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 Jean Baudrillard - Das perfekte Verbrechen


"Das Perfekte Verbrechen" - das ist ein wenig ein Anklang an Nietzsches berühmten Satz vom Tod Gottes. Nur geht es nicht mehr um den Tod Gottes, sondern um die Ermordung der Realität. Genaugenommen handelt es sich nicht einmal mehr um Ermordung (mit der symbolischen Kraft des Mordes), sondern eher um Extermination, um Vernichtung. Denn die Ermordung Gottes hinterläßt Spuren (wir leben noch immer im Schatten dieses Urverbrechens), wohingegen die Vernichtung keinerlei Spuren hinterläßt, nicht einmal einen Leichnam. Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten. Und wir sind an einen Punkt gelangt, an dem die Frage nach dem Realen, nach dem Referentiellen, nach dem Subjekt, nach der Freiheit nicht einmal mehr gestellt werden kann. Es handelt sich also tatsächlich um eine Endlösung - nicht mehr um die physische der Vernichtungslager, sondern um die wörtliche und metaphorische einer gesamten Kultur, die (wie der Begriff Extermination schon sagt: exterminis) ihr eigenes Ende, ihren eigenen Tod, ihre eigene Realität bereits überschritten hat.


Dies verweist auf die Hypothese von Elias Canetti, "daß von einem bestimmten Zeitpunkte ab die Geschichte nicht mehr wirklich war. Ohne es zu merken, hätte die Menschheit insgesamt die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles was seither geschehen sei, wäre gar nicht wahr; wir könnten es aber nicht merken. Unsere Aufgabe sei es nun, diesen Punkt zu finden, und solange wir ihn nicht hätten, müssten wir in der jetzigen Zerstörung verharren." Was ist zu diesem blinden Fleck zu sagen, zu dem Punkt, an dem alles kippt, an dem nichts mehr wahr oder falsch ist und alles in der Ununterscheidbarkeit von Anfang und Ende versinkt? Kann man die Dinge dort wieder aufnehmen, wo sie stehen geblieben sind, dort wo der Faden gerissen ist und wir auf die andere Seite des Spiegels geschleudert wurden?


Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen. Doch mit dieser Aussage greife ich schon ein wenig vor, denn diese verbrecherische Perfektion könnte nur erreicht werden, wenn der Virtualisierungsprozeß der Welt bereits abgeschlossen wäre. Soweit sind wir -noch nicht, und wie im Kriminalroman ist das Verbrechen niemals perfekt. Unsere Situation ist eher die, wie sie Borges in seiner Fabel von Landkarte und Territorium beschrieben hat. Borges sieht Fetzen der Karte auf der Fläche des Territoriums vermodern. Doch in unserem Fall wäre es eher umgekehrt: Auf der Fläche der Karte, der virtuellen Abstraktion des Territoriums, treiben nur noch ein paar Fetzen des Realen.


Und der Mörder in diesem "perfekten Verbrechen"? Nun, diesbezüglich stehen wir vor einem kriminellen Rätsel. Zu diesem ganzen Unternehmen der uneingeschränkten Aktualisierung der Welt, der Hyperrealisierung der Realität als Kennzeichen des virtuellen Zeitalters, findet sich kein Schuldiger - keine Klasse, keine Gruppe, kein Subjekt kann dafür verantwortlich gemacht werden. Dieser augenscheinlich irreversible Prozeß ist im Grunde der des Fortschritts und der Rationalisierung derDinge, nur ist er exponentiell und sozusagen chaotisch geworden, ja sogar zu einer Art Schicksal, in der die Gattung Mensch sich, wie es scheint, die Ecriture automatique der Welt zum Ziel gesetzt hat und damit ihr Verschwinden als solche. In dieser automatisierten virtuellen Realität verschwindet das Subjekt jedenfalls ganz und gar. Durch nichts wird die Existenz eines Subjekts länger gerechtfertigt, und ebenso wie der Sexus bei der Klonierung wird es in gewisser Weise zur nutzlosen Funktion. Subjektfunktion, sexuelle Funktion, kritische Funktion, moralische Funktion, politische Funktion, die Herrschaft des Virtuellen macht all diese Funktionen nutzlos. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß das Gesagte nur in der Vorwegnahme eines Systems gilt, das an seine Grenzen gelangt. Diese Virtualität scheint jedoch irreversibel. Treibt uns nicht jüngst durch Internet und Datenautobahnen ein unwiderstehlicher kollektiver Zwang zur uneingeschränkten Realisierung all unserer Möglichkeiten, zum Ausschöpfen all unserer Energien? Wir sind gefangen in einem gigantischen Countdown, dessen Zweckbestimmtheit wir nicht kennen, weil wir bereits über das Ziel hinausgeschossen sind.


Wir befinden uns im Zeitalter der extremen Phänomene: Nachdem sie den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, den "dead point" einmal überschritten haben, wird ihre Entwicklung exponentiell und nimmt katastrophale Formen an. Von linearem Verlauf kann keine Rede mehr sein. Alles wird in einen Wirbel hineingezogen, der jede Beherrschung unmöglich macht - um so mehr, als in einer Welt wie der unseren, in der das Bestreben herrscht, alles sichtbar zu machen, nichts mehr vorhersehbar ist. Aber gerade zu dieser Sichtbarkeit, zu dieser absoluten Transparenz alles Realen tragen die virtuellen Prozesse bei. Ebenso wie zur Unmittelbarkeit und zur Augenblicklichkeit - etwa die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information. Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem "perfektem Verbrechen", dessen Opfer die Zeit ist. Die Echtzeit, das ist die "plus-quam-perfekte" Zeit, also ohne Erinnerung und ohne Zukunft.


[Seien wir ganz klar:] Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt. Wir befinden uns durchaus nicht mehr in einer Problematik des Mangels und der Entfremdung, in der das Subjekt doch stets seinen Platz fand, in der die Dramaturgie von Subjekt und Objekt offen blieb. Selbst im Herzen des Simulakrums und der Simulation gibt es noch das Gegenbild des Realen und des Referentiellen,,de,r,Inszenierung, und damit die Möglichkeit einer Befreiung von der Entfremdung, die Möglichkeit für das Subjekt, seine Souveränität zurückzuerobern. Diese radikale Kritik war die der Situationisten, doch heute sind wir, wie ich glaube, in eine andere Welt gelangt. In eine Welt, in der alles - weit davon entfernt, entfremdet zu sein - unerbittlich realisiert ist, eine Welt, in der alles, was Traum war, Gedanke, Begriff, Phantasiebild, Utopie, imaginäre Projektion, in der all das unmittelbar operationalisiert, virtuell realisiert ist oder wird. Man wird nicht einmal mehr die Zeit haben, es sich vorzustellen, das Ereignis wird nicht einmal mehr die Zeit haben stattzufinden. Jede Negativität, jede gegensätzliche Realität wird ausgemerzt, selbst die Entfremdung wird ausgemerzt, zugunsten einer durch und durch positiven Welt, gesäubert von jeder Illusion, von jeder Negativität, frei sogar vom Tod. Diese reine, absolute Realität ist das, was ich das "perfekte Verbrechen" nenne.


[Wie kann dieser Sprung in die virtuelle Realität besser beschrieben werden als mit ein Übergang von der Krise in die der Katastrophe? Krise bedeutetete immer ein gewisses Mass an Spannungen, Gegensätzen, Konflikten, also an Realem, und die Moderne hatte schon immer ein krisenhaftes Verhältnis zum Realen und zur Welt. Doch inzwischen sind wir nicht mehr in der Krise, sondern wir sind in einen katastrophalen Prozess eingetreten, nicht im Sinne einer materiellen Apokalypse, sondern im Sinne einer Entgleisung aller Spielregeln. Die Katastrophe ist das Hereinbrechen von etwas, das nicht mehr nach] den Regeln funktioniert, oder aber nach Regeln, die wir noch nicht kennen. Darin ist nichts gerade widersprüchlich oder irrational - alles ist aber durchaus paradox Jenseits des Endes, jenseits jeder Finalität anzugelangen bedeutet, in einen paradoxen Zustand zu geraten, in den der extremen Phänomene (das Übermass an Realität, das Übermass an Positivität, das Übermass an Ereignissen, das Übermass an Wahrheit etc), ein Zustand, in dem wir nicht mehr einschätzen können, was geschieht. In jedem Fall ist es zu spät, um sich mit einer Rehabilitierung des "Realen" und der daiit verbundenen traditionellen Werte zufriedenzugeben. Also mögen wir uns lieber auf das Spiel der irreversiblen Prozesse einlassen, auf das Spiel des Verschwindens, vorausgesetzt wir entdecken die Kunst des Verschwindens, also eine Art neue Spielregel, wodurch die Gattung Mensch endlich vollen Anteil an der Inszenierung ihres eigenen Verschwindens nehmen würde, statt der blossen Vernichtung ausgeliefert zu sein.


Um diesem paradoxen Zustand der Dinge gerecht zu werden, brauchen wir ein paradoxes Denken, das nicht mehr irgendeinem Grundsatz der Wahrheit, der Kausalität, der normalen Diskursivität gehorcht, sondern die poetischen Einzigartigkeiten der Ereignisse in Rechnung nimmt und dessen Bestätigung grundlegend unmöglich ist. In diesem Sinne wird es zum radikalen Denken. Im Allgemeinen hält man es für die grösste Schwierigkeit, die Protokolle zu Versuchen und Prüfungen zu erstellen. Doch im Gegenteil: das grösste Problem liegt darin, sich so lange als möglich im rätselhaften Bereich des Denkens zu bewegen, im unlösbaren oder reversiblen Bereich der Hypothesen. Wir befinden uns nicht mehr in einem Universum der Lösung, des Sinns und der Wahrheit, sondern in dem einer endgültigen Unlösbarkeit, aufgrund des hartnäckigen, beharrlichen Widerstands der Ereignisse und der Sprache selbst gegen Sinn-und Interpretation. Nehmen wir die Sprache, die es sich zum Ziel setzt, zu bezeichnen, das Reale im Zeichen festzuschreiben. Nun, diese Sprache wird heute durch die numerischen, äußerst formalen Sprachen bedroht, die vom Trugbild einer transparenten und immer währenden Kommunikation getragen werden, und die sich gegen den Bilderreichtum der "natürlichen" Sprachen durchsetzen. Mit dem Binären und dem Digitalen werden gerade die Substanz der Sprache und ihre Komplexität ausgemerzt - als Sprache kann man das kaum noch bezeichnen. An der äussersten Grenze der völligen Berechnung, der völligen Kodierung des Denkens, wird die Sprache selbst zur nutzlosen Funktion. Erstmalig in der Geschichte liegt die Möglichkeit eines perfekten Verbrechens an der Sprache und des Verschwindens ihrer symbolischen Funktion vorhanden.


Doch a contrario ist zu sagen: Was dieser destruktiven Virtualisierung am nachhaltigsten widersteht, sind gerade die Sprachen in ihrer Einzigartigkeit, in ihrer Unvergleichbarkeit. Eben weil sie nicht aufeinander zurückzuführen sind, sind sie nicht auf die Globalesprache und das Globaledenken zurückzuführen. In diesem Sinn sind die Würfel also noch nicht gefallen. Doch niemand kann vorhersehen, wer das letzte Wort haben wird. Wenn wir die Hyoothese auf tellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.


Arthur Clarke erzählt von den Mönchen im tiefsten Tibet, deren Aufgabe es ist, die neun Milliarden Namen Gottes zu deklinieren, woraufhin die Welt zu Ende gehen soll. Die Mönche verzweifeln vor dieser Aufgabe und rufen die Techniker von I.B.M. zu Hilfe, die mit ihren Computern die Arbeit in ein paar Monaten erledigen. Natürlich glauben die Techniker keinen Augenblick an die Prophezeiung. Doch als sie nach getaner Arbeit den Abstieg aus den Bergen beginnen, sehen sie die Sterne am Firmament einen nach dem anderen erlöschen... Sind wir nicht in ein ähnliches Unternehmen der Ecriture automatique der Welt verwickelt, in die Erfindung eines artifiziellen Klones der Welt, das der Welt ein Ende setzen würde?


Nun komme ich zum Kernpunkt: zur Illusion. Denn in allem bisher Gesagten verbarg sich eine Falle, und hinter der Vernichtung des Realen verbarg sich etwas weitaus Schlimmeres: die endgültige Beseitigung der Illusion. Darin besteht das eigentliche Verbrechen. Denn das Reale haben wir selbst erfunden, und dem, was man selbst erfunden hat, darf man schliesslich auch ein Ende setzen. Die Illusion hingegen, die radikale Illusion ist die der Welt und nicht unsere. Es ist die objektive Illusion und der objektive Zauber der Erscheinungen der Welt, die radikale Illusion, die unserer Macht nicht untersteht. Doch leider steht es in unserer Macht, sie zu vertilgen, dem gesamten Zyklus der Formen und Metamorphosen Einhalt zu gebieten, dem gesamten Spiel von Abwesenheit und Geheimnis, all den dualen und komplexen Bezügen, deren Regelhaftigkeit wir nicht einmal durchschauen, um all dies durch eine völlige Identifikation der Welt mit sich selbst zu ersetzen, durch eine exakte und artifizielle, vollkommen operationale Welt - eine perfekte Welt, eine Welt ohne Illusion, also eine Welt der völligen Desillusionierung. Man muss sich ganz klar machen, was unter dem Begriff der Illusion zu verstehen ist, denn ein anderer steht uns nicht zur Verfügung. Hier ist nicht die Illusion im konventionellen, mißbräuchlichen Wortsinn gemeint, die subjektive Illusion, gleichbedeutend mit Irrationalem, Täuschung und Trugbild, die oft mit dem Bösen und der Magie gleichgesetzt wird und durch Vernunft korrigiert werden muß.


Die radikale Illusion dagegen besteht in der grundsätzlichen Nicht-Identifikation der Dinge mit sich selbst, in ihrem Abstand und ihrer Abwesenheit, in ihrer Konflikthaftigkeit, in ihrer inneren Spaltung. Trennung, die jede Beziehung des Selben zum Selben verarbeitet. Und was für die Dinge gilt, gilt auch für uns: Nichts ist jemals mit sich selbst identisch, wir selbst aber sind auch mit uns selbst identisch, ausgenommen im Schlaf und im Tod. Auch die Sprache bedeutet niemals das, was sie sagen will. Sie bedeutet immer etwas anderes oder gar nichts, aufgrund dieses Abstands von sich selbst, der auch der unsere ist - und gerade diese endgültige Alterität oder Andersheit ist es, die der Reduzierung des Selben auf das Selbe und der Systematisierung worin das Wesen des "perfekten Verbrechens" besteht, entgegenarbeitet. Was jede Reduzierung der Singularität und Vielgestaltigkeit auf das Identische verhindert, ist gerade die Illusion, nämlich jene, die den Dingen selbst innewohnt und nicht dem Bewusstsein des Subjekts. Es ist die "vitale Illusion", von der Nietzsche spricht. Denn die gesamte Lebensenergie entspringt der Tatsache, dass nichts mit sich selbst identisch ist und dass wir niemals mit uns selbst identisch sein werden. Wenn es nur das Selbe gäbe, befänden wir uns mitten in der Realität, in einer integralen Realität und einer uneingeschränkten Offensichtlichkeit der Dinge, das heisst in der absoluten Wahrheit - eine andere Bezeichnung für den Tod. Dies scheint glücklich rweise unmöglich zu sein. Ich kann mir kein System, kein Wertgebäude vorstellen, dem es gelingen könnte, diese grossartige materielle und lebenswichtige Illusion durch einen Effekt unbedingter Wahrheit zu kompensieren.


Diese materielle Illusion, die also in der physikalischen Ordnung des Universums festgeschrieben ist, verdeutlicht sich uns am Licht der Sterne. Bekanntlich erreicht es uns erst nach langer Zeit, manchmal sogar, wenn der Stern bereits erloschen ist. Diese unausweichliche Verschiebung, dieser Abstand zwischen dem Stern und unserer Lichtwahrnehmung, diese Nicht-Gleichzeitigkeit, genau das ist ein Kern der objektiven und materiellen Illusion der Welt. Und dass sie besteht, ist ein Glück. Denn wenn wir das Licht aller Sterne augenblicklich und gleichzeitig wahrnehmen würden, entspräche das einem immerwährenden Tag, und ohne die Abfolge von Tag und Nacht wäre unser Dasein unerträglich. Diese Hypothese eines unausweichlichen Abstands gilt für alle Dinge, auch in unserem irdischen Mikrokosmos von Gegenständen und Lebewesen. Weder Gegenstände noch Wesen sind einander exakt gegenwärtig und einander damit auch nicht wirklich real. Also ist die Illusion allgegenwärtig. Sie ist die Spielregel des Universums.


Aus der kosmologischen Hypothese des Urknalls und der Entstehung des Universums lässt sich ein weiteres Argument ableiten. Auf den Urknall folgt eine kosmische Abkühlung, aus der die Materie geboren wird. Doch diese ursprüngliche Materialisierung ist die von Materie und Antimaterie zugleich, in vollkommener Symmetrie. Erst später, durch einen Symmetriebruch, trennt sich die Materie von der Antimaterie, um die Welt zu erzeugen, in der wir leben. Also ist die Materialität unserer Welt eine beschränkte, einseitige Materialität, gesäubert von ihrer Antimaterie - und gerade diese eingeschränkte Form der Materie nennen wir die "objektive" Realität. Ich finde es spannend, rätselhaft und auch voller Ironie, zu erkennen, dass unsere Realität nicht der eigentliche Ausgangszustand ist, sondern das Ergebnis einer Vereinfachung, einer radikalen Reduzierung des Kosmos selbst. Wenn der objektive Status unserer "materiellen" Realität auf der Amputation seiner anderen "Hälfte" beruht, dann darf man wohl behaupten, unsere Welt ist eine endgültige Illusion.


Im Gegensatz zu dieser "realistischen" Definition verstehe ich unter Illusion jenen für uns irrealen Bereich der Antimaterie, deren Macht so gross ist, dass sich, käme sie mit der Materie in Berührung, alles in großartiger Annihilation und absoluter Strahlung auflösen würde. So weit sind wir noch nicht, und doch kreist die gesamte Astrophysik um diesen unsichtbaren Nebel, von dem wir so gut wie nichts wissen - und um diese unfassbare Illusion, um diese unfassbare Abwesenheit kreisen vielleicht auch unser sogenanntes "reales" Universum, unsere Ereignisse, unsere Beziehungen, unsere Geschichte, stets beherrscht vom fatalen Bevorstehen ihrer Rückmutation. Denn, noch einmal: Wenn es das paradoxe Ergebnis dieses Symmetriebruchs ist, dass unser heutiges Universum in seiner eingeschränkten Materialität präzisen physikalischen Gesetzen gehorcht, dann lastet auf dieser Rationalität aufgrund der Ausklammerung der Antimaterie völlige Ungewissheit - die andere fatale Konsequenz daraus ist, daß unsere Materie, von ihrer Antimaterie "befreit", folglich dem zweiten Prinzip der Thermodynamik unterworfen ist, mit anderen Worten der Involution und der entropischen Regression.


Das Wichtigste wäre es also, unsere Hypothesen über die Realität aus den Angeln zu heben und sie auf gesamtheitlicher Ebene neu zu entfalten, auf der sie unsere Grundsätze von Materialität, Realität und Rationalität radikal matt setzen würden. Das bedeutet im Grunde, die Spuren der Illusion wiederfinden, die Überreste eines Verbrechens, das schon im Urstadium verübt wurde: durch die Ausweisung der Antimaterie - metaphorisch gesprochen die Ablehnung des Bösen, der Negativität und des Todes zugunsten einer wahren, positiven und rationalen Welt, einer perfekten Welt, die das Urverbrechen in der Endlösung vollendet.


Doch sind wir bereit, uns auf das paradoxe, katastrophale und ironische Spiel einzulassen, das uns diese objektive Illusion der Welt anzutragen scheint? Dies bedeutet nicht nur einen chaotischen Rückschritt des Realitätsprinzips, sondern auch mit dem Wissensprinzips. Dieses setzt nämlich eine Dialektik von Subjekt und Objekt voraus, ein Darstellungssystem, dessen Herr das Subjekt ist, er hat es nämlich selbst erfunden und versucht weiterhin die Welt dank konventionellen Spielregeln zu beherrschen. All dies setzt eine Vormachtstellung des Subjekts und einen entsprechend minderwertigen Status des Objekts voraus, das wissenschaftliche Objekt eingeschossen. Doch kaum ändern sich die Spielregeln oder werden schlechthin /ungewiss, schon ist das Objekt nicht mehr dekodierbar, nicht mehr wägbar mit unseren griffen, und schon wird das Wissen metaphysisch unmöglich - denn es beherrscht weder die Erscheinungen noch die Illusionen. Und diese Unmöglichkeit gilt nicht nur auf metaphysischer Ebene. Schon stehen die Wissenschaften im mikrophysikalen Bereich vor der Unmöglichkeit, dem Objekt einen definierten Status zuzuweisen. Das Objekt ist nicht mehr, was es einmal war. Es entzieht sich in allen Bereichen. Es erscheint nur noch in Form zufälliger und kurzlebiger Spuren auf den Bildschirmen der Virtualisierung. An der Spitze ihrer experimentellen Methodik, können die genausten Wissenschaften nur noch sein Verschwinden bestätigen. Dabei handelt es sich um eine Art List und ironische Vergeltung des Objekts, um ein Spiel, um eine Dispersionsstrategie - das Objekt treibt schliesslich mit den Messprotokollen des Subjekts sein Spiel, so dass dieses sogar seine Position als Subjekt verliert. Das ist das Ende jeder "objektiven" Dialektik, das Ende der traditionellen Dimension des Wissens.


Bis vor kurzem hat die Wissenschaft im Grunde nichts anderes geleistet, als unter der Prämisse der möglichen Entzifferung der Welt ein beruhigendes Schema zu fabrizieren. Und zwar hat sie es ermöglicht, die Welt, die Atome, die Moleküle, die Teilchen, die Viren etc. zu "entdecken". Doch ,niemals ist die Hypothese aufgestellt worden, dass die Dinge, indem wir sie entdecken, zugleich uns entdecken, und dass dieses Entdecken eine Art dualer und reversibler Beziehung birgt. Das liegt daran, dass wir das Objekt nicht in seiner Alterität und in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen. Wir glauben, die Dinge seien einfach da, passiv darauf wartend, entdeckt zu werden, etwa wie Amerika durch die Spanier - doch so ist es nicht. Wenn das Subjekt das Objekt entdeckt - seien es Viren oder primitive Gesellschaftsformen - vollzieht sich die umgekehrte und niemals harmlose Entdeckung des Subjekts durch das Objekt. Unsere Sicht von Entdeckung und Wissen ist einseitig, und immer in derselben Richtung. Doch zum Glück, oder zu unserem Unglück, gibt es Flammenrückschläge, in Gestalt äusserst beeindruckender Rückmutationen auf wissenschaftlicher, anthropologischer, pathologischer Ebene. Es scheint als hätten wir das Objekt aus seiner undurchsichtigen und harmlosen Ruhe gerissen, aus seiner Indifferenz, geborgen. Vor unseren Augen erwacht heute das Rätsel der Welt, zu mehr Kampf entschlossen, um sein Geheimnis zu wahren. Das Wissen ist ein Duell, und dieses erbitterte Duell zwischen Subjekt und Objekt führt dazu, dass das Subjekt seine zentrale und überlegene Stellung verliert - wobei das Objekt selbst für das Subjekt zum Horizont des Verschwindens wird. Es ist offensichtlich, daß diese neue Dramaturgie der klassischen Wissenstheorie entgegensteht.


Die Realität selbst, die reale Welt, so wie wir sie domestiziert haben, stellt uns vor Probleme. Denn letztendlich verlieren die Information, die Tatsachen, die Ereignisse für uns ihren Gehalt. Die gefügige, übergefügige Realität beugt sich jeder Hypothese, bestätigt sie alle gleichermassen - so wie ein Terrorakt heute sowohl jedem beliebigen Menschen angelastet oder von allen gefordert werden oder rein zufällig sein kann. Es scheint, als sei der gegen jede Wahrheit indifferenten Realität das Wissen, das man aus ihrer Beobachtung und Analyse ableiten kann, völlig gleichgültig. All das ist ihr nur eine oberflächliche und vorläufige "Unvernunft" (im Heideggerschen Sinn). Die Realität selbst ist zur Simulantin geworden und verweist uns auf ihre grundsätzliche Unbegreiflichkeit, die nichts Romantisches oder Mystisches an sich hat, sondern eher in den Bereich des Ironischen gehört. Die Realität selbst ist zum Grenzphänomen geworden, welches das paroxystische Stadium erreicht hat und von selbst ins parodistische Stadium kippt - Ironie und Selbstparodie das letzte Aufblitzen, das uns die Realität sendet, bevor sie verschwindet, der letzte Wink, den uns das Objekt aus der Tiefe seines Geheimnisses heraus sendet.


Auch hier handelt es sich nicht um die subjektive, kritische und romantische Ironie, sondern um eine objektive Ironie, verbunden mit der Ungewissheit, mit der Instabilität und der Reversibilität der Phänomene, mit dem vorwegnehmen der Wirkungen vor den Ursachen, mit dem Bruch jeder linearen Kausalität zugunsten von Kreisprozessen, von Sinnverkehrung, von abartigen Ereignissen, von ironischen Umkehrungen. Allgemeine Entgleisung, die das Werk des Systems selbst ist. Ein Übermass an Kompliziertheit und Perfektion führt schliesslich jedes System zur Selbstzerstörung durch Implosion. Die Übersättigung (an Realität, an Information, an Macht) führt zu einem Effekt der automatischen Rückmutation - gerechte Vergeltung der Ecriture automatique der Welt durch das System selbst. Dies wird durchaus nicht durch ein kritisches Subjekt bewirkt, das es zu umstützen oder zersetzen vermöchte. Diese These stammt noch aus einer Zeit, in der man es für möglich hielt, das Leben durch einen Fortschritt hin zu einer objektiven Realität des Sozialen, des Begehrens etc. zu verändern - das nannte man Revolution. Heute ist diese Sichtweise überholt. Wir haben es mit einem Prozess der Vollendung der Realität zu tun, der Überrealisierung und der Rückentwicklung: Nicht mehr das Subjekt revolutioniert das System, sondern das System bricht in sich zusammen und bewirkt seine eigene Zerstörung. Dies ist die "objektive Ironie". Das ist as Ende der messianischen Hoffnungen, doch uns bleibt jene Chance, die eine Art Schicksal der Systeme ist: Je mehr sie sich ihrer eigenen Perfektion annähern, desto mehr werden sie sich selbst vernichten. Diese Logik sieht man in der materiellen Produktion ebenso wirken wie in der Information, in ökonomischen oder politischen Strukturen. In den wissenschaftlichen Systemen erfindet das Objekt, je mehr es durch die experimentellen Verfahren in die Enge getrieben wird, um so mehr Strategien des Gegenangriffs, des Ausweichens, der Vergeltung. Als würde das Universum seinen eigenen Gesetzen zuwiderhandeln. Ein Zuwiderhandeln, das nicht moralischer Natur ist, wie wenn wir unseren menschlichen Gesetzen zuwiderhandeln, sondern paradox und ironisch, übernatürlich. Es ist, als würde uns etwas unwiderruflich entgehen. Ich sage unwiderruflich, weil es nicht mit dem relativen Voranschreiten unserer Wissenschaften verbunden ist, von denen man hoffen könnte, dass sie das, was ihnen entgeht, eines Tages schliesslich beherrschen werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Je weiter sie voranschreiten, desto mehr entzieht sich das Objekt und wird schliesslich völlig unlösbar. Und es bleibt uns nicht einmal mehr die Frage, wohin es entschwunden ist. Das Objekt ist schlicht und einfach das, was dem Subjekt entgeht, das ist alles, was darüber zu sagen ist. So kann ich Ihnen kein Sekundenmass für die Dezimale der Planckschen Mauer nennen, jenseits derer es niemals irgendeine Erkenntnis über den Kosmos in seinen ersten Augenblicken geben kann; wir wissen, dass uns dies unwiderruflich verschlossen ist, weil selbst das Licht darin nicht existiert. Metaphorisch gesprochen gibt es ohne Zweifel ein analoges Geheimnis in jedem Gegenstand und jedem Lebewesen, das nichts mit irgendwelcher Transzendenz zu tun hat, sondern eben mit jener lebenswichtigen Illusion, von der wir gesprochen haben. Vom Standpunkt unseres Wissensapparates aus mag diese Feststellung niederschmetternd erscheinen und einen gewissen Pessimismus rechtfertigen, doch vom Standpunkt der Singularität, der Alterität, des Geheimnisses und der Verführung liegt darin im Gegenteil unsere einzige Chance. In dieser Hinsicht ist das "Perfekte Verbrechen" ein Buch von strahlendem Optimismus!


Natürlich handelt es sich eher um einen tragischen Optimismus, wie er in Hölderlins Formel so gut zusammengefasst ist: "Wenn die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch". Übrigens müssten wir heute, da das Schicksal sich für uns in gewisser Weise umgekehrt hat, beinahe diese Formel umkehren und sagen: Wenn das Rettende wächst, wächst die Gefahr auch. Tatsächlich sind wir nicht mehr Opfer eines Übermasses an Schicksal, an Illusion und an Bedrohung, sondern Opfer einer Abwesenheit von Schicksal und eines Übermasses an Realität, an Sicherheit und an Effizienz so dass gerade das Übermass dessen, was uns rettet und schützt, heute mörderisch geworden ist. Darin liegt heute die Gefahr, in der Positivität, im bedingungslosen Heil durch die Technik. Doch gewiss steht dem etwas Unüberwindliches entgegen, und wir müssen als Anklang an den Satz von Hölderlin jenen zutiefst geheimnisvollen von Heidegger anführen: "Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, dann erblicken wir die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses." Ein rätselhafter Aphorismus, denn er widerspricht Heideggers eigener Theorie über die Technik als Annektion und Wesensverlust - eine negative Ontologie, welche den gesamten Technizismus durchzieht, der (und das ist das "perfekte Verbrechen", von dem wir sprachen), zur endgültigen Beseitigung des Geheimnisses des Universums beiträgt, zur völligen Sichtbarkeit, zur absoluten Identifikation, mit anderen Worten zum Tod. Und dennoch schimmert durch diese Formel eine andere Hypothese: die einer übermächtigen Reversibilität, die sich letztendlich gegen den unerbittlichen Prozess der Desillusionierung durchsetzen würde. In dieser Hypothese gäbe es am äussersten Horizont der technischen Entwicklung etwas anderes, das Auftauchen einer anderen Spielregel. Der ironische Widerstand des Geheimnisses am Ende eines aussergewöhnlichen Anspruchs, es zu zerstören, zu eliminieren, zu vernichten. Letztlich ist die Technik vielleicht nur ein riesiger Umweg, der uns zur radikalen Illusion der Welt zurückführt - ein riesiger, von unserer Kultur erdacht Umweg, und damit ihre ureigenste Art und Weise des Auftauchens und des Verschwindens, an dessen Ende irgendein Ereignis möglich bleibt, doch davon wissen wir nichts. Wir wissen nichts von einem unvorhersehbaren Ereignis, das endlich jenseits der Metaphysik eintreten könnte und zu dem uns ironischerweise die Technik hinführen würde, in dem Masse gerade wo sie nach Heidegger die absolute Verwirklichung der Metaphysik ist.


Wir haben keine Möglichkeit, zwischen den beiden Hypothesen zu wählen, die einander widersprechen und unvereinbar sind. Hier liegt also der Ort und der Kern allen radikalen Denkens, dessen Aufgabe angesichts einer Welt, die uns unbegreiflich gegeben worden ist, es sein muss, sie noch rätselhafter und unbegreiflicher zurückzugeben.