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Kritische Psychologie

Wenn man davon ausgeht, dass Subjektivität erst mit Beginn
der Moderne - im Zuge der Aufklärung, mit der Durchsetzung
des Kapitalismus - konstituierte und mit ihrer Konstituiton
zugleich zum Problem wurde.
An dieser stelle scheint schon die innere Widersrpüchlichkeit
einer Kategorie auf, welche ein gesellschaftliches Verhältnis
bezeichnet, das schon in seiner Durchsetzung sich als krisen-
haftes entpuppt.
Für die Freien, Gleichen, Einzelnen heißt Subjektsein unter
der Bedingung der eigenen objektiven Austauschbarkeit zur Indi-
viduation gezwungen zu sein, während Individualität verwehrt
bleibt. Letztere könnte ein Ergebnis gelungener Individuation
sein und war in der bürgerlichen Gesellschaft nie mehr als ein
schwacher Schein.
Individualität wäre vielleicht Reichtum an Beziehungen, die es
erst möglich machten, sich im Anderen als Andere zu erfahren.
Etwas anderes setzt Bezogenheit voraus.
So überwände Individualität die Austauschbarkeit. Das verzwei-
felte Bemühen der Monaden ihre Einzigartigkeit zu zeigen,
etwas Besonderes sein zu dürfen, führt zum Gegenteil.
Anstatt aus ihren Wällen herauszutreten, malen sie diese bunt an.
Der Versuch bleibt selbstbezüglich, verharrt in Abgrenzung und
führt sich in den immer wiederkehrenden Moden, den epidemisch
sich ausbreitenden Individualitätsabzeichen wie Tattoos oder
Piercing tragisch selbst ad absurdum.
Nicht nur Umsätze sind das Resultat, zugleich wird die opti-
male Verwertbarkeit der Ware Arbeitskraft sichergestellt und
für notwendige Innovationen gesorgt. Wer heute - nicht nur -
auf dem Arbeitsmarkt begehrt sein möchte, der hat nicht nur
jung und schön zu sein, sowie diverse Qualifikationen aufzuwei-
sen, sondern muss zudem bereit sein, sich ganz und gar, mit Leib
und Seele zu verkaufen.
Individualität in dieser Gesellschaft bleibt warenförmig, da die
Rahmenbedingungen, der möglichst erfolgreiche Verkauf der eigenen
Arbeitskraft, immer schon vorgegeben sind.
Zur Gleichheit, die immer auch Gleichgültigkeit meint, verdammt,
soll jeder zugleich etwas Besonderes sein. Ohnmächtig gegenüber
den objektiven Bewegungsgesetzen des Kapitals, denen sie sich
unterworfen haben, sollen sie autonomes selbstbestimmtes Subjekt
sein.
Das Subjekt ist so als  widersprüchlich bestimmt:
zur Ohnmacht verdammt soll es genau das nicht sein.
Diese innere Widersprüchlichkeit des Subjekts kommt nicht von
ungefähr, sie ist Produkt einer widersprüchlichen Gesellschaft.
Jene lässt sich charakterisieren als eine Totalität von Wider-
sprüchen, welche ineinander aufeinander verweisen.
Das heißt die Einzelnen müssen sich ihrer Funktion im Verwertungs-
prozess entsprechend verhalten, um in der Konkurrenz bestehen zu
können - oder sie üben diese Funktion nicht länger aus.
Sich der Kapitalverwertung entsprechend zu verhalten, bedeutet,
sich rational zu verhalten, allerdings rational in den Mitteln,
nicht im Zweck.
Erstere sind rational - der kapitalistischen Verwertungslogik
entsprechend - der gesamtgesellschaftliche Zweck ist ein völlig
irrationaler: die Verwertung des Werts - aus Geld immer mehr Geld
machen.
Eine in den Zwecken derart irrationale Gesellschaft bringt not-
wendigerweise Irrationalität in den Subjekten hervor.
Dies gilt im Besonderen heute, da die Entwicklung der Prodiktiv-
kräfte soweit fortgeschritten ist, dass die materielle Versor-
gung aller Menschen möglich wäre, und so eine Gesellschaftsform,
die unglaublichen Reichtum hervorbringt, für die meisten Menschen
aber Mangel produziert, noch irrationaler wird.
Solange die Zweck-Mittel-Rationalität der Ökonomie "wider ihren
Zweck, eine rationale Gesellschaft, gleichgültig ist, wird sie
irrational für die Subjekte."
Dis bedeutet rational im Sinne des Systems zu handeln, heißt
zugleich immer handeln gegen das, was rational wäre in einem
empathischen Sinne: reflexiv bezogen auf die eigene kollektive
Praxis, die das Zusammenleben bewusst so einrichtete, dass
keiner mehr Hunger zu leiden müsste.
Vernunft, empathisch begriffen, geht über die Zweck-Mittel-Ratio-
nalität hinaus; diese setzt den Zweck immer schon blind voraus,
jene hätte ihn erst zu bestimmen.
CHRISTINE KIRCHHOFF - Anmerkungen zum Verhältnis von Gesellschafts-
kritik und Psychoanalyse aus dem Buch:
SUBJEKT GESELLSCHAFT - Perspektiven kritischer Psychologie
Seite 111-113. initiative not a lovesong

Die Herstellung des allseits verfügbaren Menschen


Die neoliberale Methode des kapitalistischen Systems
besteht darin, "uns" die Ängste, die als Reaktion auf
die pausenlos von herrschender Seite beschworenen Be-
drohungszenarien durchaus angemessen sind, auch noch
zum Vorwurf zu machen. "Wir" sind die Ursache des Pro-
blems und haben deshalb das Büßergewand völliger An-
spruchslosigkeit überzuziehen und mit Leistung plus
Lohnzurückhaltung um Vergebung für unsere Sünden zu
betteln.

Es soll eine Denkweise etabliert werden, die auf Abwander-
ungsdrohungen der Kapitalseite reflexartig mit "freiwil-
ligem" Verzicht auf eigene Lebensansprüche reagiert.
Es geht darum, "den Armen klarzumachen, dass es ihnen
besser gehen wird, wenn sie den Reichen auch noch etwas
abgeben."

Die Entstehung dieses Systems ist das Ergebnis der neo-
liberalen Restauration eines von allen Beißhemmungen
befreiten Kapitalismus, dessen Funktionieren nicht nur
eine veränderte Ökonomie erfordert, sondern auch Menschen
mit bestimmten psychsichen Eigenschaften.
Neoliberalismus kann verstanden werden als politisches
Projekt kapitalistischer Eliten, das die Wiederherstellung
der unbeschränkten Autonomie der Besitzer von Geld- und
Produktivvermögen zum Ziel hat.
Eine Koaliation aus transnationalen Konzernen, Finanz-
kapital und oberer Mittelschicht setzt mit regierungs-
amtlicher Hilfe ein allein an der Renditeerwartung der
"Shareholder" orientiertes Modell der ökonomischen Mo-
dernisierung durch und betreibt mit Lohnsenkungen und
dem Abbau von Sozialleistungen zum einen, der Privati-
sierung öffentlichen Eigentums und immer neuen Steuer-
geschenken für Konzerne und Vermögende zm anderen eine
großangelgte Umverteilung des gesellschaftlichen Reich-
tums von unten nach oben.

Wer zum Globalisierungshammer werden will, muss einsehen,
dass Innovationsfähigkeit im Kopfe anfängt und künftig
alle gesellschaftlichen Bereiche, auch solche wie Bildung
oder Gesundheit im Licht ihrer "Standorttauglichkeit"
betrachten.
So sollten Universitäten nach ihrem Umbau zu einer "Wirt-
schaftsnahen Forschungslandschaft" keine Erkenntnisprozesse
mehr organisieren, sondern die Lieferung verwertungsgerecht
aufbereiteten "Humankapitals" besorgen und in den als
"Profitcenter" gegeneinander konkurrierenden Krankenhäusern
verkaufen als "Unternehmer" tätige Ärzte ihren früheren
Patienten, die dann Kunden heißen, die in Warenform erhältliche
Gesundheit.

Wer sich dem neoliberalen Diskurs entgegenstellt, auf Wider-
sprüche und herrschende Interessenlagen hinweist, besonders aber,
wer die Einkommen der Reichen und Superreichen thematisiert,
sieht sich indessen mit dem Kampfbegriff des Sozialneids kon-
froniert.
Dieser versucht normale Lebensansprüche, die für immer mehr
Menschen unerreichbar werden, mit der Aura des Anstößigen
zu versehen, während zugleich die Medien der "Besserverdienenden"
über deren neuen Spass am Luxus berichten.
Sozialneid ist die Abwehrfigur derer, die anderen Verzicht
predigen und sich dabei selbst die Taschen füllen.
Spekulanten und Rentiers, deren Dividenden z.B. mal aus der Produktion
von Lebensmitteln, mal der von Waffen resultiert.

Wer seinem Kind Gutes will, sieht ein, dass es keine Alternative
gibt zu seiner frühzeitigen Abrichtung zum Egomanen, der sich gegen
alle Konkurrenten zu behaupten versteht.

Sinnlose Produkte sind die Wahren Alternativen.
Hergestellt werden soll nicht einmal mehr eine Ware, sondern nur
noch die Illusion einer Ware: Visionen, Versprechen, Kultprodukte,
bei denen es typischerweise um die höchste Wertschöpfung geht.
Auf der einen Seite Massenarbeitslosigkeit und Finanzkrisen, auf
der anderen immer reichere Reiche.

Gewollt sind auch bindungslose Lohnvagabunden, die ihre Zelte überall
dort aufschlagen, wo ihnen kurzfristig wechselnde Verwertungsinteressen
die "Chance" vorübergehender Beschäftigung bieten.
Der internationale Konkurrenzdruck selbst um die "bad-jobs" wird
gnadenlos(...)
Wer Geld braucht, hat sich zu prostituieren, hat gefügig und den Herren
der Welt zu Willen zu sein, bereit sich anzubieten, sich mit Leib und
Seele zu verkaufen.

Geringe Ichbezogenheit, hohe Frustrationstoleranz, ehrerbietiges, also
(...) devotes Verhalten gegenüber Vorgesetzten.
Formierte Subjektivität ist hier schon Voraussetzung für den Antritt
einer Stelle. Die passende Verklausulierung liefert die Managment-
literatur, wo unterwürftiges, aber zugleich "kreatives", ehrerbietiges,
 aber zugleich "selbstorganisiertes" Personal gefordert wird.
Gehorsame Befehlsempfänger sind gefragt, die sich bei der Ausführung
ihrer Aufträge autonom wähnen - Menschen, die wollen, was sie sollen.

Da öffnen sich die "Berufsgefängnisse" zum lebenslangen Lernen.

Die neoliberale Normativität ist damit zugleich eine Programmatik
äußerster Entfremdung.
Thomas Gerlach