dem Einfluss, den Personen wie Zinn kurz und langfristig im Kontext von Protestbewegungen und Menschen ausüben können (ohne herrschende Meßlatte des "Nation-Building"), Menschen, die durch ihn zu einem eigenen Bewusstsein gekommen sind und noch kommen mögen, dann zieht die Waagschale mit dem HZ-Zeichen nach unten. So der Maßstab darin besteht, die ‚Welt', in diesem Fall die USA, in Richtung ihrer Humanisierung wenigstens offener zu halten.

So mag abschließend der alte lateinische Satz angezeigt sein:

Mortuus doceat vivos. Dieser Howard Zinn, ein bewegt bewegender anarchischer Bekenner (zu deutsch Professor), möge die Nachlebenden lehren.

Wolf-Dieter Narr