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Michel Foucault - Der Philosoph als Samurai

Der strategische Feind ist der Faschismus...
der Faschismus in jedem von uns, in unseren
Köpfen und in unserem alltäglichen Verhalten,
der Faschismus veranlaßt uns Macht zu lieben,
genau das herbeizuwünschen, was uns beherrscht
und ausbeutet. Michel Foucault

 

 

 Es gibt direkte Beziehungen zwischen Einsamkeit und Geselligkeit: wenn ein menschliches Wesen nicht ganz gut allein sein kann, kann es nicht mit anderen zusammensein. Es gibt einen Rhythmus zwischen der Einsamkeit der Differenz und der Geselligkeit in der Gesellschaft, und diesen Rhythmus spüren wir nicht, weil wir die Erfahrung des Alleinseins mit uns selber so gestört ist. Andererseits können wir heute diesen Rhythmus in einer Weise erfahren, die früher unmöglich war, weil sich in der westlichen bürgerlichen Gesellschaft unermeßliche Möglichkeiten aufgetan haben: leben in einer fragmentierten Gesellschaft.

 

Heute gibt es Gelegenheiten, den organischen Bindungen von Religion, Familie, Arbeit und Gemeinschaft zu entkommen, die früher viele Gesellschaften zusammengehalten haben - wenn schon nicht wirklich gänzlich, zumindest als ein gemeinsames Ideal.

Wir fangen heute an, ohne die Liebe zum Organischen auskommen zu können. Riesige Bürokratien werden nicht mehr durch organische Solidarität zusammengehalten, wie Durkheim als erster ausgeführt hat; Familie und Arbeitsplatz sind nicht mehr sogar physisch im selben Haushalt verbunden, wie sie es im 18. Jahrhundert in der Stadt und auf dem Land waren.

Religion spielt nicht mehr die integrierende Rolle, die sie im traditionellen katholischen oder jüdischen Leben spielte. Anstatt diese Veränderungen als Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls zu beklagen, sollten wir sie akzeptieren und versuchen zu sehen, wozu sie gut sein können. Mir scheint, daß sie neue Möglichkeiten sowohl für die Einsamkeit wie für die Geselligkeit bringen.

Der Verlust organischer Bindungen bedeutet, daß soziale Beziehungen mehr und mehr zur Sache freiwilliger Wahl werden könnten. Michel Foucault

 

 

 "Ich würde sagen, daß der Staat eine Kodifizierung vielfältiger Machtbeziehungen ist, die sein Funktionieren ermöglichen und daß die Revolution ein anderer Typ der Kodifizierung dieser Beziehungen ist. Dies impliziert, daß es soviele verschiedene Arten von Revolution gibt, ungefähr soviele nämlich, wie es mögliche Kodifizierungen der Machtbeziehungen gibt und daß im übrigen ohne weiteres Revolutionen vorstellbar sind, die die Machtbeziehungen, auf deren Grundlage der Staat funktionieren konnte, im Wesentlichen unangetastet lassen." (MICHEL FOUCAULT)

 

 Die Macht ist ihrem Wissen nach das, was unterdrückt, das, was die Natur, die Triebe, eine Klasse, Individuen unterdrückt. Man findet diese wiederkäuende Defintion der Macht als das, was unterdrückt, im zeitgenössischen Diskurs, doch ohne dass dies letztlich eine Erfindung des zeitgenössischen Diskurses ist.

Wenn die Macht bereits in sich selbst die Einsetzung und Entfaltung eines Kräfteverhältnisses ist, muss man sie dann nicht, anstatt sie in Ausdrücken wie Abtretung, Vertrag, Veräußerung zu analysieren, und anstatt sie gar in der funktionalen Terminologie einer Verlängerung der Produktionsverhältnisse zu analysieren, zuerst und vor allem in einer Terminologie von Kampf, Konfrontation und Krieg analysieren? Man hätte damit gegenüber der ersten Hypothese welche besagt: Der Menchanismus der Macht ist grundsätzlich und wesentlich die Unterdrückung, eine zweite Hypothese, und die würde besagen: DIE MACHT IST DER KRIEG, ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Und man würde so in diesem Moment den Satz von Clausewitz umkehren und würde behaupten, die POLITIK sei die Fortsetzung des KRIEGES mit anderen Mitteln.  Michel Foucault

 

 

 

 Techniken:

Es scheint , daß man einigen Anregungen von Jürgen Habermas folgend drei Haupttypen von Technik unterscheiden kann: die Techniken zur Erzeugung, Umformung, Manipulierung von Dingen; die Technik zur Verwendung von Zeichen; und schließlich die Technik zur Bestimmung des Verhaltens von Individuen, zur Aufzwingung gewisser Zwecke oder, Ziele. Also die Produktionstechniken, die Signifikations- oder Kommunikationstechniken und die Herrschaftstechniken.


Ich aber wurde mir mehr und mehr bewußt, daß es in allen Gesellschaften noch einen anderen Typ von Technik gibt: Techniken, die es Individuen ermöglichen, mit eigenen Mitteln bestimmte Operationen mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen, mit ihrer eigenen Lebensführung zu vollziehen, und zwar so, daß sie sich selber transformieren, sich selber modifizieren und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft erlangen. Nennen wir diese Techniken Technologien des Selbst.


Diese Selbsttechnologie impliziert wohl in jeder Kultur eine Reihe von Wahrheitsverpflichtungen: die Wahrheit aufdecken, durch die Wahrheit erleuchtet werden, die Wahrheit sagen. All das soll für die Konstitution oder für die Transformation des Selbst wichtig sein. Michel Foucault


 

 

 

Das ist ein gewaltiger Irrtum über die Geschichte. Der Nazismus wurde im

20. Jahrhundert nicht von den großen Verrückten des Eros  erfunden, sondern von den

 Kleinbürgern, den übelsten, biedersten und ekelhaftesten, die man sich vorstellen

 kann. Himmler war  eine Art Landwirt, der eine  Krankenschwester geheiratet hatte.

 Man muß begreifen,, daß die Konzentrationslager der gemeinsamen Phantasie einer

 Krankenschwester  und eines Hühnerzüchters entsprossen sind. Krankenhaus plus

 Hühnerstall: da haben wir das Phantasma, das hinter den Konzentrationslagern steckt.

 Man hat dort Millionen Menschen getötet, ich sage dies also nicht, um die Vorwürfe

 zu entkräften, sondern gerade um es von allen erotischen Werten zu entzaubern,

 die man ihm zuschreiben wollte.

Die Nazis waren Hausfrauen im schlechten Sinne des Wortes. Sie werkelten mit Lappen

 und Besen herum und wollten die Gesellschaft von allem säubern, was sie als Jauche,

 Staub und Schmutz ansahen: Lustmolche, Homosexuelle, Juden, unreines Blut,

 Schwarze und Verrückte. Dem Nazi-traum lag gerade dieser vergiftete

Kleinbürgertraum von rassischer Sauberkeit zugrunde. Keine Spur von Eros. Ist das erst

 einmal klar, so ist durchaus möglich, daß es innerhalb dieser Struktur auf lokaler

 Ebene sozusagen erotische Beziehungen gegeben hat, die im Zusammenprall die

 Leiber von Opfer und Henker aneinanderknüpften. Doch das geschah zufällig.

Das Problem liegt  vielmehr darin zu begreifen, warum wir uns heute Zugang zu

gewissen erotischen Phantasmen über den Nazismus verschaffen wollen.

 Warum diese Stiefel und Schirmmützen und Adler, von denen man sich oft

beeindrucken läßt, zumal in den Vereinigten Staaten? Ist es nicht unsere Unfähigkeit,

 jene Verzückung den desorganisierten Körper wirklich zu leben, die uns auf einen

 kleinlichen und disziplinierten Sadismus der Anatomie zurückfallen läßt? Sollte

 unser Vokabular, das wir haben, um jene große Lust eines explodierenden Körpers

zu umschreiben, denn einzig in der traurigen Fabel einer politischen Apokalypse

 jüngeren Datums bestehen? Können wir die Intensität der Gegenwart nur als Ende

der Welt in einem Konzentrationslager denken? Wie arm ist doch unser Bildervorrat!

Und wie dringlich ist es, einen neuen anzulegen, anstatt von "Entfremdung"

zu greinen und das "Spektakel" zu verunglimpfen. Michel Foucault

 

 

 Intellektuelle?

Intellektueller scheint mir ein seltsames Wort zu sein. Intellektuelle - ich habe noch nie welche getroffen. Ich habe Leute getroffen, die Romane schreibem und andere, die mit Kranken arbeiten. Leute, die ökonomische Analysen machen, und andere, die elektronische Musik komponieren. Ich habe Leute getroffen, die lehren, Leute die malen, und Leute, bei denen ich nicht so recht verstanden, ob sie überhaupt etwas machen. Aber Intellektuelle, nie. Ich habe indessen viele Leute getroffen, die über den Intellektuellen reden. Und durch vieles zuhören konnte ich mir ein Bild davon machen, was dieses Lebewesen sein mag. Das ist nicht schwer, es ist der, der schuld hat. Schuld an allem Möglichen: zu sprechen, zu schweigen, nichts zu tun, sich in alles einzumischen...Kurz, wo es um Rechtsfindung, Aburteilen, Verurteilen und Ausschließen geht, muß der Intellektuelle her. Ich finde nicht, daß die Intellektuellen zu viel reden, für mich gibt´s sie ja nicht. Ich finde, daß der Diskurs über die Intellektuellen stark um sich greift und wenig Anlaß zur Ruhe gibt.

Ich habe eine gräßliche Angewohnheit. Wenn die Leute so daherreden, versuche ich mir vorzustellen, was das, umgeschrieben in der Realität ergäbe. Wenn sie irgendeinen "kritisieren", wenn sie vor seinen Ideen "warnen", wenn sie "verurteilen", was er schreibt, stelle ich sie mir in der idealen Situation vor, da sie alle Macht über ihn hätten. Die Wörter, die sie benutzen, lasse ich ihren Lauf zuück in einen ursprünglichen Sinn nehmen: "zerstören", "schlachten", "zum Schweigen bringen", "begraben". Und ich sehe den strahlenden Staat am Horizont, in dem der Intellektuelle im Gefängnis säße und natürlich aufgehängt würde, wenn er außerdem noch Theoretiker ist. Zugegeben, wir leben nicht in einem Regime, wo man die Intellektuellen zur Reisernte schickt; aber haben Sie nicht auch schon von einem gewissen Toni Negri reden gehört? Befindet er sich nicht im Gefängnis, insofern er ein Intellektueller ist?

MICHEL FOUCAULT

 

 

 

 
"Das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblicklickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren. Das Kapital muss das Leben in Arbeitskraft synthetisieren, was Zwang impliziert: den des Systems in Beschlagnahme." Michel Foucault

 

 

 Mit dem Alkibiades" Platons wird klar, daß man für sich selbst Sorge zu tragen hat,
denn man ist berufen, die Stadt zu regieren. Im eigentlichen Sinne beginnt die Sorge
um sich selbst aber mit den Epikuräern und wird mit Seneca, Plinius etc.
verallgemeinert: ein jeder muß Sorge für sich tragen.
Die griechische und griechisch-römische Ethik ist um das Problem der persönlichen
Entscheidung zentriert, um eine Ästhetik der Existenz. MICHEL FOUCAULT

 
Man hat vielleicht die Perspektive gewechselt und ist herumgegangen um das
Problem, das imer dasselbe ist, d.h. das Verhältnis zwischen Subjekt, Wahrheit
und Konstitution der Erfahrung.
Ich habe versucht zu untersuchen, auf welche Weise Gebiete wie die des Wahnsinns,
der Sexualität und der Delinquenz wieder in ein bestimmtes Spiel der Wahrheit
hineinkommen können, und wie auf der anderen Seite über diese Einfügung
der menschlichen Praktiken und Verhaltensweisen ins Spiel der Wahrheit
das Subjekt selbst berührt worden ist. Eben das war das Problem der Geschichte
des Wahnsinns und der Sexualität. MICHEL FOUCAULT

 

 

 

 

 Die Zeit

ist das, was sich wiederholt.

Und die Gegenwart - geritzt vom Pfeil der Zukunft,

der sie fortreißt, indem er sie auseinanderreißt - die Gegenwart

hört nicht auf wiederzukommen - wiederzukommen

als einzigartige Differenz.

Was nicht wiederkommt, ist das Analoge, das Gleiche, das Identische.

Die Differenz kommt wieder,

und das Sein,

das von der Differenz univok ausgesagt wird,

ist nicht der allgemeine Strom des Werdens

und auch nicht der wohlzentrierte Kreis des Identischen.

Das Sein ist die von der Krümmung des Kreises gelöste Wiederkehr:

Wiederkunft.

Drei Tode gibt es:

Tod des Werdens,

verschlingender Vater und gebärende Mutter;

Tod des Kreises,

der in jedem Frühling das Leben in die Blumen wiederkehren läßt;

Tod der Wiederkunft:

unaufhörlich sich wiederholdende Zerfaserung der Gegenwart,

ewiger und gewagter Riß,

der mit einem Schlage da ist

und mit einem Schlage

ein für alle Male affimiert ist.

In ihrer Brechung, in ihrer Wiederholung ist die Gegenwart ein Würfelwurf.

Sie gehört nicht zu einem Spiel,

in das auch ein Körnchen Zufälligkeit und Ungewißheit mischt.

Sie ist der Zufall im Spiel und das Spiel selber als Zufall.

In ein und demselben Wurf werden die Würfel geworfen

und die Regeln gewürfelt.

Der Zufall fällt nicht dort und da sondern ein für allemal.

Michel Foucault



 
Jeder hat seine Art, sich zu verändern oder - was aufs gleiche hinauskommt
- wahrzunehmen, wie sich alles verändert. Nichts ist in dieser Hinsicht anmaßender,
als den anderen Vorschriften machen zu wollen. Meine Art und Weise, nicht mehr
derselbe zu sein, ist per defintionem das Eigentümlichste von dem, was ich bin.
Und doch gibt es Gott weiß weshalb - jene Agenten ideologischer Zirkulationen,
deren Trillerpfeifen wir hören: nach rechts, nach links, hierher, weiter weg,
auf der Stelle, jetzt nicht... Beides, das Bedürfnis nach Identität und das unbedingte
Gebot, mit der Tradition zu brechen, riecht gleicherweise faul. MICHEL FOUCAULT

 

 Die Dummheit...

Wie dumm ist die Dummheit?

Betrachtet man jedoch diese grenzenlose Monotonie etwas genauer,

so leuchtet plötzlich die Vielfalt auf,

die keine Mitte,

kein Oben,

kein Jenseits hat.

Ein knisterndes Licht läuft umher und beleuchtet reihum diese losen Etikette,

diese starren Momentaufnahmen,

die sich nun wortlos und für immer Zeichen zuwerfen:

mit einem Male wird die alte,

dunkle träge Gleichgültigkeit von den Zebrastreifen des Ereignisses

zerrissen

und das ewige Phantasma spricht aus dieser Dose,

aus diesem einzelnen körperlosen Gesicht.

Die Intelligenz antwortet der Dummheit nicht: Michel Foucault

 

 

 

 Michel Foucault ist für mich deshalb so bewundernswert, weil...

- er die Aufmerksamkeit auf Dinge lenkt, die uns als „natürlich“ und „normal“ erscheinen und ihren Konstrukt-Charakter schon völlig verloren haben
- er uns erklärt, daß man eine zugeschriebene Identität nicht als „Schicksal“ akzeptieren muß
- er metaphysisches Denken aus seiner Philosophie verbannt
- er herkömmliche Sichtweisen verkehrt, auf den Kopf stellt, hinterfragt und dadurch vollkommen neue Perspektiven eröffnet
- seine Philosophie keinen Zustand des „vollkommenen Glücks“, keine vorgefertigten „Lösungen“ verspricht und somit realistischer ist
- seine Bücher wunderbar geschrieben und spannend zu lesen sind
- er den Blick zunächst auf das Alltägliche und kleine Strukturen richtet, um daraus globalere Zusammenhänge zu begreifen
- er sich dafür einsetzt, daß die Ausgeschlossenen eine Stimme bekommen (z. B. die Individuen, welche nicht durch eine große Lobby oder Institutionen „repräsentiert“ werden)
- seine Analysen einen wichtigen theoretischen Beitrag für die Queer-Bewegung, neue soziale Bewegungen und nicht-organisierten (z. B. anarchistischen) Widerstand leisten
- er uns durch seine historischen Analysen einen kritischen Blick auf die Gegenwart ermöglicht
- den Mut hatte, Sackgassen seines Denkens zu verlassen, geplante Projekte zu verwerfen, um neue Pfade zu finden

 Marc Jäger

 

 Um die Differenz zu befreien, braucht es ein Denken ohne Widerspruch, ohne Dialektik, ohne Verneinung: ein Denken, das zur Divergenz ja sagt: ein affirmatives Denken, dessen Instrument die Disjunktion ist: ein Denken des Vielfältigen - der gestreuten und nomadischen Vielfältigkeit, die von keinem der Zwänge des Selbst begrenzt und zusammengefaßt wird; ein Denken, das nicht dem Schulmodell mit seinen vorgefertigten Antworten gehorcht, sondern sich unlösbaren Problemen stellt - d.h. einer Vielfältigkeit von Bedeutungspunkten, die sich verschiebt, wenn man ihre Bedingungen untersucht, und in einem Spiel von Wiederholungen weiterbesteht. Michel Foucault

 

Gefängnisse

Das Gefängnissystem, also das repressive, auf Sühne ausgerichtete Gefängnis, entstand recht spät, nämlich praktisch erst Ende des 18. Jahrhunderts. Davor diente das Gefängnis nicht dem Vollzug gesetzlich festgelegter Strafen. Man sperrte Menschen lediglich ein, um sie bis zu ihrem Prozess festzuhalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ging es nicht um Strafe. Als Repressionssystem schuf man das Gefängnis, weil man glaubte, Kriminelle dort umerziehen zu können. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis werde der Häftling durch eine Domestizierung nach Art des Militärs oder der Schule zu einem Menschen, der die Gesetze achtet. Es ging im Gefängnis also um die Produktion gehorsamer Individuen.

Schon in der allerersten Zeit erkannte man, dass dieses Gefängnissystem nicht zu den erwünschten Ergebnissen führte, sondern genau die entgegengesetzten Folgen zeitigte. Je länger ein Mensch im Gefängnis blieb, desto geringer der Umerziehungserfolg und desto stärker seine Kriminalisierung. Die Produktivität war nicht nur gleich null, sie war negativ. Deshalb hätte das Gefängnissystem eigentlich verschwinden müssen. Aber es blieb und ist bis heute geblieben. Und wenn wir fragen, was wir an die Stelle des Gefängnisses setzen sollen, gibt niemand eine Antwort.


Warum sind die Gefängnisse trotz ihrer negativen Produktivität geblieben? Ich glaube, gerade weil sie Kriminelle produzieren und weil Kriminalität in den uns bekannten Gesellschaften einen gewissen ökonomischen und politischen Nutzen hat. Diesen ökonomischen und politischen Nutzen der Kriminalität können wir leicht erkennen. Je mehr Kriminelle, desto mehr mehr Verbrechen. Je mehr Verbrechen, desto größer die Angst in der Bevölkerung. Und je größer die Angst in der Bevölkerung, desto akzeptabler und wünschenswerter das System der polizeilichen Kontrolle. Die Existenz dieser permanenten kleinen inneren Gefahr gehört zu den Voraussetzungen für die Akzeptanz des Kontrollsystems. Deshalb räumt man der Kriminalität in Presse, Radio und Fernsehen aller Länder der Erde so viel Platz ein, als wäre sie jeden neuen Tag eine Neuigkeit. Seit 1830 finden sich in allen Ländern der Erde immer wieder Kampagnen zum Thema der wachsenden Kriminaltät, obwohl diese Behauptung niemals bewiesen wurde. Die unterstellte Präsenz, die Bedrohung, die Zunahme der Kriminalität ist ein Faktor in der Akzeptanz der Kontrollen.

Aber das ist noch nicht alles. Kriminalität hat wirtschaftlichen Nutzen. Denken sie nur an die äußerst lukrativen unsauberen Geschäftszweige, die in den Bereich des kapitalistischen Profits gehören und ihren Weg über die Kriminalität nehmen. Zum Beispiel die Prostituiton. In allen Ländern Europa (ich weiß nicht, ob das in Brasilien auch so ist) liegt sie bekanntlich in den Händen so genannter Zuhälter, die alle schon einmal im Gefängnis waren und nun die Aufgabe haben, die im Bereich des sexuellen Vergnüens erzielten Profite in Richtung ökonomischer Kreisläufe wie des Hotelwesens und auf Bankkonten zu lenken. Durch die Prostitution ist das sexuelle Vergnügen in der Bevölkerung kostspielig geworden, und das System der Zuhälter gestattet es, den aus dem sexuellen Vergnügen gezogenen Profit in gewisse Kreisläufe einzuspeisen. Waffenhandel, Drogenhandel und eine ganze Reihe unsauberer Geschäfte, die in der Gesellschaft aus diversen Gründen nicht direkt betrieben werden können, nehmen ihren Weg über die Kriminalität und werden durch sie gesichert.


Außerdem hatte die Kriminalität im 19 Jahrhundert und auch noch im 20.Jahrhundert ganz massive Bedeutung für eine Reihe politischer Operationen wie das Brechen von Streiks, die Infiltration der Gewerkschaften oder den Personenschutz für mehr oder weniger ehrenwerte Führer politischer Parteien. Wir haben hier also eine ganze Reihe ökonomischer und politischer Institutionen, die auf der Basis der Kriminalität funktionieren, und insofern hat das Gefängnis, das Berufsverbrecher fabriziert, durchaus einen Nutzen und eine Produktivität.

Das Ziel des Gefängnisses sei es nicht aus-, sondern einzuschließen; seine politische Bedeutung liege nicht so sehr in der Freiheitsberaubung und Einsperrung als vielmehr darin, nützliche und gehorsame Individuen zu produzieren. Im Gefängnis materialisiere sich eine Machttechnologie, die ebenso in einer Vielzahl anderer gesellschaftlicher Bereiche wirksam sei. Das Gefängnis ist Teil einer Maschinerie, welche die gesamte Gesellschaft durchzieht und diese tendenziell selbst in einen Kerker-Archipel - verwandelt. "Das das Zellengefängnis (...) zur modernen Strafanlage geworden ist - was ist daran verwunderlich? Was ist daran verwunderlich, wenn das Gefängnis den Fabriken, den Schulen, den Kasernen, den Spitälern gleicht, die allesamt den Gefängnissen gleichen? Michel Foucault

 

 

 Die Philosophie, was ist sie, wenn nicht eine Weise, nicht so sehr über das was wahr oder falsch ist zu reflektieren als über unser Verhältnis, zur Wahrheit. Man beklagt sich manchmal, daß es in Frankreich keine herrschende Philosophie gibt. Umso besser. Keine souveräne Philosophie, das stimmt; aber immerhin eine Philosophie oder besser: Philosophie als Aktivität. Denn Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem frei

macht, was für wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht.

Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu  denken, um anderes zu machen und anders zu werden als man ist.

Unter diesem Gesichtspunkt waren die letzten dreissig Jahre eine Zeit intensiver philosophischer Aktivität. Die Interferenz zwischen der Analyse, der Forschung, der wissenschaftlichen bzw. theoretischen Kritik und den Veränderungen im Verhalten der Leute, in ihrer Art und Weise zu sein, in ihrem Verhältnis zu sich selbst und anderen ist bemerkenswert und war stets vorhanden. Ich sagte eben, daß die Philosophie eine Weise war, über unsere Beziehung zur Wahrheit zu reflektieren. Das muß vervollständigt werden; sie ist eine Weise sich folgendes zu fragen: wenn dies das Verhältnis ist, was wir zur Wahrheit haben, wie müssen wir uns verhalten? Ich glaube, daß gegenwärtig und von jeher eine bemerkenswerte und vielfältige Arbeit geleistet wird, die gleichzeitig unser Verhältnis zur Wahrheit und unsere Verhaltensweisen verändert. Und zwar verbinden sich dabei eine Reihe von Forschungen und ein Ensemble von sozialen Bewegungen auf komplexe Weise miteinander. Das ist das Leben der Philosophie selbst.

Man versteht, daß einige über die gegenwärtige Leere jammern und wünschen, daß es in der Ordnung der Ideen ein wenig Monarchie gäbe. Aber die, die einmal in ihrem Leben einen neuen Ton, eine neue Weise zu blicken, eine andere Art zu tun gefunden haben, sie, so glaube ich, werden niemals das Bedürfnis verspüren zu (be)jammern, daß die Welt ein Irrtum und die Geschichte vollgestopft von Nicht-Existenzen ist und daß es Zeit sei, daß die anderen verstummen, um - endlich - die Glocke ihrer Verdammung zu hören...

MICHEL FOUCAULT im  Gespräch

 

People (5)

 

 Foucault, Michel: Was ist Aufklärung?, a.a.O., S. 50.
20 "Das zentrale philosophische Problem ist ..., was wir in ebendiesem Moment sind. Wobei heute das
Ziel weniger darin besteht, zu entdecken, als vielmehr abzuweisen, was wir sind. Wir müssen uns
das, was wir sein könnten, ausdenken und aufbauen, um die Art von politischem 'double-bind' abzuschütteln,
der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung durch moderne Machtstrukturen
besteht. Abschließend könnte man sagen, daß das politische, ethische, soziale und philosophische
Problem, das sich uns heute stellt, nicht darin liegt, das Individuum vom Staat und dessen Institutionen
zu befreien, sondern uns sowohl vom Staat als auch vom Typ der Individualisierung, der
mit ihm verbunden ist zu befreien. Wir müssen neue Formen von Subjektivität zustande bringen, indem
wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang auferlegt hat, zurückweisen."

 

 

 Die Kunst hat keine Identität, die stärker wäre als die Umgebung, in der sie stattfindet. Sie ist ein kleiner Teil, der im Garten der Gegenwart die Zeit umbricht, ein dienlicher und mitarbeitender Teil, der es ermöglicht, etwas zu kompostieren in der Identität des Gegenwärtigen, um es bereit zu machen für eine Zukunft. Die Kunst ist eigentlich nur ein Agent, ein Pulver, das im viel wichtigeren Vorgang des Waschens zur Wirkung kommt. Nicht über seine Identität oder Sichtbarkeit, sondern eben über seine Funktion, sein bloßes Wirken. Michel Foucault

 

 

 

 

 Foucault konzentriert sich in seinen Ausführungen auf den äußeren Raum:

 

"Wir leben nicht in einer Leere, innerhalb derer man Individuen und Dinge einfach

 

 situieren kann. Wir leben nicht innerhalb einer Leere, die nachträglich mit bunten

 

 Farben eingefärbt wird. Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen,

 

die Plazierungen definieren, die nicht aufeinander zurückzuführen und nicht

 

miteinander zu vereinen sind."

 

Es gibt gleichfalls - und das wohl in jeder Kultur, in jeder  Zivilisation - wirkliche Orte,

 

 wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind,

 

sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien,

 

in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert,

 

 bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte,

 

wiewohl sie tatsächlich geortet werden können. Weil diese Orte ganz andere sind als

 

 alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie(...)

 

Heterotopien."

 

In die Überlegungen des Raums muß auch der Begriff der "Macht" einbezogen werden.

 

 Im erwähnten mittelalterischen Ensemble  ist ein klar hierarchischer Aufbau der

 

 Räume ablesbar, der die Machtstrukturen spiegelt: Je weiter oben ein Raum

 

angesiedelt ist, desto mehr Macht wird ihm zugesprochen. Mit der Änderung dieser

 

 Gliederung kommt es zur Erzeugung einer gleichwertigen, auf einer "Stufe"

 

befindlichen Ebene. Diese Gleichwerigkeit ist aber nur eine scheinbare: dies drückt

 

 sich am deutlichsten in der Zuordnung von "Wertigkeiten" aus, die in einem

 

 zugeordneten Volumen oder Ausmaß von "Macht", "Wissen" und ähnlichem ihren

 

Ausdruck finden. Foucaults absolut zutreffende Überlegungen zu den Hetereotopien

 

 machen diese Besonderheiten sichtbar: Die in Bezug auf "Macht u.ä. wichtigste

 

Qualität der Hetereotopien ist deren hohes Maß an Varianz. Der übrige "Rest-Raum",

 

 der durch das Festmachen der Hetereotopien praktisch zwangsläufig mitkonstituiert

 

 und deklariert wird, zeichnet sich durch gewisse statische Verhältnisse, also eine Art

 

von Invarianz aus, die den Wert des "Rest-Raumes" gegenüber der Hetereotopie

 

 schmälert. Im Spannungsverhältnis von Varianz und Invarianz zueinander liegt nun

 

das Potential der Hetereotopie mitbegründet. Dieses Potential ist wertfrei, kann und

 

 wird aber, wie auch im vorliegenden Fall, einer Position, Intention - oder gar einer

 

 Ideologie - untergeordnet und nutzbar gemacht.

 

Die Heterotopie als "ein Ort ohne Ort, der aus sich selber lebt, der in sich geschlossen

 

 ist und gleichzeitig dem Unendlichen (...) ausgeliefert ist, verheißt zwar eine Freiheit,

 

 aber in dem Maß wie der Prozeß einer Verbürgerlichung greift, wird diese Freiheit

 

 inflationär.

 

Das Foucaultsche Labyrinth - Thomas Ballhausen - Hrsg. Marvin Chlada

 

 - Gerd Dembowski