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Kritische Texte zur marxistischen Theorie

Er zerstörte die Arbeiterbewegung - Marx der Reaktionär - Die Irrlehre und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus -Pierre Ramus


Die Sozialdemokratie steht auf dem Boden der Lehren von Marx und bezeichnet stets ihre Anschauungen als die einzig richtigen, ihre Theorie als den wissenschaftlichen Sozialismus. Nun hat es mit dem Begriff "Wissenschaft" eine eigene Bewandtnis. Wir können oft sehen, daß vieles, was von einer wissenschaftlichen Richtung als neue Erkenntnis ausgegeben wird, in kurzer Zeit wieder durch eine andere Erklärung verdrängt wird, wir brauchen bloß an die verschiedenen Theorien über das Erdinnere, über die Entstehung der Weltkörper, über die Gesetze der Vererbung, über Evolution, Quantenphysik, über allgemeine und spezielle Relativitätstheorie u.a. denken. Im Grunde genommen können nur einige eng begrenzte Gebiete der exakten Forschung in der Astronomie, der Mathematik, der Quantenphysik, der Atomphysik, der Physik und Chemie allgemein, sowie einige allgemeine sogenannte Naturgesetze als Wissenschaft bezeichnet werden. Es ist aber weiter nichts wie eine eitle Anmaßung, Untersuchungen über das gesellschaftliche Leben der Menschen als eine Wissenschaft zu bezeichnen, besonders, wenn dies in rein abstrakter Form geschieht, wie es Marx getan hat. Die folgenden Ausführungen werden den Beweis dafür erbringen, daß alle Lehren von Marx nicht bloß unwissenschaftlich sondern sogar falsch sind. Es gibt nur einen Maßstab für die Erkenntnis der Wahrheit, das ist unsere Logik, d.h. wir dürfen nur soweit etwas als wahr anerkennen, wie wir in dem Sein oder Geschehen Ursache und Wirkung feststellen können. Von dem Standpunkt aus könnte man vielmehr die Weltanschauung des Syndikalismus die sich u.a. auf den Lehren von Bakunin und Kropotkin aufbaut, als eine wissenschaftliche bezeichnen, weil diese überall bestrebt ist, Ursache und Wirkung zu ergründen und möglichst viel vom wirklichen Leben zu wissen. Wir müssen aber diese wissenschaftliche Bezeichnung trotzdem ablehnen, weil wir der Ansicht sind, dass es im gesellschaftlichen Leben keine zwangsläufige Entwicklung von Ursache und Wirkung gibt, da beides stetig beeinflusst wird einerseits von dem geistigen Wollen und Können der einzelnen Menschen, andererseits dieses wieder von den gesellschaftlichen Verhältnissen. 


Aber keine Wirkung ohne Ursache. So ist auch der Zusammenbruch und Verrat der Sozialdemokratie am 1. August 1914 kein Zufall, nicht etwa auf das Versagen von einzelnen Personen zurückzuführen, sondern die Wirkung von dem Inhalt des Marxismus, dem Wesen der Sozialdemokratie. Es ist zwar unzweifelhaft, dass die an der Spitze der Sozialdemokratie stehenden Personen weder in ihren ethischen Charaktereigenschaften noch in ihrem Vermögen an Wissen echtes Freiheitsgefühl und Liebe zur Sache des Volkes empfinden. Sie sind Politiker, und das sind immer Menschen, die dem ideallosen Eigennutz auf Kosten der Volksinteressen fronen. Menschen die in der Betörung des Volkes ihren Erwerb finden. Es haben aber nicht bloß die Führer versagt, sondern auch die Massen, die Geführten. Es muss auch anerkannt werden, dass nicht alle Verbrechen bewusst begangen sind, sondern dass die meisten Anhänger der Sozialdemokratie in gutem Glauben gehandelt haben. Dass aber alle reaktionär handelten, liegt an den Prinzipien des Marxismus. 


1. den falschen Lehren vom Staatssozialismus und Staatsdiktatur,


2. an den verfehlten Methoden der parlamentarischen Politik und des Zentralismus, 


3. an der sinnlosen Taktik der bürgerlichen Demokratie und der militärischen Disziplin.


Es wäre verkehrt, anzunehmen, die Sozialdemokratie wird allmählich verschwinden. Sie wird solange sein, wie es Kapitalismus geben wird. Weil, solange Staat und Kapitalismus existieren, es auch immer Menschen geben wird, die den bestehenden Zustand der Gewalt und des wirtschaftlichen Raubes nicht überwinden wollen, sondern sich ihm nur anpassen, in demselben nur so leidlich wie möglich auskommen wollen. Sie wollen diesen Zustand bloß verändern, ihn aber nicht abschaffen. Die Sozialdemokratie ist eben nur Parteibewegung und keine Kulturbewegung. Sie lebt durch den Kapitalismus, ist Fleisch von seinem Fleisch und stirbt erst mit dem Absterben des Sozialismus selbst. Aber in einer Hinsicht wird die Sozialdemokratie schon viel früher aufhören müssen zu sein, nämlich als Ideen-Organisation, die eine angeblich wissenschaftliche Grundlage besitzt, die angeblich wahre Ideale vertritt! Nun splittern zwar fortgesetzt Teile von der Sozialdemokratie ab, weil sie die Taktik derselben für verderblich erkennen, alle diese Gruppen bleiben aber, abgesehen von einzelnen Personen, die zu uns stoßen, trotzdem unter dem Geistesbann ihrer Ideen. Diese Gruppen müssen gewarnt werden, es muss ihnen der richtige Weg gezeigt werden.


Der Weg zur Vereinigung des Proletariats auf frei sozialistischem Boden wird erst gegeben sein, wenn die marxistischen Ideen überwunden sind, wenn dieselben als nutz- und sinnlose Demagogie, als eine Art weltliche, politisch hinterhältige, verschlagene Theologie erkannt werden!

Alle sozialistischen Schulen von Mitte des 18. bis Mitte des 19.Jahrhunderts knüpften an den bereits im 16. Jahrhundert von Thomas Campanello aufgestellten Fundamentalsatz an:

"Alle Übel entspringen den zwei Gegensätzen des Reichtums und der Armut." Alle sozialistischen Denker bis vor Marx verwarfen die bürgerliche Philosophie und Theologie. Marx dagegen ging von der hegelianischen, historischen Betrachtungsweise aus, die besagte: „daß alles in unserer Gesellschaftsorganisation, also auch das Schlechte, alle Niederträchtigkeiten und Gewalttätigkeiten, etwas historisch bedingtes“ seien, etwas notwendiges und zwar so, daß sie deshalb historisch bedingt „seien, weil sie in der Vergangenheit und Gegenwart die Macht und Gewalt“ zu ihrer Aufrechterhaltung besitzen. Es ist nun selbstverständlich, daß bei dieser Annahme sofort die Frage auftaucht, wer denn nun ursächlich diese historischen Notwendigkeiten bestimmt, daß sie gerade diese oder jene Resultate zeitigten ? Auf diese Frage ist aber nur eine theologische Antwort möglich. Darum führte diese Auffassung Hegels zur Anerkennung eines Gottesbegriffs, zur Anerkennung der Autorität und Herrschaft des Gottesgnadentums und der Kirche, überhaupt aller Gewaltmächte des Staates, und zu der Anerkennung des Rechtes ihrer Existenz.

Diese Auffassung ist offen reaktionär, weil darin die beste Entschuldigung und Begründung des kapitalistischen Systems liegt. Der Hegelianismus erkennt das Bestehende an und rechtfertigt es. Sein Hauptgrundsatz lautet: "Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist das ist vernünftig!"

Da die wahre Wissenschaft voraussetzungslos sein muß, ergibt sich schon aus dieser Voreingenommenheit, das Bestehende ohne weiteres als vernünftig und gegeben anzuerkennen, die Wissenschaftslosigkeit des Hegelianismus und damit auch seiner wirtschaftlichen Spielart des Marxismus.

In solchen Sophistereien erblickte die Reaktion des preußischen Staates von 47-48 die beste Philosophie, sie ernannte daher Hegel zum Professor der Philosophie, als welcher er dann bis zu seinem Tode der Reaktion vortreffliche Dienste leistete. Das Reaktionäre der Hegelschen Denkweise tritt besonders hervor, wenn man die Gedankengänge des derzeitigen französischen Zeitgeistes von Männern wie Rousseau u. a. dagegen hält, die ungefähr sagten: „daß das Vernunftgemäße der Erkenntnis des Menschen das Wirkliche seines sozialen Zustandes zu ersetzen habe - und daß das Produkt blinder Geschichtsmächte der Gewalt, deren Vergangenheit noch in die Gegenwart hineinragt und zur Zukunft zu werden strebt, als unvernünftig zu verdammen ist.“

Marx hat nun lediglich die reaktionären Anschauungen Hegels umgedreht, wobei er aber zu demselben Resultat kommen mußte. Während Hegel das Geistige als das einzige absolute Einheitsmotiv im All und der Menschheit hielt, erklärte Marx das Materielle als das Wesentliche des Geschehens und sozialen Geschichtsprozesses.

Nach Marx besteht das Leben der Menschheit aus einem Bau von Lebensprozessen, In denen die einen den anderen über- und untergeordnet sind. Nach Marx bildet die Ökonomie die Grundlage der Gesellschaft, während das gesamte geistige Leben nur eine Art Überbau ist. Das Studium der Natur und Gesellschaft lehrt uns dagegen, daß alle Lebensvorgänge einander neben- und gleichgeordnet sind! Sie stehen und wirken zugleich miteinander. Alle Individuen werden von diesem Einfluß erfasst, bloß in verschiedener Art, und ist es nun ungemein schwer zu bestimmen, ob geistige oder materielle Faktoren einen bestimmenden Einfluß ausüben. Es besteht eine dauernde Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Faktoren. Zwar hat sich nie ein geistigcr Prozeß außerhalb der Materie des Alls abgespielt, es ist aber doch positiv richtig, daß es gewaltige, bedeutende Ereignisse gegeben hat, die ganz unabhängig von der Produktionsweise, mindestens ohne bedeutenden Einfluß derselben sich abspielten und vollzogen.

Der Marxismus basiert auf der Theorie des Hegelianismus, daß dauernd ein Wechsel der Dinge und Verhältnisse in der Weise stattfindet, daß die These, das Bestehende in das Gegenteil, in die Antithese umschlägt, aus welcher Form dann die Synthese, eine Vereinigungsform der beiden ersten, hervorgeht, worauf dann die Entwickelung wieder bei der ersten Form von vorn anfängt. Diese Theorie ist lediglich eine komische Gedankenkonstruktion, ein Hirngespinst. Die Naturwissenschaft und die Geschichte beweisen uns daß sie falsch ist. Die Naturwissenschaft lehrt uns, daß ins niederen Arten sich langsam höhere entwickeln, noch nie ist aber eine Art in ihr Gegenteil umgeschlagen, nie wird aus einem Löwen ein lammfrommes Schaf, nie aus einem Wolf eine gutmütige Ziege. So wird auch niemals der Kapitalismus von selbst in sein Gegenteil, den Sozialismus umschlagen. Jede Produktionsweise beruht ursächlich auf Mathematik, Geometrie, kurz, allgemeiner Technik. Diese beruhen aber auf den geistigen Fähigkeiten des Menschen. Im Anfang jeder Produktion steht also die Geisteskraft des Menschen. Zuerst mußte der Mensch die Werkzeuge erfinden und herstellen Die Werkzeuge konnten also erst nach ihrem Bestehen den Menschen bedingt beeinflussen. Hiermit ist die Wechselwirkung zwischen Welt und Wille bewiesen.

Die Marx-Hegelsche Theorie von der These-Antithese-Synthese ist geeignet, die Menschen auf die Selbstentwickelung zu vertrösten, ihnen den Willen zur Tat zu rauben, was auch geschehen ist. Darum wirkt sie reaktionär! Ihren Ausdruck haben die reaktionären Theorien in dem „Kommunistischen Manifest“ und im „Kapital“ gefunden.

II. Das kommunistische Manifest

Das kommunistische Manifest ist gleichsam das Evangelium des Sozialdemokraten; er hält es für den Inbegriff aller Weisheit und ist von seinem revolutionären Inhalt überzeugt Diese Ansicht hält aber einer kritischen Prüfung nicht Stand und beweist nur, dass alle diese auf das kommunistische Manifest schwörenden Sozialdemokraten die Begriffe reaktionär und revolutionär nicht unterscheiden können.

Zunächst ist zu bemerken, dass das kommunistische Manifest keine Originalarbeit von Marx-Engel ist, sondern dem Inhalt und der Form nach ein Plagiat an dem französischen Fourieristen Victor Considerant. Marx und Engels haben sich die Gedankengänge des letzteren zu eigen gemacht und dessen Anschauungen in der ihnen eigentümlichen Form zum Ausdruck gebracht. Es ist aber die knappste und übersichtlichste Zusammenfassung des Marxismus.

Im ersten Teil der Broschüre wird die kapitalistische Gesellschaft in Bourgeois und Proletarier geteilt und diese Teilung als das Resultat von Klassenkämpfen geschildert. Bemerkenswert ist dabei der Umstand, dass reichlich die Hälfte des ersten Kapitels eigentlich weiter nichts bringt, als eine Lobpreisung und Bewunderung der großen Errungenschaften, die der Kapitalismus gebracht haben soll! So wird rühmend hervorgehoben, daß die Städte das flache Land unterworfen haben. Das ist falsch, denn gerade heute können wir es wieder besonders stark empfinden, daß umgekehrt die Städte vollkommen abhängig vom Lande sind. Weiter wird lobend erwähnt, daß der Kapitalismus einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen habe. Das ist wiederum falsch, denn der Idiotismus des proletarischen Fabriksklaven in der Stadt ist nicht geringer als derjenige des armen Landarbeiters. Und umgekehrt ist die Borniertheit eines Industrie- oder Handelsbourgeois in der Stadt nicht größer als diejenige eines Krautjunkers auf dem Lande. Natürlicherweise ist das Landleben dem Großstadtleben vorzuziehen und darum der durch den Kapitalismus hervorgerufene jetzige Zustand zu bedauern statt zu verherrlichen. Dann heißt es wörtlich: „wie die Bourgeosie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient von dem Okzident abhängig gemacht!“

Hierin liegt offen eine Rechtfertigung der imperialistischen Politik der kapitalistischen Staaten. Der fünfjährige Krieg hat uns erneut und blitzartig bewiesen, daß die sogenannten zivilisierten Völker an Barbarei überhaupt nicht zu übertreffen sind. Das Umgekehrte, was Marx sagt, ist richtig, der Kapitalismus hat die Menschheit in entsetzlicher Weise vertiert, er droht bei Weiterbestand die letzten Reste der guten natürlichen Veranlagung der Menschen, die gegenseitige Hilfe, die freie Solidarität völlig zu vernichten. Bei den Naturvölkern sind diese für den Sozialismus notwendigen Eigenschaften weit besser ausgebildet. Alle Anschauungen von Marx sind reaktionär im höchsten Maße.

Der verhältnismäßig beste Teil des Kommunistischen Manifests ist der zweite, aber nicht etwa deswegen, weil er den Aufbau des Kommunismus schildert, davon ist im ganzen Manifest kein Sterbenswörtlein enthalten. Es werden aber in demselben, mit guten Argumenten wie anerkannt werden muß, die verschiedenen Redensarten der bürgerlichen u. kapitalistischen Klopffechter gegen den Kommunismus abgewiesen. Das ist aber auch alles. Nirgends wird dagegen Weg und Ziel angedeutet.

Zunächst wird gesagt, daß der nächste Zweck der Kommunisten sei: Bildung des Proletariats zur Klasse, (war also vorher doch noch keine Klasse), Sturz der Bourgeoisherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. Später heißt es dagegen, daß die „kommunistische Revolution das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen“ ist. Aber anstatt nun weiter auszuführen, was dies bedeute, wird ganz unvermittelt wieder erzählt, das der erste Schritt zur Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die „Erkämpfung der Demokratie“ sei. Erstens bedeutet die Anwendung der Demokratie die Benutzung eines bisher bürgerlichen Mittels, zweitens lehrt uns aber auch die Geschichte früherer Revolutionen und die Erfahrungen unter der deutschen sozialdemokratischen Regierung haben es uns bestätigt, daß die Anerkennung der Demokratie nach einer Revolution stets zur Abdankung derselben führt. Also nur ein Wust von Unklarheiten. Widersinnigkeiten und Selbstverneinungen ist in diesen einzigen richtunggebenden Sätzen enthalten, dagegen keine Spur von Kommunismus. Das ist verständlich, denn der „Kommunismus“, wie ihn Marx-Engels auffassen, ist gar kein Kommunismus, sondern Staatssozialismus, oder besser gesagt, Staatskollektivismus.

Während heute die Warenproduzenten in dem Gebrauch der Produktionsinstrumente abhängig sind von den Privatkapitalisten, wäre im Marx-Engels-Staate dieser, der Staat, die Macht, die über Leben und Tod des Volkes zu gebieten hätte. Das Proletariat bliebe Proletariat, denn nach wie vor wäre es nicht im Besitze der Produktionsmittel. Das Kommunistische Manifest nimmt an, daß der Staat nach und nach „absterben“, sich selbst auflösen wird. Diese Annahme steht aber gegen alle Erfahrungen in Natur und Gesellschaft. Nie schlägt eine Art in ihr Gegenteil um, darum wird auch nie aus dem Staat - einem Unterdrückungs - und Ausbeutungsmittel - eine Gesellschaft von Freien werden. Noch nie hat ein Staat Selbstmord verübt! Er wird sich vielmehr immer mehr zum Macht- und Unterdrückungsfaktor ausbilden! Tausend Beweise können dafür erbracht werden, daß jede Staatsform mit ungeheurer Zähigkeit für ihre Aufrechterhaltung kämpft und gegen ihre Abschaffung. Auch der Noskewismus und Bolschewismus haben alle ministeriellen, politischen und juristischen Ämter genau so bekleidet und gemißbraucht, wie jede andere Staatsform. Die Partei- und Gewerkschaftsbonzen sind die Staatsgewaltigen, die Diktatoren, im sozialistischen Staate. Sie bilden aber schon in der Gegenwart, unter der kapitalistischen Form, eine Klasse für sich, die gegen die Interessen des Proletariats arbeitet, seinen Elan wenigstens dauernd hemmt - das geben sie selbst zu! Sie werden also auch totsicher in der staatssozialistischen Wirtschaft nicht für das „Absterben des Staates“ tätig sein, daß ihnen endgültig ihre Vorrechts- und Herrschaftsposten nehmen würde!

Schließlich werden im kommunistischen Manifest einige Maßregeln zur Anwendung empfohlen, die aber durchweg reaktionär sind, u.a.:

  1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben. Davon hätten die hungernden Proletarier nichts - sie sollen für Bearbeitung des Bodens Grundrente entrichten zur Bestreitung der hohen Staatsausgaben.
  2. Starke progressive Steuer. Also Geld- und Steuersysteme sollen beibehalten werden, was zwar kapitalistisch, aber nicht sozialistisch ist.
  3. Abschaffung des Erbrechts zugunsten des Staates! Also alles für den Moloch Staat, nichts für das Volk
  4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen. Wer also nicht mit den Maßnahmen der Staatsdiktatoren einverstanden ist, wird seines Eigentums beraubt, natürlich zugunsten des Staates!
  5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates durch eine Nationalbank mit ausschließlichem Monopol. In der sozialistischen Gesellschaft sind keine Banken nötig, nur in der kapitalistischen! Aber auch dort ist das Monopol das größte Übel! Monopol ist das Gegenteil von Gemeinwirtschaft, Sozialismus.
  6. Zentralisation des Transportwesens ! Die volksfeindlichen Wirkungen dieses Systems haben Arbeiter und Publikum zur Genüge bei der Eisenbahn und Post kennen gelernt - und lernen es täglich mehr kennen.
  7. Arbeitszwang für alle durch Errichtung von industriellen und landwirtschaftlichen Armeen. Also Militarisierung des gesamten wirtschaftlichen Lebens.


Es würde also nach dem kommunistischen Manifest in dem sozialistischen Staate so aussehen: Sie, die er wählten Führer, befehlen, herrschen, sind aber frei von produktiver Arbeit, die Massen arbeiten auf Befehl, unter Waffengewalt, ähnlich wie dies heute schon in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kasernen und Klöstern der Fall ist. Diese reaktionären Ideen sind nicht einmal neu und originell! Die Bewirtschaftung der Latifundien durch riesige Sklavenhorden war schon im alten Rom über drei Jahrhunderte vor Christi die vorherrschende landwirtschaftliche Betätigung des verruchten Großgrundbesitzes! Also ein Zurückschrauben auf vorgeschichtliche, entsetzliche Zustände würde der Marxismus bedeuten, und wie damals Rom an diesen Zuständen zugrunde gehen mußte, würde die Einführung dieses Systems nur eine Versklavung der Menschheit und aufs neue den Untergang bedeuten.

Im ganzen Kommunistischen Manifest ist kein Wort über die Aufhebung des Lohnsystems enthalten, Marx-Engels berühren die Frage des Entgelts der menschlichen Arbeitsleistung überhaupt nicht. Dies ist wieder erklärlich, weil sie bei Untersuchung dieser Frage nur zu zwei Möglichkeiten gekommen wären, die ihnen beide nicht paßten. Entweder findet nämlich die Entlohnung nach der Arbeitsleistung statt. Das ginge nicht, weil ein Staat den Produzenten nie den vollen Ertrag ihrer Arbeit gewähren kann, da er einen großen Teil des Arbeitsertrages zu seiner Aufrechterhaltung eintreiben muß. Oder alle Gesellschaftsmitglieder erhalten Nahrung, Kleidung und Notdurft nach ihren Bedürfnissen, was Kommunismus wäre. lm letzteren Falle ist aber der Zwangsstaat ein Unding, denn ohne ökonomische Zwangsmittel, also ohne Hungerandrohung oder dergl. könnte kein kommunistischer Staat seinen Willen gegen widerspenstige Minoritäten durchsetzen. Kann er dies aber tun, so hört er auf, kommunistisch zu sein und ist wieder Gegenwartsstaat mit Ausbeutung. Um diese Tatsachen nicht klarzustellen, mussten Marx-Engels darüber schweigen und alles dem Laufe der Entwicklung überlassen! So sehen wir, daß Marx-Engels in dem Kommunistischen Manifest einen gefälschten Kommunismus für den echten unterschoben haben. Da die kommunistischen Ideen damals immer mehr an Verbreitung gewannen, versahen Marx-Engels ihre reaktionären staatskapitalistischen Ideen mit der falschmünzerischen Überschrift: „Kommunistischen Manifest!“ Dadurch, daß die Sozialdemokratie diese Ideen angenommen hat, ist der wahre Kommunismus bei den deutschen Arbeitern in Vergessenheit geraten, und erweist sich jetzt die notwendige Umbildung der kapitalistischen Wirtschaft in die kommunistische als so ungeheuer schwierig.

III. Das Kapital

„Das Kapital“ gilt allgemein als die Bibel des waschechten Sozialdemokraten und nicht mit Unrecht, denn es ist dickleibig, schwer verständlich und läßt sich ebenso nach allen möglichen Richtungen auslegen; es ist auch stark dogmatisch und ebenso unwissenschaftlich. Marx benennt es "Kritik der politischen Ökonomie", womit er die Methode der Engländer befolgt die die in Deutschland übliche Bezeichnung „Nationalökonomie“ vermeiden. Schon in dem Worte liegt nämlich ein großer Schwindel, es handelt sich bei dieser Ökonomie nicht, wie man mit dem Wort den Anschein zu erwecken sucht, um die Interessen des gesamten Volkes, sondern um diejenigen einer kleinen privilegierten Minderheit, einer politischen Clique. Die Nationalökonomie ist als Rechtfertigungsversuch des kapitalistischen Ausbeutungssystems zu betrachten. Während der Kommunismus sämtliche Grundelemente der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer produktiv materiellen Existenzform und Bedingungen verneint, erklärt die Nationalökonomie dieselben, rechtfertigt sie und ist von diesem Standpunkte ausgehend bestrebt, sie systematisch auszubilden.

Darin besteht die geistige Tätigkeit aller Nationalökonomen, sie sind so gewissermaßen die Buchführer des herrschenden Systems mit all seinen gefälschten Haben- und Soll-Seiten. Stellt der Marxismus schon einen gewaltigen Hemmschuh in der Entwicklung des Sozialismus dar, indem er diesen auf das kulturwidrige Niveau der Autorität und Gewalt der Staatsdiktatur niederdrückt, so weist er einen vielleicht noch größeren Rückschrittsmoment darin auf, daß er anstatt die Überwindung jeglicher Nationalökonomie des Kapitalismus durch den Kommunismus zu betonen, die Einverleibung des Kommunismus in die Nationalökonomie bewerkstelligt hat. Auf diese Art hat Marx den sozialen Befreiungsgedanken auf den Kaufmannsjargon des kapitalistischen Kommerzialismus, auf dessen Spekulation und Gründe gestützt. Man kann zwar zugeben, daß es oft richtig ist, den Gegner im eigenen Lager aufzusuchen und ihn dort zu schlagen, das hat Marx auch getan, er ist aber dabei in der Nationalökonomie stecken geblieben. Seine Lehren beschränken sich auf Reformen vom Standpunkt der Nationalökonomie gegenüber den bisherigen gedankenlosen Koryphäen auf diesem Gebiete. Das war aber schon lange vor Marx von anderen Gelehrten geschehen und daher nichts neues. Marx hat nicht angeknüpft an die bereits vorhandenen großen Gedankenarbeiten vieler Sozialisten, er war und blieb bloß ein großer Nationalökonom. Der bereits vorhandene Kommunismus hatte die bürgerliche Nationalökonomie bereits vor Marx widerlegt, es war dies vornehmlich geschehen durch Proudhon und Fourier. Wichtig wäre damals die Weiterentwicklung der vorhandenen kommunistischen Ideen gewesen, dieses aber hat Marx gründlich unterlassen, diese Tätigkeit übte allein Bakunin aus, der dafür von Marx auf das entschiedenste bekämpft wurde.

Marx unterläßt es im „Kapital“, auf die Vorbedingungen der Entstehung des Geldbegriffes einzugehen, er rechnet einfach schlechthin mit diesem Begriff. Bei dieser Methode brauchte er natürlich nicht zu der Grundlage kommen, dass zunächst die Herrschaftsinstitutionen und die Monopole einzelner die Vorbedingungen der Entstehung des Kapitals sind.

Nach Marx besitzt die kapitalistische Klasse schon dadurch, dass sie im Besitze der Produktionsmittel ist, die Möglichkeit einer Ausbeutungs- und Versklavungsfunktion. Dies aber ist zu kurzsichtig gedacht! Der Besitz allein würde nicht genügen, wenn nicht eine Macht da wäre, die dem Kapitalisten seinen ungeheuerlichen Eigentumsanspruch garantiert; erst dadurch, dass es innerhalb der Gesellschaft eine Macht- und Gewaltorganisation gibt - den Staat - , kann die Ausbeutung durch den Besitz an Produktionsmitteln stattfinden. Erst diese Gewaltinstitution schafft Zustände, die im Altertum die Sklaverei, im Mittelalter die Leibeigenschaft, in der Neuzeit die Lohnhörigkeit ermöglichte. Alles dies sind Ausbeutungsformen, nur verschiedener Art, die ersteren keine kapitalistischen. Aber alles dies geht Marx nichts an. Bei ihm beginnt die Ausbeutung erst beim Produktionsprozess. Vorher huldigt er der falschen Auffassung, dass der Arbeiter im Verkauf seiner Ware Arbeitskraft frei sei. Diese falsche Auffassung erklärt es, daß Marx und die Marxisten eine so verkehrte Ansicht von der Freiheit haben. Wir wissen, daß der Arbeiter dem Unternehmer gegenüber nicht frei, nicht ebenbürtig ist, sondern daß er von Geburt an zu dem wirtschaftlichen Sklaven der Hungerpeitsche gemacht wurde. Er muß seine Ware Arbeitskraft zwangsweise verkaufen. Hier liegt ein fundamentaler Irrtum der marxistischen Ideen klar zutage.

Die Grundlehre des „Kapital“ bildet „die Werttheorie“. Marx behauptet mit derselben, daß das Maß der menschlichen Arbeit den Wert aller Dinge bestimme. Dabei übersah Marx zunächst, daß bereits vor Beginn der Arbeit die Herstellungs- und Erlangungskosten der Erlaubnis zu der Produktion vom Kapital erworben werden müssen, und daß in allen Dingen der Wert einer großen Vorarbeit vergangener Geschlechter mit enthalten ist. An einigen Beispielen kann man leicht erkennen, wie falsch die Werttheorie ist. Ein Stück Land wird nicht dadurch wertlos, daß es brachliegt, also keine menschliche Arbeit in demselben verkörpert wird. Oft ist vielmehr ein Stück unbebautes Land weit teurer im Werte als ein anderes gleich großes Stück bebautes Land in anderer Stelle. Hier spielten die örtlichen Verhältnisse, die kapitalistische Spekulation, die entscheidende Rolle. Dinge oder Gegenstände haben oft einen umso höheren Wert, je seltener sie sind. So wäre Kaviar nicht teurer wie Heringsrogen, wenn lediglich die in denselben enthaltene menschliche Arbeit den Wert bestimmen würde. Die Herstellung eines künstlichen Schmucksteines macht meistens mehr Arbeit als das Schleifen eines Edelsteins, und doch ist der echte Stein unvergleichlich wertvoller, als der künstliche. Heute kann man täglich beobachten, wie wenig in der kapitalistischen Wirtschaft der Wert einer Ware in irgendwelcher Beziehung zu der in derselben enthaltenen Arbeit steht. So konnte man kürzlich lesen, daß für einen gefällten gewöhnlichen Baum ein Preis von rund 9000 Mk., für einen Eichenbaum dagegen 12000 Mk. bezahlt wurden, trotzdem erstens mal für das Fällen und Behauen beider Bäume ungefähr die gleiche Arbeit notwendig war, zweitens aber nur wenige Mann nur einige Stunden mit dem Fällen und Zurechtmachen zu tun hatten. Der Wert der in dem Baumholz enthaltenen menschlichen Arbeit beträgt also höchstens einige hundert Mark, aber die kapitalistische Spekulation bezahlt in der Praxis einen weit höheren Wert. Der Wert einer Ware wird auch beeinflusst durch die Austauschverhältnisse, nicht bloß durch die Produktionsverhältnisse, wie Marx es annimmt. Weiter lässt sich die geistige Arbeit nie messen, speziell nie in einer Ware das Maß der darin enthaltenen geistigen Arbeit bestimmen. Keine einzige Ware wird vom Kapitalisten gekauft oder verkauft laut der in ihr vergegenständlichten Arbeit, sondern ausschließlich nach den zu ihrer Herstellung nötigen Kosten samt Gewinn, so dass in Wirklichkeit ausschließlich der Preis den einzigen realen Wert einer Sache bildet, alles übrige, was Marx in ihr hineindichtete, in der realen Wirklichkeit keinen Bestand besitzt.

Die Marxsche Behauptung, dass die Arbeit den Wert aller Dinge bestimme, ist aber ein schmeichelhaftes Zugeständnis an den Kapitalismus, dem er dadurch im Grunde genommen einen kommunistischen Inhalt verleihen will. Denn wenn die gesellschaftliche Arbeit den Gradmesser für den Wert aller Waren bildet, dann ist der Wert berechtigt und für alle Gesellschaftsmitglieder gleich. Die Marxsche Wertlehre ist somit geeignet, der kapitalistischen Ideologie zu dienen, der Ausbeutung ein Entschuldigungsmäntelchen umzuhängen.

Das verkehrteste ist nun aber, daß Marx seinen Wertbegriff auch auf die staatssozialistische Gesellschaft übertragen wollte. Für den Kommunismus sind die Marxschen Ausführungen über den Wert absolut nutzlos und sogar zweckwidrig. Sämtliche Wertbegriffe, wie wir sie heute kennen, sind samt und sonders kapitalistische Begriffe. Luft, Sonnenlicht, Regen, Erdfeuchtigkeit, Humus, kurz, viele der wichtigsten Produktionsfaktoren sind, weil sie nicht monopolisiert werden konnten, heute kapitalistisch wertlos. Und doch sind sie von höchstem wirklichen Wert für die Gesellschaft. So verhält es sich in einer kommunistischen Gesellschaft mit allen Gegenständen des Lebens und der Erzeugung, weil jede Monopolwirtschaft beseitigt und die ungehemmte Produktionsfreiheit aller gesichert ist. Mit dem Aufhören des Eigentumsbegriffes an Produktionsmitteln hört auch jeder Wertbegriff für den einzelnen auf.

Wenn man das Unrecht der kapitalistischen Ausbeutung nachweisen will, braucht man dazu nicht die falsche und schädliche Gedankenspielerei der Marxschen Werttheorie! Die einfache Tatsache, dass jedwedes Produkt um einen weit höheren Preis verkauft wird, als sein wahrer Produzent dafür bekam, ist doch wohl eine genügend klare Bemessung der Ausbeutung und des Betrugsumfanges, denen der Proletarier unterliegt.

Aus der irrigen Wertlehre folgen nun alle anderen Irrlehren des Marxismus.

IV. Mehrwert-Lehre

Mit dieser Theorie kommen wir zu der wichtigsten Seite des Marxismus. Mit ihr glaubte Marx das Geheimnis der kapitalistischen Ausbeutung entdeckt zu haben. Inzwischen haben die bürgerlichen Nationalökonomen diese Mehrwert-Lehre längst widerlegt, indem sie den Nachweis (natürlich vom kapitalistischen Standpunkt aus) erbrachten, daß der Mehrwert berechtigt sei, weil er einen Entgelt für die Unternehmerarbeit, für die Hergabe des Kapitals und für das Risiko darstellt.

Marx ging bei dieser Theorie wieder nur von der Industrie aus; er sah darin, dass sich der Arbeiter für einen Tagelohn verdingen muss, noch kein Unrecht. Der Unternehmer entlässt nun aber den Arbeiter nicht nach 5 oder 6 Stunden, wenn er für den Betrag des Tagelohnes Werte geschaffen hat, sondern beschäftigt ihn länger, 10 bis 12 Stunden. Die Differenz ist der „Mehrwert“, den steckt der Unternehmer ein, und erst damit hat dann die Ausbeutung stattgefunden. Nach dieser Marxschen Theorie steigt die Ausbeutung bei verlängerter Dauer der Arbeitszeit. - Wir können diese ganze Gedankenkonstruktion nur als eine lächerliche Firlefanzerei bezeichnen, denn wir wissen, dass der Arbeiter von der ersten bis zur letzten Stunde der Arbeitszeit ausgebeutet wird. Nach der Marxschen Mehrwerts-Lehre hätte mit der Verkürzung der Arbeitszeit auch die Ausbeutung geringer werden müssen. Wir wissen aber, dass die Rentabilität des Kapitalismus nicht gesunken ist, trotzdem der Arbeitstag von der Arbeiterschaft dauernd heruntergedrückt worden ist; eher hat das Umgekehrte stattgefunden. Die Gewinne und Dividenden der Unternehmer sind dauernd größer geworden. Damit ist die ganze Mehrwert-Lehre schon als falsch bewiesen. Aus der falschen Theorie vom Mehrwert zieht Marx schließlich in seinem Kapitel die Folgerung, daß die Herbeiführung eines Normal-Arbeitstages das wichtigste erste Ziel der Arbeiterschaft sein müßte. Durch Beteiligung in den Parlamenten soll das Proletariat für Staatsgesetze eintreten, die einen Maximal-Arbeitstag festlegen. Durch solche allmählichen Verkürzungen der Arbeitszeit sollte der Mehrwert immer mehr verkleinert und so der Kapitalismus nach und nach abgetragen werden. Nur, die Arbeiterschaft hat glücklicherweise nicht auf die ihm von Marx empfohlene gesetzliche Normierung der Arbeitszeit gewartet, sondern diese selbst durch dauernde Anwendung der direkten Aktion in die Hand genommen. Marx hat aber auch im Kapital selber zugeben müssen, dass alle Gesetze in England entweder ohnmächtig waren oder Verschlechterungen für die Arbeiter brachten, dass nur immer die Arbeiter selber durch irgendwelche direkten Aktionen sich Verbesserungen verschaffen konnten. Wir Syndikalisten wissen, dass der Mehrwert-Betrug nicht die einzige Form der Ausbeutung darstellt, sondern dass das Proletariat auch als Konsument durch Handel, Verkehr, Hausbesitz, Bodenwucher ausgebeutet wird, ebenso durch die verschiedenen Arten der Besteuerung durch den Staat. Marx übersieht auch, daß der Mehrwert erst durch Export realisiert werden muß, wodurch die Staaten zum Imperialismus gedrängt werden. Die Ausbeutung des Proletariats ist also mit der Mehrwert-Lehre nicht zu erklären, sie ist ebenso falsch, wie alle anderen Marxschen Theorien.

Die Zusammenbruchs-Theorie

Mit derselben behauptet Marx, daß der Kapitalismus an seinen eigenen Entwicklungsprodukten auf Grund feststehender ökonomischer Gesetze zugrunde geben müsse. Dies wäre nun zwar gut und schön, wenn es richtig wäre, es ist aber nicht richtig, sondern falsch. Eine solche Vertröstung ist aber geeignet, die Arbeiterschaft vom Klassenkampf abzuhalten, sie führt zum Fatalismus, und ist deshalb ein Verbrechen. Die Zusammenbruchstheorie zerfällt in zwei Hauptteile, der erste ist

Die Verelendungstheorie

Diese besagt, daß im Maße, wie sich der Kapitalismus weiterentwickelt, die Lage des Arbeiters sich immer mehr verschlechtern muß, und gleichzeitig die industrielle Reserve-Armee, also das Heer der Arbeitslosen, immer größer wird. Nach dieser Theorie hätte in den 50 bis 60 Jahren industrieller Entwickelung nach Marx die industrielle Reserve-Armee schon die Mehrheit des Volkes bilden müssen, in Wirklichkeit ist sie aber nicht größer geworden, ihre Zahl schwankt wellenförmig um einen bestimmten Prozentsatz. Marx übersah hierbei, dass der Kapitalismus ein Mittel in Anwendung bringt, wenn die Gefahr für ihn besteht daß das Heer der Arbeitslosen zu groß wird, nämlich den Krieg. Er ist das Mittel zur Verminderung der industriellen Reserve-Armee. Aber selbst wenn die Verelendungstheorie zuträfe, was aber, wie bewiesen, nicht der Fall ist, dann könnten diese Erscheinungen nie zum Sozialismus führen, sondern nur noch weiter hinweg von ihm. Ein in so hohem Maße verelendetes Proletariat könnte vielleicht einen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems herbeiführen, niemals aber den sozialistischen Aufbau vollziehen. Es ist also gut, daß auch diese Verelendungstheorie ein eingebildeter Spuk ist, übrigens widerspricht diese Theorie auch direkt den eigenen Ansichten von Marx über die Möglichkeit, vermittels eines gesetzlichen Normalarbeitstages die kapitalistische Ausbeutung mildern zu können.

Den zweiten Teil der Zusammenbruchstheorie bildet die Konzentrationstheorie

Nach ihr behauptet Marx, dass das Kapital sich in immer weniger Händen konzentriere, dass der Mittelstand nach und nach verschwindet, von den Kapitalisten aufgesogen werde, und daß schließlich die Kapitalistenklasse sich selbst untereinander immer mehr dezimiere. Aus dieser Konzentrationstheorie hat Marx auch seine zentralistischen Tendenzen für den sozialistischen Staat übernommen. Diese Tendenzen sind also ebenso verkehrt, wie die ganze Theorie. In logischer Folge seiner irrigen Ansichten erachtet Marx die Vernichtung aller Mittelklassen für eine Notwendigkeit, trotzdem er zugibt, daß diese Mittelklassen in der kapitalistischen Wirtschaft freier und besser leben als die Arbeiterklasse. Aus diesen Ansichten folgt weiter das häufige Eintreten der Sozialdemokratie in den Parlamenten zugunsten des Großkapitalismus, auch das Eintreten für den Weltkrieg ist letzten Endes auf den Irrwahn zurückzuführen, daß der Weltkrieg eine natürliche Etappe auf dem Wege der notwendigen Konzentration des Kapitals bedeute. So fürchterlich erweisen sich die Folgen der durchweg falschen Theorien von Marx. Das gerade Gegenteil trifft in Wirklichkeit zu: Der Mittelstand und die Kapitalisten vermehren sich dauernd, die Zahl der Ausbeuter verringert sich nicht, sondern steigt. In wunderbarer Weise hat dies der russische Gelehrte Tscherkeseff nachgewiesen, und zwar gerade für England, demselben Lande, aus welchem Marx seine ganzen „Wissenschaften“ geschöpft hatte.

Danach hatten in England im Jahre 1815 nur 39569 Personen ein Einkommen von über 3000 Mk., 1907 aber 568092, das heißt 14,3 mal soviel, während sich die Bevölkerung in dieser Zeit nur verdoppelt hatte. Kleinkapitalisten gab es 1907 16,8 mal soviel wie 1815, und Großkapitalisten 11,03 mal so viel. In allen Ländern vollzieht sich die Entwickelung in ähnlicher Form, so hat sich die Zahl der Millionäre in Preußen von 1895 bis 1911 von 5306 auf 9431 erhöht, interessant werden die Zahlen für die Kriegszeit sein, wenn wir sie erfahren sollten. In Amerika hat sich die Zahl der Millionäre seit Kriegsbeginn 1914 von 4000 auf 20000 erhöht. Mit diesen Tatsachen ist die Konzentrationstheorie widerlegt, und die Zusammenbruchstheorie von Marx tatsächlich zusammengebrochen.

Noch offenkundiger wird die Unwissenschaftlichkeit des Marxismus in bezug auf die Konzentrationstheorie dadurch, dass Marx bei allen seinen Untersuchungen die Agrikultur nicht berücksichtigt hat. Damit hat Marx gerade die Hauptseite der Wirtschaft ignoriert, aus dem Grunde schon wären alle seine Hypothesen null und nichtig, weit das industrielle Kapital nur eine sekundäre Erscheinung, die landwirtschaftliche Produktion aber die elementare Form jeglicher Produktion überhaupt ist. Zunächst muß doch mal der Mensch essen, also landwirtschaftliche Produkte haben, erst dann kann er weben, Maschinen bauen, produzieren. Und letzten Endes haben alle Mittel zur Produktion, wie Häuser, Maschinen, Rohprodukte, ihren Ursprung in der Landwirtschaft. Marx machte sich die Sache sehr einfach, er übertrug die angebliche kapitalistische Tendenz unbesehen auf die Landwirtschaft. In der Landwirtschaft tritt es aber noch viel klarer zutage wie in der Industrie, daß diese angebliche Tendenz eine Fabel ist. Die Entwickelung beweist uns nämlich, daß in der Landwirtschaft der Großbetrieb dauernd zurückgeht, während der Kleinbetrieb blüht und gedeiht, und zwar trifft dies für alle Länder in gleicher Weise zu.

So lehrt uns die Berufszählung für Deutschland vom Jahre 1907, daß die Zahl der Parzellen und Kleinbetriebe (also die unter 2 ha) seit 1895 um rund 142 000 gestiegen ist. Die der Kleinbauern (2-5 ha) verlor allerdings 10000, aber nur, indem der eigentliche Mittelstand des Bauerntums (5- 20 ha) um volle 67000 zunahm. Dagegen verloren die großbäuerlichen Betriebe (20-100 ha) fast 20000, und der Großgrundbesitz (über 100 ha) 1500, das heißt rund 6 Proz. aller in Deutschland vorhandenen Großgrundbesitzbetriebe. Diese tatsächliche Entwickelung von 12 Jahren, eine Entwickelung, die aller marxistischen Theorie ins Gesicht schlägt, vollzieht sich in derselben Weise weiter. In anderen Ländern, wie Ungarn, vollzieht sich eine gleiche Entwickelung in noch stärkerem Maße, überall in allen Ländern geht die Landwirtschaft zum Kleinbetrieb über. Wie rationell der Kleinbetrieb arbeitet, kann man an China sehen, wo der Boden unter alle Familien des riesigen Volkes ungefähr gleich aufgeteilt ist, dort ist Feldwirtschaft beinahe überflüssig geworden, es wird eine so rationelle Gartenkultur getrieben, daß 1 ha Land 10 Personen ernährt.

So schafft die ökonomische Entwickelung die Vorbedingungen jener Kultur der kommunistischen Zukunft, deren Grundzüge im Gartenbau und Gartenbewirtschaftung, in Verbindung mit unserer hohen elektro-maschinellen Technik ihren Ausdruck finden werden. Das erstrebenswerte Ziel ist ein freies selbständiges Land- und Industrievolk anstatt der marxistischen industriellen und landwirtschaftlichen Armeen.

Den letzten Teil der Zusammenbruchstheorie bildet die Krisentheorie

Die Voraussage von Marx, daß sich die ungefähr 10 jährigen Krisen der kapitalistischen Produktion immer häufiger und immer heftiger einstellen müßten, hat sich ebenfalls nicht erfüllt. Der Kapitalismus hat es vielmehr verstanden, durch Bildung von Kartellen und Trusten diese Krisenbildung zu verringern. Es trifft aber auch nicht zu, daß die jeweils einsetzenden Krisen das kapitalistische System schwächen, bis schließlich dadurch die ganze kapitalistische Produktionsweise unmöglich wird, sondern die Krisen erwiesen sich als Ereignisse, die die kapitalistischen Produktionsverhältnisse immer wieder regenerierten, wenn die Planlosigkeit in der kapitalistischen Produktion überhand genommen hatte. Wenn jetzt die kapitalistische Wirtschaft am Ende ihres Lateins angelangt ist, so vollzieht sich dies nicht in der von Marx vorgesehenen Form, sondern der Kapitalismus ist gerade umgekehrt bankerott geworden durch Mangel an Kapital, Rohstoffen, Überschuldung. Und nur in der Unmöglichkeit, das Lebensniveau der modernen Arbeiterschaft plötzlich gewaltig herunterzudrücken und große Massen widerstandslos zu verelenden, liegt der Triebfaktor für die Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Also jetzt hängt es doch wieder, entsprechend den Lehren Bakunins, von dem revolutionären Wollen und der Energie des Könnens des Proletariats ab, ob der Sozialismus Wirklichkeit wird.

Die Verneinung des Marxismus

Marx hat bei allen seinen Untersuchungen übersehen, daß zu allen Zeiten eine Gewaltseinrichtung den Unterschied zwischen Armut und Reichtum ermöglichte. So ist auch dem Kapitalismus unserer Zeit die Möglichkeit seiner Betätigung nur durch den modernen Staatsmechanismus verbürgt. Marx hat den Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft nicht erkannt, und deshalb ist der Marxismus im Lichte des Sozialismus schon reaktionär, weil er nicht auf eine Stärkung der Gesellschaft gegenüber dem Staate, sondern umgekehrt auf eine Machtlosmachung der Gesellschaft gegen die Allmacht des Staates hinausläuft. Sozialismus heißt aber Vergesellschaftung. Die Befreiung der Menschheit von Staat und Kapitalismus ist ausschließlich von der zunehmenden Intelligenz, dem reifenden Gerechtigkeitsgefühl dem wachsenden Menschheitsgefühl des Individuums und stärkeren Minoritätsgruppen zu erhoffen, die dem Staat und dem Kapitalismus sich, Ihren Geist und ihr Arbeitsschaffen nach Möglichkeit entziehen. Diese neuen Menschen müssen eine neue Gesellschaftsorganisation begründen helfen, die sich mit allen Mitteln energisch von dem Kapitalismus loslöst. Der Kommunismus wird nicht eine natürliche Folge der Akkumulation sein, wie Marx es behauptete, sondern nur sozialistisch wollende und in diesem Sinne konstruktiv bauende Menschen können den Kommunismus schaffen. Damit ist gleichzeitig die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Kampforganisatoren begründet, die gleichzeitig die Zellen für die neue Gesellschaft bilden müssen.

Um nun die Staatsherrschaft durch ein geeinigtes Proletariat überwinden und das Proletariat auf eine einheitliche wirtschaftliche Kampffront bringen zu können, ist zunächst die Überwindung der marxistischen Irrlehren die Voraussetzung hierzu. Der marxistische Staatssozialismus konnte nur seine Bedeutung erlangen auf Grund des preußischdeutschen Sieges1870 über Frankreich, wodurch der Staatszentralismus in seinem schärfsten Ausdruck sich anscheinend als die überlegene und siegreiche Form der Organisation erwiesen hatte. Dieser Schein ist jetzt durch den Zusammenbruch des preußischen Militarismus als ein Trugschluß offenbar geworden und damit beginnt auch das Ende der Vorherrschaft des marxistischen Pseudo-Sozialismus. Die Arbeiterschaft wird wieder zu den Anschauungen der 1. Internationale, zu dem freiheitlichen Sozialismus zurückkehren, wie ihn Bakunin im Gegensatz zu Marx vertrat. Unsere Aufgabe ist es, diesen Prozeß möglichst zu beschleunigen. Dabei wird das dankenswerte Buch von Pierre Ramus unschätzbare Dienste leisten.

-Pierre Ramus

1927

Kritik des Marxismus (großer Teil von Horst Stowasser abgeschrieben, mit eigenen Zusätzen und Zusätzen von Pierre Ramus)


Die Kapitalsmusanalyse des Herrn Marx war zwar richtig (wenn auch nur vom Anarchisten Proudhon abgeschrieben) doch der Lösungsvorschlag der Marxisten sowie jede einzelne marxistische Theorie (Wert-Theorie, Geldtheorie, Mehrwert-Lehre,die Zusammenbruchs-Theorie, die Verelendungstheorie, die Konzentrationstheorie und die Krisentheorie sind nachgewiesenerweise komplett falsch und längst schon widerlegt, das genaue Gegenteil all dieser wirren Ideen war richtig- des weiteren beruhen Marx Werke auf  1. den falschen Lehren vom Staatssozialismus und Staatsdiktatur, 2. an den verfehlten Methoden der parlamentarischen Politik und des Zentralismus, 3. an der sinnlosen Taktik der bürgerlichen Demokratie und der militärischen Disziplin., die reaktionären Anschauungen Hegels, der Marxismus basiert auf der Theorie des Hegelianismus. Das kommunistische Manifest ist gleichsam das Evangelium des Sozialdemokraten; er hält es für den Inbegriff aller Weisheit und ist von seinem revolutionären Inhalt überzeugt Diese Ansicht hält aber einer kritischen Prüfung nicht Stand und beweist nur, dass alle diese auf das kommunistische Manifest schwörenden Sozialdemokraten die Begriffe reaktionär und revolutionär nicht unterscheiden können.Zunächst ist zu bemerken, dass das kommunistische Manifest keine Originalarbeit von Marx-Engel ist, sondern dem Inhalt und der Form nach ein Plagiat an dem französischen Fourieristen Victor Considerant. Marx und Engels haben sich die Gedankengänge des letzteren zu eigen gemacht und dessen Anschauungen in der ihnen eigentümlichen Form zum Ausdruck gebracht 

Schließlich werden im kommunistischen Manifest einige Maßregeln zur Anwendung empfohlen, die aber durchweg reaktionär sind, u.a.:

  1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben. Davon hätten die hungernden Proletarier nichts - sie sollen für Bearbeitung des Bodens Grundrente entrichten zur Bestreitung der hohen Staatsausgaben.
  2. Starke progressive Steuer. Also Geld- und Steuersysteme sollen beibehalten werden, was zwar kapitalistisch, aber nicht sozialistisch ist.
  3. Abschaffung des Erbrechts zugunsten des Staates! Also alles für den Moloch Staat, nichts für das Volk
  4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen. Wer also nicht mit den Maßnahmen der Staatsdiktatoren einverstanden ist, wird seines Eigentums beraubt, natürlich zugunsten des Staates!
  5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates durch eine Nationalbank mit ausschließlichem Monopol. In der sozialistischen Gesellschaft sind keine Banken nötig, nur in der kapitalistischen! Aber auch dort ist das Monopol das größte Übel! Monopol ist das Gegenteil von Gemeinwirtschaft, Sozialismus.
  6. Zentralisation des Transportwesens ! Die volksfeindlichen Wirkungen dieses Systems haben Arbeiter und Publikum zur Genüge bei der Eisenbahn und Post kennen gelernt - und lernen es täglich mehr kennen.
  7. Arbeitszwang für alle durch Errichtung von industriellen und landwirtschaftlichen Armeen. Also Militarisierung des gesamten wirtschaftlichen Lebens.


Es würde also nach dem kommunistischen Manifest in dem sozialistischen Staate so aussehen: Sie, die er wählten Führer, befehlen, herrschen, sind aber frei von produktiver Arbeit, die Massen arbeiten auf Befehl, unter Waffengewalt, ähnlich wie dies heute schon in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kasernen und Klöstern der Fall ist. Diese reaktionären Ideen sind nicht einmal neu und originell! Die Bewirtschaftung der Latifundien durch riesige Sklavenhorden war schon im alten Rom über drei Jahrhunderte vor Christi die vorherrschende landwirtschaftliche Betätigung des verruchten Großgrundbesitzes! Also ein Zurückschrauben auf vorgeschichtliche, entsetzliche Zustände würde der Marxismus bedeuten, und wie damals Rom an diesen Zuständen zugrunde gehen mußte, würde die Einführung dieses Systems nur eine Versklavung der Menschheit und aufs neue den Untergang bedeuten.

Im ganzen Kommunistischen Manifest ist kein Wort über die Aufhebung des Lohnsystems enthalten, Marx-Engels berühren die Frage des Entgelts der menschlichen Arbeitsleistung überhaupt nicht.



Dieser sogenannte Lösungsvorschlag war, ist und wird immer sein; komplett falsch und konnte und kann überall wo kommunistische Regime sich durchsetzen immer nur zu absoluter Brutalität und Versklavung führen, wie die blutige, diktatorische Geschichte des Marxismus unmissverständlich jedem beweist. Weshalb die Anarchisten Marx "Staatskapitalistische Theorien" bereits lange vor deren Etablierung zurückwiesen. Zuvor waren sie zusammen mit Marx und seinen Freunden; - den autoritären Sozialisten - in der ersten Allgemeinen Arbeiterorganisation, der ersten Internationalen vereinigt.


Seit 1872 gehen Kommunisten und Anarchisten daher getrennte Wege. Wohin der erstere geführt hat, ist bekannt. Was die Anarchisten angeht, so haben sie mit ihrer Kritik recht behalten, ohne indes ihre Alternative durchsetzen zu können. Natürlich stecken auch im Marxismus freiheitliche Elemente, und man hat oft darauf hingewiesen, dass der Leninismus eigentlich eine Vergewaltigung des Marxismus sei und der Stalinismus seine endgültige Pervertierung. Das stimmt. Genauso richtig ist es aber, dass schon bei Marx die freiheitlichen Elemente eher kümmerlich und beliebig eingestreut waren, während das Zentralistische, Diktatorische und Autoritäre seine Lehre schlüssig durchzog und prägte. Nicht umsonst hat Bakunin ihn als einen »Preußen« charakterisiert. Wenn der Marxismus also von späteren Generationen pervertiert wurde, so konnte dies nur allzu leicht geschehen, denn die ›Perversion‹ war von vornherein angelegt. Überhaupt ist es problematisch, ›Kommunismus‹ zu sagen, wenn eigentlich ›Marxismus‹ oder ›Leninismus‹ gemeint ist. ›Kommunismus‹ bezeichnet genau genommen eine Gesellschaft der Gleichheit. Eben das ist auch gemeint, wenn wir vom »anarchistischen Kommunismus« etwa bei Peter Kropotkin hören. Das alles hat nichts mit der tausendfältigen Sektenbewegung ›kommunistischer‹ Parteien zu tun, die dafür sorgten, dass dieser Begriff für die meisten Menschen zu einer ungenießbaren Abscheulichkeit wurde.

Anarcho-Kommunismus a la Prince Kropotkin ist so ziemlich das genaue Gegenteil vom diktatorischen, zentralisierten, blutigen, alles kontrollierenden Marxismus -
"Nieder mit den bolschewistischen Bluthunden", Zitat: Prinz Peter von Kropotkin kurz vor seinem Tode 1921


Auch Kommunisten reden vom Absterben des Staates. Karl Marx sah darin sogar das Endziel des Kommunismus. Sind Anarchisten und Kommunisten also fast dasselbe? Natürlich nicht, doch um dies zu verstehen muss man sich mit den jeweiligen Ideologien näher auseinander setzen, mehr als deutlich wird dies zum Beispiel durch diese kleine Geschichte hier vor rund 150 Jahren:

Karl Marx, der Kommunist, träumte davon, dass alle Proletarier (Arbeiter) sich zusammenschließen und das Landgut ihres Herrn gewaltsam übernehmen. Er ist ein grüblerischer Denker und entwickelt in seinen freien Stunden komplizierte Begründungen dafür, warum die Sklaven und nur die Sklaven dazu ausersehen sind, die führende Schicht der neuen Gesellschaft zu bilden. Hierzu wäre es nötig, zunächst eine Diktatur der Sklaven = Proletarier, also eine Diktatur des Proletariats zu errichten, die alles bis ins Kleinste kontrolliert, plant und leitet. Alle Menschen müssten gleich sein, gleich leben und gleich denken. Nur Proletarier und deren Nachkommen hätten, so Marx, das richtige ›sklavische Bewusstsein‹ und nur sie wären dazu befähigt, diszipliniert, fleißig und anspruchslos zu arbeiten, um diese neue Gesellschaft aufzubauen. Dummerweise wollen die Proletarier davon aber nicht viel wissen, so dass Marx und seine Anhänger sie nach weiterem Grübeln für ›noch nicht reif‹ erklären. Sie gründen daraufhin eine ›Partei der Proletarier‹ mit dem Ziel, deren Avantgarde zu sein und ihnen so zu ihrem Glück zu verhelfen. Marx und seine Freunde gehören zwar zu jenen Leibeigenen, die im Herrenhaus bessere Arbeiten verrichten und nicht auf den Feldern schwitzen müssen, sind aber dennoch zutiefst davon überzeugt, dass nur sie wirklich wissen, was die Arbeitssklaven wollen und was ihnen gut tut. Ebensowenig zweifeln sie daran, dass sie viel besser als der Herr des Landgutes in der Lage sein werden, den Laden zu schmeißen. »Wenn wir erst an der Macht sind und somit den Proletariern das Landgut ja gehört«, wird Marx nicht müde zu predigen, »dann werden die befreiten Sklaven freiwillig und begeistert arbeiten und die Partei wird die Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Arbeiter hervorragend managen, denn die Partei kennt ja diese Bedürfnisse besser als irgendwer sonst …«
Da kann Michail Bakunin nur lachen. Er ist mehr als skeptisch »Mein guter Karl …« sagt er und klopft ihm kopfschüttelnd auf die Schulter, »was du da vorhast, funktioniert so nicht! Du gibst uns Sklaven keine Freiheit, sondern einen neuen Herrn: deine Partei. Und ob die den Laden besser schmeißt als unser alter Herr, bezweifle ich. Ich fürchte eher, ihr werdet die Sklaven genauso auspressen wie der Alte, und obendrein versteht ihr noch weniger vom Geschäft.« Und dann erklärt er ihm seine Idee: »Mir geht es nicht darum, diesen Laden zu übernehmen und ihn in Schwung zu bringen, damit er besser funktioniert. Ich will etwas ganz Neues schaffen, ein Leben, in dem die Freiheit obenan steht und nicht die Wirtschaft oder die Arbeit an sich. Das Dasein soll auch Spaß machen. Alles, was auf dem Gut getan werden muss, sollen die Menschen – und zwar alle Menschen! – selbst organisieren. Das, was sie zum Leben brauchen, können sie sehr gut selbst entscheiden. Nicht der Herr, nicht die Partei der Sklaven (Proletarier), nicht die Wissenschaft oder die Wirtschaft dürfen ihnen ihr Leben vorschreiben – sie selbst sollen es bestimmen.« Wenn die Sklaven sich befreien wollen, so Michail, dürften sie nicht die alte Form der Sklaverei durch eine neue ersetzen. Es bestehe auch keine Notwendigkeit, den riesigen Betrieb unbedingt zentral zu managen. Warum sollten nicht verschiedene kleine, gut funktionierende Betriebe daraus entstehen? Dann könnten sich Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Neigungen mit Gleichgesinnten zusammenschließen.
»Vor allem aber«, sagt Michail und hebt beschwörend die Arme, »kannst Du die Menschen niemals zu ihrem Glück zwingen! Auch unser Herr behauptet ständig, er tue alles nur zu unserem Besten und eigentlich ginge es uns Sklaven ja gut. Als ob wir nicht selbst wüssten, was wir wünschen und wie unser Glück aussehen könnte! Was wir vor allem erstmal brauchen, ist Freiheit und Brot. In deinem System, lieber Karl, kriegen wir garantiert keine Freiheit, und ob wir dafür dann Brot haben werden, ist sehr fraglich. Lass uns lieber überlegen, wie wir unsere Herrschaften überlisten, und wie wir dann eine ganz andere Gesellschaft nach unseren Bedürfnissen schaffen. Du weißt so gut wie ich, dass wir Sklaven hinter dem Rücken unseres Herrn ja schon ganz anders miteinander verkehren. Im Alltag hilft doch jeder jedem, so gut er kann. Niemand will, dass sich einer zum neuen Chef aufspielt. Das sind die Ideen, aus denen eine neue Gesellschaft entstehen muss und nicht die Diktatur deiner merkwürdigen Partei, die doch nur den Herren nachäfft. Ich meine, wir sollten die Herrschaft abschaffen, nicht austauschen …!« »Ja, ja … das will ich letztendlich ja irgendwie auch«, wirft Karl nun ungeduldig ein. »Aber du bist und bleibst halt ein Spinner. Wir hingegen sind Wissenschaftler, und wir haben erkannt, dass der Gang der Geschichte die Sklaven zur herrschenden Klasse bestimmt hat. Erst muss diese Klasse einmal eine knallharte Diktatur errichten, um ihre Feinde zu zerstören.
Später dann stirbt die Herrschaft ganz von alleine ab …«
»Und warum …?«
»Ganz einfach: weil keine objektiven Gründe mehr für ihre Existenz da sein werden, denn wir sind ja alle gleich!«
»So ein Quatsch! Und die Bonzen deiner Partei, sind die auch so gleich wie die Sklaven? Werden sie dann einfach aufhören den Chef zu spielen und wieder arbeiten wie die anderen? Das kannst du deiner Großmutter erzählen!«
»Ich wusste ja, dass man mit dir nicht reden kann. Euch Anarchisten sollte man in der Diktatur der Sklaven am besten gleich mit umbringen …« Wie schon so oft zuvor stampft Karl zornig mit dem Fuß auf, Michail rauft sich die Haare, und beide gehen zornig auseinander …Eine alte Polemik
Dieser fiktive Dialog entspricht in groben Zügen der alten Polemik zwischen Anarchisten und Kommunisten; wir brauchen nur die Wörter ›Sklaven‹ durch ›Proletarier‹ zu ersetzen, ›Herr‹ durch ›Kapitalist‹ und ›Landgut‹ durch ›Staat‹. Wir sehen: Anarchisten und Kommunisten sind nicht ›fast dasselbe‹. Beide kommen zwar aus derselben geschichtlichen Epoche, beide begannen ihr Wirken im Schoße der ›Arbeiterklasse‹, beide wollten Unrecht und Ungleichheit bekämpfen und beide waren gegen das ›kapitalistische System‹. Zwischen ihrem Menschenbild, ihrer Vision einer neuen Gesellschaft und den Methoden, diese zu erreichen, lagen jedoch von Anfang an Welten. In der Tat geht der Marxismus und später insbesondere der Leninismus davon aus, die Macht im Staate zu erobern, eine Diktatur des Proletariats mittels der Kommunistischen Partei zu errichten und diesen ›proletarischen Staat‹ zu einem starken, zentralen, alles kontrollierenden Gebilde zu machen, der dann – wie durch ein Wunder – irgendwann einmal ›absterben‹ soll. Dieser autoritäre Sozialismus konnte selbstverständlich die Konkurrenz einer antiautoritären Alternative niemals neben sich dulden, weshalb sie immer und überall wo sie an die Macht gelangten zuallererst die Anarchisten zu Tausenden in Gulags oder KZ's deportierten oder gleich auf offener Straße erschossen. 1919 Zerschlagung der anarchistischen Münchner Räterepublik durch deutsche Freikorps und die SPD. Ermordung von Gustav Landauer und später durch die Nazis 1934 auch Ermordung Erich Mühsam's im KZ. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, um 1850 herum als die Arbeiterbewegung noch in den Kinderschuhen steckte und all das nichts weiter als vage Ideen und graue Theorie war, waren Kommunisten und Anarchisten in einer gemeinsamen Organisation zusammengeschlossen, der ›Ersten Internationalen Arbeiter-Assoziation‹, der IAA. Schon damals haben Anarchisten mit erstaunlicher Klarheit vorausgesehen, wohin die diktatorischen Vorstellungen der Kommunisten führen würden, sollten sie je an die Macht gelangen. Der erfundener Dialog zwischen ›Karl‹ und ›Michail‹ hat in jenen Jahren in zahllosen Varianten zwischen Marxisten und Anarchisten tatsächlich immer wieder stattgefunden. Wortführer dieses Streits waren Karl Marx und Michail Bakunin. Während Marx den Anarchisten die ›Wissenschaftlichkeit‹ absprach und sie als ›Kleinbürger‹ brandmarkte, warf Bakunin ihm vor, sich zum »Chefingenieur der Weltrevolution« aufzuspielen. Diese Polemik führte letztlich nicht zu besserer Einsicht, sondern zur Spaltung der Ersten Internationale. Seit 1872 gehen Kommunisten und Anarchisten getrennte Wege. Wohin der erstere geführt hat, ist bekannt. Was die Anarchisten angeht, so haben sie mit ihrer Kritik recht behalten, ohne indes ihre Alternative durchsetzen zu können. Natürlich stecken auch im Marxismus freiheitliche Elemente, und man hat oft darauf hingewiesen, daß der Leninismus eigentlich eine Vergewaltigung des Marxismus sei und der Stalinismus seine endgültige Pervertierung. Das stimmt. Genauso richtig ist es aber, dass schon bei Marx die freiheitlichen Elemente eher kümmerlich und beliebig eingestreut waren, während das Zentralistische, Diktatorische und Autoritäre seine Lehre schlüssig durchzog und prägte. Nicht umsonst hat Bakunin ihn als einen »Preußen« charakterisiert. Wenn der Marxismus also von späteren Generationen pervertiert wurde, so konnte dies nur allzu leicht geschehen, denn die ›Perversion‹ war von vornherein angelegt. Überhaupt ist es problematisch, ›Kommunismus‹ zu sagen, wenn eigentlich ›Marxismus‹ oder ›Leninismus‹ gemeint ist. ›Kommunismus‹ bezeichnet genau genommen eine Gesellschaft der Gleichheit. Eben das ist auch gemeint, wenn wir vom »anarchistischen Kommunismus« etwa bei Peter Kropotkin hören. Das alles hat nichts mit der tausendfältigen Sektenbewegung ›kommunistischer‹ Parteien zu tun, die dafür sorgten, dass dieser Begriff für die meisten Menschen zu einer ungenießbaren Abscheulichkeit wurde. Aber zurück zum Marxismus:
Viele Anarchisten haben durchaus Marxens wirtschaftliche Analysen und seine Kritik am Kapitalismus begrüßt. Einige seiner Thesen wurden vorbehaltlos geteilt, was nicht verwundert, wenn man weiß, dass Marx auf wichtigen Vorarbeiten aufbaute, die der Anarchist Proudhon geliefert hatte. Bakunin übersetzte das »Kommunistische Manifest« und Teile von Marx‘ Hauptwerk »Das Kapital« ins Russische. Die bisher einzige für den Normalmenschen verständliche Zusammenfassung dieses komplizierten Buches schrieb der radikale Sozialdemokrat und spätere Anarchist Johann Most und machte es so den Arbeitern erstmals verständlich, für die es eigentlich hätte geschrieben sein sollen. Was aber Marxens Schlussfolgerungen angeht, so fanden er und seine Nachfolger in den Libertären immer engagierte Kritiker. Vor allem konnten sie nicht begreifen, wie er sich die überdrehte Theorie des historischen und dialektischen Materialismus ausdenken konnte, die den Gang der Geschichte gewissen »objektiven Wahrheiten‹ unterordnet und mit fast religiöser Überzeugung vorauszusagen wagt, was, wann, wie und warum passieren muss: Alles sei wissenschaftlich beweisbar vorbestimmt. Handelnde Menschen passen nicht in dieses Konzept. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich Marxisten immer wieder und sehr gründlich geirrt haben, bis hin zu ihrem eigenen Scheitern. Wenngleich es auch in der anarchistischen Bewegung zeitweise bedeutende Tendenzen gab, die mit dem Marxismus sympathisierten – namentlich nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 und in der westeuropäischen Studentenrevolte nach 1968 –, so haben sie doch in einem Punkt dem Marxismus nie über den Weg getraut: in der Schizophrenie nämlich, dass aus einer Diktatur irgendwann einmal Freiheit erwachsen könne.

Ein gutes halbes Jahrhundert vor den stalinistischen Greueln in der Sowjetunion schrieb Michail Bakunin: »Vorzugeben, dass eine Gruppe von Individuen, seien es die intelligentesten und mit den besten Absichten, in der Lage sind, die Seele, der leitende und vereinigende Wille der revolutionären Bewegung und der Wirtschaftsorganisation des Proletariats zu sein, ist eine solche Ketzerei gegen den Gemeinsinn, (Ich glaube er schrieb damals noch gegen den Sozialismus, welcher von Anarchisten ursprünglich als Synonym zum Anarchismus gesetzt wurde).... dass man mit Erstaunen fragt, wie ein so intelligenter Mensch wie Herr Marx das hat denken können. Die Einrichtung einer universellen Diktatur ( …) würde genügen, die Revolution zu töten, alle Volksbewegungen zu lähmen und zu verfälschen ( …). Man kann das Etikett wechseln, das unser Staat trägt, seine Form – aber im Grunde bleibt er immer der gleiche. Entweder muss man diesen Staat zerstören, oder sich mit der schändlichsten und fürchterlichsten Lüge, die unser Zeitalter hervorgebracht hat, versöhnen: der roten Bürokratie.«  


(großer Teil bei Horst Stowasser abgeschrieben, Rest von mir selbst beigefügt)

An die Marxisten und an die Sozialdemokraten:


Die Staatorganisation ist immer schon, im Altertum wie auch in der modernen Geschichte (Makedonisches Reich, Römisches Reich, die modernen europäischen Staaten, entstanden aus den Ruinen der selbstständigen Städte) ein Werkzeug zur Erzeugung von Monopolen zu Gunsten der herrschenden Minderheiten gewesen. Sie kann deshalb nicht zur Zerstörung dieser Monopole genutzt werden. Daher sind die Anarchisten der Ansicht, dass ein neues Instrument der Tyrannei entstehen würde, wenn alle Hauptquellen des Wirtschaftslebens - das Land, die Bergwerke, die Eisenbahnen, das Bankwesen, das Versicherungswesen usw. - dem Staat übergeben würden. Ebenso, wenn ihm die Leitung der wichtigsten Industriezweige übergeben würde, zusätzlich zu all den Funktionen, die bereits in seinen Händen versammelt sind (Ausbildung, staatlich unterstützte Religionen, Verteidigung des Gebiets etc.). Der Staatskapitalismus würde nur die Stärke der Bürokratie und des Kapitalismus erhöhen. Wirklicher Fortschritt liegt in der Richtung der Dezentralisierung, sowohl in territorialer wie auch in funktionaler Hinsicht; in der Entwicklung eines Geists der lokalen und persönlichen Initiative und des freien Zusammenschlusses vom Einfachen zum Verbundenen; in der Peripherie an Stelle der derzeitigen zentralisieren Hierarchien.


Staatsschulden sind ein politisches Glaubensproblem einer völlig verrückten Wirtschaftsreligion, DIE LINKE, so wie alle parlamentarischen Parteien glaubt selbst an diese Wirtschaftsreligion, sie glaubt selbst an den Zentralismus, Parlamentarismus, Etatismus und den Kapitalismus indem sie einen STAATSKAPITAISMUS anstrebt, welcher bereits im 20 Jh. nicht funktionierte und immer nur in absoluter Kontrolle, Bevormundung, Bespitzelung und Überwachung enden muss. Wer nicht begreift dass das kapitalistische Wirtschaftsmodell (ob nun nach dem marktwirtschaftlichem Modell oder nach der planwirtschaftlichen Version) vor seinem Ende steht, wer nicht versteht dass die Menschen so nicht weiterleben können, der will auch den Kapitalismus nicht wirklich überwinden. Weshalb Parlamentarier ganz gleich welcher Partei als nichts anderes als Heuchler zu betrachten sind.


Es ist nicht schwer zu verstehen wie Banken funktionieren, solange Staaten und der Kapitalismus bestehen bleiben, solange wird es auch Klassengesellschaften, Subjekte und somit auch Kriege geben, auch das ist nicht schwer zu verstehen, "Alles sei am Anfang gut gewesen?" der Staat war es sicher nicht, denn jener war von Anbeginn an schlecht und ist stets erst aus der Sklaverei heraus entstanden, wie sich archäologisch durch die alten Keilschrifttexte Mesopotamiens längst schon nachweisen lässt, die Bildung von Märkten folgte stets auf die Einführung des Geldes durch die Könige, das Fundament hat Mittchell-Innes bereits in zwei Aufsätzen vor über 100 Jahren gelegt welche 1912 und 1913 im New York Banking Journal erschienen, er wurde nie wiederlegt, man ignorierte ihn schlichtweg, und was sich selbst noch bis in die historische Zeit mit den Staatsbildungen in Afrika, in Amerika, in Australien und in Asien, überall dort wo Europäer hin kamen durch die europäischen Kolonialmächte im 19 Jh. als steter Strang des Unrechts durch die gesamte Geschichte hindurchzieht, so gelangten die "freien Städte" des europäischen Mittelalters mit der Zeit stets in den Besitz und somit unter die Herrschaft eines Territorialfürsten, der Beginn eines Staates stellt immerfort die Knechtschaft und somit die Sprengung der selbst-verwalteten Gentilverfassungen dar, weltweit, so sehr es der Bewusstseinsindustrie im Laufe des 20. Jh. sowie fortwährend derzeit im 21 Jh, auch gelungen sein mag den negativen Begriff des Staates in sein imaginäres herbei phantasiertes Gegenteil zu bezeichnen, Staat das ist immer nur Staat der herrschenden Klasse, also eigentlich eine Oligarchie und keine Demokratie, wie sehr auch der "mittelalterliche" Parlamentarismus mit fast schon religiösem Eifer danach trachtet sich als das einzig wahre System einer Repräsentativdemokratie darzustellen, so bleibt es letztlich doch nichts anderes als eine abscheuliche zentralisierte Bevormundungspolitik, (eine Oligarchie der Konzerne, Oligarchie = Herrschaft der wenigen) welche früher oder später ebenso wie die Monarchie (Herrschaft eines Einzelnen) auf den Misthaufen der Geschichte landen wird und landen muss. Die Dezentralisierung der Staaten ist somit die einzig logische Konsequenz um eine Klassengesellschaft, Kriege, Hunger, Privilegientum, Sklaverei, Armut und alle Probleme der Menschheit restlos lösen zu können. Fangen wir also lieber sofort an damit im Hier und Jetzt!!!


Dass die jetzige Form der Aneignung des gesellschaftlichen Kapitals nicht mehr fortdauern kann, darüber sind sich Millionen Sozialisten in der alten und neuen Welt einig. (Das Wort Sozialisten hier bitte nicht mit den elenden Staatskapitalisten = Marxisten verwechseln). Selbst die Kapitalisten fühlen, dass sie dahingeht, und wagen sie nicht mehr mit der früheren Zuversicht zu verteidigen. Ihre einzige Verteidigung beschränkt sich im Grunde darauf, uns zu sagen: „Ihr habt nichts Besseres erfunden!“ Die unheilvollen Konsequenzen der gegenwärtigen Formen des Eigentums zu leugnen, ihr Recht auf Eigentum zu rechtfertigen, das vermögen sie nicht. Sie üben dieses Recht aus, solange man ihnen dazu noch Spielraum lässt, aber ohne zu versuchen, es auf eine Idee zu gründen. Das ist verständlich.

Das Gleiche geschieht heute demjenigen, der zum ersten Mal davon reden hört, daß die Abschaffung des Staats, seiner Gesetze, seines gesamten Verwaltungssystems, des Gouvernementalismus und der Zentralisation ebenfalls zur historischen Notwendigkeit wird; daß die Abschaffung des einen ohne die des anderen materiell unmöglich ist. Unsere ganze Erziehung – die, wohlgemerkt, von Kirche und Staat in beider Interesse betrieben wird – empört sich gegen diese Vorstellung. Ist diese aber deswegen weniger richtig? Und soll bei der Massenvernichtung von Vorurteilen, die wir für unsere Emanzipation bereits getätigt haben, das Vorurteil vom Staat überleben?

BRD 2012 - Und was Marxisten an ihr zu Kritisieren haben

„Alternativlose Sachzwänge“
– von oben eingerichtet
– von unten anerkannt & konstruktiv kritisiert

Radikale Kritik an den politischen und ökonomischen Verhältnissen in D zu üben, radikale Änderungen zu fordern – damit macht man sich heutzutage lächerlich. – Warum? Weil alles, was Politik und kapitalistische Wirtschaft zum Schaden der Mehrheit einrichten und dauernd nach ihren Bedürfnissen und Notwendigkeiten ändern, als alternativlose Lebensbedingung für alle gilt – und weil das von dieser Mehrheit leider auch allgemein anerkannt ist.

Daran hat selbst die größte Krise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nichts geändert. Obwohl der „Ausbruch“ der Finanzkrise im Herbst 2008 doch schlagartig klar machte, um was für eine merkwürdige Lebensbedingung es sich da handelt:

Der Zusammenbruch des Finanzkapitals annulliert nicht nur das Geschäftsvermögen aller Finanzhäuser, sondern lässt auch sämtliche Geschäfte stocken, die vom Kredit der Banken finanziert sind – und das sind im Kapitalismus so gut wie alle kapitalistische Unternehmen.

Nur – ist das schlimm? Worin soll die Katastrophe für alle gelegen haben, wenn die Banken bankrott sind – und alles andere unverändert vorhanden ist? Am sachlichen Reichtum der Gesellschaften hatte sich nichts geändert: Die Maschinen und die bereits produzierten Gebrauchsgegenstände hatten sich nicht in Luft aufgelöst, nur der Wert der Papiere, die sich die Banken wechselseitig verkauft hatten. Das Vermögen, mit denen die Finanzhäuser ihre Kredit- und Spekulationsgeschäfte betrieben hatten, war weg. Was geht das den Rest der Gesellschaft an? Noch nicht einmal die Finanzer leben von Finanzprodukten! Alle hätten genauso wie vor der Finanzkrise weiterleben können. Das Einzige, was weg war, war der Wert der Bankpapiere. Und trotzdem war der Politik, die die Agenda 2010 und alle sonstigen Sozialhaushaltskürzungen dauernd damit begründet hatte, dass die Staatskasse leer, der Staat hoffnungslos überschuldet sei, eines sofort klar: Sie musste das Finanzkapital und dessen Finanzprodukte unbedingt retten. Und hatte dafür plötzlich Hunderte von Milliarden, indem sie sie mit einem Machtwort schuf.

Warum leuchtete diese milliardenschwere Bankenrettung denen unten, die mit Finanzprodukten nichts am Hut haben und so gut wie keine besitzen, sofort als alternativlos ein? Nur deswegen, weil im Kapitalismus der gesamte Lebensprozess der Gesellschaft vom Aufgehen der Geschäfte des Finanzkapitals abhängig gemacht ist? Es stimmt ja, dass in diesem Wirtschaftssystem keine noch so produktive Maschine weiterläuft, keine Nahrungsmittel mehr produziert werden, kein Supermarkt mit Lebensmitteln gefüllt wird, wenn die Banken keinen Kredit dafür geben und wenn mit dem Zusammenbruch der Banken die gesamte Geldzirkulation stockt. In dieser Situation konnte aber jeder, der die zusammenbrechende kapitalistische Ökonomie objektiv beurteilte, statt mit dem Vorurteil, ohne Geld läuft nichts, folgenden Schluss ziehen: Das Geld und seine Vermehrung sind ein einziges Hindernis für eine vernünftige Reproduktion aller, wenn jede Produktion mit dem Totalverlust aller Wertpapiere aufhört.

Die Regierungen aber beharrten darauf: Auch künftig müssen alle Produktion und aller Konsum davon abhängen, dass damit Gewinn gemacht wird. Also handelten sie, schufen das nötige Geld und bewiesen damit, dass es einzig an ihrer Macht, nicht an ewig gültigen ökonomischen Gesetzen liegt, dass Finanzprodukte Wert haben. Mit ihrem Machtwort hatten die Banken wieder Vermögen und setzten fort, was sie vor der Finanzkrise getan hatten: unter anderem die „Realwirtschaft“ finanzieren, soweit sie sich davon Gewinne versprechen. Das Volk schluckte diesen angeblichen „Beweis“, dass offenbar ohne die Banken nichts, mit ihnen aber immerhin alles Gewinnträchtige läuft: Geldvermehrung = Bedingung für alles, also – alternativlos! Und machte weiter wie vor der Finanzkrise: Geld verdienen für Arbeit, die sie arm bleiben lässt, ihre Arbeitgeber aber immer reicher macht.

1. Alternativlosigkeit – von oben verordnet und durchgesetzt

Von oben, von der Politik und der Wirtschaft her gesehen ist das einfach: Die Politik hat die Gewalt, mit denen sie die kapitalistischen Verhältnisse ordnet, also alle – alternativlos – abhängig macht vom Gedeihen der kapitalistischen Wirtschaft. Die hat das Kapital, das sie mittels Lohnarbeit vermehrt. Alternativen kennen sie, aber nur fürs Zementieren der Verhältnisse. Und damit sind sie dauernd befasst. Was gestern noch alternativlos war, wird heute geändert mit dem Argument: Es gibt keine Alternative.

Früher – vor der Finanzkrise – war die „Globalisierung“ alternativlos; ein Geistersubjekt, das die Staaten angeblich zum Rückzug aus der Wirtschaft, zu „Deregulierungen“ zwang. Mit der Finanzkrise war es mit der alternativlosen Deregulierung plötzlich vorbei. Nun galt plötzlich – alternativlos – entschiedenes und großzügiges Eingreifen des Staats ins Finanzsystem, wo doch jahrzehntelang galt: „Staat halt dich raus! Die Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt!“: Nacheinander waren alternativlos: die Bankenrettung mit Hunderten von Milliarden $, €, ₤ ...; Verstaatlichungen von Banken; Milliarden-Subventionen aus dem Bundeshaushalt zur Verbesserung der internationalen Konkurrenzposition des deutschen Exportkapitals (Abwrackprämien, Konjunkturprogramm, Subvention von Kurzarbeitergeld usw.); dann das Gegenteil: Sparhaushalte; „Schuldenbremse“ und Schuldenabbau und wieder das Gegenteil: Billionengarantien der sog. „Rettungsfonds“ EFSF und des ESM für die Rettung der Staatsschuldenpapiere in den Tresoren der Banken... – Immer waren es „alternativlose Sachzwänge“, obwohl der nächste „Sachzwang“ die Alternativlosigkeit des jeweils vorhergehenden widerlegt.

Es können also nicht Sachzwänge sein, denen die Regierung folgte und folgt, es sind Entscheidungen der Verantwortlichen in Regierung und Wirtschaft, die Resultat dessen sind, was ein Staat wie D will: In der Konkurrenz am Weltmarkt ganz vorne mitmischen. Alternativlos ist dabei nur eines: das, was die Regierung durch ihre Entscheidungen alternativlos macht für diejenigen, die dazu herangezogen werden, dass in D billiger, produktiver, innovativer und kapitalkräftiger produziert wird. Daher ist es keine Lüge, dass Senkung der Lohnstückkosten, Auflösung tarifvertraglicher Verhältnisse, Billiglohn, Sparen bei den Sozialhaushaltsposten einerseits, Billionen für die Rettung des Finanzkapitals andererseits, immer dann, wenn sie anstehen, zwar nicht alternativlos, aber systemnotwendig sind, wenn die Kapitalisten des Standorts D die Weltmarktkonkurrenz gewinnen wollen.

Das Erste, was wir an D 2012 zu kritisieren haben, ist: Politik und Wirtschaft verordnen ihr kapitalistisches System und die daraus folgenden Zumutungen, und das alles wird denjenigen, die dafür praktisch in Anspruch genommen werden, von der Politik und von den Organen der Öffentlichkeit als grundsätzlich alternativlos verdolmetscht.

Damit steht auch fest, was wir als Erstes zu tun haben, damit sich an D 2012 Grundsätzliches ändert: Zu erklären und bekannt zu machen, dass das, worauf sich Wirtschaft und Politik als alternativlose Sachzwänge jeglichen Wirtschaftens berufen, Notwendigkeiten, „Zwänge“ einer Produktionsweise sind, die nicht durch die „Sache“, sondern durch staatliche Macht alternativlos gemacht werden.

2. Alternativlosigkeit – von unten nicht nur akzeptiert, sondern als eigene Lebensbedingung anerkannt, gewollt und verteidigt

Dass die Oberen mit ihrer politischen und ökonomischen Macht das alles alternativlos machen, ist allerdings kein Grund für die dafür benutzten Unteren, dies alles als alternativlos hinzunehmen oder gar daran zu glauben: Der ganze Kapitalismus ist alternativlos. Tun sie aber in ihrer übergroßen Mehrheit, trotz ihrer schlechten Erfahrungen, wie wenig ihre eigenen Rechnungen und Lebenspläne aufgehen. Das merken sie zwar, aber sie lernen daraus nur das, wovon sie ausgehen: Die kapitalistischen Verhältnisse sind ihr einziges Lebensmittel oder müssten es doch eigentlich sein. Statt Frage nach dem Grund des Scheiterns –

Suche nach Schuldigen
Wenn das, worauf sie setzen, immer wieder nach hinten losgeht, dann könnten sie danach fragen, ob es dafür system(at)ische Gründe gibt. Wenn sie bei ihrer Suche danach, warum sie immer wieder scheitern, daran festhalten, dass die Verhältnisse eigentlich ihre Mittel seien, dann fragen sie, was oder wer dieses ihr Mittel so verfälscht, dass sie nie auf einen grünen Zweig kommen. Statt nach Gründen suchen sie dann nach Schuldigen:

– Arbeitskollegen als Konkurrenten um den besseren Arbeitsplatz, den höheren Lohn, beim Aufstieg;
– Chefs / Vorgesetzte, die Kollegen bevorzugen, die es „nicht verdienen“;
– Diejenigen, die dafür zuständig sind, ihre Lebensbedingungen einzurichten: Politiker, die ihre Pflichten vernachlässigen
– Diejenigen, die „eigentlich nicht hierher gehören“ (Ausländer, Migranten...)
– Die „Reichen“, die, statt ihre vermeintlich „eigentliche Pflicht“ zu tun „Arbeitsplätze zu schaffen“, abzocken, entlassen, Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, Ausländer einstellen.
– Kritiker, die die Bedingungen schlecht machen, auf die man selber als sein Mittel setzt, werden als Nestbeschmutzer beschimpft. Die herrschende Realität wird gegen „zersetzende“ Kritik und „unrealistische“ Änderungsvorschläge verteidigt.

Das Zweite, was wir demzufolge an D 2012 zu kritisieren haben, ist: Dass die allermeisten Leute die negativen Erfahrungen, die sie mit den Verhältnissen machen, in Gründe verwandeln, sich noch mehr zu bemühen, in ihnen zurechtzukommen, ihren Misserfolg Schuldigen anlasten – und von der Politik verlangen sie, dass sie dafür sorgt, dass die Rechtschaffenen und Ehrlichen vorankommen und den Schuldigen ihr Handwerk legt.

Damit steht auch fest, was wir als Zweites an D 2012 zu ändern haben: Wir haben den Leuten zu erklären, warum sie nie auf die Gründe ihrer schlechten Erfahrungen und Misserfolge kommen, wenn sie bei der Suche danach von der Voraussetzung ausgehen, die kapitalistisch eingerichteten Verhältnisse müssten doch ihre Mittel für jeden sein, der rechtschaffen seine Pflicht tut.

3. Der Fehler konstruktiver Kritik
Kritik ist in der Demokratie nicht verboten; sie ist sogar ausdrücklich erlaubt. Will sie allerdings ernst genommen werden, hat sie konstruktiv und realistisch zu sein. Sie hat anzugeben, wie „es besser geht“.

Allerdings: Was ist dieses „Es“, das besser gehen soll? – Das ist der demokratische Laden mit seiner kapitalistischen Ordnung, d. h. der deutsche Erfolg, plus die Beschwörung, dass von dem doch jeder abhängt, auch die „Ausgegrenzten“ und „Prekären“. Sogar deren Los kann man angeblich nur verbessern, wenn man erst einmal dafür sorgt, dass „die Wirtschaft wächst“, damit man dann aus dem Wachstum die Mittel fürs Helfen abzweigen kann. Wer den Erfolg des kapitalistischen Wachstums vor und bei aller Kritik vor aussetzt, der kommt allerdings nie mehr darauf, dass Niedriglöhne, „Ausgrenzung“ und „Prekarisierung“ nicht Folge ausbleibenden Wachstums sind, sondern die Bedingung und die Konsequenz erfolgreichen Wirtschaftswachstums sind.

Das Prinzip konstruktiver Kritik ist derart eingerissen, dass alle, die mit ihrer Kritik bei denen ankommen wollen, die ihnen den Grund des Protestes eingebrockt haben, gar nicht mehr anders aufbegehren wollen als mit einem Vorschlag, wie „es besser gehen“ könnte: So haben vor ein paar Semestern Studenten gegen die Studienbedingungen und gegen die erschwerte Zulassung zum Masterstudium aufbegehrt. Die Regierung macht eine Hochschulreform mit mehr Auslese unter den Studenten, die zur „Elite“ zugelassen werden, womit die Konkurrenz um die Studien-Abschlüsse vor Bologna (Magister, Diplom, Staatsexamen) zunimmt. Denn jetzt ist dem höheren Abschluss Master der Bachelor als Selektionsfilter vorgeschaltet, damit es eine kleine Elite der Master und ein breiteres Mittelfeld der Bachelors gibt, deren Studium kürzer und damit billiger wird. So möbeln die Kultus- und Wissenschaftsminister den Bildungsstandort Deutschland für weitere Siege in der internationalen Konkurrenz auf. Dazu kommt von Studierenden die Kritik: Genau das – die internationale Konkurrenzfähigkeit – werde damit gefährdet! Für die seien nicht Schmalspurausbildung für die Masse der Hochschulabsolventen und daneben die Förderung einer schmalen Elite, sondern eine solide Ausbildung aller Studierenden nötig. Mit diesem Argument wird Protest gegen die Selektion unter Berufung auf diesen staatlichen Zweck der Ausbildung vorgebracht. Ohne weitere Prüfung dieses Zwecks, bei dem man
immerhin in das Niederkonkurrieren anderer auf dem Weltmarkt eingespannt wird, rechnet man dem Staat vor, dass er seinen Zweck gefährdet, wenn er den Studierenden durch Verschärfung der Auslese den Studienerfolg erschwert, oder umgekehrt: dass er seinen Zweck viel besser verwirklicht, wenn er auf die konstruktiven Vorschläge der Studierenden eingeht.

So geht konstruktive Kritik: Statt das eigene Interesse anzumelden und die Politik von ihm aus zu kritisieren, denkt man sich Verbesserungsvorschläge für den oder die Zwecke aus, die von oben vorgegeben sind, und modelt seine Wünsche nach Änderung so um, dass sie dazu passen = sich den vorausgesetzten Verhältnissen unterordnen.

Das Dritte, was wir an D 2012 zu kritisieren haben, ist:
Konstruktive Kritik ist derart selbstverständlich, dass sich jeder als diskussionsunwürdig outet, der beim Kritisieren nicht sofort sagt, wie „es besser“ geht und dabei „realistisch“ ist, d. h. die grundsätzliche Alternativlosigkeit der bestehenden Verhältnisse anerkennt.

Damit steht auch fest, was wir als Drittes an D 2012 zu ändern haben: Eine Kritik muss her, die ausspricht, dass es ein fundamentaler Fehler ist, sich beim Kritisieren darauf einzulassen, konstruktiv zu sein, weil man sich damit von vornherein darauf verpflichtet, dass die bestehenden Verhältnisse grundsätzlich in Ordnung gehen. Kritik muss erst einmal prüfen, ob das kritisierte überhaupt verbesserungswürdig ist – oder nicht vielmehr abzuschaffen.

Warum man als Betroffener einen Fehler macht, wenn man beim Kritisieren von vornherein konstruktiv ist; warum man mit Verbesserungsdebatten aufs falsche Pferd setzt, wenn man zu denen gehört, die mit den herrschenden Zwecken sys-temnotwendig schlecht bedient sind: Das den Leuten zu sagen, meinen wir, ist die
Aufgabe linker Politik.

4. Deutscher Euro-Imperialismus als „Sachzwang“

Was kommt dabei noch alles voran, wenn es mit 1 – 2 – 3 (die drei) so weitergeht? Es ist gerade €-Krise. Eine Reihe von €-Ländern ist pleite oder steht kurz davor. Ein großer Teil von deren Defiziten ist das Resultat von Importüberschüssen im Handel mit dem Export-Europameister D. Ein großer Teil der Staatsanleihen, mit denen sie ihre Staatshaushalte finanziert haben, halten deutsche Banken. Wie reagiert die deutsche Regierung darauf? Droht sie den Staatsbankrotteuren mit Einmarsch, um deren Vermögenswerte zu beschlagnahmen? – Nein sie bietet Rettung an: einen Rettungsfonds. Sie verpflichtet zwar die Pleiteländer auf den „Sachzwang“, ihre Schulden irgendwann wieder zu bedienen. Aber dabei hilft D. D fällt nicht wie unter Hitler als Eroberer bei ihnen ein, sondern gewährt Hilfen – mit Milliardenbürgschaften, natürlich gegen ein paar Gegenleistungen, die rein „sachlich“ begründet sind: Sparprogramme und Haushaltsaufsicht, damit diese Länder, die im ersten Jahrzehnt €-Währungsunion angeblich „über ihre Verhältnisse gelebt“ haben, künftig ihre Staatsausgaben ihren Einnahmen anpassen, d. h. vor allem „unproduktive Kosten“ einsparen: Löhne & Gehälter, Renten, Kindergeld, Arbeitslosengeld, Gesundheitskosten, also ein Verarmungsprogramm durchziehen. Großzügig? – Nein, auch das ist imperialistisch, nicht nur das, was Hitler veranstaltet hat.

Aber es ist ein Imperialismus, der an einem Eigeninteresse der unter Aufsicht gestellten Staaten ansetzt: Die anderen Staaten, denen da „geholfen“ wird, haben sich abhängig gemacht vom „Sachzwang“ des gemeinsamen Geldes und wollten mit €-Kredit ihre Standorte für mehr kapitalistisches Wachstum herrichten. Damit begaben sie sich in eine Konkurrenz, die wie jede ökonomische Konkurrenz notwendig Sieger und Verlierer produziert – und die haben sie verloren und damit auch ihre Zahlungsfähigkeit.

•Und die verarmten Bürger der überschuldeten Länder? Sie sollen sich derselben Logik unterwerfen wie die deutschen Lohnabhängigen: Auch Letztere werden ja nicht einfach zur Abhängigkeit vom Geld gezwungen, sondern sie akzeptieren die Abhängigkeit von der Geldwirtschaft als alternativlos und bekommen darüber lauter Interessen, die nicht aus ihren Bedürfnissen herrühren, sondern aus der Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, der sie ihre Lebensmittel abgewinnen wollen.

– Welche Interessen das sind? Was in Teil 1 und 2 erklärt wurde, z. B.: Wer in einer Geldwirtschaft leben will, was braucht der/die? Lebensmittel. Aber die gibt’s nur gegen Geld, also muss man das Interesse an Geld entwickeln, das es bloß an einem Arbeitsplatz gibt, an dem man umso mehr Zeit verbringen muss, je mehr Geld man will, so dass immer weniger Zeit und Kraft dafür übrig bleibt, wofür man das Geld braucht – zum Leben, usw... Diese Abhängigkeit vom Geld und von allem, was daraus als „Sachzwang“ folgt, sollen sich die Lohnabhängigen aller €-Länder als ihre Lebensbedingung, ihre Lebensgrundlage einleuchten lassen – leider tut es die große Mehrheit von ihnen.

Das ist es, was wir an ihnen – den deutschen wie den anderen europäischen Lohnabhängigen – als ihren Fehler kritisieren müssen, damit sie es selber ändern wollen.

Als Pdf: 

Quelle:
http://www.gegen-kultur.de/

 

 
aus »Die Aktion«, Heft152/156,1996, S.99

 

Maximilien Rubel

Marx als Theoretiker des Anarchismus

 

Vorwort

Dieser Essay, der für L‘Europe en formation geschrieben wurde, ist dort in der Nr.163-164, Oktober-November 1973, erschienen, die dem Thema Anarchismus und Föderalismus gewidmet war. Er wurde 1974 in der Essaysammlung Marx critique du marxisme (Paris, Payot, p.42-59) veröffentlicht. Für die vorliegende Neuveröffentlichung wurde er sowohl in der Form überarbeitet, als auch um ein Post-Scriptum erweitert, in dem einige wichtige Aspekte des im ursprünglichen Text vernachlässigten zentralen Problems untersucht werden konnten. Der Wahrheit gemäß wäre die Frage erst erschöpft, wenn sie nicht mehr gestellt werden müßte, anders gesagt, sobald die Menschheit dem Bild ähnelt, an dem alle revolutionären Geister des 19. Jahrhunderts ihre Träume genährt haben, wie widersprüchlich ihre theoretischen Anschauungen auch gewesen sein mögen.

Wir finden bei Littré zwei Definitionen des Wortes »Theorie«, die es verdienen, darüber nachzudenken, bevor wir die Lektüre unseres Essays angehen:

    Spekulation; Kenntnis, die bei der einfachen Spekulation stehenbleibt, ohne zur Praxis überzugehen. (...)
    In der gewöhnlichen Sprache, jede allgemeine Vorstellung, vergleichsweise einer wissenschaftlichen Theorie. (...) Humanitäre sozialistische Theorien, abenteuerliche Meinungen, die über die Zukunft der Gesellschaften, der Menschheit gemacht werden.

Pierre Leroux erinnerte in seinen Überlegungen über den Krieg und »das Recht des Krieges« an die Grenzen der politischen Philosophie von Bodin, Machiavelli, Hobbes, Grotius und Puffendorf. »Die Spekulationen der Philosophen haben immer ihre Wurzel in ihrem Jahrhundert; sie können sich wohl isolieren und abstrahieren, es ist immer die Welt ihrer Zeit, welche ihnen den Antrieb gibt«, schrieb er 1827. Indem er danach zum »Ursprung und zur Entwicklung des friedlichen Prinzips« übergeht, ändert er seine Meinung und bemerkt: »Ich irre mich, es gibt auch immer kühne Geister, die sich vollkommen von ihrem Jahrhundert lösen. Dank dieser Menschen des Paradoxes gab es vielleicht nie und wird es vielleicht niemals ein Prinzip geben, das sich nicht im menschlichen Verstand gestellt hat, bevor es als Fakt entstand.« Und um drei Autoren zu nennen, »deren Ruhm es ist, sich mit Eifer und Glauben dem Prinzip des Friedens angeschlossen, es als Gesetz der Gesellschaften gepredigt zu haben, wobei sie den Krieg nur als eine Übertretung der Ordnung ansahen: Thomas Moore, Fénélon und Abbé Samt Pierre.«

Wenn es auch schwierig ist, Marx unter diesen »Menschen des Paradoxes« im Sinne von Pierre Leroux einzuordnen, so ist es auf jeden Fall legitim, ihn heute, in den Zeiten der universellen Herrschaft der politisch-militärischen Paranoia in der Sphäre der staatlichen und kulturellen Oligarchien, als einen Pionier der Ätiologie dieser fatalen Entfremdung unserer Spezies anzusehen. (1983)

 

Marx‘ Schüler, die weder die Bilanz noch die Grenzen seiner Theorie und auch nicht deren Normen und Anwendungsmöglichkeiten bestimmen konnten, haben ihm einen schlechten Dienst erwiesen:

er hat durch sie die Gestalt eines mythologischen Giganten angenommen, Symbol des Allwissens und der Allmacht des homo faber, Schmied seines Schicksals.

Die Geschichte der Schule bleibt noch zu schreiben, aber man kennt zumindest ihre Genese: der Marxismus wurde als Kodifizierung eines mangelhaft bekannten und interpretierten Gedankens geboren und entwickelt, als Marx‘ Werk noch nicht vollständig zugänglich war und wichtige Teile noch unveröffentlicht geblieben waren. So ging der Triumph des Marxismus als Staatsdoktrin und Parteiideologie der Verbreitung derjenigen Schriften um Jahrzehnte voraus, worin Marx außerordentlich klar und vollständig die wissenschaftlichen Grundlagen und die ethischen Intentionen seiner sozialen Theorie darlegte. Die Tatsache, daß unter Berufung auf ein Denken, dessen Hauptprinzipien den Protagonisten des historischen Dramas unbekannt geblieben sind, folgenschwere Umwälzungen entstanden sind, würde bereits ausreichen, um zu zeigen, daß der Marxismus das größte, wenn nicht tragischste Mißverständnis des Jahrhunderts ist. Aber man kann in gleichem Maße die Tragweite der von Marx aufgestellten These ermessen, wonach weder die revolutionären Ideen noch die moralischen Prinzipien die Veränderung der Gesellschaften und die sozialen Transformationen hervorrufen, sondern die menschlichen und materiellen Kräfte; Ideen und Ideologien dienen nur zu oft dazu, die Interessen derjenigen Klasse zu verschleiern, zu deren Gunsten sich die Umwälzung vollzogen hat. Der politische Marxismus kann sich nicht auf die Wissenschaft von Marx berufen und gleichzeitig vorgeben, sich der kritischen Analyse entziehen zu können, aus der sie ihre Waffe gemacht hat, um die Ideologien der Macht und der Ausbeutung zu entlarven.

Als herrschende Ideologie einer Herrenklasse hat der Marxismus die Begriffe von Sozialismus und Kommunismus, wie Marx und seine Vorläufer sie verstanden, erfolgreich jeglichen originalen Inhalts entleert, indem er an seine Stelle ein Wirklichkeitsbild setzte, das die totale Negation jenes Inhalts ist. Obwohl eng mit den anderen beiden Konzeptionen verbunden, scheint eine dritte doch diesem Mystifizierungs-Schicksal entgangen zu sein: die Idee des Anarchismus. Wenn man weiß, daß Marx für gewisse Anarchisten wenig Sympathie gehabt hat, mißachtet man im allgemeinen, daß er nichts desto weniger das Ideal und das Ziel des Anarchismus geteilt hat: das Verschwinden des Staates. Es sei daran erinnert, daß Marx sich auf Anhieb eher in die Tradition des Anarchismus als in die des Sozialismus oder Kommunismus gestellt hat, als er die Sache der Arbeiter-Emanzipation zu seiner eigenen machte (wahrscheinlich unter Einfluß von Godwin und Proudhon). Und als er sich schließlich selbst Kommunist nannte, beinhaltete diese Bezeichnung in seinen Augen keine der damals existierenden Strömungen, sondern sie meinte einen Gang des Denkens und eine Handlungsweise, die es dadurch zu begründen galt, daß sie alle revolutionären Elemente ererbter Lehren und Kampferfahrungen vereinigte.

In den nachfolgenden Überlegungen versuchen wir zu zeigen, daß Marx unter dem Begriff Kommunismus eine Theorie der Anarchie entwickelt hat; besser noch, daß er in Wirklichkeit der erste war, der die rationalen Grundlagen der anarchistischen Utopie geliefert und einen Entwurf ihrer Verwirklichung aufgestellt hat. In Anbetracht der Grenzen des vorliegenden Aufsatzes präsentieren wir diese Thesen nur als Diskussionsgegenstand. Der Rückgriff auf literarischen Beweis in Form von Zitaten ist auf ein Minimum reduziert, dies aber, um das zentrale Argument besser hervortreten zu lassen: Marx als Theoretiker des Anarchismus.

I

Als Marx im Februar 1845 am Vorabend seines Aufbruchs ins Brüsseler Exil in Paris einen Vertrag mit einem deutschen Verleger unterzeichnete, verpflichtete er sich, in einigen Monaten ein Werk in zwei Bänden mit dem Titel »Kritik der Politik und der Nationalökonomie« zu liefern, ohne damals zu vermuten, daß er sich eine Aufgabe gestellt hatte, die sein ganzes Leben erfüllen und von der er im übrigen nur ein großes Fragment ausführen sollte.

Die Wahl des Gegenstandes war nicht zufällig. Da er jede Hoffnung auf eine akademische Karriere verloren hatte, übertrug Marx die Ergebnisse seiner Studien der Philosophie in politische Publizistik. Seine Artikel in der »Rheinischen Zeitung« von Köln führten den Kampf um die Pressefreiheit in Preußen im Namen einer Freiheit, die er als das Wesen des Menschen und als die Zierde der menschlichen Natur auffaßte; aber auch im Namen eines Staates als Verwirklichung der vernunftgemäßen Freiheit, als »dem großen Organismus, in welchem die rechtliche, sittliche und politische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten hat und der einzelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den Naturgesetzen seiner eignen Vernunft, der menschlichen Vernunft gehorcht«. (Rheinische Zeitung, 14. Juli 1842. MEW, Bd. 1, 5. 98). Aber die preußische Zensur hatte den Philosoph-Journalisten schnell zum Schweigen gebracht, der sich bald darauf in der Einsamkeit fleißiger Zurückgezogenheit der Erforschung der wahren Natur und der rationalen und ethischen Tragweite der politischen Philosophie von Hegel hingab. Wir kennen die Frucht dieser durch das Studium der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika angereicherten Meditationen: es sind, außer einer unvollendeten und unveröffentlichten Arbeit, der »Kritik der Hegelschen Staatsphilosophie«, die beiden polemischen Aufsätze »Einführung in die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« und »Zur Judenfrage« (Paris 1845). Beide Aufsätze stellen eigentlich ein einziges Manifest dar, in dem Marx ein für alle Mal die beiden gesellschaftlichen Institutionen bestimmt und mit Einschränkung verurteilt, die er als Ursprung all der Übel und Makel ansieht, an denen die moderne Gesellschaft leidet und an denen sie so lange leiden wird, ehe nicht eine neue soziale Revolution sie abgeschafft haben wird: den Staat und das Geld. Gleichzeitig preist Marx die Kraft, die gestern noch Opfer beider Institutionen, ihrer wie jeder anderen Form von politischer und ökonomischer Klassenherrschaft ein Ende machen wird: das moderne Proletariat. Die Selbstbefreiung dieses Proletariats ist die universelle Befreiung des Menschen, sie ist nach dem totalen Untergang des Menschen der totale Sieg des Menschlichen.

Die Negation des Staates und des Geldes sowie die Bejahung des Proletariats als Befreier-Klasse gehen in Marx‘ intellektueller Entwicklung seinen Studien der politischen Ökonomie voraus; ebenso gehen sie seiner Entdeckung des »Leitfadens« voraus, der ihn in seinen späteren historischen Forschungen leiten wird, nämlich der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Bruch mit Hegels juristischer und politischer Philosophie einerseits und das kritische Studium der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen andererseits ermöglichten es ihm, endgültig die ethischen Postulate seiner zukünftigen Gesellschaftstheorie festzulegen, deren Kritik der politischen Ökonomie ihm die wissenschaftlichen Grundlagen liefern werden. Indem er die revolutionäre Rolle der Demokratie und der legislativen Gewalt in der Genese des bürgerlichen Staates und seiner Regierungsgewalt verstand, hat Marx die aufklärenden Analysen eines A. de Tocqueville und Thomas Hamilton, beide scharfsichtige Beobachter der revolutionären Auswirkungen der amerikanischen Demokratie, nutzbringend angewandt, um die rationalen Grundlagen einer anarchistischen Utopie als bewußtes Ziel derjenigen Klasse zu schaffen, die sein Meister Saint-Simon »die zahlreichste und ärmste« genannt hatte. Da ihn die Kritik des Staates dazu geführt hatte, die Möglichkeit einer von jeder politischen Autorität befreiten Gesellschaft ins Auge zu fassen, bedurfte es von nun an einer Kritik des ökonomischen Systems, das die materielle Basis des Staates sicherte. Die ethische Negation des Geldes betreffend, implizierte sie ebenfalls die Analyse der politischen Ökonomie, die Wissenschaft der Bereicherung der einen und des Elends der anderen. Später bezeichnete er die Untersuchung, die er unternehmen werde, als »Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft«, und in dieser Arbeit als soziologischer Anatom schuf er sich sein methodisches Instrument; danach half ihm die Wiederentdeckung der Hegelschen Dialektik dabei, den Plan der »Ökonomie« in sechs »Rubriken« oder »Büchern« aufzustellen: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit; Staat, Außenhandel, Weltmarkt (vgl. dazu Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, 1859, 5. 13).

Tatsächlich entspricht diese doppelte »Dreiheit« der Forschungsthemen den beiden Problemen, die er sich vierzehn Jahre zuvor in derjenigen Arbeit zu behandeln vorgenommen hatte, die die doppelte Kritik der Ökonomie und der Politik enthielt. Marx hat sein Werk mit der kritischen Analyse der kapitalistischen Produktion begonnen, aber er hoffte, lange genug zu leben und zu arbeiten, um nicht nur diese gut beenden, sondern auch die zweite Triade, die das Buch über den Staat eröffnen sollte, in Angriff nehmen zu können, nachdem die erste Triade der Rubriken einmal abgeschlossen war. Die Theorie des Anarchismus hätte so in Marx ihren ersten anerkannten Promotor gefunden, ohne daß es notwendig wäre, den indirekten Beweis zu führen. Das Mißverständnis des Jahrhunderts ist, daß der Marxismus als Staatsideologie wegen dieser Lücke geboren wurde, die es den Herrschern eines »sozialistisch« getauften Staatsapparates erlaubt hat, Marx unter den Anhängern eines Staatssozialismus oder Staatskommunismus, sogar eines »autoritären« Sozialismus zu plazieren.

Sicher ist Marx‘ Lehre wie jede andere nicht ohne Zweideutigkeiten; wenig skrupelhafte Schüler, die diese mit Geschick ausbeuteten und gewisse persönliche Verhaltensweisen von Marx rügten, haben es verstanden, sein Werk in den Dienst von Doktrinen und Handlungen zu stellen, die sowohl die totale Negation seiner grundlegenden Wahrheiten als auch seines offen proklamierten Zieles sind. In einer Epoche, in der sich alles – Theorien und Werte, Systeme und Entwürfe – durch jahrzehntelangen Rückschritt auf dem Gebiete der menschlichen Beziehungen in Frage gestellt sieht, kommt es darauf an, das geistige Erbe eines Autors anzutreten, der im Bewußtsein der Grenzen seiner Forschung aus den Postulaten der kritischen Selbsterziehung und der revolutionären Selbstbefreiung das permanente Prinzip der Arbeiterbewegung abgeleitet hat. Es kommt einer mit erdrückenden Verantwortlichkeiten beladenen Nachkommenschaft nicht zu, über einen Verstorbenen zu urteilen, der seine eigene Sache nicht mehr verteidigen kann; dagegen obliegt es uns, eine ganz auf die Zukunft gerichtete Lehre zu verantworten; eine Zukunft, die sicher unsere katastrophale Gegenwart geworden ist, die es aber von Grund auf noch zu schaffen gilt.

II

Wiederholen wir: das in dem Plan der »Ökonomie« vorgesehene, aber unverwirklicht gebliebene »Buch« über den Staat konnte nur die Theorie der vom Staat befreiten, der anarchistischen Gesellschaft enthalten. Ohne direkt für dieses Vorhaben bestimmt zu sein, erlauben die von Marx im Laufe seiner literarischen Tätigkeit vorbereiteten oder veröffentlichten Materialien und Arbeiten gleichzeitig diese die Substanz des geplanten Werks betreffende Hypothese zu erhärten und seine allgemeine Struktur zu bestimmen. Wenn die erste Triade der Rubriken die Kritik der politischen Ökonomie umfaßte, so sollte die zweite Triade im wesentlichen die Kritik der Politik ausführen. Als Folge der Kritik des Kapitals sollte die Kritik des Staates die Kausalität der politischen Evolution der modernen Gesellschaft liefern, wie der Gegenstand des »Kapital« (gefolgt von den Büchern über das »Grundeigentum« und die »Lohnarbeit«) es war, »das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen« (vgl. Vorwort zum »Kapital«, 1867. MEW, Bd. 23, 5. 15 f.). Und ebenso, wie man in den der »Kritik der politischen Ökonomie« (1859) vorhergehenden – veröffentlichten und unveröffentlichten – Schriften die Prinzipien und Postulate findet, deren Marx sich für die Kritik des Kapitals bedient hat, kann man dort die Thesen und Normen freilegen, die ihn darin angeleitet hätten, die Kritik des Staates zu entwickeln. Es wäre jedoch falsch zu unterstellen, daß Marx‘ Denken über die Politik damals vollkommen ausgeprägt war und keine Modifikation im Detail mehr zuließ, oder daß es jeder theoretischen Bereicherung verschlossen war. Wenn im Gegenteil das Problem des Staates Marx niemals zu beschäftigen aufgehört hat, so nicht nur deswegen, weil er an dem moralischen Engagement festhalten mußte, sein Hauptwerk zu beenden, sondern vor allem, weil ihn seine Teilnahme an der Arbeiter-Internationale seit September 1864, seine polemischen Auseinandersetzungen im Schoß dieser Organisation und die politischen Ereignisse im Europa dieser Epoche, besonders die hegemoniale Rivalität zwischen Frankreich und Preußen einerseits, Rußland und Österreich andererseits, ständig in Atem hielten. Das Europa der Wiener Verträge war nunmehr eine bloße Fiktion, während auf der historischen Bühne zwei bedeutende Geschehnisse sich ereignet hatten: der Kampf um die nationale Befreiung und die Arbeiterbewegung. Vom rein begrifflichen Standpunkt schwer zu versöhnen, stellten der Kampf der Nationen und der Klassenkampf Marx und Engels vor Probleme theoretischer Entscheidung, deren Lösung sie in Widerspruch zu ihren eigenen revolutionären Prinzipien bringen mußte. Engels hatte es sich zur Spezialität gemacht, die Völker und Nationen danach zu differenzieren, je nachdem sie in seinen Augen das historische Recht auf nationale Existenz beanspruchen konnten oder nicht. Ihr historischer Realitätssinn hinderte sie daran, Proudhon auf dem Weg eines Föderalismus zu folgen, der in der Situation dieser Epoche ihnen sowohl als reine Abstraktion als auch als unreine Utopie erscheinen mußte; aber das Risiko war groß, einem Nationalismus zu verfallen, der mit dem für das moderne Proletariat angenommenen Universalismus nicht mehr vereinbar war.

Wenn Proudhon auch durch seine föderalistischen Bestrebungen einer anarchistischen Position näher zu sein scheint als Marx, so ändert sich das Bild, wenn man seine globale Auffassung derjenigen Reformen betrachtet, die zur Abschaffung des Kapitals und des Staates führen sollten. Die fast übertriebene Lobrede, deren Gegenstand Proudhon in der »Heiligen Familie« (1845) ist, darf uns nicht täuschen. Schon zu dieser Zeit war die theoretische Divergenz zwischen den beiden Denkern sehr weitgehend, und diese Lobrede galt dem französischen Sozialisten nur mit einer schwerwiegenden Einschränkung: die Proudhonsche Kritik des Eigentums ist dem bürgerlichen ökonomischen System immanent; so gültig sie auch sein mag, so stellt sie doch die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse des kritisierten Systems nicht grundsätzlich in Frage. Die ökonomischen Kategorien in der Proudhonschen Lehre sind im Gegenteil alle als theoretischer Ausdruck der Institutionen des Kapitals systematisch erhalten. Das Verdienst Proudhons liegt darin, die der ökonomischen Wissenschaft inhärenten Widersprüche entschleiert und die Unmoral der Moral und des bürgerlichen Rechts bewiesen zu haben; seine Schwäche liegt darin, die Kategorien und Institutionen der kapitalistischen Ökonomie angenommen und in seinem Verbesserungs- und Reformprogramm alle Instrumente bürgerlicher Klassenherrschaft und politischer Gewalt geschont zu haben:

Lohn, Kredit, Bank, Tausch, Preis, Wert, Profit, Zins, Steuer, Konkurrenz, Monopol. Zwar hat er es verstanden, die Dialektik der Negation in der Analyse des Rechts und des juristischen Systems anzuwenden, ist aber dann auf halbem Weg stehen geblieben, indem er es unterließ, seine kritische Methode der Negation auf die kapitalistische Ökonomie anzuwenden. Proudhon hat diese Kritik möglich gemacht, aber es war Marx, der sich darum bemühte, aus dieser neuen kritischen Methode ein Instrument im Kampf der Arbeiter gegen das Kapital und seinen Staat zu machen.

Während Proudhon die Kritik der Ökonomie und des bürgerlichen Rechts im Namen der Moral unternahm, vollzog Marx die Kritik der kapitalistischen Produktionsweise im Namen der proletarischen Ethik, deren Urteilskriterien einer ganz anderen Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft entliehen sind. Darum genügt es, das proudhonsche – besser: hegelsche – Prinzip in seiner ganzen logischen Strenge und bis zu seinen letzten Konsequenzen zu folgen: Die Gerechtigkeit, von der Proudhon träumt, wird nur durch die Negation des Rechts zu verwirklichen sein, ganz so wie auch die Philosophie nur durch die Negation der Philosophie verwirklicht werden kann, d.h. durch eine soziale Revolution, die es der Menschheit endlich erlaubt, gesellschaftlich zu werden, und der Gesellschaft, menschlich zu werden. Dies wird das Ende der Vorgeschichte der Menschheit und der Beginn des individuellen Lebens, die Geburt des völlig entfalteten Menschen mit universellen Fähigkeiten, die Ankunft des vielseitig entfalteten Menschen sein. Der realistischen Moral Proudhons, der die »gute Seite« der bürgerlichen Institution zu retten sucht, setzt Marx die Ethik einer Utopie entgegen, deren Forderungen von den Möglichkeiten abhängen, die die genügend entwickelte Wissenschaft und Technik bieten, um von nun an die materiellen Bedürfnisse der Menschengattung zu befriedigen. Einem Anarchismus, der die Pluralität der Klassen und sozialen Kategorien bejaht und die Arbeitsteilung ebenso preist wie er die von den Utopisten propagierte Assoziation befeindet, setzt Marx einen die sozialen Klassen und die Arbeitsteilung verneinenden Anarchismus entgegen, einen Kommunismus, der alles das zu seiner Sache macht, was im utopischen Sozialismus von einem modernen, seiner emanzipatorischen Rolle und seiner Rolle als Herr der Produktivkräfte bewußten Proletariat realisiert werden könnte. Und doch berufen sich diese beiden Typen des Anarchismus trotz der voneinander abweichenden Wege – besonders, wie wir sehen werden, in der unterschiedlichen Einschätzung der politischen Mittel –auf ein gemeinsames Ziel, wie das »Kommunistische Manifest« es in den folgenden Worten definiert:

»An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.« (MEW, Bd. 4, 5. 482)

III

Indem er sich weigerte, Küchenrezepte für die Kochtöpfe der Zukunft zu erfinden, hat Marx besseres getan – oder schlimmeres: Er wollte zeigen, daß eine historische Notwendigkeit, eine blinde Fatalität, die Menschheit in eine Krisensituation dränge, in der sie einem entscheidenden Dilemma die Stirn bieten müsse: entweder von den eigenen technischen Erfindungen vernichtet zu werden oder dank einer bewußten Praxis zu überleben, die sie dazu befähigt, mit all den Formen der Entfremdung und Knechtschaft zu brechen, die alle Phasen ihrer Geschichte gekennzeichnet haben. Allein dieses Dilemma ist verhängnisvoll, da die Wahl des Auswegs derjenigen sozialen Klasse überlassen bleibt, die jeden Grund hat, die bestehende Ordnung abzulehnen und eine von der alten Existenzweise vollkommen verschiedene zu begründen. Potentiell ist das Proletariat diese materielle und moralische Kraft, die fähig ist, diese heilsame und weltumspannende Aufgabe zu übernehmen. Diese potentielle Kraft kann sich jedoch erst verwirklichen, wenn die Zeit der Bourgeoisie reif ist, denn auch diese erfüllt eine historische Mission; wenn sie sich dessen nicht immer bewußt ist, nehmen es ihre Ideologen auf sich, sie an ihre zivilisatorische Rolle zu erinnern. Die Welt nach ihrer Vorstellung prägend, verbürgerlicht und proletarisiert die Bourgeoisie der industriell entwickelten Länder diejenigen Gesellschaften, die fortschreitend unter ihren politischen und ökonomischen Einfluß geraten. Vom Gesichtspunkt der proletarischen Interessen aus gesehen, sind ihre Eroberungsinstrumente, das Kapital und der Staat, ebenso sehr Knechtschafts- und Unterdrückungsmittel. Wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und demgemäß der kapitalistische Staat auf Weltebene effektiv etabliert sein werden, werden die internen Widersprüche des Weltmarktes die Grenzen der kapitalistischen Akkumulation enthüllen und denjenigen Zustand permanenter Krise hervorrufen, der die Grundlagen selbst der unterworfenen Gesellschaften gefährden und bedrohen wird bis hin zum puren Überleben der menschlichen Art. Die Stunde der proletarischen Revolution wird auf der ganzen Erde schlagen.

Eine wohl kaum verwegene Extrapolation hat uns genügt, um die letzte Konsequenz aus der von Marx im Hinblick auf die Enthüllung des ökonomischen Bewegungsgesetzes der modernen Gesellschaft benutzten dialektischen Methode ziehen zu können. Wir könnten diese abstrakte Übersicht durch Textverweise stützen, ausgehend von den methodischen Bemerkungen, die man in verschiedenen Marxschen Schriften aus verschiedenen Epochen entnehmen kann. Nichtsdestoweniger ist es richtig, daß die uns von Marx in seinen politischen Arbeiten am häufigsten angebotene Hypothese diejenige von der proletarischen Revolution in den Ländern ist, die eine lange Periode bürgerlicher Zivilisation und kapitalistischer Ökonomie hinter sich haben; sie soll den Anfang eines Entwicklungsprozesses anzeigen, der nach und nach den Rest der Welt umfaßt, nachdem die Beschleunigung des historischen Fortschritts dank den Wirkungen revolutionärer Osmose gesichert ist. Was die ins Auge gefaßte Hypothese auch sein mag, eines ist sicher: In Marx‘ Gesellschaftstheorie ist kein Platz für einen dritten revolutionären Weg derjenigen Länder, die, der historischen Erfahrung des entwickelten Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie beraubt, den Ländern mit langer kapitalistischer und bürgerlicher Vergangenheit den Weg der proletarischen Revolution zeigen würden.

Wir erinnern uns dieser elementaren Wahrheiten der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung mit ganz besonderer Dringlichkeit, weil die mit der russischen Revolution 1917 entstandene marxistische Mythologie wenig informierten Gemütern – und diese bilden die Legion – ein ganz anderes Bild des revolutionären Prozesses vermitteln konnte: die Menschheit sei in zwei Systeme der Ökonomie und Politik geteilt, nämlich in die von den ökonomisch entwickelten Ländern beherrschte Welt und in die sozialistische Welt, deren Modell UdSSR dank einer proletarischen Revolution den Rang einer großen industriellen Macht erreicht habe. In Wirklichkeit ist die Industrialisierung des Landes der Schaffung und Ausbeutung eines ungeheuren Proletariats zu danken und nicht dem Sieg und der Abschaffung desselben. Die Fiktion einer »Diktatur des Proletariats« ist Teil des Gedankenarsenals, welches die neuen Herren im Interesse ihrer eigenen Macht glaubhaft zu machen versuchten. Sechs Jahrzehnte nationalistischer und militärischer Barbarei lassen uns diese vergangenen und gegenwärtigen Mißgeschicke der universellen, marxistischen oder nicht-marxistischen Intelligenz verstehen, unter denen der Mythos der Oktoberrevolution großen Raum einnimmt.

Da wir diese Debatte hier nicht vertiefen können, beschränken wir uns darauf, unser Anliegen in Form einer Alternative zu präzisieren: entweder besitzt die materialistische Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung eine gewisse wissenschaftliche Gültigkeit – wovon Marx selbst natürlich überzeugt war –‚ und in diesem Falle ist die »sozialistische« Welt ein Mythos; oder aber die sozialistische Welt existiert wirklich, dann bedeutet das die totale und eindeutige Entwertung dieser Theorie. Bei der ersten Hypothese kann der Mythos der sozialistischen Welt vollkommen erklärt werden: es handelt sich um die Frucht einer von dem »ersten Arbeiterstaat« geschickt geführten ideologischen Kampagne, um seine wahre Natur zu verbergen; bei der zweiten würde die materialistische Theorie der sozialistischen Weltrevolution sich gewiß finden, aber die ethischen und utopischen Anliegen der Marxschen Lehre würden sich als realisiert erweisen. Anders ausgedrückt: als Wissenschaftler von der Geschichte zurückgewiesen, hätte Marx als Revolutionär triumphiert.

Der Mythos des »Realsozialismus« wurde hervorgebracht, um moralisch eines der mächtigsten Modelle von Klassen- und Ausbeutergesellschaft zu rechtfertigen, die die Geschichte jemals gekannt hat. Das Problem der Natur dieser Gesellschaft hat die in den Theorien, Lehren und Begriffen unterrichtetsten Köpfe, die alle zusammen das intellektuelle Erbe des Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus bilden, mit Erfolg in totale Verwirrung gestürzt. Aber von diesen drei Schulen – oder Orientierungen – der Bewegung der Ideen, die eine weitgehende Veränderung der menschlichen Gesellschaft anstreben, hat der Anarchismus diese Perversion am wenigsten erlitten: da er keine eigentliche Theorie der revolutionären Praxis entwickelt hat, hat er sich vor der politischen und ideologischen Pervertierung bewahren können, von der die anderen beiden Schulen betroffen sind.

Ebensosehr aus Träumen und Nostalgien entsprungen wie aus Verweigerung und Revolte, hat er sich als radikalste Kritik des Autoritätsprinzips in allen seinen Verhüllungen herausgebildet, und vor allem als solche ist er durch die materialistische Geschichtstheorie absorbiert worden. Diese beinhaltet im wesentlichen die Vorstellung von der historischen Evolution der Menschheit, die in progressiven Etappen von einem permanenten Zustand sozialer Antagonismen zu einer Existenzweise in sozialer Harmonie und individueller Entfaltung verläuft. Aber ebenso wie die von der anarchistischen Utopie überlieferte soziale Kritik ist das den radikalen und revolutionären vor-Marxschen Lehren gemeinsame Ziel wesentlicher Bestandteil des anarchistischen Kommunismus von Marx geworden. Mit ihm hat sich der utopische Anarchismus um eine neue Dimension bereichert: nämlich die des dialektischen Verständnisses der Arbeiterbewegung als die die ganze Menschheit umfassende ethische Selbstbefreiung. Es war unvermeidlich, daß die durch das dialektische Element in einer Theorie mit wissenschaftlichen, sogar mit naturwissenschaftlichen Ansprüchen hervorgerufene intellektuelle Spannung eine fundamentale Zweideutigkeit verursachen mußte, von der Marx‘ Lehre und Aktivität unauslöschlich geprägt sind. Ebenso Parteimann wie Theoretiker hat Marx in seiner politischen Tätigkeit nicht immer die Harmonie zwischen Zielen und Mitteln des anarchistischen Kommunismus erstrebt. Aber obwohl er als Kämpfer manchmal versagt hat, bleibt Marx dennoch der Theoretiker des Anarchismus. Man ist also berechtigt, auf seine eigene Theorie die ethische These anzuwenden, die er bezüglich Feuerbachs Materialismus formuliert hat (1845):

»Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, das heißt die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.« (MEW, BD. 3, 5. 533)

IV

Die Negation des Staates und des Kapitalismus durch die zahlreichste und ärmste Klasse erscheint bei Marx als ethischer Imperativ, bevor sie dialektisch als eine historische Notwendigkeit nachgewiesen wird. Sein erster Schritt bei der kritischen Einschätzung der Ergebnisse der Französischen Revolution gleicht einer entscheidenden Wahl, die Wahl des Zieles, das jeder Mensch erstreben müsse: die menschliche Emanzipation als Aufhebung der politischen Emanzipation. Auch der freieste politische Staat – für den nur die Vereinigten Staaten von Amerika ein Beispiel sind – macht den Menschen zum Sklaven, da er sich als Vermittler zwischen den Menschen und seine Freiheit stellt, so wie Christus, dem der religiöse Mensch seine eigenen Divinität aufbürdet. Politisch emanzipiert, nimmt der Mensch illusionär an einer imaginären Souveränität teil; als souveränes Wesen im Genuß der Menschenrechte führt er eine doppelte Existenz, die des Staatsbürgers und Mitglieds der politischen Gemeinschaft und die des besonderen Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, eine himmlische und eine weltliche Existenz. Als Staatsbürger ist er frei und souverän in den Himmeln der Politik, diesem universellen Königtum der Gleichheit; als Mensch ist er erniedrigt, und er entwürdigt sich selbst im wirklichen Leben, im bürgerlichen Leben. Er ist jetzt der Spielball fremder materieller und moralischer Mächte wie der Institutionen des Privateigentums, der Kultur, der Religion etc. Die vom politischen Staat getrennte bürgerliche Gesellschaft ist die Sphäre des Egoismus, des Krieges aller gegen alle, der Trennung des Menschen vom Menschen. Nicht durch die Sicherung der Religionsfreiheit befreit die politische Demokratie den Menschen von der Religion; sie befreit ihn ebenso wenig vom Eigentum durch die Garantie des Eigentumsrechts. Ebenso erhält sie die Sklaverei und den Berufsegoismus durch die Gewährung der Berufsfreiheit für alle. Denn die bürgerliche Gesellschaft ist die Welt des Handels und des Gewinns, die Herrschaft des Geldes, dieser universellen Macht, die sich die Politik, also den Staat, unterworfen hat.

Dies ist zusammengefaßt die Ausgangsthese von Marx: als Kritik des Staates und des Kapitals zeugt sie eher von einem anarchistischen Denken als von irgendeinem Sozialismus oder Kommunismus. Sie ist noch nicht wissenschaftlich, aber sie beruft sich implizit auf eine ethische Auffassung des menschlichen Schicksals und nährt sich von ihr, indem sie die Forderung nach Vollendung zur historisch gegebenen Zeit aufstellt. Deshalb bestimmt sie, ohne sich auf die Kritik der politischen Emanzipation zu beschränken – die den Menschen auf eine egoistische Monade und einen abstrakten Staatsbürger reduziert –‚ sowohl das zu erreichende Ziel als auch das Mittel zu seiner Verwirklichung:

»Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine 'forces propres' als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.« (Zur Judenfrage, MEW, Bd. 1, S. 370)

Ausgehend vom »Contract Social« Rousseaus, des Theoretikers des abstrakten Staatsbürgers und Vorläufers von Hegel, hat Marx seinen eigenen Weg gefunden. Indem er die von beiden Denkern vertretene Art der politischen Entfremdung verwarf, gelangte er zur Vision einer menschlichen und gesellschaftlichen Emanzipation, die das Individuum in der Vollständigkeit seiner Fähigkeiten und der Totalität seines Wesens wiederherstellen sollte. Partielle Ablehnung deswegen, weil sie als historische Etappe nicht verschwinden oder durch einen Willensakt abgeschafft werden kann. Die politische Emanzipation ist ein »großer Fortschritt«, sie ist sogar die letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb des bestehenden Systems, und als solche könnte sie als Mittel dienen, diese Ordnung umzuwälzen und die Etappe der wahren menschlichen Emanzipation einzuleiten. Dialektisch-antinomisch harmonisieren Ziel und Mittel ethisch in dem Bewußtsein des modernen Proletariats, das so der Träger und das historische Subjekt der Revolution wird. Als Klasse, die alle Übel der Gesellschaft in sich konzentriert und ihr notorisches Verbrechen verkörpert, besitzt das Proletariat einen universellen Charakter aufgrund seines universellen Elends. Es kann sich nicht emanzipieren, ohne alle Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren, und indem es die Postulate dieser emanzipatorischen Ethik verwirklicht, schafft es sich als Proletariat ab.

Wo Marx die »Philosophie« als »Kopf« und intellektuelle Waffe der menschlichen Emanzipation beanspruchte, von der das Proletariat das »Herz« sei, ziehen wir es vor, von Ethik zu sprechen, um dadurch anzudeuten, daß es sich nicht um metaphysische Spekulation handelt, sondern um ein Existenzproblem: es kommt darauf an, die Welt zu verändern, indem man ihr urpsrünglich menschliches Gesicht wieder herstellt, nicht indem man ihre Karikatur interpretiert. Keine spekulative Philosophie bietet dem Menschen eine Lösung für seine Existenzprobleme, so daß Marx kraft einer normativen Ethik urteilte und nicht mit Bezug auf eine Geschichtsphilosophie oder soziologische Theorie, als er die Revolution in den Rang eines kategorischen Imperativs erhob. Nur eine einzige Wissenschaft konnte nun das Interesse von Marx wecken, der sich auf die rein ethische Forderung nach der Wiederherstellung der Menschen und Gesellschaften weder beschränken konnte noch wollte: die Wissenschaft von der Produktion der Existenzmittel nach dem Gesetz des Kapitals.

Marx unternahm also das Studium der politischen Ökonomie als Kampfmittel für die Sache, der er von nun an sein ganzes Leben widmete. Was bisher nur eine visionäre Intuition und eine ethische Entscheidung war, wurde nun zur Theorie der ökonomischen Entwicklung und zur Erforschung der sozialen Bedingtheiten. Aber es war ebenfalls aktive Teilnahme an der sozialen Bewegung, dazu berufen, die aus den Lebensbedingungen des industriellen Proletariats sich ergebenden Imperative und Normen in die Praxis umzusetzen. Die Theorie einer Gesellschaft ohne Staat, ohne Klassen, ohne Geld als Tauschmittel, ohne religiösen und intellektuellen Terror, bedingt eine kritische »Anatomie« der kapitalistischen Produktionsweise, ebenso wie es die enthüllende Analyse des Evolutionsprozesses implizierte, der in aufeinanderfolgenden Etappen in den kommunistischen und anarchistischen Gesellschaftstypen enden sollte. Er schrieb später: »Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – (...) –‚ kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.« (Kapital – Vorwort, MEW, Bd. 23, S. 15f.)

Im ganzen gesehen verwandte Marx all seine Kraft darauf, das wissenschaftlich nachzuweisen, wovon er intuitiv bereits überzeugt war und was ihm ethisch notwendig erschien. Und schon im ersten Entwurf einer Kritik der politischen Ökonomie betrieb er die Analyse des Kapitals als Verfügungsgewalt über die Arbeit und ihre Produkte unter soziologischem Gesichtspunkt – der Kapitalist besitzt diese Macht nicht dank seiner persönlichen oder menschlichen Qualitäten, sondern als Kapitaleigentümer. Lohnarbeit ist Sklaverei, und jede autoritäre Lohnerhöhung ist nichts anderes als eine bessere Entlohnung von Sklaven. ‚Ja selbst die Gleichheit der Saläre, wie sie Proudhon fordert, verwandelt nur das Verhältnis des jetzigen Arbeiters zu seiner Arbeit in das Verhältnis aller Menschen zur Arbeit. Die Gesellschaft wird dann als abstrakter Kapitalist gefaßt.« (Pariser Manuskripte, S. 61)

Ökonomische Sklaverei und politische Knechtschaft gehen Hand in Hand. Die politische Emanzipation, die Anerkennung der Menschenrechte durch den modernen Staat haben dieselbe Bedeutung wie die Anerkennung der Sklaverei durch den antiken Staat (vgl. Heilige Familie, MEW, Bd. 2). Als Sklave einer Lohnarbeit ist der Arbeiter ebenso Sklave seines eigenen egoistischen Bedürfnisses wie Sklave fremder Bedürfnisse. Im demokratischen Repräsentativstaat entgehen die Menschen der politischen Knechtschaft nicht mehr als in der konstitutionellen Monarchie. »In der modernen Welt ist jeder gleichzeitig Mitglied der Sklaverei und der Gemeinschaft« (ebd.), obwohl dem Anschein nach die Knechtschaft der bürgerlichen Gesellschaft das Maximum an Freiheit ist. Allgemein als Garanten der individuellen Freiheit angesehen, sind Eigentum, Industrie, Religion in Wirklichkeit Institutionen, die diesen Zustand der Knechtschaft verewigen. Robespierre, Saint-Just und ihre Anhänger sind gescheitert, weil sie die antike, auf wirkliche Sklaverei aufgebaute Gesellschaft mit dem modernen Repräsentativstaat verwechselt haben, der auf der emanzipierten Sklaverei beruht, nämlich auf der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer universellen Konkurrenz, ihren entfesselten Privatinteressen, ihrem entfremdeten Individualismus. Napoleon, der die Natur des modernen Staates und die bürgerliche Gesellschaft vollkommen begriffen hat, hat sich darin gefallen, den Staat als Selbstzweck und das bürgerliche Leben als Instrument seiner politischen Ambitionen zu verstehen. Um den Egoismus der französischen Nation zu befriedigen, hat er den permanenten Krieg an die Stelle der permanenten Revolution gesetzt.

Seine Niederlage bedeutet den Sieg der liberalen Bourgeoisie, die 1830 endlich ihre Träume von 1789 verwirklichte, indem sie aus dem konstitutionellen Repräsentativstaat den offiziellen Ausdruck ihrer ausschließlichen Gewalt und ihrer besonderen Interessen machte.

Das Problem des Bonapartismus hat Marx als ständigen Beobachter der französischen Gesellschaft und ihrer politischen wie ökonomischen Entwicklung immer beschäftigt. Er war überzeugt, daß die Französische Revolution die klassische Periode des politischen Geistes darstellte und daß die bonapartistische Tradition sozusagen eine Konstante der Innen- und Außenpolitik Frankreichs war. Von hier aus ist er auch dazu gelangt, eine Theorie des modernen Caesarismus zu entwerfen, die seine anfängliche anarchistische Vorstellung nicht modifiziert, wenn sie zum Teil auch den methodischen Prinzipien seiner Staatstheorie zu widersprechen scheint. Denn gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem er sich anschickte, die Grundlagen seiner materialistischen Geschichtstheorie zu legen, hat er diese Staatsauffassung formuliert, die ihn als Vertreter des radikalsten Anarchismus ausweist. »Die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich. (...) Je mächtiger der Staat ist, je politischer daher ein Land ist, um so weniger ist es geneigt, im Prinzip des Staates, also in der jetzigen Einrichtung der Gesellschaft, deren tätiger, selbstbewußter und offizieller Ausdruck der Staat ist, den Grund der sozialen Gebrechen zu suchen (...).« (Vorwärts 1844. MEW, Bd. 1, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, S. 401 f.)

Das Beispiel der Französischen Revolution schien ihm Beweis genug für die Ausführung einer These, die der politischen Soziologie, wie er sie bald in der »Deutschen Ideologie« sowie in seinen Reflexionen über das Zweite Kaiserreich und über die Kommune von 1871 umreissen sollte, nur teilweise entspricht. »Weit entfernt, im Prinzip des Staats die Quelle der sozialen Mängel zu erblicken, erblicken die Heroen der Französischen Revolution vielmehr in den sozialen Mängeln die Quellen politischer Übelstände. So sieht Robespierre in der großen Armut und dem großen Reichtum nur ein Hindernis der reinen Demokratie. Er wünscht daher eine allgemeine spartanische Frugalität zu etablieren. Das Prinzip der Politik ist der Wille.« (ebd.)

Als Marx 27 Jahre später aus Anlaß der Pariser Kommune zu den historischen Ursprüngen des durch den bonapartistischen Staat verkörperten politischen Absolutismus zurückkehrte, sah er in der Zentralisierungstendenz der Französischen Revolution die Fortführung der monarchistischen Traditionen: »Die zentralisierte Staatsmaschinerie, die mit ihren allgegenwärtigen und verwickelten militärischen, bürokratischen, geistlichen und gerichtlichen Organen die lebenskräftige bürgerliche Gesellschaft wie eine Boa constrictor umklammert (umstrickt), wurde zuerst in den Zeiten der absoluten Monarchie als Waffe der entstehenden modernen Gesellschaft in ihrem Kampf um die Emanzipation vom Feudalismus geschmiedet. (...) Die erste Französische Revolution mit ihrer Aufgabe, die nationale Einheit zu begründen (eine Nation zu schaffen), (...) war daher gezwungen, das zu entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte, die Zentralisation und Organisation der Staatsmacht, um den Umfang und die Attribute der Staatsmacht, die Zahl ihrer Werkzeuge, ihre Unabhängigkeit und ihre übernatürliche Gewalt über die wirkliche Gesellschaft auszudehnen (...). Jedes geringfügige Einzelinteresse, das aus den Beziehungen der sozialen Gruppen hervorging, wurde von der Gesellschaft selbst getrennt fixiert und von ihr unabhängig gemacht und ihr in der Form des Staatsinteresses, das von Staatspriestern mit genau bestimmten hierarchischen Funktionen verwaltet wird, entgegengesetzt.« (1. Entwurf zum »Bürgerkrieg«, MEW, Bd. 17, S. 539)

Diese leidenschaftliche Denunziation der Staatsmacht faßt die ganze Anstrengung der Untersuchung und der kritischen Reflexion zusammen, wie Marx sie in diesem Bereich seit der Auseinandersetzung mit der moralischen und politischen Philosophie Hegels über die Periode der Ausarbeitung der materialistischen Geschichtstheorie und die 15 Jahre des freien professionellen Journalismus unternahm, ohne die intensive Aktivität im Schoß der Arbeiter-Internationale zu vergessen. Die Kommune scheint für Marx die Gelegenheit gewesen zu sein, seine jüngste Meinung über das Problem zu äußern, dem er eines der sechs Bücher seiner »Ökonomie« vorbehalten hatte, und die Konturen jener freien Assoziation freier Menschen zu zeichnen, deren Ankunft das »Kommunistische Manifest« verkündet hatte: »Daher war die Kommune nicht eine Revolution gegen diese oder jene – legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder kaiserliche – Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Wiederbelebung durch das Volk und des eigenen gesellschaftlichen Lebens des Volkes.« (ebd., 5. 541)

V

Im Vergleich der Art und Weise der Emanzipation der Leibeigenen unter dem Feudalregime mit der der modernen Arbeiter merkte Marx an, daß im Gegensatz zu den Proletariern die Leibeigenen von sich aus nur die dargebotenen Existenzbedingungen entwickeln konnten und deshalb nur zur »freien Arbeit« gelangen konnten; dagegen müßten die Proletarier ihre eigenen Lebensbedingungen abschaffen, um sich individuell zu bestätigen, und da diese mit der Lebensbedingung der ganzen Gesellschaft identisch seien, führe dies zur Abschaffung der Lohnarbeit. Und er fügte denjenigen Satz hinzu, der ihm von nun an sowohl in seiner literarischen Tätigkeit als auch in seiner Aktion als kämpferischer Kommunist als Leitmotiv dienen sollte: »Sie befinden sich daher auch im direkten Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft sich bisher einen Gesamtausdruck gaben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.« (Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 77)

Diese Formulierung, die dem Anarchismus von Bakunin viel näher ist als dem von Proudhon, ist weder die Frucht eines Augenblicks leidenschaftlicher Unüberlegtheit noch die Geste eines Politikers, der vor einer Arbeiterversammlung feierliche Reden hält. Sie ist als revolutionäres Postulat nur die logische Konklusion einer ganzen theoretischen Entwicklung, die darauf ausgerichtet war, die »historische Notwendigkeit« der anarchistischen Gemeinschaft zu beweisen. Das heißt, daß die Ankunft der »menschlichen Gesellschaft« sich nach der Marxschen Theorie in einem langen historischen Prozeß ankündigt. Schließlich entsteht eine soziale Klasse, die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der industriellen Gesellschaften darstellt und die als solche eine schöpferische revolutionäre Aufgabe übernehmen kann. Um die Logik dieser Entwicklung zu zeigen, hat Marx versucht, eine Kausalität zwischen wissenschaftlichem Fortschritt – vor allem der Naturwissenschaften – und den politischen und rechtlichen Institutionen einerseits und dem Zustand der antagonistischen sozialen Klassen andererseits herzustellen. Im Gegensatz zu Engels meinte Marx nicht, daß sich die revolutionäre Umwälzung nach dem Vorbild der vergangenen Revolutionen als eine Sintflut vollziehen würde, die Menschen, Dinge und Bewußtsein zermalmt. Mit dem Entstehen des modernen Arbeiters hat die menschliche Gattung den Zyklus ihrer wahren Geschichte begonnen; sie hat den Weg der Vernunft beschritten und ist dazu fähig geworden, ihre Träume zu realisieren und ihr Geschick ihren schöpferischen Fähigkeiten entsprechend zu gestalten. Die Errungenschaften der Wissenschaft und Technologie haben diesen Ausgang ermöglicht, aber das Proletariat mußte intervenieren, damit die Bourgeoisie und ihr Kapital diese sich vollziehende Evolution nicht in den Abgrund stürzten.

»Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andere Menschen oder durch seine eigene Niedertracht unterjocht.« (Rede auf der Jahresfeier des »People‘s Paper« am 14. April 1856 in London. MEW, Bd. 12, S. 3 f.)

Die proletarische Revolution hat also nichts von einem beschränkten Abenteuer an sich; sie wird ein universelles Unterfangen sein, das gemeinsam von der überwältigenden Mehrheit der Gesellschaft unternommen wird, die sich der Notwendigkeit und Möglichkeit einer vollkommenen Wiederherstellung der Menschheit bewußt geworden ist. Da die Geschichte Weltmaßstab angenommen hat, dehnt sich die Gefahr der Unterwerfung durch das Kapital und seinen Markt über die ganze Erde aus; als Gegenschlag müssen ein Massenbewußtsein und ein Massenwille auftreten, die ganz auf eine tiefe und universelle Veränderung der menschlichen Beziehungen und der sozialen Institutionen ausgerichtet sind. Seitdem die Gefahr einer Barbarei im Weltmaßstab das Überleben der Menschen bedroht, sind die kommunistischen und anarchistischen Träume und Utopien die geistige Quelle der vernünftigen Pläne und praktischen Reformen geworden, die dazu geeignet sind, der menschlichen Gattung den Geschmack am Leben nach Vernunftnormen und nach den Normen eines auch auf die Erneuerung des menschlichen Schicksals gerichteten Denkens zu vermitteln.

Man geht nicht vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit über, wie Engels meinte, und es wird keine direkte Umwandlung des Kapitalismus in den Anarchismus geben. Die von der kapitalistischen Produktionsweise verursachte ökonomische und soziale Barbarei kann nicht nach einer politischen Revolution verschwinden, die durch eine Elite von Berufsrevolutionären vorbereitet wurde, die vorgeben, im Namen und zugunsten der Mehrheit der Ausgebeuteten und Entfremdeten zu handeln und zu denken. Das Proletariat, das sich unter den Bedingungen der bürgerlichen Demokratie als Klasse und Partei konstituiert, befreit sich selbst, indem es diese Demokratie besiegt: es macht aus der allgemeinen Wahl, die gestern noch ein ‘,Täuschungsinstrument‘ war, ein Mittel der Emanzipation. Eine Klasse, die die ungeheure Mehrheit der modernen Gesellschaft darstellt, entfremdet sich politisch nur, um über die Politik zu triumphieren, und erobert die Staatsmacht nur, um sie gegen die ehemals herrschende Minderheit anzuwenden. Die Eroberung der politischen Macht ist von Natur aus ein bürgerlicher Akt; sie verwandelt sich nur durch die revolutionäre Zielsetzung, die ihr die Urheber dieser Umwälzung verleihen, in eine proletarische Aktion. Dies ist der Sinn dieser historischen Periode, die Marx sich nicht gescheut hat, »Diktatur des Proletariats« zu taufen, gerade um die Differenz zu der von einer Elite ausgeübten Diktatur genau zu kennzeichnen, nämlich zur Diktatur im jakobinischen Sinne des Ausdrucks. Sicher konnte Marx, der sich das Verdienst zusprach, das Geheimnis der historischen Entwicklung der Produktions- und Herrschaftsweisen entdeckt zu haben, nicht vorhersehen, daß seine Lehre von Berufsrevolutionären und anderen politischen Leuten usurpiert werden würde, die sich selbst das Recht verliehen, die Diktatur des Proletariats zu personifizieren. Denn Marx sah diese Form der Übergangsgesellschaft nur für die Länder vor, deren Proletariat in der Lage war, von der bürgerlichen Demokratie zu profitieren, um seine eigenen Institutionen zu schaffen und sich als herrschende Klasse der Gesellschaft zu konstituieren. Verglichen mit den zahlreichen Jahrhunderten von Gewalt und Korruption, die der Kapitalismus benötigte, um die ganze Erde zu beherrschen, sollte die Dauer des Übergangsprozesses vor der anarchistischen Gesellschaft umso kürzer sein und umso weniger Gewalt kennen, als die Akkumulation des Kapitals und die Konzentration staatlicher Macht die Masse des Proletariats der numerisch schwachen Bourgeoisie entgegensetzen würde:

»Die Verwandlung des auf eigener Arbeit der Individuen beruhenden, zersplitterten Privateigentums in kapitalistisches ist natürlich ein Prozeß, ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des tatsächlichen bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.« (Kapital. MEW, Bd. 23, 5. 791)

Marx hat keine detaillierte Theorie des Übergangs ausgearbeitet, und man stellt bemerkenswerte Unterschiede zwischen den verschiedenen theoretischen und praktischen Schritten fest, die in seinem ganzen Werk verstreut sind. Dennoch bleibt über diesen Unterschieden, besonders diesen widersprüchlichen Behauptungen, ein Grundlagenprinzip soweit intakt und konstant, daß es die kohärente Rekonstruktion einer solchen Theorie erlaubt. Und vielleicht enthüllt sich gerade an diesem Punkt der Mythos der Begründung des »Marxismus« durch Marx und Engels in seiner ganzen Naivität. Während der erste aus dem Postulat der proletarischen Selbsttätigkeit das Kriterium jeder wahrhaften Klassenaktion und jedes wahrhaften politischen Siegs machte, hat der zweite, besonders nach dem Tod seines Freundes, die beiden Elemente der Herausbildung der Arbeiterbewegung, die Klassenaktion – die Selbsttätigkeit – des Proletariats einerseits und die Politik der Partei andererseits schließlich getrennt. Marx meinte, daß mehr noch als jede isolierte politische Aktion die kommunistische und anarchistische Selbsterziehung integraler Bestandteil der revolutionären Aktivität der Arbeiter sei. Ihnen lastete er es auf, sich zur Eroberung und Ausübung der politischen Macht als Widerstandsmittel gegen die Versuche der Bourgeoisie, ihre Macht zurückzugewinnen, zu befähigen. Das Proletariat muß sich vorübergehend und bewußt als materielle Kraft konstituieren, um sein Recht und sein Vorhaben zu verteidigen, die Gesellschaft durch die fortschreitende Verwirklichung der menschlichen Gemeinschaft zu verändern. Im Kampf um die Behauptung als Kraft der Aufhebung und der Neuschaffung übernimmt die Arbeiterklasse – die »von allen Produktivkräften die größte produktive Macht« ist – das dialektische Vorhaben einer schöpferischen Negation; sie übernimmt das Risiko politischer Entfremdung, um die Politik überflüssig zu machen. Ein solches Vorhaben hat weder mit der zerstörerischen Leidenschaft eines Bakunin noch mit der anarchistischen Apokalypse eines Coeurderoy etwas gemein. Der revolutionäre Ästhetizismus hatte in diesem politischen Plan keinen Platz, der dazu berechnet war, die wirkungsvolle Oberhoheit der unterdrückten und ausgebeuteten Massen triumphieren zu lassen. In den Augen von Marx konnte die Arbeiter-Internationale diese Kampforganisation werden, die die Macht der Zahl und den revolutionären Geist vereinigte, was der Proudhonsche Anarchismus ganz anders verstand. Indem er sich der IAA anschloß, hatte Marx die Position nicht aufgegeben, die 1847 gegen Proudhon einnahm, als es darum ging, einen antipolitischen, von einer politischen Bewegung zu verwirklichenden Anarchismus zu definieren:

»Heißt dies, daß es nach dem Sturz der alten Gesellschaft eine neue Klassenherrschaft geben wird, die in einer neuen politische Gewalt gipfelt? Nein. (...) Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist. Inzwischen ist der Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie ein Kampf von Klasse gegen Klasse, ein Kampf, der, auf seine höchsten Ausdruck gebracht, eine totale Revolution bedeutet. (»... Man sage nicht, daß die gesellschaftliche Bewegung die politisch ausschließt. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine gesellschaftliche wäre. Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassengegensatz gibt werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politisch Revolutionen zu sein.« (Das Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, 5 181 f.)

Marx´Äußerung ist hier von einem gegen jede idealistische Interpretation gerichteten Realismus gekennzeichnet. Diese Abhandlung über die Zukunft muß man offensichtlich als die Formulierung eines normativen Entwurfs verstehen, der die Arbeiter dazu veranlassen soll, auch im politischen Kampf revolutionär zu handeln. »Das Proletariat ist revolutionär, oder es ist nicht.« Das ist die Sprache eines Denkers, dessen unerbittliche Dialektik es im Gegensatz zu der eines Proudhon oder eines Stirner ablehnt, durch den systematischen Rekurs auf das grundlose Paradoxon und verbale Hysterie zu verblenden. Und wenn in dieser demonstrativen Dialektik der Ziele und Mittel nicht alles festgelegt ist und es nicht sein kann, so ist ihr Verdienst zumindest, die Opfer der entfremdeten Arbeit angeregt zu haben, sich selbst zu begreifen und zu erziehen, um gemeinsam ein großes Werk kollektiver Kreation zu wagen. In diesem Sinn bleibt Marx‘ Appell aktuell trotz des triumphierenden Marxismus und sogar wegen dieses mythologischen Triumphes.

Aus diesen notwendig summarischen Bemerkungen folgt, daß Marx‘ Gesellschaftstheorie sich ausdrücklich als Versuch objektiver Analyse einer historischen Bewegung darstellt und nicht als der moralische oder politische Code einer revolutionären Praxis, die ein Ideal gesellschaftlichen Lebens verwirklichen will; als Enthüllung des Gegenstände und Individuen umfassenden Entwicklungsprozesses und nicht als Doktrin von Normen zum Gebrauch von Parteien und Eliten, die nach der Macht trachten. Dennoch ist dies nur der äußerliche und anerkannte Aspekt dieser Theorie, die einer doppelten konzeptionellen Bahn folgt. Die eine besitzt eine rigorose deterministische Orientierung, die andere richtet sich frei auf das imaginäre Ziel einer anarchistischen Gesellschaft.

»Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat.« (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. MEW, Bd. 8, S. 117)

Die Vergangenheit ist die unheilbare Notwendigkeit, und der mit allen Instrumenten der Analyse bewaffnete Beobachter ist in der Lage, die Verkettung der wahrgenommenen Phänomene zu erklären. Aber wenn es auch vergeblich ist, aus ihr die Erfüllung aller Träume zu erhoffen, so könnte die Zukunft den Menschen wenigstens das Ende der Institutionen bringen, die ihr Leben auf einen permanenten Zustand der Knechtschaft in allen sozialen Bereichen reduziert haben. Dies ist, grob skizziert, die Verbindung zwischen der Theorie und der Utopie in der Lehre von Marx, der sich förmlich Anarchist nannte, als er schrieb: »Alle Sozialisten verstehen unter Anarchie dieses: Ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung, die Abschaffung der Klassen erreicht, so verschwindet die Gewalt des Staates, (...) und die Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache Verwaltungsfunktionen.« (Die angeblichen Spaltungen in der Internationale. MEW, Bd. 18, S. 50)

Post-Scriptum

Im Jahr des 100. Todestages von Marx bedürfte der vorangegangene Essay, vor 10 Jahren veröffentlicht, eine Überarbeitung im Hinblick auf die Bekräftigung der zentralen These: der Begründung einer politischen Theorie des Anarchismus durch Marx.[1] Wenn man von der traditionellen Kritik rein phraseologischen Charakters abstrahiert, dessen Objekt diese Theorie von Seiten anarchistischer und libertärer Ideologen ist, muß man zugeben, daß die wirkliche Debatte über die Übergangsweisen der vom Kapital und Staat beherrschten Gesellschaften noch gar nicht angefangen hat. Am häufigsten ist der Verbalismus in den beiden Lagern – dem anarchistischen und dem marxistischen – angesiedelt, ohne daß die Lehre des Hauptbeteiligten wirklich in Betracht gezogen wird. Die alleinige Tatsache, daß fast alle »politischen« Resolutionen, die von Marx für die aufeinanderfolgenden Kongresse der Arbeiter-Internationalen abgefaßt worden waren, die volle Zustimmung aller Delegierten erhielten, genügt jedoch, um die Nichtigkeit der sogenannten antiautoritären Kritiken zu erkennen. In Wirklichkeit waren die »AntiAutoritären« nicht weniger »Marxisten« als ihre Gegner, denn, als sie für diese Resolutionen stimmten, deren Autor sie vielleicht nicht kannten, würdigten sie die »Autorität« des letzteren.[2] Und was soll man zur einstimmigen Annahme der Adresse über den Bürgerkrieg in Frankreich durch die Delegierten sagen, wo das »wahre Geheimnis der Natur der Kommune in folgenden Begriffen enthüllt wird:

»Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.«[3].

Wie soll man nicht über eine immer noch blühende »anti-autoritäre« Phraseologie erstaunt sein, wenn man weiß, daß diese Auffassung vom politischen Charakter der Kommune von den Adepten Proudhons wie denen Bakunins ohne Vorbehalt geteilt wurde. Letzterer gab sich kurze Zeit darauf alle Mühe, unter seinen Kampfgefährten Schmähschriften zu verbreiten, wo Marx als »Repräsentant des deutschen Denkens« behandelt wird, als »deutscher Jude«, als »Chef der autoritären Kommunisten Deutschlands« mit Allüren eines »Messias-Diktators« eines fanatischen Anhängers des »Pangermanismus«[4]. Was soll man sagen über diese »pièces justificatives«, wo Marx einerseits beschrieben wird als ein »tiefer Ökonom ...‚ der leidenschaftlich der Sache des Proletariats ergeben ist‚ als »Haupt-Initiator und -Inspirator der Gründung der Internationalen« und andererseits als ein Doktrinär, der »soweit gekommen ist, sich ernsthaft als Papst des Sozialismus oder eher des Kommunismus anzusehen«? Er ist »durch seine ganze Theorie hindurch ein autoritärer Kommunist, der wie Mazzini [...] die Emanzipation des Proletariats durch die zentralisierte Macht des Proletariats will.« Was soll man von einem »Anarchisten« oder einem »revolutionären Kommunisten« halten, der glaubt und behauptet, daß der Jude Marx von einer »Horde kleiner Juden« umgeben sei, daß »diese ganze jüdische Welt«, »ein Volk von Blutegeln«, »eng organisiert sei [...] über alle Unterschiede der politischen Meinungen hinweg«, daß es »zum Großteil zur Disposition von Marx auf der einen und Rothschild auf der anderen Seite«[5] sei? Wie soll man einen »Anarchismus« ernstnehmen, der – dem Wesen und dem Anspruch nach »anti-autoritär« – Marx selbst das glorreiche Verdienst zuschreibt, »die so schönen und so tiefen Beweggründe der Statuten« ausgearbeitet zu haben und »den instinktiven, einheitlichen Bestrebungen des Proletariats fast aller Länder Europas Gestalt verliehen zu haben, indem er in den Jahren 1863-1864 die Idee der Internationalen entworfen und deren Einrichtung vorgeschlagen hatte«, wobei sie vergaßen oder vorgaben zu vergessen, daß die Charta der Internationalen ohne weiteres ein politisches Dokument war, ein Manifest, das dem politischen Kampf der hervorbringenden Klasse den Charakter eines kategorischen Imperativs als absolute Bedingung und unzweifelhaftes Mittel der Emanzipation der Menschheit verlieh[6]?

Es war nicht Marx, es war Bakunin, der das Prinzip der Befreiung »von oben nach unten« praktizierte und die Bildung einer zentralisierten und geheimen Autorität anpries, einer Elite, die zur Aufgabe hatte, eine »kollektive und unsichtbare Diktatur« auszuüben, um die »wohl geführte Revolution« Siegen zu lassen[7]. Vertrauend auf die reale Bewegung der Arbeiter, betonte Marx die Bedeutung der Gewerkschaften, der Kooperativen und der politischen Parteien als Gründungen »von unten nach oben«, während Bakunin, der dabei meisterhaft genau die Karriere von Mazzini nachzeichnete, dem Held der Feldzüge am Rande des wirklichen Lebens der Massen, für die italienischen Revolutionäre, die dazu aufgerufen hatten, »eine große Volksrevolution« zu organisieren, einen Aktionsplan entwarf, um die »notwendigerweise« föderalistischen und sozialistischen Bauern aufzuwiegeln und zu revolutionieren. Das Programm sah die Schaffung einer »aktiven und mächtigen Partei« vor, die in Wirklichkeit nichts anderes sein sollte als eine Avantgarde, die parallel mit den Mazzinianern marschierte, sich aber wohl hütete, sich mit ihnen zu verbünden, und die darauf achtete, daß sie nicht in diese neue Partei eindrängen usw. Es war nicht Marx, der angesichts der Verfolgung durch Regierung und Polizei, deren Opfer die Internationale in allen europäischen Ländern war, die Schaffung von »Kernen inmitten der Sektionen« vorschlug, die aus den sichersten, den zuverlässigsten, den intelligentesten und den energischsten, in einem Wort, den vertrautesten Mitgliedern bestehen sollten und die die »doppelte Aufgabe« hatten, »die inspirative und lebendige Seele dieses immensen Körpers zu sein, den man die Internationale Assoziation der Arbeiter nennt, in Italien wie anderswo[...]. Sie werden die notwendige Brücke bilden zwischen der Propaganda der sozialistischen Theorien und der revolutionären Praxis«. Es war nicht Marx, der den so rekrutierten Italienern empfahl, eine »geheime Allianz« zu bilden, die »in ihrem Innern nur eine sehr kleine Anzahl von Individuen akzeptiert, die sichersten, die zuverlässigsten, die intelligentesten, die besten, denn in dieser Art von Organisationen ist es nicht die Quantität, es ist die Qualität, die man suchen muß«; man müßte nicht die Mazzinianer nachahmen und »Soldaten rekrutieren, um kleine Geheimarmeen zu bilden, die fähig sind, Überraschungsangriffe zu wagen«, denn für die Volksrevolution ist das Volk die Armee. Es war nicht Marx, der anregte, »Generalstäbe« zu bilden, »ein von den Chefs der Volksbewegung wohlorganisiertes und wohlinspiriertes Netz«, eine Organisation, für die »es überhaupt nicht notwendig ist, eine große Anzahl von Individuen in die geheime Organisation eingeweiht zu haben.«[8]

Kann man sich den Menschen vorstellen, der als die Personifizierung des »autoritären Kommunismus« denunziert wird, auf diese Weise ein geheimes Netz von Genossen zu kommandieren oder seine Talente als Wissenschaftler und Aktivist dafür einzusetzen, um »die Internationale in eine Art stark reglementierten, stark disziplinierten Staat zu verwandeln, die einer Einheitsregierung gehorcht und deren ganze Macht in den Händen von Marx konzentriert ist«?[9]

Wie erklärt man sich die Tatsache, daß die sogenannten Anarchisten, um ihr »anti-autoritäres« Dogma zu rechtfertigen, keine andere Zuflucht finden als die unaufhörlich wiederholte Anrufung einiger Passagen aus dem Kommunistischen Manifest oder dem Zitieren von Auszügen aus privaten Briefen sowie natürlich die Erinnerung an die zweifelhaften diplomatischen Manöver von Marx und Engels, um Bakunin und seine Getreuen aus der Internationalen auszuschließen? Wo es leicht ist, eine Anthologie jakobinischer und blanquistisch-babeufistischer Schriften aus dem Werk von Bakunin zusammenzustellen, so erweist sich ein ähnliches Wagnis zum Beweis des angeblich von Marx gepredigten »Staatskommunismus« als unmöglich.

Die Karriere von Marx reiht sich von einem zum anderen Ende in einen Prozeß von Aktivismus gegen die Autorität ein. Der Staat und die Kirche von Preußen waren das erste Hindernis, das der »Doktor der Philosophie« angehen mußte, um den Beruf als Lehrkraft an der Universität ausüben zu können: dies war der erste Rückschlag und auch der erste Anstoß zum Kampf gegen die politische Autorität. Von jetzt ab verschmilzt das Leben von Marx mit einem politischen Kampf, den er an allen Exilorten wie in seinem Heimatland führte, wohin er 1848 zurückkehren konnte, nicht als deutscher Staatsbürger, sondern als Staatenloser. Mit Ausnahme von England, einem Ort relativer Freiheit, setzten die Länder, in denen sich Marx aufgehalten hatte, die Polizei auf seine Fersen. Als er in Großbritannien das Recht der freien Meinungsäußerung genoß, hielt er sich nicht zurück, einen »anti-autoritären« Journalismus zu praktizieren und Kontakt im Milieu des Chartismus zu suchen, der damals noch ohne große politische Perspektiven war. In Köln, in Paris, in Brüssel und in London kämpfte er gemäß seinen sozialpolitischen Überzeugungen, nicht als Abenteurer, der wirkungslose Verschwörungen gegen die bestehende Ordnung förderte, sondern mit enthülltem Gesicht, dort, wo die bürgerlichen Freiheiten gesichert waren, und in der Klandestinität, wenn die Bourgeoisie noch gegen die Überreste des feudalen Absolutismus kämpfen mußte. Kurzgesagt, sein Kampf war immer gegen die reaktionären, also autoritären Regime gerichtet.

Eine Gesamtheit von Prinzipien verdient es erst dann, sich »Theorie« zu nennen, wenn sie empirisch überprüfbar entwickelt und die Normen rational erfaßbarer Verwirklichung bestimmt. Die Marxsche Theorie des Anarchismus vereinigt diese beiden Merkmale; sie analysiert einerseits die sozial-historischen Phänomene in ihrem Ablauf, festgehalten durch überprüfte und überprüfbare Zeugnisse, und formuliert andererseits relativ glaubwürdige Prognosen hinsichtlich menschlicher Verhaltensweisen, Tendenzen der Veränderung der sozialen Realität. Diese analytische und normative Theorie kann die Exaktheit der sogenannten Naturwissenschaften nicht erreichen, selbst wenn die moderne Epistemologie die deterministischen Voraussetzungen der sogenannten exakten Wissenschaften wieder in Frage stellt und so auf gewisse Weise den posthumen Triumph dieses »Zufalls«-Prinzips versichert, welches der Schlüssel des epikurischen Atomismus ist (dem Examensthema des Studenten Marx als Kandidat für das Doktorat in Philosophie). Aus Opposition gegen die Mehrheit der Denker, die sich auf den Anarchismus oder einen nihilistischen Individualismus (Max Stirner!) beriefen, aber wenig um die geeigneten praktischen Mittel bemüht waren, die zu Gemeinschaftsformen führen, die von Klasseninstitutionen befreit sind, welche die Ausbeutung und die Beherrschung des Menschen durch den Menschen fördern, suchte Marx danach, die Formen revolutionärer Übergänge der Gesellschaften in der Vergangenheit kennenzulernen, um aus diesen historischen Erfahrungen allgemeine Lehren zu ziehen. Als er beabsichtigte, seinen Recherchen das anspruchsvolle Ziel zuzuschreiben, »das ökonomische Gesetz der Bewegung der modernen Gesellschaft zu enthüllen«, hatte er bereits fast drei Jahrzehnte an Studien in verschiedenen Wissensbereichen hinter sich. Er trat also nicht als Spezialist der politischen Ökonomie auf, um mit Adam Smith oder David Ricardo zu konkurrieren. Die Originalität seiner Methode sollte sich in der Beobachtung der menschlichen Beziehungen ausbilden, welche die sogenannten ökonomischen Phänomene unterspannen, sowohl in ihrem theoretischen Ausdruck als auch in ihrer praktischen Äußerung. Die Kritik der politischen Ökonomie und den Theoretiker der revolutionären Politik zu trennen, heißt, sich dem Verständnis der tiefen Bedeutung seines Werkes zu verschließen, aber auch den gezwungenermaßen negativen Einfluß der »bürgerlichen« Einflüsse, genauer: der »bourgeoisen Misere« zu verkennen, die seine ganze Karriere als intellektueller Paria bestimmt hat.

Wir verfügen über zahlreiche Ansatzpunkte, die es erlauben zu behaupten, daß das Buch über den Staat, das im Plan der »Ökonomie« vorgesehen war, den Marx im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) definiert hatte, eine Theorie des Anarchismus darstellen sollte. Als ein Chronist aus Anlaß des 100. Todestages von Marx bedauerte, daß der Ökonom den Sieg über den Theoretiker der Politik davongetragen hätte, scheint er sich auf diesen Plan zu stützen, den Marx nicht zur Ausführung bringen konnte.[10] Nun gibt der Autor der Kritik vor, über »Materialien« zu verfügen, die den fünf »Rubriken« oder »Büchern« bestimmt sind; er spricht sogar von »Monographien«, die geeignet sind, mit Hilfe der Umstände ausgearbeitete Schriften zu werden, getreu dem Schema der zwei Triaden, wo man leicht das Verhältnis zur dialektischen Methode eines vorher »umgedrehten«[11] Hegel errät.

Der Legendenschein, der das Werk von Marx umgibt, hat schließlich einen bisher nie dagewesenen Grad an Mystifikation erreicht, und man ist wohl gezwungen zuzugeben, daß »Libertäre« und »Anti-Autoritäre« hierzu einen nicht zu vernachlässigenden Teil beitrugen, indem sie sich auf diese Art – oft ungewollt – zu Komplizen der liberalen und demokratischen Ideologen machten, die im Dienst der Interessen des wirklichen Kapitalismus gegen den falschen Sozialismus stehen, der in den Farben des totalitären Dämons gemalt wurde.

In Wirklichkeit ist es »der Politiker«, der von einem zum anderen Ende die Gesamtheit des Werkes von Marx durchzieht, welches aus offensichtlichen Gründen fragmentarisch geblieben ist. Was die Monographie betrifft, die unter den teilweise als vorläufige Texte des »Buches« verfaßten Materialien erwähnt wurde, so könnte sie ausgehend von den zahlreichen verstreuten Elementen wiederhergestellt werden, die in fast allen veröffentlichten oder unveröffentlichten Schriften präsent sind, welche nun dank der von Engels initiierten Ausgaben und Neuveröffentlichungen zugänglich sind. Sie verteilen sich nach seinem Tod auf mehr als acht Jahrzehnte, an deren Ende die von Kautsky im April 1881 an Marx gestellte Frage endlich eine definitive Antwort zu erhalten schien, dank des jüngsten verlegerischen Unternehmens, der Marx-Engels-Gesamtausgabe.[12]

Man weiß also heute, daß Marx niemals aufgehört hat, für eine »Rubrik« zu arbeiten, die »Der Staat« tituliert war. Er hat seine Karriere als »engagierter« Wissenschaftler sogar mit einer Kritik der politischen Moral von Hegel begonnen, so wie er sie mit einer Arbeit über die revolutionären Perspektiven im zaristischen Rußland beendet hat. Man weiß vor allem, daß der erste Plan des »Buches über den Staat« von 1845 datiert, als er gerade den ersten Entwurf einer Kritik der politischen Ökonomie geschrieben hatte. Ein Thema wie das von »Marx als Theoretiker des Anarchismus« zu behandeln, ohne diesen Plan der Beurteilung der Leser zu unterwerfen, und besonders derjenigen unter ihnen, die sich nicht gegen den »Staatskommunisten« aufhetzen lassen, heißt, auf ein kapitales Argument zu verzichten. Hier also die elf Themen, die Marx in ein Heft geschrieben hatte, das er in den Jahren 1844-1847 benutzte und deren genaues Datum nie bestimmt wurde:

    Die Entstehungsgeschichte des Modernen Staats oder

    die französische Revolution. Die Selbstüberhebung des politischen

    Wesens – Verwechslung mit dem antiken Staat. Verhältnis der

    Revolutionäre zur bürgerlichen Gesellschaft. Verdoppelung aller
    Elemente in bürgerliche und Staatswesen.
    Die Proklamation der Menschenrechte und die Konstitution des Staats. Die individuelle Freiheit und die öffentliche Macht. Freiheit, Gleichheit und Einheit. Die Volkssouveränität.
    Der Staat und die bürgerliche Gesellschaft.

    Der Repräsentativstaat und die Charta.
    Der konstitutionelle Repräsentativstaat, der demokratische Repräsentativstaat.
    Die Teilung der Gewalten. Gesetzgebende und exekutive Gewalt.
    Die gesetzgebende Gewalt und die gesetzgebenden Körper. Politische Klubs.
    Die exekutive Gewalt. Zentralisation und Hierarchie. Zentralisation und politische Zivilisation. Föderativwesen und Industrialismus. Die Staatsverwaltung und Gemeindeverwaltung.
    Die richterliche Gewalt und das Recht.
    Die Nationalität und das Volk.
    Die politischen Parteien.
    Das Wahlrecht, der Kampf um die Aufhebung des Staats und der bürgerlichen Gesellschaft.[13]

Marx bemühte sich im Februar 1845, einem deutschen Verleger die Exklusivrechte eines zweibändigen Werkes zu überlassen, das den Titel hatte: »Kritik der politischen Ökonomie« (siehe oben). Wir können uns also erlauben zu behaupten, daß das obige Schema dem Autor als Bezugsrahmen für seine zu unternehmenden Studien dienen sollte. Mehrere der aufgezählten Themen waren bereits in den Schriften erörtert worden, die Marx vor dem Jahr 1845 abgefaßt hatte, andere würden im Laufe seiner Aktivitäten als Historiker, als politischer Chronist und Polemiker zum Objekt seiner Arbeiten werden. »Der Politiker« würde im Zentrum seiner Auseinandersetzungen mit den Anarchisten in der Arbeiter-Internationalen stehen.

Der Liste mit den bereits erwähnten Texten muß man noch eine polemische Schrift hinzufügen, eine Schrift mit einer solchen Prägnanz und Ironie, daß sie es verdient, vollständig zitiert zu werden als Abschlußdokument der politischen Theorie, die sich aus dem Gesamtwerk von Marx ergibt und dessen strategische Intention rechtfertigt, die der Sache der Anarchie untergeordnet ist. Marx leiht, unter dem Vorwand einer Nachahmung, einem Verteidiger des »politischen Indifferentismus« das Wort, auch wenn die zitierten Äußerungen, selbst unkommentiert die Nichtigkeit der sogenannten anarchistischen Überlegung enthüllen. Es genügt, den ironischen Charakter des fiktiven Diskurses zu verändern, um die positive Auffassung des angeblichen »Staatskommunismus« nachbilden zu können:

»Die Arbeiterklasse muß sich als politische Partei konstituieren, sie muß politische Aktionen unternehmen, auf die Gefahr hin, die »ewigen Prinzipien« zu verletzen, nach denen der Kampf gegen den Staat die Anerkennung des Staats ist. Sie müssen Streiks organisieren, für höhere Löhne kämpfen oder ihre Kürzung verhindern, auf die Gefahr hin, das System der Lohnarbeit anzuerkennen und die ewigen Prinzipien der Befreiung der Arbeiterklasse aufzugeben.

Die Arbeiter müssen sich in ihrem politischen Kampf gegen den bürgerlichen Staat vereinen, um Konzessionen zu erreichen, auf die Gefahr hin, die ewigen Prinzipien zu verletzen, indem sie Kompromisse eingehen. Es gibt keinen Grund, friedliche Bewegungen der englischen und amerikanischen Arbeiter zu verdammen, genauso wenig wie die Kämpfe für eine legale Grenze des Arbeitstages, also Kompromisse mit den Unternehmern einzugehen, die dann die Arbeiter nur noch 10 oder 12 Stunden statt 14 oder 16 ausbeuten könnten. Sie müssen sich bemühen, das gesetzliche Verbot der Fabrikarbeit von Mädchen unter zehn Jahren zu erreichen, auch wenn durch dieses Mittel die Ausbeutung der Knaben unter zehn Jahren noch nicht aufgehoben wird – also ein neuer Kompromiß, der gegen die Reinheit der ewigen Prinzipien verstößt!

Die Arbeiter müssen verlangen, daß der Staat – wie es in der amerikanischen Republik geschieht – verpflichtet werden soll, den Kindern der Arbeiter Grundschulbildung zu gewähren, auch wenn Grundschulbildung noch nicht Universalbildung ist. Da das Staatsbudget auf Kosten der Arbeiter aufgestellt wird, ist es normal, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen durch den Unterricht von einem Lehrer einer staatlichen Schule lesen, schreiben und rechnen lernen – denn es ist besser, gegen die ewigen Prinzipien zu verstoßen, als unwissend und abgestumpft zu sein durch eine tägliche Arbeitszeit von 16 Stunden.

In den Augen der »Anti-Autoritären« begehen die Arbeiter das schreckliche Verbrechen der Prinzipienverletzung, wenn sie um der Befriedigung ihrer kläglichen profanen Tagesbedürfnisse willen und um der Brechung des Widerstands der Bourgeoisie willen den politischen Kampf führen, ohne vor gewaltsamen Mitteln zurückzuschrecken, und indem sie an die Stelle der Diktatur der Bourgeoisie ihre revolutionäre Diktatur stellen.«[14]

Marx fällt es überhaupt nicht ein, diese Arbeiterdiktatur »Staatskommunismus« zu nennen, obwohl er eine Formel benutzt, die der Zweideutigkeit nicht entbehrt, wenn er erklärt, daß die neue Macht, »statt die Waffen niederzulegen und den Staat abzuschaffen«, auf gewisse Weise den bestehenden Zwangsapparat aufrechterhält und »dem Staat eine revolutionäre und vorübergehende Form gibt«. Diese Zeilen, 18 Monate nach der Niederschlagung der Pariser Kommune geschrieben, beweisen uns in aller Offenheit, daß in der politischen Theorie von Marx die Ereignisse von 1871 in Frankreich nichts von einer brauchbaren Erfahrung hatten, die geltend gemacht werden kann, um das Konzept der »Diktatur des Proletariats« zu illustrieren. Wir haben an anderer Stelle auf den Fehler von Engels diesbezüglich hingewiesen und wir halten es für nützlich, in diesem Post-Scriptum durch einige Passagen aus einem 1971 veröffentlichten Text daran zu erinnern:

»Engels konnte nicht ignorieren, daß für Marx die Diktatur des Proletariats eine »notwendige« Übergangsphase – im historischen und ethischen Sinn – zwischen dem kapitalistischen System und der sozialistischen Produktionsweise war, der »Negation« der vorhergehenden. Die politische Theorie von Marx – die er zweifellos im Heft über den Staat entwickelt hätte, das im Plan der »Ökonomie« vorgesehen war – beruht auf dem Prinzip der fortschreitenden Entwicklung der »Produktionsweisen«, wobei jede von ihnen in ihrer Entwicklung die materiellen und moralischen Bedingungen ihrer Überwindung durch die nachfolgende schafft.

Der Kapitalismus bereitet aufgrund seiner eigenen gesellschaftlichen Antagonismen das ökonomische und gesellschaftliche Terrain seiner revolutionären Veränderung, die kein zufälliges Phänomen ist: damit die Diktatur des Proletariats realisiert werden kann, müssen die materiellen und intellektuellen Bedingungen ein Entwicklungsniveau erreicht haben, das jede Umkehr unmöglich macht. Mit anderen Worten, das Postulat der Diktatur des Proletariats schließt die Eventualität einer Niederlage aus. Eine Diktatur, die den Namen proletarisch verdient, muß in den Gesellschaftstyp münden, dem sie zur Geburt verholfen hat. Ihre Existenz kann nur a posteriori bewiesen werden. Deshalb beweist die Niederlage der Kommune, daß es keine Diktatur des Proletariats gab und daß es sie nicht geben konnte.«[15]

Um dem Werk von Marx einen herausragenden Platz unter den Beiträgen zu einer Theorie des Anarchismus zu gewähren, bemühen wir uns, das intellektuelle Erbe der revolutionären Denker des 19. Jahrhunderts zu bewahren. Die neue Theorie wird aus einer weltweiten revolutionären Bewegung entstehen, ohne die das »ökonomische Gesetz der Bewegung der modernen Gesellschaft« – die Marx behauptete enthüllt zu haben – über den Überlebensinstinkt und die Bewahrung unserer Art Siegen wird.

Da dieses »Gesetz« die wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Produktionsweise enthüllt – die weit davon entfernt scheint, ans Ende ihrer Entwicklung gekommen zu sein –‚ reiht sich der kategorische Imperativ der proletarischen Revolution in diese Ethik der Anarchie ein, deren Vorbemerkungen Kropotkin uns überlassen hat.                                                          

(Oktober 1983)

Fussnoten

1)siehe L. Janover und M. Rubel, „Materiaux pour un lexique de Marx. - Staat. Anarchismus". Etudes de marxologie (Cahiers de l'I.S.M.E.A.), Nr. 19-20, Januar-Februar 1978, S. 11-161.

2)M. Rubel, „La Charte de la Premiere Internationale. Essai sur le 'marxisme' dans l'Association internationale des travailleurs." In: Marx critique du marxisme, Paris, 1974, S. 25-41. Der Bericht des Zentralrats der IAA, von Marx für den Genfer Kongreß 1866 verfaßt, beinhaltete unter der Frage 4 („Arbeit von Jugendlichen und Kindern beiderlei Geschlechts") einen Paragraphen, wo es u.a. heißt: „Der aufgeklärteste Teil der Arbeiterklassen versteht vollkommen, daß die Zukunft ihrer Klasse und folglich der menschlichen Spezies von der zunehmenden Bildung der Arbeiterklasse abhängt. Sie verstehen, daß vor allem die Kinder und die Jugendlichen vor den zerstörerischen Auswirkungen des gegenwärtigen Systems bewahrt werden müssen. Dies kann nur geschehen durch die Transformation der gesellschaftlichen Vernunft in eine gesellschaftliche Kraft, und unter den gegenwärtigen Umständen können wir nur das tun, was von den allgemeinen Gesetzen von der Staatsmacht in Kraft gesetzt wurde. Indem sie solche Gesetze schaffen, werden die Arbeiterklassen nicht die Regierungsmacht stärken. So wie es Gesetze gibt, um die Privilegien des Eigentums zu verteidigen, warum soll es nicht welche geben, um dessen Mißbrauch zu verhindern? Im Gegenteil, diese Gesetze würden die Macht verändern, welche gegen sie als eigene Kraft gerichtet ist. Das Proletariat wird also durch eine allgemeine Maßnahme das tun, was es durch eine Vielzahl von individuellen Bemühungen vergeblich versuchen würde." IAA. Rechenschaftsbericht des Genfer Kongresses, veröffentlicht im Courrier International, London 1867; vgl. La Premiere Internationale, unter der Leitung von J.Freymond, t.l, Genève, 1962, S. 32. Indem sie „mit großer Mehrheit" für diesen Bericht stimmten, haben es die Delegierten zweifellos nicht gemerkt, daß sie Anhänger der Theorie des „Staatskommunismus" wurden, die später von der hartnäckigen Propaganda von Bakunin und seinen Freunden erdichtet wurde.

3)Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 342.

4)Wir verzichten darauf, hier eine Anthologie rassistischer und deutschfeindlicher Äußerungen zu erstellen, zu denen Bakunin durch die Figur von Marx angeregt wurde. Man findet sie, treu wiedergegeben, aber wenig kommentiert, in den Archives Bakounine, I, Michel Bakounine et L'ltalie I871-I872, 2.partie: La Premiere Internationale en Italic et le conflit avec Marx. Leiden 1963. Die "anti-autoritäre" Parteinahme des Verlegers, A. Lehning, erleichtert nicht eine ausgeglichene und erhellende Beurteilung auf dem theoretischen Hintergrund eines Konflikts, dessen Studium von Beginn an neuaufgenommen werden müßte, angesichts der Ratlosigkeit der Wortführer in den Lagern der „Marxisten" und der "Anti-Marxisten".

5)Bakunin, Rapports personnels avec Marx. Pièces justificative nr.2, op.cit. S. 124 ff. „Es mag seltsam erscheinen. (...) Oh! Der Kommunismus von Marx will die starke Zentralisierung des Staats, und da, wo es die Zentralisierung des Staats gibt, muß es notwendigerweise eine Zentralbank geben, und da wo eine solche Bank existiert, wird die parasitäre Natur der Juden, die auf die Arbeit des Volkes spekulieren, immer Mittel finden, um zu existieren... (ibid., S. 125).

6)siehe die "Lettre aux internationaux de la Romagne", datiert vom 23.Januar 1872, Archives Bakounine. I, 1963, op.cit., S. 207-228. Bakunin macht dort sein mea culpa dafür, daß er zur Erweiterung der Vollmachten des Generalrats der IAA beim Basler Kongreß 1869 beigetragen und auf diese Weise die Autorität der „Marxschen Sekte" verstärkt hat.

7)Bakunin an Albert Richard, 1.April 1870, Archives..., op.cit. S. XXXVI ff.. A.Lehning faßt in seinem Vorwort die Aktivitäten von Bakunin so zusammen, daß sie dazu tendieren, „den Massen eine wirklich revolutionäre Führung zu geben, indem man die Geheimorganisationen vervielfältigt.

8)Brief an Celso Ceretti, 13.-27.März 1872, Archives .... op.cit. S. 251 ff.

9)Brief an die Internationalen der Romagna..., op.cit. S. 220. Bevor Bakunin den Ausdruck "Marxisten" erdachte, um damit die Freunde von Marx zu bezeichnen, sprach er von „Marxianern" und dem „Marxschen Kern".

10)vgl. Jacques Julliard, „Marx mort et vif", Le Nouvel Observateur, 25-31 März 1983, S. 60: Marx hätte „zu unserem Unglück" „die politische Theorie" zugunsten einer „Theorie der ökonomischen Ausbeutungen" vernachlässigt.

11)Marx, Oeuvres, Pléiade, Bd.l.

12)Diese Ausgabe verdanken wir einer gemeinsamen Initiative des Instituts für Marxismus-Leninismus von Moskau und von Berlin (DDR). Bis 1975 sind 15 Ausgaben erschienen - von einer Gesamtzahl von mehr als hundert.

13)MEW 3, S. 537. Die Punkte VIII bis XI sind als 8', 8'', 9' und 9'' bezeichnet.

14)Marx, „Der politische Indifferentismus" (in Italien). MEW 18, S. 299 ff.

15)Einleitung zu Jules Andrieu, Notes pour servir à l´histoire de la Commune de Paris de 1871, Paris. Payot, 1971. Herausgegeben von M. Rubel und L. Janover. Der Band wurde später von Rene Lefevre, dem Verleger von Spartacus, übernommen.

16)Peter Kropotkin, l´Ethique. Übersetzung aus dem Russischen von Marie Goldsmith, Stock +Plus, Paris 1979. Ein zweiter Band liefert die unveröffentlichten Texte eines Entwurfs, deren Hauptdenkerin die Übersetzerin war. S. 8 ff. Es muß auf eine neu erschienene italienische Studie hingewiesen werden, wo die obengenannten Thesen zusätzliche Erhellung erfahren: Bruno Bongiovanni, L´Universale pregiudizio. Le interpretazioni della critica marxiana della politica, Milano, La Salamandra, 1981.

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 Paul Pop: Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21.Jahrhundert

Anarchismus und Kommunismus waren im 20. Jahrhundert zwei feindliche Brüder. Beide gaben vor, eine soziale Revolution und klassenlose Gesellschaft verwirklichen zu wollen und doch bekämpften sie sich bis auf das Messer. Wer kennt sie nicht, die emotionalen Deb

 

atten um den Aufstand von Kronstadt von 1921 und den „Sommer der Anarchie“ in Spanien 1936. Während die AnarchistenInnen den KommunistenInnen vorwarfen, nur eine neue Diktatur einer Minderheit etablieren zu wollen, glaubten die KommunistenInnen die AnarchistenInnen sabotierten durch ihre Kritik an der „Diktatur des Proletariats“ die Revolution.

Heute, nach dem alle Versuche eines Staatssozialismus mit Parteiherrschaft gescheitert sind, ist es an der Zeit die Frage aufzuwerfen, ob sich die Widersprüche zwischen Kommunismus und Anarchismus[1] (wie Staatstheorie, Organisationsfrage und Verfasstheit der nachkapitalistischen Gesellschaft) relativiert haben. Dabei geht es darum, die Leseart der marxschen Staatstheorie von Lenin in „Staat und Revolution“ kritisch zu hinterfragen und Marx´ Theorie von der Kommune als „Revolution gegen den Staat“ als solche zu rekonstruieren, um sie mit der anarchistischen Interpretation der Pariser Kommune zu vergleichen. Der größte Gegensatz in der Frage „Staat und Revolution“ verläuft nämlich nicht zwischen Kommunismus und Anarchismus, sondern zwischen Marx und dem Anarchokommunismus auf der einen Seite und den bolschewistischen Theorien von Lenin, Stalin und Mao auf der anderen Seite. Es soll die Frage aufgeworfen werden, in welche der beiden Lager Bakunin gehört.

Die große Schwierigkeit das Verhältnis der AnarchistenInnen zu Marx zu bestimmen, liegt darin, dass sie meistens die Positionen der deutschen Sozialdemokratie (wie „Volksstaat“ und Staatssozialismus) für die Theorien von Marx hielten. Dadurch war ihre Kritik am „Marxismus“ häufig eine geniale Kritik an der von Lassalle etatistisch geprägten SPD.[2] Die deutsche ArbeiterInnenbewegung kritisierte Marx leider fast ausnahmslos in Briefen. Bakunin und Kropotkin scheinen hingegen wichtige Schriften von Marx nie gelesen zu haben.

In diesem Artikel soll es nicht darum gehen nun die wahre Lesart von Marx und Kropotkin vorzuschreiben und Unterschiede zu kaschieren, sondern die Frage nach der Vereinbarkeit von marxschem Kommunismus und kropotkinschem Anarchokommunismus zu stellen sowie zu untersuchen, was heute von beiden Konzepten übrig bleibt. Mein Ziel der Lektüre der AnarchistInnen ist nicht möglichst viele Stellen zu finden, die vom Marxismus abweichen, sondern Ideen herauszuarbeiten, die uns heute bei der Entwicklung einer Theorie der Befreiung weiterbringen.

A: Staat und Revolution: War Marx Anarchist?

Marx Stellung zum Staat in der Revolution und nachkapitalistischen Gesellschaft lässt sich im wesentlichen in zwei Phasen einteilen: Vor der Pariser Kommune von 1871 und danach:

Mit dem Staatskapitalismus zum Kommunismus

Im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 stellten sich Marx und Engels  die Herrschaft des Proletariats als schrittweise Ausdehnung der staatlichen Kontrolle über die Wirtschaft- bis zur staatlichen Zentralisation des Eigentums- vor. Die Erkämpfung der Demokratie sei der erste Schritt zur Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse. „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsmittel in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierte Proletariat, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren“ (Marx/Engels, Band I, 1972: S.437f.). Dazu seien „despotische Eingriffe“ ins Eigentumsrecht nötig, wie die Enteignung des Grundeigentums, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Zentralisation des Kredits in den Händen der monopolitischen Staatesbank, Einführung des Arbeitszwanges u.s.w.. Wenn das Privateigentum und die Klassen schließlich abgeschafft seien, trete anstelle der öffentlichen Gewalt eine „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Ein Jahr zu vor hatte Engels in „Grundsätze des Kommunismus“ die Idee vertreten, dass die Enteignung des privaten Kapitals auch durch die Konkurrenz der Staatsindustrie vorangetrieben werde könne (ebenda: S.347). ArbeiterInnen sollten auf Nationalgüter und Staatsfabriken beschäftigt werden und so die privaten Fabriken, solange sie noch bestehen würden, den selben Lohn wie der Staat zahlen müssen. „Ist einmal der erste radikale Angriff gegen das Privateigentum geschehen, so wird das Proletariat sich gezwungen sehen, immer weiter zu gehen, immer mehr alles Kapital, allen Ackerbau, alle Industrie, allen Transport, allen Austausch in die Hände des Staates zu konzentrieren (...). Endlich, wenn alles Kapital, alle Produktion und aller Austausch in den Händen der Nation zusammengedrängt sind, ist das Privateigentum von selbst weggefallen, das Geld überflüssig geworden“ (ebenda: S.348). Weder Marx und Engels reden hier von der Abschaffung des Kapitals, sondern von seiner Konzentration in den Händen des Staates. Das Kapital ist ja nicht nur tote Arbeit, sondern auch ein gesellschaftliches Verhältnis, das sich nicht aufhebt nur weil es staatlich wird. Aus heutiger Sicht ist Engels Argument, dass die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien eine komplette Abschaffung des Privateigentums automatisch nach sich ziehen würde, nicht einleuchtend. In Ländern wie Großbritannien oder Österreich wurden nach dem 2.Weltkrieg große Teile der Industrie verstaatlicht, dass Privateigentum an Produktionsmitteln als solches wurde dadurch kein bisschen in Frage gestellt.

Engels Ausführungen nehmen teilweise Lenins Konzeption des Staatskapitalismus der „Neuen Ökonomischen Politik“ vorweg, in der Staats- und Privatsektor mit einander konkurrieren. Was Engels hier vorschlägt, ist nichts weniger als ein lückenloser Staatskapitalismus, der alles kontrolliert und wenn er alles kontrolliert, sich selbst überflüssig macht. Die Staatstätigkeit muss also verstärkt werden, damit sie überflüssig wird. Die Dialektik macht´s möglich. Was Bakunin und Kropotkin am „autoritären“ Kommunismus kritisieren, war in den meisten Fällen diese Konzeption von 1848.

Die Kommune als Revolution gegen den Staat

Als sich 1871 im Zuge der französischen Niederlage gegen Preußen die Pariser ArbeiterInnen und KleinbürgerInnen erhoben und die Pariser Kommune gründeten, vollzog sich eine radikale Wende in Marx Staatskonzeption. Er legte seine Interpretation der Pariser Kommune in der Schrift „Bürgerkrieg in Frankreich“ sowie in ihrem „Ersten Entwurf“ dar. Obwohl die Kommune später, besonders von Lenin, als die erste „Diktatur des Proletariats“ definiert wurde, kommt dieser Begriff in Marx´ Schrift kein einziges Mal vor. Marx schrieb, dass die Maßnahmen der Kommune außer ihrer Tendenz nichts Sozialistisches enthielten (Marx/Engels, Band 4, 1972: S.40), ihre wichtigsten Maßregeln zur Rettung der Mittelklasse ergriffen wurden (ebenda: S.36). Erst 20 Jahre später schrieb Engels in einer neuen Einleitung zu dieser Schrift, die Pariser Kommune sei die Diktatur des Proletariats gewesen (Schneider, Band II, 1971: S.57).

Die Beschlüsse und Pläne der Kommune umfassten: Verbot von Nachtarbeit für BäckergesellenInnen, Rückzahlung von Lohnabzügen an die ArbeiterInnen, kostenloser Schulunterricht und Lehrmaterial, Gründung von freien Universitäten, Trennung von Staat und Kirche, Nationalisierung der Kirchenländereien, Verbrennung der Guillotine, Entlassung der politischen Gefangenen, Entwaffnung der regierungstreuen Nationalgarde, Aufstellung einer Nationalmiliz, Entlastung der BäuernInnen von Kriegssteuern, Aufhebung der Gewaltenteilung und Einführung eines imperativen Mandats der Abgeordneten (jederzeitige Abwählbarkeit). Nur die Betriebe von UnternehmerInnen, die geflüchtet waren, sollten gegen Entschädigung in genossenschaftliches Eigentum überführt werden. Deutlich wird an diesen Beschlüssen, dass das Prinzip des kapitalistischen Privateigentums im wesentlichen unangetastet blieb und keine sozialistische Umwälzung durchgeführt wurde. Die ökonomischen Maßnahmen gingen keinesfalls über den Rahmen einer bürgerlichen Revolution hinaus.

Der größte Verdienst der Kommune sei die Schaffung der Kommune selbst gewesen, so Marx (vgl. ebenda: S.26). Das Neue und Revolutionäre an ihr war für Marx ihre Revolution gegen den modernen Staat: „Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens durch das Volk und für das Volk. Sie war nicht eine Revolution, um die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klasse an die andre zu übertragen, sondern eine Revolution, um diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen“ (ebenda: S.22f.). Die Regierung der Kommune löste den staatlichen Repressionsapparat auf und ersetzte das stehende Heer durch die Miliz.

Die Kommune wollte außerdem die alte zentralistische Regierung durch die Selbstverwaltung der ProduzentInnen in den Provinzen, bis in das kleinste Dorf hinein, ersetzen (ebenda: S.75). Für Marx war die Pariser Kommune im Wesentlichen eine Regierung der ArbeiterInnenklasse und die „endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“ (ebenda: S.78). Für Marx war es also gar nicht so entscheidend, ob die Delegierten der Kommune alle ArbeiterInnen und sozialistische RevolutionärInnen waren. Tatsächlich bestritten weder Marx noch die AnarchistInnen, dass ihre VertreterInnen gegenüber den JakobinerInnen, also den radikalen KleinbürgerInnen in der Minderheit waren. Marx sah es als zentral an, dass die Kommune mit ihrem imperativen Mandat, also der Basisdemokratie, die Form für die künftige Befreiung entdeckt hatte. So ist es auch überflüssig nachweisen zu wollen, dass die Pariser Kommune ein Produkt des Kleinbürgertums und HandwerkerInnen ist und nicht eine Herrschaft des Industrieproletariats.

Marx argumentierte auch vom Standpunkt der gesellschaftlichen Kosten gegen den Staat. Die Rücknahme der Staatsgewalt durch die Gesellschaft und die Einführung eines ArbeiterInnenlohnes für Verwaltungstätigkeit bringe die Befreiung der Arbeit, indem sie „unproduktive und schädliche Tätigkeit der Staatsparasiten abschafft“ und die Ursachen beseitigt, „denen ein riesiger Anteil des Nationalproduktes für die Sättigung des Staatsungeheuers zum Opfer gebracht wird“ (ebenda: S.28). Die Verschwendung des gesellschaftlichen Reichtums für die Bürokratie war später für die LeninistInnen kein Argument mehr, das sie gegen den Staat anführten.

In der Einführung der Kommune in allen Städten sah Marx den entscheidenden Schlag gegen die Reaktion. „Ganz Frankreich würde sich zu selbstständigen und sich selbst regierenden Kommunen organisieren, das stehende Herr durch die Volksmiliz ersetzt, die Armee der Staatsparasiten beseitigt, die klerikale Hierarchie durch die Schullehrer ersetzt, die Staatsgerichte in Organe der Kommune verwandelt werden; die Wahlen in die nationale Vertretung wären nicht mehr eine Sache von Taschenspielerstücken einer allmächtigen Regierung; sondern der bewusste Ausdruck der organisierten Kommunen; die Staatsfunktionen würden auf einige wenige Funktionen für allgemeine nationale Zwecke reduziert“ (ebenda: S.27).

Während die Position zum Staat in der Kommune-Schrift glasklar ist (Revolution gegen den Staat als solches), gibt es aber auch bei Marx an anderen Stellen Hinweise auf die Idee einer Übergangsetappe und der Nutzung des Staates durch das Proletariat. So hieß in der „Kritik des Gothaer Programms“ der SPD von 1875: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats“ (Marx/Engels, Band IV, 1972: S.379). Diese Widersprüche können nicht ignoriert werden, aber es ist doch möglich, sich für eine „anarchistische“ Leseart von Marx zu entscheiden.

Lenin: Den alten Staat durch einen neuen ersetzen

Am Vorabend der Oktoberrevolution unternahm Lenin eine große Studie zur Staatstheorie. Er begann nicht die russische Verhältnisse zu untersuchen, sondern trug alle Äußerungen von Marx und Engels, die ihm wichtig erschienen, zusammen. Sie wurden später unter dem Titel „Marxismus und Staat“ herausgegeben und bildeten die Grundlage für die Schrift „Staat und Revolution“.

Lenin unterteilte 1917 die Gesellschaft nach dem Sieg der sozialistischen Revolution in zwei Phasen: In der ersten oder niederen Phase des Kommunismus, dem Sozialismus, seien die Produktionsmittel schon gesellschaftlich, aber das „bürgerliche Recht“ würde noch wie ein Muttermal an der neuen Gesellschaft haften (Lenin 1989: S.106f). Dieses „bürgerliche Recht“, alle werden nach ihrer Leistung entlohnt, sei ungleich, weil es auf völlig unterschiedliche Individuen angewandt würde. Der Staat bliebe in dieser ersten Phase des Kommunismus bestehen, erst um den Widerstand der ehemaligen Ausbeuterklassen niederzuhalten und dann um das „bürgerliche Recht“ zu wahren.

Damit alle Menschen lernen, an der Verwaltung des Staates teilzunehmen, nannte Lenin folgende Voraussetzungen:

    Allgemeine Schulbildung

     „ferner die ‚Schulung und Disziplinierung’ von Millionen von ArbeiterInnen durch den umfassenden, komplizierten vergesellschafteten Apparat der Post, der Eisenbahnen, der Großbetriebe, des Großhandels, des Bankwesens“

    die Ersetzung der KapitalistInnen und BeamtInnen bei der Kontrolle und Verteilung der Produktion durch die bewaffneten ArbeiterInnen und das bewaffnete Volk

    sowie eine umfassende Rechnungsführung (ebenda: S.116).

„Alle Bürger verwandeln sich hier in entlohnte Angestellte des Staates, den die bewaffneten Arbeiter bilden. (....) Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn“ (ebenda: S.116f.). Lenin betonte aber, dass die Verwirklichung dieser gesellschaftlichen „Fabrikdisziplin“ nicht das Endziel sei, sondern nur eine Stufe, um weiter vorwärts schreiten zu können (ebenda: S.117). Wie Engels 1847 stellt sich Lenin 1917 den Sozialismus als eine Ausdehnung der Staatstätigkeit vor, der sogar alle Bürger zu „Beamten“ macht.

In der zweiten Phase des Kommunismus würde, wenn alle die Fähigkeiten zum freiwilligen Arbeiten und zur Leitung der Produktion erworben hätten, das Leistungsprinzip durch das kommunistische Motto „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ ersetzt werden (ebenda: S.110). Mit den Klassen und dem „bürgerlichen Recht“ würde dann auch der Staat völlig absterben. Für Lenin gab es im wesentlichem vier Merkmale der kommunistischen Gesellschaft: Gesellschaftliches Eigentum, das Verschwinden des „bürgerlichen Rechts“, der Klassen und des Staates.

In seiner Polemik gegen den späteren Linkskommunisten Pannekoek belehrt ihn Lenin: „Die Marxisten halten es für notwendig, dass das Proletariat nach der Eroberung der politischen Macht die alte Staatsmaschinerie völlig zerstört und sie durch eine neue, eine nach dem Typ der Kommune gebildete Organisation der bewaffneten Arbeiter ersetzt (...). Die Anarchisten verwerfen sogar die Ausnutzung der Staatsgewalt durch das revolutionäre Proletariat“ (ebenda: S. 130). „Die Revolution darf nicht darin bestehen, dass die neue Klasse mit Hilfe der alten Staatsmaschinerie kommandiert und regiert, sondern muss darin bestehen, dass sie diese Maschine zerschlägt und mit Hilfe einer neuen Maschine kommandiert und regiert ... (ebenda: S.132). Die Unterschiede zwischen den Auffassungen von Lenin in „Staat und Revolution“ und denen von Marx in „Bürgerkrieg in Frankreich“ sind gravierend: Während Lenin vertrat, dass die ArbeiterInnenklasse mit Hilfe des Staates als Unterdrückungsinstrument in der Periode des Sozialismus die Voraussetzung für das Abstreben des Staates vorbereiten sollte, war für Marx die proletarische Revolution gegen den modernen Staat als solches gerichtet und ihr Hauptinhalt die Zerstörung der Staatsmacht und ihre Ersetzung durch die Selbstverwaltung der ProduzentInnen. Lenin ging es hingegen um den Austausch der alten Maschine durch eine neue. Eine Übergangperiode des Sozialismus kommt bei Marx zumindest in der Kommune-Schrift nicht vor.

Stalins Staat im Kommunismus

Nach dem Tod Lenins wurde das Erbe der Rätedemokratie völlig verworfen. Im Unterschied zu Lenin spielte das Modell der Pariser Kommune in Stalins Staats- und Kommunismusauffassungen keine Rolle mehr. Im „Kurzem Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)“, der voll mit Lenin-Zitaten ist, gibt es kein einziges Zitat aus „Staat und Revolution“. Da für Lenin der Staat ein Instrument zur Unterdrückung einer Klasse durch die andere war, glaubte er, der Staat würde mit den Klassen untergehen. Stalin korrigierte auf dem 18.Parteitag der KPdSU 1939 diese Auffassung. Wenn die UdSSR in den Kommunismus einträte, während der Sozialismus noch nicht weltweit gesiegt habe, würde der Staat weiter bestehen bleiben (Stalin, Band 14, 1976: S.229). Diese Theorie muss im Zusammenhang mit Stalins These betrachtet werden, dass sich der Klassenkampf mit Voranschreiten des Sozialismus verschärfen würde und deshalb die Diktatur nicht abgeschwächt, sondern verstärkt werden müsse (ebenda: S.136 sowie Stalin 1974: S.53f.). Während bei Lenin die Gesellschaft ohne Staat und Klasse noch als Belohnung für die Übergangsphase der disziplinierten „Gesellschaft als eine Fabrik“ propagiert wird, verschiebt Stalin das Absterben des Staates auf den Sankt-Nimmerleinstag.

Stalin führte in „Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ von 1952 seine Vorstellungen über Bedingungen für die Verwirklichung des Kommunismus aus:

    Ununterbrochenes Wachstum der Produktion bei vorwiegender Steigerung der Produktion von Produktionsmitteln (vor allem Schwerindustrie)

    Allmählicher Übergang vom Kollektiv- zum Volkseigentum und Ersetzung der Warenzirkulation durch ein System des Produktenaustauschs, damit die Zentralgewalt oder ein anderes gesellschaftliches Zentrum die Gesamterzeugung der Produktion erfassen kann

    Erreichung eines kulturellen Wachstums der Gesellschaft, damit alle Mitglieder die körperlichen und geistigen Fähigkeiten erhalten, um ihren Beruf frei zu wählen. Dafür sei es notwendig, den Arbeitstag auf mindestens sechs bis fünf Stunden zu verkürzen, damit die Menschen genug Zeit zur Bildung bekämen (Stalin 1972: S.80f.).

Der Staat war für Stalin nicht nur der Haupthebel zum Aufbau des Sozialismus, sondern auch für den Übergang zum Kommunismus. Besonders die richtige Anpassung der Produktionsverhältnisse an die Produktivkräfte sei Aufgabe der leitenden Organe (Stalin 1972: S.80). So sprach Herbert Marcuse in seiner Analyse des sowjetischen Marxismus zu Recht davon, dass in Stalins Konzept der Kommunismus als eine „Verwaltungsmaßnahme“ eingeführt werden sollte (Marcuse 1969: S.162).

Stalin legte dar, dass, solange der Staat besteht (also bis zum weltweiten Sieg des Sozialismus), die Produktionsmittel Eigentum des Staates bleiben müssen. Danach werde der Staat absterben, aber die Gesellschaft bestehen bleiben. „Folglich wird das allgemeine Volkseigentum dann nicht mehr vom Staat übernommen werden (...), sondern von der Gesellschaft selbst, vertreten durch ihr zentrales leitendes Wirtschaftsorgan“ (Stalin 1972: S.103). An diesem Zitat werden zwei Probleme deutlich: Zum einen verwaltet der Staat das Volkseigentum, damit scheint es keinen Unterschied zwischen Staats- und Volkseigentum zu geben, zum anderen: Was unterscheidet einen Staat von einem „zentralem leitendem Wirtschaftsorgan“?

Stalins kommunistischer Staat reiht sich ein in die Ideologie des „adjektivischen Sozialismus“ (Robert Kurz) (sozialistische Warenproduktion, sozialistisches Wertgesetz, sozialistische Ehe, sozialistische Kleinfamilie, sozialistischer Realismus u.s.w.), die eine sozialistische oder gar kommunistische Nutzung von bürgerlichen Kategorien suggerierte, von denen die „sozialistische Marktwirtschaft“ der KPCh der kreative Höhepunkt ist. Wenn mensch das Wort Kommunist von Kommune herleitet, dann war Stalin keiner.

Abschaffen statt Absterben!

Die AnarchistInnen sprachen im Unterschied zu Engels nicht vom Absterben des Staates, sondern von der Notwendigkeit ihn abzuschaffen. Engels kritisierte in einem Brief vom 24.1.1872 Bakunins Position zum Staat. Er behaupte, „der Staat habe das Kapital geschaffen, der Kapitalist habe sein Kapital bloß von der Gnade des Staats. Da also der Staat das Hauptübel sei, so müsse man vor allem den Staat abschaffen, dann gehe das Kapital von selbst zum Teufel; während wir umgekehrt sagen: schafft das Kapital, die Aneignung der gesamten Produktionsmittel in den Händen weniger, ab, so fällt der Staat von selbst“ (Marx/Engels Band IV: S.455). Bakunin (1814-1876) hatte mit seiner These bezogen auf Russland nicht ganz unrecht. Hier war es tatsächlich der Staat, der die Industrialisierung in Gang setzte. Das Industriekapital befand sich überwiegend im ausländischen Besitz. Einen modernen Kapitalismus kann es ohne Staat nicht geben. Auch war Engels´ Kritik ungerechtfertig, wenn er Bakunin unterstellte, er wolle die Abschaffung des Staates ohne vorherige soziale Umwälzung. Für Bakunin war beides ein Akt der Zerstörung, der in einem zusammenfiel. Aus heutiger Sicht wirkt Engels Position grotesk. Gerade die Enteignung des Kapitals hat in Russland und China einen noch nie vorher dar gewesenen starken Staat geschaffen, der alle Bereiche des Lebens kontrollieren wollte. Stalins „Säuberung“ fanden nach der „Abschaffung der AusbeuterInnenklassen“, Maos Krieg gegen die Bauernschaft während des „Großen Sprungs“ nach dem erfolgreichen Abschluss der Kollektivierung der Landwirtschaft statt. Der Staat wurde auch nach dem Verschwinden der „AusbeuterInnenklassen“ immer stärker und repressiver.

Deshalb haben die AnarchistInnen heute Recht, dass der Staat abgeschafft werden muss. Es gibt keinen Automatismus der Befreiung. Nur durch die bewusste Ersetzung des Staates durch die „generalisierte Selbstverwaltung“ (Guy Debord), nur durch den bewussten Akt der Menschen kann der Staat gleich neben die Axt ins Museum gestellt werden und nicht durch das Warten auf das Durchsetzen einer stalinschen Dialektik, wie: Wenn wir wollen, dass der Staat eines schönen Tages abstirbt, müssen wir ihn verstärken. Die soziale Umwälzung fällt zum Teil mit dem Aufbau der „generalisierten Selbstverwaltung“ zusammen. Bis die Gesellschaft aber wirklich in der Lage ist, sich ohne Staat selbst zu verwalten, kann es einige Zeit dauern. Die Verwirklichung der Selbstverwaltung ist ein schöpferischer Prozess und nicht nur einfach ein Akt der Zerstörung, indem ein Revolutionsführer im Hotel de Ville die Abschaffung des Staates verkündet.

B. Die Organisationsfrage: War Bakunin Leninist?

Neben der Stellung zum Staat war die Organisationsfrage immer ein kontroverser Streitpunkt zwischen KommunistInnen und AnarchistInnen. Schon zwischen Bakunins „Internationaler Allianz der sozialistischen Demokratie“ und dem von Marx geführten „Generalrat der Internationen Arbeiterassoziation“ tobte ein heftiger Kampf um die Frage der Organisation, bei dem auf beiden Seiten mit vernichtenden Vorwürfen nicht gespart wurde. Marx und Engels bezeichneten Bakunin mehrfach als „russischen Spion“. Bei Bakunin vermischte sich der Hass auf die Beiden schließlich mit seinem Antisemitismus.[3] Hier sollen nur einige inhaltliche Fragen der Auseinandersetzung bzgl. der Revolutionstheorie behandelt werden.

Die AnhängerInnen Bakunins forderten, dass die Organisation der RevolutionärInnen den Keim der zukünftigen Gesellschaft bilden und deswegen sich möglichst ihrem Ideal von Freiheit und Förderation annähern sollte. Marx und Engels machten sich in der Schrift „Die angebliche Spaltungen in der Internationale“ über diese Position lustig: „Mit anderen Worten, wie die Klöster des Mittelalters das Ebenbild des himmlischen Lebens repräsentieren, soll die Internationale das Ebenbild des neuen Jerusalems werden, dessen ‚Keim’ die Allianz in ihrem Schoß trägt. Die Pariser Föderierten hätten keine Niederlage erlitten, wenn sie begriffen hätten, dass die Kommune‚ ‚der Keim der künftigen menschlichen Gesellschaft’ war, und sich jeder Disziplin und aller Waffen entledigt hätten, Dinge, die verschwinden müssen, sobald es keine Kriege mehr gibt“ (Marx/Engels, Band IV, 1972: S.155). Sicher haben Marx und Engels hier Recht, dass es unmöglich ist, eine Organisation im Kapitalismus nach dem Ebenbild der kommunistischen Gesellschaft zu bilden. Die Menschen, die in ihr arbeiten, sind auch als RevolutionärInnen von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt. Außerdem wissen wir nicht im Detail, wie eine nachkapitalistische Gesellschaft aussehen wird. Im Kampf gegen den Kapitalismus kann es unter Umständen nicht immer möglich sein, autoritäre Strukturen, Geheimhaltung und Konspirativität zu vermeiden.

So einfach, wie es sich Engels in einem Brief an einen italienischen Anhänger Bakunins machte, ist es aber auch nicht: „Es war der Mangel an Zentralisation und an Autorität, der die Pariser Kommune das Leben gekostet hat. Machen sie mit der Autorität usw. nach dem Siege, was Sie wollen, doch für den Kampf müssen wir alle unsere Kräfte zusammenballen und sie auf einen Angriffspunkt konzentrieren“ (ebenda: S.454). Die Kommune wäre in der damaligen Situation wahrscheinlich auch mit mehr Zentralisation und Autorität im Blut erstickt worden. Engels legte hier die Grundlage für die späteren leninistischen und trotzkistischen Legenden, die fast jede Niederlage von Aufständen mit dem Mangel einer richtigen und zentralistischen Führung erklärten.

Dass die Organisationsform nach und vor dem Sieg der Revolution gerade in einem logischen Zusammenhang steht, hat die Geschichte gezeigt. Eine Partei, wie die KPChina, die durch 20 Jahre Bürgerkrieg als Armee-Partei an die Macht kam, konnte sich aus dieser geschichtlichen Erfahrung zu Lebzeiten der Hauptakteure nie befreien. Die Kriegswirtschaft des Bürgerkrieges wurde als Vorwegnahme des Kommunismus idealisiert, innerparteiliche Demokratie entwickelte sich nie und Mao Zedong sah in der Führung eines Krieges und dem wirtschaftlichen Aufbau einer neuen Gesellschaft im Grunde keine unterschiedlichen Aufgaben. Auch in Russland prägte der Bürgerkrieg die Bolschewiki. Hatte man im Kampf gegen die Weißen schon „Läuse“ zerquetscht (Ernst Busch) und die Welt von „Ungeziefer“ gereinigt (Lenin), so dehnte sich der Terror gegen die als „Schädlinge“ (Stalin) eingestuften Teile der Bevölkerung immer weiter aus- bis schließlich in die eigene Partei. In allen Volksdemokratien wurden demokratische Rechte gerade nach der sozialistische Umwälzung abgeschafft, weil die Phase der demokratischen Etappe vorbei war. Der autoritäre und undemokratische Charakter einer Organisation scheint sich „nach dem Siege“ zu verstärken und nicht abzuschwächen.

Den Zusammenhang zwischen der Vorstellung mit Hilfe des Staates die Gesellschaft zu verändern und der Organisationsform hier und heute, hat John Holloway überzeugend herausgearbeitet. Wird die Eroberung der Staatsmacht als Schlüssel begriffen, dann werden die jungen RevolutionärInnen, zu BürokratInnen oder SoldatInnen ausgebildet und es entsteht folgende Logik: „ ‚Baut zuerst die Armee auf, baut zuerst die Partei auf, dann können wir uns der Macht, die uns unterdrückt, entledigen.’ Der Aufbau der Partei (oder Aufbau der Armee) überschattet dann bald alles andere. Was ursprünglich negativ war (die Ablehnung des Kapitalismus), wird in etwas Positives verwandelt (Aufbau von Institutionen, Aufbau der Macht). Die Einführung in die Eroberung der Macht wird zwangsweise zu einer Einführung der Macht selbst. Die Eingeweihten lernen die Sprache, Logik und Beherrschung der Macht (...). Differenzen innerhalb der Organisation werden zu Machtkämpfen. Manipulation und Beeinflussung werden zum Lebensstil“ (Holloway 2004: S.26).

Dorfgemeinschaft als Sozialismus

Diese Kritik von Holloway gibt auch für Bakunin, der in der Organisationsfrage nicht frei von Widersprüchen war. Er vertrat, obwohl er viel von Freiheit redete, in vielen Schriften ähnlich wie Lenin eine autoritäre Avantgarde-Theorie der Revolution. In einen Brief an Sergej Necaev, dem Autor des legendären „Revolutionären Katechismus“, legt Bakunin seine Revolutionstheorie für Russland dar. Im Gegensatz zu Necaev glaubte er nicht, dass eine revolutionäre Geheimorganisation ohne das Volk den Staat stürzen könnte (Bakunin 1980: S.64f.). Die Revolutionäre könnten dem Volk, sprich den BäuerInnen, kein Programm aufzwingen, weil es schon eines hätte, nämlich die freie Dorfgemeinde befreit vom staatlichen Druck. Den dörflichen Gemeindebesitz hätten die BäuerInnen in Aufständen gegen die GroßgrundbesitzerInnen immer wieder verteidigt. Die oberste Pflicht der Geheimorganisation sei, die Massen wachzurütteln und die einzelnen BäuerInnenaufstände zu einem großen Volksaufstand zu vereinigen (ebenda: S.68). Im Westen müsse die künftige soziale Ordnung erst durch die Revolution neu geschaffen werden. „Bei uns ist die Arbeit schon getan. Sobald die Revolution ausbrechen wird, sobald der Staat – und mit ihm alle Beamten – zusammenbrechen wird, wird sich das russische Dorf von sich aus organisieren ... (ebenda: S.71). Um diese Bewegung ins Rollen zu bringen, bräuchte man aber eine Avantgarde. Bakunin denkt hier an die ¾ der akademischen Jugend, die ohne Anstellung sind, und verarmte Adelige. „Wenn das Volk das revolutionäre Heer ist, ist das unser Stab, ist das die wertvolle Substanz der geheimen Organisation“ (ebenda: S.72). Im Prinzip haben wir es hier mit exakt derselben Avantgarde-Theorie wie bei Lenin zu tun, nur das Lenin sich auf die ArbeiterInnen stützen will. Als die Bolschewiki im Oktober 1917 in Russland die Macht erobern, bleibt Lenin nichts anderes übrig, als das Programm der BäuerInnen und SozialrevolutionärInnen umzusetzen, nämlich mit dem „Dekret über Grund und Boden“ ganz Russland zur Dorfgemeinschaft zu erklären, obwohl Lenin über 15 Jahre lang deren unwiderruflichen Untergang durch den Kapitalismus vorausgesagt hatte. Die russischen Verhältnisse von Dorfgemeinschaft, Zarendiktatur und Rückständigkeit verleiten sowohl den Kommunisten als auch den Anarchisten zu einer ähnlichen Avantgardekonzeption. Im Zuge der Oktoberrevolution führen die BäuerInnen aber eigenständig die „schwarze Umverteilung“ des Bodens durch und stellten die Dorfgemeinde wieder her – ohne die Führung von Lenins BerufsrevolutionärInnen oder Bakunins deklassierten AkademikerInnen und verarmten Adeligen.

Die unsichtbare Diktatur der Geheimorganisation

Während Lenin in 1917 in „Staat und Revolution“ noch eine Mischung aus Parteidiktatur und Rätedemokratie vertritt, schwebt Bakunin eine „gemeinschaftliche Diktatur der geheimen Organisation“ vor (Bakunin 1980: S.76). Da man nach dem Sieg der Revolution die Errichtung jeder staatlichen Diktatur über das Volk unmöglich machen wolle, müsse die Organisation eine unsichtbare Gewalt errichten, die keinen öffentlichen Charakter habe. Diese unsichtbare Diktatur könnte inmitten einer „furchtbaren und sinnlosen“ Anarchie nach der Abschaffung der Gesetze und Regierung die Wünsche und Bedürfnisse des Volkes vertreten. Bakunin, der wiederholt die Entstehung von „roten Bürokraten“ und neuer Unterdrückung in der Konzeption der Diktatur des Proletariats angelegt sah, schrieb: „Diese Diktatur kennt weder Habsucht, noch Eitelkeit, noch Herrschsucht, weil sie unpersönlich ist, sich nicht zeigt, und weil durch sie keine derjenigen, die die Gruppen bilden, auch nicht die Gruppen selbst, weder zu Gewinnen, noch zu Ehren, noch zu offizieller Anerkennung irgendeine Macht erlangen“ (ebenda: S.76). Während staatliche Macht die Ausübenden verdirbt, bleiben die „unsichtbaren“ Diktatoren edel und rein! Dieser Stab bräuchte auch nur ein paar Hundert Revolutionäre. „Die Gesellschaft ist wie ein einziger Körper, ein fest zusammengeschlossenes Ganzes, das, vom Zentralkomitee geleitet, einen ständigen verborgenen Krieg führt gegen die Regierung ...“ (ebenda: S.84). Vor dem Komma nimmt Bakunin die leninistische Rhetorik der 30er Jahre vorweg, um sie hinter dem Komma mit einem angeblichen anarchistischen Ziel zu verbinden.

Erst nach der Lektüre dieses Textes wurde mir klar, was Bakunin damit meinte, wenn er sagte, die revolutionäre Organisation müsse schon die neue Gesellschaft vorweg nehmen. Wie in dem Avantgarde-Konzept der Kommunistischen Internationalen bildet die Organisation die Keimzelle der revolutionären Diktatur nach dem Sieg. Nach der Machtübernahme dehnt sich ihre Herrschaft auf alle Bereiche der Gesellschaft aus.

Bei Bakunin überzieht die Organisation Russland mit einem „mächtigen Netz“ (ebenda: S.83) – nur ist alles geheim, unsichtbar und antistaatlich, da es ja weder Gesetze noch Regierung gibt. Aber trotz der ständigen Vergleiche mit dem Leninismus soll hier Wladimir Iljitsch kein Unrecht getan werden. Bakunins „Prinzipien und Organisation einer internationalen revolutionär-sozialistischen Geheimgesellschaft“ von 1866 ähneln eher einer totalitären Sekte als einer leninistischen Kaderpartei und umfassen über 100 Seiten an Regeln und Schwüren (siehe Bakunin 1972: S.3-105).

Lenin erkannte außerdem, dass ohne Industrialisierung und umfassende Bildung in Russland kein Sozialismus möglich ist. Bakunin hielt hingegen den gemeinschaftlichen Stumpfsinn der russischen Dorfgemeinde für die Grundlage der neuen Gesellschaft. Mit dieser Art von Auffassungen setzte sich Engels 1894 in der Schrift „Soziales aus Russland“ auseinander. Marx hatte zuvor betont, dass seine Theorie des „Kapitals“ nur für Westeuropa gelte und die Dorfgemeinschaft in Verbindung mit einer Revolution im Westen der Ausgangspunkt für den Aufbau des Kommunismus unter Umgehung des Kapitalismus werden könnte. Engels betonte hingegen, dass gerade die isolierte „freie Dorfgemeinde“ (mir) die Grundlage für den staatlichen orientalischen Despotismus von Indien bis Russland sei (Marx/Engels, IV: S.353). Bauernaufstände hätten sich in Russland deshalb zwar gegen den Adel und einzelne BeamtInnen gerichtet, aber nie gegen den Zaren. Eine wirkliche soziale Veränderung sei von der Dorfgemeinde nie ausgegangen, so Engels.

Basisdemokratie und Avantgarde

Der Einfluss der russischen Verhältnisse auf die Theorie Lenins und Bakunins ist nicht zu übersehen und in gewisser Weise verständlich. Schlimm ist dagegen, dass beide die Konzeption einer Führung der Revolution durch eine intellektuelle Avantgarde (in Form einer Kaderpartei oder Geheimorganisation) auf Westeuropa übertrugen. Für Bakunin waren die ArbeiterInnen im Westen und in Russland auf Grund ihrer sozialen Lage sozialistisch ohne es zu wissen. Die Aufgabe der RevolutionärInnen sei es deshalb, diesen Instinkt in sozialistische Gedanken zu verwandeln. „Das Ziel ist also, ihm (dem Arbeiter) volles Bewusstsein dessen, was er will, zu geben, in ihm einen seinem Instinkt entsprechenden Gedanken entstehen zu lassen; denn vom Moment an, da der Gedanke der Arbeitermassen sich zur Höhe ihres Instinkts erhoben haben wird, wird ihr Wille bestimmt sein und ihre Macht unwiderstehlich werden (Bakunin 1972: S.161f). Der Revolutionär ist also so etwas wie ein „Ingenieur der menschlichen Seele“, der die Instinkte der ArbeiterInnen genau kennt und sie von außen in Gedanken verwandeln kann.

Auch wenn Bakunins Avantgardetheorie der von Lenin ähnelt, so hat er in der Staatsfrage natürlich eine andere Position bezogen. Die Pariser Kommune gab auch der anarchistischen Theorie neue Impulse. Bakunin bezeichnete sich als ihr Anhänger, weil sie eine kühne, sehr ausgesprochene Verneinung des Staates war (Schneider, Band I, S.11). Er unterstrich, dass die SozialistInnen gegenüber den JakobinerInnen in der Kommune nur eine Minderheit blieben und deshalb die soziale Revolution nicht durchgeführt wurde. Die Organisation der Kommune diente Bakunin auch als Vorbild: „Die zukünftige soziale Organisation darf nur von unten nach oben errichtet werden durch die freie Assoziationen und Föderierung der Arbeiter zunächst in den Assoziationen, dann Gemeinden, den Distrikten, den Nationen und zuletzt in einer großen internationalen und universellen Föderation“ (ebenda: S.16). Jedes Individuum und jede Kommune sollte das Recht haben sich zusammenzuschließen oder von anderen zu trennen. Wie bei Marx sollte die Zentralgewalt durch die Kommunalverfassung ersetzt werden. Die Staatsmacht wird dabei als „Schmarotzerauswuchs“ gesehen. Bettschart kommt beim Vergleich der Positionen von Marx und Bakunin zur Kommune zu dem Ergebnis, dass eine „bruchlose Übereinstimmung“ der angestrebten Lebensformen vorhanden sei (Bettschart 1980: S.42). Bei Bakunin stand aber die neue Gesellschaft als freie Föderation der Kommune völlig unvermittelt neben dem Konzept der revolutionären Geheimgesellschaft. Wie sollen „Brüder“ der Geheimgesellschaft, die jahrzehntelang mit Verschwörung und Unterordnung leben, sich plötzlich in Basisdemokraten der Kommune verwandeln. Die Logik der Macht und Verschwörung ist ihnen so tief eingebrannt, dass es fraglich ist, ob sie sich je davon befreien können.

Bakunins Konzeption einer nachrevolutionären Gesellschaft hat neben der „unsichtbaren Diktatur“ auch noch andere repressive Elemente. Für ihn sind die zu zerstörenden Feinde Staat, Gott und Eigentum und zwar in dieser Reihenfolge. An der Pariser Kommune kritisiert er: „Die Abschaffung der Kirche und des Staates muss die erste und unausweichliche Bedingung der wirklichen Befreiung der Gesellschaft sein; erst nachher kann und muss sich die Gesellschaft anderes organisieren, aber nicht von oben nach unten und nach einem idealen von einigen Weisen oder Gelehrten erträumten Plan ...“ (Schneider I, 1971: S.16). Erst wenn die Kirche abgeschafft und die Religion verboten ist, lässt sich die neue Gesellschaft verwirklichen. Engels polemisierte in „Flüchtlingsliteratur“ gegen diese Auffassung: „Soviel ist sicher: Der einzige Dienst, den man Gott heutzutage noch tun kann, ist der, den Atheismus zum zwangsmäßigen Glaubensartikel zu erklären und die Bismarckschen Kirchenkulturkampfgesetze durch ein Verbot der Religion zu übertrumpfen“ (Marx/Engels Band IV, S.332). Was Enva Hoxha in Albanien durch den Staat verbieten ließ, wollte Bakunin durch die Revolution in einem Akt zerstören. Alle Versuche Religion und Glauben durch Zwang zu beseitigen, haben sich im 20.Jahrhundert als kontraproduktiv erwiesen. In China, welches wohl die radikalste „Kulturrevolution“ erlebte, breiten sich heute Sekten und Religionsgemeinschaften im rasanten Tempo wieder aus.

C. Die nachrevolutionäre Gesellschaft: War Kropotkin Marxist?

In der Kritik des Anarchismus haben die KommunistInnen oft versucht ihn als eine Bewegung von vorindustriellen HandwerkerInnen darzustellen. Fritz Brupbacher schrieb später in seinem Buch über Marx und Bakunin, in welchem er eher mit dem Russen sympathisierte, dass der Anarchismus nach 1870 als Massenbewegung verschwand, weil die Großindustrie den relativ selbstständigen FacharbeiterInnen (eher männlich) des Handwerks durch ungelernte IndustriearbeiterInnen (eher weiblich) ersetzte, die der Maschine unterworfen wurden. Als Beispiel nannte er die UhrmacherInnen, die die Basis des Schweizer Anarchismus darstellten und mit dem Aufschwung Industrie untergingen (Brupbacher 1976: S.205f). „Marx konnte Bakunin totschlagen, weil die Gefolgschaft von Bakunin durch die Großindustrie totgeschlagen wurde..., die geistig das Proletariat dezimierte“ (Brupbacher, Umschlag). Brupbacher setzte hier ungerechtfertigter Weise den Sieg der deutschen Sozialdemokratie, die stärker von Lassalle als von Marx geprägt war, mit der Theorie Marxens gleich. Zumal war gerade die autoritäre und staatsgläubige deutsche ArbeiterInnenbewegung sehr stark von den FacharbeiterInnen der Kleinbetriebe geprägt. Erst das Bündnis mit den Junkern und die Anerkennung der Gewerkschaften im 1.Weltkrieg öffnete der SPD die Tür zu den industriellen Großbetrieben. Bakunin erklärte den Unterschied zwischen dem „autoritären Sozialismus“ der Deutschen und dem „freiheitlichen Sozialismus“ der romanischen Länder eher mit dem Nationalcharakter der Völker, wobei er nicht selten auf antisemitische Argumente zurückgriff. Eine Gleichsetzung des Anarchismus als Ganzes mit einem romantischen Handwerker- oder Dorfsozialismus ist nicht gerechtfertigt, auch wenn es bei Bakunin oft in diese Richtung ging.

Das Recht auf Luxus und die Automatisierung der Produktion

Peter Kropotkin (1842-1921) entwarf in seiner Textsammlung „Die Eroberung des Brotes“ eine Gesellschaft des „anarchistischen Kommunismus“, die auf modernster Technik und Wissenschaft beruhen und den Arbeitstag auf vier Stunden reduzieren sollte.[4] Anstelle des zentralistischen Staates sollte eine Föderation der selbstständigen Kommunen treten. In dieser wichtigen Sammlung entwickelte Kropotkin vor dem Hintergrund der Erfahrungen der französischen Revolution und der Pariser Kommune eine Kritik an den Sozialisten und kollektivistischen Anarchisten (Bakunin).

In der Revolution müssten die ArbeiterInnen das Privateigentum an Produktionsmitteln, Banken und Boden expropriieren. Da Kropotkin mit schweren wirtschaftlichen Rückschlagen durch die revolutionären Unruhen rechnete, wurde für ihn die Versorgungsfrage zum zentralen Problem. Die Pariser Kommunen von 1793 und 1871 scheiterten vor allem deswegen, weil sie nicht zur „Eroberung des Brotes“ schritten, das heißt auch alle notwendigen Lebensmittel und Häuser enteigneten, um Nahrung und Wohnung an die Hungernden und Kämpfenden zu verteilen (Kropotkin 1991: S.36f.). Die Revolution kann nur überleben, wenn sie die Versorgung sichert. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt Kropotkin die Idee der Selbstversorgung der Städte. In seiner Schrift „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“ legte er dar, dass Paris durch die Vororte mit moderner Landwirtschaft sich selbst ernähren könnte. Diese Autarkievorstellungen sind im Zeitalter der Globalisierung natürlich überholt.

Im Laufe der Entwicklung des „anarchistischen Kommunismus“ sollen nach Kropotkin aber nicht nur die Grundbedürfnisse befriedigt, sondern das „Recht auf Wohlstand“ verwirklicht werden. Das bedeutet eine Reduzierung der notwendigen Arbeitszeit und eine Befriedigung der unterschiedlichsten „Luxusbedürfnisse“, wie Kunst oder Kultur, der jede und jeder nach seinen bzw. ihren eignen Wünschen nachgehen kann. Anstelle des „Rechts auf Arbeit“, das die Parole für die Beschäftigung der Arbeitslosen in Nationalwerkstätten in der französischen Revolution von 1848 war, setzte er deshalb „Recht auf Wohlstand“. „Das Recht auf Wohlstand ist die soziale Revolution, das Recht auf Arbeit ist günstigstenfalls ein industrielles Zuchthaus“ (Kropotkin 1999: S.18). Um eine solche Gesellschaft des Überflusses zu verwirklichen, schlug Kropotkin die Dezentralisierung der Industrien sowie die Mechanisierung der Landwirtschaft und Hausarbeit vor.

Kropotkin ging es nicht einfach nur um eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Steigerung der Produktivkräfte, sondern um eine völlige Umwälzung der Gesellschaft. Gegen Staatssozialisten und Kollektivisten schrieb er: „ ‚Nichts wird sich ändern’ – hat man uns bisweilen gesagt. – ‚Man wird die Werkstätten, die Fabriken expropriieren, man wird sie zu nationalen oder kommunalen Eigentum erklären; - und Jeder wird dann zu seiner gewohnten Arbeit zurückkehren“ (ebenda: S.154). Kropotkin wollte hingegen mit Hilfe von Wissenschaft und Maschinerie die Arbeit so verändern, dass „abstoßende und ungesunde Arbeit“ verschwindet (ebenda: S.92). Die neue Gesellschaft sollte die Arbeitsteilung auf volkswirtschaftlicher und internationaler Basis aufheben. Nicht nur die Trennung von Hand- und Kopfarbeit kritisierte er, sondern auch die Zerstückelung des Wissen über die Gesamtheit der Produktion (ebenda: S.146).

Abschaffung der Lohnarbeit

Das aus heutiger Sicht beeindruckenste Kapitel der Sammlung ist die Kritik am „kollektivistischen Lohnsystem“. „Die Kollektivisten proklamieren zuerst ein revolutionäres Prinzip – die Abschaffung des Privateigentums – und verneinen es nachher wieder durch die Aufrechterhaltung einer Organisation innerhalb der Produktion und Konsumption, die ihren Ursprung im Privateigentum hat“ (ebenda: S.128). Kropotkin wandte sich gegen die Idee der „Zettelwirtschaft“, nämlich die Arbeit nach der in ihr enthaltenen gesellschaftlich notwendigen Durchschnittsarbeit zu entlohnen. „Es kann kein exaktes Wertmaß für das, was man unkorrekter Weise Tauschwert genant hat, geben und ebenso wenig für den Gebrauchswert“ (ebenda: S.133). Die geleistete Arbeitszeit sagt nicht darüber aus, wie viel tatsächlich produziert worden ist. Nicht nur die Fabrik, sondern die ganze Gesellschaft sei ein Produktionszusammenhang, bei dem die unterschiedliche Wichtigkeit der Arbeit unmöglich objektiv festzulegen sei. „Es bleibt nur eins: die Bedürfnisse über die Leistungen zu stellen und zuerst das Recht auf Leben anzuerkennen, alsdann darauf bedacht zu sein, für den Wohlstand aller derer zu sorgen, welche irgendwie einen Anteil an der Produktion nehmen (ebenda: S.134). Kropotkin sprach nicht nur von industrieller Produktion, sondern auch von „moralischer Arbeit“, Erfindungen oder Krankenpflege.

Auch die „großen Ökonomisten“ würden merken, dass sie die Bedürfnisse der Produzenten mit ihrem Leistungsprinzip oder der Zettelwirtschaft ignorieren. „Nur überlassen sie es dem Staat, sie zu begutachten, dem Staat die Bestimmung darüber, ob die Bedürfnisse auch im rechten Verhältnis zu den geleisteten Diensten stehen. Der Staat wird die Almosenpflege übernehmen. Von hier bis zum Armengesetz und dem englischen Workhouse ist es nur ein Schritt“ (ebenda: S.136). Kropotkin arbeitete hier den repressiven Charakter des Sozialstaates heraus. Was er hier schriebt, gilt sowohl für Harz IV als auch für das leninistische Prinzip „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, mit dem die Kader in Krisenzeiten über Leben und Tod der Bauern entscheiden konnten.

In die „Eroberung des Brotes“ finden sich einige Stellen, die man als frühe Wertkritik deuten kann, auch wenn der Fürst nur sehr rudimentäre Kenntnisse im Bereich Ökonomie besaß und davon auszugehen ist, dass er das „Kapital“ nie studiert hat. Er hielt vielmehr die Staatskapitalismus-Konzeption von 1848, die die deutsche Sozialdemokratie übernahm, für die Position von Marx oder warf sie mit der Politischen Ökonomie in einem Topf. Gegen einen Distributions-Sozialismus schrieb er aber: „Das Übel der gegenwärtigen Produktion besteht nicht darin, dass der ‚Mehrwert’ der Produktion dem Kapitalisten zufällt –wie Rodbertus und Marx gesagt haben (...). Das Übel liegt darin, dass es einen Mehrwert geben kann (...) denn, damit es einen Mehrwert geben kann ist, es notwendig, dass Männer, Frauen und Kinder gezwungen sind, ihre Arbeitskräfte für einen Lohn, der gegenüber dem Werte dessen, was sie produzieren und namentlich dessen, was sie zu produzieren imstande wären, verschwindet, zu verkaufen.“ (ebenda: S.73). Es ging Kropotkin also nicht nur um eine gerechte Verteilung, sondern um die Abschaffung des Lohnsystems überhaupt.

Kropotkin wollte nicht die Produktion, sondern die menschlichen Bedürfnisse zum Ausgangspunkt der gesellschaftlichen Analyse machen. Produziert wird erst, wenn ein Bedürfnis da wäre (ebenda: S.138). Mit der Abschaffung des Privateigentums könnten alle Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Um den Kapitalismus zu analysieren, ist es problematisch, die Bedürfnisse zum Ausgangspunkt zu machen, weil die Steigerungen des Mehrwerts das Ziel der Produktion ist.

 

Kommunismus als ökonomische Freiheit

In dem Artikel „Kommunismus und Anarchie“ erteilte Kropotkin jeder Vorstellung, die neue Gesellschaft in einer kleinen Gemeinschaft oder Kommune zu verwirklichen, eine klare Absage (siehe Kropotkin 1901). In den ländlichen Kommunen in den USA oder Russland hätten sich ihre Mitglieder wie Mönche benommen und unter der Parole der „Großen Familie“ die Freiheit des Einzelnen unterdrückt. Auf Grund der Größe von ein paar Hundert Leuten gingen sich die Menschen schnell auf die Nerven und persönliche Konflikte würden dominieren. Die Landkommunen hätten sich von der Gesellschaft isoliert und eine Form der patriarchalischen Familien nachgeahmt. Nur der Kommunismus (der ganzen Gesellschaft) würde ökonomische Freiheit garantieren, weil die Bedürfnisse der Individuen befriedigt werden können und die Arbeitszeit auf ein paar Stunden reduziert wird. Gerade die Ausdehnung der freien Zeit würde die Menschheit von der schwersten Last der Sklaverei befreien. Als Ergänzung der ökonomischen Freiheit des Kommunismus forderte Kropotkin die politische Freiheit des Anarchismus. Ohne Anarchismus könne der Kommunismus nicht existieren oder würde sich in Sklaverei verwandeln.

Eine Anmerkung am Rande: Für mich stellt sich die Frage, wie die politischen Freiheiten und Rechte in einer nachrevolutionären Gesellschaft garantiert werden sollen. Kropotkin wollte staatliche Gesetze durch die „freie Vereinbarungen“ der Individuen und Kommunen ersetzen. Was passiert mit Menschen, die sich nicht an die „freien Vereinbarungen“ halten? Sollte es nicht universelle Rechte geben, die weder Partei noch Kommune einschränken oder aufheben können? Welchen rechtlichen Schutz hat das Individuum noch, wenn es keine Gesetze mehr gibt? Ich meine, bezüglich der Gesetze machen es sich die AnarchistInnen zu einfach.

Weg mit dem Objektivismus!

Was heute an Kropotkins Werk am problematischsten scheint, ist das objektivistische Weltbild des 19.Jahrhunderts. Wie viele seiner Zeitgenossen nahm auch der Fürst an, dass Natur und Gesellschaft auf ähnlichen und objektiven Gesetzmäßigkeiten beruhen, die für den Wissenschaftler erkennbar sind. Während bei Bakunin der Wille zur Anarchie entscheidend war, versuchte Kropotkin (1975) Darwin zu widerlegen mit der These, dass Zusammenarbeit und nicht Konkurrenzkampf die vorherrschende Form im Tierreich sei. Wie die Tiere tendierten auch die Menschen zur Kooperation und würden bloß von Staat und Kapital daran gehindert. Die Kooperation aus dem Tierreich abzuleiten, ist nur ein umgekehrter Sozialdarwinismus, der die Konkurrenz und Auslese zur menschlichen Natur erklärt. Diese Ansichten sind heute ebenso antiquiert, wie Engels Versuch Natur und menschlicher Gesellschaft die gleichen dialektischen Eigenschaften anzudichten. Der Kommunismus ist heute auf dem Boden des entwickelten Kapitalismus möglich, wenn wir ihn wollen- nicht weil er eine Gesetzmäßigkeit von Natur oder Geschichte ist.

Stalin kritisierte an Kropotkin gerade nicht dessen Objektivismus, sondern das Fehlen der „geschlossenen Weltanschauung“ des dialektischen und historischen Materialismus. Dabei vertrat er schon 1907 einen Materialismus, der deterministisch, dogmatisch und objektivistisch sowie an Plattheit nicht mehr zu überbieten war.[5]

In Kropotkins Geschichtsbild gibt es die Tendenz, jede Form des gemeinschaftlichen und der Selbstverwaltung als Verboten des anarchischen Kommunismus zu sehen. Die Handwerkergilden des Mittelalters oder die Stadtverwaltungen sind nicht fortschrittlich, nur weil sie nicht vom Staat geschaffen wurden. Während es bei den SozialdemokratInnen und BolschewistInnen die Tendenz der Gleichsetzung von staatlich und sozialistisch gab, so wurden bei Kropotkin und Bakunin oft gemeinschaftlich und anarchistisch gleichgesetzt. Dass es Kropotkin gerade nicht um die Wiederherstellung von vormodernen Selbstverwaltungsstrukturen ging, hat er in die „Eroberung des Brotes“ deutlich gezeigt.

So gilt es heute Kropotkins Werk (und ebenso Marx´) von den Ideen des 19.Jahrhunderts zu befreien und es in den Dienst der Revolution des 21.Jahrhunderts zu stellen.

Schluss: Postfordismus und die rot-schwarzen Flitterwochen

Ziel des Artikels ist es, die historisch entstandenen Fronten zwischen Anarchismus und Kommunismus aufzubrechen. Die AnarchistInnen dienen nicht im Namen der Revolution der Reaktion (Plechanow 1995: S.80) oder sind „richtige Feinde des Marxismus“ (Stalin 1950, Band 1: S.258). Bezüglich der Staatstheorie und der Verfasstheit der nachkapitalistischen Gesellschaft sind Marx Positionen wesentlich näher an Kropotkin als an Lenin. So können viele Ideen aus den Werken Kropotkins heute eine Ergänzung zu einer Theorie der Befreiung sein, die im wesentlichem auf Marx „Kapital“ und der Kommune-Schrift basiert. Die autoritären Knochen, Bakunin und Lenin, können heute hingegen im Fossilienmuseum abgestellt werden. Ihre Revolutions- und Avantgardetheorien sind Produkte der russischen Gesellschaft des 19.Jahrhunderts, die keinen Bezug zur modernen bürgerlichen Gesellschaft mehr haben. Die Frage ist heute nicht mehr „Anarchismus oder Sozialismus“ (Stalin), sondern (Anarcho)Kommunismus oder Staatssozialismus?

Neben den historisch übersehenen Gemeinsamkeiten im Werk von Marx und Kropotkin, verschwinden mit dem Übergang vom Fordismus zum Postfordismus weitere Widersprüche zwischen Anarchokommunismus und Kommunismus im marxschen Sinne:

    Die Schrumpfung der Industrie und der Übergang zur „Dienstleistungsgesellschaft“ haben den Widerspruch zwischen der kommunistischen Konzeption vom industriellen Großbetrieb als Kerneinheit der staatlichen Planwirtschaft und des anarchistischen Konzepts vom Kleinbetrieb als bestmögliche Einheit der Selbstverwaltung in Frage gestellt. Durch Outsourcing wurde und wird die Industrie weiter dezentralisiert. Der fordistische Industriearbeiter, der in der kommunistischen Bewegung oft als der „Neue Mensch“ verherrlicht worden ist, stellt heute nur noch eine Minderheit der Gesellschaft dar. Es gibt nun weder eine Grundlage für kommunistischen „Proletenkult“ noch für eine Idealisierung von gemeinschaftlichen vorkapitalistischen Strukturen wie die russische Dorfgemeinde. Im Moment findet Flexibilisierung, Verstärkung der Eigenverantwortung, Aufbrechung von alten Rollen und Einbeziehung der Angestellten und ArbeiterInnen in die Planung und Organisation der Arbeit unter kapitalistischen Vorzeichen statt. Sollte es eine soziale Revolution geben, so könnte diese Entwicklung die Vorbereitung für die Selbstverwaltung der neuen Gesellschaft sein.

 


    Mit der weltweiten Durchsetzung des Weltmarktes nach 1989 relativiert sich der ewige Streit um Etappen- und Stufenmodelle der Revolution zwischen KommunistInnen, LinkskommunistInnen und AnarchistInnen. Alle Modelle nationaler Befreiung in der „3.Welt“ (wie „afrikanischer“ oder „arabischer“ Sozialismus) sind kläglich gescheitert – ihre Organisationen haben nach der Machtübernahme neue korrupte Diktaturen geschaffen und konnten die soziale Frage nicht annähernd lösen. Der Kampf für politische, soziale und nationale Befreiung von Besatzern muss deswegen zusammenfallen, wenn er fortschrittlichen Charakter haben soll. Außerdem gibt es auf der Welt heute offensichtlich wenige Länder, in denen eine „demokratische Revolution unter Führung des Proletariats“ erst einmal vorkapitalistische Strukturen beseitigen müsste.

    Weder Marx noch Kropotkin und Bakunin[6]  lehnten prinzipiell politische Forderungen oder Lohnkampf ab. Heute gibt es einige Gruppen, die unter dem Vorwand „Weltkommunismus als Minimalforderung“ alle konkreten Forderungen ablehnen oder Lohnkämpfe für reaktionär halten, weil das Lohnsystem nicht in Frage gestellt wird. Sollen wir uns diszipliniert unter das System unterordnen bis zu dem Tage, wo sich alle zum Sturm auf den Kapitalismus eingefunden haben? Der Kampf für die Befreiung kann nur ein kontinuierlicher Prozess sein, in dem wir lernen fragend voran zu gehen. So können es manchmal gerade banale politische Forderungen oder Lohnkämpfe sein, die an die Grenzen des Systems stoßen und die Frage nach einer Alternative aufwerfen.

    Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus nach 1989 ist das Modell über die Eroberung der Staatsmacht und mit Hilfe einer Kaderpartei eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen gescheitert. Die Siege der Revolution unter Führung von leninistischen Kaderparteien waren letztendlich scheinbare Siege, weil die Partei zwar die Macht für einige Perioden erhalten konnte, aber den Weg zu einer emanzipierten kommunistischen Gesellschaft verbaute. Jede Form von Automatismus und Determinismus ist historisch erledigt: Wenn die Geschichte eins bewiesen hat, dann, dass die Weltgeschichte nicht automatisch auf den Sozialismus zu steuert, dass die Verstaatlichung der Produktionsmitteln keineswegs zur Emanzipation der ArbeiterInnenklasse führen muss und dass kein Staat automatisch abstirbt, nur weil die „AusbeuterInnenklasse“ verschwindet. Auch Zerfall von Staatlichkeit bedeutet nicht automatisch Fortschritt, sondern kann auch in die Barbarei führen, wie wir in den BürgerInnenkriege in Zentralafrika sehen.

    Der positive Bezug soll nicht heißen, dass man sie dogmatisch als einziges Modell der Selbstverwaltung und Basis Demokratie hinstellen muss. Mit gefällt der Begriff des Kommunismus als „generalisierte Selbstverwaltung“ des französischen Situationisten Guy Debord. Jede Bewegung und Revolution muss ihn wieder neu mit Inhalten füllen.

Dieser Artikel soll nur ein Anstoß sein, neu über das Verhältnis von Kommunismus und Anarchismus nachzudenken. Für die Konstruktion einer Theorie für die Befreiung von Kapital, Staat, Ware und Lohnarbeit steht nach wie vor viel Arbeit an.

grundrisse/ at /gmx.net

Literatur

    anarchismus.at (hrsg.): Das Staatsbild im kommunistischen Anarchismus, in: www.anarchismus.at/txt1/bakunin5.htm

    Bakunin, Michael (2004): Konflikt mit Marx, Teil 1: Texte und Briefe bis 1870, Berlin.

    Bakunin, Michael (1980): „Gewalt für den Körper.Verrat für die Seele?“ – Ein Brief von Michael Bakunin an Sergel Necaev, Berlin.

    Bakunin, Michael (1972): Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften, Frankfurt (M).

    Berkman, Alexander (2002): ABC des Anarchismus, Grafenau.

    Bettschart, Roland (1980): Bakunin-Marx – Eine Analyse des Diskurses mit besonderer Rücksicht des Stellenwertes der Commune de Paris, Wien (Diplomarbeit).

    Brupbacher, Fritz (1976): Marx und Bakunin, Berlin (West).

    Communismus (Hrsg.): kropotkins marxismuskritik, in: http://communismus.de/kropotkin.html

    Communismus (Hrsg.): Staatsfeind Marx zu Staat und Revolution, in: http://communismus.de/staatsfeind.html

    Holloway, John (2004): Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen, Münster.

    Kropotkin, Peter (1989): Die Eroberung des Brotes, Grafenau.

    Kropotkin, Peter (1901): Communism and Anarchy, in: www.endpage.com/Archives/Subversive_Texts/Kropotkin/AnarComm.htm.

    Kropotkin, Peter (1920): The Wage, in:  http://www.endpage.com/Archives/Subversive_Texts/Kropotkin/Wage.htm
    Kropotkin, Peter (1978): Der Staat, Frankfurt (M).
    Kropotkin, Peter (1975): Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Frankfurt (M).
    Lenin, W.I. (1989): Staat und Revolution, Berlin (Ost).
    Lenin, W.I. (1984): Ausgewählte Werke in drei Bänden, Berlin (Ost).
    Lenin, W.I. (?): Marxismus und Staat, Berlin (Ost).
    Marcuse, Herbert (1969): Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, Luchterhand, Berlin.
    Marx/Engels (1972-1974): Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Berlin (Ost).
    Plechanov, Georg (1911): Anarchismus und Sozialismus, (reprint), Köln.
    Schneider, Dieter Marc (Hrsg.) (1971): Die Pariser Kommune (Texte von Bakunin, Kropotkin, Lavrov, Marx, Engels, Lenin und Trotzki), zwei Bände, Reinbek bei Hamburg.
    Stalin, Josef (1972): Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR, Peking.
    Stalin, Josef (1974): Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft, Peking.
    Stalin, Josef (1950): Gesammelte Werke, 13 Bände, Berlin (Ost).

    Verlag der Jugendinternationalen (1998): Wegbereiter des Kommunismus, (reprint), Köln.
    Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland (Hrsg.) (1946): Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang, Berlin.

 

 

[1] Diese Untersuchung behandelt nur den „Anarchokommunismus“, der für die soziale Revolution eintritt und Staat und Privateigentum schaffen will. Theoretiker wie Max Stirner oder Proudhon werden deshalb nicht behandelt. (Zur Unterscheidung von kommunistischen und individualistischen Anarchismus siehe Berkman 2002: S.46).

 

[2] Der Vater der leninistischen Auffassung von Materialismus Plechanow warf den Anarchisten gerade ihre Kritik an der deutschen Sozialdemokratie vor: „Der korrumpierende Einfluss der parlamentarischen Umgebung auf die Arbeiterdeputierten ist bis auf den heutigen Tag das geschätzteste Argument der Anarchisten bei ihrer Kritik der politischen Tätigkeit der sozialistischen Demokratie (...). Es genügt die geringste Kenntnis der Geschichte der deutschen sozialistischen Partei, um zu erkennen, wie das praktische Leben die anarchistischen Befürchtungen widerlegt“ (Plechanow 1911: S.56).

 

[3] In „Persönliche Beziehungen zu Marx“ schrieb er 1871: „Nun diese ganze jüdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutengelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch für alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, - diese jüdische Welt steht heute zum großen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung. Ich bin sicher, dass die Rothschild auf der einen Seite die Verdienste von Marx schätzen, und dass Marx auf der anderen Seite instinktive Anziehung und großen Respekt für die Rothschild empfindet. Dies mag sonderbar erscheinen. Was kann es zwischen dem Kommunismus und der Großbank gemeinsames geben? O! der Kommunismus von Marx will die mächtige staatliche Zentralisation, und wo es solche gibt, muss heutzutage unvermeidlich eine zentrale Staatsbank bestehen, und wo eine solche Bank besteht, wird die parasitische jüdische Nation, die in der Arbeit des Volkes spekuliert, immer ein Mittel zu bestehen finden (...)“ (Bakunin 1972: S.400f.). Diese Argumentation erinnert an die nationalsozialistische Theorie der Einheit vom “jüdischen Finanzkapital” und „jüdischem Marxismus”.

 

[4] So ist es eine Verleumdung, wenn Stalin Kropotkin verwarf, er wolle einen Gemeindesozialismus ohne breite industrielle Basis errichten (Stalin, Band 1, 1950: S.287f.).

 

[5] „Alles, was wirklich ist, d.h. alles, was von Tag zu Tag wächst, ist vernünftig, und alles das, was sich von Tag zu Tag zersetzt, ist unvernünftig und wird deshalb der Niederlage nicht entgehen (Stalin, 1950, Werke I: S.261).“ „..so ist es von selbst klar, dass die sozialistische Ordnung mit der gleichen Unvermeidlichkeit dem Kapitalismus folgen wird, wie der Nacht der Tag folgt“ (ebenda: S.296).

 

[6] Siehe Bakunin 2004: S.126f.

 




 
 Daniel Guerin - Anarchismus und Marxismus

I.

 

Wenn man dieses Thema behandeln will, steht man vor mehreren Schwierigkeiten, Beginnen wir mit der ersten: Was verstehen wir unter dem Begriff "Marxismus"? Um welchen "Marxismus" handelt es sich?

 

Ich halte es für notwendig/ hierauf sofort zu antworten. Wir nennen im folgenden "Marxismus" die gesamten Schriften von Marx und Engels selbst, nicht jedoch die ihrer mehr oder weniger treuen Nachfolger/ die für sich die Etikette "Marxisten" in Anspruch genommen haben. Mit Sicherheit schließen wir den entstellten Marxismus, ja man könnte sagen: Den verratenen Marxismus der deutschen Sozialdemokratie aus.

 

Dazu einige Beispiele: In den ersten Jahren der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland, zu Lebzeiten von Marx, prägten die Sozialdemokraten die Forderung nach dem "Volksstaat". Marx und Engels waren vermutlich so glücklich und so stolz darauf, daß es in Deutschland endlich eine Massenpartei gab, die sich auf sie berief, daß sie ihr gegenüber eine unangebrachte Nachgiebigkeit an den Tag legten. Erst musste Bakunin in heftigen und wiederholten Angriffen gegen den "Volksstaat" polemisieren, erst musste - um die gleiche Zeit - ein heimliches Übereinkommen der Sozialdemokraten mit den radikal-bürgerlichen Parteien zustande kommen, bevor sich Marx und Engels genötigt sahen, den Begriff und die Praxis des Volksstaats fallen zu lassen.

 

Später erarbeitete der alternde Engels, als er 1895 sein berühmtes Vorwort zu Marxens "Die Klassenkämpfe in Frankreich" schrieb, eine vollständige Revision des Marxismus zum Reformismus, indem er den Akzent vor allem auf den Gebrauch des Wahlzettels legte, der ihm als geeignetes, wenn nicht gar als einziges Mittel zur Erringung der Macht galt. Schließlich wurde dann Karl Kautsky der zwielichtige Nachfolger von Marx und Engels. Theoretisch erhob er zwar den Anspruch, noch auf der Grundlage des Kampfes der revolutionären Klassen zu stehen, in der Praxis jedoch deckte er die Handlungsweise seiner Partei, die sich mehr und mehr opportunistisch und reformistisch verhielt.

 

Zur selben Zeit forderte Eduard Bernstein/ der sich ebenfalls für einen "Marxisten" ausgab, Kautsky auf, konsequent zu sein und den Klassenkampf abzulehnen, den er für überholt hielt Dagegen sprach er sich für Wahlen, Parlamentarismus und Sozialreformen aus.

 

Kautsky selbst behauptete, daß es völlig verfehlt sei, zu sagen, daß das sozialistische Bewußtsein eine notwendige und direkte Folge des proletarischen Klassenkampfs sei. Wenn man ihm glauben würde, so wären Sozialismus und Klassenkampf nicht abhängig voneinander. Sie gingen aus verschiedenen Bedingungen hervor. Das sozialistische Bewußtsein entstünde aus der Wissenschaft. Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die intellektuelle Bourgeoisie. Erst durch diese würde der Sozialismus den Proletariern "vermittelt". Folglich: "Das sozialistische Bewußtsein ist ein Element, das von Außen in den Klassenkampf des Proletariats eingeführt wird, und nicht eines, das spontan aus dem Klassenkampf hervorgeht."

 

Die einzige Theoretikerin in der deutschen Sozialdemokratie, die dem ursprünglichen Marxismus treu geblieben ist, war Rosa Luxemburg. Allerdings musste sie viele taktische Zugeständnisse an die Führung ihrer Partei machen. Sie wagte es nicht, Bebel und Kautsky offen zu kritisieren. Sie trat vor 1910 nicht in offenen Konflikt mit Kautsky, als nämlich ihr Ex-Tutor die Idee des politischen Massenstreiks verwarf. Vor allen Dingen aber bemühte sie sich, die enge Übereinstimmung abzustreiten, die zwischen dem Anarchismus und ihrer Konzeption der revolutionären Spontaneität der Massen bestand, indem sie die Anarchisten in verzerrten Darstellungen verleumdete. Und dies tat sie, um eine Partei nicht zu erschrecken, mit der sie sich sowohl ihrer Überzeugung nach verbunden fühlte, aber auch - man muß es deutlich sagen - durch materielle Interessen.

 

Aber abgesehen von den unterschiedlichen Darstellungsweisen, gab es keinen grundlegenden Unterschied zwischen dem anarcho-syndikalistischen Generalstreik und dem Massenstreik Rosa Luxemburgs. Ebenso sind ihre Kontroversen mit Lenin (1904) und mit dem zur Macht gelangten Bolschewismus (1918) vom Anarchismus nicht weit entfernt. Dasselbe gilt auch von ihren Zielvorstellungen zu Ende 1918 in der Spartakus-Bewegung, von einem Sozialismus, der von unten nach oben durch die Arbeiterräte getragen wird. Rosa Luxemburg ist einer der Berührungspunkte von Anarchismus und ungetrübtem Marxismus.

 

Aber der ursprüngliche Marxismus ist nicht nur von der deutschen Sozialdemokratie entstellt worden. Er ist maßgeblich von Lenin verändert worden, der deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge verstärkte, die zuweilen - jedoch keineswegs immer - in den Schriften von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen Ultrazentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei und vor allem um die Praxis der Berufsrevolutionäre als Führer der Massen. Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx nicht viel zu finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind. Indessen beschuldigte Lenin die Sozialdemokraten aufs heftigste, die Anarchisten verunglimpft zu haben und in seinem Buch "Staat und Revolution" widmete er einen besonderen Abschnitt ihrer Würdigung hinsichtlich ihrer Treue zur Revolution.

 

 

II.

 

Unserer Aufgabe stellt sich ein zweites Problem. Das Denken von Marx und Engels ist auch in sich reichlich schwierig zu verstehen, weil es sich im Laufe der Arbeit eines halben Jahrhunderts sehr stark weiterentwickelt hat, und weil Marx und Engels ständig versucht haben, die tatsächlichen Ereignisse ihrer Zeit wiederzuspiegeln. Trotz aller Versuche einiger ihrer heutigen Kommentatoren - unter ihnen ein Kirchenvater - gibt es kein marxistisches Dogma.

 

Nehmen wir einige Beispiele: Der junge Marx, Humanist und Schüler des Philosophen Feuerbach, entwickelt sich anschließend zu einem rigiden wissenschaftlichen Deterministen. Der Marx der "Neuen Rheinischen Zeitung", der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, ähnelt in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Befürworter der permanenten Revolution, der unabhängigen, politischen kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats.

 

Welch ein Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest 1848, welche forderten, daß der Staat die Gewalt über die gesamte Ökonomie erlange und den späteren Erklärungen, in denen der Staat durch die "assoziierten Produzenten" ersetzt wird. Der Marx der folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich später verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschloß, um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch einmal völlig anders als der aufständische Marx von 1850, der an eine allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte.

 

Der Marx von 1864-1869, der zunächst hinter den Kulissen die Rolle des heimlichen und an der Macht uninteressierten Beraters der in der I. Internationalen zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab 1870 plötzlich ein sehr autoritärer Marx, der von London aus den Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor einer Erhebung in Paris heftig warnt ist nicht derselbe, wie der, der nachher in seiner berühmten Adresse unter dem Titel "Bürgerkrieg in Frankreich" die Commune von Paris in den Himmel lobt, von der er - nebenbei bemerkt - einige Züge idealisiert.

 

Schließlich ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die Kommunale Macht ersetzt zu haben, keineswegs derselbe Marx wie der, der in seinem Brief über das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, daß der Staat nach der proletarischen Revolution noch für eine relativ lange Zeit überleben müsse.

 

Wir könnten all diese Widersprüche und diesen Zickzack-Kurs durch die Jahre hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, daß der ursprüngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein einheitlicher Block ist. Wir müssen ihn einer kritischen Prüfung unterziehen und können nur Teile von ihm übernehmen, die zu unserem libertären Kommunismus in keinem Widerspruch stehen.

 

 

III.

 

Wir stehen nun einer dritten Schwierigkeit gegenüber. Der Anarchismus bildet, noch weniger als der Marxismus, eine einheitliche Lehre. Wie ich es in meinem kleinen Buch "Anarchismus" dargelegt habe, bewegt die Libertären speziell die Ablehnung der Autorität und der Schwerpunkt, der auf die Vordringlichkeit der individuellen Entscheidung gelegt wird, wie es Proudhon in einem Brief an Marx ausgedrückt hat, "sich zum Antidogmatismus zu bekennen". Auch sind die Ansichten der libertären verschiedener, fließender und schwieriger zu erfassen als die der autoritären Sozialisten.

 

Es gibt unterschiedliche Strömungen im Anarchismus. Neben den libertären Kommunisten gibt es Individualanarchisten, sozietäre Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten und wie sie wissen, zahlreiche weitere Anarchismen: Gewaltfreie Anarchisten, Anarcho-Pazifisten, vegetarische Anarchisten usw.

 

Die Frage stellt sich nun, welche Spielarten des Anarchismus wir mit dem ursprünglichen Marxismus konfrontieren wollen, mit dem Ziel, herauszubekommen, in welchen Punkten die zwei Hauptschulen des revolutionären Denkens sich decken und in welchen sie auseinandergehen. Es scheint mir klar, daß die Richtung des Anarchismus, die dem Marxismus am wenigsten entfernt sein dürfte, der konstruktive Anarchismus ist, der sozietäre, kollektivistische oder kommunistische Anarchismus. Und diese Tatsache beruht keineswegs auf einem Zufall, wie ich in dem Buch "Anarchismus" bereits betont habe.

 

 

IV.

 

Wenn man in die Probleme etwas tiefer einsteigt, so ist es unschwer festzustellen, daß sich in der Vergangenheit Anarchismus und Marxismus gegenseitig beeinflusst haben. Malatesta, der bekannteste italienische Anarchist, hat einmal geschrieben: "Nahezu die gesamte anarchistische Literatur des 19. Jahrhunderts war durch den Marxismus beeinflusst".

 

Sie wissen, daß Bakunin eine große Hochachtung gegenüber den wissenschaftlichen Fähigkeiten von Marx hatte, und daß er damit begonnen hat, das "Kapital" ins Russische zu übersetzen. Des weiteren veröffentlichte Bakunins Freund, der italienische Anarchist Carlo Cafiero italienische Kurzfassungen des "Kapitals." Umgekehrt haben die ersten Bücher Proudhons: "Was ist das Eigentum?" (1840) und vor allem sein großes Werk "Systeme des contradictions economiques ou philosophie de la misere" (1846) den jungen Marx stark beeinflusst, auch wenn wenig später der undankbare Ökonom seinen Lehrer durch den Kakao zog und gegen ihn "Misere de la philosophie" schrieb.

 

Trotz ihrer Auseinandersetzungen verdankte Marx vieles den Ideen Bakunins. Wir wollen hier nur zwei Beispiele anführen: Die Adresse, die von Marx über die Commune verfasst wurde, steht stark unter bakunistischem Einfluß - wie es von Arthur Lehning, dem Herausgeber des "Archives Bakounine" herausgearbeitet worden ist. Und, wie ich es bereits erwähnt habe, wurde Marx Dank Bakunins dazu gezwungen, die Forderung nach dem Volksstaat, die seine sozialdemokratischen Verbündeten aufgestellt hatten, zu verwerfen.

 

 

V.

 

Marxismus und Anarchismus haben sich nicht nur gegenseitig beeinflusst, sie haben auch einen gemeinsamen Ursprung. Sie gehören quasi derselben Familie an. Als Materialisten glauben wir nicht, daß die Ideen so einfach in den Köpfen der Menschen entstehen. Sie widerspiegeln lediglich die Erfahrungen der Massenbewegungen, die diese in ihren Klassenkämpfen gemacht haben. Die ersten sozialistischen Autoren, sowohl Anarchisten wie Marxisten, haben ihre gesamte Inspiration zuerst aus der großen Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts geschöpft, später von 1840 an aus den Bemühungen der französischen Arbeiter, die das Ziel hatten, sich selbst zu organisieren/ um gegen die kapitalistische Ausbeutung zu kämpfen.

 

Wenige nur wissen, daß es 1840 in Paris einen Generalstreik gab. Und während der 40er Jahre folgte diesem Generalstreik eine Blüte der Arbeiter-Zeitungen wie "L'Atelier". Im selben Jahr 1840 - die Übereinstimmung ist verblüffend - veröffentlichte Proudhon seine Denkschrift gegen das Eigentum. Und vier Jahre später, 1844, legte der junge Marx in seinem berühmten Manuskripten den Bericht seines Besuches bei den Pariser Arbeitern vor und betonte den tiefen Eindruck, den diese Handarbeiter auf ihn gemacht hatten. Im vorhergehenden Jahr hatte eine bemerkenswerte Frau, Flora Tristan, den Arbeitern die Arbeiterunion gepredigt und eine Tour de France unternommen, um mit den Arbeitern der Großstädte Kontakt aufzunehmen.

 

Sowohl der Anarchismus als auch der Marxismus schöpfen anfangs aus derselben Quelle. Und unter dem Eindruck der neu entstandenen Arbeiterklasse legen beide dasselbe Endziel fest, d.h. den kapitalistischen Staat abzuschaffen, den sozialen Reichtum, die Produktionsmittel den Arbeitern selbst anzuvertrauen. Dies war die Grundlage der kollektiven Übereinstimmung, die zwischen Marxisten und Bakunisten auf dem Kongreß der I. Internationalen, kurz vor Beginn des deutsch-französischen Kriegs von 1870, zustande gekommen war. Bemerkenswert ist dabei, daß diese Übereinkunft gegen die letzten Schüler Proudhons (gest. 1865) gerichtet war, die sich zu Reaktionären entwickelt hatten. Einer von ihnen, Tolain, hatte sich dem Privateigentum an Produktionsmitteln verschrieben.

 

 

VI.

 

Bisher habe ich erwähnt, daß die ersten Sprecher der französischen Arbeiterbewegung ihre Inspiration auf eine bestimmte Weise aus der großen Französischen Revolution gezogen haben. Kommen wir darauf zurück.

 

Tatsächlich bestanden innerhalb der Französischen Revolution zwei sehr verschiedene Formen von Revolution, oder besser gesagt, zwei verschiedene, entgegengesetzte Kräfte. Eine wurde vom linken Flügel der Bourgeoisie gebildet, die andere von einem Vorläufer des Proletariats: kleine Handwerker und Lohndiener. Die erste war autoritär, ja diktatorisch, zentralistisch, repressiv gegenüber den Nicht-Privilegierten. Die zweite war demokratisch, föderalistisch und zusammengesetzt aus, wie man heute sagen würde, den Arbeiterräten, d.h. den innerhalb der Pariser Commune assoziierten 48 Sektionen der Stadt und den Volksvereinen in den Städten der Provinz.

 

Ich zögere nicht zu sagen, daß diese zweite Kraft einen libertären Inhalt hatte und in gewisser Weise der Vorlaufer der Pariser Commune von 1871 und der russischen Sowjets von 1917 war wohingegen die erste Kraft im 19. Jahrhundert eine jakobinische Fortsetzung fand. In Wahrheit ist jedoch das Wort "jakobinisch" ungenau zweideutig und künstlich. Es war der Name eines Pariser Volksclubs der "Gesellschaft der Jakobiner", die diesen wiederum vom Konvent eines Klosterordens übernommen hatte, in dessen Gebäude der Club sich eingerichtet hatte. Tatsächlich verlief die Trennungslinie des Klassenkampfs zwischen revolutionärem Bourgeois und Nicht-Privilegierten auch innerhalb der Gesellschaft der Jakobiner und quer durch sie hindurch. Genauer, auf ihren Treffen gerieten die Mitglieder der einen und der anderen Richtung in Streit miteinander. Dennoch wird in der späteren Literatur das Wort Jakobiner angewandt, um eine revolutionäre bourgeoise Tradition zu bezeichnen, die von oben mit autoritären Mitteln Land und Revolution dirigiert; der Begriff wurde in diesem Sinne sowohl von den Anarchisten als auch den Marxisten verwandt. So nannte sich z.B. Charles Delecluze, der Führer des rechten Mehrheitsflügels im Rat der Commune von Paris, selbst ein Jakobiner, einen Anhänger Robespierres.

 

Proudhon und Bakunin haben in ihren Schriften die Politik der revolutionären Bourgeoisie als "jakobinisches Denken" bekämpft. Dagegen hatten Marx und Engels einige Mühe, sich von diesem jakobinischen Mythos freizumachen, der durch die Helden der bürgerlichen Revolution berühmt und glorifiziert wurde, unter ihnen Danton (der in Wirklichkeit ein korrumpierter Politiker und Doppelagent war) und Robespierre (der als Diktator endete.) Die Libertären wurden Dank ihrer anarchistischen Erkenntnis nicht zu den Geprellten des Jakobinertums. Sie begriffen sehr gut daß die Französische Revolution nicht nur ein Bürgerkrieg zwischen der absoluten Monarchie und dem revolutionären Bürgertum war, sondern auch - etwas später - ein Bürgerkrieg zwischen Jakobinertum und Communalismus, wie ich ihn einmal nennen möchte. Ein Bürgerkrieg, der im März 1794 zur Niederlage der Commune von Paris und zur Enthauptung ihrer beiden Stadtmagistraten, Chaumette und Hebert, führte, d.h. zur Abschaffung der Herrschaft von unten, genau wie die russische Oktoberrevolution zur Liquidierung der Fabrikräte führte.

 

Marx und Engels schwankten ständig zwischen Jakobinertum und Communalismus. Anfangs lobten sie die "rigorose Zentralisierung, wie sie in Frankreich 1793 modellhaft vorgeführt wurde". Aber später - wohl zu spät - 1895, bemerkte Engels, daß sie sich im Irrtum befunden hätten, und die besagte Zentralisation den Weg zur Diktatur Napoleons I. geebnet habe. Es kam vor, daß Marx einmal schrieb, die Enrages, die Anhänger des linksradikalen Ex-Priesters Jaques Roux, der ein Sprecher der arbeitenden Bevölkerung der Vorstädte war, seien "die Hauptvertreter der revolutionären Bewegung" gewesen. Während Engels ein andermal behauptete, dem Proletariat von 1793 "hätte überhaupt nur von oben her Unterstützung zuteil werden können." Später dann zeigte sich Lenin wesentlich jakobinischer als seine Lehrer Marx und Engels. Ihm zufolgte stellt das Jakobinertum "einen der höchsten Gipfel dar, den die unterdrückte Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung erreicht hat". Und er schätzt es, sich selbst einen Jakobiner zu nennen, dem er jedoch hinzufügt: "ein Jakobiner, der mit der Arbeiterklasse verbunden ist". Daraus ergibt sich für uns, daß die Libertären mit den Marxisten nur unter der Bedingung zusammenarbeiten können, daß diese vollständig alle jakobinischen Überbleibsel verwerfen.

 

Fassen wir nun die Hauptunterschiede zwischen Marxismus und Anarchismus zusammen. Zunächst, wobei sie in dem Endziel der Abschaffung des Staats übereinstimmen, halten es die Marxisten für notwendig, nach der siegreichen proletarischen Revolution, für eine unbestimmt lange Zeit einen neuen Staat zu schaffen, den sie "Arbeiterstaat" nennen und von dem sie dann versprechen, daß dieser neue Staat - gelegentlich auch "Halbstaat" genannt - damit endet, daß er von selbst verschwindet. Dagegen wenden die libertären Kommunisten ein, daß der neue Staat sogar noch allmächtiger und noch unterdrückender als der bürgerliche Staat sein wird, weil sich die gesamte Wirtschaft im staatlichen Besitz befindet und weil sich seine ständig wachsende Bürokratie weigern wird, einfach "zu verschwinden". Außerdem reagieren die libertären Kommunisten einigermaßen misstrauisch auf jene Aufgaben, die von den Marxisten der kommunistischen Minderheit gegenüber der Bevölkerung zugesprochen werden. Wenn sie in den Heiligen Schriften von Marx und Engels nachlesen, so tun sie gut, in diesem Punkt gewisse Zweifel zu hegen. Sicher, im Kommunistischen Manifest kann man lesen, daß die Kommunisten "keine getrennten Interessen vom Gesamt-Proletariat" haben, und das sie ständig das "Interesse der Gesamtbewegung repräsentieren". Ihre theoretischen Konzeptionen, so schwören die Autoren des Manifests, "beruhen in keiner Weise auf den Ideen, auf den erfundenen Prinzipien des einen oder anderen Weltverbesserers, sie sind nur der allgemeine Ausdruck eines bestehenden Klassenkampfs, einer historischen Bewegung, die sich vor unseren Augen abspielt". Ja sicher, mit diesem Punkt werden wir Libertären auch einverstanden sein!

 

Aber das nun folgende Zitat steht dazu einigermaßen im Widerspruch und alarmiert: "Theoretisch haben die Kommunisten gegenüber dem Rest der proletarischen Masse den Vorteil, klar die Bedingungen, den Weg und die schließlichen Ergebnisse der proletarischen Bewegung zu verstehen".

 

Bedeutet das nicht, daß die Kommunisten aufgrund eines solchen "Vorsprungs" ein historisches Recht darauf haben, sich die Führung des Proletariats anzumaßen? Wenn es so wäre, wären wir libertären Kommunisten nicht mehr einverstanden. Wir bestreiten, daß es außerhalb des Proletariats überhaupt eine Avantgarde geben kann, und wir sind der Meinung, daß wir nur die Rolle von uneigennützigen Beratern an der Seite oder innerhalb des Proletariats spielen können, um den Arbeitern in ihren Anstrengungen zu helfen, mit dem Ziel, einen höheren Bewusstseinsstand zu erreichen.

 

Das führt uns zu der Frage nach der revolutionären Spontaneität der Massen, einem typischen anarchistischen Begriff. Wir finden in den Schriften von Proudhon und Bakunin in der Tat sehr häufig die Worte "spontan" und "Spontaneität". Aber, was sehr seltsam ist, niemals in den Schriften von Marx und Engels in ihrer ursprünglichen Fassung. In den Übersetzungen tauchen diese Worte von Zeit zu Zeit auf, sie sind jedoch nur ungenaue Wiedergaben. Tatsächlich beziehen sich Marx und Engels nur auf die Selbsttätigkeit der Massen, was eher weniger ist als Spontaneität. Sicherlich kann sich eine revolutionäre Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontaneität der Massen würde ihren Anspruch auf die führende Rolle gefährlich in Frage stellen. Rosa Luxemburg war die erste Marxistin, die in ihren Schriften in deutscher Sprache das Wort "spontan" gebrauchte, das sie von den Anarchisten übernommen hatte; und sie legte auch das Schwergewicht auf die Spontaneität in der Massenbewegung. Man kann annehmen, daß die Marxisten gegenüber sozialen Bewegungen ein bestimmtes Unbehagen hegen, die keinen ausreichenden Platz für das Eindringen ihrer anmaßenden Führer lassen.

 

Sodann sind die libertären Kommunisten nicht allzu sehr erbaut, wenn sie von Zeit zu Zeit beobachten, daß es die Marxisten nicht verschmähen, die Mittel und die Kunsttricks der bürgerlichen Demokratie zu ihrem Vorteil auszunutzen. Die Marxisten bedienen sich nicht nur mit Vergnügen des Wahlzettels, den sie für eines der besten Mittel halten, die Macht zu erringen, sondern es kommt auch vor, daß sie sich darin gefallen, mit den liberalen oder radikalen Bürgerparteien ekelhafte Wahlbündnisse zu schließen, wenn sie nur mit Hilfe solcher Wahlbündnisse zu Parlamentssitzen kommen können. Natürlich haben die libertären Kommunisten keine metaphysische Abscheu vor Wahlurnen. Proudhon wurde einmal in die Nationalversammlung von 1848 gewählt. Ein anderes Mal unterstützte er die Wahl von Raspail. Auch später unter dem zweiten Empire befürwortete er, daß die Arbeiter Kandidaten zu den Wahlen aufstellten. Das war für ihn nur eine Frage der Opportunität. Bei anderer Gelegenheit vermieden es die spanischen Anarchisten 1936, gegen die Wahlbeteiligung der Volksfront eine starre Haltung einzunehmen. Aber abgesehen von diesen, sehr seltenen Ausnahmen, beschreiten die Anarchisten ganz andere Wege, um den kapitalistischen Gegner zu Fall zu bringen: Direkte Aktion, gewerkschaftliche Aktion, Arbeiterautonomie und Generalstreik.

 

Kommen wir nun auf folgende Zwickmühle zu sprechen: Verstaatlichung der Produktionsmittel oder Selbstverwaltung? Hier zögern Marx und Engels erneut. Im Kommunistischen Manifest von 1848, geschrieben unter dem direkten Einfluß des französischen Staatssozialisten Louis Blanc, kündigten sie ihre Absicht an, "alle Produktionsmittel in den Händen des Staates zu zentralisieren". Aber unter dem Begriff Staat verstanden sie "das als herrschende Klasse organisierte Proletariat". Gut, aber warum zum Teufel nennen sie eine solche proletarische Organisation "Staat?" Und weiter: Warum fügten sie später, im Juni 1872, ein Vorwort zur Neuauflage des Manifests hinzu, in dem sie sich von ihrer früheren Liebe zum Staat distanzieren und annehmen, daß die Produktion in die Hände der "assoziierten Produzenten" überführt werden soll?

 

Diese Gesinnungsänderung war nur das Ergebnis der Vereinbarung, die, wie wir gesehen haben, auf dem Kongreß der I. Internationalen, der dem Krieg von 1870 vorausging, mit den Bakunisten zustandegekommen war. Aber es ist hervorzuheben, daß Marx die Wege, wie die Selbstverwaltung zu erreichen sei, niemals gründlich untersucht hat, während Proudhon ihr Seite um Seite seines Werks widmete. Proudhon, der sein Leben als Arbeiter begonnen hatte, wusste wovon er sprach, er hatte mit intensiver Aufmerksamkeit die Arbeiterassoziationen beobachtet, die während der Revolution von 1848 entstanden waren. Der Grund für Marx Haltung ist vermutlich, daß er diese Frage mit Geringschätzung als "utopisch" ansah. Heute gehören wir libertäre Kommunisten zu denen, denen es gelungen ist, wenigstens in Westeuropa die Selbstverwaltung zu einer aktuellen, sehr konkreten Frage zu machen und sie auf die Tagesordnung zu setzen - eine Frage, die darüber hinaus bereits derart in Mode gekommen ist, daß sie heute von fast allen politischen Strömungen vereinnahmt, verbogen und verkürzt wird.

 

 

VII.

 

Erwähnen wir nun, wie Anarchisten und Marxisten von ihrer proletarischen Entstehung an in Konflikt miteinander geraten sind. Der Schlagabtausch wurde von Marx und Engels eröffnet, mit ihrem bösartigen, gegen Stirner gerichtetem Buch "Die Deutsche Ideologie". Es beruht auf einem gegenseitigen Missverständnis. Stirner hebt nicht deutlich genug hervor, daß er hinter seiner übersteigerten Hervorhebung des Ich, des Individuums, das er als Einziges ansah, darüber hinaus tatsächlich die freiwillige Assoziation dieses Einzigen mit anderen vorsieht, d.h. eine neue Gesellschaft, die auf der Freien Wahl der Föderation und auf dem Recht beruht, sich von der Föderation wieder zu trennen; eine Idee, die später von Bakunin aufgenommen werden sollte, und schließlich von Lenin verwandt wird, wenn er über die nationale Frage schreibt. Ihrerseits interpretieren Marx und Engels Stirners Schmähschriften gegen den Kommunismus falsch, die sie für reaktionär hielten, wohingegen Stirner eigentlich gegen einen völlig anderen Kommunismus anstänkerte, gegen den "plumpen" Staatskommunismus der utopischen Kommunisten seiner Zeit, wie Weitling in Deutschland und Cabet in Frankreich, denn - so Stirner - er gefährde die individuelle Freiheit.

 

Dann der rasende Angriff von Marx gegen Proudhon, teilweise aus den- selben Gründen, der besagte Proudhon feiere das Privateigentum, weil er in ihm eine Garantie der persönlichen Freiheit sähe. Aber Marx erfasste nicht, daß sich Proudhon für den Bereich der Großindustrie, in anderen Worten, im kapitalistischen Bereich zum Anwalt des kollektiven Besitzes machte. Notierte er nicht in seinen "Carnets", daß die "Kleinindustrie eine genau so dumme Sache sei wie die Kleinkultur?" Im Bereich der Großindustrie ist er leidenschaftlicher Kollektivist. Den Arbeiter-Gesellschaften, wie er sie nennt, soll in seinen Augen eine bedeutende Rolle zukommen, nämlich die der Verwaltung der großen Industrien, wie die der Eisenbahnen, der Manufakturen, des Bergbaus, der Metallverarbeitung, der Marine usw.

 

Andererseits forderte Proudhon gegen Ende seines Lebens in "Die Fähigkeiten der arbeitenden Klassen" die voltständige Trennung der Arbeiterklasse von der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. den Klassenkampf. Das hielt Marx nicht davon ab, so infam zu sein, den Proudhonismus als kleinbürgerlichen Sozialismus zu behandeln.

 

Jetzt kommen wir auf den heftigen und wenig sauberen Streit zwischen Marx und Bakunin zu sprechen, den der I. Internationalen. Auch hier spielten teilweise Missverständnisse eine Rolle. Bakunin unterstellte Marx schreckliche, autoritäre Absichten, einen Machthunger nach Herrschaft über die Arbeiterbewegung. Bakunin überzog sicherlich, erstaunlich ist jedoch, daß er sich als Prophet in dieser Frage herausstellte. Er hatte eine sehr hellseherische Vision der späteren Zukunft. Er sah das Entstehen einer "roten Bürokratie" vorher, genauso wie die Tyrannei, die schließlich von den Führern der III. Internationale (Komintern) auf die Arbeiterbewegungen der ganzen Welt ausgeübt wurde. Marx schlägt gegen Bakunin zurück, indem er ihn aufs niedrigste verleumdet, und indem er auf dem Haager Kongreß 1872 seinen Ausschluß erreicht.

 

Von nun an sind die Brücken zwischen dem Anarchismus und dem Marxismus zerstört. Ein verheerendes Ereignis für die Arbeiterklasse, weil beide Bewegungen die theoretischen und praktischen Beiträge der jeweils anderen sehr nötig gehabt hätten. Während der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts scheiterte der Versuch, eine geschrumpfte anarchistische Internationale zu schaffen. Der gute Wille hierzu fehlte nicht, aber der Anarchismus hatte sich von der Arbeiterbewegung getrennt nahezu isoliert.

 

In derselben Zeit entwickelte sich der Marxismus sehr rasch, in Deutschland mit dem Anwachsen der Sozialdemokratie und in Frankreich durch Gründung der Arbeiterpartei durch Jules Guesdes. Später vereinigten sich die verschiedenen sozialdemokratischen Parteien, um die II. Internationale zu gründen. Auf ihren folgenden Kongressen entwickelten sich heftige Kämpfe mit den Libertären, denen es gelungen war, an ihren Kongressen teilzunehmen. 1893 machte der holländische libertäre Sozialist Domela Nieuwenhuis in heftigen und brillanten Worten der deutschen Sozialdemokratie den Prozeß und erntete dafür Hohngelächter. In London beschimpften 1896 die Tochter von Marx, Aveling und der französische Sozialistenführer Jean Jaures die Anarchisten, die als Delegierte verschiedener Arbeitersyndikate in den Kongreß gelangt waren, und ließen sie hinauswerfen.

 

Es stimmt, daß der anarchistische Terrorismus, der in Frankreich zwischen 1890 - 1895 wütete, nicht wenig zu der hysterischen Ablehnung den Anarchisten gegenüber beigetragen hat, die von nun an als "Banditen" behandelt wurden. Die ängstlichen und auf Legalität bedachten Reformisten waren nicht in der Lage, deren revolutionäre Beweggründe zu verstehen, ihren Rückgriff auf die Gewalt, ihre aufsehenerregenden Protestaktionen gegen eine verabscheuungswürdige Gesellschaft.

 

Von 1860 bis 1914 schieden die deutsche Sozialdemokratie und mehr noch die schwere Maschinerie der deutschen Arbeitergewerkschaften den Anarchismus aus: Selbst Kautsky wurde von den Arbeiterbürokraten jener Zeit, als er sich zu Gunsten des Massenstreiks aussprach, verdächtigt, ein Anarchist zu sein. In Frankreich spielte sich eine gegensätzliche Entwicklung ab. Der parlamentarische, auf Wahlen bedachte Reformismus von Jaures stieß die Arbeiter ab, die soweit fortgeschritten waren, daß sie die Gründung einer revolutionären, syndikalistischen und äußerst kämpferischen Organisation in Angriff nahmen, der berühmten CGT, deren Pioniere Fernand Pelloutier, Emile Pouget und Pierre Monatte aus der anarchistischen Bewegung kamen.

 

Die russische Revolution und später die Spanische Revolution vertieften den Abgrund zwischen Anarchismus und Marxismus, ein Abgrund, der nicht mehr nur ideologisch, sondern auch durch die blutige Praxis begründet war. Um diese Überlegungen zur Vergangenheit von Marxismus und Anarchismus zu beenden, muß ich noch folgendes anmerken:

1. Bestimmte Marx-Forscher, wie z.B. in Frankreich Maximilian Rubel sind in gewisser Weise - wenn auch nicht vollständig - im Irrtum, wenn sie in Marx einen "Libertären" sehen.

2. Einige sektiererische und engstirnige Anarchisten, wie in Frankreich Gaston Leval, sind in gewisser Weise im Irrtum, wenn sie Marx hassen als sei er der Teufel persönlich. Ich möchte mich irgendwo zwischen diesen beiden Männern mit extremen Positionen ansiedeln, die jedoch beide meine Freunde sind.

 

 

VIII.

 

Wie steht es nun mit der Gegenwart? Zweifellos erleben wir in unseren Tagen eine Renaissance des libertären Sozialismus. Ich muß ihnen wohl kaum erzählen, wie diese Renaissance in Frankreich im Mai 1968 entstanden ist. Sie war die spontanste, die Überraschendste, die am wenigsten geplante aller Erhebungen. Ein starker Freiheitswille durchfegt das Land, so zerstörerisch und gleichzeitig so schöpferisch, daß nichts mehr dem ähnlich sein wird wie es früher war. Das Leben hat sich verändert, oder, wenn sie lieber mögen, wir haben das Leben verändert. Aber diese Wiedergeburt fand statt im Rahmen einer allgemeinen Renaissance der gesamten revolutionären Bewegung, vor allem bei der studentischen Jugend (statt). Deshalb gibt es keine dichten Trennwände mehr zwischen den libertären Bewegungen und denen, die sich zu einem angeblichen "Marxismus-Leninismus" bekennen. Es gibt sogar eine gewisse nicht-sektiererische Durchdringung dieser Bewegungen untereinander.

 

Junge Genossinnen in Frankreich wechseln von autoritären marxistischen Gruppen zu Anarcho-Gruppen über, und auch der umgekehrte Fall kommt vor. Ganze Gruppen von "Maoisten" zerbrechen unter dem libertären Einfluß, spüren die Anziehungskraft der anarchistischen Ideen. Selbst trotzkistische Organisationen verändern teilweise ihre Ansichten und werfen einige ihrer früheren Betrachtungsweisen über Bord, dank dem Einfluß anarchistischer Theorien und Schriften. Menschen wie Jean Paul Sartre und seine Freunde bringen heute in ihrer Monatsschrift anarchistische Ideen zum Ausdruck, und einer ihrer jüngeren Artikel trug den Titel "Lenin Ade".

 

Sicherlich gibt es noch immer nicht wenige autoritäre marxistische Gruppen, die im besonderen Maße anti-libertär eingestellt sind, genauso wie man weiterhin anarchistische Gruppen findet, die ausgesprochen anti-marxistisch auftreten.

 

Die beiden libertär-kommunistischen Organisationen, die es in Frankreich gibt, und die Absicht haben, sich bald zu vereinigen, befinden sich am Rande von Marxismus und Anarchismus. Sie haben mit den klassischen Anarchisten ihre Zugehörigkeit zur antiautoritären Strömung gemeinsam, die bis auf die I. Internationale zurückgeht. Aber sie haben mit den Marxisten die Tatsache gemeinsam, daß sie sich entschlossen zum Klassenkampf des Proletariats bekennen und zum Kampf mit dem Ziel, die bürgerliche, kapitalistische Gewalt zu brechen.

 

Auf der einen Seite versuchen die libertären Kommunisten alle konstruktiven Punkte im Beitrag der Anarchisten der Vergangenheit zu beleben - nebenbei bemerkt, war dies auch das Ziel bei den Buchveröffentlichungen von "Anarchismus" und "Ni Dieu/ ni Maitre" - andererseits beziehen sich die libertären Kommunisten im Erbe von Marx und Engels auf die Teile, die ihnen immer noch gültig und fruchtbar erscheinen, und die vor allem auf Bedürfnisse unserer Zeit antworten. So z.B. der Begriff der Entfremdung, der in den Manuskripten von 1844 des jungen Marx erscheint und sich so gut verträgt mit der Betonung der individuellen Freiheit durch die Anarchisten. Oder der Leitgedanke, daß die Befreiung des Proletariats nur die Sache der Arbeiter Selbst sein kann, der allen Auffassungen widerspricht, die revolutionäres Bewußtsein von außen in die Arbeiterklasse hineintragen wollen. Schließlich die bekannte Methodik des dialektischen und historischen Materialismus, die eine der Leitfäden bleibt zum Verständnis der Ereignisse in der Vergangenheit und in der Gegenwart - jedoch unter der Bedingung, daß diese Methode nicht starr und dogmatisch angewandt wird, mechanisch oder als Entschuldigung für die Abkehr vom Kampf unter dem Vorwand, die materiellen Bedingungen für eine Revolution seien noch nicht gegeben, wie es die Stalinisten in Frankreich 1936,1945 und 1968 gleich drei mal taten. Eine weitere Bedingung ist das Vertrauen auf die beiden elementaren Kräfte, zum einen des individuellen Willens sowie der revolutionären Spontaneität der Massen.

 

Wie es der libertäre Geschichtsschreiber Kaminsky in seinem hervorragenden Buch über Bakunin ausgedrückt hat, ist eine Synthese zwischen Anarchismus und Marxismus nicht nur notwendig, sondern auch unvermeidlich. "Die Geschichte", fügt er hinzu, "schafft sich ihre Kompromisse selbst". Ich möchte anmerken - und das ist meine eigene Meinung – daß ein libertärer Kommunist, Ergebnis einer solchen Synthese, zweifellos die tiefen Wünsche - auch wenn sie sich dessen bisher manchmal noch nicht voll bewusst sind - der fortgeschrittenen Arbeiter ausdrückt, die man heute die "Arbeiterlinke" nennt, vielmehr als der degenerierte autoritäre Marxismus und der versteinerte Altanarchismus.

 

Vortrag gehalten am 6.11.1973 in New York, deutschsprachig erschienen erstmals 1975 im Verlag Freie Gesellschaft.

 

Aus: Daniel Guerin: Anarchismus und Marxismus / Noam Chomsky: Anmerkungen zum Anarchismus, Syndikat A (Broschüre)


Bakunin and Kropotkin are much more advanced than Marx

Die kommunistische Partei und die Syndikalisten

 

In der letzten Zeit wurde unter den Berliner Funktionären der K.P.D. ein mit Maschinenschrift vervielfältigter Zettel verbreitet, der zur systematischen Bekämpfung des Syndikalismus den Agitatoren der K.P.D. folgende Thesen übermittelte:

 

‚Kommunismus und Syndikalismus

 

Die Kommunisten und Syndikalisten sind beide Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Gleichwohl aber sind ihre Ziele und ihre Taktik derart verschieden, dass niemand Kommunist und Syndikalist zugleich sein kann.

 

Die Kommunisten führen durch ihre Partei den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass das Proletariat die politische Gewalt dem Bürgertum entreißt und selbst in die Hand nimmt. Die Syndikalisten lehnen es ab, einen Kampf um die politische Macht zu führen. Politik zu treiben erscheint ihnen überflüssig und zwecklos, ja sogar schädlich.

 

Die Kommunisten wollen die Überleitung der Produktionsmittel aus der Hand der Kapitalisten in die der Allgemeinheit durch die Betriebs- und Arbeiterräte. Die Syndikalisten lehnen dieses Rätesystem ab; genau wie die sogenannten „freien Gewerkschaften“ halten sie an überlieferten Anschauungen fest und wollen ihre syndikalistischen Gewerkschaften zu den künftigen Trägern der Produktion machen.

 

Die Kommunisten erstreben, dass die Allgemeinheit künftig die Warenerzeugung und Warenverteilung nach den von ihr selbst festzustellenden Bedürfnissen regelt. Die Syndikalisten lehnen es ab, eine zentrale Regelung der Produktion anzuerkennen, sie wollen ihre nur föderativ verbundenen Gewerkschaften zu örtlichen Produktionsgesellschaften umgestalten, diese sollen dann den Warenaustausch unter sich vornehmen.

 

Die Kommunisten gewöhnen das Proletariat daran, sein ureigenstes Machtmittel, den Massenstreik einheitlich und planmäßig, also mit um so gewaltigeren Wirkungen zu gebrauchen. Die Syndikalisten lehnen einen solchen planmäßigen Massenstreik ab, sie legen es vielmehr jeder ihrer Gruppen nahe, jederzeit nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf die jeweiligen Verhältnisse in anderen Orten, Streiks zu inszenieren.

 

Also: Die Kommunisten erstreben eine planmäßige sozialistische Bedarfswirtschaft; die Syndikalisten zielen auf kleinbürgerliche Produktionsgenossenschaften hin. Die Kommunisten erziehen das Proletariat zum gemeinsamen, einheitlichen Kampfe, die Syndikalisten verzetteln und verschleudern die Kraft der Arbeiterschaft und schaffen dadurch dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit, jeden einzelnen Streik niederzuschlagen.

 

Daher weg mit dem kräftezersplitternden Syndikalismus. Es lebe der die Kräfte des Proletariats zusammenfassende Kommunismus !’

 

 

Hier unsere Antwort:

 

Die K.P.D. und die Syndikalisten sind theoretische Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Die Syndikalisten sind freiheitliche Kommunisten, die Partei- Kommunisten sind Staatskommunisten. Die Ziele sind verschieden, die Tatktik der Partei-Kommunisten ist im wesentlichen den Syndikalisten gestohlen. Die Partei-Kommunisten haben keine eigenen wirtschaftlichen Kampfmittel, die politischen haben sie der bürgerlichen Revolutionsepoche entnommen. Die K.P.D. ist keine Klassenorganisation, sondern eine Organisation von Gesinnungsverwandten. Der Syndikalismus ist die Klassenorganisation des Proletariats.

 

Die Partei-Kommunisten führen den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass die Kommunisten die politische Gewalt dem Bürgertum entreißen und selbst in die Hand nehmen.

 

Die Syndikalisten führen den Kampf um die Beseitigung jeder politischen Macht, um die Eroberung der wirtschaftlichen Macht. Jeder wirtschaftliche Kampf ist gleichzeitig ein politischer Kampf.

 

Der politische Kmapf der Partei-Kommunisten wird geführt mit bürgerlichen Kampfmitteln und hat bürgerliche Ziele: Durch Eroberung der Waffengewalt und der Gesetzgebungsmaschinerie kann nicht der Sozialismus, sondern nur der Staatskapitalismus geboren werden

 

Die Partei-Kommunisten predigten ursprünglich nur den einen Grundsatz: Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten! Die Gewerkschaften erklärten sie für überflüssig in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Dabei blieben aber die bekannten Agitatoren der K.P.D. Angestellte der Zentralverbände. Später predigte die K.P.D. die Eroberung der Zentralverbände durch Besetzung der Angestelltenfunktionen. Gleichzeitig ging sie zur Gründung von Betriebsorganisationen über. Und in Rheinland-Westfalen versucht sie durch selbstherrlich-diktatorische Maßnahmen die syndikalistischen Organisationen in ihrem Aufstieg zu hemmen, indem sie plötzlich – aber nur für die Bergarbeiter - als Ziel ausspricht: Eroberung der Bergwerke durch die Bergarbeiter-Union und durch diese Einführung der sozialistischen Produktionsweise.

 

Die Syndikalisten sind Vertreter der Idee, dass die Gewerkschaften die Keimzelle der sozialistischen Gesellschaftsordnung werden müssen. Diese Idee ist geschichtlich begründet. Nie hat ein höherer Stand der Kultur und des allgemeinen Wohlstandes geherrscht als zur Zeit der Gilden und Markgenossenschaften. Erst das Emporkommen des Staates hat diese Blütezeit europäischer Kultur vernichtet.

 

Die Syndikalisten sind Anhänger des reinen Rätegedankens, eines Rätesystems, aufgebaut auf sozialrevolutionären Gewerkschaften. Sie sind Feinde eines Rätesystems, das in parteipolitischen Zänkereien ihre besten Kräfte verzettelt, das durch Unfähigkeit und Unduldsamkeit jede schöpferische Initiative der Gewerkschaften, Genossenschaften und Bünde unmöglich macht, das alles auch das Geistesleben, nach einer Parteischablone zentralisieren und diktieren will.

 

Die Syndikalisten sind die alleinigen und konsequenten Feinde der Zentralverbände mit ihrer Tarifvertragspolitik, ihren Arbeitsgemeinschaften und ihrem Gewerkschaftsbund mit den von der Volkspartei und der Kirche gestützten Vereinen. Die Partei-Kommunisten dagegen sind in der Mehrheit noch immer Mitglieder dieser reaktionären, den Sozialismus verhindernden, die Ausbeutung und die Beherrschung der arbeitenden Massen stützenden Gewerkschaftsrichtung.

 

Die Partei-Kommunisten erstreben die Regierungsgewalt, um durch Dekrete die Warenerzeugung und Warenverteilung zu regeln.

 

Die Syndikalisten wissen, dass keine Regierung die intimsten Verhältnisse in einer Industrie so gut kennen kann, als die darin beschäftigten Kopf- und Handarbeiter. Die Gewerkschaftsbüros werden sich also am Tage nach der sozialen Revolution in statistische Büros verwandeln. Die Arbeiterräte werden die Bedürfnisse der Gemeinden und der Allgemeinheit berechnen, die Bestände der in den verschiedenen Industrien vorhandenen Rohstoffe aufnehmen, um so zu einer geregelten Bedarfswirtschaft überzugehen. Da die Gewerkschaften nicht nur örtlich begrenzt, sondern über da ganze Land föderiert sind, da sie örtlich im Kartell allgemein, über das Land in Industrieföderationen, alle Industrieföderationen des Landes wieder zu einem allgemeinen Gewerkschaftsbündnis zusammengeschlossen sind, so ergibt sich schon aus diesem Aufbau die beste Regelung einer wahrhaft sozialistischen Produktions- und Verteilungsweise.

 

Die Partei-Kommunisten haben durch Aufrufe zu rein örtlich begrenzten Massen- und „General“streiks die Kräfte des Proletariats stark in Anspruch genommen. Von einer einheitlichen und planmäßigen Anwendung des Massenstreiks kann in Deutschland noch nicht gesprochen werden, da so wenig die Partei-Kommunisten als auch die Syndikalisten in allen Orten Deutschlands die Massen gewonnen haben.

 

Die Syndikalisten sind seit langen Jahren die Propagandisten der Idee des sozialen Generalstreiks, den die „Kommunisten“ noch vor wenigen Jahren nach „wissenschaftlicher“ Methode als Generalblödsinn bezeichneten. Die Syndikalisten lassen allen ihren Ortsgruppen vollständiges Selbstbestimmungsrecht über Eintritt und Beendigung von Streiks. Sie sind der Ansicht, dass umfassende Massenstreiks sich nicht von einer Zentrale aus diktieren lassen, sondern aus den wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Verhältnissen und aus dem Willen der Massen selbst herauswachsen müssen.

 

 

Also:

 

Die Partei-Kommunisten erstreben den Staatssozialismus, die Syndikalisten arbeiten seit langen Jahren an der Überwindung des Kapitalismus und des Staates und wurden dabei von den „Kommunisten“, den ehemaligen Sozialdemokraten, nicht nur nicht unterstützt, sondern stark bekämpft.

 

Die Partei-Kommunisten drängen die Massen mit Kraftausdrücken und starken Gesten zu unüberlegten Handlungen, zu deren Folgen sie zu feige sind, sich zu bekennen. Sie haben wiederholt bewusst gelogen, indem sie ihre Handlungen den Syndikalisten in die Schuhe schoben. Sie haben es an der geistigen Durchbildung der ihnen angeschlossenen Arbeiter völlig fehlen lassen.

 

Die Syndikalisten arbeiten systematisch an der Erkenntnis und an der Willensbildung der ihnen angeschlossnen Arbeiter. Sie verwerfen jede Art Militarismus, jeden Mord. Die Syndikalisten sind die Propagandisten ethischer Kampfmittel: Streiks, passive Restístenz.

 

Die Partei-Kommunisten lügen, wenn sie sagen, dass die Syndikalisten dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit geben, die örtlichen Streiks niederzuschlagen. Die „Parteigenossen“ der K.P.D., ihre Gewerkschaftsbeamten sind die Organisatoren der Noskegarden und der Bürgerwehren. Auf Befehl der Gewerkschaftsbeamten sind allerorts die streikenden Arbeiter von den Freiwilligentruppen niedergeschlagen, in „Schutz“haft gesteckt und zu schweren Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt worden. Noske, Severing, Hoersing, Winnig sind geschworene Marxisten, Gesinnungsgenossen der Partei-Kommunisten. Die drei sozialdemokratischen Parteien waren die Organisatoren und Leiter aller bisherigen örtlichen Streiks.

 

Darum: Weg mit allen politischen Parteien, die das Proletariat zersplittern und seine Kräfte nutzlos verschwenden! Es lebe die Klassen- und Einheitsorganisation aller produktiv tätigen Kopf- und Handarbeiter: Der Syndikalismus !“

 

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 30, 05.Juli1919

 
Was ist der Marx (noch) "wert"?

 

Was Libertäre vom "libertären Marx" halten

 

In den GWR-Ausgaben 237, 239 und 240 wurde über Marx, Proudhon, Geld und Mehrwert kontrovers diskutiert. Eine der aufgeworfenen Fragen war, ob es einen libertären Marx gibt. Der folgende Beitrag setzt die Diskussion fort und erinnert an die Antworten, die zeitgenössische und nachfolgende anarchistische ProtagonistInnen auf diese Frage gaben. Aktuell ist diese historische Diskussion schon deshalb, weil sich nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus der Marxismus wieder als systemoppositionell, zuweilen sogar rechthaberisch (DDR-Nostalgie, Sowjetunion war doch besser als heute usw.) geriert und damit in die systemkritische Konkurrenz zum Anarchismus tritt. Aus Platzgründen mußten wir den Beitrag geringfügig kürzen. (Red. HD)

 

Das Kapital ist die größte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin großen Res(t)pekt. Bakunin übersetzte dieses Werk selber ins Russische. Johann Most gab eine volksverständliche Zusammenfassung heraus, welche von Marx redigiert wurde. Es liegt mir also fern, AnarchistInnen gegen Marx ins Feld zu führen. Interessanter ist es, Marx gegen den libertär-verklärten Marx anzuführen, denn welchen Sinn macht es, Marx als libertär zu verklären? In GWR 239, S. 15, Fußnote 4 wird sich bezogen auf "die für den Verkauf gesellschaftlich, durchschnittlich notwendige Arbeitszeit." Doch: "Marx verneint dies (...) im zweiten Band des Kapitals." Richtigerweise wird zum Schluß gefragt: "Warum sollten hier also andere Maßstäbe angesetzt werden wie beim Transport." Die eigentliche Frage lautet: Warum erkannte dies Marx nicht? Fehler sind menschlich, ja sogar nützlich, denn wir können aus ihnen lernen. Marx hat aber ebenso große geistige Fehlleistungen abgeliefert. Seine Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg ist voller Widersprüche. Dies beschreibt Daniel Guérin in Anarchismus und Marxismus - einer Schrift, die für die Auseinandersetzung während der StudentInnenbewegung wichtig war - sehr prägnant:

 

"Der junge Marx, Humanist und Schüler des Philosophen Feuerbach, entwickelt sich anschließend zu einem rigiden wissenschaftlichen Determinismus. Der Marx der 'Neuen Rheinischen Zeitung', der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, ähnelt in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Besinger der permanenten Revolution, der unabhängigen, politischen kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats. Welch ein Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest 1848, die forderten, daß der Staat die Gewalt über die gesamte Ökonomie erlange und den späteren Erklärungen, in denen der Staat durch die "assoziierten Produzenten" ersetzt wird. Der Marx der folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich später verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschloß, um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch einmal völlig anders als der aufständische Marx von 1850, der an eine allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte. Der Marx von 1864-69, der zunächst hinter den Kulissen die Rolle des heimlichen und machtuninteressierten Beraters der in der I. Internationale zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab 1870 plötzlich ein sehr autoritärer Marx, der von London aus den Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor einer Erhebung in Paris heftig warnt, ist nicht derselbe wie der, der nachher in seiner berühmten Adresse unter dem Titel Bürgerkrieg in Frankreich die Commune von Paris in den Himmel hinein lobt, von der er - nebenbei bemerkt - einige Züge idealisiert. Schließlich ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die kommunale Macht ersetzt zu haben, keineswegs der selbe Marx wie der, der in seinem Brief über das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, daß der Staat nach der proletarischen Revolution noch für eine relativ lange Zeit überleben müsse. Wir könnten all diese Widersprüche und diesen Zickzackkurs durch die Jahre hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, daß der ursprüngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein einheitlicher Block ist. Wir müssen ihn einer kritischen Prüfung unterziehen und können nur Teile von ihm übernehmen, die zu unserem libertären Kommunismus in keinem Widerspruch stehen."

 

Wir können eben nur Bruchteile übernehmen. Die ökonomische Kritik des Kapitalismus von Marx ist umfassend und wissenschaftlich. Aber ebenso stehen viele seiner Geisteshaltungen im krassen Widerspruch zu den anarchistischen.

 

 

Auf dem Misthaufen der Geschichte

 

Erich Mühsam schrieb in Bismarxismus: "Der Marxismus - Landauer weist in seinem herrlichen Aufruf zum Sozialismus nachdrücklich darauf hin - beschäftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin, Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Haß gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!"

 

Hier wird Bakunin nicht gegen, sondern eigentlich für Marx erklärlich. Marx und Engels, die beiden eitlen Gockel, haben schon vorzeitig, auf dem "Misthaufen der Geschichte", ihre Endlagerungsgrube gescharrt. Zu den Verbiegungen von Marx hielt Johann Most in Marxereien und Eseleien fest: "Nichts wäre aber ein größerer Irrtum, als die etwaige Annahme, daß die Ära der Irrtümer heutzutage abgeschlossen sei. Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, daß neun Zehntel aller jetzt lebenden 'Kultur'(?)-Menschen von einer Eselei in die andere fallen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr sie bis über die beiden Ohren in Irrtümern befangen sind. Man könnte über dieses Thema eine Bibliothek von hundert anderthalbfüßigen Folianten schreiben, und man würde trotzdem nicht erschöpfen, so ungeheuerlich verrückt ist die durchschnittliche Denkweise der meisten sogenannten Marxisten. Wo man hinblickt, stößt man auf verkehrte Auffassungen, demgemäß auch auf blödsinnige Schlußfolgerungen, kurzum, auf total unlogische Kreuz- und Quersprünge verhunzter Gehirne." Wozu ebenso zu rechnen ist, Marx zum obersten Libertären zu verklären!

 

 

Stereotypen Marx'scher Anarchismuskritik

 

Der in GWR 239 zitierte Satz: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" sollte als erstes mal auf Marx selber bezogen werden. Marx' Fähigkeit und Leistung war das Verfassen des Kapital. Und was war das Bedürfnis von Marx? Stirner verbal auszuschalten und vernichten zu wollen. Max Stirners philosophische Fähigkeit drückte sich im Werk "Der Einzige und sein Eigentum" aus. Wir heutigen AnarchistInnen sollten jede/n nach seinen/ihren Fähigkeiten beurteilen und auch beschränken. Es geht nicht um Personen, sondern um Positionen!

 

Wie verstand Marx Stirner? Gar nicht! Stirner ist äußerst schwierig zu verstehen, durch seine eigene Terminologie. Engels hatte Kontakt zu Stirners "Freien" in Berlin und war anfänglich nicht unbeeindruckt. Nachdem er aber endgültig zum Sprachrohr von Marx mutierte, änderte sich dies schlagartig. In der "Deutschen Ideologie" - der Schrift gegen Stirner - wurde erstmalig das Grund-Strickmuster marxistischer Anarchismuskritik entwickelt. In einer der Sekundärliteraturen zu Stirner, A.M. Bonanno's Max Stirner und der Anarchismus, ist dies folgendermaßen beschrieben:

 

"Und mit welchen Mitteln droschen sie (Marx/Engels, d.A.) auf ihn (Stirner, d.A.) ein! Kein noch so mieses Register der Denunzierung, der Verfälschung, des Lächerlich-Machens und in den Dreck-Ziehens, das die beiden erhabenen Begründer des 'wissenschaftlichen Sozialismus' nicht gezogen hätten, um auf über 300 Druckseiten eine Handvoll Totschlagargumente zu variieren: 'Sankt Max (Stirner, d.A.)', der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen, habe das zweifelhafte 'Verdienst, der Ausdruck der deutschen Kleinbürger von heute zu sein, die danach trachten, Bourgeoisie zu werden.' Es fehle ihm gänzlich an wissenschaftlichem Durchblick und proletarischem Klassenbewußtsein, demzufolge weigere er sich doch tatsächlich, sich um 'den praktischen Zusammenhang' der bestehenden Mächte und Verhältnisse 'zu bekümmern, ihn kennenzulernen und nach ihm zu richten (!).' Mit bloßen 'Fieberphantasien' im Kopf müsse Stirners subjektiver Voluntarismus zwangsläufig in Don-Quichotterien enden und überhaupt beweise das Konzept, die ganze Gesellschaft in freiwillige Gruppen aufzulösen, 'nur seinen eingerosteten Konservatismus' (hahahaha, d.A.). In der Tat sind das bereits so gut wie alle Stereotypen, die bis heue von marxistischer Seite gebetsmühlenhaft gegen den Anarchismus ins Feld geführt werden. Der schriftstellerische Aufwand, den Marx und Engels dabei betrieben, läßt sich - zumal bei Stirner - durch rein 'politische' Rivalitäten bzw. Machtkämpfe allein freilich nicht erklären. Die destruktive Inbrunst, mit der sie hier zu Werke gingen, und der zwischen derben Späßen und originellen Redewendungen z.T. unverblümt auflodernde Haß deuten eher auf notdürftig kaschierte Hilflosigkeit hin. In dem von Marx und Engels ausgearbeiteten 'historischen Materialismus' war kein Platz für die anarchistischen Provokationen Stirners: dessen beharrliches Eintreten für individuelle Autonomie und Selbstbefreiung, seine grundsätzliche Staatsfeindlichkeit und Ideologiekritik lagen quer zu ihren Thesen vom Primat der Ökonomie und des Produktivkraftfortschritts für die gesellschaftliche Entwicklung, von der 'historischen Mission des Proletariats' und der Notwendigkeit zur Eroberung der politischen Macht im Staate. Auf diesem Boden ließ Stirner sich nicht einfach 'widerlegen' oder überbieten. Um ihr gerade mit großen geistigen Anstrengungen aufgerichtetes Ideengebäude nicht sofort wieder einstürzen zu sehen, blieb Marx und Engels daher keine andere Wahl, als Stirner mit allen Mitteln auszuschalten. Gefangen im eigenen Alleingültigkeitsanspruch mußten sie ihn mit ihrer 'Kritik' förmlich vernichten. Die Begründung marxistischer Anarchismuskritik in der 'Auseinandersetzung' mit Stirner entpuppt sich daher zu nicht geringem Teil als Abwehrreaktion gegenüber einer als existentiell erfahrenen Verunsicherung. Daß sich dasselbe Reaktionsmuster später vom rein literarischen Gebiet auch in den praktischen Bereich verlängern und zu einer wesentlichen Antriebskraft marxistischer Machtpolitik werden sollte, ist bekannt. Die Intrigen gegen Bakunin und seine Freunde im Rahmen der I. Internationale waren ebenso wie der bolschewistisch-stalinistische Vernichtungskrieg gegen die anarchistischen Bewegungen in der russischen und der spanischen Revolution die konsequente Fortführung des an Stirner prototypisch vollzogenen Eliminierungsrituals: individuelle Autonomie als das bei Strafe des eigenen Untergangs auszuschaltende 'Fremde' - Terror gegen Linksopposition als das zur materiellen Gewalt gewordene Ringen der autoritären Psyche um Integrität!"

 

Marx ist nicht erst verbogen worden vom Arbeiterbewegungsmarxismus (GWR 239), er legte die Grundlagen selber. Und das erwähnte Primat der Ökonomie ist der Dreh- und Angelpunkt des Marx'schen Weltbildes. Ebensowenig wie sich das Universum um die Erde dreht (wie es uns die Kirche einreden wollte), dreht sich das Leben um die Ökonomie (wie es uns die Kapita-Listigen und die Staatskapita-Listigen einreden wollen). Ein gewisser Dr. H. Oberdörffer verfaßte die völlig krasse Schrift mit dem Titel "Diktatur der Arbeit, nicht des Proletariats" (nur wer arbeitet, darf fressen), womit dieser Gedanke endgültig auf die Spitze getrieben wurde und nicht mehr steigerungsfähig ist. Hier möchte ich nur G. Bataille's "Die Aufhebung der Ökonomie", 1985, empfehlen, zumindest als Ansatzpunkt (1). Auf der anderen Seite war Marx aber auch nicht konsequent: zwar behauptete er das Primat der Ökonomie, aber Frauenarbeit, Hausarbeit, Erziehungsarbeit wurden keineswegs als solche anerkannt, nur als Reproduktionsarbeit für den Mann, was die feministische Marx-Kritik etwa von Christel Neusüß in "Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung" aufgezeigt hat.

 

 

 

Marx gegen den freiheitlichen Sozialismus

 

Beim anarchistischen Geschichtsforscher Max Nettlau finden wir folgende Beschreibung des Verhältnisses von Marx zum freiheitlichen Sozialismus und seiner VertreterInnen: "Nur ein Mann, in welchem die Autorität eine ihrer buntesten und giftigsten Blüten produzierte, fühlte inmitten dieses philosophisch-politisch-ökonomischen Zuges zur Freiheit hin den herostrategischen Trieb, die Freiheit mit all seinen reichen geistigen Mitteln zu bekämpfen, Karl Marx, der vom Ehrgeiz besessen war, Proudhon zu vernichten, wie er Stirner zu vernichten unternahm und Feuerbachs Licht auslöschen wollte, wie er jeden der kleineren Helfer der Freiheit, die Brüder Bauer und Karl Grün zu zertreten suchte, wie er sich Heß zum unwilligen Sklaven machte und F. Engels veranlaßte, seine etwas freiere Züge zeigende Vergangenheit mit dem dichtesten Schleier zu bedecken und seine anerkannte geistige Existenz erst vom Zusammentreffen mit Marx ab zu datieren, wie er endlich einen lebenslänglichen Kampf mit Bakunin führte und auch Proudhon 1865 auf den Grabhügel schmähende Worte nachschleuderte. Ebenso ausdauernd verfolgte Marx die bisher, wie wir sahen, im Sozialismus sehr starken Freiwilligkeitsströmungen, das Heraustreten aus der heutigen Gesellschaft, wie es Fourier, Owen, Thompson, alle Assoziationisten Frankreichs, Englands und Amerikas beseelte und stempelte sie zur Utopie, seiner Wissenschaft gegenüber. Die kämpfende autoritäre Revolution, für die Blanqui sein Leben im Kerker zubrachte, interessierte ihn aber praktisch ebensowenig, und er wußte nur eine Abart der Demokratie zu bilden, woraus dann die Sozialdemokratie entstand und, da sie die geringsten Anforderungen an die sozialistische Energie und Intelligenz des einzelnen stellte, den größten Umfang gewann. Was hatte der Sozialismus getan, daß er sich seiner freiheitlichen Entwicklung mit so tödlicher Feindschaft in den Weg stellte? Ich habe nur diese psychologische, im Charakter von Marx begründete Hypothese, daß es ihn ärgerte, als er sich 1842 dem Sozialismus zuwendete, Proudhon an erster Stelle zu sehen und daß er so der intensivste Antagonist jeder freiheitlichen Richtung im Sozialismus wurde." (aus: Max Nettlau, Geschichte der Anarchie, Bd. 1: Der Vorfrühling der Anarchie, Bibl. Thèleme, 1993, Neuauflage)

 

Oscar Wilde schrieb einmal: "Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Mißerfolges." Das läßt sich in diesem Falle besonders gut auf Marx beziehen. Was die psychologische Komponente bei Marx betrifft, empfiehlt es sich, mal das Buch von Volker Elis Pilgrim, Adieu Marx, zu lesen. Auch wenn man/frau nicht jeder Schlußfolgerung Pilgrims folgen mag, so bietet es doch umfangreiches Material, um Marx analysieren zu können.

 

 

Marxismus führt zur Errichtung großer Nationalstaaten

 

Max Nettlau strich folgende Stelle bei Bakunin mit folgenden Worten hervor: "Im übrigen führt diese Stelle glänzend den Nachweis, daß staatlicher Sozialismus und Internationalismus sich stets ausschließen und nur Anarchie und Internationalismus vereinbar und tatsächlich untrennbar sind." In einem Brief "An die spanischen Brüder der Allianz" (Frühjahr 1872, Locarno) berichtete Bakunin über den Bruch zwischen autoritärem Staatssozialismus des Herrn Marx und den AnarchistInnen: "Daher gibt es die beiden entgegengesetzten Systeme: das anarchische System von Proudhon, das wir erweitert, entwickelt und von all seinem metaphysischen, idealistischen, doktrinären Ansatz befreit haben, indem wir klipp und klar die Materie in der Wissenschaft und die soziale Ökonomie in der Geschichte als Grundlage aller weiteren Entwicklungen annahmen. Und das System des Chefs der deutschen Schule der autoritären Kommunisten. Folgendes sind die Grundlagen dieses Systems: Wie wir selbst wollen die autoritären Kommunisten die Abschaffung des Privateigentums. Sie unterscheiden sich von uns hauptsächlich dadurch, daß sie Expropriation aller durch den Staat wollen, wir dagegen wollen dieselbe durch die Abschaffung des Staates und des natürlich vom Staate garantierten juridischen Rechts. Deshalb proklamierten wir auf dem Basler Kongreß (1869) die Abschaffung des Erbrechts, während jene sich dort derselben widersetzten, indem sie sagten, diese Abschaffung werde unnötig, sobald der Staat der einzige Besitzer werde. - Der Staat, sagen sie, muß der einzige Grundbesitzer und zugleich der einzige Bankier sein. Die Staatsbank, die heute bestehenden Privatbanken ersetzend, darf allein die nationale Arbeit mit Geld versehen, so daß tatsächlich alle Arbeiter, Land- und Industriearbeiter, Lohnarbeiter des Staates werden. (...) Wir haben dieses System aus zwei Ursachen zurückgewiesen: zuerst weil es, statt die Staatsmacht zu vermindern, sie durch Konzentration aller Macht in den Händen des Staates vermehrt. Sie sagen zwar, ihr Staat werde der Volksstaat sein, regiert von Versammlungen und Beamten, die direkt vom Volk gewählt und der Volkskontrolle unterworfen sind. Das ist das parlamentarische, das Repräsentativsystem, das des allgemeinen Stimmrechts, korrigiert durch das Referendum und die direkte Volksabstimmung über alle Gesetze. Wir wissen aber, was von der Aufrichtigkeit dieser Vertretungen zu halten ist. Klar ist, daß das System von Marx wie das von Mazzini (italien. Befreiungsnationalist, d.A.) zur Errichtung einer sehr starken sogenannten Volksmacht führt, das heißt zur Herrschaft einer intelligenten Minderheit, die allein fähig ist, die bei einer Zentralisation unvermeidlich sich ergebenden verwickelten Fragen zu erfassen, und folglich zur Knechtschaft der Massen und ihrer Ausbeutung durch diese intelligente Minderheit. Das ist das System der 'revolutionären Autoritäten', der aufgezwungen und von oben geleiteten Freiheit - das heißt, es ist eine schreiende Lüge. Unser zweiter Grund, dieses System zurückzuweisen, ist, daß es direkt zur Errichtung neuer großer Nationalstaaten führt, die getrennt und notwendigerweise rivalisierend und gegeneinander feindlich sind, zur Negation der Internationalität, der Menschlichkeit. Denn falls sie nicht die Prätention haben, einen einzigen universellen Staat zu gründen - ein absurdes und von der Geschichte verurteiltes Unterfangen -, müssen sie notwendigerweise nationale Staaten gründen oder, was noch wahrscheinlicher ist, große Staaten, in denen eine Rasse, die mächtigste und intelligenteste, andere Rassen knechten, unterdrücken und ausbeuten würde, so daß die Marxianer, ohne es sich zu gestehen, unvermeidlich zum Pangermanismus gelangen."

 

Die Weitsicht Bakunins erklärt sich nicht etwa aus irgendwelchen "göttlichen oder metaphysischen Quellen", sondern aus seiner Fähigkeit, der Logik zu folgen, auf der Basis des wissenschaftlichen Rationalismus. Zum einen zeigte schon das "freie" Amerika, daß eine "Rasse", die weiße, alle anderen unterdrückte und gezielt ausrottete. Zum anderen wies schon Marx in seinen Schriften ein menschenverachtendes Bild auf, wenn man/frau liest, wie er über andere Lebensformen urteilte. Es waren nicht erst die ArbeiterbewegungsmarxistInnen, die diese Tendenzen einbrachten. Wie wenig dieser Marxismus den Versuchungen des Nationalen gewachsen war, zeigte sich besonders deutlich in der Zeit zwischen 1918-33. Otto-Ernst Schüddekopf hat dies in seinem Buch Nationalbolschewismus in Deutschland zusammengetragen und erläutert, wie stark diese nationalistische Bewegung innerhalb der staatssozialistischen wirkte. Dann kam die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.

 

In dem Restteil des zerstörten Reiches, wo das staatssozialistische Experiment in einem Gartenzwergsozialismus verendete, kam es nur noch kurze Zeit ('Wir sind das Volk') zu reformerischen Ideen, den Staatssozialismus weiterzuentwickeln. Nachdem dann die nationalbolschewistischen Erben die nationalistische Parole: "Wir sind ein Volk" herausgab, war dies das Grablicht des deutschen, demokratischen und republikanischen Staatssozialismus. Die Nationale Volksarmee wurde geschluckt und war ein weiterer Schritt in den heutigen rotgrünen Militarismus. Und als sich der Superstaat UdSSR, nach staatssozialistischer Entwicklungstheorie endlich und endgültig auflöste, zerfiel es zu dem, was es in Wirklichkeit immer geblieben ist: Rußland wurde wieder orthodox- nationalbolschewistisch und die abbrechenden Staaten sind dies ebenfalls oder fundamentalistisch-religiös.

 

Was hat Marx uns für die Zeit nach der Revolution zu bieten? C. Northcote Parkinson, der für seine ätzende Satire auf des selbstzweckhafte Wuchern von Verwaltung und Bürokratie berüchtigt ist, schrieb in Goodbye Karl Marx, S.53f.: "Wenn der Kapitalismus, wie Marx behauptet hat, aus Gründen seiner inneren Widersprüche und Spannungen zum Scheitern verurteilt ist und das Proletariat ein kommunistisches Utopia errichten wird, so dürfen wir wohl fragen, was dann geschehen soll. Wieso soll es nicht möglich sein, daß auch der Kommunismus scheitert und geradewegs in eine Diktatur mündet? Was soll an einem kommunistischen Regime so dauerhaft sein, daß es nicht einen Niedergang erlebt wie andere Herrschaftsformen auch? Die Entwicklung der Gesellschaft kommt doch nicht zum Stillstand. Und selbst wenn - wie können wir wissen, an welchem Punkt oder in welchem Stadium? Warum sollte der Staat verwelken? Müssen wir nicht vielmehr vermuten, daß die Verstaatlichung der Industrie für jede Regierung nur eine immer größere Verlockung bedeuten muß, ihre Macht und ihren Einfluß noch weiter auszudehnen? Und selbst wenn wir unterstellen, daß die von Marx propagierte Revolution die wirklich letzte große Auseinandersetzung der menschlichen Gesellschaft sei - gerade dann dürfen wir doch erwarten, etwas mehr über jenes Utopia sozialer Glückseligkeit und Harmonie zu erfahren, in dem die von Unterdrückung und Ausbeutung befreiten Menschen dann nach Marxens Verheißung leben sollen. In Wahrheit aber hören die politischen Vorstellungen, die Karl Marx entwickelte, genau an dem Laternenpfahl auf, an dem der letzte Kapitalist aufgeknüpft wird. Der kommunistische Erzvater verlor das Interesse an diesem speziellen Thema just an dem Punkt, wo wir von fieberhafter Spannung erfüllt sein müssen, um nun die Details zu erfahren. Wenn wir nach Marx eines sozialen Paradieses teilhaftig werden sollen, so ist leider festzustellen, daß er uns die Herrlichkeiten dieses Zustandes nicht geschildert hat. Er erlaubt uns nicht den kleinsten Blick durchs Schlüsselloch. Als Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker war Marx ein intellektueller Gigant - wie zeitbedingt seine Thesen auch immer gewesen sein mögen. Als Sozialpolitiker, wenn dieser Ausdruck hier erlaubt ist, war er ein Einfaltspinsel."

 

Marx war, ist und wird immer ein Autoritärer sein. Der Anarchismus braucht keine Ikonen oder andere Götzen. Wir brauchen keine Denkmäler, wir denken selber. Und wenn wir AnarchistInnen es diesmal nicht schaffen - nach dem Zusammenbruch des Staatskapitalismus und der nun erfolgten rotzgrünen APOcalypse - die treibende Kraft der Opposition (Widerstand) zu werden, wann dann? Dann gnade uns der Gott, welcher uns nach seinem Eber-Bilde erschAffen haben soll. Die Fortsetzung der permanenten R&Evolution ist dringender denn je. Für die kommende anarchistische Revolution lautet der Ruf nach Freiheit: "Wir sind die Menschheit", und nicht "Wir sind eine Menschheit", dies ist die Parole der kapitalistischen Globalisierung.

 

Thom@s Bruns

 

 

Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 244 (Dezember 1999)

 

Anmerkungen

(1) Der Hinweis in GWR 239, daß auch die Nazis den Begriff der "Zinsknechtschaft" abgekupfert haben, übrigens von dem Freund von Silvio Gesell und Physiokraten Georg Blumenthal in "Die Befreiung von der Geld- und Zins- Herrschaft" von 1905 (nicht wie in GWR 240: G. Feder, Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes, 1919; dies nur um hervorzuheben, daß dies schon vor und nicht nach dem 1. Weltkrieg entwickelt wurde), unterstreicht doch nur die nationalsozia-Listige Strategie. Dies führte nach dem 2. Weltkrieg dazu, daß einige AnarchosyndikalistInnen Gesell undifferenziert als Nazi bezeichneten. Es gab auch die Überlegung, die Steuern abzuschaffen, allerdings nur, um der Linken das Mittel des Steuerboykotts aus der Hand zu schlagen (G. Feder/Dr. A. Buckeley, Der kommende Steuerstreik. Seine Gefahr, seine Unvermeidlichkeit, seine Wirkung, 1921). Die deutsche Pazifistin und Mitbegründerin der 'Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit', Costanze Hallgarten, verstieg sich in ihrer Autobiographie "Als Pazifistin in Deutschland", 1956, in die Aussage: "Hitler als gelehriger Schüler: Bei Frau Hanfstaengl wird Hitler zum Vegetarier und Antialkoholiker erzogen, ... mit dem ihm eigenen flair für die Kultur des Kavaliers." (S. 65) (Naja, nicht trinken löst auch keine Probleme) Hitler war auch Veget-Arier, es gab ca. 1920 einen sogenannten "Vegetarischen Frauenbuch- Verlag", der den Vegetarismus predigte, natürlich nur zur "Reinerhaltung der Rasse" und zur Ausrottung der fleischessenden "kannibalischen Barbarenvölker" mobilisierte. Dies soll selbstverständlich nicht gegen die gesunde vegetarische Ernährung sprechen, ich selber ernähre mich fast ausschließlich so. Mann/frau kann alles verbiegen!



 

Rudolf Rocker - Wir und die Marxisten

 

Zum Thema Syndikalismus: Diesmal von Rudolf Rocker, einem der Mitbegründer der anarcho-syndikalistischen Theorie. Rocker (1873-1958) war Sekretär der Geschäftskommission der FAUD und somit Mitherausgeber und Dauerpublizist des FAUD-Organs „Der Syndikalist" und zudem Mitbegründer der 1922 wiederbelebten Internationalen Arbeiter Association" (IAA). Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Leitartikel „Wir und die ‘Marxisten’", erschienen im „Syndikalist" vom 15.02.1919

 

...Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Sozialismus, abgesehen von seiner Bedeutung als allgemeiner Kulturfaktor, in erster Linie eine wirtschaftliche Frage ist. Aus diesem Grunde sehen sie in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse das wichtigste Instrument zur sozialen Befreiung. Für den Syndikalismus ist die Gewerkschaft nicht eine einfache Körperschaft zur Verteidigung lokaler Fachinteressen, sondern eine von sozialistischem Geiste getragene revolutionäre Klassenorganisation, die durch die Ausübung einer praktischen und natürlichen Solidarität jedem wirtschaftlichen Kampfe einen sozialen Charakter zu geben sucht. Der Syndikalismus ist sich vollständig klar über die gewaltige Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse in der geschichtlichen Entwicklung, aber lehnt es ab, in den Menschen lediglich willenlose Organe des jeweiligen Produktionsprozesses zu sehen und auf diese Art die ökonomische Entwicklung zur Grundlage eines pseudowissenschaftlichen Fatalismus zu machen, der ebenso lähmend auf das Handeln der Menschen einwirken muß, wie jeder religiöse Fatalismus. Aus diesem Grunde teilt der Syndikalismus auch nicht den unbegründeten Glauben, daß der Kapitalismus notwendigerweise zum Sozialismus führen muß, er geht vielmehr von dem Grundsatz aus, daß die Verwirklichung des Sozialismus in erster Linie von dem bewußten Willen und der revolutionären Tatkraft der Arbeitermassen abhängig ist. Der Syndikalismus ist auch weit davon entfernt, in der Teilung der Arbeit und der Zentralisation der Industrie die geschichtliche notwendige Vorbedingung zur Verwirklichung des Sozialismus zu erblicken, vielmehr sieht er in diesen Erscheinungen lediglich Vorbedingungen des kapitalistischen Ausbeutungssystems, die gerade im Interesse des Sozialismus mit aller Energie bekämpft werden müssen.

 

Indem der Syndikalismus im revolutionären Wollen der Menschen einen notwendigen und ausschlaggebenden Faktor jeder Entwicklung zum Sozialismus erblickt, versucht er mit allen Möglichkeiten, die Arbeiter zur revolutionären Tätigkeit zu erziehen und ihren täglichen Kämpfen und Handlungen den W i l l e n z u m S o z i a l i s m u s (Hervorhebung im Original, Anm. d. Tippers) aufzuprägen. Gerade aus diesem Grunde verwirft er die Organisation der Arbeiter zur politischen Partei und sieht in der sozialistischen Gewerkschaft den geeignetsten Sammelpunkt zur Entfaltung des revolutionären Massenkampfes. Für den Syndikalist ist die Gewerkschaft nicht eine Art Provisorium, das nur innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft seine Existenzberechtigung findet, sie ist ihm vielmehr die notwendige Grundlage zum Werdegang der sozialistischen Gesellschaft, die Zelle, aus der sich Sozialismus entwickeln soll.

 

Der Syndikalismus teilt nicht den alten Aberglauben in die Macht der Staatsdekrete, den der Marxismus als Erbschaft von der bürgerlichen Demokratie und Revolution übernommen hat. Die Sozialisierung läßt sich nur durchführen durch die Arbeiter der verschiedenen Produktionszweige, so daß jeder einzelne Zweig die Organisation und Verwaltung seines Betriebes übernimmt. Sogar der beste und weiseste ‘sozialistische Übergangsstaat’ wäre unmöglich imstande, auch nur annähernd die intimen Fachkenntnisse zu entwickeln, über die die Arbeiter der einzelnen Betriebe verfügen und die unumgänglich nötig sind, um das große Werk der sozialistischen Umbildung erfolgreich zu gestalten. Eine solche Art der Sozialisierung durch die direkte, revolutionäre Aktion der bewaffneten Massen in jeder Stadt, in jedem Dorf würde ohne Zweifel viel eher imstande sein, jeden Gegendruck der kapitalistischen Reaktion niederzuhalten, wie die Unterdrückung der feindlichen Presse und anderer Maßregeln einer sozialistischen Regierung, die nur allzu leicht sich in ein Werkzeug einer bestimmten machthungrigen Clique verwandeln könnte. Indem die revolutionären Gewerkschaften das Werk der Sozialisierung sofort praktisch in Angriff nehmen würden, wäre dem Kapitalismus so wie so der Giftzahn ausgebrochen, denn seine ganze Widerstandskraft ist doch lediglich das Resultat seiner ökonomischen Macht.

 

Daß die Syndikalisten sich damit begnügen würden, den Arbeitern einfach die Produktionsmittel, den Grund und Boden zu übergeben und damit ihre Aufgabe als erledigt ansehen würden, ist eine so tolle Behauptung, daß man nur darüber lächeln kann. Die Syndikalisten wollen ebenfalls die Produktionsmittel usw. in den Dienst der Allgemeinheit stellen, aber das ist nur möglich, wenn die Produktionsgruppen in den einzelnen Kommunen die Verwaltung und Verantwortlichkeit für die Maschinen, Werkzeuge usw. an Ort und Stelle übernehmen. Und da die Menschen einer sozialistischen Gesellschaft durch dieselben gemeinschaftlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse vereinigt sind, so ist jede einseitige Betonung lokaler Sonderinteressen zum Schaden der Allgemeinheit schlechterdings ausgeschlossen, da jede Produktionsgruppe und Kommune mit allen übrigen föderativ verbunden ist. Ein tolles Draufloswirtschaften der einzelnen Genossenschaften ‘gleichgültig auf die vorhandenen Rohstoffe’ etc., wie der ‘Kommunist’ (Organ der KPD-Bremen, Anm. D. Tippers) befürchtet, wäre vielleicht in einer Gesellschaft von Irrsinnigen möglich, nie und nimmer aber in einer föderativen Gemeinschaft vernünftiger Menschen, die durch dieselben sozialen Interessen verbunden sind.

 

Daß aber auch die Syndikalisten vollständig begreifen, ‘daß die gesamte Produktion vorerst auf Bedarfswirtschaft eingestellt werden muß’ und deshalb die schulmeisterliche Belehrung des ‘Kommunist’ durchaus entbehren können, dafür folgendes Beispiel: Als vor ungefähr zwölf Jahren die ‘Voix du Peuple’, das offizielle Organ der französischen Arbeiterföderation an jedes einzelne Syndikat die Frage stellte, wie sich seine Mitglieder die sozialistische Reorganisation ihres Berufs nach einer siegreichen Revolution vorstellten, da waren es die Luxusarbeiter, die sofort erklärten, daß sie in diesem Falle anderen Berufen beitreten würden, da die Produktion in der ersten Zeit nur auf die Bedarfswirtschaft eingestellt werden müsse.

 

Aber die sonderbare Furcht unserer Marxisten den syndikalistischen Produktionsgruppen der Zukunft gegenüber, läßt sich einfach erklären durch ihre prinzipielle Abneigung gegen jeden Föderalismus. Wie jede große wirkliche Volksbewegung ist auch der Syndikalismus seinem Wesen nach föderalistisch, weil der Föderalismus eben die einzige Organisationsform ist, die den Individuellen und kollektiven Entwicklungsfähigkeiten Spielraum gibt, und so das gesellschaftliche Leben vor innerer Erstarrung und geistiger Stagnation behütet. Der Marxismus aber, der in seinem ganzen Wesen nur die bis auf die Spitze getriebene Zentralisationsidee des modernen Staates verkörpert, muß logischerweise dem Föderalismus feindlich gegenüberstehen, da ihm jeder wahrhaft freiheitliche Sinn abgeht. Die öde Beamtenhierarchie, die er überall in seinen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen entwickelt hat, ist das unvermeidliche Produkt seiner zentralistischen und freiheitsfeindlichen Dogmatik.

 

Hie Sozialismus! - Hie Staatskapitalismus!

Hie Föderalismus! - Hie Zentralismus!

 

Das sind die Devisen, unter denen sich die nächsten Kämpfe der Zukunft abspielen werden.

 

R.R.

 

 

Literatur:

    Rocker, Rudolf: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt 1974, Erschienen im Suhrkamp-Verlag

    Rocker, Rudolf: Nationalismus und Kultur, Hamburg 1999, Erhältlich bei FAU-MAT oder Syndikat A

    Döhring, H.: "Der Kampf der Kulturen gegen Macht und Staat in der Geschichte der Menschheit", Bremen 2002, erhältlich bei FAU-MAT

    Wienand, Peter: Der „geborene" Rebell - Rudolf Rocker Leben und Werk, Berlin 1981, Erschienen im Karin Kramer-Verlag Berlin

 

 

 

 

Sind Anarchismus und Kommunismus wirklich dasselbe ?

 

Die Antworten des Anarcho-Syndikalisten Rudolf Rocker in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" auf diese Frage findest du hier.

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Anarchismus und Kommunismus? Diese Frage zu beantworten verlangt einen historischen Blick auf die Ideengeschichtliche Entstehung und die weitere Entwicklung in ihren praktischen Auswirkungen, den Rudolf Rocker als einer der führenden Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" gründlich schweifen lässt. Dabei wird auch deutlich, dass Faschismus und Kommunismus sehr viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als sie voneinander unterscheiden - dass sie „auf dem selben Holze gewachsen sind". Was den Anarchismus schließlich von diesen Zwillingsbrüdern unterscheidet, macht Rocker ebenso deutlich. Ausgehend von den nun folgenden Ansichten Rockers ist es keineswegs egal, ob sich jemand als Anarchisten oder Kommunisten bezeichnet. Anarchismus und Kommunismus sind grundverschieden - zumindest nach den Worten Rudolf Rockers...

 

Nochmals möchte ich damit die kritische Lektüre von „Nationalismus und Kultur" herzlichst empfehlen, zumal ich hier nur einen winzig kleinen Ausschnitt präsentieren kann.

 

 

Hegel, Vater des Marxismus

 

Die Hegelsche Dialektik kritisiert Rocker dahingehend, dass sie in „keinerlei Beziehung zu den wirklichen Erscheinungen des Lebens" stehen würde und der „Vorstellung eines organischen Werdens" widerspräche, darauf spekuliere, „dass eine Art sich in ihr Gegenteil verwandeln könnte" und Völkern „bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge" andichte. Damit habe er „den kollektiven Werturteilen einer verstiegenen Völkerpsychologie erst den Weg geebnet und jenen Ungeist heraufbeschworen, der das Denken lähmt und aus seinen natürlichen Bahnen drängt". Hegel wurde laut Rocker damit „zum Schöpfer jener blinden Schicksalstheorie", welche von ‘historischen Notwendigkeiten’ und der ‘Zwangsläufigkeit des historischen Geschehens’ spräche, dem Grundbestandteil der marxistischen Lehre. Rocker appelliert dagegen an die Veränderbarkeit der Umstände ausgehend vom menschlichen Willen: „Und doch zeigt uns das Leben jede Stunde, dass all diese ‘historischen Notwendigkeiten’ nur so lange Bestand haben, wie die Menschen sich damit abfinden und ihnen keinen Widerstand entgegensetzen. In der Geschichte gibt es überhaupt keine Zwangsläufigkeiten, sondern nur Zustände, die man duldet und die in Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen und sich dagegen auflehnen." Hegel redete stattdessen dem Staate das Wort und hat dabei die „Staatsgesinnung zu einem religiösen Prinzip erhoben", da auch er erkannte, dass jede Autorität in der Religion wurzelt. Staat und Religion sollten daher verschmolzen werden. Wie schon für Fichte, so fungierte auch für Hegel, dem „Staatsphilosoph(en) der preußischen Regierung und „Hohepriester der Autorität", der preußische Staat mit „Kasernendrill und Bürokratenstumpfsinn" als Vorbild. Hegel hatte viele Bewunderer in jedem politischen Lager, wobei das autoritäre Prinzip konservative und Marxisten („Junghegelianer") vereint. Sich mit den Dingen abzufinden, weil man glaubt, sie nicht ändern zu können, nennt Rocker „Fatalismus". Dieser ist die Vorbedingung für jede Reaktion als „Stillstand nach einem Prinzip". In diesem Sinne bezeichnet Rocker Hegel als „Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle".

 

 

Über die Unzulänglichkeit der marxistischen Geschichtsauffassung

 

Gleich im ersten Kapitel in „Nationalismus und Kultur" („Unzulänglichkeit aller Geschichtsauffassungen") widmet Rocker sich der Betrachtung des historischen Materialismus als Erklärungsmuster aller historischen Begebenheiten. Allein und zwangsläufig aus den wirtschaftlichen Verhältnissen könnte „alles politische und soziale Geschehen" nicht erklärt werden. Bei der Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen müsse vielmehr ebenso der „Wille zur Macht" berücksichtigt werden. Es handele sich immer um die Wechselwirkungen verschiedener Ursachen. Ein weiterer Fehler dieser marxistischen Geschichtsauffassung liege in der Gleichsetzung der Ursachen gesellschaftlicher Gegebenheiten mit dem mechanischen Geschehen in der Natur, da es sich bei ersterem „stets um eine Kausalität menschlicher Zielsetzungen", bei letzterem aber „um eine Kausalität physischer Notwendigkeiten" handele. Zwecksetzungen sind Sache des Glaubens und finden daher in Religionsvorstellungen, ethischen Begriffen, Sitten, Gewohnheiten, Überlieferungen, Rechtsanschauungen, politischen Gestaltungen, Eigentumsverhältnissen, Produktionsformen, u.a. Ihren Niederschlag. Jede Zwecksetzung ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit, woraus sich keine Wissenschaft machen lässt, wie aus dem physischen Geschehen in der Natur. Menschliche Motive und Zielsetzungen seien keiner Berechnung zugänglich. Daher verleite die Gleichsetzung von Natur und Gesellschaft zu Trugschlüssen.

 

Jede Geschichtsauffassung sei nur eine Sache des Glaubens, welche auf Wahrscheinlichkeiten fuße, da Geschichte „nichts anderes als das große Gebiet menschlicher Zielsetzungen" sei. Der Mensch sei „nur den Gesetzen seines physischen Seins bedingungslos unterworfen". Die Gestaltung seines gesellschaftlichen Lebens dagegen ist ausschließlich das Ergebnis seines Wollens und Handelns.

 

Indirekt wirft er den Marxisten vor, durch ihren Glauben an die Zwangsläufigkeit allen Geschehens, der Vergangenheit die Zukunft zu opfern und damit die Verhältnisse lediglich zu deuten, sie aber nicht zu verändern. Ihnen stellt er die Annahme gegenüber, „dass alles gesellschaftliche Sein nur einen bedingten Daseinswert besitzt und durch Menschenhand und Menschengeist geändert werden kann".

 

Zur Untermauerung seiner Thesen führt er im Folgenden aus der Weltgeschichte Beispiele für den Willen zur Macht als Triebfeder menschlichen Handelns heran, welches ökonomisch motiviertem Handeln voransteht oder gar entgegenläuft, wie z.B. die Kriegszüge Alexanders d. Großen, die Geschichte der Kreuzzüge, den Dreißigjährigen Krieg und den 1. Weltkrieg. Die Soldaten zogen in den allermeisten Fällen weniger aus wirtschaftlichen Erwägungen in die Kriege, sondern aus verschiedenen Glaubensansätzen heraus, darunter im 1. Weltkrieg viele Sozialdemokraten, in deren historisch-materialistischen Geschichtsauffassungen metaphysischen Beweggründe keinen Platz fanden. Umso anfälliger waren sie dann für die Parolen für "Kaiser und Vaterland". Der Glaube an ihre politischen Führer in den sozialistischen Gewerkschaften und Parteien ließ ihre Anhängerschaft zu einer willenlosen und dirigierbaren Masse werden.

 

So boten dogmatisch-materialistische Geschichtsauffassungen, (welche die Menschen nicht als handelnde Individuen begriffen, sondern lediglich als Masse) auch den Nährboden für das Versagen marxistisch-sozialistischer Parteien und Gewerkschaften vor dem aufkommenden Faschismus in Europa, beispielsweise in Deutschland, Italien oder Spanien, wo Sozialistenführer oder solche Parteien keinen Widerstand leisteten, kollaborierten oder gänzlich zu Faschisten konvertierten und mit ihnen ein großer Teil ihrer Anhängerschaft. Die Maßnahme, lediglich die Produktionsmittel von der Privatwirtschaft in die Hände des Staates zu übertragen, führe lediglich zu einer Diktatur durch den Staat mittels einer mächtigen Bürokratie, ändere jedoch grundsätzlich nicht die Situation der ArbeiterInnenschaft „als Betriebsstoff der Wirtschaft". Ein Staatskapitalismus, wie in der UDSSR wäre ebenso das „Ende aller wahrhaft geistigen Kultur" und stellte nur eine „staatskapitalistische Versklavung der Völker" dar. Ein Sozialismus in „Allianz mit dem politischen Absolutismus" würde „zu größten Versklavung aller Zeiten führen". Und prophetisch für die Herausbildung des Ostblocks nach 1945 erklärte Rocker am Schluss des Kapitels: „Es ist diese Gefahr, die uns heute am meisten bedroht und von deren Erfolg oder Misserfolg die nächste Zukunft der Menschheit abhängen wird."

 

 

Die internationale ArbeiterInnenbewegung zwischen Anarchismus und Kommunismus

 

In der internationalen sozialistischen Bewegung hat es nach Rocker zwei Hauptströmungen gegeben:

 

Eine orientierte sich an den Ideen Proudhons, Bakunins und speiste sich aus dem Liberalismus. Sie versuchte, „ihre sozialistischen Bestrebungen auf eine wirklich freiheitliche Grundlage zu stellen" und brauche „ebenso wenig Gesetze wie Gesetzgeber", wie Proudhon es ausdrückte. Ihr Ziel war die „Abschaffung der Wirtschaftsmonopole mit der Ausschaltung alles Regierungswesens aus dem Leben der Gesellschaft" für ein „Gemeinwesen von freien und gleichen Menschen", in welchem „nur das freie Übereinkommen das einzige moralische Band aller gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander sein" kann. Jeglicher Zentralismus wurde abgelehnt. Und an die Stelle des Staates wurde die Autonomie der Gemeinden gesetzt, welche nach Proudhon auf Grund freier Verträge föderalistisch miteinander verbunden sein sollen.

 

Die andere (zu einem großen und bestimmenden Teil im deutschen Reich) fand ihre geistigen Wegbereiter in Hegel und Rousseau und trat für Demokratie und einen in ihrer politischen Macht befindlichen modernen Nationalstaat mit Gesetzgebung und Militär ganz im Sinne jakobinischer Herrschaft ein.

 

Marx hat nach Rocker nie etwas anderes getan, als die Welt und die Geschichte zu interpretieren. Unterstützung fand dieser autoritäre Sozialismus auch in den Gedanken Ferdinand Lassalles, ebenfalls einem „Verehrer der Staatsidee". Die deutsche Arbeiterbewegung vertraute ihren Führern in hohem Maße und gliederte sich somit bereitwillig in das bürgerliche System, bestehend aus Parlamentarismus, Staat und Parteien ein. Dies „lockte eine Menge bürgerlicher Elemente und karrierelüsterner Intellektueller ins Lager der sozialistischen Parteien". So konnte es nach Rocker schließlich „nicht ausbleiben, dass die modernen Arbeiterparteien sich allmählich in das nationale Staatsgefüge als notwendiger Bestandteil eingliederten und sehr viel dazu beitrugen, dem Staate das innere Gleichgewicht wiederzugeben, das er bereits eingebüßt hatte". Der marxistischen Lehre, das für den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein Übergang vonnöten sei, die Diktatur des Proletariats, erteilt Rocker eine klare Absage mit dem Hinweis, das die Geschichte solche Übergänge gar nicht kenne. Das dabei nur die Freiheit auf der Strecke bleibt, zeigt Rocker anhand des Lenin-Zitates: ‘Freiheit (ist) ein bürgerliches Vorurteil’. Der demokratische Sozialismus habe im Gegensatz zum freien Sozialismus den bereits schwindenden Glauben an den Staat wieder neu gefestigt und habe sich somit folgerichtig zum Staatskapitalismus entwickelt, wie es die Erfahrungen in Russland deutlich gezeigt haben. Der freiheitliche Sozialismus müsse dagegen den „Willen zur Macht" aus der Gesellschaft ausschalten. Freiheit für einzelne gäbe es nicht ohne Gerechtigkeit für alle. Die Anarchie ist schließlich, wie Rocker ausführlich darstellt, „die Synthese von Liberalismus und Sozialismus".

 

An diesen Gegensätzen entzündeten sich auch die Konflikte innerhalb der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) um die Personen Karl Marx und Michael Bakunin. Zunächst „entwickelte sich im Schoße der Internationale der Gedanke einer allseitigen Verwaltung der gesellschaftlichen Produktion und des allgemeinen Verbrauchs durch die Produzenten selbst und zwar in der Form freier, auf der Basis des Föderalismus verbundener Wirtschaftsgruppen, denen in derselben Zeit auch die politische Verwaltung der Gemeinden obliegen sollte." Auf diese Weise sollte „die Kaste der... Partei- und Berufspolitiker durch Sachverständige ohne Vorrechte" ersetzt werden und „die Machtpolitik des Staates durch eine friedliche Wirtschaftsordnung" verdrängt werden, welche „in der Gleichheit der Belange und in der gegenseitigen Solidarität in Freiheit verbundener Menschen ihre Grundlage" finden sollte. Doch unter Führung von Karl Marx kollidierten diese freiheitlichen Vorstellungen schon sehr bald mit dessen Vorstellungen von Staat und Zentralismus. An Marxens Machtpolitik auch innerhalb der IAA zerbrach diese dann 1872. Die Marxistische Strömung gewann auch aufgrund des von Deutschland gegen Frankreich gewonnen Krieges von 1870/ 71 an Einfluss in Europa - Rocker spricht gar von einem „Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung". Zunehmend verdrängen Arbeiterparteien die freien Arbeitergruppen. Marxens einstiges Zitat von den Philosophen, welche die Welt nur verschieden interpretiert haben, wogegen es aber darauf ankäme, dieselbe zu verändern, wurde somit von seiner eigenen Ideenströmung ins Gegenteil verkehrt.

 

Die Unterscheidung zwischen autoritärem und freiheitlichem Sozialismus ist für Rocker ein Widerspruch in sich, wenn er betont: „Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein!"

 

 

Gipfel der Staatlichkeit: Diktaturen

 

Faschismus und Kommunismus sind laut Rocker „nicht als Gegensätze zweier verschiedener Auffassungen vom Wesen der Gesellschaft zu bewerten, sie sind lediglich zwei verschiedene Formen derselben Bestrebungen, die nach demselben Ziele hinwirken (...) Jeder Diktator kann nicht eher Ruhe finden, bis er sich von allen unbequemen Mitbewerbern befreit hat. Dieselbe innere Logik, die Robespierre dazu zwang, seine Freunde von gestern dem Henker auszuliefern, dieselbe Logik, die Hitler dazu bewegte, in der Blutnacht des 30. Juni 1934 seine intimsten Kameraden aus dem Wege zu räumen, dieselbe Logik brachte heute Stalin dazu, sich der sogenannten Trotzkisten zu entledigen, weil er Furcht hatte, dass sie seiner Macht gefährlich werden könnten. Für jeden Diktator ist der tote Gegner der beste Gegner." Das gilt auch für den Massenmörder Trotzki.

 

Fatal sei daher die Annahme, „dass die Welt letzten Endes nur zwischen Kommunismus und Faschismus zu wählen habe, da jeder andere Ausweg ungangbar sei. Eine solche Auffassung der Dinge beweist nur, das man sich über das eigentliche Wesen des Faschismus und des Kommunismus überhaupt nicht klar geworden ist und noch nicht begriffen hat, dass beide auf dem selben Holze gewachsen sind."

 

Und Rocker führt weiter aus: „Dass die ursprünglichen Motive der bolschewistischen Diktatur in Russland von denen der faschistischen Diktaturen in Italien und Deutschland verschieden waren, sei unbestritten. Aber einmal ins Leben getreten, führte die Diktatur in Russland so wie in den faschistischen Staaten zu denselben unmittelbaren Ergebnissen, die in einer progressiv immer deutlicher zu Tage tretenden Ähnlichkeit beider Systeme ihren Ausdruck finden. Tatsache ist, dass die ganze innere Entwicklung des Bolschewismus in Russland und die gesellschaftliche Gestaltung in den faschistischen Ländern heute eine Stufe erreicht haben, die, soweit die inneren Richtlinien in Betracht kommen, überhaupt keinen Gegensatz mehr zwischen beiden Systemen erkennen lassen. Es handelt sich heute bloß noch um Unterschiede sekundärer Natur, die sich auch zwischen dem Faschismus in Deutschland und Italien feststellen lassen und die in den besonderen Verhältnissen der Länder ihre Erklärung finden.(...) Sogar die ursprüngliche internationale Tendenz der bolschewistischen Bewegung, die einst als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem russischen Staatskommunismus und den extrem nationalistischen Bestrebungen des Faschismus betrachtet werden konnte, ist unter Stalins Regime restlos verschwunden, um einer streng nationalistischen Erziehung der russischen Jugend den Platz zu räumen (...) Die Verstaatlichung des gesamten Kreditwesens in Italien, die stufenweise Unterordnung des ganzen Außenhandels unter die Kontrolle des Staates, die von Mussolini bereits angesagte Verstaatlichung der Schwerindustrie und vieles andere zeigen immer deutlicher die Tendenz einer staatskapitalistischen Entwicklung (...) Daß Faschismus und Kommunismus überhaupt als Gegensätze aufgefasst werden konnten, findet seine Erklärung hauptsächlich in der jämmerlichen Haltung der sogenannten demokratischen Staaten, die in ihrem Abwehrkampfe gegen die Flut des Faschismus sich mehr und mehr dessen Methoden aneignen und dadurch unvermeidlich immer tiefer in das Fahrwasser faschistischer Tendenzen geraten. Es wiederholen sich hier dieselben Vorgänge, die Hitler in Deutschland zum Siege verholfen haben. In ihrem Bestreben, dem ‚größeren Übel’ durch das kleinere Einhalt zu gebieten, haben die republikanischen Parteien in Deutschland die konstitutionellen Rechte und Freiheiten immer mehr eingedämmt, bis von dem sogenannten Verfassungsstaate zuletzt kaum noch etwas übrig blieb. Tatsache ist, dass die Regierung Brüning zuletzt bloß noch mit Dekreten unter Ausschaltung der gesetzgebenden Körperschaften regierte. Dadurch verwischten sich die Gegensätze zwischen Demokratie und Faschismus immer mehr, bis endlich Hitler der lachende Erbe der deutschen Republik geworden ist."

 

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu
 

 


 Die rote Gewerkschaftsinternationale gegen die Syndikalisten

 

Das doppelte Spiel, das die Rote Gewerkschafts- Internationale und ihre Agenten im Auslande spielen, ist charakteristisch. Einerseits spricht man von den revolutionären Syndikalisten wie von Waffenbrüdern, mit denen man sich zu einer gemeinsamen Arbeit verständigen kann, andererseits stellt man sie als Feinde des Proletariats dar, als Gegenrevolutionäre, die man entfernen muß.

 

In der einen Hand den Ölzweig, in der andern das blutige Schwert... In vielen Ländern ist die Bewegung der revolutionären Syndikalisten stark genug, um die dort befindlichen kommunistischen Parteien zu beunruhigen. Man hätte glauben können, daß die Einheitsfront aller Linksorientierten auf der einen Seite, die deutliche Erklärung der Roten Gewerkschafts- Internationale (daß die Syndikalisten ihren brüderlichen Platz in der RGI haben, daß sie ihren Standpunkt verfechten können, und daß deshalb die Bildung einer syndikalistischen Internationale ein Verbrechen gegen die Einigkeit des Proletariats sei...) man hätte glauben können, daß alle diese Zeichen der Freundschaft und Toleranz einen gemeinsamen Kampf beider Tendenzen, der zentralistischen und der föderalistischen, bedeutete, ohne die Notwendigkeit, sich gleichzeitig die Hälse abzuschneiden.

 

Sehen wir zu, wie in der Praxis die RGI diese Toleranz verwirklicht. In Nr. 12 der "Roten Gewerkschafts- Internationale" vom 15. Januar 1922 findet man einen Artikel über die Arbeiterbewegung in Mexiko in welchem der Autor von dem Einfluß der Anarcho- Syndikalisten in der allgemeinen Konföderation (CGT) spricht. Er ist mit den freundschaftlichen Erklärungen der RGI nicht zufrieden und folgert: "Ich bin überzeugt, daß bei rühriger Agitation und Propaganda der mexikanischen Kommunisten die heutigen Führer der CGT (das sind die Anarcho- Syndikalisten) beseitigt werden können und die Allgemeine Arbeits- Konföderation Mexikos ihren vollen und aufrichtigen Anschluß an die Rote Gewerkschafts- Internationele erklären wird." Man lockt also die revolutionären Syndikalisten nach Moskau, um sie alsdann aus der revolutionären Bewegung Mexikos zu entfernen.

 

Und erst die Beschimpfungen der Industrial Workers of the World (IWW) Amerikas! Wie hat man sie nicht vorher gelobt und mit Artigkeiten überschüttet; sie wurde als die einzige revolutionäre Organisation der Vereinigten Staaten hingestellt, gleichzeitig aber versuchte man, auch in ihr die Zellentaktik zu entfalten. Da jedoch der Delegierte Georg Williams auf dem Kongreß in Moskau nicht nach seiner Pfeife tanzte, begann das Exekutivkommitee der RGI einen Verleumdungsfeldzug gegen den Delegierten und die gesamte Organisation.

 

In dem Berichte über den Kongreß der deutschen Syndikalisten zu Düsseldorf im Oktober 1921, der in der "Roten Gewerkschafts- Internationale" vom 15. November 1921 erschien, spricht man von einem "Amerikaner, der sich zufällig auf einer Durchreise in Deutschland befand und die brüderlichen Grüße der IWW überbrachte, sowie die Schaffung einer syndikalistischen Internationale vorschlug!" Dieser "Amerikaner auf der Durchreise" war aber kein anderer, als unser Kamerad Williams, der als Beauftragter der IWW sprach... In der Zeitschrift "Der Klassenkampf" (La Lutte de Classes), ein Organ, das in Paris von einem kommunistischen Quartett herausgegeben wird, erschien ein Artikel eines dieser Verleumder des Syndikalismus im allgemeinen und des russischen Syndikalismus im besonderen ohne einen Kommentar. Nach diesem Artikel ist die IWW nicht mehr eine syndikalistische Organisation, sondern "eine Sekte von antipolitischen Propagandisten, die alles verwirft, was gegen ihre Religion verstößt". (Der Verfasser sagt dies kalten Blutes, obzwar er als Bewunderer des bolschewistischen Systems weiß, daß die Bolschewisten alles verworfen haben, was gegen ihre Religion verstieß) Der Verfasser Wm.Z. Foster kommt dann zu folgenden Ergebnissen: "Die Anhänger der Roten Gewerkschafts- Internationale finden in den alten Gewerkschaften (er spricht sicherlich von der Gomperschen American Federation of Labor) nicht nur Duldung in größtem Ausmaße, sondern auch eine gewisse Gastfreundschaft."

 

Man ist also fast bei Umarmungen angelangt: die Rote Gewerkschafts- Internationale mit der "American Federation of Labor". Tschitscherin und der König von Italien ist nicht weniger komisch, als Losowsky, der Generalsekretär der RGI, und Gompers, der Präsident der AFL. Der Verfasser beschließt seine Arbeit mit einem Lobgesang auf Gompers: "Die Hoffnung der revolutionären Arbeiterschaft liegt zukünftig in den Massenorganisationen, den alten Gewerkschaften, der organisierten Arbeiterbewegung Amerikas." Der "Klassenkampf" besitzt noch die Stirn, dieses Geschreibsel mit dem Titel zu versehen: "Wo die IWW Gompers überschreiten und sich mit Amsterdam wieder vereinen."

 

H. Brandler, einer der Hohenpriester der Roten Gewerkschafts- Internationale, ist noch weitgehender. Er spricht bereits in einem Artikel der "Internationale", Heft Nr. 20), von Syndikalisten, die bewußt oder unbewußt (für seine Zweifel sind wir ihm sehr verbunden) Werkzeuge der Gegenrevolution der Welt sind. Er schlägt ihnen vor, selbst eine Internationale zu bilden. "Sollen die Syndikalisten uns zeigen," sagt er, "daß sie mit ihren Kampfesmethoden, die sie für revolutionär halten ... wenigstens imstande sind, die Offensive des Kapitalismus niederzuschlagen. Dann werden wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen, und wir können uns auch unterstützen, falls es sich als notwendig erweist, auch wenn wir in verschiedenen Organisationen sind."...

 

Brandler fürchtet ich jedoch vor seinem eigenen Vorschlag und warnt schon davor, indem er dies als unrealisierbar hinstellt. Infolgedessen wird die Gründung einer solchen syndikalistischen Organisation für Brandler eine gegenrevolutionäre Handlung, ohne daß er erst den Beweis für ihre Unfähigkeit abwartet. Die Schlußfolgerungen sind also für ihn sehr einfach und charakteristisch: "Die Stellung, die gegen die Syndikalisten der verschiedenen Länder einzunehmen ist, muß auf dem 4. Kongreß der Kommunistischen Internationale geprüft werden. Die Rote Gewerkschafts- Internationale muß sich auch auf ihrem 2. Kongreß mit dieser Frage beschäftigen. Die kommunistischen Parteien Frankreichs, Italiens, Spaniens müssen nun den Kampf, der von den Anarchisten und Syndikalisten gegen den Kommunismus geführt wird, aufnehmen. Das wird die beste Vorbereitung und Klarstellung dieser Frage für die beiden Kongresse sein."

 

Eine nachträgliche Kriegserklärung! Wir werden uns danach zu richten wissen.

 

Ist es noch notwendig, von dem Kampfe der Kommunisten gegen die russischen Syndikalisten zu reden? Wenn man hofft, in Mexiko die Anarcho- Syndikalisten los zu werden, dann ist die Sache in Rußland viel einfacher. Man kennt schon in der ganzen Welt die Leidensgeschichte der Einkerkerungen, der Todesvollstreckungen und Ausweisungen der Anarchisten und Syndikalisten Rußlands. Die RGI läßt davon kein Sterbenswörtlein hören, es scheint, als ob dies sie nichts angeht. Es ist wahr, daß sie herzzerreißende Aufrufe erläßt an das Proletariat gegen die Missetaten dieser oder jener Regierung, die die Revolutionäre, Kommunisten, Syndikalisten einkerkert, gegen die Regierungen, die politische Flüchtlinge ausliefern; den Balken im eigenen Auge will sie aber nicht bemerken. Noch niemals hat die RGI protestiert gegen die furchtbarsten Verfolgungen, deren Opfer die Anarchisten, Syndikalisten und andere Revolutionäre in Rußland sind.

 

Wir wollen es jedoch zugeben, die Rote Gewerkschafts- Internationale hat an diesen Dingen Interesse. In Rußland erschien aus der Feder eines gewissen Jakovleff ein Büchlein über die russischen Anarchisten. Dies Buch ist derart voll von Lügen und Entstellungen, daß man nach seiner ehrlichen Durchsicht nur einen einzigen wahren Ausdruck finden kann: "Unwissender Jakovleff, du hast gelogen." Indessen, die RGI findet auch Gelegenheit, sich für das Schicksal der Anarchisten und Syndikalisten zu interessieren, und läßt sie in seiner Zeitschrift Revue passieren. Diese Frage reizt den Redakteur der "Roten Gewerkschafts- Internationale" derart, daß er zwei Übersetzungen dieser Schrift ins Deutsche anordnete, die eine in der Nr. 10 des 15. Dezember und eine andere in Nr. 11 des 31. Dezember 1921. In diesen Ausgaben werden nur einige Abschnitte des Buches veröffentlicht. Der Verfasser will darstellen, daß es zwischen den Anarcho- Syndikalisten und den Machnowisten keinen Unterschied gibt, weil der Redakteur der Anarcho- Syndikalisten der Petrograder Zeitung "Golos Truda" dieselbe Person war, die 1919 Präsident des revolutionären Kriegsrates Machnos gewesen ist, nämlich Wollin. (es fehlt ein Textteil) nur einer dieser drei gewesen ist, die beiden anderen noch bis auf den heutigen Tag Mitglieder der Organisation "Golos Truda" sind. Wie uns bekannt ist, war auch Wollin nie Präsident des revolutionären Kriegsrates Machnos.

 

Kann man etwa sagen, daß die kommunistische Partei eine Bande von Expropriateuren ist, weil sie in ihren Reihen Kibaltschisch - Victor Serge - Le Retif als einen ihrer internationalen Agenten hat, ein früheres Mitglied der famosen Gruppe "L' Anarchie" ?

 

Die Rote Gewerkschafts- Internationale hätte ein wenig mehr Zartgefühl und Ehrlichkeit nötig. Wenn sie nicht den Mut aufbringt, gegen die Verfolgungen der Anarchisten und Syndikalisten in Rußland durch die kommunistische Partei Rußlands zu protestieren, dann soll die RGI sich wenigstens in einen Winkel zurückziehen und nicht Lügen verbreiten.

 

Der Kampf, den die kommunistische Partei Rußlands und die Zentrale der russischen Gewerkschaften gegen den Syndikalismus und die Syndikalisten führen, ist bereits auf das internationale Gebiet übergegangen. Die Toleranzerklärungen und Freundschaftsbekundigungen sind Schlingen, in die die RGI, d.h. Moskau, die Naiven zu locken versucht.

 

Aus: „Der Syndikalist", 4. Jg. (1922), Nr. 31, ohne Verfassernamen
 

 



 Kommunisten - Fascisten (1923)

 

"Die nationale Frage ist zur Frage der Revolution geworden." (Paul Frölich in der ,Roten Fahne', den 3. August 1923)

 

Die Kommunistische Partei Deutschlands hat sich in letzter Zeit in gerader Richtung zum Fascismus hin bewegt. Schrittmacherin bei diesem Marsche in das Lager des Nationalismus ist auch diesmal wieder die Kommunistische Internationale. Der zweifelhafte Ruhm, das Signal zum Aufmarsch gegeben zu haben, kommt dem Diplomaten der russischen Bolschewikiregierung, Radek, zu. Die Bestrebungen in der Kommunistischen Partei, sich mit den nationalistischen Elementen Deutschlands zu verbinden, um mit ihnen gemeinsam den äußeren Feind aus dem Lande zu treiben und den Vertrag von Versailles zu zerbrechen, sind nicht neu. Bei Beginn der deutschen Revolution waren Laufenberg und Welfheim in Hamburg die Verteidiger dieses Gedankens, die später aus der Kommunistischen Partei Deutschlands auf Geheiß der Kommunistischen Internationale und hauptsächlich auf einen Druck Radeks hin, ausgeschlossen wurden. Die Kommunistische Internationale fand sich damals durch die revolutionäre Situation in Mitteleuropa noch in die Notwendigkeit versetzt, offen wenigstens Stellung gegen rein nationalistische Bestrebungen zu nehmen, denn sonst hätte sie einen Abfall ihrer Anhängerschaft fürchten müssen. Die nationale Staatsidee war aber schon damals ein wesentlicher Bestandteil der Kommunistischen Internationalen und so konnte man auch damit rechnen, dass ihre Politik früher oder später in die Kanäle des Nationalismus führen würde. Das ist jetzt eingetroffen. Wir wundern uns darüber keineswegs, und doch empfinden wir einen Ekel darüber, dass gerade Radek jetzt der eifrigste Verteidiger des Bolschewiki-Fascismus ist, Radek, der am stärksten auf die Entfernung seiner Vorgänger Laufenberg und Wolfheim drängte.

 

Die Kommunistische Partei Deutschlands hat einen Fascistenfimmel bekommen. Dieser Fimmel begann mit einer Rede, die Radek über den völkischen Banditen Schlageter gehalten hat, in welcher er diesen den ,tapferen Soldaten der Konterrevolution' nannte und ihn lobte. Es folgte die Veröffentlichung einer kommunistischen Schlageterschrift, in der unter anderem der kommunistische Abgeordnete Frölich einen Aufsatz schrieb. Es kam zur Stellungnahme der Völkischen selbst zu dieser Sache, und schließlich kam man zu einer Fühlungnahme zwischen Deutsch-Völkischen oder Fascisten und Kommunisten. Nach einem Artikel von Radek über den Fascismus und die deutsche Sozialdemokratie folgte ein weiterer Artikel von Radek in der ,Roten Fahne' Nr. 176 über die Aufgaben der Kommunistischen Partei Deutschlands, und in derselben Nummer veröffentlicht die ,Rote Fahne' einen Artikel von dem Erzreaktionär Graf E. Reventlow über ,ein Stück Wegs'. Hier wird schon offen davon gesprochen, dass Kommunisten und Deutsch-Völkische ein Stück Wegs zusammengehen können. Diese Idee wird von beiden Seiten gehätschelt, so dass es nicht allzu lange dauern wird, und die heilige Allianz zwischen dem Rechts- und Linksbolschewismus ist perfekt. Dabei ist zu beachten, dass die Annäherungen nicht von den Fascisten ausgehen, sondern ausschließlich von der Kommunistischen Partei. Graf Reventlow bemerkt daher auch in seinem Artikel in der ,Roten Fahne': ,Auf die Frage, ob meiner Ansicht nach der Kommunismus die nationalen Interessen Deutschlands gefährde, antwortete ich: dass dies in der Tat bisher der Fall ist. Auch war seine Stellungnahme - bis zu Radeks Schlageter-Rede durchweg ausgesprochen vehement antideutsch, antinational. Der Kommunismus kann sich nicht wundern, wenn seine neuerliche Haltung zunächst starker Skepsis begegnet.'

 

Es wird von dem Fascistenführer richtig bemerkt, dass von nun an eine andere Politik der Kommunisten einsetzt. In welcher Richtung diese Politik sich bewegt und wie die Zusammenarbeit gedacht ist, geht ebenfalls aus den Reventlowschen Ausführungen hervor. Er sagt: ,In dem Artikel des ,Reichswart ' hatte ich rückschauend bedauert, dass 1920 eine Kooperation deutscher und sowjetrussischer Truppen gegen Polen nicht erfolgt sei, und dass ich mich vergebens für eine solche eingesetzt hatte. Herr Frölich fragt: ,Glauben sie, dass diese Gelegenheit für immer vorbei ist ?' Nein, das glaube ich nicht unbedingt. Sie kann vielleicht in dieser oder jener Form wiederkommen. Ich sehe allerdings nicht, auf welche Weise Sowjetrussland für die Befreiung Deutschlands aus der französischen Gewalt in absehbarer Zeit wirksame Hilfe leisten könnte, auch wenn es wollte.'

 

Man spielt aber mit dem Gedanken, dass die Truppen der Roten Armee sich mit den deutsch-völkischen Elementen, mit den Ludendorff und Hindenburg, mit Hitler und Ehrhard verbinden, um in gegebener Stunde den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen. In diesem Sinne sprach auch Cachin, einer der Führer der Kommunistischen Partei Frankreichs in der französischen Kammer zu Beginn der Ruhrbesetzung: ,Die Rote Armee', sagte er, wird die Wacht am Rhein bilden.' Und um dieselbe Zeit machte Bucharin seine charakteristischen Ausführungen, dass Sowjetrußland in die Lage kommen könnte, mit einem kapitalistischen Staate militärische Bündnisse einzugehen, um gegen einen anderen kapitalistischen Staat Krieg zu führen.

 

Wenn alle diese Ausführungen zusammengenommen werden, so muß ein Blinder sehen, wohin der Kurs führt. Das bolschewistische Russland und das kapitalistische Deutschland sollen sich verbünden, um einen Krieg gegen Frankreich zu führen. Vom Standpunkt des Nationalismus und der Staatspolitik wäre dagegen nichts einzuwenden, wenn wir uns aber fragen, was haben die Arbeiter damit zu tun ?, dann werden wir nur die eindeutige Antwort geben können: gar nichts !

 

Die Völkischen und die Kommunistische Partei gehen hier ein ,Stück Weg', wie Radek und Frölich sagen, zusammen. Diese Politik ist aber im höchsten Grade reaktionär. Die Arbeiter werden zu Werkzeugen einer Staatspolitik benutzt, wie von der wilhelminischen oder der Zarenregierung. Die Soldaten der Roten Armee sind zum Militärdienst gezwungen, und die Arbeiter Deutschlands sollen ebenfalls, nach russischen Muster, wieder in das Joch der allgemeinen Wehrpflicht, mit anderen Worten in den Militarismus hineingezwungen werden. Nette Aussichten !

 

Durch die Politik der Kommunistischen Partei eröffnen sich für das deutsche Proletariat furchtbare Perspektiven. Der Krieg, den Millionen Proletarier mit ihrem Leben büßen mussten, der Ströme Blutes kostete, der halb Europa in Hungersnot und ins Verderben stürzte, der Krieg, den das gesamte Proletariat aus tiefstem Herzen verflucht, soll wieder aufleben. Und gerade die Kommunistische Partei, die geboren ist in einer Zeit, als das Proletariat durch sie nach Beendigung des Weltkrieges die Herbeiführung eines Gesellschaftszustandes erhoffte, in dem es keine Kriege mehr geben würde, gerade diese Partei musste es sein, die sich mit den früheren Kriegshetzern verbündet, um einen neuen Krieg herbeizuführen. Das ist das Niederdrückendste für das deutsche Proletariat !

 

Der Fascismus ist der ärgste Feind der proletarischen Arbeiterbewegung. Der Fascismus, der in Deutschland unter dem Namen der deutsch-völkischen Bewegung auftritt, soll von allen revolutionären Arbeiterorganisationen bekämpft werden. Die kommunistische Partei selbst gibt vor, den Fascismus zu bekämpfen, und sie wollte zu diesem Zwecke sogar eine Einheitsfront des revolutionären Proletariats bilden. Wie kann aber die Kommunistische Partei den Fascismus bekämpfen, wenn sie mit ihm ein ,Stück Weg' geht und gemeinsam mit ihm den ,äußeren Feind' schlagen will. In nicht ferner Zukunft werden wir eine Einheitsfront der Deutsch-Völkischen und der Kommunisten haben und das revolutionäre Proletariat wird gezwungen sein, gegen beide anzukämpfen. Die Reaktion heißt in Italien Fascismus, in Russland Bolschewismus und in Deutschland wird sie dargestellt durch die Deutsch-Völkischen und die Kommunisten zugleich. Zu bedauern sind dabei nur die Arbeiter, die guten Glaubens in der kommunistischen Partei sind, und durch sie die Befreiung vom Joche des Kapitalismus erhoffen.

 

Die Aufgabe der syndikalistischen Genossen ist es, die Klassengenossen der kommunistischen Partei aufzuklären über den wahren Charakter dieser Partei, ihnen vor Augen zu halten, dass die Partei die Geschäfte der Gegenrevolution besorgt und die Arbeiter zu einem noch größeren Elend führen wird, als die Sozialdemokratie es getan hat. Wenn man in Zukunft von Arbeiterverrätern spricht, dann darf man nicht vergessen, dass die kommunistische Partei den größten Verrat an dem revolutionären Proletariat verübt hat, und sie deshalb zu den gefährlichsten Verrätern gehören.

 

Die kommunistische Partei ist heute national eingestellt. Das geht am deutlichsten aus den Worten Frölichs hervor: ,Die nationale Frage ist zur Frage der Revolution geworden.' Dieser Satz bedeutet nichts anderes, als dass die Befreiung der Nation durch eine Revolution erfolgen soll. Die Revolution soll also als Mittel zum Nationalismus betrachtet werden. Dasselbe wollen auch die Völkischen. Auch sie verwerfen den Parlamentarismus und die gesetzlichen Mittel und wollen ihr Ziel durch den Kampf bewaffneter Scharen gegen die bestehenden Staatsautoritäten erreichen, wie es Mussolini in Italien tat. Hierin sind sich Kommunisten und Fascisten einig.

 

Beide verstehen unter Revolution nichts anderes, als den gewaltsamen Sturz der bestehenden Autoritäten, damit sie die Autorität ihrer eigenen Parteien an deren Stelle setzen, die aber noch autokratischer das Staatszepter führen werden. Diese Art ,Revolution' hat aber nicht das geringste gemein mit der Auffassung von der sozialen Revolution, wie sie von dem Proletariat seit den letzten 60 Jahren erstrebt wurde. Die soziale Revolution hat nichts zu tun mit der nationalen Frage. Die Kommunisten aber wollen nicht die soziale Revolution, sondern einfach die politische. Mit anderen Worten eine Revolution, die ihrer Partei die Macht sichern soll. Wenn durch eine Revolution die nationale Frage gelöst werden soll, dann ist diese Revolution nicht die Revolution des revolutionären Proletariats.

 

Die Wege scheiden sich: Auf der einen Seite stehen Völkische und Kommunisten, die durch die Revolution die nationale Frage lösen, das heißt den Vertrag zu Versailles zerreißen wollen, um Deutschland wieder zu einer starken Großmacht zu machen. Auf der anderen Seite stehen die revolutionären Syndikalisten und Anarchisten, die jede Regierung und Autorität beseitigen, das Privateigentum und die Lohnknechtschaft abschaffen wollen, um die soziale Gleichheit einzuführen. Die ersteren wollen, nachdem sie die heutigen Autoritäten gestürzt haben, den Krieg gegen Frankreich führen, die letzteren wollen jede Nationalgrenze aufheben. Sollte Frankreich dann durch seine Truppen ganz Deutschland besetzen, so wird das der Anfang zum Ende des französischen Militarismus sein, wie auch der deutsche Militarismus gerade durch seine unersättliche Gier nach Beherrschung der ganzen Welt seinen Sturz vorbereitete, und wie auch vor mehr als 100 Jahren Napoleon aus denselben Ursachen zu Fall kam. Die einen wollen die Wiederaufrichtung des Militarismus in neuer Form, die anderen kämpfen für die Beseitigung jedes Militarismus. Kurz, auf der einen Seite steht die Reaktion, die trügerischerweise unter dem Namen Revolution auftritt und die Arbeiterschaft betören will, auf der andern Seite steht die soziale Revolution. Mögen die Arbeiter wählen !"

 

 

Aus: "Der Syndikalist", Nr. 32/ 1923

 




 Augustin Souchy - Zentralismus und Sozialismus

 

Die revolutionären Wogen, die das Meer der Völker der Erde im Grunde durchwühlen, haben durch den Schiffbruch des Krieges Probleme an die Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens gebracht, die früher nur in der Ideenwelt des Sozialismus ein theoretisches Dasein führten. Die Völker Ost- und Mitteleuropas sind politisch gereift, die Träume Einzelner, die Theorien großer Denker sind zum Gegenstand der Betrachtung breiter Volksschichten geworden. Man ist sich bewußt geworden, dass man ein lebender Teil eines Volksganzen ist, dessen Aufgaben nicht in der Selbstbefriedigung eines abstrakten Staates liegen, sondern in der wirksamen Beteiligung jedes Einzelnen an den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens, die nur dann zu einem befriedigenden Austrag gebracht werden können, wenn das Gedeihen jedes Einzelnen in aller Terminologie gesprochen, aller Klassen, nicht im Widerspruch mit den größeren Organisationen, mit den völkischen Einheiten sich befindet.

 

Hier sind wir aber schon an der Wurzel des sozialen Übels. Alle Riesenorganisationen des sozialen Lebens, die es sich zur Aufgabe machen, Menschen mit ökonomischen Interessengegensätzen in einer Einheit zusammenzufassen, müssen notwendig großen Teilen einen Zwang auferlegen, der immer Anlaß zu Auflehnungen zur Folge haben wird und den sozialen Frieden, das gedeihliche Entfalten der kleinen Einheitsgruppen in Land und Stadt aufs empfindlichste stören muß.

 

An diesem Zwange ist das Riesenreich der Römer, sind in unserer Zeit die Riesenstaaten Rußland, Deutschland und Österreich zugrunde gegangen und alle Staatsgebilde oder sonstigen Organisationen, die auf diesem Prinzip gebaut sind, sind unweigerlich dem Tode verfallen. In solchen Organisationen ist das Prinzip der Auflösung im Keime enthalten. Das beste Schulbeispiel hierfür bieten die deutschen Gewerkschaften, deren Auflösungsprozeß mehr und mehr um sich greift. Diese geschichtliche Wahrheit ist unumstößlich. Die hieraus zu ziehenden Schlußfolgerungen sind, daß nur solche Organisationen sich vor dem Zersetzungs- und Auflösungsprozeß bewahren können, die diesen geschichtlichen Tatsachen Rechnung tragen.

 

Von nicht geringem Interesse ist es daher, daß Parteirichtungen, die gegen die alten Mächte ankämpfen, ja einen Vernichtungskampf auf Leben und Tod mit ihnen aufgenommen haben, über diese Tatsachen entweder bewußt oder unbewußt sich vollständig hinwegsetzen, indem sie auf die alte Weise einen neuen zentralistischen Zwangsstaat an die Stelle des zerfallenden alten setzen wollen. Leute dieser Art sind die Kommunisten, die jetzt allerorten zur Bildung der kommunistischen Partei schreiten.

 

Anläßlich des Umstandes, daß diese Revolutionäre von heute sich es noch herausnehmen, teils aus Unwissenheit, teils aus Ultramodernismus, die Prinzipien des Anarchismus und Syndikalismus in plumper Weise bei den noch unwissenden Massen in Mißkredit zu bringen, ist es hier am Platze, ihre eigenen theoretische Salbe, die einer Zeit der brühwarmen Köpfe und eiskalten Herzen ihre Wiedergeburt der schwarzen Küche verdankt, in der adeptische Hegelianer sich dialektischer Kochkünste befleißigten, einer Analyse zu unterziehen. Die kommunistischen Wirrköpfe, die nach den berüchtigten Rezepten Dolch, Revolver, Dynamit arbeiten, dünken sich wunder wie radikal, wenn sie dazu noch die direkte Aktion auf wirtschaftlichem Gebiet in ihren verschiedenen Äußerungen, wie Streiks, Generalstreik, Sabotage, passive Resistenz rechnen.

 

Hier muß zunächst einmal darauf hingewiesen werden, daß gerade diese letzten Kampfmittel seit Jahrzehnten von den Anarchisten und Syndikalisten propagiert worden sind, aber da sie nicht von der autorisierten Zentralparteileitung als Parole herausgegeben wurden, sondern von den abseits stehenden Gruppen oder vereinzelt stehenden Personen, hat man diese Mittel als Generalunsinn verschrieen. Ist schon die Nichtbeachtung dieses Umstandes seitens der Kommunisten eine Unverfrorenheit, so ist vollends die Bekämpfung dieser Bahnbrecher der proletarischen Kampfmittel eine Unverschämtheit, die abgebrühten Politikern und politischen Plagiatoren alle Ehre mache würde. Rechnet man dazu noch die sich immer breiter machende Behauptung der Kommunisten, alleinige Retter des Proletariats zu sein, so ist der vollendete Typus eines Demagogen fertig.

 

Die verschiedensten Schriften russischer und deutscher Herkunft über Bolschewismus und Kommunismus gipfeln in einer Verherrlichung der Diktatur des Proletariats. Was ist die Diktatur des Proletariats? Die für die Kommunisten günstigste Definition über die Diktatur des Proletariats gibt ein Nichtkommunist, Professor Eltzbacher, in seiner Broschüre über den Bolschewismus. Nach seiner Definition ist die Diktatur des Proletariats nichts anderes als Diktatur aller arbeitenden Kräfte des Volkes.

 

In Anbetracht des Umstandes, daß bisher die Nichtarbeitenden über die Arbeitenden geherrscht und sie ausgesogen haben, ist die Diktatur des Proletariats gegen die bisherige Diktatur der Bourgeoisie gehalten, freilich ein Fortschritt. Andererseits meinen doch aber die Kommunisten, daß alle Nichtarbeitenden zur produktiven Arbeit gezwungen werden sollen. Es gibt dann also keine Nichtarbeitenden mehr. In der Tat müßte sich eine solche Diktatur des Proletariats bald als die Herrschaft eines Klüngels über genasführte, verführte und naive Proletarier entpuppen. Der Anschauungsunterricht, den Rußland und Ungarn uns unfreiwillig geben, dürfte die Wahrheit der anarchistischen Behauptung bald bestätigen, daß jede Diktatur, auch die des Proletariats, keine Aufhebung der Herrschaft, sondern nur eine Ablösung derselben durch eine andere Form und Clique ist. Denn wenn die Arbeitenden herrschen, dann hat die Herrschaft doch nur einen Sinn, wenn über andere geherrscht wird; wenn aber diese andern wieder die Arbeitenden sind, dann wird doch wieder das Proletariat beherrscht. Eine Herrschaft über sich selbst ist und kann aber niemals eine politische Organisationsform sein.

 

Die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats für den Sozialismus von der die kommunistischen Publikationen so voll sind, ist nicht nur nicht einzusehen, sondern direkt schädlich und hinderlich für eine wirkliche Befreiung. Es ließe sich sehr wohl ein Weg denken, auf welchem man ohne die Diktatur des Proletariats zum Sozialismus kommen kann. Dieser Weg läßt allerdings keinen Raum für politische Streber, für Demagogen, Geschäftemacher und Volksbeglücker zweifelhafter Art; läßt keinen Raum für solche, die „in Revolution machen“ und denen es nach Macht gelüstet.

 

Auf den Einwand der Kommunisten, daß zur Bekämpfung der politischen Macht des Staates das Proletariat sich ebenfalls zentralisieren muß, um den zentralisierten Kapitalismus mit Erfolg bekämpfen zu können, ist zu antworten, daß durch Paralisierung des Zentralismus der Staat ebenso wirkungsvoll bekämpft werden kann, ohne daß man dabei Gefahr läuft, durch Errichtung einer neuen Zentralgewalt den Zwang und die damit verbundene Knechtschaft zu konsolidieren.

 

 

Der Zentralismus als Organisationsform der Herrschaft

 

Die Formen, welche die Menschen zu ihrer Vereinigung wählten, müssen dem Zwecke entsprechen, den sie mit dieser Organisation im Auge haben. Der Despot, dessen Absicht ist, das Volk zu beherrschen, betrachtet sich als Zentrum, um welches sich alles drehen muß, gleichsam wie man in der vorkopernikanischen Zeit glaubte, daß alle Sterne sich um die Erde drehen. In Deutschland und England, sowie allen anderen Ländern saßen die Bauern in ihren Maisgenossenschaften und Clänen als Freie. Da gab es keine Zentralisation. Und doch gab es eine Gesellschaft, die Menschen lebten in Gemeinsamkeit.

 

Und als in England zur Zeit der Königin Elisabeth und in Deutschland etwas früher die städtische Großbürgerschaft in Gemeinsamkeit mit dem Feudaladel die Bauern von ihrem Lande gewaltsam vertrieben und sie ihres Bodens beraubten, und als dann später einzelne Heerführer mehrere Städte mit den umliegenden Ortschaften unterjochten, bildete sich am Hofe dieser Fürsten der Zentralismus aus, auf dem sich dann die großen Zentralgebilde unserer heutigen zentralistischen Staaten aufbauten.

 

Das Organisationsprinzip des Zentralismus machte sich nur für die einzelnen Herrscher notwendig, die vom einem Orte aus größere Länder zu gleicher Zeit beherrschen wollten, um Zinsen aus denselben zu pressen. Dazu waren sie gezwungen, Minister an ihre Höfe zu berufen und Statthalter in die einzelnen Provinzen zu senden. Nun muß man aber stets daran festhalten, daß dies nicht zum Leben der unterjochten Völker notwendig war, sondern daß diese zentrale Regierung lediglich von dem Herrscher, der die Macht erobert, zum Zwecke der Erhebung von Abgaben und später zur Beeinflussung der Volksmeinung zugunsten des Fürsten geschaffen war. Durch diese Beeinflussung war es dann möglich, daß man die Botmäßigkeit des Volkes erreichte, ohne brutale, rohe Gewalt anzuwenden. Zur Entwicklung der Kultur waren diese großen Zentralstaaten nicht nur nicht notwendig, sondern nachweislich schädlich. Denn überall, wo die ihre Hand ausstreckten, da töteten sie das Leben, welches das Volk selbständig hervorgebracht hatte. Sie zerstörten es, weil sie fürchteten, daß das Volk zu selbständig werden könnte und zur Einsicht gelange, daß es sein Leben ohne den Staat viel besser führen kann als mit ihm.

 

Durch diese systematische Beeinflussung des Volkes und durch die Jahrhunderte lange Unterdrückung seitens des Zentralstaates, hat man die Völker Europas so sehr an den Zentralismus gewöhnt, daß die selbst glauben, ohne ihn kein gedeihliches und kulturelles Leben führen zu können. Ja, sogar Männer der Wissenschaft und Sozialisten, also Leute, die eine freiere und gerechtere Gesellschaft anstreben, sind dieser Beeinflussung zum Opfer gefallen. Und zu diesen gehört auch Karl Marx und die ganze Bewegung, die seinen Lehren folgte.

 

Es ist aber nicht anzunehmen, daß ein Mann wie Marx, der doch sonst so viel Gelehrsamkeit an den Tag legte, einer so durchsichtigen und fadenscheinigen Verfälschung zum Opfer fiel. Man findet aber auch bei Karl Marx und Friedrich Engels Stellen, wo sie den Staat als Klassenherrschaft bezeichnen und der Meinung sind, daß eine klassenlose Gesellschaft ohne Staat leben wird.

 

Wenn man aber den Staat verwirft, dann muß man auch den Zentralismus verwerfen. Denn ohne Zentralismus kann kein Staat leben. Ohne Zentralismus muß der Staat zerfallen. Wenn der Staat eine bestimmte Rechtsordnung in einem begrenzten Gebiete ist, dann kann diese Rechtsordnung nur dann ausgeübt werden, wenn sie durch eine zentrale Körperschaft, die über eine genügende Waffenmacht verfügt, aufrecht erhalten wird. Verliert aber diese zentrale Körperschaft ihre Macht, dann zerfällt sie selbst und dadurch also auch der Staat.

 

Dies schon gibt uns Gelegenheit, darauf hinzuweisen, auf welche andere Weise dem Sozialismus die Wege geebnet werden können, als durch die Diktatur. Denn eine Diktatur, mag sie nun die des Proletariats oder die der Kapitalisten oder einer anderen Klasse sein, kann sich eben nur durch eine zentrale Körperschaft, die über genügend starke bewaffnete Macht verfügt, erhalten. Wendet aber das Volk alle seine Kräfte darauf an, diese bewaffnete Macht zu zerstören, dann kommt das Proletariat seinem Ideale ohne Umwege nahe, die Herrschaft, die es zur Knechtschaft verdammt, zu beseitigen und die Macht der herrschenden Klassen zu brechen. Es ist nicht nur schädlich, den Teufel durch den Beelzebub auszutreiben, d.h. die Diktatur des Bürgertums durch die Diktatur des Proletariats zu ersetzen, sondern es ist auch logisch unrichtig und führt deshalb in der Praxis nicht zu dem Ziele, das man anstrebt: die Menschen zu befreien. Wenn man dies wirklich will, dann darf man jedenfalls nicht den merkwürdigen Standpunkt einnehmen, die Freiheit durch Errichtung einer neuen Herrschaft herbeizuführen.

 

Die Lehre von Karl Marx, durch die Diktatur des Proletariats in eine freie Gesellschaft zu gelangen, ist also logisch sehr durchsichtig; ob sie aber in der Praxis zum Ziele führt, ist keinesfalls so evident, wie unsere heutigen Bolschewiki in Rußland und die Kommunisten in Deutschland es darstellen. Es liegt mir ferne, über die russische Sowjet- Republik den Stab zu brechen, insbesondere zu einer Zeit, wo die Reaktion der Kapitalisten aller Länder ihr so stark zusetzt, daß ihr Bestand sehr gefährdet ist, dies kann mich aber doch nicht abhalten, der Meinung Ausdruck zu geben, daß durch die Aufhebung der Diktatur, durch Entziehung und Vernichtung der militärischen Gewalt, durch die Entwaffnung der Bürgerklasse mittels Streik, Sabotage usw. und nicht durch die Einsetzung einer neuen Diktatur der Freiheit viel größere Dienste geleistet werden, als durch die Diktatur, welche doch eigentlich nur bedeutet, der Gewalt Bärendienste zu leisten.

 

Immerhin soll zugegeben werden, daß die Diktatur des Proletariats der des Bürgertums oder einer anderen vorgezogen werden mag, schon allein deshalb, weil der Grund und Boden sowie die Produktionsmittel der Nutznießung einzelner entzogen werden, wenn nicht, wie teils in Ungarn, die Gewählten des Proletariats selbst der Korruption anheimfallen und die erlangte Macht dazu benutzen, sich persönlich zu bereichern.

 

Der Despotismus, sowie der kapitalistische Staat sind zentralistisch organisiert. Die zentralistische Organisationsform ist also charakteristisch für die Herrschaft. Daß in einer zentralistischen Organisation kein Platz für die Freiheit ist, leuchtet sofort ein, wenn man sich klar macht, daß nur durch Disziplin eine solche Zwangsverbindung aufrechterhalten werden kann. Größere Massen Menschen sind niemals ein und derselben Meinung. Will man aber diese Menschen ihrem Willen entgegen zusammenhalten, dann kann dies nie auf freiwilliger Grundlage, sondern nur durch den Zwang geschehen. Die Menschen müssen in die Organisation hineingezwungen werden, meist gegen ihren Willen und gegen ihr Interesse. Das Band, das dann eine solche Organisation zusammenhält, ist die Disziplin. Disziplin bedeutet Zwangsunterordnung, und bedeutet nicht, wie man von sozialdemokratischer Seite weismachen will, freiwillige Unterordnung.

 

Zentralismus ist untrennbar mit Disziplin verbunden. Disziplin aber war die große Stütze des Militarismus, ohne welche er nicht nur schon viel früher eines jämmerlichen Todes draufgegangen wäre, sondern ohne welche er gar nicht hätte entstehen könne. Die Hauptstärke der römischen Legionen, der napoleonischen Heere, der Armeen Wilhelms, kurz jeder freiheitsfeindlichen Macht lag immer und wird immer liegen in der Disziplin. Als die Disziplin in den Schützengräben sich lockerte, da lockerte sich auch gleichzeitig die Macht des deutschen Militarismus und begann zu sinken.

 

Muß es da einen nicht höchlichst verwundern, wenn diese Bollwerke der Knechtschaft, der Zentralismus und die Disziplin jetzt wieder als Grundlage für die Organisation zur Freiheit dienen sollen? Man ist wirklich sehr geneigt anzunehmen, daß Menschen, die sich auf diesen Standpunkt stellen, keine ehrlichen Jünger der Freiheit, sondern höchst zweifelhafte Glücksritter der Revolution oder bedauernswerte Opfer sklavischer Erziehung sind, denen es noch nicht gelungen, sich aus dem Sumpfe herrischen Gedankenganges zu retten.

 

Aus: „Der freie Arbeiter“, 12. Jg. (1919), Nr. 13
 

 


 
Bakunin und Marxismus

 

Bakunins Gegnerschaft zum Staat wurde bereits erwähnt und dokumentiert. Der Staat bedeute die Verwaltung einer Mehrheit durch eine Minderheit, er sei das Gefängnis des Volkes und garantiere den einen Reichtum und Eigentum, während die Anderen mit Armut und Sklaverei konfrontiert seien. Bakunin sah also den Staat als repressiven Mechanismus, der den Kapitalismus und dessen Ungleichheiten aufrechterhält und deshalb zerstört werden müsse. Der Staat sei die Verneinung von Freiheit und Gleichheit, daher sei seine Vernichtung eine historische Notwendigkeit.

 

Er war Anarchist, dies hieß für ihn die Propagierung der freien Organisation der eigenen Interessen der Menschen von unten nach oben, ohne jede Einmischung, Bevormundung oder Nötigung und ohne Zwang und Herrschaft. Eine zukünftige anarchistische Gesellschaft stellte er sich als das "völlig freiheitliche und von unten nach oben organisierte, unabhängige Bündnis der unabhängigen Produktivassoziationen, Gemeinden und regionalen Föderationen" ([Bakunin1999], S. 220) vor.

 

Er sprach sich also für Föderationen von Einheiten aus. Diese Einheiten waren auf einer unteren Stufe für ihn im wesentlichen Gemeinden, die allerdings wiederum als Föderationen von Personen gesehen werden könnten. Der Staat sei "durch eine Organisation zu ersetzen, deren einzige Grundlage die Interessen, Bedürfnisse und die natürliche Anziehungskraft der Völker sind, deren Prinzip die freie Föderation der Einzelpersonen in Gemeinden, der Gemeinden in Provinzen, der Provinzen in Nationen, endlich der Nationen in den Vereinigten Staaten zuerst Europas, dann der ganzen Welt ist" ([Bakunin1995], S. 23). Dabei sei das Recht des freien Anschlusses und der freien Trennung wesentlich. An anderer Stelle (siehe [Bakunin1984], S. 6) meinte Bakunin, dass sich Produzentenvereinigungen aus freiem Willen in Kommunen föderieren sollten, aus denen wiederum freie Föderationen von Kommunen entstehen. Die wesentlichen organisatorischen Einheiten einer anarchistischen Gesellschaft sind für Bakunin also Produktivassoziationen und Kommunen. Bakunin sprach sich dafür aus, dass Grund und Boden das Eigentum derer sind, die sie bebauen.

 

Er lieferte auch eine nicht unbedeutende Religionskritik. Bakunin sprach sich gegen jede Form der Herrschaft aus, also auch gegen die Annahme einer göttlichen Herrschaft über die Menschen. Wenn Gott existiere, so sei der Mensch ein Sklave. Der Mensch, so Bakunin, kann und soll aber frei sein, daher existiere Gott nicht ([Bakunin1995], S. 59). Die Freiheit sei nur kollektiv möglich: "Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich" ([Bakunin1995], S. 132). Es sei an der Zeit, mit allen Päpsten und Priestern ein Ende zu machen, auch wenn sie sich selbst Sozialisten nennen würden. Damit kritisierte er die autoritären Sozialisten.

 

Bakunin argumentierte wie in der klassischen philosophischen Religionsphilosophie schon Ludwig Feuerbach, dass Gott eine Projektion des Menschen sei: "Der auf dieser Erde nur Dummheit, Ungerechtigkeit und Elend findende Mensch schafft durch seine Einbildungskraft eine erdichtete Welt, in welche er all seine Bestrebungen, Hoffnungen und sein Ideal überträgt" ([Bakunin1995], S. 27), "der Himmel der Religion ist also nichts als eine Lichtspiegelung, in der der Mensch, von Unwissenheit und Glauben überspannt, sein eigenes Bild wiedersieht, aber vergrößert und verkehrt, d.h. vergöttlicht" ([Bakunin1995], S. 58). Die Religion und Gottesphänomene seien nur durch eine soziale Revolution zu zerstören.

 

In "Gott und der Staat" wendet sich Bakunin gegen die philosophischen Idealisten, die davon ausgingen, dass der Mensch sowie sein Bewusstsein, seine Ideen und sein Handeln von Gott gewollt und von Gott gemacht seien. Bakunin war wie Marx Materialist, er sah die Ökonomie als Basis der Gesellschaft, die den Überbau (Religion, Kultur, Politik, Ideologie, ...) bestimmt. Er ging auch von einer geschichtlichen Entwicklung als zielgerichtetem, fortschreitendem Aufstieg der Menschheit aus.

 

Der Gottesglaube des Volkes ließe sich, so Bakunin, durch seine elende Lage im Kapitalismus erklären. Sie hofften auf die Befreiung im Jenseits durch Gott und nicht durch eine soziale Revolution. Wer an die Legitimität der Herrschaft Gottes glaube, der akzeptiere auch die Herrschaft der Kirche und des Staates. "Als Sklaven Gottes müssen die Menschen auch Sklaven der Kirche und des Staates sein, insoweit als der Staat von der Kirche geheiligt ist. [...] Es ist klar, daß, solange wir im Himmel einen Herrn haben, wir auf der Erde Sklaven sind. Solange wir glauben, ihm absoluten Gehorsam schuldig zu sein (und einem Gott gegenüber gibt es keinen anderen Gehorsam), müßten wir uns notwendig der Autorität seiner Mittler und Auserwählten ohne Widerstand und ohne die geringste Kritik unterwerfen, als da sind: Messien, Propheten, von Gott erleuchtete Gesetzgeber, Kaiser, Könige und alle ihre Beamten und Minister, geweihte Vertreter und Diener zweier großer Institutionen, die uns darstellen als von Gott selbst zur Leitung der Menschen eingesetzt: der Kirche und des Staates" ([Bakunin1995], S. 59, S. 133). Ein Staat ohne Religion sei undenkbar.

 

Bakunin sah es nicht so, dass es im Anarchismus keine religiösen Vereinigungen mehr gibt, er war allerdings für die Abschaffung des Staates und damit von Staatsreligionen. Eine seiner Grundideen war also "die Abschaffung jeder vom Staat geschützten und bezahlten Kirche. Absolute Gewissens- und Kultusfreiheit mit unbeschränktem Recht eines jeden, seinen Göttern Tempel zu errichten und seine Priester zu bezahlen. Absolute Freiheit der religiösen Assoziationen" ([Bakunin1984], S. 13).

 

Obwohl Bakunin für die Freiheit aller Menschen war, konnte er sich von reaktionären, bürgerlichen Denkmustern nicht vollständig befreien. So verfiel er beispielsweise dem Arbeitsfetisch. Er meinte, dass nur jene politische Rechte haben sollen, die arbeiten. JedeR müsse arbeiten, um zu leben, anderenfalls sei er/sie einE DiebIn.

 

Sowohl Marx als auch Bakunin bedienten sich reaktionärer, antisemitischer Klischees. Derartiges trübt jede emanzipatorische Theorie. Bakunin sprach z.B. von der Hochfinanz als "jüdische Herrschaft" ([Bakunin 1999], S. 116) und meinte über Karl Marx: "Marx ist seiner Herkunft nach Jude. Man kann sagen, daß er alle Vorzüge und alle Nachteile dieser begabten Rasse in sich vereint. Empfindlich und nervös bis zur Feigheit, wie einige behaupten, ist er außerordentlich ehrgeizig und eitel, streitsüchtig, unduldsam und absolut, wie Jehova, der Herrgott seiner Vorväter, und wie dieser rachsüchtig bis zum Wahnsinn. Es gibt keine Lüge, keine Verleumdung, die auszudenken und zu verbreiten er nicht fähig wäre, gegen den, der das Unglück hatte, seiner Eifersucht zu wecken, oder ganz gleich, seinen Haß" ([Bakunin1999], S. 288). Marxens unterstelle Charaktereigenschaften kämen also daher, so Bakunin, dass seine Eltern jüdisch waren!

 

Kennzeichnend für die Auseinandersetzung zwischen Anarchismus und Marxismus ist der Disput zwischen Bakunin und Marx um die Rolle des Staates in einer postkapitalistischen Gesellschaft: Marx unterscheidet zwischen zwei Entwicklungsstufen des Kommunismus: dem rohen Kommunismus, der sich durch die "Negation des Privateigentums" ([MEW], Ergänzungsband 1, S. 553) auszeichnet und dem "Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums" ([MEW], Ergänzungsband 1, S. 536).

 

In der ersten Form werde zwar das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital aufgehoben, Herrschaft und Entfremdung bestünden aber weiter. Diese Phase sei kommunistische Gesellschaft, "wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgeht" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 16). Dieser Gesellschaftsabschnitt sei "in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet [...] mit den Muttermalen der alten Gesellschaft" (ebd.). Das Leistungsprinzip und der Tausch von Warenäquivalenten seien weiterhin notwendig. Jeder Arbeiter erhalte Konsumtionsmittel in dem Wertausmaß, das er selbst produziere. Dies könne z.B. auf die Art vor sich gehen, dass ein Produzent einen Schein erhält, auf dem steht, wieviel Arbeitszeit er geliefert hat. Er könne sich dann aus dem gesellschaftlichen Vorrat Konsumtionsmitteln im Wert dieser Gutschrift herausnehmen. Proudhons Tauschbank funktionierte nach dem selben Prinzip. Allerdings dachte dieser, dass damit die Akkumulation ein Ende nehmen würde und wurde daher von Marx als "Kleinbürger" geschmäht.

 

Marx meinte, daß in so einer Phase des Kommunismus noch das bürgerliche Recht gelte. Dies bedeute Ungleichheit: "Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten [...] Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre etc." ([MarxEngels1974], Band 2, S. 16f). Freiheit sei also in so einer Gesellschaftsphase quasi noch nicht verwirklicht, Lohnarbeit, Herrschaft, Staat, Entfremdung und das Wertgesetz bestehen weiter, lediglich die Klassenverhältnisse sind aufgehoben.

 

Der Staat müsse aufrechterhalten werden, um zu regieren und die Produktionsmittel in seiner Hand zu zentralisieren. Weiters müsse er die Produktion kontrollieren und planen, da die Arbeiter in dieser Phase der Gesellschaft noch keine Form des Bewusstseins hätten, die über die bürgerliche Gesellschaft wesentlich hinausgeht und das sie die kollektiven Interessen verwirklichen ließe. Der Staat müsse die gesellschaftliche Produktion nach den Bedürfnissen der Arbeitenden planen und berechnen.

 

Das Wertgesetz bleibt in dieser Phase bestehen, der Staat wacht darüber, ob die Arbeiter ihre Arbeitskraft verwerten. Überwachung und Leitung in autoritärer Form seien also weiter notwendig. Der Staat sei in dieser "politischen Übergangsperiode" nicht anderes als "die revolutionäre Diktatur des Proletariats" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 24). Diese Periode ist also eine Herrschaft des Proletariats, im Gegensatz zum Kapitalismus herrsche anstelle einer Minderheit die Mehrheit.

 

In der zweiten Form des Kommunismus sei die Arbeit als Tätigkeit für den Menschen nicht mehr Entfremdung, sondern Selbstverwirklichung für die Gemeinschaft. An "die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen", so heißt es im Kommunistischen Manifest, trete nun "eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" ([MarxEngels1974], Band 1, S. 45). In dieser höheren Phase des Kommunismus verschwinde die Teilung der Arbeit, der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit, die Arbeit sei dann nicht mehr Mittel zum Leben, sondern das erstes Lebensbedürfnis, und die Produktivkräfte hätten sich so weiterentwickelt, dass "die Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen". Der bürgerliche Rechtshorizont sei erst dann überschritten und die Gesellschaft funktioniere nach dem Prinzip "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" (Kritik des Gothaer Programms, [MarxEngels1974], Band 2, S. 17).

 

In der ersten Phase des Kommunismus sei Arbeit eine Notwendigkeit, eine Zweckmäßigkeit, um zu überleben, aber keine Selbstverwirklichung. Marx spricht daher vom "Reich der Notwendigkeit". Das "Reich der Freiheit" zeige sich erst in der zweiten Phase, wenn durch die Produktivkraftentwicklung der Arbeitstag wesentlich verkürzt wird und Arbeit eine sinnstiftende Tätigkeit darstellen kann: "Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeiten bestimmt ist, aufhört; [...] Jenseits des [Reichs der Notwendigkeit] beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als einer Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung" (Das Kapital, Band 3, [MEW], Band 25, S. 828).

 

In dieser höheren Gesellschaftsform sei das "Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums" (Kapital Band 1, [MEW], Band 23, S. 618). Durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte könne die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf ein Minimum reduziert werden, es sei kein Staat zur Planung der Produktion mehr notwendig. Er würde von selbst absterben.

 

Wie dies vor sich gehen sollte, machte Lenin in "Staat und Revolution" deutlich: Durch die Aufhebung der Arbeitsteilung und der Trennung körperlicher und geistiger Arbeit werde Arbeit zur ersten Lebensbedingung. Dies sei die erste Voraussetzung zum Absterben des Staates. Die zweite sei dadurch gegeben, dass die Menschen innerhalb der ersten Phase des Kommunismus lernen würden, den Staat selbst zu regieren, um jene, die noch in bürgerlichen Denkmustern verharren, zu kontrollieren. Dadurch würde die Notwendigkeit des Regierens verschwinden. Beide Voraussetzungen würden sich in der ersten Phase herausbilden und der Staat würde von alleine absterben.

 

Michael Bakunin verneinte die Notwendigkeit einer Übergangsphase, ja er meinte sogar, dass eine solche den Sozialismus verunmögliche, da die staatliche Herrschaft nicht von selbst verschwinde, sondern dazu da sei, um die Ausbeutung und Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Solange es einen Staat gäbe, sei der Sozialismus unmöglich, daher müsse der Staat zerstört und nicht aufrechterhalten werden.

 

Der kapitalistische Staat und die Diktatur bedeuten, so Bakunin, "beide das Gleiche: die Verwaltung einer Mehrheit durch eine Minderheit" ([Bakunin1999], S. 283). Beide seien reaktionär. Solange es einen Staat gäbe, würden auch Herrschaft und Sklaverei existieren (S. 337). Es könne niemals das gesamte Proletariat zur herrschenden Klasse erhoben werden, da dies zig Millionen Menschen umfasse (Marx und Engels meinten im Kommunistischen Manifest: "Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren" [MarxEngels1974], Band 1, S. 44). Daher würde sich notwendigerweise der Despotismus einer kleinen Anzahl von Repräsentanten, einer "Aristokratie wirklicher und angeblicher Gelehrter", entwickeln (S. 337f).

 

Lob gab es seitens Bakunins für Marxens Materialismus. Denn es trifft für ihn tatsächlich zu, dass "das ökonomische Faktum immer dem juristischen und politischen Recht vorausgegangen ist" (S. 290). Bakunin warf Marx vor, dass dieser die Internationale Arbeiterassoziation seiner Diktatur und Disziplin unterwerfen wolle. Außerdem sei Marx für die Gründung eines Volksstaates, in dem das Proletariat herrscht. Das hieße aber auch, dass es Beherrschte geben würde, wie z.B. die Bauern, die von den Marxisten nicht als revolutionär angesehen würden und daher in so einem Volksstaat vom Proletariat unterdrückt werden würden (siehe S. 337).

 

Bakunin meint, dass er Marx mit seiner Polemik zum Zugeständnis gebracht habe, dass die Anarchie oder Freiheit das letzte Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sei. Als Mittel dahin propagierten die Marxisten die staatliche Diktatur. Bakunin bezweifelt, dass der Staat von selbst absterben wird, da die Freiheit nur durch Freiheit zu schaffen sei und nicht durch die Knechtung und Versklavung der Massen durch einen Staat (S. 339). Denn der Staat bedeutet für Bakunin das Gegenteil von Freiheit, nämlich Versklavung, Herrschaft und Unterdrückung. Die soziale Revolution, die die Anarchisten wollen, führe direkt zum Bruch mit Staat und Herrschaft.

 

Die folgenden Worte Bakunins klingen wie eine Beschreibung des Realsozialismus. Er schrieb sie jedoch schon 1873: Die "Anführer der kommunistischen Partei [...] werden die Zügel der Regierung in einer starken Hand konzentrieren, weil das unwissende Volk einer sehr starken Betreuung bedarf; sie werden eine einzige Staatsbank gründen, die die ganze kommerziell-industrielle, landwirtschaftliche und sogar wissenschaftliche Produktion auf sich konzentrieren [...] unter dem unmittelbaren Kommando von staatlichen Ingenieuren, welche eine neue privilegierte, wissenschaftlich-politische Klasse bilden werden" (S. 342).

 

Zusammenfassend: "Ich bin kein Kommunist, weil der Kommunismus zugunsten des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzentriert und absorbiert, weil er unvermeidlicherweise das Eigentum in den Händen des Staates konzentriert. Ich hingegen wünsche die Aufhebung des Staates, die vollständige Ausrottung des Staates [...] Ich wünsche die Organisation der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Eigentums von unten herauf auf dem Wege der freien Assoziation und nicht von oben herab durch irgendwelche Autorität, also wünsche ich die Abschaffung des Staates" (zitiert nach [Bakunin1999], S. 408).

 

Die Frage des Staates ist heute noch zwischen Anarchisten und Kommunisten umstritten. Damals führte sie zur Spaltung der 1. Internationale (Internationale Arbeiterassoziation). Bakunin und seine Anhänger wurden Anfang September 1872 ausgeschlossen.


 


 

Max Nettlau - Autoritärer und freiheitlicher Sozialismus

 

1830, das Jahr der Juli-Revolution,war das erste Jahr der sich befreienden Menschheit. Was das spätere achtzehnte Jahrhundert geistig angestrebt und der erste einmütige Impuls der französischen Revolution von 1789 zu verwirklichen versucht hatte, der Sturz der alten Welt des Zwanges und unentwirrbarer Bindungen, hatten vierzig Jahre der Diktaturen - in logischer Folge die revolutionäre, die militärische und die feudal-klerikale absolutistisch-fascistische der Restaurationsperiode - gestört und aufgehalten und nun schmolz es in der Julisonne dahin, durch kurzen Kampf weggefegt, und von dieser Zeit ab stand wirklich fast überall freieren Entwicklungen die Bahn offen; das moderne Leben beginnt erst um jene Zeit. Erst von da ab konnte die Wissenschaft sich wirklich frei entfalten und in ihrer angewendeten Form, als Technik, die Erde erschließen. Erst damals wurde durch Eisenbahn und Dampfschiff der Weltverkehr möglich, und der Industrialismus, die Maschinenproduktion, nahm ungeheure Größe an. Bis dahin hatten die Menschen in engen lokalen Verhältnissen vegetiert, von uralten Gesetzen und Gebräuchen in ihrem Leben geregelt und des weiteren Denkens über allgemeinere Angelegenheiten durch die Verfügungen angestammter Obrigkeiten enthoben. Nicht neue Herrschaft, demokratische, selbst republikanische Diktatur, wollte der erwachende Menschengeist 1789 an die Stelle dieser allgemeinen Unmündigkeit setzen, sondern ein das Minimum staatlicher Einmischung in das Privatleben darstellendes System, das die freie Entwicklung garantieren und schützen sollte und dem entsprach, was 1830 durchgesetzt wurde, zum erstenmal, so unvollkommen uns das Julikönigtum Louis Philipps natürlich erscheinen muß. Es war doch damals, 1830, zum erstenmal eine Regierung von der Gesellschaft eingesetzt worden, statt daß, wie bis dahin, die Gesellschaft jede Regierung widerstandslos über sich ergehen lassen mußte. Ohne mir Illusionen zu machen, kann ich nur die freiheitliche Initiative von 1830 begrüßen; 1848 ist nur eine Auswirkung von ihr und wir leben noch immer von den letzten Reflexen der Strahlen der Julisonne von 1830.

 

Auch das Jahr 1930 brachte schon eine kleine Freude, das Entschwinden des spanischen Diktators, der wie die französischen Bourbons von 1830, auf die für solche Fälle wirksamste, und, ich möchte sagen, eleganteste Weise beseitigt wurde - durch allgemeine Abkehr der gesellschaftlichen Kräfte von ihm, durch eine tödliche Isolierung, wie sie Napoleon I. im Jahre 1815, nach Waterloo, Napoleon III. im September 1870, nach Sedan, und den Zarismus im Oktober 1905 und März 1917, und die deutsche und österreichisch-ungarische Regierung im Oktober-November 1918 traf.

 

Ein derartiger Fall ist der tiefste und wirksamste, und möge die Diktaturdämmerung bald weite Kreise ziehen. In diesem Zusammenhang darf man wohl einmal die Frage stellen, wie sich eigentlich die beiden im Sozialismus nach ihrer Auffassung "herrschenden" Richtungen, die Sozialdemokratie und der "Kommunismus", die Zukunft vorstellen, ob sie nun wirklich meinen an die Stelle der "angestammten Herrscher" getreten zu sein und fortab das Geschick der Erde zu lenken?

 

Da gibt es nun Millionenparteien von Wählern, Riesengewerkschaften und eine je nach den Möglichkeiten des Vorwärtskommens von Parteien unterhaltene Bürokratie, die sich sehr gern in den heutigen Staat als regierendes Beamtentum eingliedert und die auch nach einem Staatsstreich ein ganzes Land, wie das ungeheure Rußland, zu regieren und verwalten übernimmt, mit einem Wort, eine sich als geborener Machtapparat gebärdende Kaste, die an die Stelle der uralten staatlichen Bürokratie zu gelangen strebt. Daneben stehen eine diese Interessen offiziös vertretende ungeheure Presse und natürlich auch mindestens zwei "Parteiwissenschaften", die sozialdemokratische und die kommunistische, und der Kampf dieser beiden Pressen und "Wissenschaften" wird auch mit anderen Mitteln fortgeführt, wo eine der beiden Parteien über den Regierungsapparat, über Militär und Polizei verfügt wie die eine in Rußland, die andere manchmal in anderen Ländern. Gemeinsam aber ist beiden, daß sie sich als das letzte Wort, als die Erben und als die Blüte und Frucht des ganzen Sozialismus gebärden, gewissermaßen als der Übersozialismus, für den, im Sinne von Nietzsche, aller bisherige und übrige Sozialismus nur der eine solche Blüte vorbereitende Dünger war und ist. Sie betrachten daher, von historischen Verbeugungen vor einigen Sozialisten, die längs tot und begraben sind, abgesehen, alle Sozialisten außerhalb ihrer Partei mit höchster Verachtung und diese Ignorierung oder kleinliche Bekämpfung wird zur bösartigsten Verfolgung, endet in geistiger Unterdrückung durch Verbote und physischer Vernichtung durch Kerker, Sibirien und Tod lebenden Sozialisten anderer Richtungen gegenüber, sobald die Partei über den Polizeiapparat verfügt.

 

Diese schamlose Diktatur im Sozialismus ist ein Verbrechen am Sozialismus und an der ganzen Menschheit, deren Traum und Hoffnung zu allen Zeiten nicht Zwang, Ungleichheit und gegenseitige Feindseligkeit, sondern Freiheit, Gleichheit und Solidarität oder mindestens friedliches Zusammenleben waren und sind. Von den Nutznießern von Zwang und Monopol und ihren abgestumpften direkten Werkzeugen abgesehen, sind wirklich freie Entwicklung, gleiche Chancen für jeden und ein freundliches Lebensmilieu die natürlichen Wünsche und Bedürfnisse eines Jeden, und der Kampf ums Dasein, das Streben vorwärtszukommen, das Mißtrauen gegen jeden unbekannten Nebenmenschen sind aufgezwungen, meist bitter empfundene, äußere Notwendigkeiten, denen gegenüber doch jeder in irgendeinem kleinen Kreise oder selbst nur im Hoffnungstraum sich ein eigenes freies und freundliches Ideal zu schaffen sucht. Das alles streift die freche und unfähige Diktatur roh beiseite, greift in alle menschlichen Verhältnisse ein, zerstört das natürlich Entwickelte mit der ihr eigenen Ungeschicklichkeit und Unfähigkeit und nennt das Sozialismus. Soll denn das so bleiben?

 

Als um 1830 die moderne Zeit mit dem alten Zwang ernstlich zu brechen begann, war es unvermeidlich, daß die freigewordenen Kräfte zunächst in der Richtung der Freiheit vorwärts drängten. Der Sozialismus war bereits zur Stelle, das soziale Unrecht war bekannt, und sozialistische Rekonstruktionsvorschläge im größten Umfang - Godwin, Saint-Simon, Robert Owen, Fourier u.a. - standen vor der denkenden Menschheit und fanden wahrscheinlich relativ größere Beachtung als irgendwelche späteren Pläne seit damals.

 

Es war aber psychologisch unmöglich, daß sie eine Verwirklichung erfahren konnten, weil die vom alten System und dann von den Diktaturen befreite Menschheit von 1830 wirklich vor allem der Freiheit zueilte und sich nicht gleich wieder in die Bindungen allgemeiner Systeme begeben wollte. Diesen natürlichen Instinkt hat sie noch heute und wird sich nie einen autoritären Sozialismus aufzwingen lassen und ebensowenig selbst einen freiheitlichen Sozialismus, wenn dies mit autoritären Mitteln geschehen sollte. An die Freiheit nach der Diktatur glaubt sie nun einmal nicht, und einmal bestehende Freiheit - das bescheidene Maß von persönlicher und privater Freiheit, das wir seit ungefähr 1830 besitzen, und das früher nicht bestand - will sie nicht mehr aufgeben. Daher hatte und hat von allem Sozialismus nur der freiheitliche, der anarchistische, eine wirkliche Aussicht auf Verwirklichung, sobald sein Wesen bekannt und erkannt ist, sobald er selbst von allen autoritären Schlacken gereinigt ist, und sobald er die Wege gefunden haben wird, auf eine Weise ins Leben zu treten, die auch den Schein der Diktatur vermeidet. Letzteres ist eine Frage für sich; hier sei nur darauf hingewiesen, daß nur ein Sozialismus lebensfähig ist, der das Herz der Menschheit erobert hat, dem man gern und freudig Opfer bringt und nie und nimmer ein aufgezwungener. Wir leben seit hundert Jahren in einer, wenn auch noch so schlechten, doch von einer Unmasse von Zwang befreiten Gesellschaft und wollen diese Errungenschaft nicht preisgeben. Verzweiflung kann zur Geringschätzung der neben der wirtschaftlichen Ungleichheit anscheinend wertlosen persönlichen Freiheit führen, aber Verzweiflung ist kein allgemeines, kein dauerndes, kein produktives Gefühl, und man kann auf Nervenzusammenbrüchen nicht die Zukunft aufbauen. Man wird also den Sozialismus mit allen Freiheitsgarantien umgeben müssen, um ihn der Menschheit, die das Jahrhundert relativer persönlicher Freiheit, 1830-1930, gekostet hat, je annehmbar zu machen, und dies ist eine schöne und große, kaum begonnene Aufgabe, der unsere besten Kräfte gehören sollten.

 

Auf die Gebundenheit vieler Jahrhunderte, ohne Freiheit und mit auf Entbehrung und Resignation, sozialem Gehorsam, dem Seitenstück des politischen und persönlichen Gehorsams, gegründeten relativ stabilen sozialen Verhältnissen waren die Erschließung der Erde durch die Technik, die menschliche Bewegungsfreiheit und der Bruch mit der starren Vergangenheit gefolgt und, wie gesagt, der Sozialismus mußte zunächst zurückstehen und die Arbeiter, durch den aufschießenden Maschinismus furchtbar bedrängt, mußten sich selbst helfen, was sie im Anschluß an ihre Verteidigungsbewegungen früherer Zeiten durch Zusammenschluß und Widerstandsaktionen getan haben - von den ältesten Trade Unions bis zu den großen Gewerkschaften, die allmählich ihre Wirkung verloren und zum Syndikalismus, der die intensive Abwehr wieder belebte und neue Hoffnungen gab. Die Sozialdemokratie hatte dieser Selbstorganisation der Arbeiter nichts Wesentliches hinzuzufügen; was in den Parlamenten gesetzlich festgelegt wird, ist die Bestätigung vorhandener Kräfteverhältnisse, etwas Nachträgliches also, das ebensogut auf irgendeine andere nicht parlamentarische Weise gesichert werden konnte. Daraus darf die Sozialdemokratie also keinen Anspruch auf Führung der Arbeiter und auf Führung im Sozialismus herleiten. Indem sie aber hier falschen Schein erregte, wurde sie zu einer Vermittlungskaste, wie in allen Zeiten die Priesterkasten es waren und sind, und sie war zur Aufrechterhaltung, Vergrößerung und Vergröberung von Fiktionen genötigt, wie die Priester, um ihre Unentbehrlichkeit als Kaste, die längst Selbstzweck wurde, zu sichern. Dies führte sie zu dem anscheinend stabilsten, dem Staat und seinem Beamtenkörper, zurück, dem sie sich anähnlichen, eingliedern und den sie, wie in Rußland, ganz darzustellen suchen. ,Das ist einfach Parasitismus, die Einschiebung einer unnützen Zwischenstufe, die graduell oder durch Staatsstreich Herr über das Ganze werden will. So wie die wirklichen Produzenten den kapitalistischen Parasitismus ausschalten wollen, werden sie auch den administrativen Parasitismus beseitigen, ob er sich schlicht und klar ein jeder Regierung zur Verfügung stehendes Beamtentum oder ob er sich sozialdemokratischer oder kommunistischer Parteidiktaturapparat nennt.

 

Man darf sich wirklich nicht wundern, wenn die Mitwelt diesen "Sozialismus" ablehnt und, da trotz allen Erfahrungen der wirkliche Sozialismus noch immer nicht entschieden genug gegen dieses Gaukelspiel protestiert, überhaupt zu der Meinung zu gelangen beginnt, der Sozialismus sei ein gänzlicher Fehlschlag und werde vielleicht bald gänzlich aus dem Bewußtsein der moderneren Teile der Menschheit verschwinden. Wer die Verhältnisse nicht näher kennt, muß sich tatsächlich fragen, wie zwischen dem Idealismus und der Menschengüte, den Opfern und Entbehrungen der älteren Sozialisten, die von ihren Zeitgenossen oft verhöhnt und verfolgt, aber im Grunde doch stets sehr geachtet wurden, und den Grausamkeiten und dem Despotismus der heutigen russischen Machthaber und den besser nicht charakterisierten Leistungen heutiger Sozialdemokraten, die jeder aus der Nähe sehen kann, wie zwischen beiden diese ungeheure Kluft entstehen konnte; eine "Entwicklung" ist das nicht, es ist die furchtbarste Entartung, und das kann nicht laut und oft genug gesagt werden. Gerade jetzt, wo der Kapitalismus längst die freiheitlichen Kräfte, die vor hundert Jahren sein Aufblühen erst recht ermöglichten, als überflüssig betrachtet und neue Arten allgemeiner Gebundenheit, wirtschaftlicher Verknechtung, ins Leben ruft, gerade jetzt wäre ein lebendiger, zeitgemäßer Sozialismus am richtigen Platz - und es ist für die Allgemeinheit nur Sozialdemokratie und Kommunismus vorhanden, von denen erstere von den Kapitalisten längst als zähmbares Haustier betrachtet wird, während sie dem letzteren den Fascismus entgegenzustellen bereit sind.

 

Früher waren in den erwähnten Bewegungen noch tüchtige, wirkliche Sozialisten vorhanden, die von Zeit zu Zeit die Geduld verloren und sich dem Sumpf entrissen, so seit 1879 die Sozialrevolutionäre, seit 1890 die Unabhängigen, wieder 10, 12 Jahre später die Lokalisten und Syndikalisten. Diese Quelle scheint zu versiegen; die während des Krieges ausgeschiedenen Unabhängigen entwickelten sich wieder zur Partei zurück und während aus allen früheren Sezessionen viele Anarchisten und AnarchoSyndikalisten hervorgingen, produzieren die späteren Sezessionen nur diktaturwidrige Kommunisten, von denen sich dann wieder Diktaturen in partibus, oppositionelle Kommunisten ohne eigene Diktatur absondern, die schon dem Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt, zu ähneln beginnen. Diese Erscheinungen zeigen das Absterben von Geist und Temperament in der Sozialdemokratie, und wie könnte es anders sein?

 

Trotzdem sollte man noch eine Probe machen. Es wird wohlin jedem größeren Land 10 000 freiheitliche Sozialisten geben, von denen jeder eine Anzahl nicht gänzlich fanatisierter und jeder Einsicht verschlossener Angehöriger der erwähnten Partei kennen dürfte. Wenn diese, nicht die Führer, mit Beiseitelassen aller aktuellen Streitfragen, einmal im zwanglosen Privatverkehr gefragt würden, ob sie wirklich sich nicht bewußt sind, in welchem Grade ihre beiden großen Parteien seit Jahren mit dem Sozialismus Schindluder treiben, ob wirklich der Sozialismus für sie nun ebenso abgeschlossen ist wie etwa für Gläubige eine Religion, deren Weiterführung und Einzelfragen sie getrost den Theologen überlassen? Ist ihnen all das recht oder gleichgültig, nun, dann ist wirklich nichts zu machen, dann sind sie eine sich aus der Menschheit absondernde Abart nach Art religiöser Schwärmer, Fanatiker und anderer Monomanen, sie sind unproduktiv wie all diese Exzentriker, und die Menschheit geht ihren Weg ohne sie weiter.

 

Vielleicht sehen doch manche ein, in welche Lage sie sich gebracht haben, und auch wenn sie persönlich an ihren Ansichten festhalten, wäre dann das mindeste, was sie tun könnten, dies, dafür zu sorgen, dass ihre Richtungen wenigstens die nichtswürdige Bekämpfung der ihnen nicht genehmen Richtungen des Sozialismus einstellen. Sie könnten bedenken, daß trotz allem, was geschieht, noch immer sehr zahlreiche freiheitliche Sozialisten die traurigen Taten des Kommunismus und der Sozialdemokratie milde beurteilen, nach Entschuldigungsgründen suchen und dem gemeinsamen Feind gegenüber Solidarität empfinden und daß diese Zurückhaltung ihnen der allgemeinen öffentlichen Meinung gegenüber nur genutzt hat. Wenn solche Nachsicht sie aber im Gefühl ihrer Alleinherrschaft bestärkt, ist sie wirklich an sie verschwendet. Denn jedem von uns muß die gesamte Zukunft des Sozialismus höher stehen also solche sehr prekären, zeitweiligen Erfolge, und um die ganze Zukunft handelt es sich hier: wir können nicht wünschen, daß hundert Jahre allseitiger sozialistischer Arbeit zum zeitweiligen Sieg einiger Usurpatoren und dann einer in Fascismus endenden allgemeinen Katastrophe führen, wie schon in Rußland ein Jahrhundert hingebender Revolutionsarbeit aller fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte zur Usurpation der Früchte durch den Novemberstaatsstreich durch eine einzige Richtung oder Gruppe von Personen geführt hat. Das war eine gelungene Kopie des Überfalls von Napoleon Bonaparte auf die französische Revolution und ihr Werk, und es wurde von Mussolini im November 1922 abermals kopiert; wenn aber der Bonapartismus und der Fascismus Episoden sind, die mit solchen Streichen beginnen (1799, 1851, 1922) und mit Katastrophen enden (1815, 1870) oder enden werden, und wenn auch das Schicksal des russischen Sozialismus für lange hinaus gründlich verpfuscht ist, so muß doch endlich und mit aller Kraft der Sozialismus davor bewahrt werden, in solchen Ruin mit hineingerissen zu werden.

 

Darum meine ich, daß die Zeit des autoritären Sozialismus, der in die Vergangenheit, zur Staatsknechtschaft, zurückführt, vorüber ist, wenn auch die Katastrophen, die sein Ende bedeuten werden, noch vor uns liegen. Wir müssen endlich verstehen, ihm einen großzügigen, das moderne Freiheitsbedürfnis zufriedenstellenden, vielartigen und lebendigen Sozialismus gegenüberzustellen, nicht als System, sondern als die wahrscheinlichste Richtung der Entwicklung, sobald die autoritären und monopolistischen Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, was um so leichter sein wird, je allgemeiner der wertlose und schädigende Charakter dieser Hindernisse empfunden werden wird. Dann wird die Menschheit diesen Hindernissen, dem Staatsapparat und den Kapitalisten, dem bolschewistischen und dem sozialdemokratischen Regierungs- und Parteiapparat und allem Gaukler- und Parasitentum den Rücken kehren wie 1830 den Bourbonen in Frankreich und am 28. Januar 1930 dem spanischen Diktator, und die Zeit der Freiheit und des Sozialismus kann unter günstigen Verhältnissen beginnen.

 

Daß Freiheit, die Sehnsucht und in gewissem, leider beklagenswert geringem Grade der Inhalt des neunzehnten Jahrhunderts in ihren Anfängen vor hundert Jahren getrennt waren, ist, wie ich angedeutet habe, damals unvermeidlich gewesen, ist aber der stärkste Grund dafür, daß sie endlich vereinigt werden. Denn die kapitalistische "Freiheit" allein hat sich zur verschärften Autorität (Fascismus) zurückentwickelt, um ihre sozialen Privilegien um jeden Preis zu schützen, und die sozialistische "Solidarität" längst durch ehrgeizige Rechthaberei untergraben, hat zur antisozialistischen diktatorischen Usurpation geführt, zur Verleugnung und Schändung des großen Ideals der Solidarität. Beide Entwicklungen sind zu Entartungen und Rückbildungen geworden und bergen die Tragödie furchtbarer Endkatastrophen in sich. Nach diesen Erfahrungen von 100 Jahren sind gewiß die lebenstüchtigen Teile der Menschheit endlich in größerem Umfang fähig, die sorgfältigsten, uneigennützigsten Verbindungen von Freiheit und Solidarität zu prüfen und zu würdigen, die ihr die verschiedenen Richtungen des freiheitlichen Sozialismus vorlegen würden. Auf solche Weise nur kann dem großen antisozialistischen Rückschlag begegnet werden, den das totale Versagen des autoritären Sozialismus mit sich bringt. Diese Arbeit, der ja überall viel stille, wenig sichtbare Tätigkeit vorarbeitet, sollte wohl endlich in klar ausgesprochener kollektiver Weise auf eine feste Grundlage gestellt werden, damit wir alle wissen, in welcher Weise unsere Kräfte am besten verwendet werden können.

 

 

Originaltext: Max Nettlau: Autoritärer und Freiheitlicher Sozialismus, aus: „Die Internationale“, herausgegeben von der FAUD, April 1930. Nachdruck in: Max Nettlau: Gesammelte Aufsätze, Band 1. Verlag die Freie Gesellschaft 1980
 


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 Errico Malatesta - Bolschewismus und Anarchismus (1923)

 

Zum Buch Luigi Fabbris: „Diktatur und Revolution“ (Vorwort zur spanischen Ausgabe)  (Libero Accordo, 7. November 1923)

 

 

Das Buch Luigi Fabbris zur russischen Revolution behält auch jetzt noch, ungefähr zwei Jahre nach seinem Erscheinen, seine ganze Aktualität und bleibt die vollständigste und wesentlichste Arbeit, die ich zu diesem Thema kenne. Die späteren Ereignisse in Rußland haben den Wert dieser Analyse sogar noch bekräftigt und die Schlüsse, die Fabbri aus den damals bekannten Tatsachen und den allgemeinen anarchistischen Grundsätzen zog, wurden durch die Erfahrung ausdrücklich bestätigt.

 

Gegenstand des Buches ist jener alte, ewige Konflikt zwischen Autorität und Freiheit, der die ganze vergangene Geschiebe geprägt hat, der die Welt der Gegenwart mehr als zuvor kennzeichnet und von dessen Wechselfällen das Schicksal der gegenwärtigen und der kommenden Revolutionen abhängen wird.

 

Die russische Revolution lief mit dem Rhythmus aller bereits vergangenen Revolutionen ab. Nach einer aufsteigenden, größere Gerechtigkeit und größere Freiheit anstrebenden Periode, die solange dauerte, wie das Volk die bestehende Macht angriff und zerschlug, erfolgte, sobald es einer neuen Regierung gelungen war, sich zu konsolidieren, die Periode der Reaktion. Die Tätigkeit der neuen Regierung - bisweilen langsam und schrittweise, bisweilen rasch und gewaltsam vorgehend - war darauf ausgerichtet, die Errungenschaften der Revolution so weit wie möglich zu zerstören und eine Ordnung zu errichten, die die Fortdauer der neuen regierenden Klasse an der Macht garantieren und die Interessen sowohl der neuen als auch der alten Privilegierten schützen sollte, denen es gelungen war, den Sturm zu überstehen.

 

Dank außergewöhnlicher Bedingungen konnte das Volk in Rußland das Zarenregime zerschlagen, baute es aus freier und spontaner Initiative seine Sowjets auf (lokale Arbeiter- und Bauernkomitees, direkte Vertreter des arbeitenden Volkes und der unmittelbaren Kontrolle der Betroffenen unterstellt), enteignete es die Industriellen und Großgrundbesitzer und begann, auf der Grundlage von Gleichheit, Freiheit und - wenn auch relativer - Gerechtigkeit das neue gesellschaftliche Leben zu organisieren.

 

So schritt die Revolution voran und schickte sich unter Vollbringung der gewaltigsten sozialen Erfahrung der Geschichte an, der Welt das Beispiel eines großen Volkes zu geben, das aus eigener Kraft und unter Aufbietung all seiner Fähigkeiten seine Befreiung verwirklicht und sein Leben entsprechend seinen Bedürfnissen, seinen Neigungen und seinem Willen organisiert, ohne den Druck einer äußeren Gewalt, die es hemmt und zwingt, den Interessen einer privilegierten Kaste dienstbar zu sein.

 

Unglücklicherweise gab es jedoch unter denen, die am meisten dazu beigetragen hatten, dem alten Regime den entscheidenden Schlag zu versetzen, doktrinäre Fanatiker, voll verbissener Autorität, da sie fest davon überzeugt waren, im Besitz der „Wahrheit“ zu sein und die Aufgabe zu haben, das Volk zu retten, das sich ihrer Meinung nach nur auf den von ihnen angegebenen Wegen retten konnte. Sie profitierten von dem Ansehen, das ihnen ihre Beteiligung an der Revolution verlieh und insbesondere von der Stärke, die ihnen ihre eigene Organisation vermittelte, und so gelang es ihnen, die Macht zu erobern und die anderen zur Ohnmacht zu verurteilen, darunter besonders die Anarchisten, die nach Kräften zur Revolution beigetragen hatten, sich jedoch ihrer Machtergreifung nicht wirksam widersetzen konnten, weil ihre Reihen aufgelöst waren, es keine vorherigen Verständigungen gegeben hatte, sie nahezu ohne jede Organisation waren.

 

Von diesem Zeitpunkt ab war die Revolution zum Tode verurteilt.

 

Die neue Macht wollte - wie es in der Natur aller Regierungen liegt - in ihren Händen das gesamte Leben des Landes konzentrieren und jede Initiative, jede Bewegung unterdrücken, die innerhalb des Volkes entstehen sollte. Sie schuf zu ihrer Verteidigung zunächst ein Korps von Leibwächtern und dann eine reguläre Armee und eine mächtige Polizei, die an Grausamkeit und freiheitstötendem Wahn noch die des zaristischen Regimes übertraf. Sie ließ eine unüberschaubare Bürokratie entstehen, verwandelte die Sowjets in bloße Werkzeuge der Zentralmacht oder löste sie mit der Gewalt der Bajonette auf. Sie unterdrückte mit - oft blutiger - Gewalt jeden Widerstand; sie versuchte, den widerstrebenden Bauern und Arbeitern ihr soziales Programm aufzuzwingen und entmutigte und lahmte so die Produktion. Zwar verteidigte sie das russische Territorium mit Erfolg gegen die Angriffe der europäischen Reaktion, doch gelang es ihr damit nicht, die Revolution zu retten, denn sie hatte sie selbst abgewürgt obwohl sie versuchte, ihren formalen Schein zu wahren. Und jetzt bemüht sie sich um die Anerkennung der bürgerlichen Regierungen, versucht sie mit ihnen freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen, das kapitalistische System wiederherzustellen, kurz, die Revolution endgültig zu begraben So wurden alle Hoffnungen verraten, die die russische Revolution beim Proletariat der ganzen Welt hervorgerufen hatte. Sicher wird Rußland nicht zum vorherigen Zustand zurückkehren, denn eine große Revolution geht nicht vorüber, ohne tiefgehende Spuren zu hinterlassen, ohne den Geist des Volkes wachzurütteln und ihn zu erheben und ohne neue Möglichkeiten für die Zukunft zu schaffen Doch werden die erreichten Ergebnisse weit hinter dem zurückbleiben was hätte sein können und was man erhofft hatte, und in keinerlei Verhältnis zu den erlittenen Leiden und den Mengen vergossenen Blutes stehen.

 

Wir wollen hier die Suche nach den Verantwortlichen nicht zu sehr vertiefen. Sicher trifft große Schuld an der Niederlage die autoritäre Richtung, die man der Revolution gab; große Schuld trifft auch die eigenartige Psychologie der regierenden Bolschewisten, die sich zwar irrten und ihre Irrtümer erkannten und zugaben, aber dennoch von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt blieben und nach wie vor mit Gewalt ihren wankelmütigen und widersprüchlichen Willen durchsetzen wollten. Genauso oder noch mehr trifft es jedoch zu, daß sich diese Menschen mit noch nie dagewesenen Schwierigkeiten konfrontiert sahen und daß vielleicht vieles von dem, was uns Irrtum und böser Wille zu sein scheint, unausweichliche Folge der Notwendigkeit war.

 

Und daher werden wir uns gerne eines Urteils enthalten und es der objektiven und unparteiischen Geschichte überlassen, später ihr Urteil darüber zu sprechen - sofern es eine objektive und unparteiische Geschichte überhaupt gibt Doch gibt es in Europa eine ganze Partei, die vom russischen Mythos geblendet ist und den bevorstehenden Revolutionen gerade die bolschewistischen Methoden aufzwingen will, die die russische Revolution abgewürgt haben Daher ist es dringend notwendig, die Massen im allgemeinen und die Revolutionäre im besonderen vor der Gefahr diktatorischer Bestrebungen der Parteien mit bolschewistischen Tendenzen zu warnen. Und Fabbri hat der Sache einen außerordentlich großen Dienst erwiesen, indem er deutlich den Widerspruch zwischen Diktatur und Revolution aufgezeigt hat.

 

Das hauptsächliche Argument, dessen sich die Verteidiger der Diktatur bedienen die man weiterhin Diktatur des Proletariats nennt, in Wirklichkeit jedoch - darin stimmen nunmehr alle überein - Diktatur der Führer einer Partei über die ganze Bevölkerung ist, dieses hauptsächliche Argument ist die Notwendigkeit, die Revolution gegen die inneren Versuche bürgerlicher Restauration und gegen die etwaigen Angriffe der ausländischen Mächte zu schützen.

 

Es besteht kein Zweifel daran, daß man sich verteidigen muß, doch von dem System der Verteidigung hängt zum großen Teil das Schicksal der Revolution ab. Müßte man nämlich, um zu leben, auf die Gründe und Ziele des Lebens verzichten, müßte man zur Verteidigung der Revolution auf die Errungenschaften verzichten, die erstes Ziel der Revolution sind, dann wäre es besser, ehrlich zu unterliegen und das Recht der Zukunft zu retten, anstatt durch den Verrat an der eigenen Sache zu siegen.

 

Die innere Verteidigung muß gesichert werden, indem man radikal alle bürgerlichen Institutionen zerstört und jede Rückkehr zur Vergangenheit unmöglich macht.

 

Es ist vergebens, das Proletariat gegen die Bourgeoisie zu verteidigen, indem man letztere zu politischer Machtlosigkeit verurteilt. Solange es Leute gibt, die besitzen und Leute, die nichts besitzen, werden sich die Besitzenden stets über die Gesetze lustig machen, ja sie werden es sein, die wieder an die Macht gelangen und die Gesetze machen werden, wenn das erste Feuer des Volkes erst einmal erloschen ist.

 

Polizeimaßnahmen sind nutzlos: sie können der Unterdrückung, niemals jedoch der Befreiung dienen.

 

Fruchtlos, noch schlimmer: tödlich ist der sogenannte revolutionäre Terror. Sicher ist der Haß, der gerechte Haß, den die Unterdrückten in ihrem Herzen nähren, äußerst groß, sicher sind die Schandtaten der Regierungen und der Herren mehr als zahlreich, sicher sind der Beispiele der Grausamkeit von oben viele, ist die Verachtung des Lebens und der menschlichen Leiden, die die herrschenden Klassen an den Tag legen, unendlich, so daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn am Tage der Revolution die Rache des Volkes erbarmungslos und unvermeidlich ausbricht. Wir würden uns nicht darüber empören und auch nicht versuchen, sie einzudämmen, es sei denn durch Propaganda, denn dies mit anderen Mitteln tun wollen, hieße die Reaktion wachrütteln. Sicher ist jedoch unserer Meinung nach, daß der Terror für die Revolution eine Gefahr und nicht etwa eine Garantie für ihr Gelingen ist. Terror trifft im allgemeinen die am wenigsten Verantwortlichen; er ruft die schlimmsten Elemente auf den Plan, nämlich diejenigen, die unter dem alten Regime zu Schergen und Henkern geworden wären und nun glücklich sind, daß sie im Namen der Revolution ihren schlechten Trieben und finsteren Interessen freien Lauf lassen können.

 

Und das gilt auch dann, wenn es sich um den Terror des Volkes handelt, der direkt von den Massen gegen ihre Unterdrücker ausgeübt wird. Sollte nämlich der Terror dann von einem Zentrum organisiert und auf Befehl der Regierung mittels Polizei und sogenannten Revolutionsgerichten ausgeübt werden, dann wäre er das sicherste Mittel zur Zerstörung der Revolution und würde nicht so sehr gegen die Reaktionäre als gegen die Freiheitsliebenden ausgeübt werden, die sich den Befehlen der neuen Regierung widersetzen und die Interessen der neuen Privilegierten verletzen würden.

 

Für die Verteidigung, für den Sieg der Revolution wird Sorge getragen, indem alle an ihrem Gelingen beteiligt werden, die Freiheit aller geachtet wird und jedem nicht nur das Recht, sondern auch die Möglichkeit genommen wird, die Arbeit anderer auszubeuten. Es gilt nicht, die Bourgeoisie dem Proletariat zu unterwerfen, sondern Bourgeoisie und Proletariat abzuschaffen, indem jedem die Möglichkeit garantiert wird, zu arbeiten, wie er will und allen arbeitsfähigen Menschen unmöglich gemacht wird, zu leben, ohne zu arbeiten.

 

Eine soziale Revolution, die sich nach ihrem Sieg immer noch der Gefahr ausgesetzt sieht, von der enteigneten Klasse überwältigt zu werden, ist eine Revolution, die auf halbem Wege stehen geblieben ist: um sich den Sieg zu sichern, braucht sie nur ständig vorwärtszuschreiten, immer mehr ihrem Ziel entgegen.

 

Bleibt die Frage der Verteidigung gegen den äußeren Feind.

 

Eine Revolution, die nicht unter den Stiefelabsätzen eines fremden Soldaten enden will, kann sich nur mit Hilfe freiwilliger Milizen verteidigen, die versuchen, jeden Schritt, den die ausländischen Kräfte auf dem rebellierenden Territorium machen, in einen Hinterhalt zu locken, die versuchen, dem wider seinen Willen entsandten Soldaten jeden möglichen Vorteil zu bieten und die offiziellen Feinde, die freiwillig kommen, ohne Mitleid behandeln. Man muß die kriegerischen Handlungen so gut wie nur möglich organisieren, dabei jedoch zu vermeiden suchen, daß diejenigen, die sich im militärischen Kampf spezialisieren, in ihrer Eigenschaft als Militärangehörige irgendeinen Einfluß auf das zivile Leben der Bevölkerung ausüben können.

 

Wir leugnen nicht, daß vom technischen Standpunkt aus gesehen eine Armee umso mehr Siegeschancen hat, je autoritärer sie geführt wird und daß die Konzentration aller Befugnisse in den Händen eines Einzelnen - noch dazu, wenn dieser ein militärisches Genie wäre - großen Anteil am Erfolg haben würde. Doch ist die technische Frage nur von zweitrangiger Bedeutung und wenn wir, um keine Niederlage zu riskieren, uns der Gefahr aussetzen müßten, selbst die Revolution zum Stillstand zu bringen, dann würden wir der Sache einen sehr schlechten Dienst erweisen.

 

Das Beispiel Rußland möge allen dienen.

 

Läßt man der Hoffnung, besser geführt zu werden, Zügel anlegen, dann kann dies nur zur Sklaverei führen.

 

Alle Revolutionäre mögen das Buch Fabbris gründlich lesen. Dies ist notwendig, um gut vorbereitet zu sein und nicht in die gleichen Irrtümer wie die Russen zu verfallen.

 

 

Aus: Errico Malatesta - Gesammelte Schriften, Band 2; Karin Kramer Verlag Berlin, 1980
    


 Erich Mühsam - Bismarxismus

 

Freiheit ist ein religiöser Begriff. Wer mit dem Ziele der Freiheit Revolutionär ist, ist ein religiöser Mensch, Revolutionär sein ohne religiös zu sein, heißt mit revolutionären Mitteln andere als freiheitliche Ziele anstreben. Anders gesagt: Revolutionäre Entschlossenheit kann aus einer seelischen Not stammen, aus dem Empfinden der Unerträglichkeit von Zwang, Gesetz und Entpersönlichung - dann ist sie religiös; sie kann auch stammen aus der nüchternen Errechnung von Zweckmäßigkeit, wenn sich unter ihren Faktoren die Revolution als unumgängliches Mittel erwiesen hat - dann ist sie positivistisch. Der Positivist, - das ist der kirchliche Mensch im Gegensatz zum religiösen, der Leugner der Wildheit, des Rausches und der Utopie: der Dogmatiker und Fatalist, dem die Freiheit eine Kleinbürger-Phantasie und der Kampf ums Dasein eine Bestimmungs-Mensur scheint.

 

Hier wird zu Revolutionären gesprochen, deren revolutionäres Ziel die Freiheit ist. Freiheit ist ein gesellschaftlicher Zustand, dessen Fundament die freiwillige Vereinbarung der Menschen zu gemeinsamer und einander ergänzender Arbeit und zur gegenseitigen  Verbürgung des Lebens und seiner Güter bildet. Der gesellschaftliche Zustand der Freiheit beruht auf der Freiheit der Persönlichkeit, die Freiheit des Einzelnen aber findet ihre Grenze an der Freiheit der Gesamtheit; denn wo nicht alle Menschen frei sind, kann keiner frei sein. Das Ringen um diese Freiheit, die unvereinbar ist mit irgend welcher Art Obrigkeit, gesetzlichem Zwang, angeordneter Disziplin oder staatlicher Gewalt, ist die religiöse Idee der Anarchie. Zu ihrer Verwirklichung bedarf es der revolutionären Umwälzung der Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen, will sagen der Schaffung der materiellen Basis, auf der allein Freiheit möglich ist: das ist ökonomische Gleichheit. Wir Anarchisten sind Sozialisten, Kollektivisten, Kommunisten, nicht weil wir in der gleichmäßigen Regelungen von Arbeitsleistung und Produktenverteilung die letzte Forderung menschlicher Glückseligkeit erfüllt sähen, sondern weil uns kein Kampf um geistige Werte, um Vertiefung und Differenzierung des Lebens möglich scheint, - und eben dieser Kampf ist der Sinn der Freiheit -, solange die Menschen unter ungleichen Bedingungen geboren werden und heranwachsen, solange geistiger Reichtum in materieller Armut ertrinken, geistige und seelische Armseligkeit im Glanze erkaufter Macht und Bildung als Reichtum strahlen kann.

 

Gleichheit hat mit dem, was heute Demokratie heißt, nicht das mindeste zu schaffen. Die Gleichheit der bürgerlichen Demokratie beschränkt sich auf die Anerkennung, daß jede zur Stimmabgabe zugelassene Person als eine Stimmeinheit zu zählen sei. Dabei ist die Mehrheit der Stimmen selbstverständlich immer der Klasse verbürgt, die durch ihre wirtschaftlichen Privilegien fast den gesamten Beeinflussungsapparat beherrscht; überdies sind aber die Institutionen, für die gewählt werden darf, ihrer Art nach nur geeignet, Bestehendes zu erhalten und zu verwalten. Mag die Mehrheit der Wähler immerhin mit revolutionären Absichten votieren, die Gewählten, welcher Programmrichtung sie auch angehören mögen, können in ihren Körperschaften niemals anders als konservativ handeln. Sozialismus und Freiheit ist auf dem Wege der Demokratie nicht zu erlangen; Demokratie aber im Sinne von Freiheit und Gleichheit ist nur auf dem Boden des restlos verwirklichten Sozialismus möglich. Diese eigentliche Demokratie, die die Herrschaft der Gesamtheit über sich selbst, das ist die Selbstbeherrschung jedes Einzelnen im Bewußtsein seiner gesellschaftlichen Mission, bedeutet, bedingt wirtschaftliche und rechtliche Gleichheit, die die Voraussetzung aller Freiheit ist.

 

Nirgends in der Welt steht der religiöse Drang nach Freiheit tiefer im Ansehen als bei den Deutschen. Der Positivismus, als philosophisches Prinzip von dem Franzosen Comte aufgerichtet, fand seinen realen Nährboden in dem Lande, das schon den Sieg des brutalen Rationalisten Martin Luther über den glühenden Weltstürmer Thomas Münzer erlebt hatte. Das ist die ganze Geschichte Deutschlands: immer und überall zertrampelt das Schema und die Formel den lebendigen Geist, die Schulweisheit den Impuls des Inneren Wissens, die Kirche die Religion. Der stärkste Geist der deutschen Geniezeit, Goethe, imponiert den Deutschen nicht durch seine apollinische Natur, sondern durch seine robuste Lebensauffassung, und sie verehren ihn, weil er seinen phänomenalen Verstand so gut bürgerlich zu kleiden wußte und weil er den Oberlehrern die bequeme Phrase des gesättigten Appetits geliefert hat, daß, wo Gleichheit sei, keine Freiheit bestehen könne. Von den innigsten Geistern jener Zeit, Hölderlin und Jean Paul, weiß der Deutsche wenig, und warum der Versuch der Romantiker, vor den Stiefeltritten des Preußenschneids in Mythologie und Mystizismus zu flüchten, in fade Sentimentalität umschlug, um endlich vom Literatentum der Börne und Laube im Positivismus begraben zu werden - darüber machen sich die Leute keine Gedanken. Das junge Deutschland - das war literarischer Positivismus, verschärft mit Hegelei.

 

Der Positivismus, die Philosophie der nüchternen Gegebenheiten, die letzten Endes Gelehrsamkeit mit Wirklichkeit verwechselt, und der Hegalinianismus, das uniforme Metternichtum des Geistes, dessen apodiktische Abstraktionen und dialektische Gaukeleien den Irrsinn produzieren, alles Wirkliche vernünftig zu finden, - diese beiden Denkfesseln mußten sich gleichzeitig um die Willensgelenke der Deutschen legen, um ihre beste Eigenschaft, den Kosmopolitimus, zu vernichten und an seiner Stelle im Geistigen, wie im Politischen den Zentralismus, das nationale Reglement, das "Staatsbewußtsein" wachsen zu lassen. Das Preußentum, das Luthertum - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Kapitalismus Deutschland zu industrialisieren begann, gebar es aus der Banalität der konkretesten und der Verschrobenheit der abstraktesten aller Philosophien die Theorie seiner Geistverlassenheit und der in kapitalistischen Formen entbrannte Klassenkampf in Deutschland sah die Gegner auf beiden Seiten den gleichen philosophischen Strick ergreifen, - nur faßten ihn beide am entgegengesetzten Ende an. Bismarck spaltete Deutschland und schuf das zentrale Reichsgebilde mit dem Preußenkönig als Kaiser an der Spitze, so den Boden bereitend für die hemmungslose Entfaltung des kapitalistischen Besitzmonopols; Karl Marx spaltete die Arbeiter-Internationale, warf Bakunin und alle Revolutionäre hinaus, die der Selbstverantwortlichkeit des Proletariats, seinem Freiheitswillen und seiner Entschlußkraft mehr zutrauten als den Rechenkünsten festbesoldeter Revolutions-Manager und machte aus der Religion des Sozialismus die Kirche der Sozialdemokratie. Bismarck arrangierte drei Kriege, um den Agrar-, Industrie-, und Börsenkapitalisten die nötige Ellenbogenfreiheit für die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft zu schaffen; Marx schrieb eine für die Zeit ihres Entstehens meisterhafte, aber sehr professorale Analyse des Kapitals, die er mit einer von Hegel entlehnten abstrakten Philosophie garnierte, wonach der Kapitalismus die naturnotwendige Konsequenz der sich am Faden der historischen Dialektik abspulenden Menschheits-Entwicklung sei und der historische Materialismus sein Aufschwellen bis zu der Überfülle bedinge, die ihn unter Nachhilfe der unausweichlichen proletarischen Revolution von selber platzen lassen werde. Bismarck praktizierte den Obrigkeitsstaat, dessen Machtfundament von der Kommandogewalt des Unteroffiziers über den Rekruten gestützt wurde; Marx kopierte in Partei und Gewerkschaft die Disziplin und den Drill, die Subordination und Schnauzerei des Kasernenstaates und übernahm dazu von der katholischen Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes und Avancement-Stufenfolge nach dem Grade ergebener Frömmigkeit. Bismarck endlich ordnete seinen Staat nach dem Prinzip des autoritärsten Zentralismus, wie es den Wünschen und den Interessen der ausbeutenden Bourgeoisie entsprach, und Marx proklamierte diese Organisationsform als die dem Proletariat nach der Machtergreifung ebenfalls gemäße des "Arbeiterstaates".

 

So wuchsen im neuen Deutschen Reich zwei feindliche Stämme aus derselben Wurzel, einer öden und phantasielosen Autoritätslehre; genährt von den gleichen Kräften, gedanken- und begeisterungsloser Disziplin und anspruchsvollem und gänzlich unfruchtbarem Bürokratismus; beide entschlossen, jede Konkurrenz mit allen Mitteln der Macht oder doch des Machtwillens niederzuschlagen: Bismarck den nationalen Kapitalismus anderer Länder, Marx die revolutionären Sozialisten, die weder von Marxens fatalistischer Theorie noch von Bismarcks allgemeinem Wahlrecht Gebrauch zu machen wünschten und keine Staaten zu erobern sondern alle zu zerstören trachteten, um statt ihrer die von keinen Staatsgrenzen getrennt arbeitenden Menschen nach eigenen Ratschlüssen produzieren und konsumieren zu lassen. Die peinlichste Ähnlichkeit der beiden Stämme, die in Deutschland als bismarcksche kapitalistische Staatsmacht und als marxsche doktrinäre Arbeiterbewegung zu den Sternen strebte, die ihnen nicht leuchteten, war der völlige Mangel an jeder schöpferischen Originalität, die völlige Abwesenheit aller religiösen Inbrunst, in Wesen und Ziel der völlige Verzicht auf jedwede Freiheit. Dieser Mangel, verbunden mit Anmaßung, Pedanterie, Bürokratendünkel, Paragraphenbesessenheiten und Schulmeisterei - das ist der deutsche Kujonengeist, dem die herrschende Klasse ihren stumpfsinnigen Aufstieg von gepflegter alter Kultur zur Geldmacht und einem komfortablen Stande auf dem internationalen Sklavenmarkt verdankt, und der die deutsche Arbeiterbewegung immer weiter vom Sozialismus weg auf den Weg der Resignation und zur inneren Fäulnis und Kampfunfähigkeit geführt hat. Es ist das, was ich, den ganzen Jammer unserer Zeit umfassend, Bismarxismus nenne.

 

Die Parallele von Bismarcks untheoretischer Praxis und Marxens unpraktischer Theorie hat schon vor 5 1/2 Jahrzehnten Michael Bakunin gezogen, der von oberflächlichen Beurteilern vielfach als Antisemit und Deutschlandfeind ausgegeben wird. Er war beides nicht und hat sich ausdrücklich dagegen verwahrt, für das Eine oder das Andere gehalten zu werden. Dennoch tobt er in seinen Polemiken immer wieder mit wütendem Haß gegen "die Deutschen" und "die Juden". Mögen unsere Hakenkreuz-Teutonen wissen, daß Bakunin beide Ausdrücke gebrauchte, um ein und dieselbe Eigenschaft damit zu bezeichnen, eben die, für die ich das Wort Bismarxismus vorschlage. Bakunin schimpfte auf die deutschen Juden und auf die jüdischen Deutschen und meinte den von dem Deutschen Bismarck und von dem Juden Marx in gleicher Feindschaft gegen Menschenwert und Freiheit geübten Geist der Despotie und der zentralistischen Autorität; unter diesem Gesichtspunkt identifizierte er die Begriffe Deutschtum und Judentum vollständig, selbstverständlich in vollem Bewußtsein dessen, daß er damit nur eine einzige Untugend charakterisiere, für die ihm eine bestimmte Art Deutsche und eine bestimmte Art Juden repräsentativ schienen.

 

Michael Bakunin ist nun über 50 Jahre tot. Die trostlosen Prophezeiungen, die er der proletarischen Revolution für den Fall hinterließ, daß die Bismärckerei Europa und die Marxerei die Arbeiterbewegung verseuche, sind in fürchterlichem Maße Wahrheit geworden. Aber schon neigen sich die Schatten des Untergangs über beide Infektionsgebiete. Wenn ich hier einmal das Wort von der "Todeskrise des Kapitalismus" übernommen habe, so irrt der Genosse, der mich darum angriff, wähnend auch ich hätte mich nun der fatalistischen Ideologie des Marxismus ergeben, die die Weltgeschichte nach ehernen Gesetzen und unabhängig vom aktiven Tatwillen der Menschen in "naturnotwendiger" Entwicklung dialektisch ihr Pensum erledigen sieht. Im Gegenteil: Ich stimme vollständig überein mit der Ansicht Gustav Landauers, daß jederzeit und überall die Beseitigung des Kapitalismus und die Aufrichtung des Sozialismus möglich ist, wenn die Menschen das Notwendige veranstalten, um die revolutionären Bedingungen dazu zu schaffen. Die "Todeskrise des Kapitalismus" ist für mich nicht eine Erscheinung der göttlichen Vorsehung, die uns berechtigen könnte, geruhsam zuzusehen, wie jetzt das bestehende Wirtschaftssystem automatisch zusammenkrachen und an seiner Stelle ebenso gottgewollt und unausbleiblich ein neues sozialistisches und in der Reihenfolge marxistisch errechneter "Phasen" aufblühen werde. Von dieser Krise nehme ich aber untrügliche Erscheinungen wahr, deren erste und verständlichste der Weltkrieg mit seinen für die kapitalistische Maschinerie unreparierbaren Folgen war; das Erkennen dieser Krise hat mit Fatalismus nichts zu tun, sondern verpflichtet zum Eingreifen, damit die krepierende Bestie nicht in der Agonie die Keime vernichtet, aus denen Revolution, Sozialismus und Freiheit erwachsen sollen. Das Verrecken des Kapitalismus in seiner bisherigen Form bedingt keineswegs das Entstehen des Sozialismus an seiner Stelle. Ein anderer, vielleicht besser organisierter Kapitalismus kann, wenn die revolutionären Sozialisten die Todeskrise nicht durch den Todesstoß beschleunigen, sehr wohl der Ausbeutung in veränderten Formen neue und noch erweiterte Möglichkeiten schaffen. Bleibt der Staat in irgend einer Gestalt am Leben, dann hat der Kapitalismus und mit ihm der Positivismus, das Kirchentum des Lebens, mit einem Wort der Bismarxismus freies Feld.

 

Die Todeskrankheit des Kapitalismus ist aber zugleich die Todeskrankheit des Marxismus. Heute steht ja, zumal in Deutschland, die Arbeiterbewegung fast ausnahmslos auf dem Boden dieser fatalistischen Lehre, und Sozialdemokraten und Unabhängige, rechts- und linksbolschewistische Kommunisten, KAPisten und Unionisten aller Schattierungen sieht man sich unter Aufwand haarsträubender Rabulistik gegenseitig die Bibel des garantiert wissenschaftlichen Sozialismus, die Marxdoktrin, auslegen. Am Bibelwort selbst zu rühren, die Heilswahrheit des gesamten Marxismus anzuzweifeln, das wagt keiner von ihnen allen, das ist unter Sozialisten ein solche Verbrechen, wie bei den Bismarck-Epigonen die Verneinung der Notwendigkeit des großpreußischen Deutschen Reiches. Und siehe: die Bejahung dieser Notwendigkeit geschieht nirgends so überzeugungsvoll wie bei den sozialdemokratischen und kommunistischen Marxisten. Jene 1918/19, diese 1923: Bismarxismus auf der ganzen Linie.

 

Ist das zu verwundern? Der Marxismus - Landauer weist in seinem herrlichen "Aufruf zum Sozialismus" nachdrücklich darauf hin - beschäftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht auch in der Idee vom Staat losgekommen ist. Es kann nicht vom Staat loskommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin, Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Haß gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!

 

 

Aus: FANAL, Jahrgang 1, Nummer 5, Februar 1927





Emma G

oldman - Die Russische Revolution und das autoritäre Prinzip (1924)

 

Nichtbolschewistische Kritiker des russischen Mißerfolgs beschränken sich auf die Erklärung, die Revolution habe in Rußland nicht zum Erfolg führen können, weil die industrielle Entwicklung in diesem Lande nicht den notwendigen Höhepunkt erreicht hatte. Sie verweisen auf Marx, der lehrte, daß eine soziale Revolution nur in Ländern mit einem hochentwickelten industriellen System und den es begleitenden Antagonismen möglich sei. Sie behaupten daher, daß die Russische Revolution gar keine soziale Revolution habe sein können, sondern auf Grund historischer Bedingungen in konstitutionellen, demokratischen Bahnen habe verlaufen müssen. Erst ihre Ergänzung durch eine Entwicklung der Industrie könne das Land ökonomisch reif werden lassen für die grundlegende Veränderung.

 

Diese orthodox-marxistische Ansicht läßt einen bedeutsamen Faktor außer Betracht, einen Faktor, der vielleicht essentieller für Möglichkeit und Erfolg einer sozialen Revolution ist als selbst der industrielle. Das ist der psychologische Zustand, in dem sich die Massen zu einer gegebenen Zeit befinden. Warum kommt es z. B. in den USA, in Frankreich oder auch in Deutschland nicht zu einer sozialen Revolution? Diese Länder haben doch ohne Zweifel den Grad an Industrialisierung erreicht, der von Marx als Kulminationspunkt bezeichnet wurde. Die Wahrheit ist, daß industrielle Entwicklung und scharfe soziale Gegensätze allein keineswegs genügen, eine neue Gesellschaft entstehen zu lassen oder eine soziale Revolution hervorzurufen. Das notwendige soziale Bewußtsein, der erforderliche psychologische Zustand der Massen fehlt in den USA und in den anderen genannten Ländern. Daraus erklärt sich das Fehlen einer sozialen Revolution dort.

 

In dieser Hinsicht war Rußland anderen industrialisierteren und „zivilisierteren“ Ländern überlegen. Es ist wahr, daß Rußland industriell weniger entwickelt war als seine westlichen Nachbarn. Aber das Bewußtsein der russischen Massen, inspiriert und vertieft durch die Februar-Revolution, erweiterte sich mit derartiger Geschwindigkeit, daß die Volksmassen innerhalb weniger Monate auf so ultrarevolutionäre Slogans wie „Alle Macht den Räten“ und „Das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern“ vorbereitet waren.

 

Man sollte die Bedeutung dieser Slogans nicht unterschätzen. Wenn sie auch in hohem Grade Ausdruck eines instinktiven und halbbewußten Volkswillens waren, so bedeuteten sie doch gleichzeitig die völlige soziale, ökonomische und industrielle Reorganisation Rußlands. Welches Land in Europa oder Amerika wäre bereit, solche revolutionären Schlachtrufe zum Leben zu erwecken? In Rußland aber, in den Monaten Juni und Juli des Jahres 1917, wurden diese Slogans populär, und die große Masse des industriellen und agrarischen Bevölkerungsteils des mehr als Einhundertfünfzig-Millionen-Volkes nahm sie begeistert auf und setzte sie in direkte Aktion um. Das war Beweis genug dafür, daß das russische Volk „reif“ war für die soziale Revolution.

 

Was das ökonomische „Vorbereitetsein“ im Marxschen Sinne anlangt, so darf nicht vergessen werden, daß Rußland vornehmlich ein Agrarland ist. Marxens Doktrin setzt die Industrialisierung der bäuerlichen Bevölkerung in hochentwickelten Gesellschaften voraus, als Schritt, der sie zur Revolution tauglich macht. Aber die Ereignisse von 1917 in Rußland bewiesen, daß die Revolution diesen Prozeß der Industrialisierung nicht abwartet und - was noch wichtiger ist - nicht dazu gebracht werden kann zu warten. Die russischen Bauern begannen, die Gutsherren zu expropriieren, und die Arbeiter nahmen die Fabriken in Besitz, ohne sich um das Marxsche Diktum zu kümmern. Diese Volksaktion leitete aufgrund der ihr eigenen Logik in Rußland die soziale Revolution ein und warf alle Marxschen Berechnungen über den Haufen. Die Psychologie des Slawen erwies sich stärker als sozial-demokratische Theorien.

 

Diese Psychologie enthält ein leidenschaftliches Verlangen nach Freiheit, dessen Quelle ein Jahrhundert revolutionärer Agitation unter allen Klassen der Gesellschaft war. Das russische Volk war glücklicherweise politisch unverbildet und unberührt geblieben von der Korruption und Konfusion, die sich durch „demokratische“ Freiheit und Selbstregierung im Proletariat anderer Länder ausgebreitet hatten. Der Russe blieb in dieser Hinsicht natürlich und einfach, mit Spitzfindigkeiten des politischen Spiels, mit parlamentarischen Tricks und legalen Notlösungen war er nicht vertraut. Andrerseits war aber sein primitiver Sinn für Recht und Gerechtigkeit stark und lebendig und frei von jener desintegrierenden Finesse des Halbgebildeten. Er wußte genau, was er wollte, und wartete nicht erst ab, daß „historische Unvermeidlichkeit“ es ihm brachte: er ging zur direkten Aktion über. Die Revolution war ihm ein Faktum des Lebens und nicht eine bloße Diskussionsgrundlage.

 

Deshalb fand die soziale Revolution in Rußland trotz der industriellen Rückständigkeit des Landes statt. Aber die Revolution, einmal gemacht, war nicht vollendet. Sie mußte fortschreiten und sich erweitern, mußte sich in ökonomischer und sozialer Rekonstruktion fortsetzen. Diese Phase der Revolution erforderte den höchsten Einsatz an individueller Initiative und kollektiver Anstrengung. Entwicklung und Erfolg der Revolution hingen ab vom Spiel der schöpferischen Kraft des Volkes auf breitester Basis, von der Zusammenarbeit des intellektuellen mit dem manuellen Proletariat. Gemeinwohl ist das Leitmotiv aller revolutionären Bemühungen, besonders in der konstruktiven Phase. Dieser Geist der Solidarität im Interesse eines gemeinsamen Ziels durchwogte Rußland in mächtigen Wellen in den ersten Tagen der Oktober/November-Revolution.

 

Diesem Enthusiasmus wohnten Kräfte inne, die, bei intelligenter Führung, unter ausschließlicher Berücksichtigung des Volkswohls, Berge hätte versetzen können. Es lag auf der Hand, wer eine solche wirkungsvolle Führung hätte übernehmen können: die Arbeiterorganisationen und die Kooperative, die Rußland wie mit einem Brückennetz überzogen, das Stadt und Land miteinander verband; die Sowjets, die als Antwort auf die Bedürfnisse des russischen Volkes entstanden waren und schließlich die Intelligentsia, zu deren Tradition seit einem Jahrhundert die heroische Hingabe an die Sache der Befreiung Rußlands gehörte.

 

Aber eine solche Entwicklung gehörte keineswegs ins Programm der Bolschewiki. Für einige Monate, im Anschluß an die Oktober-Ereignisse, duldeten sie die Manifestation der verschiedenen Kräfte des Volkes, duldeten, daß sich die Revolution in immer weiter werdende Kanäle ergoß. Aber sobald sich die Kommunistische Partei fest genug im Regierungssattel fühlte, begann sie den Spielraum der Aktivität des Volkes einzuengen. Alle folgenden Aktionen der Bolschewiki, ihre Politik mit all ihren Änderungen, ihre Kompromisse und Rückzüge, ihre Methoden der Unterdrückung und Verfolgung, ihr Terrorismus und die Ausrottung aller abweichenden politischen Ansichten - all das waren nur verschiedene Mittel zu einem Ziel: die Behauptung der Staatsmacht in den Händen der Kommunisten. In der Tat machten die Bolschewiki selbst in Rußland gar kein Hehl aus diesem Vorhaben. Die Kommunistische Partei, so behaupteten sie, sei die Avantgarde des Proletariats, und die Diktatur müsse infolgedessen in ihrer Hand ruhen. Aber die Bolschewiki hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht - ohne die Bauern, die weder durch die Tscheka, noch durch Massenerschießungen dazu gebracht werden konnten, das bolschewistische Regime zu unterstützen. Die Bauern waren der Fels, an dem die subtilsten Pläne und Vorhaben Lenins zerschellten. Aber Lenin, ein behender Akrobat, war geschickt genug, auch in den engsten Grenzen noch zu agieren. Die „Neue ökonomische Politik“ (NEP) wurde gerade rechtzeitig eingeführt, um die Katastrophe abzuwenden, die langsam aber sicher über das kommunistische Gebäude hereinzubrechen drohte.

 

 

II

 

Die „Neue ökonomische Politik“ kam für die meisten Kommunisten als Überraschung und Schock. Sie sahen in ihr eine Umkehrung all dessen, was ihre Partei proklamiert hatte - eine Umkehrung des Kommunismus selbst. Einige der ältesten Parteimitglieder, Männer, die sich unter dem Zarenregime Gefahr und Verfolgung ausgesetzt hatten, während Lenin und Trotzki im Ausland in Sicherheit lebten, verließen, verbittert und enttäuscht, aus Protest die Partei. Daraufhin begannen die Führer mit Ausschlußverfahren. Sie ordneten die Säuberung der Partei von allen „zweifelhaften“ Elementen an. Jeder, der einer unabhängigen Haltung verdächtig war, und alle, die die „Neue ökonomische Politik“ nicht als der revolutionären Weisheit letzter Schluß akzeptierten, wurden ausgestoßen. Unter ihnen waren Männer, die jahrelang voller Hingabe der Sache des Kommunismus gedient hatten. Einige von ihnen, bis ins Innerste getroffen durch das ungerechte und brutale Vorgehen und zutiefst erschüttert über den Zusammenbruch dessen, was ihnen als Höchstes gegolten hatte, begingen sogar Selbstmord.

 

Aber die ungehinderte Verkündigung des Leninschen neuen Evangeliums mußte gesichert werden, des Evangeliums von der Heiligkeit des Privateigentums und der Freiheit zu halsabschneiderischer Konkurrenz, das auf den Ruinen von vier Jahren der Revolution errichtet wurde.

 

Die kommunistische Entrüstung über die „Neue ökonomische Politik“ war jedoch lediglich ein Beweis für die geistige Verwirrung von Lenins Gegnern. Wer anders als ein geistig Verwirrter konnte den zahllosen akrobatischen Kunststücken Leninscher Politik beipflichten, um sich dann beim letzten Purzelbaum, beim logisch notwendigen Höhepunkt, zu entrüsten? Das Unglück dieser gläubigen Kommunisten war, daß sie an die „Jungfrauengeburt“ des kommunistischen Staates glaubten, der mit Hilfe der Revolution die Welt erlösen sollte. Aber die meisten der kommunistischen Führer gaben sich niemals einer solchen Täuschung hin. Am allerwenigsten Lenin selbst.

 

Während meines ersten Interviews gewann ich den Eindruck, daß er ein gewiefter Politiker war, der genau wußte, was er wollte, und der vor nichts zurückschrecken würde, um sein Ziel zu erreichen. Nachdem ich ihn bei mehreren Gelegenheiten hatte reden hören und seine Werke gelesen hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß die Revolution Lenin sehr wenig bedeutete und der Kommunismus ihm eine Angelegenheit ferner Zukunft war. Der zentralisierte politische Staat war Lenins Gott, dem alles andere geopfert werden mußte. Irgendjemand sagte, Lenin würde die Revolution opfern, um Rußland zu retten. Lenins Politik hat jedoch bewiesen, daß er bereit war, sowohl die Revolution als auch das Land zu opfern; oder zumindest einen Teil des Landes, um in dem Rest Rußlands seine politischen Pläne zu verwirklichen.

 

Lenin war der anpassungsfähigste aller Politiker der Geschichte. Er konnte zu gleicher Zeit ein Ultra-Revolutionär, ein Kompromißler und ein Konservativer sein. Als der Schrei „Alle Macht den Räten!“ wie eine gewaltige Welle Rußland durchwogte, schwamm Lenin mit dem Strom. Als die Bauern vom Land, die Arbeiter von den Fabriken Besitz ergriffen, stimmte Lenin diesen direkten Aktionen nicht nur zu, sondern ging sogar noch weiter. Er lancierte die berühmte Devise „Beraubt die Räuber!“, ein Schlachtruf, der Verwirrung in den Köpfen der Leute stiftete und dem revolutionären Idealismus unerhörten Schaden zufügte. Nie zuvor hatte irgendein wahrer Revolutionär die gesellschaftliche Enteignung als Übertragung des Reichtums von einer Gruppe von Individuen auf eine andere interpretiert. Doch genau das bedeutete Lenins Schlachtruf. Die blind wütenden und verantwortungslosen Überfälle, die Akkumulation des Reichtums der früheren Bourgeoisie in den Händen der neuen Rätebürokratie, die Schikane, der man jene aussetzte, deren einziges Verbrechen in ihrem ehemaligen gesellschaftlichen Status bestand, waren alle das Ergebnis von Lenins „Beraubt die Räuber“-Politik. Die gesamte folgende Geschichte der Revolution ist ein Kaleidoskop, das sich zusammensetzt aus Lenins Kompromissen und seinem Verrat an seinen eigenen Wahlsprüchen.

 

Bolschewistische Handlungen und Methoden seit den Oktobertagen mögen der „Neuen ökonomischen Politik“ zu widersprechen scheinen. In Wirklichkeit aber waren sie Glieder in der Kette, die die allmächtige zentralistische Regierung mit dem Staatskapitalismus als ihrem ökonomischen Ausdruck zusammenschmieden sollte. Lenin besaß Klarheit der Vision und einen eisernen Willen. Er wußte, wie er seine Genossen innerhalb und außerhalb Rußlands glauben machen konnte, daß seine Pläne wahrer Sozialismus und seine Methoden die Revolution waren. Kein Wunder, daß Lenin Verachtung für seine Anhänger empfand, die er nie zögerte ihnen ins Gesicht zu schleudern „Nur Narren können glauben, daß Kommunismus im Rußland von heute möglich ist“, antwortete Lenin den Gegnern der „Neuen Ökonomischen Politik“.

 

Lenin hatte in der Tat recht. Wahrer Kommunismus war in Rußland niemals ausprobiert worden, sofern man nicht 33 verschiedene Lohnstufen, verschiedene Lebensmittelrationen, Privilegien für einige und Gleichgültigkeit gegenüber den Massen als Kommunismus ansehen will.

 

In der frühen Phase der Revolution war es für die Kommunistische Partei relativ leicht, sich in den Besitz der Macht zu setzen. Alle revolutionären Elemente, im Banne der ultrarevolutionären Versprechungen der Bolschewiki, verhalfen ihnen zur Macht. Einmal im Besitz des Staates begannen die Kommunisten mit ihrer Eliminierung. Alle politischen Parteien und Gruppen, die sich weigerten, sich der neuen Diktatur zu unterwerfen, mußten gehen. Zuerst die Anarchisten und die frühen sozialistischen Revolutionäre, dann die Menschewiki und andere Gegner von rechts und zuguterletzt jeder, der es wagte, nach einer eigenen Meinung zu streben. Das Los aller unabhängigen Organisationen war ähnlich. Sie wurden entweder den Bedürfnissen des neuen Staates untergeordnet oder ganz zerstört, wie z. B. die Räte, die Gewerkschaften und die Kooperative - drei wichtige Faktoren für die Verwirklichung der Hoffnungen der Revolution. Die Räte waren zum erstenmal in der Revolution von 1905 aufgetreten. Sie spielten eine bedeutende Rolle während jener kurzen, aber wichtigen Periode. Obwohl die Revolution zerschlagen wurde, blieb die Idee der Räte in den Köpfen und Herzen der russischen Massen verwurzelt. Beim ersten Dämmern, das Rußland im Februar 1917 erhellte, lebten die Räte wieder auf und standen in kürzester Frist in Blüte. Das Volk sah in den Räten keineswegs eine Beschränkung des Geistes der Revolution. Ganz im Gegenteil: Die Revolution sollte ihren höchsten und freiesten praktischen Ausdruck durch die Räte finden. Das war der Grund für das spontane und rasche Sichausbreiten der Rätebewegung über ganz Rußland. Die Bolschewiki erkannten die Bedeutung des populären Trends und schlossen sich dem Schrei an. Aber als sie die Regierung unter ihre Kontrolle gebracht hatten, erkannten die Kommunisten, daß die Räte eine Bedrohung für die Souveränität des Staates darstellten. Sie konnten sie aber nicht willkürlich zerstören, ohne ihr eigenes Prestige als Förderer des Rätesystems zu Hause und im Ausland zu untergraben. Sie begannen, sie allmählich von der Macht abzuschneiden, um sie schließlich ihren eigenen Bedürfnissen unterzuordnen.

 

Die russischen Gewerkschaften waren einer Verstümmelung bei weitem zugänglicher. Zahlenmäßig und der revolutionären Struktur nach steckten sie noch in den Kinderschuhen. Indem man die Mitgliedschaft bei den Gewerkschaften obligatorisch machte, gewannen die russischen Arbeiterorganisationen an physischer Statur, blieben jedoch geistig im Kindheitsstadium stecken. Der kommunistische Staat wurde zur Amme der Gewerkschaften. Diese wiederum dienten als Speichellecker des Staates. „Eine Schule für den Kommunismus“ nannte Lenin sie in der berühmten Auseinandersetzung über die Funktionen der Gewerkschaften. Ja. Aber eine antiquierte Schule, in der der Geist des Kindes an Fesseln gelegt und zerstört wird. Nirgendwo auf der Welt zeigen sich die Gewerkschaften dem Willen und Diktat des Staates gegenüber so unterwürfig wie im bolschewistischen Rußland. Das Schicksal der Kooperative ist zu bekannt, um der Erläuterung zu bedürfen. Die Kooperative waren die wichtigsten Bindeglieder zwischen Stadt und Land. Sie waren von unschätzbarem Wert für die Revolution als ein beliebtes und erfolgreiches Medium für Tausch und Verteilung und für die Rekonstruktion Rußlands. Die Bolschewiki verwandelten sie in Zahnräder der Regierungsmaschine und zerstörten so ihre Nützlichkeit und Wirksamkeit.

 

 

III

 

Es dürfte jetzt klar sein, warum die Russische Revolution, da sie von der Kommunistischen Partei geführt wurde, mißlingen mußte. Die politische Macht der Partei, im Staate organisiert und zentralisiert, suchte sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu behaupten. Die zentralen Autoritäten versuchten die Aktivitäten des Volkes in Formen zu zwingen, die den Zwecken der Partei entsprachen. Deren alleiniges Ziel war es, den Staat zu stärken und alle ökonomischen politischen und sozialen Aktivitäten zu monopolisieren - ja sogar alle kulturellen Schöpfungen. Der Revolution ging es um etwas ganz anderes, und schon ihrem Charakter nach war sie die Negierung von Autorität und Zentralisation. Sie strebte es an, der Selbstdarstellung des Proletariats immer weitere Gebiete zu öffnen und die Entwicklungsstufen individueller und kollektiver Anstrengung zu potenzieren. Die Ziele und Tendenzen der Revolution waren denen der herrschenden Partei entgegengesetzt.

 

Dasselbe gilt für die Methoden von Revolution und Staat. Die Methoden der Revolution waren auch von revolutionärem Geist inspiriert: das heißt von der Befreiung von allen unterdrückenden und einschränkenden Mächten; kurz, von libertären Prinzipien. Die Methoden des Staates dagegen - des bolschewistischen Staates wie auch jeder anderen Regierung - basierten auf Zwang, der im Zuge der Entwicklung notwendigerweise in systematischer Gewaltanwendung, in Unterdrückung und Terrorismus endete. So kämpften also zwei einander entgegengesetzte Richtungen um die Vorherrschaft: der bolschewistische Staat und die Revolution. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Die beiden in Zielen und Methoden antagonistischen Richtungen konnten nicht harmonisch zusammenarbeiten: der Triumph des Staates bedeutete die Niederlage der Revolution.

 

Es wäre ein Irrtum anzunehmen, die Revolution sei ausschließlich am Charakter der Bolschewiki gescheitert. Ihr Fehlschlag war grundsätzlich das Resultat der Prinzipien und Methoden des Bolschewismus. Es waren der autoritäre Geist und die Prinzipien des Staates, die die freiheitlichen und befreienden Bestrebungen erstickten. Hätte irgendeine andere politische Partei die Regierung unter ihrer Kontrolle gehabt, das Ergebnis wäre im wesentlichen dasselbe gewesen. Es waren weniger die Bolschewiki selbst, die die Russische Revolution töteten, als vielmehr die bolschewistische Idee. Es war der Marxismus, wie modifiziert auch immer, kurz fanatische Regierungsgläubigkeit. Nur ein Wissen um die grundlegenden Gewalten, die die Revolution unter sich zermalmten, kann die wahre Lektion dieses weltbewegenden Ereignisses darstellen. Die Russische Revolution spiegelt im Kleinen den Kampf eines Jahrhunderts zwischen dem libertären und dem autoritären Prinzip wider. Denn was ist Fortschritt, wenn nicht eine allgemeinere Anerkennung der Prinzipien der Freiheit gegenüber denen des Zwangs? Die Russische Revolution war ein libertärer Schritt, der durch den bolschewistischen Staat rückgängig gemacht wurde, durch den vorläufigen Sieg der reaktionären Idee der Herrschaft.

 

Dieser Sieg hatte eine ganze Reihe von Ursachen ...

 

Die Hauptursache ist jedoch nicht in der Rückständigkeit Rußlands zu suchen, wie so viele Kritiker behaupteten. Die Hauptursache war das kulturelle Niveau der Russen, das ihnen nicht nur gewisse Vorteile über ihre aufgeklärteren Nachbarn gab, sondern auch einige fatale Nachteile mit sich brachte. Die Russen waren „kulturell rückständig“ im Sinne eines Unverdorbenseins durch politische und parlamentarische Korruption. Die Kehrseite der Medaille aber waren Unerfahrenheit im politischen Spiel und ein naiver Glaube an die wunderbare Gewalt der Partei, die am lautesten schrie und die meisten Versprechungen machte. Dieser Glaube an die Macht der Regierung machte das russische Volk zum Sklaven der Kommunistischen Partei, noch bevor die große Masse erkannte, daß ihre Nacken unter das Joch gebeugt waren. In den Anfangstagen der Revolution war das libertäre Prinzip stark, das Bedürfnis nach freier Ausdrucksmöglichkeit alldurchdringend. Aber als die erste Woge der Begeisterung im prosaischen Alltagsleben verebbte, da war feste, gesicherte Überzeugung nötig, wenn die Flamme der Freiheit nicht verlöschen sollte. In der ganzen Weite Rußlands gab es nur eine Handvoll Männer, die das Feuer unterhalten konnten - die Anarchisten, deren Zahl gering war und deren Bemühungen, zur Zarenzeit absolut unterdrückt, keine Zeit gehabt hatten, Früchte zu tragen. Das russische Volk, das bis zu einem gewissen Grade instinktiv anarchistisch ist, war noch zu wenig vertraut mit den wahren Prinzipien und Methoden der Freiheit, um sie wirkungsvoll im Leben anzuwenden. Die meisten der russischen Anarchisten waren unglücklicherweise noch in begrenzte Gruppenaktivitäten und individualistische Bemühungen verstrickt, anstatt sich den bedeutungsvolleren sozialen und kollektiven Anstrengungen anzuschließen. Die Anarchisten, so wird der unvoreingenommene Historiker der Zukunft zugeben müssen, haben eine sehr wichtige Rolle in der Russischen Revolution gespielt - eine größere und erfolgreichere Rolle als ihre relativ kleine Anzahl hätte vermuten lassen. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zwingen mich jedoch zuzugeben, daß ihre Arbeit von unendlich viel größerem praktischen Wert gewesen wäre, wären sie besser organisiert und darauf vorbereitet gewesen, die entfesselten Energien des Volkes in die Bahnen einer Reorganisation des Lebens auf der Basis der Freiheit zu lenken.

 

Aber das Versagen der Anarchisten in der Russischen Revolution - im eben angedeuteten Sinne - ist keineswegs ein Argument gegen das libertäre Prinzip. Die Russische Revolution hat im Gegenteil wider jeden Zweifel bewiesen, daß die Idee des Staates - der Staatssozialismus - in all ihren Manifestationen (ökonomisch, politisch, sozial, bildungsmäßig) auf völlig hoffnungslose Weise bankrott ist. Nie zuvor in der Geschichte haben sich Autorität, Staat, Regierung so ihrem Wesen nach statisch, reaktionär, ja konterrevolutionär in ihrer Wirkung erwiesen. Kurzum, sie sind geradezu die Antithese der Revolution.

 

Es bleibt so wahr, wie es in jedem Fortschritt gewesen ist, daß nur der Geist und die Methode der Freiheit den Menschen einen Schritt vorwärtsbringen können in seinem ewigen Kampf für ein besseres, verfeinerteres und freieres Leben. Angewandt auf die großen sozialen Umwälzungen, die man Revolutionen nennt, ist diese Tendenz ebenso mächtig wie im gewöhnlichen Prozeß der Entwicklung. Die autoritäre Methode hat die ganze Geschichte hindurch versagt, und nun war ihr in der Russischen Revolution dasselbe Los beschieden. Bis heute hat der menschliche Erfindungsgeist kein besseres Prinzip entdeckt als das der Freiheit, und der Mensch verlieh in der Tat seiner höchsten Weisheit Ausdruck, als er die Freiheit die Mutter und nicht die Tochter der Ordnung nannte. Allen politischen Doktrinen und Parteien zum Trotz kann keine Revolution von wirklichem und dauerndem Erfolg sein, wenn sie nicht jeder Tyrannei und Zentralisation ein nachdrückliches Veto entgegensetzt und entschieden dafür kämpft, die Revolution zu einer wirklichen Umwertung aller ökonomischen, sozialen und kulturellen Werte zu machen. Nicht die bloße Ersetzung einer Partei durch eine andere in der Kontrolle der Regierung, nicht die Verbrämung der Autokratie mit proletarischen Parolen, nicht die Diktatur einer neuen Klasse über eine alte, nicht politischer Szenenwechsel irgendwelcher Art, sondern allein die vollständige Umkehrung all dieser autoritären Prinzipien wird der Revolution dienen.

 

Auf ökonomischem Gebiet muß die Transformation in den Händen der Industriearbeiter liegen, die die Wahl haben zwischen einem Industriestaat und dem Anarcho-Syndikalismus. Entschieden sie sich für den Industriestaat, so wäre die konstruktive Entwicklung der neuen sozialen Struktur von dieser Seite aus ebenso bedroht wie von der des politischen Staates. Das Wachstum neuer sozialer Lebensformen würde verhindert. Aus diesem Grund genügt der Syndikalismus (oder Industrialismus) allein noch nicht, auch wenn seine Anhänger es behaupten. Nur wenn der Geist der Freiheit die ökonomischen Organisationen der Arbeiter durchdringt, können die vielfältigen schöpferischen Energien des Volkes sich manifestieren, nur dann kann die Revolution geschützt und verteidigt werden. Nur durch freie Initiative und Beteiligung der Massen an den Angelegenheiten der Revolution können die entsetzlichen Fehler vermieden werden, die in Rußland begangen wurden. Die Einwohner von Petrograd hätten zum Beispiel nicht unter der Kälte zu leiden gehabt, wenn die ökonomischen Arbeiterorganisationen der Stadt frei gewesen wären, die Initiative zugunsten des allgemeinen Besten zu ergreifen, denn nur hundert Werst von Petrograd entfernt gab es Brennmaterial. Die Bauern der Ukraine wären nicht an der Bestellung ihrer Felder gehindert worden, hätten sie Zugang zu den Werkzeugen gehabt, die in den Lagerhäusern Charkows und anderer industrieller Zentren gestapelt waren. Aber ihre Verteilung wurde von Moskau aus dirigiert. Dies sind charakteristische Beispiele für die zentralistische Regierungsweise der Bolschewiki, und sie sollten die Arbeiter Europas und Amerikas vor den zerstörerischen Auswirkungen des Etatismus warnen.

 

Nur die industrielle Macht der Massen, wie sie sich in ihren libertären Assoziationen - im Anarcho-Syndikalismus - manifestiert, ist in der Lage, das ökonomische Leben zu organisieren und die Produktion voranzutreiben. Die Kooperative hingegen, die mit den industriellen Körperschaften harmonisch zusammenarbeiten, dienen als Tausch- und Distributionsmedien zwischen Stadt und Land und binden gleichzeitig die industriellen und agrarischen Massen brüderlich aneinander. Ein gemeinsames Band gegenseitiger Dienst- und Hilfsleistungen wird geschaffen, das das stärkste Bollwerk der Revolution ist - viel stärker als Zwangsarbeit, Rote Armee oder Terrorismus. Es ist dies der einzige Weg, auf dem die Revolution als Hefe wirken kann, die die Entwicklung neuer sozialer Formen vorantreibt und die Massen zu größeren Leistungen anstachelt.

 

Aber libertäre industrielle Arbeiterassoziationen und Kooperative sind nicht die einzigen Medien im Zusammenspiel der vielfältigen Elemente des sozialen Lebens. Die kulturellen Kräfte sind zwar den ökonomischen eng verbunden, haben aber dennoch eigene Funktionen zu erfüllen. In Rußland wurde der kommunistische Staat zum alleinigen Schiedsrichter über alle Bedürfnisse der Gesellschaft. Das Ergebnis... waren vollkommene kulturelle Stagnation und Lähmung jedes schöpferischen Bemühens. Wenn ein solcher Zusammenbruch künftig vermieden werden soll, müssen die kulturellen Kräfte, wenngleich im ökonomischen Leben verwurzelt, doch unabhängig in ihrem Spielraum und frei in ihrem Ausdruck sein. Nicht Verbundenheit mit der herrschenden politischen Partei, sondern Hingabe an die Revolution, Wissen, Können und vor allem der schöpferische Impuls sollten Kriterien sein für die Befähigung zu kulturellem Schaffen. In Rußland wurde dies nahezu von Beginn der Oktoberrevolution an durch die gewaltsame Trennung von Intelligenz und Massen unmöglich gemacht. Es ist durchaus richtig, daß in diesem Fall der Ursprung der Schuld bei der Intelligenz selbst zu suchen ist, die sich in Rußland - wie in anderen Ländern auch - mit Zähigkeit an die Rockschöße der Bourgeoisie klammerte. Diese Gruppe, die nicht fähig war, die Bedeutung der revolutionären Ereignisse zu erfassen, bemühte sich, die Flut durch großangelegte Sabotage aufzuhalten. Aber es gab in Rußland auch noch eine andere Intelligenzschicht, eine mit einem Jahrhundert glorreicher revolutionärer Vergangenheit. Dieser Teil der Intelligenz blieb dem Volk treu, obwohl er die neue Diktatur nicht vorbehaltlos akzeptieren konnte. Es war ein fataler Irrtum der Bolschewiki, daß sie zwischen diesen beiden Gruppen der Intelligenz nicht zu unterscheiden vermochten. Sie begegneten Sabotageakten mit massenhaftem Terror gegen die Intelligenz als Klasse und begannen eine Haßkampagne gegen diese, die die Verfolgung der Bourgeoisie an Intensität noch übertraf. Auf diese Weise wurde ein Abgrund zwischen der Intelligenz und dem Proletariat geschaffen und eine Barriere gegen konstruktive Arbeit errichtet.

 

Lenin erkannte diesen verbrecherischen Fehler als erster. Er wies darauf hin, daß es ein gefährlicher Irrtum sei, die Arbeiter zu dem Glauben zu verführen, sie könnten Industrien aufbauen und kulturelle Arbeit verrichten ohne die Hilfe und Kooperation der Intelligentsia. Das Proletariat besaß weder Wissen noch Training für eine solche Aufgabe, und die Intelligentsia mußte daher wieder mit der Leitung des industriellen Lebens betraut werden. Aber die Einsicht in einen solchen Fehler rettete Lenin und seine Partei nicht davor, sofort einen neuen zu begehen. Die technische Intelligenz wurde zu Bedingungen zurückgerufen, die dem Antagonismus gegen das Regime auch noch ein Element der Desintegration hinzufügte. Während die Arbeiter weiter hungerten, erhielten Ingenieure, Experten und Techniker hohe Gehälter, besondere Privilegien und die besten Rationen. Sie wurden die gehätschelten Angestellten des Staates und die neuen Sklaventreiber der Massen. Diese, in denen jahrelang der trügerische Glaube genährt worden war, Muskelkraft allein genüge für eine erfolgreiche Revolution und nur physische Arbeit sei produktiv, und die durch eine Hetzkampagne dazu verleitet worden waren, in jedem Intellektuellen einen Konterrevolutionär und Spekulanten zu sehen, konnten nicht Frieden schließen mit denen, die zu hassen man sie gelehrt hatte.

 

Unglücklicherweise ist Rußland nicht das einzige Land, in dem diese Art proletarischer Haltung der Intelligenz gegenüber vorherrscht. Überall bedienen sich politische Demagogen der Unwissenheit der Massen, um sie zu lehren, Erziehung und Kultur seien bürgerliche Vorurteile, die Massen könnten ohne sie auskommen und seien allein befähigt, die Gesellschaft wieder aufzubauen. Die Russische Revolution hat klar bewiesen, daß Gehirn und Muskeln gleich unentbehrlich sind für ein Werk der sozialen Erneuerung. Intellektuelle und manuelle Arbeit sind einander im sozialen Körper ebenso nahe verbunden wie Hirn und Hand im menschlichen. Eines kann ohne das andere nicht funktionieren.

 

Es ist wahr, daß die meisten Intellektuellen sich als eine Sonderklasse betrachten, die den Arbeitern überlegen ist, aber überall sind die sozialen Bedingungen dabei, den hohen Sockel zu zerstören, auf den die Intelligentsia sich gestellt hat. Sie werden gezwungen einzusehen, daß auch sie Proletarier sind und daß sie sogar noch abhängiger vom ökonomischen Gebieter sind als die Handarbeiter. Während der physisch arbeitende Proletarier sein Werkzeug zusammenpacken und sich in der ganzen Welt nach einer neuen Stelle umsehen kann, um einer unerträglichen Situation zu entgehen, ist der geistig arbeitende Proletarier viel stärker in seinem besonderen sozialen Milieu verwurzelt und kann seine Beschäftigung und seine Lebensart nicht so leicht aufgeben und verändern. Es ist daher von höchster Bedeutung, die Arbeiter über die rapide Proletarisierung der Intellektuellen und das dadurch entstehende Band zwischen ihnen zu informieren. Wenn die westliche Welt von den Lehren der Russischen Revolution profitieren soll, so muß die Demagogie aufhören, mit der man den Massen schmeichelt und in ihnen einen blinden Antagonismus gegen die Intellektuellen nährt. Das bedeutet jedoch nicht, daß die Arbeiter völlig von den Intellektuellen abhängig werden sollen. Die Massen müssen im Gegenteil gleich jetzt damit beginnen, sich auf die große Aufgabe vorzubereiten, die die Revolution ihnen auferlegen wird. Sie sollten das theoretische und praktische Wissen erwerben, das notwendig ist, den komplizierten Mechanismus der industriellen und sozialen Struktur ihrer jeweiligen Länder in Gang zu halten und zu leiten. Aber auch im günstigsten Fall bedürfen die Arbeiter der Kooperation der technischen und kulturellen Intelligenz. Umgekehrt muß diese einsehen, daß ihre wahren Interessen mit denen der Massen identisch sind. Sobald diese beiden gesellschaftlichen Kräfte gelernt hätten, ein harmonisches Ganzes zu bilden, würden die traurigen Aspekte der Russischen Revolution zu einem großen Teil verschwinden. Niemand würde mehr erschossen, weil er „irgendwann einmal eine Erziehung genoß“. Der Wissenschaftler, der Ingenieur, der Spezialist, der Forscher, der Erzieher und der Künstler ebenso wie der Zimmermann, der Maschinist und der ganze Rest sind alle Teile der kollektiven Macht, die die Revolution in die großartige Architektur des neuen sozialen Gebäudes verwandeln soll. Nicht Zwietracht, sondern Eintracht; nicht Antagonismus, sondern Kameradschaft; nicht Erschießen, sondern Sympathie - das ist die Lehre, die Intelligenz und Arbeiter aus dem russischen Zusammenbruch zu ziehen hatten. Alle müssen den Wert gegenseitiger Hilfe und freiwilliger Zusammenarbeit schätzen lernen. Doch jedermann muß in seiner eigenen Sphäre unabhängig bleiben und aus einem Gefühl der Harmonie heraus der Gesellschaft sein Bestes geben. Nur so werden in Produktion, Erziehung und Kultur immer neue und reichere Formen ihren Ausdruck finden. Das ist für mich die allumfassende und essentielle Moral aus der Russischen Revolution.

 

 

IV

 

In den vorangegangenen Seiten habe ich zu zeigen versucht, warum die bolschewistischen Prinzipien, Methoden und Taktiken fehlschlugen, und daß die Anwendung ähnlicher Prinzipien und Methoden in anderen Ländern, selbst in den industriell höchstentwickelten, zu denselben Ergebnissen führen müsse. Ich habe ferner demonstriert, daß nicht nur der Bolschewismus versagte, sondern der Marxismus selbst. Das heißt die Staatsidee, das autoritäre Prinzip hat mit der Russischen Revolution den Bankrott erklärt. Wollte ich meine gesamte Argumentation in einem Satz zusammenfassen, so würde ich sagen: Die dem Staate innewohnende Tendenz ist es, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu konzentrieren, einzuengen und zu monopolisieren; in der Natur der Revolution hingegen liegt es, zu wachsen, sich auszuweiten und immer weitere Kreise zu ziehen. Mit anderen Worten, der Staat ist institutionell und statisch; die Revolution ist fließend und dynamisch. Diese beiden Tendenzen sind nicht miteinander in Einklang zu bringen und wirken zerstörerisch aufeinander. Die Staatsidee hat die Russische Revolution erwürgt, und sie muß in allen anderen Revolutionen dasselbe Resultat zeitigen, wenn die Idee der Freiheit nicht zur Vorherrschaft gelangt.

 

Aber ich gehe noch viel weiter. Es sind nicht nur Bolschewismus, Marxismus und Regierungsdenken, die der Revolution wie auch jedem wesentlichen menschlichen Fortschritt tödlich sind. Die Hauptursache der Niederlage der Russischen Revolution liegt viel tiefer. Sie ist in der sozialistischen Konzeption der Revolution selbst zu suchen.

 

Die dominierende Idee der sozialistischen Revolutionskonzeption, ja geradezu der Generalnenner, auf den sie sich bringen läßt, ist die Vorstellung, daß Revolution eine gewaltsame Veränderung der sozialen Bedingungen sei, durch welche eine gesellschaftliche Klasse, nämlich die der Arbeiter, die Herrschaft über eine andere Klasse, nämlich die der Kapitalisten, erlangt. Es ist die Konzeption einer rein physischen Veränderung, und als solche beinhaltet sie einen bloßen politischen Szenenwechsel und institutionelle Umorganisation. Bürgerliche Diktatur wird ersetzt durch die „Diktatur des Proletariats“ - oder durch die ihrer „Avantgarde“, der Kommunistischen Partei; Lenin nimmt den Sitz der Romanows ein, das kaiserliche Kabinett wird umgetauft in Rat der Volkskommissare, Trotzki wird zum Kriegsminister ernannt, und ein Arbeiter wird militärischer Generalgouverneur von Moskau. So sieht im wesentlichen die bolschewistische Konzeption der Revolution aus, wie sie in die Praxis übersetzt wurde. Und mit einigen geringfügigen Änderungen ist das auch die Revolutionsidee anderer sozialistischer Parteien.

 

Diese Konzeption ist auf fatale Weise von innen heraus falsch. Revolution ist in der Tat ein mit Gewalt verbundener Prozeß. Aber wenn er in einem bloßen Wechsel des Diktators, in einem Austausch der Namen und Personen enden sollte, so lohnte er die Mühe kaum. Umsonst wären dann all die Kämpfe und Opfer, der unerhörte Verlust an Menschenleben und kulturellen Werten, die zu jeder Revolution gehören. Selbst wenn eine solche Revolution zu größerem sozialen Reichtum führte, was in Rußland nicht der Fall war, selbst dann wäre sie den ungeheuren Preis, den sie kostete, nicht wert: Bloße materielle Verbesserung kann ohne blutige Revolution erreicht werden. Die wahren Ziele und Zwecke einer Revolution, wie ich sie verstehe, erschöpfen sich nicht in Beruhigungsmitteln und Reformen.

 

Meiner Meinung nach, die sich durch die russische Erfahrung tausendfach bestätigt und bestärkt sieht, liegt die große Mission der Revolution, der Sozialen Revolution, in einer fundamentalen Umwertung aller Werte. Einer Umwertung nicht nur der sozialen, sondern auch der menschlichen Werte. Die letzteren sind sogar die bedeutsameren, beruhen doch auf ihnen alle sozialen Werte. Unsere Institutionen und Verhältnisse stützen sich auf tiefverwurzelte Ideen. Diese Verhältnisse zu verändern, bei gleichzeitigem Bestehenlassen der ihnen zugrundeliegenden Ideen und Werke, käme einer oberflächlichen Transformation gleich, die weder von Dauer sein noch wirkliche Verbesserungen bringen kann. Es wäre ein Wechsel der Form, nicht der Substanz, wie das russische Beispiel es auf tragische Weise gezeigt hat.

 

Es ist zugleich das große Versagen und die große Tragödie der Russischen Revolution, daß sie unter der Führung der herrschenden Partei versuchte, nur die Institutionen und Verhältnisse zu verändern, ohne sich im geringsten um die menschlichen und sozialen Werte zu kümmern, die die Revolution involvierte. Ja schlimmer noch, in seiner wahnwitzigen Machtgier suchte der kommunistische Staat gerade jene Ideen und Konzeptionen noch zu stärken und zu verteidigen, deren Vernichtung Ziel der Revolution war. Er unterstützte und ermutigte die scheußlichsten antisozialen Eigenschaften und zerstörte systematisch die sowieso schon geschwächte Konzeption der neuen revolutionären Werte.

 

Der Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit, die Liebe zur Freiheit und menschlichen Brüderschaft - diese Grundvoraussetzungen einer wirklichen Erneuerung der Gesellschaft - wurden vom kommunistischen Staat in einer Weise unterdrückt, die ihrer Vernichtung gleichkam. Der instinktive menschliche Sinn für Recht und Billigkeit wurde als Sentimentalität gebrandmarkt; Menschenwürde und Freiheit wurden als bürgerlicher Mummenschanz entlarvt; die Heiligkeit des Lebens, die zentral ist für jede soziale Erneuerung, wurde als unrevolutionär, gar konterrevolutionär verdammt. Diese fürchterliche Perversion fundamentaler Werte trug den Keim der Zerstörung schon in sich. Die Konzeption, daß die Revolution lediglich ein Mittel sei, an die Macht zu gelangen, brachte es unvermeidlich mit sich, daß alle revolutionären Werte den Bedürfnissen des sozialistischen Staates untergeordnet, ja gar benutzt werden mußten, der Förderung der Sicherheit der frisch erworbenen Regierungsgewalt zu dienen. „Staatsräson“, maskiert als „Interesse von Volk und Revolution“, wurde zum einzigen Kriterium des Handelns, ja sogar des Fühlens. Gewalt, tragischerweise unvermeidlich in revolutionären Umwälzungsprozessen, wurde zum etablierten Brauch, zur Gewohnheit und wurde sogleich als die mächtigste und „idealste“ Institution inthronisiert. Kanonisierte nicht Sinowjew selbst Dzershinski, das Haupt der blutigen Tscheka, als den „Heiligen der Revolution“? Wurden nicht Uritzki, dem Begründer und sadistischen Boß der Petrograder Tscheka, die höchsten Auszeichnungen des Staats zuteil?

 

Diese Perversion der ethischen Werte kristallisierte sich bald in dem allmächtigen Motto der Kommunistischen Partei: DAS ZIEL RECHTFERTIGT DIE MITTEL. Die Inquisition und die Jesuiten hatten sich in der Vergangenheit dieselbe Devise zu eigen gemacht und ihr die gesamte Moral untergeordnet. Sie rächte sich an den Jesuiten nicht anders als an der Russischen Revolution. In ihrem Gefolge zogen Lüge, Täuschung, Heuchelei und Verrat und Mord vor aller Augen und im Geheimen. Es sollte für Studenten der Sozialpsychologie von größtem Interesse sein, daß zwei zeitlich so weit auseinanderliegende Bewegungen wie das Jesuitentum und der Bolschewismus, die in ihren Ideen so stark differieren, doch genau dieselben Resultate erzielten durch die Anwendung des Prinzips, daß das Ziel alle Mittel rechtfertige. Die historische Parallele, bis heute beinahe vollständig ignoriert, enthält eine sehr wichtige Lektion für alle kommenden Revolutionen und für die gesamte Zukunft der Menschheit.

 

Es gibt keinen größeren Irrtum als den Glauben, Ziele und Zwecke seien eine Sache, Methoden und Taktiken eine andere. Diese Konzeption bedeutet eine potentielle Bedrohung aller sozialen Erneuerung. Jede menschliche Erfahrung lehrt, daß Methoden und Mittel nicht vom Endziel zu trennen sind. Durch individuelle Gewöhnung und soziale Praxis werden die angewandten Mittel zum integrierenden Bestandteil des Endziels; sie beeinflussen und modifizieren es, und schon werden Ziele und Mittel identisch. Vom Tage meiner Ankunft in Rußland an fühlte ich es, zunächst vage, dann immer klarer und bewußter. Die großen und begeisternden Ziele der Revolution wurden so umwölkt und verdunkelt durch die Methoden der herrschenden politischen Macht, daß es schwer war, zwischen temporären Mitteln und letztem Ziel zu unterscheiden. Sowohl psychologisch als auch sozial gesehen müssen die Mittel die Ziele beeinflussen und verändern.

 

Die gesamte Geschichte der Menschheit ist ein fortgesetzter Beweis für den Satz, daß, wenn man sich in seinen Methoden ethischer Konzepte entledigt, man in die Abgründe äußerster Demoralisierung versinkt. Darin liegt die wahre Tragödie der bolschewistischen Philosophie, wie sie in der Russischen Revolution angewandt wurde. Möge diese Lektion nicht umsonst gewesen sein.

 

Keine Revolution kann jemals zu einem erfolgreichen Faktor der Emanzipation werden, wenn nicht die angewandten Mittel in Geist und Tendenz mit den zu erreichenden ZWECKEN identisch sind. Revolution ist die Negation des Bestehenden, ein gewaltsamer Protest gegen die Inhumanität des Menschen dem Menschen gegenüber, mit all den tausendundeinen Sklavereien, die diese Inhumanität impliziert. Sie ist der Zerstörer herrschender Werte, auf denen ein komplexes System der Ungerechtigkeit, Unterdrückung und des Unrechts errichtet worden ist mit Hilfe von Unwissenheit und Brutalität. Sie ist der Herold NEUER WERTE, der die Transformation der grundlegenden Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Gesellschaft ankündigt. Sie ist nicht ein bloßer Reformer, der ein paar soziale Übel übertüncht; nicht lediglich eine Veränderung der Formen und Institutionen; nicht nur ein Umverteiler sozialen Wohlstandes. Sie ist all dies, jedoch bei weitem mehr. Zuerst und vor allem ist sie der UMWERTER ALLER WERTE, der Träger neuer Werte. Sie ist der große LEHRER DER NEUEN ETHIK, der den Menschen mit einer neuen Konzeption des Lebens und seiner Manifestationen in den sozialen Beziehungen inspiriert. Sie ist der geistige und seelische Erneuerer.

 

Ihr erster ethischer Grundsatz ist die Identität der angewandten Mittel mit den verfolgten Zielen. Das Endziel aller revolutionären sozialen Veränderung ist die Heiligkeit des Lebens, die Würde des Menschen, das Recht des Individuums auf Freiheit und Glück. Wären dies nicht die wesentlichen Ziele einer Revolution, so entbehren gewaltsame soziale Veränderungen der Berechtigung. Denn äußerliche soziale Veränderungen waren und sind zu erreichen auf dem Wege normaler Evolution. Revolution hingegen bedeutet nicht bloße äußerliche, sondern grundlegende innere Veränderung. Dieser innere Wechsel von Vorstellungen und Ideen, der immer weitere Strata der Gesellschaft durchdringt, kulminiert schließlich in jener Art gewaltsamen Umsturzes, die man Revolution nennt. Soll dieser Höhepunkt den Prozeß der Umwertung der Werte entbehren, sich gegen ihn wenden, ihn verraten? Das ist es, was in Rußland geschah. Ganz im Gegenteil soll die Revolution den Prozeß, dessen verdichteter Ausdruck sie ist, beschleunigen und fördern; ihre vornehmste Mission ist es, ihn zu inspirieren, zu großen Höhen fortzureißen, ihm den weitesten Spielraum für sein Wirken zu verschaffen. Nur dann bleibt die Revolution sich selbst treu.

 

Auf die Praxis angewandt bedeutet das, daß die Periode der aktuellen Revolution, die sog. Übergangsphase, die Einleitung, das Vorspiel zu neuen sozialen Bedingungen sein muß. Sie ist die Schwelle zum NEUEN LEBEN, zur neuen WOHNUNG DES MENSCHEN UND DER MENSCHHEIT. Als solche muß sie mit dem Geist des neuen Lebens harmonieren, mit der Konstruktion des neuen Gebäudes.

 

Das Heute ist der Vater des Morgen. Die Gegenwart wirft ihre Schatten weit voraus in die Zukunft. Das ist ein Gesetz individuellen und sozialen Lebens. Eine Revolution, die sich ethischer Werte entkleidet, legt damit den Grundstein zu Ungerechtigkeit, Täuschung und Unterdrückung in der Gesellschaft der Zukunft. Die Mittel, die man beim Bau der Zukunft verwendet, werden zu ihrem Eckstein. Nehmt das tragische Schicksal Rußlands zum Zeugen. Die Methoden staatlicher Zentralisation haben individuelle Initiative und Anstrengung lahmgelegt; die Tyrannei der Diktatur hat das Volk in sklavischer Unterwürfigkeit geduckt und die Flamme der Freiheit beinahe vollständig zum Erlöschen gebracht; organisierter Terror hat die Massen verdorben und barbarisiert und jeden Hauch Idealismus erstickt; institutionalisierter Mord hat das menschliche Leben verbilligt, und jeder Sinn für die Würde des Menschen und den Wert des Lebens wurde eliminiert; Zwang auf Schritt und Tritt hat Mühe bitter gemacht, Arbeit zur Strafe und hat das ganze Dasein in ein System gegenseitigen Betrugs verwandelt, in dem die niedrigsten und brutalsten Instinkte des Menschen wieder zur Blüte gelangen. Ein trauriges Erbe, um ein neues Leben der Freiheit und Brüderlichkeit zu beginnen.

 

Es kann nicht genug betont werden, daß Revolution umsonst ist, wenn sie nicht von ihrem Endziel inspiriert ist. Revolutionäre Methoden müssen in Gleichklang sein mit revolutionären Zielen. Die Mittel, die man anwendet, um die Revolution zu fördern, müssen mit deren Zielen harmonisieren. Kurz, die ethischen Werte, die die Revolution in der neuen Gesellschaft etablieren möchte, müssen schon mit den revolutionären Aktivitäten der sog. Übergangsphase zum Tragen kommen. Diese kann als wahre und verläßliche Brücke zu einem besseren Leben nur dann dienen, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das zu erreichende Leben. Revolution ist der Spiegel des kommenden Tages; sie ist das Kind, das der Mann von Morgen sein soll.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 

Nach: Emma Goldman: My further disillusionment in Russia. Garden City, 1924, pp. 144-178. Aus dem Amerikanischen von Ingeborg Brandies

 

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

 

 
Rudolf Rocker - Absolutistische Gedankengänge im Sozialismus

 

I.

 

Unser Bild über die tieferen Ursachen der heutigen Weltkatastrophe wäre nicht vollständig, wenn wir die Rolle übersehen würden, welche der zeitgenössische

 
Sozialismus und die moderne Arbeiterbewegung in der Vorbereitung zu der gegenwärtigen Kulturtragödie gespielt haben. In dieser Hinsicht sind die geistigen Bestrebungen der sozialistischen Bewegung in Deutschland von besonderer Bedeutung, infolge ihres jahrzehntelangen Einflusses auf die sozialistischen Arbeiterparteien Europas und Amerikas.

Der moderne Sozialismus war im Grunde genommen nur eine natürliche Fortsetzung der großen liberalen Gedankenströmungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Liberalismus hatte dem System des fürstlichen Absolutismus den ersten tödlichen Schlag versetzt und das gesellschaftliche Leben auf neue Bahnen gelenkt. Seine geistigen Träger, die in dem Höchstmaß der persönlichen Freiheit den Hebel jeder kulturellen Neugestaltung erkannten und die Betätigung des Staates auf die engsten Grenzen beschränken wollten, hatten damit der Menschheit ganz neue Ausblicke ihrer zukünftigen Entwicklung eröffnet, die unbedingt zu einer Überwindung aller machtpolitischen Bestrebungen und zu einer sachkundigen Verwaltung gesellschaftlicher Dinge hätte führen müssen, wenn ihre wirtschaftliche Einsicht mit ihrer politischen und sozialen Erkenntnis gleichen Schritt gehalten hätte. Das aber war leider nicht der Fall.

 

Unter dem stets wachsenden Einfluß einer sich in immer rascherem Tempo vollziehenden Monopolisierung aller natürlichen und durch gesellschaftliche Arbeit erzeugten Reichtümer entwickelte sich ein neues System wirtschaftlicher Hörigkeit, das sich auf alle ursprünglichen Bestrebungen des Liberalismus und die wirklichen Grundsätze einer politischen und sozialen Demokratie immer verhängnisvoller auswirkte und mit innerer Folgerichtigkeit zu jenem neuen Absolutismus führen mußte, der heute in dem Gebilde des totalen Staates einen so vollendeten und schmachvollen Ausdruck gefunden hat.

 

Die sozialistische Bewegung hätte dieser Entwicklung der Dinge einen Damm entgegensetzen können, wenn sie nicht selber in ihrer großen Mehrheit in den gefährlichen Strudel dieser Vorgänge mit hineingezogen worden wäre, deren zerstörende Folgen sich heute zu einer allgemeinen Kulturkatastrophe ausgewirkt haben. Sie hätte zum Testamentsvollstrecker der liberalen Gedankenentwicklung werden können, indem sie ihr durch die Bekämpfung der Wirtschaftsmonopole und ihr Bestreben, die gesellschaftliche Produktion den Bedürfnissen aller dienstbar zu machen, eine positive Grundlage gegeben hätte. Durch diese wirtschaftliche Ergänzung der politischen und sozialen Ideenströmungen des Liberalismus hätte sie sich zu einem machtvollen Bestandteil im Bewußtsein der Menschen verdichten und zum Träger einer neuen gesellschaftlichen Kultur im Leben der Völker werden können. Tatsächlich haben Männer wie Godwin, Owen, Thompson, Proudhon, Pi y Margati, Pisacane, Bakunin, Guillaume, De Pape, Reclus und später Kropotkin, Malatesta und andere den Sozialismus auch in diesem Sinne aufgefaßt. Allein die große Mehrheit der Sozialisten bekämpfte mit unglaublicher Verblendung die freiheitlichen Grundgedanken der liberalistischen Gesellschaftsauffassung und sah in dieser lediglich einen politischen Niederschlag des so genannten Manchestertums.

 

Auf diese Art wurde der Glaube an die Allmacht des Staates, welcher durch die liberalen Gedankenströmungen des 18. und 19. Jahrhunderts einen empfindlichen Schlag erlitten hatte, wieder neu aufgefrischt und planmäßig gestärkt. Es ist bezeichnend, daß die Vertreter des autoritären Sozialismus im Kampfe gegen den Liberalismus ihre Waffen häufig der Rüstkammer des Absolutismus entlehnt haben, ohne daß dieses den meisten von ihnen auch nur zum Bewußtsein gekommen wäre. Viele von ihnen, besonders die Vertreter der deutschen Schule, die später einen so überragenden Einfluß über die gesamte sozialistische Bewegung erlangte, waren bei Hegel und Fichte und anderen Vertretern der absoluten Staatsidee in die Schule gegangen. Andere wurden von den Überlieferungen des französischen Jakobinismus so mächtig beeinflußt, daß sie sich den Übergang zum Sozialismus nur in der Form der Diktatur vorstellen konnten, noch andere glaubten an eine soziale Theokratie oder an einen sozialistischen Napoleon, der der Welt das Heil bringen sollte.

 

Doch der schlimmste Wunderglaube war die Vorstellung von der "historischen Mission des Proletariats", das nach Marx mit zwangsläufiger Notwendigkeit zum "Totengräber der Bourgeoisie" werden mußte. Das Wort Klasse ist im besten Falle ein soziologischer Einteilungsbegriff, den man unter bestimmten Voraussetzungen gelten lassen kann, aber weder Marx noch irgend ein anderer war bisher imstande, eine feste Grenze für diesen Begriff anzugeben. Es geht mit den Klassen wie mit den Rassen; man weiß nie, wo die eine aufhört und die andere anfängt. Es gibt im sogenannten Proletariat ebensoviele soziale Abstufungen wie im Bürgertum und in jeder anderen Schicht des Volkes. Der schlimmste Irrtum aber ist es, eine Klasse mit bestimmten historischen Aufgaben auszustatten und sie zum Träger gewisser Ideenströmungen machen zu wollen. Wenn man beweisen könnte, daß Menschen, die unter bestimmten wirtschaftlichen Bedingungen geboren und aufgezogen werden, sich in ihrem Denken und Handeln von allen anderen Gesellschaftsgruppen wesentlich unterscheiden, so brauchten wir uns mit diesen Dingen überhaupt nicht zu beschäftigen, da man sich mit offensichtlichen Tatsachen einfach abfinden muß. Aber da liegt ja gerade der Hund begraben. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht bietet nicht die kleinste Gewähr für das Denken und Handeln der Menschen. Die Tatsache allein, daß fast alle großen Pioniere des sozialistischen Gedankens nicht aus dem Proletariat, sondern aus den sogenannten herrschenden Klassen hervorgegangen sind, sollte uns gerade in dieser Hinsicht zum Denken anregen. Man findet unter ihnen Aristokraten wie Saint Simon, Bakunin und Kropotkin, Offiziere der Armee wie Considerant, Bazard, Pisacane und Lawroff, Kaufleute wie Fourier, Fabrikanten wie Owen und Engels, Priester wie Meslier und Lammenais, Männer der Wissenschaft wie Wallace und Düring und Intellektuelle aller Schattierungen wie Blanc, Cabet, Godwin, Marx, Lassalle, Gatrido, Pi y Margall, Heß und hundert andere.

 

Die Anhänger der Lehre von der "historischen Mission des Proletariats" mögen sich damit trösten, daß der Faschismus nur eine Bewegung der Mittelklasse sei, das ändert nichts an der Tatsache, daß die fast 14 Millonen Wähler, die in Deutschland für Hitler gestimmt haben, zum größten Teil aus dem Proletariat hervorgegangen sind. Gerade in einem Lande wie Deutschland, wo die marxistische Lehre eine so weite Verbreitung gefunden hatte, ist dies von doppelter Bedeutung. Wenn die geistigen Vertreter des alten Absolutismus, die Hobbes, Machiavelli, Bossuet usw. dem Lager der geistigen Oberschicht angehörten, während die Träger des neuesten Absolutismus, die Mussolini, Stalin und Hitler aus den untersten Schichten ihren Aufstieg genommen haben, so zeigt gerade dieser Umstand am besten, daß weder revolutionäre noch reaktionäre Ideen an eine bestimmte Volksgruppe gebunden sind.

 

Die Anhänger des wirtschaftlichen Determinismus und der Lehre von der "historischen Mission des Proletariats" behaupten zwar, daß es sich in ihrem Falle um keine gewöhnliche Auflassung handelt, sondern um die innere Notwendigkeit eines Naturprozesses, der sich unabhängig von dem menschlichen Wollen vollzieht, aber das ist es gerade, was erst bewiesen werden müßte. Auch diese Auffassung ist nur eine Spekulation, ein Glaube wie jeder andere, bei dem der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Der Glaube an eine mechanische Abwicklung aller geschichtlichen Geschehnisse auf Grund eines zwangsläufigen Prozesses, der in der Natur der Dinge begründet ist, hat dem Sozialismus am meisten geschadet, denn er zerstörte alle ethischen Voraussetzungen, die gerade für den sozialistischen Gedanken am unentbehrlichsten sind. Der Absolutismus des Gedankens führt unter gewissen geschichtlichen Umständen stets zu einem Absolutismus der Tat. Darüber hat uns gerade die neueste Geschichte den besten Anschauungsunterricht gegeben.

 

 

II.

 

Unter den großen Vorkämpfern des sozialistischen Gedankens war Proudhon einer der wenigen, welcher die geschichtliche Bedeutung des Sozialismus am tiefsten erfaßt hatten. Sein geistiger Einfluß auf die sozialistische Bewegung der lateinischen Länder konnte bis heute nicht verdrängt werden und blieb ein lebendiger Quell für neue Anregungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Mit großem Scharfsinn erkannte er, daß das Werk der Französischen Revolution nur halb getan war; daß es die Aufgabe der "Revolution des 19. Jahrhunderts" sein müsse, dieses Werk fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen, um die soziale Entwicklung Europas auf neue Wege zu führen. Denn darin erschöpft sich ja die große Bedeutung der Großen Revolution, daß sie der monarchistischen Bevormundung ein Ende setzte und den Völkern den Weg ebnete, ihr soziales Geschick in die eigenen Hände zu nehmen, nachdem sie jahrhundertelang dem fürstlichen Absolutismus als willenlose Herde dienen und sein Bestehen durch ihre Arbeit sichern mußten.

 

Hier war die von der Zeit gestellte Aufgabe von Proudhon besser erkannt worden, als von irgendeinem seiner Zeitgenossen. Die Große Revolution hatte zwar die Monarchie als politische und soziale Einrichtung beseitigt, doch war es ihr nicht gelungen, zusammen mit dieser auch den "monarchistischen Gedanken" zu beseitigen, wie Proudhon es nannte, der in der politischen Zentralisation des Jakobinertums und in der Ideologie des nationalen Einheitsstaates zu neuem Leben erwachte. Es ist dieses verhängnisvolle Erbteil, das uns aus einer entschwundenen Zeit verblieben ist und das heute im sogenannten "Führerprinzip" des totalen Staates wieder zum Ausdruck gelangte, das nur eine neue Umschreibung des alten monarchistischen Gedankens ist.

 

Proudhon hatte erkannt, daß der Absolutismus, dieses ewige Prinzip der Bevormundung für einen gottgewollten Zweck, der jedem menschlichen Einspruch verschlossen ist, den Menschen in ihren geistigen Bestrebungen nach höheren Formen ihres gesellschaftlichen Daseins am stärksten im Wege steht. Für ihn war der Sozialismus nicht bloß eine Frage der Wirtschaft, sondern eine kulturelle Frage, die alle Gebiete der menschlichen Betätigung umfaßte. Er wußte, daß man die autoritären Überlieferungen der Monarchie nicht bloß auf einem Gebiete beseitigen und auf allen anderen beibehalten durfte, wenn man die Sache der sozialen Befreiung nicht einem neuen Despotismus in die Hände spielen wollte. Für ihn waren wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdrückung und geistige Gebundenheit nur verschiedene Erscheinungsformen derselben Ursache. Proudhon sah in der Monarchie das Symbol aller menschlichen Versklavung. Sie war für ihn nicht lediglich eine politische Einrichtung, sondern ein sozialer Zustand mit bestimmten unvermeidlichen geistigen und seelischen Auswirkungen, die sich auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gleichermaßen bemerkbar machen. In diesem Sinne nannte er den Kapitalismus den "Monarchismus der Wirtschaft", welcher die Arbeit dem Kapital in gleicher Weise tributpflichtig macht wie die Gesellschaft dem Staat und dem Geist der Kirche.

 

"Der ökonomische Begriff des Kapitals", sagt Proudhon, "der politische Gedanke des Staates oder der Autorität und die theologische Auffassung der Kirche sind identische Vorstellungen, die sich wechselseitig ergänzen und ineinander aufgehen. Man kann daher die eine nicht bekämpfen und die anderen unangetastet beibehalten. Es ist dies eine Tatsache, über die sich heute alle Philosophen einig sind. Was das Kapital heute der Arbeit zufügt, das fügt der Staat der Freiheit und die Kirche dem Geiste zu. Diese Dreieinigkeit des Absolutismus ist in der Praxis ebenso verhängnisvoll wie in der Philosophie. Um das Volk wirksam zu unterdrücken, muß man seinen Leib, seinen Willen und seine Vernunft in Bande schlagen. Wenn der Sozialismus die Absicht hat, sich in dieser erschöpfenden, allseitige" und von jedem Mystizismus befreiten Gestalt zu offenbaren, so braucht er bloß die Bedeutung dieser Dreieinigkeit dem Volke zum Bewußtsein zu bringen."

 

Von dieser Erkenntnis ausgehend, sah Proudhon in der Entwicklung des modernen Großstaates und in dem stets wachsenden Einfluß des wirtschaftlichen Monopolismus die größte Gefahr für die Zukunft Europas, die er durch eine bewußte und auf Erfahrung begründete Vorbereitung für eine Föderation freier Gemeinwesen auf der Grundlage gleicher Wirtschaftsmöglichkeiten und gegenseitiger Verträge zu bannen versuchte. Er wußte genau, daß dieser neue Zustand der Dinge den Menschen nicht über Nacht kommen würde, sondern daß es sich zunächst darum handelte, die Menschen durch konstruktives Tun und Denken für eine bessere Erkenntnis empfänglich zu machen. Nur so war es möglich, ihren Bestrebungen eine gewisse Richtung zu geben, damit sie aus eigenem Antrieb der Gefahr entgegenwirken konnten, die sie bedrohte.

 

Jeder Versuch, die machtpolitischen Bestrebungen innerhalb des gesellschaftlichen Organismus auszuschalten und dem wirtschaftlichen Monopolismus engere Grenzen zu setzen, war für Proudhon ein wirklicher Schritt auf dem Wege der sozialen Befreiung. Alles, was diesem großen Ziele entgegenwirkte und bewußt oder unbewußt dazu beitrug, den geistigen, wirtschaftlichen oder politischen Monarchismus durch neue Machtansprüche zu stärken, mußte nur dazu beitragen, den Kreislauf der Blindheit zu verewigen und der gesellschaftlichen Reaktion den Weg zu ebnen, auch wenn dies unter dem anspruchsvollen Namen der Revolution geschah.

 

Die übergroße Mehrheit der heurigen Sozialisten hat sich überhaupt niemals Mühe gegeben, in die Gedankengänge Proudhons einzudringen, dessen Werke den meisten ebenso unbekannt sind wie einem Botokuden der pythagoreische Lehrsatz oder die Theorie von der Einheit des Weltalls. Was sie oberflächlich von ihm kennen, ist seine Lehre vom "freien Kredit" und sein Versuch zur Einrichtung einer "Volksbank", der durch das Eingreifen der französischen Regierung nie zur Ausführung gelangte. Und sogar diese Kenntnis wurde den meisten durch das Zerrbild vermittelt, welches marxistische Schreiber daraus gemacht haben und aus dem man allerdings den Eindruck gewinnen muß, als sei Proudhon nur ein gewöhnlicher Quacksalber gewesen, der nach der Art der Marktschreier sein ganzes Leben lang nichts besseres zu tun wußte, als der armen Menschheit sein Mittelchen gegen alle sozialen Gebrechen anzupreisen.

 

In der Wirklichkeit war Proudhon unter allen älteren Sozialisten gerade derjenige, der gegen den Glauben an ein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Schäden am nachdrücklichsten und entschiedendsten Front machte. Er wußte, daß die Aufgabe, die dem Sozialismus vorbehalten war, kein gordischer Knoten war, den man mit einem Schwertstreich lösen konnte. Gerade deshalb setzte er kein Vertrauen in sogenannte Universalmittel, durch welche so manche glaubten, eine allgemeine Umgestaltung aller sozialen Einrichtungen mit einem Schlage erreichen zu können. Seine scharfsinnige und überzeugende Kritik an allen sozialistischen Richtungen seiner Zeit, ist ein sprechender Beweis dafür.

 

Proudhon war der Mann ohne festgesetzte Ziele, denn er war sich vollkommen darüber klar, daß das eigentliche Wesen der Gesellschaft in dem ewigen Wandel ihrer Formen zu suchen ist und am besten gedeiht, je weniger künstliche Schranken ihm gesetzt werden und einen je stärkeren und bewußteren Anteil die Menschen an diesem Wandel nehmen. In diesem Sinne sagte er einmal, daß die Gesellschaft einem Uhrwerk gleiche, das seinen eigenen Pendelschlag in sich trage und keiner äußeren Hilfe bedarf, um in Bewegung zu bleiben. Die soziale Befreiung war für ihn ein Weg, kein Ziel, da er mit Ibsen der Meinung war: "Wer die Freiheit anders besitzt als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot und geistlos, dem der Freiheitsbegriff hat ja gerade die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampfe stehen bleibt und sagt: jetzt habe ich siel - so zeigt er eben dadurch, das er sie verloren hat." Von diesem Standpunkt sind auch die praktischen Versuche Proudhons zu bewerten. Sie entsprangen den Verhältnissen der Zeit und können nur aus dieser erklärt und verstanden werden. Wie bei jedem Denker, dessen Wirken bereits der Vergangenheit angehört, so gibt es auch bei Proudhon manches, das von der Zeit überholt wurde, ohne daß dadurch die schöpferische Bedeutung seines Lebenswerkes berührt wird. Es ist vielmehr geradezu erstaunlich, wie viel von diesem Werke lebendig geblieben ist und gerade durch die heutige Weltlage erneute Bedeutung erlangt hat.

 

Proudhon, der das Wesen des Staates besser erfaßt hatte als die meisten seiner sozialistischen Zeitgenossen, machte sich keinerlei Illusionen über die unvermeidlichen Folgen aller machtpolitischen Bestrebungen, einerlei, unter welcher Form sie in die Erscheinung traten und von welcher Seite sie angeregt wurden. Er war sich deshalb auch völlig klar über den eigentlichen Charakter aller politischen Parteien und fest davon überzeugt, daß von diesen keine schöpferische Arbeit für eine wirkliche soziale Umgestaltung ausgehen konnte. Deshalb warnte er die Sozialisten, sich im Fahrwasser machtpolitischer Bestrebungen zu verirren und versuchte, ihnen klarzumachen, daß, sobald der Sozialismus erst einer Regierung in die Hände falle, er seine Rolle ausgespielt und der Reaktion rettungslos verfallen sei.

 

"Alle Parteien, ohne Ausnahme," sagte er, "sind, indem sie die öffentliche Macht erstreben, nur besondere Formen des Absolutismus. Es wird keine Freiheit -' für die Bürger, keine Ordnung in der Gesellschaft, keine Einigkeit unter den Arbeitern geben, bevor nicht in unserem politischen Katechismus der Verzicht auf die Autorität an die Stelle aller Bevormundungsgelüste getreten ist."

 

Proudhon war unter allen älteren Sozialisten fast der einzige, der allen fertigen Systemen den Krieg erklärte, da er erkannt hatte, daß die Bedingungen des sozialen Lebens viel zu mannigfach und verschiedenartig sind, als daß man sie in eine bestimmte Form pressen könnte, ohne der Gesellschaft Gewalt anzutun und eine alte Form der Tyrannei durch eine neue zu ersetzen. Deshalb richteten sich seine Angriffe nicht bloß gegen die Träger der heutigen Gesellschaftsordnung, sondern auch gegen viele der sogenannten "Befreier", die mit den alten Machthabern nur die Plätze wechseln wollten und den Massen Schätze im Monde versprachen, um sie desto leichter für ihren persönlichen Ehrgeiz mißbrauchen zu können. Wie frei Proudhon in dieser Beziehung dachte, geht aus einem seiner Briefe an Karl Marx hervor, der die folgende bezeichnende Stelle enthält:

 

"Suchen wir gemeinschaftlich, wenn Sie wollen, die Gesetze der Gesellschaft zu ergründen, die Art ihrer Erscheinung festzuhalten und dem Wege zu folgen, den wir freilegen, indem wir uns dieser Arbeit unterziehen. Doch, bei Gott! denken wir unsererseits nicht daran, das Volk von neuem zu schulmeistern, nachdem wir a priori allen Dogmatismus zerstört haben, fallen wir nicht in den Widerspruch Ihres Landsmanns Martin Luther, der, nachdem er die Glaubenssätze der katholischen Theologie umgestoßen, sich mit verstärktem Eifer und großem Aufwand von Bannflüchen und Verdammungsurteilen daran machte, eine protestantische Theologie ins Leben zu rufen. Seit drei Jahrhunderten ist Deutschland damit beschäftigt, diese Neuübertünchung des alten Baues durch . Herrn Luther zu beseitigen. Stellen wir die Menschheit nicht durch neuen Wirrwarr und eine Verputzung der alten Grundlagen vor eine neue Aufgabe. Ich begrüße von ganzem Herzen Ihren Gedanken, alle Meinungen eines Tages zum Ausdruck zu bringen. Befleißigen wir uns dabei einer freundschaftlichen und ehrlichen Auseinandersetzung-, geben wir der Welt das Beispiel einer weisen und vorausblickende" Toleranz -, versuchen wir nicht, weil wir an der Spitze der Bewegung stehen, uns zu Führern einer neuen Unduldsamkeit zu machen. Geben wir uns nicht als Apostel einer neuen Religion, auch dann nicht, und wenn es die Religion der Logik und Vernunft wäre. Empfangt" und ermuntern wir jeden Protest-, geißeln wir jede Ausschließlichkeit, jeden Mystizismus. Betrachten wir niemals eine Frage für erschöpft, und wenn wir unseren letzten Beweisgrund verbraucht haben, laßt uns, wenn es nötig ist, mit Beredsamkeit und Ironie von neuem beginnen. Unter dieser Bedingung werde ich mich Ihrer Vereinigung mit Vergnügen anschließen. Wenn nicht, nicht."

 

Dieses Schreiben vom 17. Mai 1846 ist in zweifacher Beziehung wichtig. Es ist bezeichnend für die offene und freimütige Art Proudhons und seine tiefe Abneigung gegen jeden Dogmatismus und alles Sektenwesen und es ist bedeutungsvoll, weil es die unmittelbare Ursache für den inneren Bruch zwischen Marx und Proudhon gewesen ist. Proudhon war ein einsamer Denker, der nicht bloß von seinen demokratischen und sozialistischen Gegnern, sondern auch häufig von seinen späteren Anhängern mißverstanden wurde, die bestimmte praktische Vorschläge Proudhons, die aus den Verhältnissen der Zeit geboren wurden, mit seinem eigentlichen Lebenswerk verwechselten. Sein umfangreicher Briefwechsel (14 große Bände) enthält zahllose Erläuterungen seiner Gedankengänge, aus welchen dies deutlich hervorgeht und ist für ein gründliches Studium seiner Werke unentbehrlich. Proudhons Blick war zu tief auf die inneren Zusammenhänge der sozialen Erscheinungen gerichtet, als daß er den blinden Nachbetern der jakobinischen Überlieferung, die alles Heil von der Diktatur erwarteten, etwas hätte sagen können. Er war unter den älteren Sozialisten einer der wenigen, welche die politischen Ideengänge des Liberalismus weiter fortsetzten und, indem er ihnen eine wirtschaftliche Grundlage zu geben versuchte, sie folgerichtig zu Ende dachte.

 

Es ist bezeichnend, daß gerade die Vertreter der marxistischen Schule den angeblichen "Utopismus" Proudhons damit zu belegen versuchten, indem sie mit unverkennbarer Schadenfreude immer wieder darauf hinwiesen, daß die ungeheuerliche Erstarkung der zentralen Staatsgewalt und der stets wachsende Einfluß der modernen Wirtschaftsmonopole die geistige Rückständigkeit der Bestrebungen Proudhons klar erwiesen haben. Als wenn durch die Tatsache dieser Entwicklung an der Sache selbst auch nur das geringste geändert würde. Ebensogut könnte man heute behaupten, daß die Lehre von der sogenannten "historischen Mission des Proletariats" uns glücklich zum Faschismus und zur Herrschaft des Dritten Reiches verhelfen habe.

 

Proudhon hat die unvermeidlichen Folgen einer Entwicklung in jener Richtung klar vorausgesehen und kein Mittel unversucht gelassen, seinen Zeitgenossen die ganze Größe der Gefahr zum Bewußtsein zu bringen. Er hat mehr wie jeder andere sein ganzes Können darauf eingestellt, die Menschen auf neue Wege zu drängen, um der drohenden Katastrophe vorzubeugen. Daß man seine Warnung in den Wind geschlagen und sein Wort im Getöse politischer Parteileidenschaften wirkungslos verhallte, ist wahrlich nicht seine Schuld gewesen. Die ganze wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung, besonders nach dem deutsch-französischen Kriege 1870-71, aber zeigt uns mit erschreckender Deutlichkeit, wie sehr er mit seiner Beurteilung der allgemeinen Lage im Rechte gewesen ist. Gerade heute, wo wir mit vollen Segeln einer neuen Periode des politischen und sozialen Absolutismus zusteuern, wo der moderne Kollektivkapitalismus die letzten Reste wirtschaftlicher Unabhängigkeit mit brutaler Verachtung aller menschlichen Erwägungen zu Tode trampelt und der Schrei nach der Diktatur die ganze geistige Unmündigkeit der Zeit so deutlich zum Ausdruck bringt, gerade heute zeigt sich die volle geschichtliche Bedeutung von Proudhons Lebenswerk erst in ihrem vollen Umfang.

 

Vor allem zeigt es sich heute, daß die soziale Befreiung nicht bloß ein wirtschaftliches Problem ist. Auch die vollkommendste Gleichschaltung 1) der ökonomischen Kräfte bietet keine Sicherheit für die wirkliche und allseitige Befreiung der Menschen. Sie kann sich sogar unter Umständen zu einer weit größeren Versklavung auswirken als die, unter welcher wir bisher gelebt haben. Der blinde Glaube so vieler Sozialisten, daß mit der Verstaatlichung der Wirtschaft die soziale Frage gelöst werden könnte, beruht auf einer vollständigen Verkennung der Aufgabe, die dem Sozialismus gestellt ist. Die wirtschaftlichen Vorgänge in den sogenannten totalen Staaten und besonders der Anschauungsunterricht, den uns die "proletarische Diktatur" in Rußland gegeben hat, haben uns allzu deutlich gezeigt, daß die Verstaatlichung des ökonomischen Lebens Hand in Hand mit einer völligen Verleugnung aller persönlichen Rechte und Freiheiten geht, ja, gehen muß, da sie einer bürokratisch gegliederten Hierarchie zur Macht verhilft, deren Einfluß als herrschende Klasse dem werktätigen Volke nicht minder verderblich ist wie die Rolle der besitzenden Schichten in den kapitalistischen Staaten, ja diese in ihren geistigen, physischen und moralischen Auswirkungen noch bei weitem übertrifft. Die wirtschaftliche Gleichheit des Gefängnisses oder der Kaserne ist sicher kein geeignetes Vorbild für eine höhere soziale Kultur der Zukunft. Auch in dieser Beziehung bewährte sich Proudhon als Prophet, wenn er voraussagte, daß eine Vereinigung des Sozialismus mit dem Absolutismus zur größten Tyrannei aller Zeiten führen müsse.

 

 

III.

 

Es war nicht zuletzt dieser freiheitsfeindliche Zug im Lager des Sozialismus, welcher unbewußt und unbeabsichtigt dazu beitrug, der faschistischen Auffassung vom totalen Staate den Weg zu ebnen. Tatsache ist, daß die sogenannte "proletarische Diktatur" in Rußland das erste Ideengebilde eines totalen Staates ins Leben umsetzte, das später Mussolini und Hitler in vielen Hinsichten als Vorbild dienen mußte. Die Opposition im kommunistischen Lager, die Anhänger Trotzkys und andere Splittergruppen haben später sogar offen zugegeben, daß der Stalinismus der Wegbereiter der faschistischen Reaktion in Europa gewesen ist, sie haben dabei nur das Wesentliche vergessen, nämlich, daß Lenin und Trotzky die Wegbereiter Stalins gewesen sind. Es ist nicht die Person des Diktators, die hier entscheidend ist, es ist die Einrichtung der Diktatur als solche, aus welcher das Übel hervorgeht und die ihrem ganzen Wesen nach nie etwas anders sein kann, als der Wegbereiter einer neuen sozialen Reaktion, auch wenn der Sozialismus und die Befreiung des Proletariats ihr als Feigenblatt dienen muß, um ihren eigentlichen Charakter zu verbergen.

 

Es war zweifellos ein Verhängnis für die Entwicklung der sozialistischen Bewegung, daß sie bereits in ihrem Anfangsstadium unter den starken Einfluß der autoritären Ideenströmungen der Zeit geriet, die aus den jakobinischen Überlieferungen der Großen Revolution und aus der langen Periode der napoleonischen Kriege hervorgegangen waren. Es war dies vielleicht unvermeidlich, denn jede geschichtliche Epoche erzeugt aus sich selbst eine gewisse Art des Denkens, deren Einflüssen sich nur wenige entziehen können, da sie mit den gesellschaftlichen Umständen der Zeit zu stark verwachsen sind.

 

Als William Godwin 1793 seine "Political Justice" in die Welt schickte, standen die Völker noch vollständig unter dem Banne der großen Ereignisse in Frankreich und waren jeder neuen Auffassung auf dem Gebiete des politischen und sozialen Lebens leicht zugänglich. Das war auch die Ursache, weshalb die liberalen Gedankengänge von Richard Price, Joseph Priestley und besonders von Thomas Paine damals einen so belebenden Einfluß auf die geistig regsamen Teile des englischen Volkes ausübten, dessen Wirkungen sich sogar noch längere Zeit bemerkbar machten, als die Reaktion infolge des Krieges gegen die Französische Republik mächtig um sich griff und allen freiheitlichen Bestrebungen ein gewaltsames Ende zu machen versuchte. Die geistige Entwicklung befand sich damals noch in einer aufsteigenden Linie und hatte ihren inneren Schwung durch die großen Enttäuschungen der späteren Jahre noch nicht eingebüßt.

 

Doch die Verhältnisse hatten sich bedeutend geändert, als Saint-Simon, Fourier und Owen mit ihren Plänen für eine Umgestaltung des sozialen Lebens hervortraten. Bei Saint-Simon erhalten diese Pläne erst nach 1817 ihren eigentlichen sozialen Charakter, während Fourier bereits unter dem ersten Kaiserreich seine sozialistischen Gedankengänge in seinem Werke "Theorie des quatre mouvements" (1808) entwickelt hatte. Beide Männer aber fanden erst nach dem Sturze Napoleons eine nennenswerte Anhängerschaft, als sich der Schatten der Heiligen Allianz bereits über Europa gesenkt hatte. Um dieselbe Zeit trat auch Robert Owen mit seinen sozialen Reformplänen an die Öffentlichkeit. In den nächsten drei Jahrzehnten entstand sowohl diesseits als jenseits des Kanals eine ganze Flut neuer Gedanken, die sich mit den gesellschaftlichen Aufgaben der Zeit beschäftigten und diese durch eine gründliche Umgestaltung der wirtschaftlichen Zustände lösen zu können glaubten.

 

Doch alle diese Bestrebungen gaben sich erst kund, als Europa eine der schwersten und sturmbewegtesten Epochen seiner Geschichte kaum beendet hatte, deren geistige und materielle Nachwirkungen sich noch lange bemerkbar machten. Die Stürme der Großen Revolution, welche die Grundfesten der europäischen Gesellschaft im Tiefsten erschüttert hatten, waren verrauscht. Geblieben war nur der Krieg, der 1792 entfesselt wurde und mit kurzen Unterbrechungen die wichtigsten Länder des Kontinents dreiundzwanzig Jahre lang zum Schlachtfeld gemacht hatte. Nun war auch der Nimbus und die militärische Allmacht des Kaiserreiches verblichen, die sechs Millionen Menschenleben verschlungen und völlig erschöpfte Völker zurückgelassen hatte. In allen Ländern herrschte schreckliches Elend, Arbeitslosigkeit und eine vollständige Zerrüttung der Wirtschaft. Eine große Mutlosigkeit war über die Menschen gekommen und machte sie zu jedem weiteren Widerstand unfähig. Die glühende Begeisterung, die der Sturm auf die Bastille einst in allen Ländern ausgelöst hatte, war längst verflogen. Nun waren auch die letzten Hoffnungen, die man auf den Sturz Napoleons gesetzt hatte, durch den offenen Wortbruch der Fürsten kraftlos zusammengebrochen und hatten einer neuen Ergebung in das Unvermeidliche Platz gemacht. Die Menschen waren eben so erschöpft, daß sie vorläufig zu keinem neuen Aufschwung mehr fähig waren.

 

Es war eine Epoche physischer Erschlaffung und geistiger Demoralisation, die mit der Geschichte unserer Zeit vieles gemein hat und die wir, auf Grund unserer eigenen Erfahrungen, heute viel besser beurteilen können als aus allen Büchern der Geschichte. Wie in unserer Zeit die russische Revolution, die von der sozialistischen Arbeiterschaft der ganzen Welt mit so viel Begeisterung begrüßt wurde, unter der Diktatur der Bolschewik! zu einem geistlosen Despotismus ausartete, welcher der faschistischen Reaktion den Weg bereitete, so erstickte die Schreckensherrschaft der Jakobiner mit ihren sinnlosen Massenschlächtereien den mächtigen Widerhall, den die Revolution zuerst in ganz Europa gefunden hatte und machte den Weg für die Säbeldiktatur Napoleons frei, dessen politisches Erbe später die Heilige Allianz angetreten hat. Und wie die Weltkriege von 1914-18 und 1939-45 und ihre unvermeidlichen Begleiterscheinungen Europa vollständig erschöpften und sich zu einer wirtschaftlichen Dauerkrise von ungeheueren Ausmaßen verdichtete, so zerstörten die unseligen Kriege unter der Republik und später unter Napoleon das wirtschaftliche Gleichgewicht Europas so gründlich, daß lange Zeit nichts anderes mehr gedeihen konnte als Massenarmut und grenzenloses Elend. In beiden Fällen führte die Enttäuschung der Massen und die wirtschaftliche Unsicherheit zu einer internationalen Reaktion, die sich nicht bloß auf die Tätigkeit der Regierungen begrenzte, sondern in allen Zweigen des gesellschaftlichen Lebens ihren Niederschlag fand. Der Charakter dieser Reaktion war natürlich den Umständen der Zeit gemäß in beiden Perioden verschieden, aber ihre geistigen Auswirkungen führten zu denselben Ergebnissen.

 

Ohne den Krieg hätte die soziale Neugestaltung Frankreichs sehr wahrscheinlich eine andere Wendung genommen und die Diktatur einer Partei nicht aufkommen lassen. Tatsache ist, daß zunächst alle Parteien, mit der Ausnahme einer kleinen Minderheit, der Diktatur feindlich gegenüberstanden, da jede Richtung fürchtete, der anderen zum Opfer zu fallen, wenn der Zufall dieser die Macht in die Hände spielte. Der Krieg aber führte unvermeidlich zu einer Reihe von Maßnahmen, die der Diktatur den Weg bereiten halfen. Das Gefühl der Unsicherheit und das allgemeine Mißtrauen, das überall verborgene Feinde witterte, die bestrebt waren, die großen Errungenschaften der Revolution zu beseitigen und die alten Zustände wiederherzustellen, taten das übrige und erweckten im Volke den Glauben an die provisorische Notwendigkeit der Diktatur, um die Krise zu überwinden. Kommt es aber erst so weit, dann entscheidet nicht länger die geistige Überlegenheit, sondern die Brutalität der Mittel, persönliche List und Verschlagenheit und eine Gesinnung, die von moralischen Bedenken nicht beeinflußt wird. Gerade diese Eigenschaften aber gehen in der Regel Hand in Hand mit ideologischer Beschränktheit und Mittelmäßigkeit der Auffassung. Da für die Träger der Diktatur die brutale Gewalt das erste und letzte Wort der Selbstbehauptung ist, so geraten sie nie in Verlegenheit, ihr Tun gegen Erwägungen anderer Art verteidigen zu müssen. Das geflügelte Wort Cavours, daß "mit dem Belagerungszustand jeder Esel regieren könne", gilt für die Diktatur in noch höherem Maße, denn jede Diktatur ist ja nichts anderes als der Staat im dauernden Belagerungszustand.

 

Unter normalen Verhältnissen bestehen stets gewisse Möglichkeiten für neue Wege der Entwicklung, die sich immer ergeben, so lange die freie Erörterung über soziale Zustände nicht durch tyrannische Maßnahmen völlig unterbunden wird. Sogar die ausgesprochendsten Vertreter des politischen Konservatismus können sich unter solchen Bedingungen den moralischen Auswirkungen einer demokratischen Gesellschaftsauffassung nie völlig entziehen. Wie die Römische Kirche sich allmählich mit den verschiedenen Richtungen des Protestantismus abfinden mußte, so muß sich auch der politische und soziale Konservatismus mit bestimmten Ergebnissen des demokratischen Bewußtseins im Volke abfinden, die aus den Revolutionen gegen den fürstlichen Absolutismus hervorgegangen sind. Ein solches Abfinden mit historischen Tatsachen ist unter normalen Bedingungen unvermeidlich, da weder die Revolution noch die Reaktion imstande ist, den Gegner völlig aufzureiben. Um nach größeren Erschütterungen das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen und ein gesellschaftliches Zusammenarbeiten überhaupt möglich zu machen, entwickeln sich allmählich gewisse Satzungen, in denen Altes und Neues unmerklich zusammenfließen, und die sich mit der Zeit zu einem bestimmten Rechtszustand verdichten, den man nicht jeden Augenblick willkürlich vergewaltigen kann, wenn man die Gesellschaft nicht fortgesetzt im offenen Kriegszustande halten will.

 

Der so geschaffene Rechtszustand wechselt in dem Grade, nach dem die eine oder die andere Richtung im öffentlichen Leben an Stärke gewinnt oder verliert, doch bleibt seine moralische Grundlage unerschüttert, so lange die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht in sich selbst unhaltbar werden und auf eine revolutionäre Änderung des bestehenden Zustandes hindrängen. Sogar wenn der stärkere Teil Versuche macht, das bestehende Recht zu beugen und in seinem Sinne auszulegen, so geschieht dies in ruhigen Zeiten stets auf der Basis der vorhandenen Rechtsanschauungen, um größere Konflikte zu vermeiden, durch welche das gesellschaftliche Gleichgewicht in Gefahr geraten könnte. Sogar der verbissendste Tory wird sich unter normalen Verhältnissen nicht für die Wiedereinführung des fürstlichen Absolutismus einsetzen, sondern seine Bestrebungen dem allgemeinen Rechtszustande anpassen, um ihnen Geltung zu verschaffen. Er wird, wenn ihm die Gelegenheit dazu günstig erscheint, die Auswirkung bestimmter Rechte und Freiheiten zu begrenzen versuchen, aber er wird diese Rechte und Freiheiten selbst nie in Frage stellen, mit denen er sich notgedrungen abfinden muß, da sie einen wesentlichen Teil der bestehenden sozialen Ordnung bilden. Das ist auch die Ursache, weshalb auch Revolutionen nicht jeden Tag künstlich gemacht werden können, sondern ebenso wie Perioden einer sozialen Reaktion von den gegebenen Verhältnissen abhängig sind. Nur von diesem Standpunkt läßt sich der Einfluß der politischen Zeitströmungen auf die historische Entwicklung des Sozialismus richtig beurteilen.

 

 

IV.

 

Der Einfluß der verschiedenen politischen Strömungen auf die Entwicklung des sozialistischen Gedankens läßt sich in jedem Lande deutlich feststellen und hat dem Sozialismus bei jedem Volke einen besonderen Stempel aufgeprägt, der sich vornehmlich in der Stellung seiner Anhänger zu der Form des Staates bemerkbar macht. Es gibt, in der Tat, keine politische Auffassung, von der Theokratie bis zur Anarchie, die in der sozialistischen Bewegung nicht ihren Ausdruck gefunden hätte. Die großen Vorläufer des modernen Sozialismus hatten das eine gemeinsam, daß sie in der Ungleichheit der wirtschaftlichen Bedingungen die eigentliche Ursache aller gesellschaftlichen Übel erblickten und bestrebt waren, dies ihren Zeitgenossen zum Bewußtsein zu bringen. Saint-Simon und Fourier hatten die Stürme der Großen Revolution noch miterlebt und auch Owen hatte die unmittelbaren Auswirkungen jenes großen historischen Dramas auf die Neugestaltung Europas aus persönlicher Anschauung kennen gelernt. Die meisten ihrer Schüler waren aus der Zeit des ersten Kaiserreichs hervorgegangen. Sie hatten daher die unmittelbaren Nachwirkungen der Revolution, sowie den Bonapartismus und die gegenrevolutionären Bestrebungen der Restaurationsperiode noch durchgelebt und diese vielfach ganz anders beurteilt als spätere Geschlechter, welche jene Dinge bloß noch aus den Darstellungen der Geschichtsschreibung kannten. Denn die frischen Eindrücke, die wir aus dem unmittelbaren Geschehen empfangen, sind in der Regel sehr verschieden von den Vorstellungen, die uns durch die Perspektive der Zeit vermittelt werden.

 

Betrachtet man die Gedankengänge und das Wirken jener ersten Wortführer des Sozialismus im Zusammenhang mit der Epoche, in der sie lebten, so wird uns ihre Stellung in allen ihren starken und schwachen Seiten ohne weiteres verständlich, ohne daß wir zu dem ebenso willkürlichen wie nichtssagenden Einteilungsbegriff eines "utopischen" und eines "wissenschaftlichen Sozialismus" unsere Zuflucht nehmen müßten. Tatsache ist, daß Männer wie Saint Simon, Considerant, Blanc, Vidal und hauptsächlich Proudhon den Sozialismus keineswegs als eine Offenbarung des Himmels, sondern als natürliches Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung beurteilt haben und dabei zu Schlüssen gelangten, über die auch die anspruchsvollsten Vertreter des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus nicht hinausgekommen sind.

 

Mit der Ausnahme jener Richtungen, deren Bestrebungen unmittelbar den polirischen Überlieferungen des Jakobinertums, der kommunistischen Lehre Babeufs und seiner "Verschwörung der Gleichen" entsprungen sind, haben fast alle Schulen des älteren Sozialismus in Frankreich und England das eine gemeinsam, daß sie die Verwirklichung ihrer Ziele durch eine friedliche Umgestaltung der gesellschaftlichen Einrichtungen und die Erziehung der Massen zu erreichen hofften. Manche haben diesen Zug durch den persönlichen Mangel an revolutionärem Temperament, andere durch eine seltsame Verkennung der "sozialen Entwicklungsgesetze" zu erklären versucht. Beide Erklärungsversuche sind schon deshalb hinfällig, weil sie auf den Kern der Sache überhaupt nicht eingehen.

 

Eine ganze Reihe jener sogenannten "Utopisten" hat an den Verschwörungen der geheimen Gesellschaften gegen die Bourbonen einen hervorragenden Anteil genommen und dabei sogar eine führende Rolle gespielt. Dazu gehörten gerade diejenigen, die später als Vertreter der neuen Lehre am wenigsten von revolutionären Erhebungen erwarteten. Bazard, Leroux, Buchez, Cabet und manche anderen gehörten mit zu den tätigsten Mitgliedern der französischen Carbonaria. Einige von ihnen hatten bereits der geheimen Gesellschaft der "Wahrheitsfreunde" (amis de la verite) angehört. Buchez, der nach dem mißlungenen Aufstandsversuch von 1821 verhaftet und vor Gericht gestellt wurde, entging nur mit einer Stimme dem Tode. Erst seine persönliche Bekanntschaft mit Saint-Simon brachte ihn auf andere Bahnen. Saint-Simon selbst hatte in seinen jungen Jahren an dem Aufstand der nordamerikanischen Kolonien gegen England teilgenommen und unter Washington gekämpft. Man kann daher schwer behaupten, daß revolutionäre Neigungen jenen Männern ganz fremd geblieben sind. Daß sie nach der inneren Klärung, die osie durch den Sozialismus empfangen hatten, sich von Aufstandsversuchen keinen Erfolg mehr versprachen, lag sowohl in der neuen Richtung ihres Denkens als auch in den Verhältnissen der Zeit. Sie hatten erkannt, daß die Wurzeln des sozialen Übels zu tief lagen, als daß man ihnen durch einfache Gewaltmaßnahmen hätte beikommen können, umsoweniger, als man von den durch die langen Kriege und ihre Begleiterscheinungen erschöpften Massen gerade damals keine Unterstützung erwarten konnte.

 

So wurde die Erziehung den meisten der älteren Sozialisten zum wichtigsten Feld ihrer Betätigung. Die schmerzlichen Erfahrungen der Zeit hatten sie gelehrt, daß eine tiefere Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens unmöglich ist, so lange vor allem der denkende Teil des Volkes von den neuen Ideen nicht erfaßt und von der Größe der Aufgabe durchdrungen ist, die ihm gestellt wurde. Die letzten Worte Saint-Simons an seinen Lieblingsschüler Rodrigues: " Vergesse nie, mein Sohn, daß man von der inneren Begeisterung einer Idee erfüllt sein muß, um große Dinge zu vollbringen!" waren der tiefste Ausdruck dieser Erkenntnis. Denn die äußeren Lebensbedingungen sind nur der Nährboden, aus dem sich die Ideen der Menschen entwickeln, aber es sind die Ideen selbst, welche die Menschen für jede neue Gestaltung ihrer sozialen Existenz empfänglich machen und neue Bedingungen des Lebens schaffen.

 

Denn auch der Glaube an die Allmacht der Revolution ist im Grunde nur eine Selbsttäuschung, die schon viel Unheil angerichtet hat. Auch Revolutionen können immer nur Keime entwickeln, die bereits früher vorhanden waren und in das Bewußtsein der Menschen eingedrungen sind. Aber sie können diese Keime nicht selbst schaffen und aus dem Nichts eine neue Welt formen. Eine Revolution ist die Entfesselung der bereits im Schöße der alten Gesellschaft wirkenden neuen Kräfte, die nach einer Neugestaltung der sozialen Formen streben und die, wenn die Zeit dazu gekommen ist, die alten Bindungen sprengen, dem Kinde vergleichbar, das nach der vollendeten Schwangerschaft die alte Hülle sprengt, um sein eigenes Dasein zu beginnen. Bezeichnend für das Wesen der Revolution ist der Umstand, daß die Erneuerung der sozialen Lebensbedingungen nicht von oben ausgeht, sondern der unmittelbaren Betätigung breiter Schichten des Volkes entspringt, ohne die eine wirkliche Umgestaltung überhaupt nicht möglich wäre. In diesem Sinne ist die Revolution stets der Abschluß eines bestimmten Entwicklungsprozesses und zugleich die Einleitung zu einer Neugestaltung der Gesellschaft.

 

Aber diese Verjüngung des sozialen Lebens durch die Revolution ist nur denkbar, durch eine immer weiter um sich greifende Auswirkung neuer Ideen und Vorstellungen im Schöße des alten Gesellschaftskörpers und die mehr oder weniger entschiedene Art des Handelns ihrer Träger. Durch die immer schärfer hervortretende Bloßstellung der alten Lebensformen und die Entwicklung neuer moralischer und sozialer Wertbegriffe entsteht allmählich eine neue geistige Atmosphäre, deren beständige Ausbreitung das Ansehen der alten Gesellschaftseinrichtungen und ihrer Vertreter fortgesetzt untergräbt, bis es endlich ganz in die Brüche geht und zu keinem ernsten Widerstand mehr fähig ist. Der erste Anstoß zu einer kommenden Umwälzung geht stets von geistig regsamen Minderheiten aus, doch gelangt er nur dann zu der vollen Entfaltung seiner Kräfte, wenn breite Schichten des Volkes von der Notwendigkeit einer gründlichen Änderung der sozialen Lebensbedingungen erfaßt werden und zu einer Betätigung in dieser Richtung vorwärts drängen. Zunächst geschieht dies rein gefühlsmäßig, bis die unbestimmten Regungen sich bei großen Teilen des Volkes zu festen Vorstellungen verdichten und zur inneren Überzeugung werden.

 

Ohne diese geistige Entwicklung breiter Volksschichten ist eine Revolution überhaupt nicht denkbar. Sie ist die erste Vorbedingung jeder gesellschaftlichen Umwälzung, die das Volk zum Widerstand anregt und ihm das Bewußtsein seiner Menschenwürde näher bringt. Je tiefer die neuen Ideen in die Massen eindringen und das Denken der Menschen beeinflussen, desto stärker sind die Wirkungen, welche die Revolution hervorbringt, desto unvergänglicher die Spuren, die sie im Leben der Gesellschaft zurückläßt. Es ist daher grundfalsch, die Revolution lediglich als den gewaltsamen Umsturz alter Gesellschaftsformen zu beurteilen und auf die zerstörende Seite ihres Wirkens das Hauptgewicht zu legen. Die zerstörende Seite der Revolution ist nur eine ihrer Begleiterscheinungen, die fast gänzlich von dem Grad des Widerstandes des Gegners abhängt. Nicht in dem, was sie zerstört, sondern in dem Neuen, das sie hervorbringt und dem sie Geburtshilfe leisten mußte, gibt sich ihr inneres Wesen, kund. Es sind die schöpferischen Bestrebungen, die sie freilegt und von der Umklammerung der alten Gesellschaftsformen befreit, welche der Revolution ihre soziale und geschichtliche Bedeutung geben.

 

Eine Revolution ist daher viel mehr wie ein gewöhnlicher Straßenaufstand, dessen Ursachen durch allerhand Zufälligkeiten bestimmt werden kann, was bei einer wirklichen Revolution nie der Fall ist, da sie stets das letzte Glied eines langen Entwicklungsprozesses ist, den sie mit gewaltsamen Mitteln zu Ende bringt. Wo diese Vorbedingungen nicht vorhanden sind, dort kann eine Erhebung im besten Falle nur eine oberflächliche Veränderung der äußeren Machtverhältnisse bewirken und neuen Parteien zur Herrschaft verhelfen, weil das Volk zu einer tieferen Erkenntnis noch nicht reif ist und daher alles Heil von einer neuen Regierung erwartet wie der. Gläubige von der Vorsehung Gottes.

 

Die Gewalt selbst schafft nichts Neues. Sie kann im günstigsten Falle Altes und Überlebtes aus dem Wege räumen und die Pfade für eine neue Entwicklung freilegen, wenn jede andere Möglichkeit dazu verschlossen ist. Aber sie kann nicht Dinge hervorrufen, die erst allmählich im Hirne der Menschen heranreifen und gedeihen müssen, bevor sie praktisch in die Erscheinung treten können. In diesem Sinne ist die Gewalt in weit größerem Umfang ein typisches Merkmal der Reaktion in der Geschichte gewesen, die sich ihrer bediente, um jede schöpferische Betätigung zu unterbinden und das Denken der Menschen auf bestimmte Formen festzulegen, während die Revolution gerade das Gegenteil erstrebte und einzig dadurch allen tieferen sozialen Änderungen den Weg bahnte.

 

Der gewaltsame Bruch mit alten Formen, die innerlich bereits überlebt sind, ist oft das einzige Mittel, um neuen Formen zum Durchbruch zu verhelfen, aber er hat mit dem "Kultus der Gewalt" als solche nichts gemeinsam, der gerade von der Reaktion in jeder Art planmäßig betrieben wird. Das ist auch die Ursache, weshalb jede Revolution, sobald sie in einem neuen Gewaltsystem bestimmter Parteien ausmündet, ihren eigentlichen Charakter verliert und in die Gegenrevolution umschlägt. Wer dieses verkennt, mag noch so sehr auf seine revolutionäre Gesinnung pochen, er bleibt im Grunde seines Wesens doch nur ein revolutionärer Staatsstreichler, der bewußt oder unbewußt im Lager der Gegenrevolution steht. Max Nettlau hat dieser Auffassung einen tiefempfundenen Ausdruck gegeben: "Die babouvistisch-blanquistische Idee der gewaltsamen Übernahme der Staatsgewalt und der Diktatur wurde auch außerhalb dieser bewußt autoritären Kreise ohne nähere Prüfung übernommen; es entstand der Glaube an die Allmacht der Revolution. So sehr ich auch solche wünsche und diesen Glauben achte, so ist er doch autoritären Ursprungs, ist napoleonisch gedacht und übersieht - was für Autoritäre belanglos ist - die wirkliche Durchdringung des Einzelnen mit sozialem Geist, Gefühl und Verständnis. Daß diese sich automatisch bei verbesserter Lage einstellen, ist eine weitere etwas summarische Annahme, für welche die durch Schrecken hergestellte Nivellierung bei den bisherigen autoritären Revolutionen kein zwingender Beweis ist."

 

Die meisten der großen Pioniere des Sozialismus versprachen sich schon deshalb nichts von Verschwörungen und Aufstandsversuchen zur Förderung ihrer Sache, weil manche von ihnen die Fruchtlosigkeit solcher Versuche aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten und die anderen aus den unmittelbaren Ergebnissen der zeitgenössischen Geschichte ihre Lehre zogen. Sie verstanden, daß man Dinge nicht gewaltsam zur Reife bringen konnte, die erst im Anfangsstadium ihrer natürlichen Entwicklung begriffen waren und vorläufig nur bei einer kleinen Minderheit einen geistigen Niederschlag gefunden hatten. Diese Auffassung war bei ihnen umso verständlicher, da es sich in ihrem Falle ja nicht um einen gewöhnlichen Regierungswechsel handelte, sondern um eine Umgestaltung aller gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die ohne die geistige Bereitwilligkeit breitet Volksmassen nicht zu erhoffen war. Es war weder persönliche Naivität noch Haltlosigkeit der Gesinnung, aus denen solche Erwägungen geboren wurden, sondern die völlige Ohnmacht des Einzelwesens in einer Zeit, die alle sozialen Bindungen verloren hatte und nur Kommandorufe und widerstandslose Unterwerfung kannte.

 

Aber gerade diesen autoritären Einflüssen der Zeit konnten sich auch die großen Bahnbrecher des Sozialismus nicht entziehen, wie sehr ihre Gedanken auch der Zeit vorangeeilt waren. Die liberalen Anschauungen, welche einst in der "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" ihren Ausdruck gefunden hatten, waren in den Hintergrund getreten und hatten dem neuen Absolutismus Napoleons das Feld geräumt, der das Erbe der Revolution angetreten hatte. Die Völker hatten sich wieder in Herden verwandelt, deren Schicksal in den Händen neuer Herrenmenschen ruhte, die ihm Gestalt und Prägung gaben. Der Jakobinismus hatte den Glauben an die Allmacht des Staates wieder aufgefrischt, der durch die Revolution eine Zeit lang seinen Glanz verloren hatte. Napoleon aber hatte sich aus eigener Machtvollkommenheit zum "Mechaniker, der die Maschine erfindet" gemacht, wie Rousseau den Gesetzgeber zu nennen beliebte. Die ungeheueren militärischen und politischen Erfolge des korsischen Eroberers auf dem ganzen Kontinent entfesselten eine wahre Flut der Bewunderung, die auch nach seinem Sturze fortlebte. Der Wunderglaube an die "großen Heroen" der Geschichte, die nach eigenem Ermessen das Schicksal der Völker kneten wie der Bäcker den Teig knetet, feierte die größten Triumphe und trübte den Menschen den Blick für jedes organische Geschehen. Der Glaube an die Allmacht der Autorität wurde wieder zum Inhalt der Geschichte und fand seinen Niederschlag in den Schriften von Haller, Hegel, DeMaistre, Bonald und vielen anderen. Der Wahlspruch De Maistre's: "Ohne Papst keine staatliche Souveränität, ohne Souveränität keine Einheit ohne Einheit keine Autorität, ohne Autorität kein Glaubet" wurde zum Leitmotiv dieser neuen Reaktion, die sich über ganz Europa verbreitete.

 

Nur wenn man die Zeit in Betracht zieht, in weichet der Geist der Autorität seine höchsten Triumphe feierte und keine politische Gegenströmung vorhanden war, um das Gefühl völliger Abhängigkeit zu entkräften, läßt es sich erklären, wenn Saint-Simon 1813 seinen berühmten Brief an Napoleon richtete, um diesen zu einer Reorganisation der europäischen Gesellschaft anzuregen oder wenn Robert Owen sich in einem längeren Schreiben an Friedrich Gentz, den ebenso geistvollen als charakterlosen Soldschreiber der "Heiligen .Allianz" wendete, um diesem vorzuschlagen, dem Fürstenkongreß in Aachen (1818) seine Pläne zur Überwindung des sozialen Elends vorzulegen und wenn Fourier einen ähnlichen Schritt bei dem Justizminister Napoleons unternahm und später zehn Jahre lang auf den Mann wartete, der ihm eine Million Franken zur Verfügung stellen sollte, um ihm die Möglichkeit zu geben, einen praktischen Versuch zur Verwirklichung seiner Ideen in größerem Maßstabe vorzunehmen.

 

Im Jahre 1809 erschien in Paris ein zweibändiges Werk, "La philosophie du Ruvarebohni"[2], das zu den geistvollsten Erzeugnissen der sozialistischen Literatur jener Zeit gehörte. Das Werk enthielt eine ganze Reihe glänzender Betrachtungen über die Grundlagen einer sozialistischen Gesellschaft, auf die wir hier nicht eingehen können. Das Charakteristische an jenem Buche ist, daß seine Verfasser sich die Befreiung der Gesellschaft durch den großen Machthaber Poleano vorstellten, der an der Hand der wissenschaftlichen Untersuchungen der größten Gelehrten des Volkes der Icanarfs die große Wiedergeburt der Menschheit in die Wege leitet. Wie der römische Konsul Cincinnatus nach dem Kriege wieder zu seinem Pflug, so begibt sich auch der große Poleano endlich freiwillig seiner Macht, um als Gleicher zwischen seinen Mitbürgern zu leben und mit ihnen die Fruchte seines Werkes zu genießen, das er so glänzend zur Vollendung gebracht hatte. Poleano ist natürlich nur eine Umschreibung des Namens Napoleon und das Volk der Icanarfs eine solche der Franzosen (Francais).

 

Ohne Zweifel wurden die Verfasser dieses merkwürdigen Buches durch die mannigfachen Pläne Napoleons angeregt, durch welche dieser den Widerstand Englands zu brechen und die französische Industrie zur ersten der Welt zu machen hoffte. Seine zahllosen Besprechungen mit Männern der Wissenschaft, Technikern, Indu-strialisten und Vertretern der Hochfinanz, aber auch mit gewöhnlichen Glücksrittern, Charlatanen und Abenteurern aller Schattierungen, die darauf ausgingen, sich die Taschen zu füllen, hatten alle denselben Zweck im Auge. Unter diesen Umständen war es wohl verständlich, daß unsere beiden Philosophen sich in der Hoffnung wiegten, den Kaiser für ihre Pläne gewinnen zu können und den Absolutismus zum Ausgangspunkt des Sozialismus zu machen.

 

 

V.

 

Der Glaube, Napoleon für eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft gewinnen zu können, war übrigens keine Einzelerscheinung. Auch der Einwand, daß Männer wie Saint-Simon, Fourier und die beiden Verfasser des oben erwähnten Werkes an die Möglichkeit einer Hilfe durch Napoleon nur deshalb glaubten, weil sie dazu durch ihre innere Abneigung gegen alle revolutionären Versuche veranlaßt wurden, ist nicht stichhaltig, denn wir begegnen diesen Bestrebungen auch in jenen Kreisen, die den Überlieferungen des Jakobinismus treu geblieben und von einer revolutionären Diktatur die Verwirklichung ihrer sozialistischen Pläne erhofften. Auch Michel Buonarroti, der Genosse Babeufs, den Bakunin als den größten Verschwörer seines Jahrhunderts bezeichnet hatte, setzte auf Napoleon seine Hoffnung und glaubte ernstlich, daß dieser zum Werkzeug einer neuen Revolution berufen sei, um zu vollenden, was die erste Revolution unvollendet gelassen hatte.

 

Als Napoleon durch den Machtspruch der europäischen Großmächte nach Elba verbannt wurde, traten seine alten Bundesgenossen in der Armee mit den Resten der Jakobiner in geheimen Verbindungen zusammen, gegen die Regierung Louis XVIIL, die man Frankreich aufgezwungen hatte. Napoleon, der für die Logik der Tatsachen eia feines Verständnis besaß, fühlte sehr gut, daß er von dem französischen Bürgertum, das ihn beim Eindringen der alliierten Armeen kaltblütig fallen ließ, keine Hilfe erwarten durfte. Er war daher gezwungen, sich auf die untersten Volksklassen zu stützen und sie mit großen Versprechungen zu füttern, um sie in Bewegung zu setzen. Als er am 20. März 1815 in die Tuillerien zurückkehrte, besuchte er die Vorstädte und Fabriken, ließ sich von den Arbeitern Berichte über ihre wirtschaftliche Lage vorlegen und versprach ihnen, daß er den Rest seines Lebens bloß noch dem Frieden zu widmen entschlossen sei, um der Welt zu zeigen, daß er "Nicht bloß ein Kaiser der Soldaten, sondern auch ein solcher der Bauern und Proletarier" sei. Alte Demokraten und gewesene Gegner des Kaisers traten in die neue Regierung ein, damit das Volk erkenne, daß es ihm wirklich ernst sei mit dem versprochenen "Reiche des Friedens und der Demokratie". Die Zensur wurde abgeschafft, die polizeiliche Überwachung des Buchhandels aufgehoben. Sein langjähriger Gegner, Benjamin Constant, der jetzt zusammen mit Carnot in der neuen Regierung saß, wurde mit dem Entwurf einer neuen Verfassung betraut. Es war, in der Tat, eine "Zeit des Taumels", jene kurze Periode der "Hundert Tage", die bei Waterloo einen ebenso schnellen wie blutigen Abschluß finden sollte.

 

Bonapartisten und Jakobiner hatten schon seit der Rückkehr der Bourbonen ihre alte Fehde aufgegeben und sich für die Wiedererrichtung des Kaiserreiches eingesetzt. Die Politik schafft oft sonderbare Bettgenossen, aber solche Bündnisse stellen sich in der Regel nur dann ein, wenn ihnen eine gewisse Gleichartigkeit der Bestrebungen zugrunde liegt. Man hat allerhand Vermutungen darüber angestellt, wie sich die Zukunft Europas gestaltet hätte, wenn Napoleon die Gelegenheit gefunden, den sozialen Reformen, die er in Aussicht gestellt, tiefer nachzugehen. Doch ist es kaum anzunehmen, daß er seine Versprechungen gehalten hätte, auch wenn er seinen militärischen Gegnern nicht so rasch unterlegen wäre. Ein Mann mit seinen Charakteranlagen, der sich so gänzlich daran gewöhnt hatte, die Rolle der Vorsehung in Europa zu spielen und seinen Willen als höchstes Gesetz zu betrachten, war kaum imstande, andere Wege zu beschreiten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sich wirklich mit dem Gedanken großer sozialer Änderungen getragen hat. Seine früheren Pläne, Europa in eine große wirtschaftliche Einheit unter der Hegemonie Frankreichs zu verschmelzen und manches andere sprechen sogar dafür. Aber eine solche Reform hatte immer nur seinem eigenen Wesen entsprochen: ein Termitenstaat auf der Grundlage einer Kasernenmoral, die alles Persönliche erstickt und dem gefühllosen Rhythmus einer Maschine unterwirft, die alle auf das gleiche Maß bringt.

 

Wenn Fourier und Saint-Simon glaubten, Napoleon für eine große soziale Reform gewinnen zu können, so geschah dies deshalb, weil er nach ihrer Meinung alle Möglichkeiten in sich verkörperte, die eine neue Entwicklung des sozialen Lebens fördern konnten. Doch hofften sie, daß ein ernsthafter Versuch in dieser Richtung die ganze politische und militärische Grundlage, auf der die Herrschaft des Kaisers fußte, mit der Zeit überflüssig machen und durch neue gesellschaftliche Einrichtungen ersetzen würde. Das war ein psychologischer Irrtum, der sich aber immerhin aus der politischen und sozialen Lage der Zeit erklären läßt.

 

Anders aber muß man die Stellung Buonarrotis und seiner späteren kommunistischen Anhänger in den geheimen Gesellschaften Frank' reich" beurteilen. Zwischen ihnen und Napoleon bestand eine innere Wesensverwandtschaft, über die sie sich allerdings nie Rechenschaft ablegten. Buonarroti, der einst dem inneren Kreise Robespierres angehörte, glaubte mit derselben Inbrunst an die Allmacht der Diktatur wie Napoleon, dem nichts unmöglich schien, so lange er eine Armee hinter sich hatte. Auch er rechnete mit Menschen wie mit Zahlen, und wenn Napoleon fest davon überzeugt war, durch Gewalt jeden Widerstand brechen zu können, so glaubten Buonarroti und seine Anhänger, daß man die Menschen mit dem revolutionären Terror zu ihrem Glücke zwingen müßte. Napoleon hatte eigentlich nur in größerem Maßstabe fortgesetzt, was Robespierres und seine Anhänger bereits zur Ausführung gebracht hatten, - die Zentralisation aller Zweige des gesellschaftlichen Lebens. Er war denn auch, im Grunde genommen, nicht der Erbe der Revolution, welche die "Memschenrechte" verkündet hatte, sondern nur der Erbe des Jakobinertums, das jene Redite zur Zwangsjacke gemacht und ihre Auslegung durch die Guillotine erläutert hatte.

 

Extreme berühren sich sehr häufig im politischen Leben, aber sie berühren sich nur dann, wenn gemeinsame Anziehungspunkte vorhanden sind, die unter gegebenen Verhältnissen nach derselben Richtung streben. Alle Reformen Napoleons waren der Atmosphäre der Kaserne entsprungen. Der Gleichheits-Kommunismus Barbeufs, Buonarrotis und der ganzen späteren babouvistischen Schule wurde von denselben Voraussetzungen getragen. Es ist die innere Verwandtschaft des Denkens und Fühlens, die solche Verbindungen zustande bringt. Das Bündnis der Jakobiner mit den Bonapartisten in der Zeit der Restauration, der Anschluß, den Lassalle bei Bismarck suchte und nur deshalb nicht finden konnte, weil er keine ebenbürtige Macht hinter sich hatte, die Allianz zwischen Stalin und Hitler, die zur unmittelbaren Ursache des letzten Weltkrieges wurde, sind nur in diesem Sinne zu verstehen. Es handelt sich in allen diesen Fällen um bestimmte Auswirkungen desselben absolutistischen Prinzips in verschiedenen Formen. Wer diesen inneren Zusammenhängen nicht tiefer nachgeht, dem hat die Geschichte überhaupt nichts zu offenbaren.

 

Die ganze babouvistische Schule des Sozialismus, die in Männern wie Barbes, Blanqui, Teste, Voyet d'Argenson, Bernard, Meillard, Nettre usw. ihre Vertreter fand und in den geheimen Bünden der "Gesellschaft der Familien", der "Gesellschaft der Jahreszeiten" und anderen ihre Wirksamkeit entfaltete, war durchaus autokratisch in ihren Bestrebungen. Nach einem geheimen Bericht, der 1840 von allen Sektionen der Gesellschaften angenommen wurde, sollte ein Direktorium von drei Personen den kommenden Aufstand organisieren und nach dem Siege als provisorische Regierung eingesetzt werden. Diese diktatorische Körperschaft sollte nicht vom Volke, sondern von den Verschworenen selbst gewählt werden. Die Regierung sollte die Leitung der Industrie, des Ackerbaus und der Verteilung der Produkte übernehmen. Um die Gleichheit der Gesinnung dem Staate gegenüber herzustellen, sollten die Kinder vom fünften Lebensjahre an den Eltern entzogen und in staatlichen Instituten erzogen werden. Das Vorbild eines totalen Staates wurde auf diese Weise also bereits von Sozialisten ausgearbeitet. Auch die Idee Lenins von den "professionellen Revolutionären" ist nur ein Abklatsch von Blanquis "revolutionärem Generalstab". Der "monarchistische Gedanke", dem Proudhon den Krieg erklärt hatte, saß viel tiefer, als die meisten ahnen mochten und hat, wie die letzten Zeitereignisse überall in der Welt deutlich zeigen, seine Wirkung noch lange nicht eingebüßt. Auch die sozialistischen Schulen von Etienne Cabet, Louis Blanc, Constantin Pecqueur und anderen sind vollständig mit absolutistischen Gedankengängen durchsetzt. Nur bei Fourier und seinen Anhängern findet man vielfach freiheitliche Ideen und bewußte föderalistische Bestrebungen. Auch der englische Sozialismus der älteren Schule und auch später ist von einem viel freiheitlicheren Geiste getragen, weil die großen liberalen Gedankenströmungen einen viel stärkeren Einfluß auf seine Träger ausübten, ebenso wie in Spanien, wo die föderalistischen Überlieferungen tief im Volke wurzelten und den anarchistischen Sozialismus zu einer Massenbewegung entwickelten. Dasselbe gilt auch für Italien, wo die Lehren Pisacanes und des freiheitlichen Sozialismus stets ein wirksames Gegengewicht gegen die autoritären Bestrebungen der Zeit bildeten.

 

Unter den Sozialisten der älteren Schule finden wir nicht bloß bei vielen eine ausgesprochene Feindseligkeit gegen alle liberalen Bestrebungen und ein ganz unverkennbares Kokettieren mit Auffassungen des politischen Absolutismus, sondern sogar theokratische Anwandlungen, die direkt aus dem Vorstellungskreise des römischen Katholizismus hervorgegangen sind. Das gilt besonders für die Saint- Simonisten und die Anhänger des sogenannten theosophischen Kommunismus. Zwischen der Lehre Saint-Simons und den sozialen Auffassungen der saint-simonistisdien Schule besteht ein Unterschied, der sich häufig überhaupt nicht mehr überbrücken läßt und nur noch als eine Entartung der ursprünglichen Ideen des Lehrers bezeichnet werden kann. Unter den großen Bahnbrechern des Sozialismus war Saint-Simon sicher einer der hervorragendsten Köpfe, der mit seinen Gedanken alle späteren sozialistischen Richtungen befruchtet hat, von den Marxisten bis zu den Anarchisten. Seine umfassenden Kenntnisse und seine außergewöhnliche historische Beobachtungsgabe haben ihm seinen Platz als einen der bedeutendsten Denker seiner Zeit angewiesen, den ihm niemand bestreiten kann. Man hat ihn eine Faust-Natur genannt und nicht mit Unrecht, denn er hat an manche verborgene Pforte geklopft und der ewige Hunger nach immer tieferer Erkenntnis bildet den ganzen Inhalt seines seltsamen Lebens, das in seiner ergreifenden Eigenart so reich an tragischer Größe ist.

 

Saint-Simon hat nie eine bestimmte Theorie über die Lösung der sozialen Frage aufgestellt, noch hat er sich je in abstrakten Vorstellungen verloren, wie die meisten seiner späteren Schüler. Seine überragende geistige Überlegenheit geht schon daraus hervor, daß er eine ganze Reihe der bedeutendsten Geister seiner Zeit in den Bann seiner Gedanken zu bringen verstand. Augustin Thierry, der große französische Historiker, der Mineraloge Le Play, Auguste Comte, der Begründer der "Philosophie des Positivismus", der Rechtstheoretiker Lerminier, der spätere Unterrichtsminister H. Carnot, Komponisten wie Leon Halevy und F. David, Ingenieure wie Barrault, Mony und Lesseps, der spätere Erbauer des Suezkanals, Nationalökonomen und Finanzmänner wie Michel Chevalier, Adolph Blanqui, O. Rodrigues, Emile Pereire, Männer, die in der späteren sozialistischen Bewegung eine hervorragende Rolle spielten, wie A. Bazard, P. Enfantin, P. Leroux, J. Reynaud, Ph. Buchez und viele andere, - sie alle sind aus der Schule Saint-Simons hervorgegangen oder wurden stark von seinen Anschauungen beeinflußt. Auch Heinrich Heine und die Romandichterin George Sand sind tief von seiner Lehre berührt worden. Nur ein ganz großer Geist konnte einen so starken und nachhaltigen Eindruck hervorrufen.

 

Die eigentliche Größe Saint-Simons besteht in seiner glänzenden Beurteilung der neuen wirtschafts-politischen Verhältnisse, die sich aus der französischen Revolution ergeben hatten und in seiner tiefgründigen Auffassung über die Bedeutung der modernen Industrie, die er mit Recht als einen der entscheidenden Faktoren für die wirtschaftliche und politische Entwicklung der europäischen Gesellschaft betrachtete. Dabei war für ihn die Industrie nicht bloß eine materielle, sondern auch eine -geistige Erscheinung, denn durch sie siegte der Geist über die Materie und schaffte in derselben Zeit eine ethische Wertung des Lebens, welche die alte Gesellschaft nicht kannte, die Wertschätzung der menschlichen Arbeit.

 

Saint-Simon war einer der ersten großen Sozialphilosophen, die zwischen der politischen Organisation des Staates und dem natürlichen Gebilde der Gesellschaft eine deutliche Grenze zogen und versuchte, die Einflußsphäre beider zu bestimmen. In seiner Schrift "Du systeme industriel" (1821) führte er den Ausbruch der Großen Revolution auf die staatliche Bevormundung und Regulierung der Industrie zurück und zog daraus den Schluß, daß das Schwergewicht aller menschlichen Betätigung nicht in den politischen Formen der Regierung, sondern in den wirtschaftlichen und allgemeinen Verhältnissen der Zeit gesucht werden müsse. Solange die Menschheit über die Phase ihrer Kindheit noch nicht hinausgekommen, war die Vormundschaft der Regierung eine natürliche Einrichtung, die in den Verhältnissen selbst begründet war, wie die Vormundschaft der Eltern über das Kind. Wie aber der erwachsene Mensch diese Vormundschaft nicht länger benötigt und mit der Reife seiner persönlichen Verantwortung sein Leben nach eigenen Bedürfnissen gestaltet, so wird auch die Menschheit als Ganzes die Vormundschaft der Regierung allmählich überwinden und auf eigenen Füßen stehen lernen. "Die Kunst, Menschen zu regieren, wird dann verschwinden, um einer neuen Kunst das Feld zu räumen, der Kunst, die Dinge zu verwalten".

 

Die Zeit der gesellschaftlichen Reife beginnt nach Saint-Simon mit der Entstehung der Industrie. Sie wird die Menschen nicht bloß vom Fluche der Armut, sondern auch von der Notwendigkeit des Regierens befreien. Seine Schüler aber haben aus dieser lichtvollen Auffassung des Meisters, die Proudhon so bereitwillig aufgenommen und weiter entwickelt hat, überhaupt nichts zu machen gewußt. Sie wurden nicht nur die Träger eines neuen Katholizismus, sondern auch die geistigen Vertreter einer neuen Hierarchie, die sie die "Saint-Simonistische Kirche" nannten. Was sie erstrebten, war eine gesellschaftliche Theokratie, in welcher die Vertreter der Kunst, der Wissenschaft und der Arbeit die innere Gliederung des Staates bilden sollten. Im Gegensatz zu den meisten anderen sozialistischen Richtungen waren die Saint-Simonisten Gegner der Republik, weil sie in der republikanischen Staatsform den Ausdruck einer inneren Zersplitterung erblickten. "Die Republik", sagte Rodrigues, "ist unmöglich! sie wird nie verwirklicht werden. Sogar ihr Name wird verschwinden und von der Assoziation verdrängt werden. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Saint-Simonismus republikanisch sei".

 

Wenn die Vertreter der liberalen Schule durch eine Trennung der Machtbefugnisse und besonders durch eine Scheidung der gesetzgebenden von der ausführenden Gewalt den Mißbrauch der öffentlichen Macht verhindern wollten, so erblickten die Saint-Simonisten in dieser Teilung eine Zersplitterung der gesellschaftlichen Kräfte, die zu einer Zersetzung des Gemeinwesens führen mußte. Was sie erstrebten, war eine Vereinigung aller politischen und sozialen Befugnisse in einer Person. "Das Staatsoberhaupt ist zugleich Gesetzgeber und Richter. Es bestimmt die Richtlinien der öffentlichen Ordnung und entscheidet über ihre Anwendung. Es ist das lebendige Gesetz, das Organ, von dem alles Lob und aller Tadel ausgeht".

 

Da nach der Auffassung der Saint-Simonisten das materielle Dasein des Menschen mit der Religion auf das tiefste verwachsen ist, so erhebt sich über allen Gliederungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens die neue Kirche als synthetische Zusammenfassung und organische Einheit. Deshalb ruht die ganze Leitung der Gesellschaft in der Hand des Priesters, denn die Kirche ist nicht länger eine Einrichtung der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft selbst. Die ganze Gesellschaftsordnung ist auf den drei großen Prinzipien "der Liebe, des Gedankens und der Kraft" aufgebaut, die in den drei Ständen der Künstler, Gelehrten und Werktätigen ihre Vertretung findet und die Hierarchie des sozialen Lebens bildet. In einer solchen Gemeinschaft ist kein Platz für persönliche Sonderinteressen, das Individuelle verschwindet überhaupt, um sich im Organismus der Gesellschaft aufzulösen. Der Priester ist der Vermittler aller gesellschaftlichen Beziehungen. Er entscheidet nicht nur über alle Angelegenheiten des geistigen Lebens, sondern weist auch jedem Gliede der Gemeinschaft seinen Platz an und sorgt für das gesellschaftliche Gleichgewicht durch eine gerechte Verteilung der allgemeinen Gütererzeugung und der Verteilung der Arbeitsprodukte.

 

Die "Allweltliche Arbeiter-Assoziation' der Saint-Simonisten trägt den Charakter einer sozialen Theokratie, an deren Spitze ein industrieller Papst steht, dessen Anweisungen jeder widerspruchslos Folge leistet, da sie für alle gleich verbindlich sind. Sie ist das Modell eines totalen Staates, der alle sozialen Lebensäußerungen im richtigen Geleise hält und dafür sorgt, daß jeder den Anteil von allem erhält, der ihm auf Grund seiner sozialen Stellung und seines Ranges zusteht. Die Vorstellung einer sozialen Kirche als lebendiges Symbol der menschlichen Verbrüderung, die jedem den Platz anweist, den er auszufüllen hat, um die Belange der Gemeinschaft zu fördern, war das politische Ideal der Saint-Simonisten, die sich hier bewußt oder unbewußt mit den starren Vertretern des absolutistischen Autoritätsprinzips begegnen. Auch ihre Organisation trug den theokratischen Charakter einer neuen Kirche. Sie wurde von einem "Heiligen Collegium" geleitet, an dessen Spitze Bazard und Enfantin als "Hohepriester" figurierten. Sie hatte Gemeinden, Bistümer und Bischofsitze in Paris, Toulouse, Angers, Lyon, Metz, Blois, Bordeaux, Nantes, Limoges, Tour, Dijon und einer Reihe anderer Städte und fand auch im Auslande, besonders in Belgien, wirksame Vertreter. Besonders nach dem Tode Bazards, als Enfantin das alleinige Haupt, der "Vater" der neuen Kirche wurde, nahm die gläubige Inbrunst seiner Anhänger oft einen Charakter an, der sich heute schwer begreifen läßt. So schrieb ihm Reynaud aus Korsika: "Der Kuß meines Vaters wird mir Kraft, sein Wort Beredsamkeit geben. Ich setze alles Vertrauen auf meinen Vater, denn ich weiß, daß er seine Kinder besser kennt, als sie sich selber kennen. Und doch, weshalb zittere ich, wenn ich seine Nähe fühle?" Und Barrault, einer der glänzensten Redner und Apostel der neuen Kirche, schrieb an Enfantin: "Vater, Du bist der Gesandte Gottes auf Erden und der König aller Völker! Jerusalem sah seinen Christus und kannte ihn nicht. Paris hat Dein Antlitz gesehen und Deine Stimme gehört. Frankreich aber kennt nur Deinen Namen."

 

Es ist wohl kein Zweifel, daß Enfantin diese schwüle Glaubensbrunst gefördert hat, um seinem Einfluß eine geistige Grundlage zu geben, an der die Vernunftsgründe des gesunden Menschenverstandes scheitern mußten. Vergleicht man damit das Gebaren der politischen Kirche des modernen Kommunismus, deren blinde Anhängerschaft jeder Zeit bereit ist, heute auf höhere Weisung hin, alles zu verschreien, was sie noch gestern gefeiert hat, so wird uns allerdings manches verständlich, was uns beim Studium jener entschwundenen Zeit oft so befremdlich erscheinen mußte. Der Stalinkult unserer Tage aber fußt auf der gleichen Vorstellungswelt.

 

 

VI.

 

Der Einfluß absolutistischer Gedankenströmungen auf die Entwicklung der sozialistischen Ideenwelt, bald in der Anfangsperiode ihrer Entfaltung, war sicher ein Verhängnis, auch wenn uns seine Ursachen aus den Verhältnissen der Zeit verständlich erscheinen. Doch in Frankreich gab es nicht bloß eine jakobinische und autoritäre Überlieferung, sondern die Große Revolution selbst hatte tiefe Spuren im Denken der Menschen zurückgelassen, die unvergänglich waren und stets neue Anknüpfungspunkte für neue Entwicklungsmöglichkeiten boten. Und wenn es auch unbestreitbar ist, daß gewisse Richtungen des französischen Sozialismus bei dem politischen und klerikalen Absolutismus Anleihen machten, so fanden diese Bestrebungen ein wirksames Gegengewicht in den geschichtsphilosophischen Betrachtungen Saint-Simons, in der föderalistischen Assoziationsidee des Fourierismus und seiner Lehre von der "attraktiven Arbeit" und besonders in dem überragenden Einfluß der anarchistischen Gesellschaftsphilosophie Proudhons.

 

Ganz anders aber lagen die Verhältnisse in Deutschland, wo jede revolutionäre Überlieferung fehlte, wo der Liberalismus stets ein kraftloses Ersatzprodukt seines englischen Vorbildes blieb und die Ideen der bürgerlichen Demokratie niemals Wurzeln im Volke geschlagen hatten. Deutschland blieb bis zum Ende des ersten Weltkrieges ein halb-absolutistischer Staat, und alle Wahlsiege der deutschen Sozialdemokratie konnten an dieser historischen Tatsache nichts ändern. Die ersten Ansätze der sozialistischen Bewegung in Deutschland wurden aus Frankreich eingeführt, aber da ihre ersten Vertreter fast ausnahmslos aus der Schule Hegels und Fichtes hervorgegangen waren, so erhielten ihre Anschauungen von Anfang an ein ganz besonderes Gepräge, das sie von allen sozialistischen Gedankenrichtungen in Westeuropa wesentlich unterscheidet. Hegel, der "Philosoph des preußischen Staates", wie man ihn mit Recht genannt hat, hatte den Staat zum "Gott auf Erden" gemacht und Fichte hatte in seiner Schrift, "Der geschlossene Handelsstaat", die Vorlage einer staatssozialistischen Gesellschaft entworfen, die jedem totalen Staatsgebilde als Vorbild dienen konnte. Wenn Friedrich Engels in seiner Schrift, "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", erklärte "wir deutschen Sozialisten sind stolz darauf, daß wir abstammen nicht nur von Saint-Simon, Fourier uud Owen, sondern auch von Kant, Fichte und Hegel", so bestätigt er damit nur eine Tatsache. Ob diese Tatsache dem deutschen Sozialismus wirklich das geistige Übergewicht gegeben hat, das Engels ihr zuschreibt, ist freilich eine andere Frage.

 

Die Agitation Ferdinand Lassalles hatte der modernen deutschen Arbeiterbewegung den Weg gebahnt. Sein Einfluß auf die Bewegung blieb stets unverkennbar und erwachte besonders vor dem ersten Weltkriege und nach der November-Revolution von 1918 zu erneuter Stärke. Lassalle war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger der Hegelschen Staatsidee. Seine Anhänger waren von der "befreienden Misston des Staates" so fest überzeugt, daß ihre Staatsgläubigkeit zuweilen geradezu groteske Formen annahm. Man ist im Auslande häufig der Ansicht, daß Deutschland das marxistischste Land der Welt gewesen sei und der barbarische Kampf der Machthaber des Dritten Reiches gegen den "Marxismus" hat viele in dieser Meinung gestärkt. In der Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders: die Zahl der wirklichen Marxisten war auch in Deutschland verhältnismäßig gering, denn die politische Stellung der deutschen Sozialdemokratie wurde viel mehr von Lassalle als von Marx und Engels beeinflußt. Von ihm erbten die deutschen Sozialisten ihre brünstige Staatsgläubigkeit und den größten Teil ihrer autoritären Bestrebungen. Von Marx übernahmen sie lediglich den ökonomischen Schicksalsglauben an die unüberwindliche Macht der wirtschaftlichen Verhältnisse und die Terminologie der Begriffe.

 

Lassalle war nicht bloß seinen Ideen nach sehr absolutistisch veranlagt, er war auch in seinem ganzen Wesen einer jener geborenen Autokraten, die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit so mächtig durchdrungen sind, daß sie jeden Widerspruch geradezu als eine Sünde gegen den "heiligen Geist" empfinden. Er hat mit vollem Bewußtsein den Glauben an seine "historische Sendung" so tief in den Köpfen seiner kleinen Anhängerschaft verankert, daß sie mit schwärmerischer Begeisterung zu ihm aufblickten wie zu einem neuen Messias, der alles Heil in seinen Händen trägt. Von diesem Geiste beseelt, schrieb der "Neue Sozialdemokrat", das Organ der Lassalleschen Schule: " Weshalb aber sind wir so begeistert, so energisch, ja weshalb sind die Lassalleaner fast alle von einem glühenden Fanatismus beseelt? Weil die Lehre Lassalles eine unfehlbare ist, und weil die Lassalleaner, wenn sie dieselbe verkündigen, in dieser Hinsicht sich selbst für unfehlbar halten müssen. Die Lehre Lassalles ist die einzig wahre; sie ist unfehlbar und der Glaube daran versetzt Berge. Ohne festen Glauben an ihre Lehre hätten die ersten Christen nicht geblutet für dieselbe; ohne die Unfehlbarkeit jener Religion wäre sie gar nicht als Religion bekannt geworden. Und ohne den Lassalleschen Glauben wird nimmermehr der Sozialismus diejenigen Wurzeln unter den deutschen Arbeitern schlagen, welche einst den Baum der glückseligen Menschen tragen sollen."

 

Man vergleiche mit solchen Ergüssen einer brünstigen Glaubenswut die fortwährende Berufung auf die "Notwendigkeit des Fanatismus" in den Reden Hitlers, und man wird begreifen, daß beide aus demselben Holze gewachsen sind. Lassalle besaß alle Eigenschaften des Diktators, es fehlten ihm bloß die Umstände, aus denen die Diktatur hervorgeht. Seine ganze Organisation war auf die Diktatur zugeschnitten, trotz aller demokratischen Verbrämung. Er wurde von dem "Allgemeinen deutschen Arbeiter-Verein' für fünf Jahre als Präsident mit diktatorischen Vollmachten gewählt und entwickelte das sogenannte "Führerprinzip", das dann den Grundstein des "Dritten Reiches" bildete, mit erstaunlicher Folgerichtigkeit. So sagte er in seiner berühmten Ronsdorfer Rede im Mai 1864: "Auch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein epochemachend und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis zur Nordsee und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein " Nein " gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die Ihr mir anvertraut habt, eine durchaus auf Euerer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit beruhende! . . . Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in dem Satz zusammenfassen: Wir müssen unserer aller Willen in einem einzigen Hammer zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und gutem Willen wir das nötige Zutrauen haben, damit er auf aufschlagen könne mit dem Hammer!"

 

Die liberale Staatsauffassung, welche dem Staat nur die Berechtigung zuerkannte, die Freiheit des Bürgers und des Landes gegen Angreifer von innen und von außen zu schützen, bezeichnete Lassalle als eine "Nachtwächter-Idee". Auch in diesem Sinne dachte er ganz als Hegelianer. " Wollte die Bourgeoisie konsequent ihr letztes Wort aussprechen", sagte er, "so müßte sie gestehen, daß nach diesem ihrem Gedanken, wenn es keine Räuber und Diebe gäbe, der Staat überhaupt ganz überflüssig sei". Von einem solchen Gedanken aber - und darin unterscheidet er sich von Marx - wollte Lassalle nichts wissen. Für ihn war und blieb der Staat "das sittliche Ganze" Hegels, "welches die Funktion hat, diese Entwicklung zur Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechtes zur Freiheit zu vollbringen".

 

Es war gerade diese historisch absolut falsche Auffassung, die ihn dazu führte, Anschluß bei Bismarck zu suchen. Das Liebäugeln Lassalles mit dem "sozialen Königtum", das, "auf den Knauf des Schwertes gestützt", die große Aufgabe erfüllen könnte, "wenn es entschlossen ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen", war auch die Ursache, weshalb die Presse der Deutschen Fortschrittspartei gegen Lassalle und seine Anhänger den Vorwurf erhob, daß sie die Geschäfte Bismarcks besorgten. Für diese Beschuldigung gibt es allerdings keine materielle Begründung. Lassalles Stellung beruhte auf der Art seines Denkens. Er besorgte nicht die Geschäfte Bismarcks, aber er glaubte, Bismarck für seine eigenen Geschäfte benutzen zu können und gerade darin lag die gefährliche Seite seines gewagten Spieles, denn es war Bismarck, der sich auf "den Knauf des Schwertes stützen konnte", nicht Lassalle. Sein Biograph, Eduard Bernstein, hat Lassalles damalige Äußerungen als "die Sprache des Zäsarismus" bezeichnet und mit Recht, umso mehr, als er sich dazu verstieg, die bestehende preußische Verfassung als "eine den bürgerlichen Klassen vom Königtum gewährte Gunst" hinzustellen. In einem Lande wie Deutschland war ein solches Zugeständnis eines sogenannten "Demokraten" ein doppeltes Verhängnis.

 

Lassalle war ein hochbegabter Mensch, und, wie er einmal von sich selber sagte, mit "dem ganzen geistigen Rüstzeug seines Jahrhunderts" bewaffnet. Aber viele Äußerungen seiner Reden und Schriften, manche seiner Briefe an Sophie von Solutzef und die Gräfin Hatzfeld und manches andere deuten darauf hin, daß bei diesem außergewöhnlichen, von vielen deutschen Arbeitern wie ein Halbgott verehrtem Manne, der persönliche Ehrgeiz das eigentliche Motiv seines Handelns gewesen ist. Deshalb kann auch niemand sagen, wo er schließlich gelandet wäre, wenn die Kugel des ungarischen Aristokraten von Rakowitza seinem Leben nicht ein vorzeitiges Ziel gesetzt hätte. Dieser geradezu krankhafte Ehrgeiz tritt bei ihm bereits in frühester Jugend hervor. So schrieb er nach einer Vorstellung von Schillers "Fiesko", der er beigewohnt hatte, in sein Tagebuch die bezeichnenden Worte: "Ich weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutionär-demokratisch-republikanische Gesinnungen habe wie Einer, so fühle ich doch, daß ich an der Stelle des Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte, Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand ausgestreckt hätte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte betrachte, daß ich bloß Egoist bin. Wäre ich als Prinz oder Fürst geboren, ich würde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich bloß ein schlichter Bürgersohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat sein," Auch Idole haben ihre Schattenseiten, wenn man sie bei Licht betrachtet. Lassalle hatte davon eine ganze Menge.

 

 

***

 

Der Einfluß von Marx auf die deutsche Arbeiterbewegung war anders geartet. Marx war kein zündender Redner wie Lassalle, der unmittelbar auf seine Zuhörerschaft durch das lebendige Wort wirken konnte; seine Gedankengänge gingen vielfach über das Begriffsvermögen sogar intelligenterer Arbeiter hinaus und mußten diesen erst durch populäre Darstellungen aus zweiter Hand vermittelt werden. Dazu lebte er faßt die ganze Zeit seines Lebens im Auslande, während Lassalle in Deutschland wirkte und infolgedessen die unmittelbaren Notwendigkeiten seiner Propaganda besser zu beurteilen wußte. Außerdem aber gab es in den Lehren beider Männer eine ganze Reihe wesentlicher Verschiedenheiten, die besonders in ihrer Stellung zum Staat ihren Ausdruck fanden. Auch Marx ging von bestimmten absoluten Vorstellungen aus, indem er die Entwicklung des gesellschaftlichen Geschehens auf zwangsläufige Notwendigkeiten zurückführte, die in den Produktionsbedingungen der Zeit begründet sind.

 

"Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt", wie es in der berühmten Einleitung "Zur Kritik der politischen Ökonomie"[1] heißt. Marx war fest davon überzeugt, den Bewegungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft auf die Spur gekommen zu sein. Er gab sich denn auch alle Mühe, die angeblichen Gesetze der sozialen Physik als "reine" und "absolute" Gesetze zu begründen, so wenn er im ersten Bande des "Kapital" die sogenannte Akkumulation des Kapitals als "absolutes und allgemeines Gesetz" bezeichnet, demzufolge "der Reichtum einer Nation ihrer Bevölkerung und ihr Elend ihrem Reichtum entspricht." - Als Schüler Hegels stellte er sich diesen Prozeß der Entwicklung als eine Trilogie des Geschehens vor, die sich mit eiserner Notwendigkeit aus den wirtschaftlichen Lebensbedingungen von selbst ergibt. So lesen wir im ersten Bande des "Kapital": "Die am der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Aera: der Kooperation und des Gemeindebesitzes der Erde und durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel."

 

Diese mechanische und fatalistische Auffassung des geschichtlichen Geschehens, die hier als absolute Wahrheit vorgetragen wurde, hatte mit dem wachsenden Einfluß der deutschen Bewegung auf die sozialistischen Bestrebungen aller übrigen Länder eine lähmende Wirkung auf die Gestaltung des sozialistischen Gedankens ausgelöst, obgleich Marx mit der vorschreitenden Entwicklung des wirtschaftlichen Geschehens die Überwindung aller machtpolitischen Befugnisse des Staates erhoffte. Gerade in dieser Beziehung unterscheidet er sich wesentlich von Lassalle, der in seiner Auffassung vom Staate zeit seines Lebens Alt-Hegelianer geblieben ist. So heißt es bereits im "Kommunistischen Manifest": "Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. - An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren. Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist".

 

Sogar in der haßerfüllten Schmähschrift, "L´ Alliance de la Democratie socialiste et l'Association internationale de Travailleurs", die Marx zusammen mit Engels und Lafargue gegen Bakunin und den freiheitlichen Flügel der Internationale verfaßt hatte, werden die Worte, die bereits in dem berüchtigten Privatzirkular des Generalrats "Les pretendues scissions dans l´Internationale" enthalten sind, noch einmal wiederholt: "Alle Sozialisten verstehen unter Anarchie dieses: ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung, die Abschaffung der Klassen erreicht, so verschwindet die Gewalt des Staates, welche dazu dient, die große produzierende Mehrheit unter dem Joche einer wenig zahlreichen ausbeutenden Minderheit zu erhalten, und die Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache Verwaltungsfunktionen."

 

Das politische Ziel, das Marx im Auge hatte, war also unzweifelhaft die Ausschaltung des Staates aus dem Leben der Gesellschaft. In dieser Hinsicht wurde er vollständig von den Ideengängen Proudhons beeinflußt. Nur in der Art, wie er dieses Ziel erreichen wollte, unterschied er sich grundsätzlich von Bakunin und den freiheitlich gesonnenen Föderationen der Internationale. Bakunin und seine Freunde vertraten den Standpunkt, daß eine soziale Umwälzung zusammen mit den Institutionen der wirtschaftlichen Ausbeutung auch den politischen Machtapparat des Staates abtragen müsse, um eine ungehinderte Entwicklung des neuen sozialen Lebens zu ermöglichen. Marx aber wollte den Staat in der Form der "proletarischen Diktatur1 als Mittel benutzen, um den Sozialismus praktisch durchzuführen und die Klassengegensätze innerhalb der Gesellschaft abzuschaffen. Erst nachdem die Klassen verschwunden, sollte ihnen der Machtapparat des Staates nachfolgen und der Verwaltung der Dinge Platz machen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Meinungen und der Versuch von Marx und seinen Anhängern im Generalrat den Föderationen der Internationale eine zentralistische Organisationsform aufzuzwingen und sie auf eine bestimmte Politik festzulegen, war die eigentliche Ursache, die später zur Spaltung und inneren Zersetzung des großen Arbeiterbundes führte.

 

Wer in jenem Streite Recht hatte, ist heute durch die Geschichte entschieden worden. Das Experiment des Bolschewismus in Rußland hat klar bewiesen, daß man durch die Diktatur zwar zum Staatskapitalismus gelangen kann, aber nie zum Sozialismus. Auch eine Gesellschaft ohne Privateigentümer kann sich zur Sklaverei eines Volkes auswirken. Die Diktatur kann alte Klassen abschaffen, aber sie ist stets gezwungen zu einer regierenden Kaste ihrer eignen Parteigänger ihre Zuflucht zu nehmen und diesen Vorrechte zu gestatten, die das Volk nicht besitzt. Die Diktatur als "Befreiungsmittel" wird durch die Logik der Umstände stets zu einem Instrument der Unterdrückung und ersetzt jede alte Form der Sklaverei durch eine neue. Auch die sogenannte "Diktatur des Proletariats" ist in Wirklichkeit nur eine Diktatur über das Proletariat, sogar wenn sie bloß als ein Provisorium oder als Übergangsperiode gedacht ist. Denn "jede provisorische Regierung hat stets die Tendenz permanent zu werden", wie Proudhon mit tiefem Verständnis der Dinge voraussagte. Daß diese Erkenntnis mit soviel Blut und Tränen und getäuschten Hoffnungen erkauft werden mußte, ist sicher eine der tragischsten Seiten der Geschichte. Am 20. Juli 1870 schrieb Marx an Engels die für seine Person und Geistesrichtung so bezeichnenden Worte: "Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der state power, nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. -Das deutsche Übergewicht wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehen, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unserer Theorie über die Proudhons etc."

 

Marx hatte Recht. Der Sieg Deutschlands über Frankreich war in der Tat ein Wendepunkt in der Geschichte Europas und der internationalen sozialistischen Bewegung. Der freiheitliche Sozialismus Proudhons wurde durch die neugeschaffene Lage in den Hintergrund gedrängt und mußte den bis ins innerste Mark hinein autoritären Anschauungen von Marx und Lassalle das Feld räumen. Die lebendige, schöpferische und unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit des Sozialismus wurde für die nächsten fünfzig Jahre durch einen verknöcherten Dogmatismus verdrängt, der anspruchsvoll als neue Wissenschaft in die Schranken trat, in Wirklichkeit aber nur auf einem Gewebe theologischer Spitzfindigkeiten und fatalistischer Trugschlüsse beruhte, die jedem wahrhaft sozialistischen Gedanken das Grab schaufelten. In Deutschland selbst nahm dieser Überlegenheitsfimmel oft ganz groteske Formen an. Man fühlte sich als Wegweiser des "wissenschaftlichen Sozialismus" und als "Lehrer der internationalen Arbeiterbewegung". Dabei vergaß man im ganzen, daß das Deutschland Bismarcks ein halbdespotischer Militär- und Polizeistaat war, der erst noch zu erringen hatte, was die westeuropäischen Länder längst besaßen und wovon man im Lande des Parademarsches, der Polizeiwillkür und des Kadavergehorsams sogar nicht träumen durfte.

 

Daß eine Arbeiterschaft, die nicht die kleinsten revolutionären Überlieferungen hinter sich hatte und welche den sozialistischen Gedanken nur in der Form des Marxschen Wirtschaftsfatalismus und der blinden Staatsgläubigkeit Lassalles kennen lernte, zum Wegweiser der allgemeinen sozialistischen Bewegung werden konnte, war für den Sozialismus dasselbe Verhängnis wie die Politik Bismarcks, die Europa zum Schicksal wurde. Mein unvergeßlicher Freund, der Dichter Erich Mühsam, der von den Nazis im Lager Oranienburg ermordet wurde, hat für diese eigenartige Tendenz das Wort "Bismarxismus" geprägt, die beste und treffendste Bezeichnung, die man dafür finden konnte.

 

 

***

 

Der große politische Umschwung, der nach dem deutsch-französischen Kriege von 1870-71 in Europa eintrat, mußte sich in ähnlicher Weise auch auf den Sozialismus auswirken. An die Stelle der sozialistischen Ideengruppen und der wirtschaftlichen Kampf -Organisationen, in welchen die vorgeschrittenen Teile der ersten Internationale die Zellen der zukünftigen Gesellschaft und die natürlichen Organe zur Umgestaltung der Wirtschaft im Sinne des Sozialismus erblickten, traten die modernen Arbeiterparteien, die das Schwergewicht der Bewegung nicht länger auf die Eroberung des Grund und Bodens und der industriellen Betriebe, sondern auf die Eroberung der politischen Macht verlegten. So entwickelte sich im Laufe der Jahre eine ganz neue Ideologie. Der Sozialismus verlor immer mehr den Charakter eines neuen Kulturideals, das die Völker für die Ablösung der kapitalistischen Zivilisation geistig vorbereiten und praktisch befähigen sollte und deshalb vor den engen Grenzen des nationalen Staates nicht halt machte.

 

In den Köpfen der Führer dieser neuen Phase der Bewegung vermengten sich die Belange des nationalen Staates immer mehr mit den geistigen Belangen der Partei, bis sie zuletzt überhaupt nicht mehr imstande waren, eine bestimmte Grenze wahrzunehmen und sich daran gewöhnten, den Sozialismus durch die Brille der sogenannten "nationalen Interessen" zu sehen. So konnte es nicht ausbleiben, daß die moderne Arbeiterbewegung sich allmählich in das nationale Staatsgefüge eingliederte und bewußt oder unbewußt die Machtpolitik der Regierungen förderte. Es wäre falsch, diese seltsame Umstellung lediglich als einen Verrat der Führer zu beurteilen, wie man dies häufig getan hat. In Wirklichkeit handelte es sich hier um ein allmähliches Hineinwachsen in die Gedankenwelt der alten Gesellschaft, das durch die praktische Betätigung der heutigen Arbeiterparteien bedingt war und sich notwendigerweise auf die geistige Einstellung ihrer politischen Träger auswirken mußte. Dieselben Parteien, die einst ausgezogen waren, um unter der Flagge des Sozialismus die politische Macht zu erobern, sahen sich durch die eiserne Logik der Umstände mehr und mehr in eine Stellung gedrängt, in der sie Stück für Stück ihrer sozialistischen Grundsätze der nationalen Politik des Staates opfern mußten. Sie wollten durch eine nationale Politik den Sozialismus erobern, aber was sie zu Wege brachten, war, daß die nationale Politik ihren Sozialismus eroberte.

 

Man blickte wie hypnotisiert auf die großen Wahlerfolge der deutschen Sozialdemokratie und bewunderte die mächtige Parteimaschine, die sie aufgebaut hatte, aber man vergaß, daß trotz all dieser Erfolge an der deutschen Wirklichkeit auch kein Jota geändert wurde. Die eiserne Zentralisation der Partei und die Kasernendisziplin, die sie dem preußischen Staate abgelauscht hatte, erstickten jede lebendige Initiative. Die Organisation, die nur ein Mittel zum Zweck sein sollte, wurde Selbstzweck und tötete den Geist der ihr allein einen lebendigen Inhalt geben konnte. Daß dies keine Übertreibung ist, dafür nur ein Beispiel: Als nach dem Sturze Bismarcks der vom Kaiser ernannte neue Reichskanzler von Caprivi im Reichstag den Eifer der sozialdemokratischen Soldaten in der deutschen Armee offen anerkannte, antwortete ihm der angesehendste Führer der Partei, August Bebel: "Das wundert mich gar nicht und beweist nur, daß die Herren von der Rechten und von der Regierung von der Tüchtigkeit der Sozialdemokraten eine ganz falsche Anschauung haben. Ich glaube sogar, daß die Bereitwilligkeit, mit der gerade meine Parteigenossen sich der vorschriftsmäßigen Disziplin gefügt haben, ein Ausfluß der Disziplin ist, die ihnen das Leben beibringt. Die Sozialdemokratie ist also gewissermaßen eine Vorschule für den Militarismus".

 

Darf man sich bei einer solchen Einstellung noch wundern, wenn die deutsche Revolution von 1918 so schmählich versagte, und wenn der "Vorwärts" seinen geduldigen Lesern noch am Vorabend des 9. November zu Herzen führte, daß das deutsche Volk für die Republik noch nicht reif sei? Niemand macht der deutschen Sozialdemokratie den Vorwurf, daß sie nicht versucht hat, nachdem ihr nach dem Kriege die politische Macht, die sie so lang erstrebt hatte, wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen war, eine sozialistische Gesellschaft in Deutschland einzuführen. Dazu war das deutsche Volk, nach der ganzen Erziehung, die es genossen hatte, wirklich nicht fähig. Eines aber hatte die erste rein sozialistische Regierung nach dem Kriege ja in ihrer Hand: sie konnte die unselige Macht des preußischen Junkertums in Deutschland brechen, indem sie Hand an den großen Grundbesitz legte, auf dem die politische Macht der Junker beruhte. Die bürgerlichen Revolutionäre der großen französischen Revolution, die von keinen sozialistischen Ideengängen geleitet wurden, hatten gut verstanden, daß sie Frankreich von der politischen Vorherrschaft der Aristokratie und der Geistlichkeit nur befreien konnten, wenn sie die adligen Grundbesitzer enteigneten und ihnen damit die eigentliche Macht ihres politischen Einflusses entzogen. Allein die deutschen Sozialisten dachten nicht an eine solche Maßnahme, durch die man allein die kleinen Bauern an die Republik fesseln konnte, die später ihre ärgsten Feinde wurden. Das Ergebnis war, daß später zwei preußische Junker, der Sohn Hindenburgs und Franz von Papen, Hitler die Macht in die Hände spielten. Man dachte sogar nicht daran, das Vermögen der deutschen Fürsten anzutasten. Während die halbverhungerten Massen immer tiefer im Elend versanken, zahlte die republikanische Regierung den gewesenen Fürsten fabelhafte Summen als "Entschädigungen" und diensteifrige Gerichte sorgten dafür, daß jenen Parasiten kein Pfennig verloren ging. Die Hohenzollern allein beanspruchten eine Entschädigung von zweihundert Millionen Goldmark. Die Ansprüche sämtlicher deutschen Fürsten übertrafen die Dawes-Anleihe um das Vierfache. Wären die Führer der deutschen Arbeiterbewegung mit dem Vermögen und den Vorrechten der Junker und Fürsten nur halb so gründlich umgesprungen wie die Nazis, als sie den Arbeitern ihre Kassen und ihr sonstiges Eigentum stahlen, das nach Millionen zählte, so wäre Deutschland die Schmach des Dritten Reiches und der Welt die blutigste Katastrophe aller Zeiten erspart geblieben. Die Kommunistische Partei Deutschlands aber lebte nur von den Fehlern und Unterlassungssünden der Sozialdemokratie, ohne selbst einen schöpferischen Gedanken zu entwickeln. Sie war nie etwas anderes als das willenlose Organ der russischen Außenpolitik und fügte sich ohne Wimperzucken jedem Diktat von Moskau. In diesem Sinne entfachte sie den Glauben an die Unvermeidlichkeit der Diktatur unter jenem Teil der sozialistischen Arbeiterschaft, der bereits jedes Vertrauen zu der Sozialdemokratie verloren hatte. Sie entwickelte besonders unter der Jugend einen beispiellosen Fanatismus, der sie für jede vernünftige Beurteilung der Lage blind und taub machte. Ihr geräuschvoller Protest gegen die reaktionären Maßnahmen der Regierung trugen von Anfang an den Stempel der Unaufrichtigkeit und Heuchelei auf sich, denn man kann sich nicht mit ehrlichem Herzen für die Verteidigung der Freiheit einsetzen, wenn man selbst die Diktatur, das heißt die Aufhebung jeglicher Freiheit, erstrebt. Jedes Ziel verkörpert sich in seinen Mitteln. Der Despotismus der Methode entspringt stets dem Despotismus des Gedankens. Die Diktatur, welche die deutschen Kommunisten seit Jahren erstrebten, kam denn auch, aber sie kam von der anderen Seite und brachte sie selbst mit unter die Räder.

 

Es ist kein Zweifel für jeden ehrlichen Beobachter der heutigen Lage und der Ursachen, die sie herbeigeführt haben, daß das Jonglieren mit absolutistischen Begriffen im sozialistischen Lager nicht bloß die Widerstandskraft der sozialistischen Bewegung in vielen Ländern und besonders in Deutschland gebrochen, sondern auch der faschistischen Reaktion geistig Vorschub geleistet hat und noch leistet: Denn der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein!

 

Fußnoten:

[1] Das häßliche Wort "Gleichschaltung", das dem Nazijargon entstammt, wurde bereits vor der Entstehung des Dritten Reiches von Gewerkschaftsführern und Sozialisten in Deutschland sehr häufig gebraucht. In solche* Modeworten spiegelt sich nur allzuoft die Art des Denkens ab.

[2] Die Verfasser, wie später festgestellt wurde, waren Nicolas Bugnet und Pierre-Ignace Jaunez-Sponville.

 

Erstausgabe: Verlag Freie Gesellschaft ,Darmstadt/Land 1950

 

 

 
Peter Kropotkin - An die westeuropäischen Arbeiter (Juni 1920)

 

Man fragte mich, ob ich den Arbeitern der westlichen Welt nicht eine Botschaft zu senden hätte? Sicherlich ist Vieles über die augenblicklichen Ereignisse in Rußland zu sagen und vieles aus ihnen zu lernen. Die Botschaft könnte eine sehr ausführliche sein, doch will ich nur einige hauptsächliche Punkte ausführen:

 

Vor allen Dingen sollten die Arbeiter der zivilisierten Länder und deren Freunde der anderen Gesellschaftsklassen auf ihre Regierungen dahinwirken, daß diese gänzlich von dem Gedanken eines bewaffneten Eingreifens in russische Angelegenheiten absehen, sei es ein Eingreifen offener oder verkappter Art, ein militärisches oder in der Form von Unterstützungen durch verschiedene Nationen.

 

Rußland durchlebt jetzt eine Revolution von der gleichen Wichtigkeit und Tragweite wie sie von 1639 bis 1648 die Britische Nation und Frankreich von 1789 bis 1794 durchgemacht haben; und jede dieser Nationen muß sich weigern, eine so beschämende Rolle wie Großbritannien, Preußen und Österreich zur Zeit der französischen Revolution zu spielen. Überdies muß berücksichtigt werden, daß die russische Revolution - indem sie versucht, eine Gesellschaft zu bilden, in der alle Produkte aus Arbeit, Technik und Wissenschaft dem Allgemeinwohl zugute kommen sollen -, nicht nur durch einen bloßen Zufall im Kampf der verschiedenen Parteien entstanden ist. Sie ist fast ein Jahrhundert lang, seit den Zeiten Robert Owens, Saint-Simons und Fouriers durch kommunistische und sozialistische Propaganda vorbereitet worden; und obgleich der Versuch, die neue Gesellschaftsform durch die Diktatur einzuführen, ganz offenbar ein Mißgriff ist, muß trotzdem anerkannt werden, daß die Revolution schon jetzt in das tägliche Leben neue Begriffe über die Arbeit, die wirkliche Stellung des Staats und die Pflichten jedes Bürgers eingeführt hat.

 

Überhaupt sollten nicht nur die Arbeiter, sondern alle fortschrittlichen Elemente der zivilisierten Nationen versuchen, die Unterstützung, die bisher den Gegnern der Revolution zuteil wurde, zu verhindern. Das heißt nicht etwa, als wäre nichts gegen die Methoden der bolschewistischen Regierung einzuwenden; weit davon entfernt! Aber jedes bewaffnete Eingreifen einer ausländischen Macht verursacht eine Verstärkung der diktatorischen Tendenzen der Regierenden und schwächt die Bestrebungen jener Russen, die unabhängig von der Regierung bereit sind, Rußland beim Wiederaufbau seines Lebens nach neuen Grundsätzen zu helfen. Die Übel, die natürlicherweise eine Parteidiktatur mit sich bringt, sind durch den Kriegszustand, in dem sich die Partei behaupten muß, vermehrt worden. Der Kriegszustand gibt den Vorwand ab sowohl für das Erstarken der diktatorischen Methoden der Partei, als auch für ihre Tendenz, alle Einzelheiten des Lebens in den Händen der Regierung zu zentralisieren, mit dem Erfolg, daß ungeheure Kräfte innerhalb der Nation zum Stillstand gebracht wurden. Die natürlichen Übel des staatlichen Kommunismus sind verzehnfacht durch die Entschuldigung, daß alles Unglück unseres Lebens der Intervention Fremder zu verdanken ist.

 

Außerdem will ich erwähnen, daß eine Fortsetzung der militärischen Intervention der Alliierten unbedingt in Rußland ein bitteres Gefühl gegen die westlichen Nationen hervorrufen wird, und daraus wird man eines Tages bei Konflikten Nutzen ziehen. Eine solche Bitterkeit ist schon jetzt im Entstehen. Kurzum, es ist höchste Zeit, daß die westeuropäischen Nationen in direkte Beziehungen zu Rußland treten. Und hierin habt ihr, ihr Arbeiter und ihr Fortschrittler aller Nationen, auch mitzureden.

 

Noch ein Wort über allgemeine Fragen. Eine Erneuerung der Beziehungen zwischen den europäischen und amerikanischen Nationen und Rußland bedeutet natürlich nicht eine Vorherrschaft der russischen Nation über jene Nationalitäten, die das ehemalige Zarenreich bildeten. Das imperialistische Rußland ist tot und wird nie wieder auferstehen. Die Zukunft der verschiedenen Provinzen, aus denen sich das Reich zusammensetzte, liegt in der Richtung auf eine große Föderation. Die natürlichen Territorien der verschiedenen Teile der Föderation sind denen unter uns genau bekannt, die mit der Geschichte Rußlands, seiner Ethnographie und seiner Wirtschaftslage vertraut sind. Und alle Versuche, die sich selbst verwaltenden Teile Rußlands - Litauen, Finland,  die baltischen Provinzen, die Ukraine, Georgien, Armenien, Sibirien usw. - unter eine Herrschaft zu bringen, werden sicherlich mißlingen. Die Zukunft des ehemaligen Russischen Reichs liegt im Bündnis von einander unabhängiger Gebiete. Es liegt daher im Interesse der Allgemeinheit, wenn die westlichen Nationen bereits im voraus das Recht der Selbstregierung jedes einzelnen Gebietes des ehemaligen Russischen Reichs anerkennen.

 

Meiner Ansicht nach wird die Entwicklung in dieser Richtung fortgehen. Ich sehe die Zeit nahen, wo jeder Teil dieser Föderation desgleichen eine Föderation freier Gemeinden und freier Städte sein wird. Und ich glaube doch, daß ein Teil des westlichen Europas bald dieser Entwicklung folgen wird. Was nun unsere gegenwärtige wirtschaftliche und politische Lage anbetrifft - die russische Revolution muß als eine Fortsetzung der beiden großen Revolutionen in England und Frankreich betrachtet werden - so versucht Rußland dort einen Schritt weiterzugehen, wo Frankreich stehen blieb, als es im Leben verwirklichen wollte, was es die wahre Gleichheit (egalite de fait) nannte, nämlich die wirtschaftliche Gleichheit.

 

Unglücklicherweise ist der Versuch, jenen Schritt zu unternehmen, in Rußland unter der streng zentralisierten Diktatur einer Partei - den sozialdemokratischen Maximalisten - unternommen worden; und der Versuch wurde auf dieselbe Weise wie die Verschwörung Babeufs unternommen, extrem zentralistisch und jakobinerhaft. Ich muß euch offen gestehen, daß meiner Meinung nach der Versuch, eine kommunistische Republik gemäß den Richtlinien eines streng zentralisierten Staatskommunismus, unter der eisernen Herrschaft der Diktatur einer Partei aufzubauen, dabei ist, in einem Fiasko zu enden. Aus den russischen Verhältnissen lernen wir, wie der Kommunismus nicht eingeführt werden sollte, obgleich die durch das alte Regime entkräftete Bevölkerung bei dem Experiment der neuen Regierung keinen aktiven Widerstand leistete.

 

Die Idee der Soviets, das heißt, der Arbeiter- und Bauernräte, wurde zuerst während der Revolution von 1905 ausgesprochen und sofort, als das Zarenregime zusammenbrach, durch die Revolution im Februar 1917 verwirklicht. Die Idee solcher Räte, die das politische und wirtschaftliche Leben des Landes kontrollieren, ist außerordentlich bedeutungsvoll. Um so mehr, da sie notwendig zu der Idee führt, daß diese Räte aus all denen gebildet sein müssen, die durch ihre persönliche Anstrengung einen realen Beitrag zu der Produktion des nationalen Reichtums leisten.

 

Doch so lange das Land von der Diktatur einer Partei beherrscht wird, verlieren die Arbeiter- und Bauernräte augenscheinlich ihre Bedeutung. Sie sind zu eben der passiven Rolle verdammt, welche einstmals die durch den König einberufenen Generalstände und Parlamente spielen mußten, die der Allmacht der königlichen Regierung opponieren durften. Ein Arbeiterrat hört auf, ein freier und wertvoller Ratgeber zu sein, sobald nicht Pressefreiheit im Lande herrscht, wie wir es seit fast zwei Jahren im Lande durchgemacht haben; als Vorwand hierfür dient der Kriegszustand. Mehr als das: Die Arbeiter- und Bauernräte verlieren all ihre Bedeutung, wenn den Wahlen nicht eine freie Wahlkampagne vorhergeht und wenn sie unter dem Druck der Parteidiktatur vor sich gehen.

 

Natürlich ist die übliche Entschuldigung, daß eine diktatorische Herrschaft als Kampfmittel gegen die alte Regierung unvermeidlich ist. Jedoch bedeutet solch eine Herrschaft einen Schritt zurück, sobald die Revolution zur Errichtung einer neuen Gesellschaft auf neuer wirtschaftlicher Basis fortschreitet; sie wird zum Todesurteil für diese neue Gesellschaft. Die Wege, die zur Überwältigung einer bereits geschwächten Regierung führen, sind aus der alten und neuen Geschichte wohl bekannt. Doch wenn ganz neue Lebensbedingungen geschaffen werden sollen, besonders neue Formen der Produktion und des Austausches, ohne einem Beispiel folgen zu können, - wenn alles gleich auf der Stelle geleistet werden muß, dann wird eine machtvolle zentralisierte Regierung, die es sich zur Aufgabe macht, jedem Einwohner mit jedem Lampenzylinder und jedem Streichholz zum Anzünden der Lampe zu versehen, sich absolut unfähig erweisen, dieses mittels ihrer Funktionäre, so zahlreich sie auch sein mögen, zu leisten, und sie wird schädlich. Sie entwickelt eine ungeheure Bürokratie, verglichen mit der das französische bürokratische System, welches die Intervention von 40 Funktionären benötigt, um einen vom Sturm auf der Nationalstraße gefällten Baum zu verkaufen, als Bagatelle erscheint. So etwas sehen wir jetzt in Rußland. Und das könnt und müßt ihr, ihr Arbeiter des Westens, unter allen Umständen vermeiden, wenn euch an dem Erfolg eines sozialen Ausbaues gelegen ist und die ihre eure Delegierten hierher gesandt habt, um zu sehen, wie die Revolution in Wirklichkeit ist.

 

Die ungeheure Aufbauarbeit, die eine soziale Revolution erfordert, kann durch eine zentrale Regierung nicht geleistet werden, selbst wenn ihr als Führer wertvollere Dinge zur Verfügung stehen als einige sozialistische und anarchistische Schriften. Sie erfordert das Wissen, die geistige Arbeit und die Zusammenarbeit einer Masse örtlicher und spezialisierter Kräfte, die allein mit der Mannigfaltigkeit der wirtschaftlichen Probleme in ihrem örtlichen Umkreis kämpfen können. Diese Zusammenarbeit hinwegzufegen und das Vertrauen auf den Genius der Parteidiktatoren zu befestigen, den unabhängigen Kern zu zerstreuen, wie er in den Gewerkschaften und in örtlichen Konsumgenossenschaften sich findet - indem man sie in bürokratische Organe der Partei verwandelt -, das ist das, was jetzt geschieht, doch das ist nicht der Weg, die Revolution weiterzuführen; das ist der Weg, ihre Verwirklichung unmöglich zu machen. Und daher betrachte ich es als meine Pflicht, euch vor diesen Grundsätzen für die Aktion ernstlich zu warnen.

 

Imperialistische Eroberer aller Nationalitäten mögen wünschen, daß die Bevölkerung des Ex-Zarenreiches Rußland so lange als möglich in elenden wirtschaftlichen Verhältnissen leben sollte, um dazu verdammt zu sein, das westliche und Mitteleuropa mit Rohstoffen zu versehen, während die Fabrikanten des Westens die Fertigware produzieren und all den Nutzen einstreichen, den die russische Bevölkerung für ihre Leistung erhalten müßte. Aber die Arbeiterklassen Europas und Amerikas sowie der intellektuelle Kern dieser Länder begreifen sicherlich, daß einzig die Gewalt Rußland in diesem unterdrückten Zustand erhalten könnte. Gleichzeitig zeigen die Sympathien, die man unserer Revolution von ganz Europa und Amerika her bezeugt, daß ihr glücklich wäret, Rußland als ein neues Glied der Internationalen Gemeinschaft der Nationen zu begrüßen. Und bald werdet ihr sehen, daß es im Interesse der Arbeiter der ganzen Welt liegt, daß Rußland aus den Verhältnissen baldmöglichst herauskommt, die seine Entwicklung hemmen.

 

Noch ein paar Worte: Der letzte Krieg hat neue Lebensbedingungen für die zivilisierte Welt geschaffen. Der Sozialismus wird einen ganz bedeutenden Aufschwung erfahren, und neue Formen eines unabhängigen Lebens werden sicherlich bald gemäß den Richtlinien lokalpolitischer Unabhängigkeit und schöpferischer Initiative geschaffen werden; entweder auf friedlichem Wege oder durch revolutionäre Mittel, wenn die intelligenteren Kreise der zivilisierten Nationen sich nicht an der Arbeit des unausbleiblichen Wiederaufbaues beteiligen.

 

Aber der Erfolg des Wiederaufbaus hängt zum größten Teil von der Möglichkeit einer Zusammenarbeit der verschiedenen Nationen ab. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Arbeiterklassen aller Nationen eng verbunden sein, und gilt es, die Idee einer großen Internationale aller Arbeiter der Welt zu erneuern; nicht in der Form einer Vereinigung, die von einer einzelnen  Partei geführt wird, wie es bei der zweiten Internationale der Fall war, und wie es wieder in der dritten Internationale der Fall ist. Solche Vereinigungen haben natürlich volle Daseinsberechtigung, aber außer ihnen muß sie alle zusammenfassen, eine Vereinigung aller Arbeiterorganisationen der Welt entstehen, vereinigt zu diesem Zweck, die Arbeit der ganzen Welt von der gegenwärtigen Versklavung durch das Kapital zu befreien.

 

 

Aus: Peter Kropotkin – Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980

 

Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben.

 

Eine andere Übersetzung des Textes findet sich in dem Buch Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie; Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970.

 

 

 
 Peter Kropotkin - Kommunismus und Freiheit

 

So finden wir keine andere Determination für die Freiheit als diese: die Möglichkeit zu handeln, ohne die Furcht vor einer gesellschaftlichen Züchtigung (körperlicher Zwang, Hungerandrohung oder auch nur Tadel, wenn er nicht von einem Freunde kommt) in den zu treffenden Entscheidungen mitsprechen zu lassen.

 

Die Freiheit auf diese Weise auffassend - und wir zweifeln, ob man eine weitergehende und zugleich tatsächliche Determination der Freiheit finden kann -, können wir sicherlich sagen, daß der Kommunismus die individuelle Freiheit verringern, ja sogar töten kann, und in manch einer Kommune hat man es versucht; aber er kann auch diese Freiheit bis zu ihren letzten Grenzen erweitern.

 

Alles wird von den grundlegenden Ideen abhängen, mit denen man sich assoziieren wird. Nicht die Form der Verbindung bestimmt die Knechtschaft: Die Ideen über die persönliche Freiheit, die man in die Verbindung mitbringt, bestimmen den mehr oder weniger freiheitlichen Charakter.

 

Das ist richtig in betreff jeglicher Gesellschaftsform. Das Zusammenleben zweier Individuen in einer Wohnung kann die Unterwerfung des einen unter den Willen des andern zur Folge haben, wie sie auch die Freiheit für beide mit sich bringen kann. Ebenso verhält es sich, wenn wir uns zu zweien daran begeben, den Boden eines Gemüsegartens umzugraben oder eine Zeitung herauszugeben. Es ist das gleiche für jede Verbindung, wie klein oder wie umfassend sie auch sei. Daher sehen wir im 10., 11. und 12. Jahrhundert die Kommune Gleichstehender, gleich freiheitlicher Menschen - und diese selbe Kommune vier Jahrhunderte später, die Diktatur eines Mönches auf sich nehmend. Die Institution des Richters, des Gesetzes usw. bleibt; die Idee des römischen Rechts, des Staates, herrscht, während die der Freiheit, des Schiedsspruches bei Streitigkeiten und der Föderation in allen Abstufungen schwindet - und das ist die Knechtschaft. Nun also! Von allen Einrichtungen oder sozialen Gruppenformationen, die bis zum heutigen Tage versucht wurden, verbürgt noch immer der Kommunismus dem Individuum die größte Freiheit - vorausgesetzt, daß die Uridee die Freiheit, der Anarchismus sei.

 

Der Kommunismus ist imstande, alle Formen der Freiheit oder der Unterdrückung anzunehmen - was andre Einrichtungen nicht können. Er kann ein Kloster zeitigen, in dem alle blind ihrem Prior gehorchen; er kann eine absolut freie Verbindung sein, die dem einzelnen seine ganze Freiheit läßt - eine Verbindung, die nur so lange währt, wie die Verbündeten zusammenbleiben wollen, die niemandem einen Zwang auferlegt, sondern im Gegenteil eifersüchtig dazwischentreten will, wenn die Freiheit des Individuums bedroht wird, die sie vergrößern und nach allen Richtungen erweitern will. Er kann regierungsfreundlich sein (in welchen Fall die Gemeinde bald zugrunde geht), und er kann anarchistisch sein. Der Staat dagegen kann das nicht. Er ist autoritativ, oder er hört auf, Staat zu sein.

 

Der Kommunismus sichert besser als jede andere Gruppierungsform die wirtschaftliche Freiheit, da er den Wohlstand und selbst den Luxus garantieren kann, wenn er vom Menschen nur einige Arbeitsstunden täglich verlangt, anstatt seinen ganzen Tag. Aber, dem Menschen 10 oder 11 Mußestunden von den 16, die wir täglich bewußt leben (8 Stunden für den Schlaf), verschaffen, heißt, die Freiheit des Individuums bis zu einem Grade erweitern, der das Ideal der Menschheit seit Jahrtausenden ist. Heute kann das geschehen. In einer kommunistischen Gesellschaft könnte der Mensch über wenigstens 10 Freistunden verfügen. Und das ist schon die Befreiung von der drückendsten Knechtschaft, die auf dem Menschen lastet. Es ist eine Erweiterung der Freiheit.

 

Alle als gleichstehend anzuerkennen und auf die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu verzichten, heißt wieder, die Freiheit des Individuums bis zu einem Grade vergrößern, die keine andere Gruppierungsform auch nur in ihren Träumen zugelassen hat. Sie wird nur möglich, wenn der erste Schritt getan ist: wenn der Mensch seine Existenz gesichert hat und nicht genötigt ist, seine Kraft und seine Intelligenz demjenigen zu verkaufen, der ihm die Gnade zuteil werden lassen will, ihn auszubeuten.

 

Erkennen endlich, daß die Basis allen Fortschritts die Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen ist, und sich in der Art organisieren, daß der Mensch in seinen Mußestunden völlig frei ist, aber auch seine Arbeit vielfältig gestalten, und ihn durch seine Kindheit und seine Erziehung auf diese Vielfältigkeit vorbereiten - und das ist unter einem kommunistischen Regime leicht zu erreichen -, das heißt abermals, das Individuum befreien und vor ihm die Pforten für seine vollständige Entfaltung nach allen Richtungen weit öffnen.

 

Für alles übrige hängt alles von den Ideen ab, mit denen die Kommune gegründet werden wird. Wir kennen eine religiöse Kommune, in der jemand, der sich unglücklich fühlte und seine Traurigkeit durch sein Gesicht verriet, von einem „Bruder“ folgendermaßen angeredet wurde: „Du bist traurig? Zeig' trotzdem ein fröhliches Gesicht, sonst wirst du die Brüder und Schwestern ebenfalls traurig machen.“ Und wir kennen Kommunen von 7 Personen, in denen ein Mitglied die Ernennung von 4 Ausschüssen verlangte: für den Gartenbau, die Ernährung, die Haushaltung und die Ausfuhr - mit unumschränkten Rechten für den Präsidenten jedes Ausschusses. Es gab sicherlich Kommunen, die von „Autoritätsverbrechern“ (besonderer Typus, der der Aufmerksamkeit Herrn Lombrosos anempfohlen sei) gegründet oder nach ihrer Gründung überschwemmt worden sind, und andere zahlreiche Kommunen, die von den Wahnsinnigen, die das Individuum von der Gesellschaft aufsaugen lassen wollten, gegründet wurden. Aber nicht die kommunistische Institution hat sie hervorgebracht, sondern das (seiner Wesensart nach hervorragend regierungsfreundliche) Christentum und das römische Recht, der Staat. Die grundlegende Staatsidee dieser Männer, die glauben, daß eine Gesellschaft ohne Henkersknechte und Richter unmöglich ist, bleibt eine beständige Bedrohung für jede Freiheit, und nicht die dem Kommunismus zugrundeliegende Idee, welche die ist zu verbrauchen und zu produzieren, ohne den genauen Anteil eines jeden abzuwiegen. Diese ist im Gegenteil eine Idee der Freiheit, der Befreiung. Wir können also die folgenden Schlüsse ziehen: Bisher mißglückten die kommunistischen Versuche:

    weil sie sich auf eine gewisse religiöse Schwärmerei gründeten, anstatt im Kommunismus einfach einen Modus für den wirtschaftlichen Verbrauch und die wirtschaftliche Produktion zu sehen;

    weil sie sich von der Gesellschaft isolierten;

    weil sie mit Autoritätsgeist angefüllt waren;

    weil sie allein standen, anstatt Bündnisse zu schließen;

    weil sie von den Gründern eine so große Arbeitsmenge forderten, daß ihnen keine Mußestunden blieben;

    weil sie die patriarchalische, regierungstreue Familie nachahmten, anstatt sich im Gegenteil als Ziel die möglichst vollständige Befreiung des Individuums zu setzen.

Eine hervorragend wirtschaftliche Institution, entscheidet der Kommunismus nirgends vorher über den Anteil an der Freiheit, der dem Individuum, der Initiative der Auflehnung gegen die Gewohnheiten, die sich kristallisieren wollen, zukommen soll. Er kann regierungstreu sein, was mit Notwendigkeit den Untergang der Kommune herbeiführt, und er kann freiheitlich sein, was im 12. Jahrhundert sogar mit dem partiellen Kommunismus der damaligen jungen Städte, die Schöpfung einer jungen Zivilisation voller Lebensstärke, eine Erneuerung Europas herbeiführte.

 

Die einzige Form des Kommunismus indessen, die Dauer haben könnte, ist jene, bei der, mit Hinsicht auf den schon bestehenden Kontakt zwischen den Bürgern, alles getan würde, um die Freiheit des Individuums nach allen andern Richtungen zu erweitern.

 

Unter diesen Bedingungen, unter dem Einfluß dieser Idee, würde die Freiheit des Individuums durch all die erworbene Muße vermehrt, nicht mehr beschränkt werden, als sie es heute durch das kommunale Gas, die von den großen Geschäftshäusern ins Haus gesandte Verpflegung, die modernen Hotels ist, oder durch die Tatsache, daß wir in den Arbeitsstunden an die Ellenbogen von Tausenden von Arbeitern stoßen.

 

Mit dem Anarchismus als Ziel und als Mittel wird der Kommunismus möglich. Ohne ihn würde er mit Notwendigkeit die Knechtschaft bedeuten, und - als solche - könnte er nicht bestehen.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 

Nach: Kommunismus und Anarchismus. Berlin o. J., S. 13-16.

 

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s
 

 Marxismus - Freiheit - Staat

 

Karl Marx, der unbestrittene Kopf der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ist ein großer, mit profundem Wissen bewaffneter Geist, der, wie man ohne schmeicheln zu wollen, sagen kann, sein ganzes Leben ausschließlich der größten Aufgabe widmete, deren Erledigung heute ansteht, nämlich der Befreiung der Arbeit und des Arbeiters. Karl Marx, der ebenso unbestritten, wenn nicht der einzige, so doch wenigstens einer der wichtigsten Begründer der Internationalen Arbeiter-Assoziation ist, hat die Entwicklung der Idee des Kommunismus zum Gegenstand eines ernstzunehmenden Buches gemacht... Obwohl seine Arbeit über das »Kapital« unglücklicherweise von Formeln und metaphysischen Subtilitäten strotzt, die es für die große Masse der Leser unverdaulich machen, ist sie ein hochwissenschaftliches und realistisches Werk in dem Sinne nämlich, daß sie jede andere Logik als die der Fakten absolut ausschließt...

 

Marx ist nicht nur ein gelehrter Sozialist, er ist auch ein sehr kluger Politiker und ein glühender Patriot. Wie Bismarck und vielen anderen seiner sozialistischen und nicht-sozialistischen Landsleute geht es ihm, wenngleich mit etwas anderen als Bismarks Mitteln, um die Errichtung eines großdeutschen Staates zum Ruhme des deutschen Volkes und zum Glück und zur freiwilligen oder erzwungenen Kultivierung der Welt.

 

Die Politik Bismarcks dient der Gegenwart; die Politik von Marx, der sich selbst wenigstens als dessen Nachfolger und Vollender betrachtet, dient der Zukunft. Und wenn ich sage, Marx betrachte sich als Nachfolger Bismarcks, so bin ich weit davon entfernt, ihn zu verleumden. Wenn er sich nicht als solcher betrachtete, hätte er Engels, dem Vertrauten all seiner Gedanken, nicht erlaubt zu schreiben, Bismarck diene der Sache der sozialen Revolution. Er dient ihr jetzt und auf seine Weise; Marx wird ihr später und auf andere Weise dienen. Das ist der Sinn, in welchem er später Bismarcks Vollender sein wird, so wie er heute der Bewunderer seiner Politik ist.

 

Untersuchen wir nun den besonderen Charakter von Marx' Politik und versichern wir uns der wesentlichen Punkte, die sie von der Bismarckschen trennen. Der Hauptpunkt, man ist geneigt zu sagen, der einzige, ist folgender: Marx ist Demokrat, ein autoritärer Sozialist und ein Republikaner; Bismarck ist durch und durch ein pommerscher, aristokratisch-monarchischer Junker. Der Unterschied ist daher sehr groß, sehr wichtig, und beide Seiten sind bezüglich dieses Unterschiedes vollkommen aufrichtig. In diesem Punkt ist zwischen Bismarck und Marx kein Verstehen, keine Aussöhnung denkbar ...

 

Sehen wir nun, was sie miteinander verbindet. Es ist der uneingeschränkte Kult des Staates. Ich brauche diese Aussage im Falle Bismarcks nicht zu belegen, die Beweise liegen auf der Hand. Von Kopf bis Fuß ist er Staatsmann und nichts als Staatsmann. Aber ich glaube, es bedarf auch keiner allzu großen Anstrengungen, um für Marx dasselbe nachzuweisen. Er liebt Regierungen so sehr, daß er sogar in der Internationalen Arbeiter-Assoziation eine einzusetzen wünschte; und er betet die Macht so sehr an, daß er uns seine Diktatur aufzwingen wollte und dies noch immer zu tun wünscht. Das scheint mir zu genügen, seine persönliche Haltung zu charakterisieren. Aber auch sein sozialistisches und politisches Programm ist ein sehr getreuer Ausdruck dieser Haltung. Das höchste Anliegen all seiner Anstrengungen, wie es in den Gründungsstatuten seiner Partei in Deutschland proklamiert ist, ist die Errichtung des großen Volksstaats.

 

Aber wer immer Staat sagt, meint damit notwendigerweise einen besonderen begrenzten Staat, der zweifelsohne, sofern er sehr groß ist, viele verschiedene Völker und Länder einschließt, aber noch sehr viele mehr ausschließen wird. Denn, wenn er nicht, wie Napoleon oder Karl V., von einem Universalstaat oder, wie das Papsttum, von einer Universalkirche träumt, so wird Marx, allem internationalen Ehrgeiz zum Trotz, der ihn heute verzehrt, am Tage, wenn die Stunde der Verwirklichung seiner Träume schlägt - sofern sie überhaupt schlägt -, sich mit der Regierung eines einzigen Staates und nicht mehrerer Staaten zugleich zufrieden geben müssen. Daraus folgt, wer immer Staat sagt, sagt ein Staat und ... bestätigt damit die Existenz mehrerer Staaten, und wer immer mehrere Staaten sagt, sagt sogleich: Konkurrenz, Neid, permanenter Krieg. Die einfachste Logik wie auch die gesamte Geschichte legen Zeugnis ab für diese Auffassung.

 

Jeder Staat muß, auf die Gefahr des eigenen Untergangs, des Geschlucktwerdens von Nachbarstaaten hin, nach absoluter Macht streben, und wenn er mächtig geworden ist, muß er sich auf die Karriere des Eroberers einlassen, damit er nicht selbst erobert wird; denn zwei ähnlich starke, aber einander fremde Mächte könnten nicht koexistieren, ohne den Versuch zu unternehmen, einander zu zerstören. Wer immer Eroberung sagt, sagt eroberte Völker, Sklaverei und Unterdrückung, wie immer im speziellen Fall ihre Form und ihr Name aussehen mögen.

 

Es liegt in der Natur des Staates, die Solidarität der menschlichen Rasse zu brechen und sozusagen die Menschlichkeit zu leugnen. Der Staat kann sich nicht in seiner Integrität und vollen Stärke bewahren, wenn er sich nicht wenigstens für seine eigenen Untertanen als oberstes und absolutes Seinsziel hinstellt, da er sich schon nicht bei den Bürgern anderer, von ihm nicht eroberter Staaten, als solches geltend machen kann. Aus der damit zusammenhängenden Geburt der Staatsmoral und der Staatsräson resultiert unvermeidlich ein Bruch mit der menschlichen, als universal angesehenen Moral und mit der universalen Vernunft. Das Prinzip der politischen oder Staatsmoral ist sehr einfach. Da der Staat sein eigenes oberstes Ziel darstellt, ist alles, was der Entwicklung seiner Macht günstig ist, gut; alles, was dieser Entwicklung entgegensteht, selbst wenn es die humanste Angelegenheit der Welt wäre, ist schlecht. Diese Art Moral nennt man Patriotismus. Die Internationale ist die Negation des Patriotismus und folglich des Staates. Wenn Marx und seine Freunde von der Deutschen Sozialdemokratischen Partei Erfolg haben sollten bei der Einführung des Staatsprinzips in unser Programm, so würden sie dadurch die Internationale vernichten.

 

Der Staat muß schon aus Gründen der Selbsterhaltung bezüglich der Außenpolitik notwendigerweise mit großen Vollmachten ausgestattet sein; aber wenn es bezüglich der Außenpolitik so ist, wird es unfehlbar auch bezüglich der Innenpolitik so weit kommen. Da jeder Staat sich von irgendeiner besonderen Moral, die den Bedingungen seiner Existenz konform ist, inspirieren und führen lassen muß, einer Moral, die eine Einschränkung und folglich die Negation der allgemein menschlichen Moral darstellt, muß er darüber wachen, daß all seine Untertanen in ihren Gedanken, vor allem aber in ihren Taten auch nur von den Prinzipien dieser patriotischen oder Sondermoral inspiriert sind und daß sie allen Lehren einer reinen oder allgemein menschlichen Moral ein taubes Ohr leihen. Daraus folgt die Notwendigkeit staatlicher Zensur; zu große Freiheit des Denkens und Redens wäre, wie Marx von seinem eminent politischen Standpunkt aus sehr zu recht meint, unvereinbar mit der Einmütigkeit der Zustimmung, die im Namen der Sicherheit des Staates gefordert ist. Daß das wirklich Marxens Meinung ist, wurde zur Genüge durch seine Versuche bewiesen, unter glaubwürdig klingenden Vorwänden und unter verschleiernder Maske die Zensur in die Internationale einzuführen.

 

Aber so wachsam die Zensur auch immer sein mag, ja selbst wenn der Staat die Erziehung und jede Instruktion des Volkes ausschließlich in seine Hände nähme, wie Mazzini es wünschte und wie Marx es heute gern sähe, kann der Staat dennoch niemals sicher gehen, daß verbotene und gefährliche Gedanken nicht doch hereinschlüpfen und sich irgendwie ins Bewußtsein der Bevölkerung, die er regiert, schmuggeln. Verbotene Früchte üben eine solche Anziehungskraft auf die Menschen aus, und der Dämon der Rebellion, dieser ewige Feind des Staates, erwacht so leicht in ihren Herzen, wenn sie nicht genügend verdummt sind, daß weder diese Erziehung, noch diese Instruktion, noch gar die Zensur die Ruhe des Staates in ausreichendem Maße garantieren. Er bedarf noch einer Polizei, hingebungsvoller Agenten, die über der Strömung der Meinungen und Leidenschaften der Leute wachen und sie heimlich und unauffällig manipulieren. Wir haben gesehen, daß Marx selbst so überzeugt ist von dieser Notwendigkeit, daß er glaubte, er müsse alle Regionen der Internationale, besonders aber Italien, Frankreich und Spanien mit Geheimagenten anfüllen. Schließlich, wie perfekt auch immer, vom Standpunkt der Selbsterhaltung des Staates her argumentiert, die Organisation der Erziehung und Instruktion des Volkes, der Zensur und der Polizei sein mag, der Staat kann seiner Existenz nicht sicher sein, solange ihm nicht eine bewaffnete Macht zur Verfügung steht, die ihn gegen Feinde im Innern verteidigt. Der Staat ist Regierung, von oben nach unten, einer ungeheuren Anzahl von Menschen, die vom Standpunkt des Niveaus ihrer Kultur, der Natur der Länder oder Lokalitäten, die sie bewohnen, der Beschäftigung, der sie nachgehen, der Interessen und Bestrebungen, von denen sie sich leiten lassen, sehr verschieden sind - der Staat ist die Regierung all dieser durch diese oder jene Minderheit; diese Minderheit kann, auch wenn sie tausendmal ihre Position dem allgemeinen Wahlrecht verdanken mag und in ihrem Tun von Repräsentativorganen kontrolliert wird, sofern sie nicht mit der Allwissenheit, Allgegenwärtigkeit und Allmacht ausgestattet ist, die die Theologen Gott zuschreiben, unmöglich die Bedürfnisse kennen und voraussehen oder mit einer gleichmäßigen Gerechtigkeit die legitimsten und dringlichsten Interessen in der Welt befriedigen. Es wird immer unzufriedene Leute geben, weil es immer einige geben wird, die geopfert werden.

 

Außerdem ist der Staat ähnlich wie die Kirche schon von Natur aus ein großer Opferer lebendiger Wesen. Er ist ein Willkürwesen, in dessen Herzen alle positiven, lebendigen, individuellen und lokalen Interessen der Bevölkerung sich begegnen, zusammenstoßen, einander wechselseitig zerstören und absorbiert werden in jener Abstraktion, die man das Allgemeininteresse, das Allgemeinwohl, die allgemeine Sicherheit zu nennen pflegt, und wo alle realen Einzelwillen einander aufheben in jener anderen Abstraktion, die den Namen Wille des Volkes trägt. Daraus folgt, daß dieser sog. Wille des Volkes niemals etwas anderes ist als die Opferung und die Negation aller realen Einzelwillen der Bevölkerung; gerade so wie das sogenannte Allgemeinwohl nichts anderes ist als die Opferung ihrer Interessen. Aber damit diese alles verschlingende Abstraktion sich Millionen von Menschen aufzwingen konnte, mußte sie von irgendeinem wirklichen Wesen, irgendeiner lebendigen Kraft getragen und repräsentiert werden. Nun, dieses Wesen, diese Kraft hat immer existiert. In der Kirche ist es die Geistlichkeit und im Staat - die herrschende Klasse. Und was finden wir denn in der Tat die ganze Geschichte hindurch? Der Staat ist immer Erbe dieser oder jener privilegierten Klasse gewesen; einer priesterlichen, einer aristokratischen, einer bürgerlichen und schließlich einer bürokratischen Klasse, wenn, nachdem alle anderen Klassen erschöpft sind, Aufstieg und Abstieg des Staates, wenn Sie so wollen, sich den Bedingungen einer Maschine angepaßt haben; jedenfalls ist es zur Rettung des Staates absolut notwendig, daß es eine privilegierte Klasse gibt, die an seinem Bestehen interessiert ist. Und das gemeinsame Interesse der privilegierten Klasse ist es gerade, das Patriotismus genannt wird.

 

Aber im Volksstaat von Marx, so wird uns erzählt, wird es keine privilegierte Klasse geben. Alle werden gleich sein, nicht nur vom juristischen und politischen Standpunkt her gesehen, sondern auch vom ökonomischen. Das wird zumindest versprochen, obwohl ich, wenn ich mir so die Art und Weise betrachte, mit der es gehandhabt wird, und den Lauf, den es wunschgemäß nehmen soll, sehr daran zweifle, ob dieses Versprechen je gehalten werden kann. Es wird also keine privilegierte Klasse geben, wohl aber eine Regierung und, beachten Sie das wohl, eine äußerst vielschichtige Regierung, die sich nicht damit zufrieden geben wird, die Massen, wie es heute alle Regierungen tun, politisch zu regieren und zu verwalten, sondern die sie auch noch ökonomisch verwalten will. Zu diesem Zweck wird sie Produktion und gerechte Verteilung des Reichtums, die Bebauung des Landes, die Errichtung und Entwicklung von Fabriken, die Organisation und Leitung des Handels, schließlich die Verwendung von Kapital in der Produktion durch den einzigen Bankier, den Staat, in ihren Händen konzentrieren. All das wird ein »ungeheures Wissen und viele Eierköpfe« in dieser Regierung nötig machen. Es wird die Herrschaft der wissenschaftlichen Intelligenz sein, der aristokratischsten, despotischsten, arrogantesten und verächtlichsten aller Regime. Es wird eine neue Klasse geben, eine neue Hierarchie wirklicher und angeblicher Wissenschaftler und Gelehrter, und die Welt wird geteilt sein in eine Minorität, die im Namen des Wissens regiert, und eine ungeheure unwissende Majorität. Und dann wehe den unwissenden Massen!

 

Ein solches Regime wird nicht verfehlen, eine ganz beträchtliche Unzufriedenheit in den Massen zu wecken, und um sie im Zaume zu halten, wird Marxens aufgeklärte und befreiende Regierung einer nicht weniger beträchtlichen bewaffneten Gewalt bedürfen. Denn die Regierung muß stark sein, sagt Engels, um die Ordnung aufrechtzuerhalten unter diesen Millionen von Ungebildeten, deren brutaler Aufstand in der Lage wäre, alles zu zerstören und umzukrempeln, selbst eine Regierung, die von »Eierköpfen« geleitet wird.

 

Sie können sehr wohl sehen, wie hinter all den demokratischen und sozialistischen Phrasen und Versprechungen des Marxschen Programms in seinem Staat doch all das zu finden ist, was die wahrhaft despotische und brutale Natur aller Staaten ausmacht, wie immer ihre Regierungsform aussehen mag. In letzter Analyse sind der von Marx so nachdrücklich empfohlene Volksstaat und der von Bismarck mit ebensoviel taktischem Geschick wie mit Machtmitteln am Leben erhaltene aristokratisch-monarchische Staat auf Grund der Natur ihrer inner- und außenpolitischen Zielsetzungen vollkommen identisch. In der Außenpolitik handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe Entfaltung militärischer Macht, d. h. um Eroberung; in der Innenpolitik bedienen sich beide der bewaffneten Gewalt, des letzten Arguments aller bedrohten politischen Macht gegen die Massen, die, des ewigen Glaubens, Hoffens, Sich-Unterwerfens und Gehorchens müde, sich in revolutionärem Aufschwung erheben.

 

 

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

 


 

 
 Gedanken zur A-Cybernetik bei anarchie.de
Ich will mal nix spezifisches zu den SteuerMANNs-auslegungen sagen, historische Wurzeln + neue A - Dimensionen mit (Männer-)MACHT zu koppeln.

Wahr ist - ALLES ist umkehr- und zerstörbar, es gibt keine STABILE Wahrheit, die alleine aus sich heraus wirkt.

Anarchie als Beispiel und Widerspruch zugleich zeigt, dass der Anarchismus jahrhundertelang ohne die aktive Einbeziehung von FRAUEN geschweige denn Kindern ausgekommen ist.

HERRschaftsfrei heisst nicht herrschen über ANDERE und es wurde + wird sehr wohl noch geHERRscht und wenig reflektiert in anarchistischen Zusammenhängen, auch in Frauen- und Lesbenzusammenhängen, das ist -meine Erfahrung.

Die Gedanken einer anarchistisch-autonomen Betrachtung beleuchten ein ganz spezifisches und sensibles Feld das nicht nur Menschenwürde, sondern auch Liebe zu den Menschen, Tieren + zur gesamten geozentrischen Natur beinhalten will.

Insofern sind alle herausgehörten+ abgeleiteten Negativerscheinungen bestimmt zutreffend, aber eben nicht für anarchistische= herrschaftsFREIE Zusammenhänge, die mindestens vom Anspruch her nicht mehr herrschen wollen und auch nicht mehr beherrscht werden wollen von nieMANNdem und auch von keiner Frau.

An Missverständnisse gewöhnt, weiss ich: "der Mensch erkennt nur das was er kennt " ( auch das ist umkehrbar)
Diese ( Arbeits-)Hypothese lässt ahnen wieviel ein Mensch an sich - will heissen von Natur aus schon mitbringen könnte, wenn er der Basis seiner eigenen Erfahrungen gelernt hätte zu trauen.

Da wird bewusst + sichtbar wieviel an Erziehung, Negativ-erfahrung und Gefühls-verfahrung schon gegriffen hat, dass so viele Missverständnisse, Ideologien (+ Religionen ) so greifen können.

Zum Anfang Die A-Cybernetik( mehrdimensional) ist historisch gesehen die Weiterentwicklung der eindimensional ausgelegten Dialektik/ These-Antithese-Synthese - ( vorher war schwarz-weiss-Denken und Handeln lange vorHERRschend) - über die historische Station der CHAOStheorie und eigentlich wie diese eine Naturmethode die Kreis-bzw. Spiralläufe der geoz.+sozialen Bewegungen in( mehrdimensional- vernetzten) Bewusstseins- Zusammenhang bringt incl. aller dialektischen UM-schläge ( Widersprüche).

Bisschen konkreter und am Beispiel sichtbar (PRAXIS = THEORIE)
A-Cybernetik meint,dass die aus der Natur + Tierwelt abgeleiteten scheinbar hierarchischen Verhaltensweisen vom Menschen( hier Männern)in Macht-bzw. Zerstörungsauftrag umgedeutet wurden um Basis von HERRschaft zu werden.
Die Menschen, die die Phänomene der Natur derartig interpretieren zeigen, dass sie die Natur nur eindimensional und zerstörerisch begreifen können als Feind des Menschen.
2 Mit einer mehrdimensionalen Natur- und Gesellschaftsbetrachtung( der Abläufe und Regelkreise) würden die Menschen begreifen, dass herrschaftsFREIE Betrachtung dem Prinzip des vielschichtigen Lebens viel näher kommt und dass die zerstörte Naturbetrachtung das Resultat eines zerstörten Bewusst-Seins ist.

UM-denken und neue Erfahrungen mitten aus dem zerstörten Leben heraus machen wäre adäquater und beste Trägersubstanz dabei wäre Liebe + Zärtlichkeit in erster Linie mal zu uns selbst.

'Eigentlich ist Zärtlichkeit die schönste Form von Lebendigkeit' finde ich.

Eine wahre Begebenheit.

Und weil der Mensch hier der Mann und seine Frau wenig von derNatur wussten und das wenige was sie wussten, mit Machtausübung gekoppelt zur Zerstörung nutzten ( vom Faschismus bis zur Atombombe) so wurden wir - ihre Kinder in einen Kreislauf von Gewalt und Krieg hineingeboren.
(spätere VOLXweisheit zur immer wiederkehrenden Gewaltdiskussion:

Wir haben die Gewalt nicht erfunden- sondern vorgefunden )
Den Kreislauf von Menschen- und Weltzerstörung wollten wir 1968 mit gesellschaftlichen Utopien umkehren.

Erzogen zur Gewalt ( bewusst oder unbewusst hatten diese ALLE autoritär( V-) Erzogenen verinnerlicht) überschätzten wir unsere konstruktiven Ansätze und gerieten in grossen Widerspruch eine FREIE Gesellschaft mit den verinnerlichten Vorstellungen von Strafe- Sanktionen + Gewalt aufbauen zu wollen .

Freiheit kann nur durch (soziale ) Freiheit geschaffen werden und seien die Ansätze auch noch so klein.

Die Unterdrückung der Frauen durch die Männer wurde damals zwar ununterbrochen thematisiert, aber sie blieb.

Die Unterdrückung von Kindern durch Frauen+Männer wurde analysiert, blieb aber auch.

Und die Unterdrückung der Tiere+Pflanzen- der Natur durch ALLE war ein weiterer Kreis-bzw. Spirallauf der Unterdrückung, der stabiler war und ist, als wir alle das damals ahnten und wahrhaben wollten.

Eine der Möglichkeiten diesen verhärteten Strukturen eine Perspektive zu geben sahen wir damals in den sog. bewusstseinserweiternden Substanzen von denen wir uns Impulse und utopische Alternativen erhofften.

Plötzlich eröffneten sich neue 'Realitäten' und die festgefahrenen, verhärteten gesellschaftlichen Strukturen schmolzen so fühlbar, dass manche das als die bereits neue, lebbare Realität ansahen und vergassen, dass diese Verzerrung nicht ohne Sanktionen bleiben würde.

Viele holte die Drogenrealität ein- körperlich + von seiten des Staates.

Ein Trugschluss auch das.

Es gab verschiedenste Wege der Aufbrechenden damals von Konfrontation mit den HERRschenden( bewaffneter Kampf) bis hin zu Flucht aus dem realen ALLtag oder zu dem NEUEN Leben, das sich nur noch im eigenen Kopf abspielte und die Realität so laufen liess.

Anpassung auf unangepasstem (Denk-)Wege.

Die verschiedenen Geschichten und Wege sind inzwischen bekannt durch Bücher + und Filme und füllen auch schon einige Archive.

Es gab auch einige die lagen überall dazwischen - fühlten sich zwar als Militante aber die Waffen waren nicht mehr real.
Vage Vorstellungen, Creativität , Utopie plus Erfahrungen aus der Aufbruchsdrogenzeit - tägliches Abmühen als JobberInnen für paar Kröten in Zusammenhang zu kriegen - und ja nicht resignieren im Überlebensk(r)ampf - das sollte eine neue Form vom selbstbestimmten möglichst herrschaftsFREIEN Leben werden - ein vager Aufbruch -
Autonome Zentren wie Infoläden ( für unterdrückteMedien) brachten unterschiedlichste Perspektiven hervor
3-allen gemeinsam war - militantes NICHThinnehmen des Gewaltmonopols STAAT - Widersprüche inbegriffen
Autonome Kommunisten hiess dort - ohne Partei, aber mit Macht+ Staat , nicht diesem aber einem anderen Staat.

Autonome AnarchstInnen - im Bewusstsein persönlicher und gesellschaftlicher Widersprüche ohne unnötigen Ideologiedruck - den NEUEN, gewaltfreien Menschen sofort präsentieren zu müssen! (und so in den Widerspruch der Graswurzler zu geraten in einem Gewaltstaat eine Nischenideologie als geschlossenes System durchsetzen zu wollen).

CHAOSTHEORIE- eine Umschreibung damaliger Utopie der Wahrheit - und die Überzeugung-WIR sInD dEr geschichte NiX aber auch gaRnIx sChuLdIg..Und dann schlich sich ein,dass Keine+Keiner sich eine freundlich-lebbare Welt mehr vorstellen konnte.

'Drinnen ist es so wie draussen, nur anders' - damit waren die Knäste , genauer Folterknäste gemeint und ihr Äquivalent der Gesellschaftsknast hier draussen.

So verliess man/frau fast unbemerkt die Basis für ein lebenswertes Leben und wurde zerrüttet fast nur im Anti-Kampf, eine ausgebrannte Feuerwehr im hinwegrasenden Sturm.
Eine fast (bio-) logische Folge dann die Krebserkrankung bei mir.
Und damit war ersteinmal die Art meines Zutuns zur Revolution beendet , in dieser Form gescheitert und ich sah mich gezwungen direkt von mir zu sprechen
Die Gedanken vom autonomen Tod oder vielleicht doch zur Genesung wurden Priorität und das nicht nur auf dialektische, sondern bereits cybernetische Weise
Als Leben der eigenen Utopie begann die Auseinandersetzung mit dem Tod - dem eigenen Tod und kam direkt im Leben an.
Du musst scheinbar gewaltig irren, um die Wahrheit - hier auch Körper - und Bewusstseinswahrheit tief zu erfahren.

Der Kurzschluss im Gehirn dieses dauernde enger werden der Lebensmöglichkeiten diese permanenten eindimensionalen und nur zielgerichteten Aktivitäten all diese energieraubenden Konfrontationen mit den zerstörerischen Institutionen bis hin zum STAAT ( wer ist das eigentlich???) diese Begegnung mit zermarternden Lebensformen( Beziehungen) ohne den befreienden Lebenstraum -

Das ist verengtes Leben,was für creative Menschen nicht ohne Folgen bleibt wobei es letzten Endes austauschbar wird ob der Tiefpunkt - Endpunkt-Knast ist oder Krankheit oder soziales Elend bis hin zur Psychiatrie.

Zwangswirklichkeit in einer Zwangsgesellschaft.

Aber meine Realität nahm eine Wunder-wendung.
Ich sah sehr wohl die Möglichkeit im Angesicht des (damals ersehnten) Todes zum Leben zu kommen und zwar zum farbenfrohen Leben- besser kann ich den cybernetischen Lebensentwurf nicht beschreiben.

In einer Welt von täglicherHERRschaft und Gewalt ist es sehr wohl möglich reale Utopie und Liebe zu leben.

Gedanken zurück- Ursprung der Definition von Kybernetik ist vielleicht am besten aus der Vielschichtigkeit der griechischen Naturbetrachtungsweise zu verstehen.

Keinesweg war der Mann+ das Steuer(mit heutigem Bewusstsein betrachtet ) das dominierende Moment der Definition sondern Kybernike als der Steuerman eines Kahns, eines Schiffes im Wasser mit aller Physik.

Vom Bau des Schiffes angefangen mit allen Phasen der Naturbetrachtung und - erfahrung wie es im Wasser liegt und voran kommt, belastbar ist bis hin zur Lenkbarkeit durch den Menschen und für mehr Beweglichkeit des Menschen
Ein Durchschreiten verschiedenster Ebenen von Denkstrukturen, Energie und Materie Wetter-, Wasserbedingungen unterschiedlichster Art vorausgedachte Konstruktionen und kunstvolle, spontane Ausgleichmöglichkeiten
immer wieder Veränderungen durch Eingreifen und Erfahrung plus Abstraktion im philosphisch-griechischen Sinn das war Kybernike - ein naturbezogener, adäquater Umgang plus Betrachtung von Natur

4-und ein historisches Weitertragen dieser noch offenen, philosophischen Naturbetrachtung.

( Philosophie = Liebe zur Weisheit, zur Wissenschaft)
Naturbetrachtung zurück bis ca. 2.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Das sog Christusbewusstsein ca. 2.000 Jahre zurück gab der Weltbetrachtung einen bis dahin in der Öffentlichkeit unbekannten sozialen Aspekt.

Diese Denk- und Lebensrichtungen kennen wir heute nur in pervertierter, zerstörter Weise und immer noch stehen wir Frauen bis heute in dieser hierarchisch-strukturierten von Männern( weltweit )dominierten Gesellschaft unter doppeltem Druck.

Und wieder erlebe ich, dass das Bewusstsein sich keineswegs diesem Druck beugen muss, sondern beflügelt einen Gedankengang favorisieren kann dass Logik nicht das von der Natur abgetrennte Männer-phänomen sein muss, sondern als Bio-Logik verstanden und viel kosmischer eingebettet in vielen Frauenzusammenhängen emotional gelebte Ganzheit bedeuten kann die das Leben zum Tanzen bringt - Lebendigkeit wild und anarchistisch.

Cybernetisch ausgehebelt durch vergrössertes Denken ohne Konkurrenz.

Creativ + einfallsreich

unvollständig + spontan

Ich will weder einen eindimensionalen Biologismus aktivieren noch limitierte Polarisierungen wie in unreflektiertenFeminimuszeiten forcieren. Warum aber tauchen auf dem Weg in die soziale FREIHEIT und Utopie immer wieder Lähmungen auf die uns am gemeinsamen Aufbruch hindern.
Sind es die traumatischen TABUS die uns hindern + verhindern dass wir das Leben mit befreienden Alternativen heute schon leben?

Die sichtbare Polarisierung in der Globalisierung wird von Tag zu Tag krasser und kein Ende in Sicht.

Da gibt es für mich nur EINS springen + fliegen über alle Widersprüche hinweg in neue Dimensionen.

Bremsklotz Materie aushebeln und Gedanken frei werden lassen, lebendiges Freuen möglich machen.

Auch für die schlimmste Situation - gibt es einen Ausweg das ist meine A-Erfahrung, die ich als Minimum weitergeben kann.
Das Beni-Papier, alt und NEU benennt reale Utopien im Ideen-Katalog mit Vorschlägen und das Utopie-Papier von Jonny machte den Anfang der Diskussion die bis jetzt noch viel zu selten geführt wurde.

Wir - die wir ohne Machtanspruch und ohne Druck und ohne Gewalt IDEEN umsetzen können eRsT mAL kLeIne - können uns doch mindestens ALLES Schöne vorstellen was das Leben lebenswert macht und an die,die das wollen auch weitergeben.
Dabei meine ich nicht in erster Linie - Essen + Trinken, das ist für uns Menschen kein Luxus, sondern Voraussetzung für ein würdevolles Leben.

Darüber sollte nicht gestritten , sondern eher beraten werden wie wir besser Teilen + vErTeilEn können, sodass die ökonomischen Sorgen uns nicht derart blockieren dass wir keine Freude mehr am Leben haben.

Weil wir keinen MACHT-druck ausüben müssen könnten wir doch viel fröhlichere Menschen sein, als die permanent- konkurrieren -Müssenden die nur in Energieraub + Tricks denken können und sich über Unglücke der Anderen freuen und diese verursachen und sogar damit Geld machen.

Ich hör' jetzt auf - denn Freude gemeinsam zu erleben ist viel spannender als Freude zu beschreiben und nochmal zurück zur Kybernetik als Wissenschaft mag alles sein, aber nicht für mich - immer noch aktuell was Bakunin 1871 zur Wissenschaft gesagt hat und das ist auf der näxten seite zu lesen.

 
 
Positionen zum Anarchismus

In seinem Pariser Exil wurde einem betagten spanischen Anarchisten, der in der Arbeiterbewegung seines Landes eine führende Rolle gespielt hatte, von einem jungen Genossen folgende Frage gestellt: “Was soll man den Leuten sagen, wenn sie einwenden, die Verwirklichung einer anarchistischen Gesellschaft wäre zwar schön, ist aber unmöglich.“ Seine Antwort lautete: “Natürlich ist es unmöglich. Aber siehst du nicht, daß alles, was heute möglich ist, nichts wert ist?“
(zit. aus Heiner Koechlin, Anarchismus - Gefahr, Illusion, Hoffnung? In: Unsere Wünsche sind die Erinnerungen an die Zukunft. Anarchismus und Marxismus Bd. 3, Berlin 1976, S. 33)

“Allerdings halte ich Anarchismus für das gemäßeste Wort für meine Lebensanschauung. Auch habe ich nicht die anarchistische Zukunftsgesellschaft über Bord geworfen, sondern nur den Glauben, daß sie mit den jetzt lebenden Menschenmassen in irgend absehbarer Zeit erreicht wird. Dagegen glaube ich an ihre Vernünftigkeit und an ihre Realisierbarkeit unter nur einigermaßen einsichtigen und gutwilligen Menschen. Allenfalls glaube ich an kleinere anarchistische Siedlungen, die später vielleicht von den Nichtanarchisten in Ruhe gelassen werden.“
(Gustav Landauer im Frühjahr 1900 in einem Brief an Paul Eltzbacher. In: Gustav Landauer, Sein Lebensgang in Briefen, Bd. 1, S. 52)

Friedrich W. Schlegel bezeichnete 1796 in seinem ‘Versuch über den Begriff des Republikaners‘ den Anarchismus als die “absolute Freiheit“.

Immanuel Kant definierte 1798 in seiner Anthropologievorlesung den Anarchismus als “Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt“.

Und Ludwig Börne schrieb: “Freiheit geht nur aus Anarchie hervor“.

“Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit.“
(Gustav Landauer im vierten Artikel der ersten Fassung der ‘Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes‘ (1908).

“Freiheit: ist kein subjektiver, sondern ein objektiv recht exakt bestimmbarer Begriff, wenn es um Freiheit in sozialer Beziehung geht. Entweder ist meine Freiheit größer als die eines anderen oder einer Gruppe, indem sie auf dessen oder deren Kosten geht, dann sind jene nicht frei; oder sie ist geringer als die eines anderen oder einer Gruppe, wobei dies auf meine Kosten geht, dann bin ich nicht frei. In beiden Fällen besteht kein Zustand der Freiheit. Dieser kann also nichts anderes bedeuten als die gleiche Freiheit (nicht Gleichheit!) Aller, was im wesentlichen mit Herrschaftslosigkeit identisch ist.“
(K. H. Z. Solneman, Das Manifest der Freiheit und des Friedens. Der Gegenpol zum kommunistischen Manifest. Freiburg/Br. 1977, S. 5)

“Anarchie: ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Da es einen solchen in konsequenter Form noch niemals gegeben hat, ist die Behauptung, er sei mit Unordnung oder gar Chaos identisch, keine Erfahrungstatsache, sondern Polemik und Demagogie solcher, die Herrschaft als notwendig propagieren.“ (Ebd.)

Anarchismus: ist ein durch willkürliche Umdeutungen verzerrter Begriff. Der wirkliche Anarchismus sieht in der Freiheit nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung, ist keine Ideologie, sondern geht von beweisbaren Tatsachen aus, die zu einer unausweichbaren Alternative führen.“ (Ebd.)

"Freiheit ist das ‘einzige Gesetz‘, die ‘einzige moralische Grundlage, für die menschliche Gesellschaft, sie muß das ‘einzige bildende Prinzip ihrer politischen und ökonomischen Organisation‘ werden. “Die Ordnung in der Gesellschaft muß die Resultante der größtmöglichen Entwicklung aller lokalen, kollektiven und individuellen Freiheiten sein.“ Das Reich der Freiheit = die Anarchie.
(M. Bakunin, Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären Gesellschaft (1866). In: ders., Staatlichkeit und Anarchie, S. 4)

“Der Anarchismus ist eine Bewegung, die sich in unaufhörlicher Entwicklung befindet und die heute wie gestern die Fähigkeit besitzt, neue Formen anzunehmen, sich dem Marsch der Menschheit einzugliedern, alle neuen Tatsachen zu verstehen und zu akzeptieren. Es ist daher meiner Ansicht nach ein fundamentaler Fehler, wenn man den Anarchismus mit Hilfe der Aussagen seiner ersten Theoretiker beschreibt.“
(Federica. Montseny, in: Erwin Oberländer (Hrsg.), Der Anarchismus, Olten 1972, S. 13)

Anarchie bedeutet nicht nur keine Herrschaft von Menschen, sondern auch keine Herrschaft äußerer Ziele, Zwecke oder Sinngebungen über das Leben der Menschen. Landauer hat dies deutlich erkannt: die Revolution ist zwecklos, sie erreicht niemals ihr Ziel - aber das tut ihr keinen Abbruch: sie ist ein Moment “begeisterten Rausches“, Moment der Ekstase, der Freude, der Vereinigung, der Schöpfung. (S. W.)

“Die Anarchisten müssen einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben... Die Anarchie ist nicht eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich, sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten Gegensätze von Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren; es handelt sich ums Formen des nie Gewesenen... Was die Anarchisten uns als ideale Gesellschaft aufzeichnen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und Mord, sondern Wiedergeburt.... Die Anarchie aber ist nichts Nahes, Kaltes, Deutliches, wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos und ihr Handeln von einerlei Art werden.“
(Gustav Landauer‚ Anarchische Gedanken über Anarchismus (1901)

“Die Anarchisten sind keine politische Partei, denn sie stehen nicht auf dem Boden des heutigen Staatswesens und verschmähen es, zu feilschen und zu markten. Wir Anarchisten wollen Prediger sein, und um die Revolutionierung der Geister ist es uns vor allem zu tun.“
(Gustav Landauer, Der Anarchismus in Deutschland (1895)

“Wohl wissen wir uns frei und unfrei. Wir erleben uns frei in unserer Unfreiheit und unfrei in unserer Freiheit. Worauf es uns ankommt, ist uns zu befreien. Wirklich ist für uns Freiheit nicht in einem Absoluten, sondern in einem mehr oder weniger. Freiheit bedeutet uns im wesentlichen Befreiung.“ (Heiner Koechlin, 1976)

“Je größer die Zahl der Gesetze und Verbote,
desto größer die Zahl der Diebe und Räuber.
Ich tue nichts, und das Volk ordnet sich von selbst.“

(Lao Tse)

Konzeptionelle Überlegungen für eine anarchistische Bewegung

Um gegen den unmenschlichen Kapitalismus in die Offensive zu kommen, brauchen wir eine Fundamentalopposition, die die Utopie eines herrschaftsfreien, selbstbestimmten Lebens propagiert und praktische Schritte dahin benennt. Diese Utopie muss sich auf unseren Alltag, auf alle gesellschaftlichen Bereiche beziehen.

Bisher haben wir an vielen Stellen, in vielen Teilbereichsbewegungen gekämpft. Jetzt gilt es diese Erfahrungen in einem gesamtgesellschaftlichen Gegenentwurf zusammenzubringen. Nur so kann sich das Vertrauen in die eigenen Kraft entwickeln, sich der Konfrontation mit der eigenen Sozialisation und dem Herrschaftssystem zu stellen.

Dies bedeutet, sich in den verschiedensten Lebensbereichen zu organisieren und für unsere gemeinsame Utopien zu kämpfen. Hierbei sollte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Freiheit des Individuums und der kollektiven Organisierung gefunden werden.

Ein Zentrum(szusammenhang) könnte sowohl räumlich als auch ideell ein Mittel dieser Organisierung sein. So ist Zentrum auch gleichzusetzen mit einem politisch-sozialen Zusammenhang, der auch ohne Räumlichkeiten als anarchistische Bewegung bestehen können muss.

In wahlloser Reihenfolgen und unvollständig werden im Folgenden Bereiche erwähnt, zu den wir schon Theorie und Praxis entwickelt haben oder auch noch entwickeln müssen.

Zur Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen, Arbeiten gibt es viele Initiativen.
· Mit dem Häuserkampf wurde gegen das Privateigentum gekämpft und den Anspruch auf angemessenen Wohnraum für Alle eingefordert.
· Zur Ernährung gibt es ausgelöst durch chemische und radioaktive Belastungen eine sehr breite Diskussion zu ökologischen Gesellschaftsgegenentwürfen.
· Zur Lohnarbeit wird sich zwangsläufig sowohl individuell als auch kollektiv verhalten. Hier gibt es zahlreiche Ansätze und Initiativen aus unserem Spektrum
· Im Bereich der Bildungspolitik werden ganz aktuell wieder alternative Konzepte als Abgrenzung gegenüber der praktizierten Ausbildung für die Warengesellschaft diskutiert.
· Im Rahmen der Anti-AKW-Bewegung entstanden Ideen von einer ökologischen und humanen Energieversorgung jenseits gefährlicher Großtechnologien.
· Die Diskussion um die Gesundheitsreform zeigt das ganze Dilemma des Systems auf, das auch hier den ganzen Sektor gewinnbringend durchstrukturieren will und für den das Wohlbefinden der Menschen nur als Kostenfaktor auftaucht.
· Eine Diskussion, die auch verstärkt auf uns zurollen wird (auch wir werden älter), ist die Frage der Altersversorgung sowohl im materiellen Bereich (Rentendiskussion) als auch im immateriellen Bereich. Wie stellen wir uns ein Leben im Alter vor - Altersheim oder Rentnerlnnen-WGs?
· Im Anbetracht dessen, dass wir auch mal Kinder waren, stellt sich die Frage, nach welchen Konzepten sollen Kinder aufwachsen jenseits von laissez-faire und autoritärem Gehabe.
· Wie stellen wir uns in Theorie und Praxis den Weg zu einem befreiten, selbstbestimmten Verhältnis von Frauen und Männern vor (Feminismus und Antipatriarchatsdiskussion)?
· Welche Kommunikationsstrukturen brauchen wir, um Manipulationen und Machtkonzentration zu verhindern?
· Hier schließt sich unsere Verhältnis zu Computern und anderen neuen Kommunikationstechnologien an.
· Wir kämpfen für die Abschaffung aller Knäste. Welche Schritte gehen wir bis dahin? Wie gehen wir mit den berechtigten Ängsten der Leuten vor Vergewaltigern und Mördern um?
· Unsere Diskussionen zur Abtreibung sollten ein positives Verhältnis zum entstehenden Leben beinhalten.
· Die Gewaltfreiheit- und Militanzdebatte sollte ein genaues Verhältnis zur Gewalt ausdrücken, so dass wir nicht aus Hass selbst unmenschlich werden.
· Alle faschistischen und reaktionären Ideologien müssen entlarvt werden und ihnen unseren antiautoritären Lebensentwurf entgegengestellt werden.
· Der Internationalisierung des Kapitals setzen wir ein antinationales Verständnis der unterdrückten Menschen in allen Ländern entgegen. Das bedeutet das Sprengen der Grenzen durch das Erkämpfen des Aufenthaltsrechts für Flüchtlinge sowie die Achtung der kulturellen Unterschiede der Menschen.
· In unseren Lebensäußerungen (Kultur) sollten Lebensfreude und Ansätze zu einem anderen Leben sichtbar werden.
· Zu Gewerkschaften, Parteien und anderen staatstragenden Institutionen sollten wir ein ablehnendes, jedoch funktionales Verhältnis entwickeln. Die dort arbeitenden Menschen sind ernst zu nehmen und es sollten Auseinandersetzungen mit ihnen geführt werden.
· Weit verbreitet auch unter uns sind religiöse Einstellungen. Diese sollten wir respektieren, soweit sie keinen autoritären Geltungsanspruch geltend machen. Gerade aber AtheistInnen sind verstärkt aufgerufen, eine Antwort auf den Sinn des Lebens zu geben. Dazu gehört eine Auseinandersetzung um philosophische Fragen und die Diskussion um Identität, Kollektivität und die Moralvorstellungen von Menschen.
· Bereiche, die meist in das “Privatleben“ abgeschoben werden, sind die Diskussionen ums Rauchen, Drogen (auch Alkohol) sowie unsere Einstellung zu Tieren (Diskussion um “totes Tier“ im Essen und bei der Bekleidung).
· Im Zusammenhang mit Stadtentwicklung muss auch das Problem des Verkehrs (Transport-, Individual- und Öffentlicher Verkehr) gelöst werden.
· Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Nahrung, Wasser, Luft hat Priorität und ist eine vorrangige Aufgabe gerade auch einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Der Ausbeutung der Natur muss ein ökologisches Leben mit und in der Natur entgegengesetzt werden.
· Für ein herrschaftsfreies Zusammenleben brauchen wir Regeln und Normen der Konfliktlösung, um mit Menschen jenseits von Rache und Strafe um gehen zu können.

Wir sollten jeweils nach den neusten gesellschaftlichen Verhältnisse unsere Entwürfe aktualisieren, wie wir uns die Organisation einer herrschaftsfreien Gesellschaft vorstellen: Räteprinzip, dezentral, basisdemokratisch, Minderheitenschutz ...

 

 Die kommunistische Partei und die Syndikalisten

 

In der letzten Zeit wurde unter den Berliner Funktionären der K.P.D. ein mit Maschinenschrift vervielfältigter Zettel verbreitet, der zur systematischen Bekämpfung des Syndikalismus den Agitatoren der K.P.D. folgende Thesen übermittelte:

 

‚Kommunismus und Syndikalismus

 

Die Kommunisten und Syndikalisten sind beide Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Gleichwohl aber sind ihre Ziele und ihre Taktik derart verschieden, dass niemand Kommunist und Syndikalist zugleich sein kann.

 

Die Kommunisten führen durch ihre Partei den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass das Proletariat die politische Gewalt dem Bürgertum entreißt und selbst in die Hand nimmt. Die Syndikalisten lehnen es ab, einen Kampf um die politische Macht zu führen. Politik zu treiben erscheint ihnen überflüssig und zwecklos, ja sogar schädlich.

 

Die Kommunisten wollen die Überleitung der Produktionsmittel aus der Hand der Kapitalisten in die der Allgemeinheit durch die Betriebs- und Arbeiterräte. Die Syndikalisten lehnen dieses Rätesystem ab; genau wie die sogenannten „freien Gewerkschaften“ halten sie an überlieferten Anschauungen fest und wollen ihre syndikalistischen Gewerkschaften zu den künftigen Trägern der Produktion machen.

 

Die Kommunisten erstreben, dass die Allgemeinheit künftig die Warenerzeugung und Warenverteilung nach den von ihr selbst festzustellenden Bedürfnissen regelt. Die Syndikalisten lehnen es ab, eine zentrale Regelung der Produktion anzuerkennen, sie wollen ihre nur föderativ verbundenen Gewerkschaften zu örtlichen Produktionsgesellschaften umgestalten, diese sollen dann den Warenaustausch unter sich vornehmen.

 

Die Kommunisten gewöhnen das Proletariat daran, sein ureigenstes Machtmittel, den Massenstreik einheitlich und planmäßig, also mit um so gewaltigeren Wirkungen zu gebrauchen. Die Syndikalisten lehnen einen solchen planmäßigen Massenstreik ab, sie legen es vielmehr jeder ihrer Gruppen nahe, jederzeit nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf die jeweiligen Verhältnisse in anderen Orten, Streiks zu inszenieren.

 

Also: Die Kommunisten erstreben eine planmäßige sozialistische Bedarfswirtschaft; die Syndikalisten zielen auf kleinbürgerliche Produktionsgenossenschaften hin. Die Kommunisten erziehen das Proletariat zum gemeinsamen, einheitlichen Kampfe, die Syndikalisten verzetteln und verschleudern die Kraft der Arbeiterschaft und schaffen dadurch dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit, jeden einzelnen Streik niederzuschlagen.

 

Daher weg mit dem kräftezersplitternden Syndikalismus. Es lebe der die Kräfte des Proletariats zusammenfassende Kommunismus !’

 

 

Hier unsere Antwort:

 

Die K.P.D. und die Syndikalisten sind theoretische Gegner des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Klassenstaates. Die Syndikalisten sind freiheitliche Kommunisten, die Partei- Kommunisten sind Staatskommunisten. Die Ziele sind verschieden, die Tatktik der Partei-Kommunisten ist im wesentlichen den Syndikalisten gestohlen. Die Partei-Kommunisten haben keine eigenen wirtschaftlichen Kampfmittel, die politischen haben sie der bürgerlichen Revolutionsepoche entnommen. Die K.P.D. ist keine Klassenorganisation, sondern eine Organisation von Gesinnungsverwandten. Der Syndikalismus ist die Klassenorganisation des Proletariats.

 

Die Partei-Kommunisten führen den Kampf um die politische Macht. Sie wollen, dass die Kommunisten die politische Gewalt dem Bürgertum entreißen und selbst in die Hand nehmen.

 

Die Syndikalisten führen den Kampf um die Beseitigung jeder politischen Macht, um die Eroberung der wirtschaftlichen Macht. Jeder wirtschaftliche Kampf ist gleichzeitig ein politischer Kampf.

 

Der politische Kmapf der Partei-Kommunisten wird geführt mit bürgerlichen Kampfmitteln und hat bürgerliche Ziele: Durch Eroberung der Waffengewalt und der Gesetzgebungsmaschinerie kann nicht der Sozialismus, sondern nur der Staatskapitalismus geboren werden

 

Die Partei-Kommunisten predigten ursprünglich nur den einen Grundsatz: Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten! Die Gewerkschaften erklärten sie für überflüssig in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Dabei blieben aber die bekannten Agitatoren der K.P.D. Angestellte der Zentralverbände. Später predigte die K.P.D. die Eroberung der Zentralverbände durch Besetzung der Angestelltenfunktionen. Gleichzeitig ging sie zur Gründung von Betriebsorganisationen über. Und in Rheinland-Westfalen versucht sie durch selbstherrlich-diktatorische Maßnahmen die syndikalistischen Organisationen in ihrem Aufstieg zu hemmen, indem sie plötzlich – aber nur für die Bergarbeiter - als Ziel ausspricht: Eroberung der Bergwerke durch die Bergarbeiter-Union und durch diese Einführung der sozialistischen Produktionsweise.

 

Die Syndikalisten sind Vertreter der Idee, dass die Gewerkschaften die Keimzelle der sozialistischen Gesellschaftsordnung werden müssen. Diese Idee ist geschichtlich begründet. Nie hat ein höherer Stand der Kultur und des allgemeinen Wohlstandes geherrscht als zur Zeit der Gilden und Markgenossenschaften. Erst das Emporkommen des Staates hat diese Blütezeit europäischer Kultur vernichtet.

 

Die Syndikalisten sind Anhänger des reinen Rätegedankens, eines Rätesystems, aufgebaut auf sozialrevolutionären Gewerkschaften. Sie sind Feinde eines Rätesystems, das in parteipolitischen Zänkereien ihre besten Kräfte verzettelt, das durch Unfähigkeit und Unduldsamkeit jede schöpferische Initiative der Gewerkschaften, Genossenschaften und Bünde unmöglich macht, das alles auch das Geistesleben, nach einer Parteischablone zentralisieren und diktieren will.

 

Die Syndikalisten sind die alleinigen und konsequenten Feinde der Zentralverbände mit ihrer Tarifvertragspolitik, ihren Arbeitsgemeinschaften und ihrem Gewerkschaftsbund mit den von der Volkspartei und der Kirche gestützten Vereinen. Die Partei-Kommunisten dagegen sind in der Mehrheit noch immer Mitglieder dieser reaktionären, den Sozialismus verhindernden, die Ausbeutung und die Beherrschung der arbeitenden Massen stützenden Gewerkschaftsrichtung.

 

Die Partei-Kommunisten erstreben die Regierungsgewalt, um durch Dekrete die Warenerzeugung und Warenverteilung zu regeln.

 

Die Syndikalisten wissen, dass keine Regierung die intimsten Verhältnisse in einer Industrie so gut kennen kann, als die darin beschäftigten Kopf- und Handarbeiter. Die Gewerkschaftsbüros werden sich also am Tage nach der sozialen Revolution in statistische Büros verwandeln. Die Arbeiterräte werden die Bedürfnisse der Gemeinden und der Allgemeinheit berechnen, die Bestände der in den verschiedenen Industrien vorhandenen Rohstoffe aufnehmen, um so zu einer geregelten Bedarfswirtschaft überzugehen. Da die Gewerkschaften nicht nur örtlich begrenzt, sondern über da ganze Land föderiert sind, da sie örtlich im Kartell allgemein, über das Land in Industrieföderationen, alle Industrieföderationen des Landes wieder zu einem allgemeinen Gewerkschaftsbündnis zusammengeschlossen sind, so ergibt sich schon aus diesem Aufbau die beste Regelung einer wahrhaft sozialistischen Produktions- und Verteilungsweise.

 

Die Partei-Kommunisten haben durch Aufrufe zu rein örtlich begrenzten Massen- und „General“streiks die Kräfte des Proletariats stark in Anspruch genommen. Von einer einheitlichen und planmäßigen Anwendung des Massenstreiks kann in Deutschland noch nicht gesprochen werden, da so wenig die Partei-Kommunisten als auch die Syndikalisten in allen Orten Deutschlands die Massen gewonnen haben.

 

Die Syndikalisten sind seit langen Jahren die Propagandisten der Idee des sozialen Generalstreiks, den die „Kommunisten“ noch vor wenigen Jahren nach „wissenschaftlicher“ Methode als Generalblödsinn bezeichneten. Die Syndikalisten lassen allen ihren Ortsgruppen vollständiges Selbstbestimmungsrecht über Eintritt und Beendigung von Streiks. Sie sind der Ansicht, dass umfassende Massenstreiks sich nicht von einer Zentrale aus diktieren lassen, sondern aus den wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Verhältnissen und aus dem Willen der Massen selbst herauswachsen müssen.

 

 

Also:

 

Die Partei-Kommunisten erstreben den Staatssozialismus, die Syndikalisten arbeiten seit langen Jahren an der Überwindung des Kapitalismus und des Staates und wurden dabei von den „Kommunisten“, den ehemaligen Sozialdemokraten, nicht nur nicht unterstützt, sondern stark bekämpft.

 

Die Partei-Kommunisten drängen die Massen mit Kraftausdrücken und starken Gesten zu unüberlegten Handlungen, zu deren Folgen sie zu feige sind, sich zu bekennen. Sie haben wiederholt bewusst gelogen, indem sie ihre Handlungen den Syndikalisten in die Schuhe schoben. Sie haben es an der geistigen Durchbildung der ihnen angeschlossenen Arbeiter völlig fehlen lassen.

 

Die Syndikalisten arbeiten systematisch an der Erkenntnis und an der Willensbildung der ihnen angeschlossnen Arbeiter. Sie verwerfen jede Art Militarismus, jeden Mord. Die Syndikalisten sind die Propagandisten ethischer Kampfmittel: Streiks, passive Restístenz.

 

Die Partei-Kommunisten lügen, wenn sie sagen, dass die Syndikalisten dem Bürgertum und den Noskegarden die Möglichkeit geben, die örtlichen Streiks niederzuschlagen. Die „Parteigenossen“ der K.P.D., ihre Gewerkschaftsbeamten sind die Organisatoren der Noskegarden und der Bürgerwehren. Auf Befehl der Gewerkschaftsbeamten sind allerorts die streikenden Arbeiter von den Freiwilligentruppen niedergeschlagen, in „Schutz“haft gesteckt und zu schweren Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt worden. Noske, Severing, Hoersing, Winnig sind geschworene Marxisten, Gesinnungsgenossen der Partei-Kommunisten. Die drei sozialdemokratischen Parteien waren die Organisatoren und Leiter aller bisherigen örtlichen Streiks.

 

Darum: Weg mit allen politischen Parteien, die das Proletariat zersplittern und seine Kräfte nutzlos verschwenden! Es lebe die Klassen- und Einheitsorganisation aller produktiv tätigen Kopf- und Handarbeiter: Der Syndikalismus !“

 

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 30, 05.Juli1919

 
Was ist der Marx (noch) "wert"?

 

Was Libertäre vom "libertären Marx" halten

 

In den GWR-Ausgaben 237, 239 und 240 wurde über Marx, Proudhon, Geld und Mehrwert kontrovers diskutiert. Eine der aufgeworfenen Fragen war, ob es einen libertären Marx gibt. Der folgende Beitrag setzt die Diskussion fort und erinnert an die Antworten, die zeitgenössische und nachfolgende anarchistische ProtagonistInnen auf diese Frage gaben. Aktuell ist diese historische Diskussion schon deshalb, weil sich nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus der Marxismus wieder als systemoppositionell, zuweilen sogar rechthaberisch (DDR-Nostalgie, Sowjetunion war doch besser als heute usw.) geriert und damit in die systemkritische Konkurrenz zum Anarchismus tritt. Aus Platzgründen mußten wir den Beitrag geringfügig kürzen. (Red. HD)

 

Das Kapital ist die größte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin großen Res(t)pekt. Bakunin übersetzte dieses Werk selber ins Russische. Johann Most gab eine volksverständliche Zusammenfassung heraus, welche von Marx redigiert wurde. Es liegt mir also fern, AnarchistInnen gegen Marx ins Feld zu führen. Interessanter ist es, Marx gegen den libertär-verklärten Marx anzuführen, denn welchen Sinn macht es, Marx als libertär zu verklären? In GWR 239, S. 15, Fußnote 4 wird sich bezogen auf "die für den Verkauf gesellschaftlich, durchschnittlich notwendige Arbeitszeit." Doch: "Marx verneint dies (...) im zweiten Band des Kapitals." Richtigerweise wird zum Schluß gefragt: "Warum sollten hier also andere Maßstäbe angesetzt werden wie beim Transport." Die eigentliche Frage lautet: Warum erkannte dies Marx nicht? Fehler sind menschlich, ja sogar nützlich, denn wir können aus ihnen lernen. Marx hat aber ebenso große geistige Fehlleistungen abgeliefert. Seine Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg ist voller Widersprüche. Dies beschreibt Daniel Guérin in Anarchismus und Marxismus - einer Schrift, die für die Auseinandersetzung während der StudentInnenbewegung wichtig war - sehr prägnant:

 

"Der junge Marx, Humanist und Schüler des Philosophen Feuerbach, entwickelt sich anschließend zu einem rigiden wissenschaftlichen Determinismus. Der Marx der 'Neuen Rheinischen Zeitung', der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, ähnelt in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Besinger der permanenten Revolution, der unabhängigen, politischen kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats. Welch ein Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest 1848, die forderten, daß der Staat die Gewalt über die gesamte Ökonomie erlange und den späteren Erklärungen, in denen der Staat durch die "assoziierten Produzenten" ersetzt wird. Der Marx der folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich später verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschloß, um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch einmal völlig anders als der aufständische Marx von 1850, der an eine allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte. Der Marx von 1864-69, der zunächst hinter den Kulissen die Rolle des heimlichen und machtuninteressierten Beraters der in der I. Internationale zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab 1870 plötzlich ein sehr autoritärer Marx, der von London aus den Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor einer Erhebung in Paris heftig warnt, ist nicht derselbe wie der, der nachher in seiner berühmten Adresse unter dem Titel Bürgerkrieg in Frankreich die Commune von Paris in den Himmel hinein lobt, von der er - nebenbei bemerkt - einige Züge idealisiert. Schließlich ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die kommunale Macht ersetzt zu haben, keineswegs der selbe Marx wie der, der in seinem Brief über das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, daß der Staat nach der proletarischen Revolution noch für eine relativ lange Zeit überleben müsse. Wir könnten all diese Widersprüche und diesen Zickzackkurs durch die Jahre hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, daß der ursprüngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein einheitlicher Block ist. Wir müssen ihn einer kritischen Prüfung unterziehen und können nur Teile von ihm übernehmen, die zu unserem libertären Kommunismus in keinem Widerspruch stehen."

 

Wir können eben nur Bruchteile übernehmen. Die ökonomische Kritik des Kapitalismus von Marx ist umfassend und wissenschaftlich. Aber ebenso stehen viele seiner Geisteshaltungen im krassen Widerspruch zu den anarchistischen.

 

 

Auf dem Misthaufen der Geschichte

 

Erich Mühsam schrieb in Bismarxismus: "Der Marxismus - Landauer weist in seinem herrlichen Aufruf zum Sozialismus nachdrücklich darauf hin - beschäftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er erschöpft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vernünftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zunächst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autoritätsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die Stützen jedes Staatsglaubens sind: Autorität und Disziplin, Zentralismus und Bürokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. Führerin im Kampf sei dem revolutionären Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religiöse Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Haß gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!"

 

Hier wird Bakunin nicht gegen, sondern eigentlich für Marx erklärlich. Marx und Engels, die beiden eitlen Gockel, haben schon vorzeitig, auf dem "Misthaufen der Geschichte", ihre Endlagerungsgrube gescharrt. Zu den Verbiegungen von Marx hielt Johann Most in Marxereien und Eseleien fest: "Nichts wäre aber ein größerer Irrtum, als die etwaige Annahme, daß die Ära der Irrtümer heutzutage abgeschlossen sei. Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, daß neun Zehntel aller jetzt lebenden 'Kultur'(?)-Menschen von einer Eselei in die andere fallen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr sie bis über die beiden Ohren in Irrtümern befangen sind. Man könnte über dieses Thema eine Bibliothek von hundert anderthalbfüßigen Folianten schreiben, und man würde trotzdem nicht erschöpfen, so ungeheuerlich verrückt ist die durchschnittliche Denkweise der meisten sogenannten Marxisten. Wo man hinblickt, stößt man auf verkehrte Auffassungen, demgemäß auch auf blödsinnige Schlußfolgerungen, kurzum, auf total unlogische Kreuz- und Quersprünge verhunzter Gehirne." Wozu ebenso zu rechnen ist, Marx zum obersten Libertären zu verklären!

 

 

Stereotypen Marx'scher Anarchismuskritik

 

Der in GWR 239 zitierte Satz: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" sollte als erstes mal auf Marx selber bezogen werden. Marx' Fähigkeit und Leistung war das Verfassen des Kapital. Und was war das Bedürfnis von Marx? Stirner verbal auszuschalten und vernichten zu wollen. Max Stirners philosophische Fähigkeit drückte sich im Werk "Der Einzige und sein Eigentum" aus. Wir heutigen AnarchistInnen sollten jede/n nach seinen/ihren Fähigkeiten beurteilen und auch beschränken. Es geht nicht um Personen, sondern um Positionen!

 

Wie verstand Marx Stirner? Gar nicht! Stirner ist äußerst schwierig zu verstehen, durch seine eigene Terminologie. Engels hatte Kontakt zu Stirners "Freien" in Berlin und war anfänglich nicht unbeeindruckt. Nachdem er aber endgültig zum Sprachrohr von Marx mutierte, änderte sich dies schlagartig. In der "Deutschen Ideologie" - der Schrift gegen Stirner - wurde erstmalig das Grund-Strickmuster marxistischer Anarchismuskritik entwickelt. In einer der Sekundärliteraturen zu Stirner, A.M. Bonanno's Max Stirner und der Anarchismus, ist dies folgendermaßen beschrieben:

 

"Und mit welchen Mitteln droschen sie (Marx/Engels, d.A.) auf ihn (Stirner, d.A.) ein! Kein noch so mieses Register der Denunzierung, der Verfälschung, des Lächerlich-Machens und in den Dreck-Ziehens, das die beiden erhabenen Begründer des 'wissenschaftlichen Sozialismus' nicht gezogen hätten, um auf über 300 Druckseiten eine Handvoll Totschlagargumente zu variieren: 'Sankt Max (Stirner, d.A.)', der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen, habe das zweifelhafte 'Verdienst, der Ausdruck der deutschen Kleinbürger von heute zu sein, die danach trachten, Bourgeoisie zu werden.' Es fehle ihm gänzlich an wissenschaftlichem Durchblick und proletarischem Klassenbewußtsein, demzufolge weigere er sich doch tatsächlich, sich um 'den praktischen Zusammenhang' der bestehenden Mächte und Verhältnisse 'zu bekümmern, ihn kennenzulernen und nach ihm zu richten (!).' Mit bloßen 'Fieberphantasien' im Kopf müsse Stirners subjektiver Voluntarismus zwangsläufig in Don-Quichotterien enden und überhaupt beweise das Konzept, die ganze Gesellschaft in freiwillige Gruppen aufzulösen, 'nur seinen eingerosteten Konservatismus' (hahahaha, d.A.). In der Tat sind das bereits so gut wie alle Stereotypen, die bis heue von marxistischer Seite gebetsmühlenhaft gegen den Anarchismus ins Feld geführt werden. Der schriftstellerische Aufwand, den Marx und Engels dabei betrieben, läßt sich - zumal bei Stirner - durch rein 'politische' Rivalitäten bzw. Machtkämpfe allein freilich nicht erklären. Die destruktive Inbrunst, mit der sie hier zu Werke gingen, und der zwischen derben Späßen und originellen Redewendungen z.T. unverblümt auflodernde Haß deuten eher auf notdürftig kaschierte Hilflosigkeit hin. In dem von Marx und Engels ausgearbeiteten 'historischen Materialismus' war kein Platz für die anarchistischen Provokationen Stirners: dessen beharrliches Eintreten für individuelle Autonomie und Selbstbefreiung, seine grundsätzliche Staatsfeindlichkeit und Ideologiekritik lagen quer zu ihren Thesen vom Primat der Ökonomie und des Produktivkraftfortschritts für die gesellschaftliche Entwicklung, von der 'historischen Mission des Proletariats' und der Notwendigkeit zur Eroberung der politischen Macht im Staate. Auf diesem Boden ließ Stirner sich nicht einfach 'widerlegen' oder überbieten. Um ihr gerade mit großen geistigen Anstrengungen aufgerichtetes Ideengebäude nicht sofort wieder einstürzen zu sehen, blieb Marx und Engels daher keine andere Wahl, als Stirner mit allen Mitteln auszuschalten. Gefangen im eigenen Alleingültigkeitsanspruch mußten sie ihn mit ihrer 'Kritik' förmlich vernichten. Die Begründung marxistischer Anarchismuskritik in der 'Auseinandersetzung' mit Stirner entpuppt sich daher zu nicht geringem Teil als Abwehrreaktion gegenüber einer als existentiell erfahrenen Verunsicherung. Daß sich dasselbe Reaktionsmuster später vom rein literarischen Gebiet auch in den praktischen Bereich verlängern und zu einer wesentlichen Antriebskraft marxistischer Machtpolitik werden sollte, ist bekannt. Die Intrigen gegen Bakunin und seine Freunde im Rahmen der I. Internationale waren ebenso wie der bolschewistisch-stalinistische Vernichtungskrieg gegen die anarchistischen Bewegungen in der russischen und der spanischen Revolution die konsequente Fortführung des an Stirner prototypisch vollzogenen Eliminierungsrituals: individuelle Autonomie als das bei Strafe des eigenen Untergangs auszuschaltende 'Fremde' - Terror gegen Linksopposition als das zur materiellen Gewalt gewordene Ringen der autoritären Psyche um Integrität!"

 

Marx ist nicht erst verbogen worden vom Arbeiterbewegungsmarxismus (GWR 239), er legte die Grundlagen selber. Und das erwähnte Primat der Ökonomie ist der Dreh- und Angelpunkt des Marx'schen Weltbildes. Ebensowenig wie sich das Universum um die Erde dreht (wie es uns die Kirche einreden wollte), dreht sich das Leben um die Ökonomie (wie es uns die Kapita-Listigen und die Staatskapita-Listigen einreden wollen). Ein gewisser Dr. H. Oberdörffer verfaßte die völlig krasse Schrift mit dem Titel "Diktatur der Arbeit, nicht des Proletariats" (nur wer arbeitet, darf fressen), womit dieser Gedanke endgültig auf die Spitze getrieben wurde und nicht mehr steigerungsfähig ist. Hier möchte ich nur G. Bataille's "Die Aufhebung der Ökonomie", 1985, empfehlen, zumindest als Ansatzpunkt (1). Auf der anderen Seite war Marx aber auch nicht konsequent: zwar behauptete er das Primat der Ökonomie, aber Frauenarbeit, Hausarbeit, Erziehungsarbeit wurden keineswegs als solche anerkannt, nur als Reproduktionsarbeit für den Mann, was die feministische Marx-Kritik etwa von Christel Neusüß in "Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung" aufgezeigt hat.

 

 

 

Marx gegen den freiheitlichen Sozialismus

 

Beim anarchistischen Geschichtsforscher Max Nettlau finden wir folgende Beschreibung des Verhältnisses von Marx zum freiheitlichen Sozialismus und seiner VertreterInnen: "Nur ein Mann, in welchem die Autorität eine ihrer buntesten und giftigsten Blüten produzierte, fühlte inmitten dieses philosophisch-politisch-ökonomischen Zuges zur Freiheit hin den herostrategischen Trieb, die Freiheit mit all seinen reichen geistigen Mitteln zu bekämpfen, Karl Marx, der vom Ehrgeiz besessen war, Proudhon zu vernichten, wie er Stirner zu vernichten unternahm und Feuerbachs Licht auslöschen wollte, wie er jeden der kleineren Helfer der Freiheit, die Brüder Bauer und Karl Grün zu zertreten suchte, wie er sich Heß zum unwilligen Sklaven machte und F. Engels veranlaßte, seine etwas freiere Züge zeigende Vergangenheit mit dem dichtesten Schleier zu bedecken und seine anerkannte geistige Existenz erst vom Zusammentreffen mit Marx ab zu datieren, wie er endlich einen lebenslänglichen Kampf mit Bakunin führte und auch Proudhon 1865 auf den Grabhügel schmähende Worte nachschleuderte. Ebenso ausdauernd verfolgte Marx die bisher, wie wir sahen, im Sozialismus sehr starken Freiwilligkeitsströmungen, das Heraustreten aus der heutigen Gesellschaft, wie es Fourier, Owen, Thompson, alle Assoziationisten Frankreichs, Englands und Amerikas beseelte und stempelte sie zur Utopie, seiner Wissenschaft gegenüber. Die kämpfende autoritäre Revolution, für die Blanqui sein Leben im Kerker zubrachte, interessierte ihn aber praktisch ebensowenig, und er wußte nur eine Abart der Demokratie zu bilden, woraus dann die Sozialdemokratie entstand und, da sie die geringsten Anforderungen an die sozialistische Energie und Intelligenz des einzelnen stellte, den größten Umfang gewann. Was hatte der Sozialismus getan, daß er sich seiner freiheitlichen Entwicklung mit so tödlicher Feindschaft in den Weg stellte? Ich habe nur diese psychologische, im Charakter von Marx begründete Hypothese, daß es ihn ärgerte, als er sich 1842 dem Sozialismus zuwendete, Proudhon an erster Stelle zu sehen und daß er so der intensivste Antagonist jeder freiheitlichen Richtung im Sozialismus wurde." (aus: Max Nettlau, Geschichte der Anarchie, Bd. 1: Der Vorfrühling der Anarchie, Bibl. Thèleme, 1993, Neuauflage)

 

Oscar Wilde schrieb einmal: "Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Mißerfolges." Das läßt sich in diesem Falle besonders gut auf Marx beziehen. Was die psychologische Komponente bei Marx betrifft, empfiehlt es sich, mal das Buch von Volker Elis Pilgrim, Adieu Marx, zu lesen. Auch wenn man/frau nicht jeder Schlußfolgerung Pilgrims folgen mag, so bietet es doch umfangreiches Material, um Marx analysieren zu können.

 

 

Marxismus führt zur Errichtung großer Nationalstaaten

 

Max Nettlau strich folgende Stelle bei Bakunin mit folgenden Worten hervor: "Im übrigen führt diese Stelle glänzend den Nachweis, daß staatlicher Sozialismus und Internationalismus sich stets ausschließen und nur Anarchie und Internationalismus vereinbar und tatsächlich untrennbar sind." In einem Brief "An die spanischen Brüder der Allianz" (Frühjahr 1872, Locarno) berichtete Bakunin über den Bruch zwischen autoritärem Staatssozialismus des Herrn Marx und den AnarchistInnen: "Daher gibt es die beiden entgegengesetzten Systeme: das anarchische System von Proudhon, das wir erweitert, entwickelt und von all seinem metaphysischen, idealistischen, doktrinären Ansatz befreit haben, indem wir klipp und klar die Materie in der Wissenschaft und die soziale Ökonomie in der Geschichte als Grundlage aller weiteren Entwicklungen annahmen. Und das System des Chefs der deutschen Schule der autoritären Kommunisten. Folgendes sind die Grundlagen dieses Systems: Wie wir selbst wollen die autoritären Kommunisten die Abschaffung des Privateigentums. Sie unterscheiden sich von uns hauptsächlich dadurch, daß sie Expropriation aller durch den Staat wollen, wir dagegen wollen dieselbe durch die Abschaffung des Staates und des natürlich vom Staate garantierten juridischen Rechts. Deshalb proklamierten wir auf dem Basler Kongreß (1869) die Abschaffung des Erbrechts, während jene sich dort derselben widersetzten, indem sie sagten, diese Abschaffung werde unnötig, sobald der Staat der einzige Besitzer werde. - Der Staat, sagen sie, muß der einzige Grundbesitzer und zugleich der einzige Bankier sein. Die Staatsbank, die heute bestehenden Privatbanken ersetzend, darf allein die nationale Arbeit mit Geld versehen, so daß tatsächlich alle Arbeiter, Land- und Industriearbeiter, Lohnarbeiter des Staates werden. (...) Wir haben dieses System aus zwei Ursachen zurückgewiesen: zuerst weil es, statt die Staatsmacht zu vermindern, sie durch Konzentration aller Macht in den Händen des Staates vermehrt. Sie sagen zwar, ihr Staat werde der Volksstaat sein, regiert von Versammlungen und Beamten, die direkt vom Volk gewählt und der Volkskontrolle unterworfen sind. Das ist das parlamentarische, das Repräsentativsystem, das des allgemeinen Stimmrechts, korrigiert durch das Referendum und die direkte Volksabstimmung über alle Gesetze. Wir wissen aber, was von der Aufrichtigkeit dieser Vertretungen zu halten ist. Klar ist, daß das System von Marx wie das von Mazzini (italien. Befreiungsnationalist, d.A.) zur Errichtung einer sehr starken sogenannten Volksmacht führt, das heißt zur Herrschaft einer intelligenten Minderheit, die allein fähig ist, die bei einer Zentralisation unvermeidlich sich ergebenden verwickelten Fragen zu erfassen, und folglich zur Knechtschaft der Massen und ihrer Ausbeutung durch diese intelligente Minderheit. Das ist das System der 'revolutionären Autoritäten', der aufgezwungen und von oben geleiteten Freiheit - das heißt, es ist eine schreiende Lüge. Unser zweiter Grund, dieses System zurückzuweisen, ist, daß es direkt zur Errichtung neuer großer Nationalstaaten führt, die getrennt und notwendigerweise rivalisierend und gegeneinander feindlich sind, zur Negation der Internationalität, der Menschlichkeit. Denn falls sie nicht die Prätention haben, einen einzigen universellen Staat zu gründen - ein absurdes und von der Geschichte verurteiltes Unterfangen -, müssen sie notwendigerweise nationale Staaten gründen oder, was noch wahrscheinlicher ist, große Staaten, in denen eine Rasse, die mächtigste und intelligenteste, andere Rassen knechten, unterdrücken und ausbeuten würde, so daß die Marxianer, ohne es sich zu gestehen, unvermeidlich zum Pangermanismus gelangen."

 

Die Weitsicht Bakunins erklärt sich nicht etwa aus irgendwelchen "göttlichen oder metaphysischen Quellen", sondern aus seiner Fähigkeit, der Logik zu folgen, auf der Basis des wissenschaftlichen Rationalismus. Zum einen zeigte schon das "freie" Amerika, daß eine "Rasse", die weiße, alle anderen unterdrückte und gezielt ausrottete. Zum anderen wies schon Marx in seinen Schriften ein menschenverachtendes Bild auf, wenn man/frau liest, wie er über andere Lebensformen urteilte. Es waren nicht erst die ArbeiterbewegungsmarxistInnen, die diese Tendenzen einbrachten. Wie wenig dieser Marxismus den Versuchungen des Nationalen gewachsen war, zeigte sich besonders deutlich in der Zeit zwischen 1918-33. Otto-Ernst Schüddekopf hat dies in seinem Buch Nationalbolschewismus in Deutschland zusammengetragen und erläutert, wie stark diese nationalistische Bewegung innerhalb der staatssozialistischen wirkte. Dann kam die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.

 

In dem Restteil des zerstörten Reiches, wo das staatssozialistische Experiment in einem Gartenzwergsozialismus verendete, kam es nur noch kurze Zeit ('Wir sind das Volk') zu reformerischen Ideen, den Staatssozialismus weiterzuentwickeln. Nachdem dann die nationalbolschewistischen Erben die nationalistische Parole: "Wir sind ein Volk" herausgab, war dies das Grablicht des deutschen, demokratischen und republikanischen Staatssozialismus. Die Nationale Volksarmee wurde geschluckt und war ein weiterer Schritt in den heutigen rotgrünen Militarismus. Und als sich der Superstaat UdSSR, nach staatssozialistischer Entwicklungstheorie endlich und endgültig auflöste, zerfiel es zu dem, was es in Wirklichkeit immer geblieben ist: Rußland wurde wieder orthodox- nationalbolschewistisch und die abbrechenden Staaten sind dies ebenfalls oder fundamentalistisch-religiös.

 

Was hat Marx uns für die Zeit nach der Revolution zu bieten? C. Northcote Parkinson, der für seine ätzende Satire auf des selbstzweckhafte Wuchern von Verwaltung und Bürokratie berüchtigt ist, schrieb in Goodbye Karl Marx, S.53f.: "Wenn der Kapitalismus, wie Marx behauptet hat, aus Gründen seiner inneren Widersprüche und Spannungen zum Scheitern verurteilt ist und das Proletariat ein kommunistisches Utopia errichten wird, so dürfen wir wohl fragen, was dann geschehen soll. Wieso soll es nicht möglich sein, daß auch der Kommunismus scheitert und geradewegs in eine Diktatur mündet? Was soll an einem kommunistischen Regime so dauerhaft sein, daß es nicht einen Niedergang erlebt wie andere Herrschaftsformen auch? Die Entwicklung der Gesellschaft kommt doch nicht zum Stillstand. Und selbst wenn - wie können wir wissen, an welchem Punkt oder in welchem Stadium? Warum sollte der Staat verwelken? Müssen wir nicht vielmehr vermuten, daß die Verstaatlichung der Industrie für jede Regierung nur eine immer größere Verlockung bedeuten muß, ihre Macht und ihren Einfluß noch weiter auszudehnen? Und selbst wenn wir unterstellen, daß die von Marx propagierte Revolution die wirklich letzte große Auseinandersetzung der menschlichen Gesellschaft sei - gerade dann dürfen wir doch erwarten, etwas mehr über jenes Utopia sozialer Glückseligkeit und Harmonie zu erfahren, in dem die von Unterdrückung und Ausbeutung befreiten Menschen dann nach Marxens Verheißung leben sollen. In Wahrheit aber hören die politischen Vorstellungen, die Karl Marx entwickelte, genau an dem Laternenpfahl auf, an dem der letzte Kapitalist aufgeknüpft wird. Der kommunistische Erzvater verlor das Interesse an diesem speziellen Thema just an dem Punkt, wo wir von fieberhafter Spannung erfüllt sein müssen, um nun die Details zu erfahren. Wenn wir nach Marx eines sozialen Paradieses teilhaftig werden sollen, so ist leider festzustellen, daß er uns die Herrlichkeiten dieses Zustandes nicht geschildert hat. Er erlaubt uns nicht den kleinsten Blick durchs Schlüsselloch. Als Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker war Marx ein intellektueller Gigant - wie zeitbedingt seine Thesen auch immer gewesen sein mögen. Als Sozialpolitiker, wenn dieser Ausdruck hier erlaubt ist, war er ein Einfaltspinsel."

 

Marx war, ist und wird immer ein Autoritärer sein. Der Anarchismus braucht keine Ikonen oder andere Götzen. Wir brauchen keine Denkmäler, wir denken selber. Und wenn wir AnarchistInnen es diesmal nicht schaffen - nach dem Zusammenbruch des Staatskapitalismus und der nun erfolgten rotzgrünen APOcalypse - die treibende Kraft der Opposition (Widerstand) zu werden, wann dann? Dann gnade uns der Gott, welcher uns nach seinem Eber-Bilde erschAffen haben soll. Die Fortsetzung der permanenten R&Evolution ist dringender denn je. Für die kommende anarchistische Revolution lautet der Ruf nach Freiheit: "Wir sind die Menschheit", und nicht "Wir sind eine Menschheit", dies ist die Parole der kapitalistischen Globalisierung.

 

Thom@s Bruns

 

 

Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 244 (Dezember 1999)

 

Anmerkungen

(1) Der Hinweis in GWR 239, daß auch die Nazis den Begriff der "Zinsknechtschaft" abgekupfert haben, übrigens von dem Freund von Silvio Gesell und Physiokraten Georg Blumenthal in "Die Befreiung von der Geld- und Zins- Herrschaft" von 1905 (nicht wie in GWR 240: G. Feder, Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes, 1919; dies nur um hervorzuheben, daß dies schon vor und nicht nach dem 1. Weltkrieg entwickelt wurde), unterstreicht doch nur die nationalsozia-Listige Strategie. Dies führte nach dem 2. Weltkrieg dazu, daß einige AnarchosyndikalistInnen Gesell undifferenziert als Nazi bezeichneten. Es gab auch die Überlegung, die Steuern abzuschaffen, allerdings nur, um der Linken das Mittel des Steuerboykotts aus der Hand zu schlagen (G. Feder/Dr. A. Buckeley, Der kommende Steuerstreik. Seine Gefahr, seine Unvermeidlichkeit, seine Wirkung, 1921). Die deutsche Pazifistin und Mitbegründerin der 'Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit', Costanze Hallgarten, verstieg sich in ihrer Autobiographie "Als Pazifistin in Deutschland", 1956, in die Aussage: "Hitler als gelehriger Schüler: Bei Frau Hanfstaengl wird Hitler zum Vegetarier und Antialkoholiker erzogen, ... mit dem ihm eigenen flair für die Kultur des Kavaliers." (S. 65) (Naja, nicht trinken löst auch keine Probleme) Hitler war auch Veget-Arier, es gab ca. 1920 einen sogenannten "Vegetarischen Frauenbuch- Verlag", der den Vegetarismus predigte, natürlich nur zur "Reinerhaltung der Rasse" und zur Ausrottung der fleischessenden "kannibalischen Barbarenvölker" mobilisierte. Dies soll selbstverständlich nicht gegen die gesunde vegetarische Ernährung sprechen, ich selber ernähre mich fast ausschließlich so. Mann/frau kann alles verbiegen!



 

Rudolf Rocker - Wir und die Marxisten

 

Zum Thema Syndikalismus: Diesmal von Rudolf Rocker, einem der Mitbegründer der anarcho-syndikalistischen Theorie. Rocker (1873-1958) war Sekretär der Geschäftskommission der FAUD und somit Mitherausgeber und Dauerpublizist des FAUD-Organs „Der Syndikalist" und zudem Mitbegründer der 1922 wiederbelebten Internationalen Arbeiter Association" (IAA). Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Leitartikel „Wir und die ‘Marxisten’", erschienen im „Syndikalist" vom 15.02.1919

 

...Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Sozialismus, abgesehen von seiner Bedeutung als allgemeiner Kulturfaktor, in erster Linie eine wirtschaftliche Frage ist. Aus diesem Grunde sehen sie in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse das wichtigste Instrument zur sozialen Befreiung. Für den Syndikalismus ist die Gewerkschaft nicht eine einfache Körperschaft zur Verteidigung lokaler Fachinteressen, sondern eine von sozialistischem Geiste getragene revolutionäre Klassenorganisation, die durch die Ausübung einer praktischen und natürlichen Solidarität jedem wirtschaftlichen Kampfe einen sozialen Charakter zu geben sucht. Der Syndikalismus ist sich vollständig klar über die gewaltige Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse in der geschichtlichen Entwicklung, aber lehnt es ab, in den Menschen lediglich willenlose Organe des jeweiligen Produktionsprozesses zu sehen und auf diese Art die ökonomische Entwicklung zur Grundlage eines pseudowissenschaftlichen Fatalismus zu machen, der ebenso lähmend auf das Handeln der Menschen einwirken muß, wie jeder religiöse Fatalismus. Aus diesem Grunde teilt der Syndikalismus auch nicht den unbegründeten Glauben, daß der Kapitalismus notwendigerweise zum Sozialismus führen muß, er geht vielmehr von dem Grundsatz aus, daß die Verwirklichung des Sozialismus in erster Linie von dem bewußten Willen und der revolutionären Tatkraft der Arbeitermassen abhängig ist. Der Syndikalismus ist auch weit davon entfernt, in der Teilung der Arbeit und der Zentralisation der Industrie die geschichtliche notwendige Vorbedingung zur Verwirklichung des Sozialismus zu erblicken, vielmehr sieht er in diesen Erscheinungen lediglich Vorbedingungen des kapitalistischen Ausbeutungssystems, die gerade im Interesse des Sozialismus mit aller Energie bekämpft werden müssen.

 

Indem der Syndikalismus im revolutionären Wollen der Menschen einen notwendigen und ausschlaggebenden Faktor jeder Entwicklung zum Sozialismus erblickt, versucht er mit allen Möglichkeiten, die Arbeiter zur revolutionären Tätigkeit zu erziehen und ihren täglichen Kämpfen und Handlungen den W i l l e n z u m S o z i a l i s m u s (Hervorhebung im Original, Anm. d. Tippers) aufzuprägen. Gerade aus diesem Grunde verwirft er die Organisation der Arbeiter zur politischen Partei und sieht in der sozialistischen Gewerkschaft den geeignetsten Sammelpunkt zur Entfaltung des revolutionären Massenkampfes. Für den Syndikalist ist die Gewerkschaft nicht eine Art Provisorium, das nur innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft seine Existenzberechtigung findet, sie ist ihm vielmehr die notwendige Grundlage zum Werdegang der sozialistischen Gesellschaft, die Zelle, aus der sich Sozialismus entwickeln soll.

 

Der Syndikalismus teilt nicht den alten Aberglauben in die Macht der Staatsdekrete, den der Marxismus als Erbschaft von der bürgerlichen Demokratie und Revolution übernommen hat. Die Sozialisierung läßt sich nur durchführen durch die Arbeiter der verschiedenen Produktionszweige, so daß jeder einzelne Zweig die Organisation und Verwaltung seines Betriebes übernimmt. Sogar der beste und weiseste ‘sozialistische Übergangsstaat’ wäre unmöglich imstande, auch nur annähernd die intimen Fachkenntnisse zu entwickeln, über die die Arbeiter der einzelnen Betriebe verfügen und die unumgänglich nötig sind, um das große Werk der sozialistischen Umbildung erfolgreich zu gestalten. Eine solche Art der Sozialisierung durch die direkte, revolutionäre Aktion der bewaffneten Massen in jeder Stadt, in jedem Dorf würde ohne Zweifel viel eher imstande sein, jeden Gegendruck der kapitalistischen Reaktion niederzuhalten, wie die Unterdrückung der feindlichen Presse und anderer Maßregeln einer sozialistischen Regierung, die nur allzu leicht sich in ein Werkzeug einer bestimmten machthungrigen Clique verwandeln könnte. Indem die revolutionären Gewerkschaften das Werk der Sozialisierung sofort praktisch in Angriff nehmen würden, wäre dem Kapitalismus so wie so der Giftzahn ausgebrochen, denn seine ganze Widerstandskraft ist doch lediglich das Resultat seiner ökonomischen Macht.

 

Daß die Syndikalisten sich damit begnügen würden, den Arbeitern einfach die Produktionsmittel, den Grund und Boden zu übergeben und damit ihre Aufgabe als erledigt ansehen würden, ist eine so tolle Behauptung, daß man nur darüber lächeln kann. Die Syndikalisten wollen ebenfalls die Produktionsmittel usw. in den Dienst der Allgemeinheit stellen, aber das ist nur möglich, wenn die Produktionsgruppen in den einzelnen Kommunen die Verwaltung und Verantwortlichkeit für die Maschinen, Werkzeuge usw. an Ort und Stelle übernehmen. Und da die Menschen einer sozialistischen Gesellschaft durch dieselben gemeinschaftlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse vereinigt sind, so ist jede einseitige Betonung lokaler Sonderinteressen zum Schaden der Allgemeinheit schlechterdings ausgeschlossen, da jede Produktionsgruppe und Kommune mit allen übrigen föderativ verbunden ist. Ein tolles Draufloswirtschaften der einzelnen Genossenschaften ‘gleichgültig auf die vorhandenen Rohstoffe’ etc., wie der ‘Kommunist’ (Organ der KPD-Bremen, Anm. D. Tippers) befürchtet, wäre vielleicht in einer Gesellschaft von Irrsinnigen möglich, nie und nimmer aber in einer föderativen Gemeinschaft vernünftiger Menschen, die durch dieselben sozialen Interessen verbunden sind.

 

Daß aber auch die Syndikalisten vollständig begreifen, ‘daß die gesamte Produktion vorerst auf Bedarfswirtschaft eingestellt werden muß’ und deshalb die schulmeisterliche Belehrung des ‘Kommunist’ durchaus entbehren können, dafür folgendes Beispiel: Als vor ungefähr zwölf Jahren die ‘Voix du Peuple’, das offizielle Organ der französischen Arbeiterföderation an jedes einzelne Syndikat die Frage stellte, wie sich seine Mitglieder die sozialistische Reorganisation ihres Berufs nach einer siegreichen Revolution vorstellten, da waren es die Luxusarbeiter, die sofort erklärten, daß sie in diesem Falle anderen Berufen beitreten würden, da die Produktion in der ersten Zeit nur auf die Bedarfswirtschaft eingestellt werden müsse.

 

Aber die sonderbare Furcht unserer Marxisten den syndikalistischen Produktionsgruppen der Zukunft gegenüber, läßt sich einfach erklären durch ihre prinzipielle Abneigung gegen jeden Föderalismus. Wie jede große wirkliche Volksbewegung ist auch der Syndikalismus seinem Wesen nach föderalistisch, weil der Föderalismus eben die einzige Organisationsform ist, die den Individuellen und kollektiven Entwicklungsfähigkeiten Spielraum gibt, und so das gesellschaftliche Leben vor innerer Erstarrung und geistiger Stagnation behütet. Der Marxismus aber, der in seinem ganzen Wesen nur die bis auf die Spitze getriebene Zentralisationsidee des modernen Staates verkörpert, muß logischerweise dem Föderalismus feindlich gegenüberstehen, da ihm jeder wahrhaft freiheitliche Sinn abgeht. Die öde Beamtenhierarchie, die er überall in seinen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen entwickelt hat, ist das unvermeidliche Produkt seiner zentralistischen und freiheitsfeindlichen Dogmatik.

 

Hie Sozialismus! - Hie Staatskapitalismus!

Hie Föderalismus! - Hie Zentralismus!

 

Das sind die Devisen, unter denen sich die nächsten Kämpfe der Zukunft abspielen werden.

 

R.R.

 

 

Literatur:

    Rocker, Rudolf: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt 1974, Erschienen im Suhrkamp-Verlag

    Rocker, Rudolf: Nationalismus und Kultur, Hamburg 1999, Erhältlich bei FAU-MAT oder Syndikat A

    Döhring, H.: "Der Kampf der Kulturen gegen Macht und Staat in der Geschichte der Menschheit", Bremen 2002, erhältlich bei FAU-MAT

    Wienand, Peter: Der „geborene" Rebell - Rudolf Rocker Leben und Werk, Berlin 1981, Erschienen im Karin Kramer-Verlag Berlin

 

 

 

 

Sind Anarchismus und Kommunismus wirklich dasselbe ?

 

Die Antworten des Anarcho-Syndikalisten Rudolf Rocker in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" auf diese Frage findest du hier.

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Anarchismus und Kommunismus? Diese Frage zu beantworten verlangt einen historischen Blick auf die Ideengeschichtliche Entstehung und die weitere Entwicklung in ihren praktischen Auswirkungen, den Rudolf Rocker als einer der führenden Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus in seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" gründlich schweifen lässt. Dabei wird auch deutlich, dass Faschismus und Kommunismus sehr viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als sie voneinander unterscheiden - dass sie „auf dem selben Holze gewachsen sind". Was den Anarchismus schließlich von diesen Zwillingsbrüdern unterscheidet, macht Rocker ebenso deutlich. Ausgehend von den nun folgenden Ansichten Rockers ist es keineswegs egal, ob sich jemand als Anarchisten oder Kommunisten bezeichnet. Anarchismus und Kommunismus sind grundverschieden - zumindest nach den Worten Rudolf Rockers...

 

Nochmals möchte ich damit die kritische Lektüre von „Nationalismus und Kultur" herzlichst empfehlen, zumal ich hier nur einen winzig kleinen Ausschnitt präsentieren kann.

 

 

Hegel, Vater des Marxismus

 

Die Hegelsche Dialektik kritisiert Rocker dahingehend, dass sie in „keinerlei Beziehung zu den wirklichen Erscheinungen des Lebens" stehen würde und der „Vorstellung eines organischen Werdens" widerspräche, darauf spekuliere, „dass eine Art sich in ihr Gegenteil verwandeln könnte" und Völkern „bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge" andichte. Damit habe er „den kollektiven Werturteilen einer verstiegenen Völkerpsychologie erst den Weg geebnet und jenen Ungeist heraufbeschworen, der das Denken lähmt und aus seinen natürlichen Bahnen drängt". Hegel wurde laut Rocker damit „zum Schöpfer jener blinden Schicksalstheorie", welche von ‘historischen Notwendigkeiten’ und der ‘Zwangsläufigkeit des historischen Geschehens’ spräche, dem Grundbestandteil der marxistischen Lehre. Rocker appelliert dagegen an die Veränderbarkeit der Umstände ausgehend vom menschlichen Willen: „Und doch zeigt uns das Leben jede Stunde, dass all diese ‘historischen Notwendigkeiten’ nur so lange Bestand haben, wie die Menschen sich damit abfinden und ihnen keinen Widerstand entgegensetzen. In der Geschichte gibt es überhaupt keine Zwangsläufigkeiten, sondern nur Zustände, die man duldet und die in Nichts versinken, sobald die Menschen ihre Ursachen durchschauen und sich dagegen auflehnen." Hegel redete stattdessen dem Staate das Wort und hat dabei die „Staatsgesinnung zu einem religiösen Prinzip erhoben", da auch er erkannte, dass jede Autorität in der Religion wurzelt. Staat und Religion sollten daher verschmolzen werden. Wie schon für Fichte, so fungierte auch für Hegel, dem „Staatsphilosoph(en) der preußischen Regierung und „Hohepriester der Autorität", der preußische Staat mit „Kasernendrill und Bürokratenstumpfsinn" als Vorbild. Hegel hatte viele Bewunderer in jedem politischen Lager, wobei das autoritäre Prinzip konservative und Marxisten („Junghegelianer") vereint. Sich mit den Dingen abzufinden, weil man glaubt, sie nicht ändern zu können, nennt Rocker „Fatalismus". Dieser ist die Vorbedingung für jede Reaktion als „Stillstand nach einem Prinzip". In diesem Sinne bezeichnet Rocker Hegel als „Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle".

 

 

Über die Unzulänglichkeit der marxistischen Geschichtsauffassung

 

Gleich im ersten Kapitel in „Nationalismus und Kultur" („Unzulänglichkeit aller Geschichtsauffassungen") widmet Rocker sich der Betrachtung des historischen Materialismus als Erklärungsmuster aller historischen Begebenheiten. Allein und zwangsläufig aus den wirtschaftlichen Verhältnissen könnte „alles politische und soziale Geschehen" nicht erklärt werden. Bei der Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen müsse vielmehr ebenso der „Wille zur Macht" berücksichtigt werden. Es handele sich immer um die Wechselwirkungen verschiedener Ursachen. Ein weiterer Fehler dieser marxistischen Geschichtsauffassung liege in der Gleichsetzung der Ursachen gesellschaftlicher Gegebenheiten mit dem mechanischen Geschehen in der Natur, da es sich bei ersterem „stets um eine Kausalität menschlicher Zielsetzungen", bei letzterem aber „um eine Kausalität physischer Notwendigkeiten" handele. Zwecksetzungen sind Sache des Glaubens und finden daher in Religionsvorstellungen, ethischen Begriffen, Sitten, Gewohnheiten, Überlieferungen, Rechtsanschauungen, politischen Gestaltungen, Eigentumsverhältnissen, Produktionsformen, u.a. Ihren Niederschlag. Jede Zwecksetzung ist eine Sache der Wahrscheinlichkeit, woraus sich keine Wissenschaft machen lässt, wie aus dem physischen Geschehen in der Natur. Menschliche Motive und Zielsetzungen seien keiner Berechnung zugänglich. Daher verleite die Gleichsetzung von Natur und Gesellschaft zu Trugschlüssen.

 

Jede Geschichtsauffassung sei nur eine Sache des Glaubens, welche auf Wahrscheinlichkeiten fuße, da Geschichte „nichts anderes als das große Gebiet menschlicher Zielsetzungen" sei. Der Mensch sei „nur den Gesetzen seines physischen Seins bedingungslos unterworfen". Die Gestaltung seines gesellschaftlichen Lebens dagegen ist ausschließlich das Ergebnis seines Wollens und Handelns.

 

Indirekt wirft er den Marxisten vor, durch ihren Glauben an die Zwangsläufigkeit allen Geschehens, der Vergangenheit die Zukunft zu opfern und damit die Verhältnisse lediglich zu deuten, sie aber nicht zu verändern. Ihnen stellt er die Annahme gegenüber, „dass alles gesellschaftliche Sein nur einen bedingten Daseinswert besitzt und durch Menschenhand und Menschengeist geändert werden kann".

 

Zur Untermauerung seiner Thesen führt er im Folgenden aus der Weltgeschichte Beispiele für den Willen zur Macht als Triebfeder menschlichen Handelns heran, welches ökonomisch motiviertem Handeln voransteht oder gar entgegenläuft, wie z.B. die Kriegszüge Alexanders d. Großen, die Geschichte der Kreuzzüge, den Dreißigjährigen Krieg und den 1. Weltkrieg. Die Soldaten zogen in den allermeisten Fällen weniger aus wirtschaftlichen Erwägungen in die Kriege, sondern aus verschiedenen Glaubensansätzen heraus, darunter im 1. Weltkrieg viele Sozialdemokraten, in deren historisch-materialistischen Geschichtsauffassungen metaphysischen Beweggründe keinen Platz fanden. Umso anfälliger waren sie dann für die Parolen für "Kaiser und Vaterland". Der Glaube an ihre politischen Führer in den sozialistischen Gewerkschaften und Parteien ließ ihre Anhängerschaft zu einer willenlosen und dirigierbaren Masse werden.

 

So boten dogmatisch-materialistische Geschichtsauffassungen, (welche die Menschen nicht als handelnde Individuen begriffen, sondern lediglich als Masse) auch den Nährboden für das Versagen marxistisch-sozialistischer Parteien und Gewerkschaften vor dem aufkommenden Faschismus in Europa, beispielsweise in Deutschland, Italien oder Spanien, wo Sozialistenführer oder solche Parteien keinen Widerstand leisteten, kollaborierten oder gänzlich zu Faschisten konvertierten und mit ihnen ein großer Teil ihrer Anhängerschaft. Die Maßnahme, lediglich die Produktionsmittel von der Privatwirtschaft in die Hände des Staates zu übertragen, führe lediglich zu einer Diktatur durch den Staat mittels einer mächtigen Bürokratie, ändere jedoch grundsätzlich nicht die Situation der ArbeiterInnenschaft „als Betriebsstoff der Wirtschaft". Ein Staatskapitalismus, wie in der UDSSR wäre ebenso das „Ende aller wahrhaft geistigen Kultur" und stellte nur eine „staatskapitalistische Versklavung der Völker" dar. Ein Sozialismus in „Allianz mit dem politischen Absolutismus" würde „zu größten Versklavung aller Zeiten führen". Und prophetisch für die Herausbildung des Ostblocks nach 1945 erklärte Rocker am Schluss des Kapitels: „Es ist diese Gefahr, die uns heute am meisten bedroht und von deren Erfol