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Untergrund-Blättle | Online Magazin

 
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Artikel, Reportagen und Analysen aus dem politischen und kulturellen Untergrund. Rezensionen, Essays und linke ...

Über uns – HINTER DEN SCHLAGZEILEN

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„Die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!“,

Philosophie

Jeder Mensch der sich in Politik in irgendeiner Weise hineinmischt,
durch Theorie oder mittels einer neuen Ideologie, sollte sich zweier
Dinge bewußt sein: Er muß sich dessen bewußt sein. daß er eine
ungeheure intellektuelle Verantwortung trägt, und er muß sich dessen
bewußt sein, daß er auch Schaden stiften kann.
Er muß daran denken, daß er nichts weiß und lernen muß, daß er
seinen Kopf offenhalten muß und daß er nicht vorgeben darf, daß er
weiß, wenn er nichts weiß. Er muß sich selbst kritisieren und dauernd
seine Lehren über den Staat und die Gesellschaft verbessern können.
Das politische Führertum ist Blödsinn.
Der Engländer H.G. Wells hat einmal sehr schön und einfach gesagt:
"Grown men do not need leaders."
Auf Deutsch:
"Erwachsene Menschen brauchen keine Führer."
Sie sollen aber auch nicht versuchen als Führer aufzutreten.
Wenn es die Aufgabe des Staates ist, über die Gleichheit der Rechte
und Pflichten der Staatsbürger zu wachen, so wird die Staatsmacht
zu einer Gefahr für die Freiheit.
Das haben viele Denker gesehen.
Die Gefahr kann die Bürokratie sein, die zur herrschenden Klasse wird
und damit nicht nur die Freiheit, sondern schließlich auch die Gleichheit
bedroht und unter Umständen vernichtet:
Wir können nicht nur von einem Diktator versklavt werden, von einem
Mussolini, Stalin oder Hitler, sondern auch vom Staat selbst, von einer
anonymen Bürokratie.
Karl Popper

 

 

 DAS PRINZIP HOFFNUNG
"Das wirklich Mögliche beginnt mit dem
Keim, worin das Kommende angelegt ist.
Das darin Vorgebildete treibt dahin, sich
zu entfalten, aber freilich nicht, als wäre
es vorher schon, auf engstem Platz einge-
schachelt. Der "Keim" sieht selber noch
vielen Sprüngen entgegen, die "Anlage"
entfaltet sich in der Entfaltung selbst zu
immer neuen und präzisesten Ansätzen ih-
rer potentia-possibilitas. Das real Mögliche
in Keim und Anlage ist folglich nie ein
eingekapseltes Fertiges, das als ein erst Klein-
Vorhandenes lediglich auszuwachsen hätte.
Vielmehr bewahrt es seine Offenheit als
wirklich entwickelnde Entfaltung, nicht als
bloße Ausschüttung oder Ausfaltung. Po-
tentia-possibilitas macht die ursprüngliche
Wurzel und Origo prozessual fortdauern-
der Erscheinung immer wieder auf neuer
Stufe originär, mit neu latentem Inhalt. So
reicht der arbeitende Mensch, diese Wurzel
der Menwschwerdung, verwandelt durch
seine ganze weitere Geschichte und ent-
wickelt sich in ihr immer genauer. Ja man
kann sagen, auch der aufrechte Gang des
Menschen, dieses unser Alpha, wenn die
Anlage zur vollen Ungebeugtheit, also zum
Reich der Freiheit liegt, geht selber immer
wieder verwandelt und genauer qualifiziert
durch die Geschichte der immer konkrete-
ren Revolutionen." ERNST BLOCH
- DAS PRINZIP HOFFNUNG

 

 "Die Lektion, die man aus diesen Beispielen lernen sollte, kann nicht oft genug wiederholt werden, und sie wird von Laien nur selten verstanden, weil diese eine fast abergläubische Ehrfurcht vor der Mathematik haben. Aber Mathematik ist nur ein Werkzeug, wenngleich ein außerordentlich leistungsfähiges. Keine Gleichung, und mag sie auch noch so eindrucksvoll und kompliziert sein, kann zum richtigen Ergebnis führen, wenn die Grundvoraussetzungen falsch sind. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich fähige, aber konservative Wissenschaftler irren können, wenn sie an eine Arbeit mit der voreingenommenen Meinung herangehen, dass das, was sie untersuchen wollen, nicht realisierbar sei. Wenn das geschieht, werden selbst bestens unterrichtete Männer von ihren Vorurteilen geblendet und sind unfähig zu sehen, was direkt vor ihrer Nase liegt. Und was noch unglaublicher ist – sie weigern sich, aus Erfahrung klug zu werden; sie werden den gleichen Fehler immer und immer wieder begehen.
…Alles, was theoretisch möglich ist, wird auch praktisch verwirklicht werden, wie groß die technischen Schwierigkeiten auch sein mögen – wenn nur der Wunsch danach groß genug ist. Es ist kein Argument, gegen irgendein Projekt einzuwenden: "Diese Idee ist reine Phantasterei!" Die meisten Dinge, die in den letzten fünfzig Jahren geschehen sind, schienen zunächst Phantasiegespinste zu sein, und nur wenn wir davon ausgehen, dass es auch in Zukunft so sein wird, haben wir irgendeine Hoffnung, die Zukunft vorhersagen zu können.
Um das zu tun – nämlich jenen Mangel an Mut zu vermeiden, den die Geschichte stets gnadenlos bestraft – müssen wir die Kühnheit besitzen, allen technischen Extrapolationen bis zu ihren logischen Schlussfolgerungen nachzugehen. Aber selbst das genügt noch nicht, wie ich ebenfalls zeigen werde. Um die Zukunft vorherzusagen, brauchen wir Logik; aber ebenso brauchen wir Glauben und Phantasie, die manchmal im direkten Widerspruch zur Logik stehen können."

Arthur C. Clarke, 1962

 

 

 Zivilisatorische Standards sind nicht mehr mit der demokratischen Politik zu verteidigen, sondern nur noch gegen sie. “7 Gegen den Prozess der Entgesellschaftung kämpfen bedeutet jedoch über die Logik der blossen und einfachen Ablehnung hinauszugehen, die jedenfalls – wie es im Manifest heisst – den Ausgangspunkt einer Wiederaneignung seines gesellschaftlichen Zusammenhang mit den anderen durch den Menschen abgeben muss. 8 Es handelt sich darum, von der Arbeit befreite Gebiete zu schaffen9, “neue Zeit-Räume ins Leben zu rufen, auch wenn ihre Fläche und ihr Ausmass eng begrenzt sind”, wie Gilles De- leuze es in einem Gespräch mit Toni Negri formuliert. 10 Es wäre zu fragen, was unsere unmittelbaren Bedürfnisse sind, hier und jetzt, und der Gesellschaft des so genannten “normalen Lebens”, die uns unentwegt als Automaten agieren lässt, unsere Verweigerung entgegenzusetzen. “Ob man Widerstand leisten kann”, so Deleuze, “oder sich aber der Kontrolle unterwerfen muss, ist auf der Ebene des jeweiligen Versuchs zu beurteilen.

Man muss zur selben Zeit Neues schaffen und braucht Leute. “11 Der Kampf gegen die Arbeit lässt sich jedenfalls nicht vom Kampf gegen das “normale Leben” trennen, auch um sich urbanen Raum wieder anzueignen, der endlich befreit ist von “Banalität” und Routine. Paolo Lago

 

 

 Das Proletariat ist dreigeteilt, jeder Teil wird gegen die
anderen ausgespielt:
Geistesarbeiter, die voller kultureller Vorurteile gegen
die "Proleten"-arbeiter sind;
Arbeiter, die einen populistischen Hass gegen Intellektuelle
und Ausgeschlossene (Migranten, Arbeitslose, Verbrecher usw,)
haben; Ausgeschlossene, die der Gesellschaft als solcher
feindlich gegenüberstehen.
Der alte Ruf "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
ist daher wichtiger denn je:
Unter den neuen Bedingungen des "post-industriellen"
Kapitalismus ist die Einheit der drei Fraktionen
der Arbeiterklasse bereits ein Sieg.
Slavoj Zizek

 

 

 
 
 

 

 Comment s’en débarrasser?

„Dieses schändliche Geheimnis, das wir nicht benennen können, ist das Geheimnis des Zweiten Weltkrieges und in gewisser Weise das Geheimnis des modernen Menschen: Auf unserer Moderne lastet nämlich der ungeheure Holocaust wie ein unsichtbares Schuldgefühl, selbst wenn man nicht darüber spricht. Comment s’en débarrasser? Dieser Titel eines Stücks von Ionesco mag recht gut die Beunruhigungen des sichtlich guten zeitgenössischen Gewissens kennzeichnen. Das Verbrechen war zu schwer, die Verantwortung zu schwerwiegend, bemerkt Rabi mit bitterer Klarheit. Wie werden sie sich von ihrem latenten Schuldgefühl befreien? Der ‚Antizionismus‘ ist in dieser Hinsicht ein ungesuchter Glücksfall, denn er gibt uns die Erlaubnis und sogar das Recht, ja selbst die Pflicht, im Namen der Demokratie Antisemit zu sein! Der Antizionismus ist der gerechtfertigte, schließlich jedermann verständlich gemachte Antisemitismus. Er ist die Erlaubnis, demokratischerweise Antisemit zu sein. Und wenn die Juden selbst Nazis wären? Das wäre wunderbar. Es wäre nicht länger nötig, sie zu bedauern; sie hätten ihr Los verdient. So entlasten sich unsere Zeitgenossen von ihrer Sorge.“  Prof. Vladimir Jankélévitchiv, französischer Philosoph und Kämpfer in der Résistance gegen die Deutschen (1971)

 

Thinking hard.
Streetart (33)

 ... Die wesentliche Konsequenz vorangegangener Ausführung ist, daß der Mensch, dazu verurteilt, frei zu sein, das Gewicht der gesamten Welt auf seinen Schultern trägt: er ist für die Welt und für sich selbst als Seinsweise verantwortlich. Wir nehmen das Wort "Verantwortlichkeit" in seinem banalen Sinn vor "Bewußtsein davon, der unbestreitbare Urheber eines Ereignisses oder eines Gegenstands zu sei

n" ... , denn die schlimmsten Übel oder die schlimmsten Gefahren, die meine Person zu treffen drohen, haben nur durch meinen Entwurf einen Sinn; und sie erscheinen auf dem Grund des Engagements, das ich bin. Es ist also unsinnig, sich beklagen zu wollen, weil ja nichts Fremdes darüber entschieden hat, was wir fühlen, was wir erleben oder was wir sind. Diese absolute Verantwortlichkeit ist übrigens keine Hinnahme: sie ist das bloße logische Übernehmen der Konsequenzen unserer Freiheit. Was mir zustößt, stößt mir durch mich zu ...

das sein und das nichts, sartre

 

 

Streetart (7)


Die Zeit, die bleibt.
Für manche Menschen ist die Zeit zum Verfliegen bestimmt und das Denken zum
Stillstand verurteilt. - Für Andere ist die Zeit verharrt und das Denken in Bewegung.
Nicht etwa deshalb, weil es ständig Neues denkt, sondern weil es dasselbe immer
wieder neu denkt und allein daraus lebt und atmet. Ein Traktat des beweglichen
Denkens. JEAN DANIEL

 

 Wenn unsere Wachsamkeit nachläßt, wenn wir unsere demokratischen Institutionen nicht verstärken, dem Staate aber durch das interventionistische "Planen" zusätzliche Macht verschaffen, dann kann es leicht geschehen, daß wir unsere Freiheit verlieren. Wenn aber die Freiheit verloren ist, dann ist alles verloren, das "Planen" eingeschlossen. Denn warum sollten Pläne für die Wohlfahrt ausgeführt werden, wenn das Volk keine Möglichkeit hat, diese Pläne durchzusetzen? Nur die Freiheit kann die Sicherheit sichern. Karl Popper

 

Streetart (2)

 

 

Die wesentliche Aufgabe der Philosophie.
Es sich niemals erlauben, sich mit seinen eigenen Gewißheiten und Evidenzen
bequem einzurichten; sie niemals einschlafen lassen, aber auch nicht glauben, daß
schon eine neue Sachlage ausreicht, sie umzukehren; sich nicht vorstellen, daß man
sie ändern kann wie willkürliche Axiome; daran denken, daß man - um ihnen die
unerläßliche Beweglichkeit zu erhalten - zwar in die Ferne blicken muß, doch auch
in die Nähe und um sich herum. Es bedarf des rechten Gespürs dafür, daß alles, was
man wahrnimmt, nur deshalb evident ist, weil es in einem vertrauten und kaum
erkannten Horizont steht; daß jede Gewißheit nur deshalb sicher ist, weil sie sich auf
einen nie untersuchten Boden stützt. Auch der vergänglichste Augenblick hat seine
Wurzeln. Darin liegt eine ganze Ethik der Evidenz, die nie einschläft. Sie schließt
nicht etwa eine Ökonomie des Wahren und Falschen aus, aber sie geht auch nicht
in dieser auf. MERLEAU-PONTY

»Wenn ich von der Zeit spreche, dann deshalb, weil sie noch nicht ist. Wenn ich von einem Ort spreche, dann deshalb, weil er verschwunden ist. Wenn ich von einem Menschen spreche, dann deshalb, weil er schon tot ist.«

Jean Baudrillard

 

 "Bei diesem Gegenstand komme ich auf die schlimmste Ausgeburt des Herdenwesens zu reden: auf das mir verhaßte Militär! Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen!"

(Albert Einstein, in: "Mein Weltbild")

 

 Zitate:
Nie ist der Mensch tätiger, als wenn er nichts tut, und nie ist er weniger allein, als wenn er für
sich alleine ist.

Der Mensch der sich selbst gefunden hat, leistet nichts mehr, er ist.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet  aber auch, auf Projektionen zu verzichten und sein
Alleinsein zu akzeptieren.
Hannah Arendt

 

 zu Henri Lefevbre

Diejenigen, die keine politisch schizophrene »Orwellsche«
 Sprache sprechen wollen, müssen sich zumindest im Klaren sein,
 dass der radikale, kompromisslose Weg genau der Weg war,
 der von Henri Lefebvre eingeschlagen wurde.
 Das »Recht auf (die) Stadt« war bei ihm nicht das Recht
auf bessere Wohnungen, niedrige Mieten usw. im Kontext
der kapitalistischen Stadt (für ihn übrigens eine »Nicht-Stadt«),
 sondern das Recht auf ein ganz anderes Leben im Rahmen einer
gerechten Gesellschaft. Er redete z.B. nicht von »Partizipation«,
sondern er forderte, wie damals in den sechziger und siebziger
Jahren andere auch, »autogestion généralisée«, d.h. allgemeine
Selbstverwaltung/Selbstbestimmung. Kurzum: Basisdemokratie statt
 repräsentativer »Demokratie«.

 

 Hinunter und immer weiter. - Es scheinen die privaten Beziehungen zwischen den Menschen nach dem Modell des industriellen bottleneck sich zu formen. Noch in der kleinsten Gemeinschaft gehorcht das Niveau dem Subalternsten ihrer Mitglieder. Wer in der Konversation etwa über den Kopf auch nur eines einzigen hinwegredet, wird taktlos. Der Humanität zuliebe beschränkt das Gespräch sich aufs Nächste, Stumpfste und Banalste, wenn nur ein Inhumaner anwesend ist. Seitdem die Welt den Menschen die Rede verschlagen hat, behält der Unansprechbare recht. Er braucht bloß stur auf seinem Interesse und seiner Beschaffenheit zu beharren, um durchzudringen. Schon daß der andere, vergeblich um Kontakt bemüht, in plädierenden oder verbenden Tonfall gerät, macht ihn zum Schwächeren. Da das bottleneck keine Instanz kennt, die übers Tatsächliche sich erhöbe, während Gedanke und Rede notwendig auf eine solche Instanz verweisen, wird Intelligenz zur Naivetät, und das nehmen die Dummköpfe unwiderleglich wahr. Das Eingeschworensein aufs Positive wirkt als Schwerkraft, die alle hinunterzieht. Sie zeigt der opponierenden Regung sich überlegen, indem sie in die Verhandlung mit dieser gar nicht mehr eintritt. Der Differenziertere, der nicht untergehen will, bleibt zur Rücksicht auf alle Rücksichtslosen strikt verhalten. Von der Unruhe des Bewußtseins brauchen diese nicht länger sich plagen zu lassen. Geistige Schwäche, bestätigt als universales
Prinzip, erscheint als Kraft zum Leben. Formalistisch-administratives Erledigen, schubfächerweise Trennung alles dem Sinne nach Untrennbaren, verbohrte Insistenz auf der zufälligen Meinung bei Abwesenheit jeglichen Grundes, kurz die Praktik, jeden Zug der mißlungenen Ichbildung zu verdinglichen, dem Prozeß der Erfahrung
zu entziehen und als das letzte So bin ich nun einmal zu behaupten, genügt, unbezwingliche Positionen zu erobern. Man darf des Einverständnisses der anderen, ähnlich Deformierten, wie des eigenen Vorteils gewiß sein. Im zynischen Pochen auf den eigenen Defekt lebt die Ahnung, daß der objektive Geist auf der gegenwärtigen Stufe den subjektiven liquidiert. Sie sind down to earth wie die zoologischen Ahnen, ehe diese sich auf die Hinterbeine stellten.

Theodor W. Adorno, MINIMA MORALIA, Reflexionen aus dem beschädigten Leben,
zuerst Frankfurt a. M. 1951

 

Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir selber suchen? Zaudere noch ein wenig und höre mich.

»Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld«: also spricht die Herde. Und du gehörtest lange zur Herde.

Die Stimme der Herde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen wirst: »ich habe nicht mehr ein Gewissen mit euch«, so wird es eine Klage und ein Schmerz sein.

Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das eine Gewissen: und dieses Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.

Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!

Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, daß sie um dich sich drehen?

Ach, es gibt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es gibt so viel Krämpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, daß du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist!

Ach, es gibt so viel große Gedanken, die tun nicht mehr als ein Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist.

Bist du ein solcher, der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt manchen, der seinen letzten Wert wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Gesetzes?

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen Atem des Alleinseins.

Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Mut ganz und deine Hoffnungen.

Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Mut knirschen. Schreien wirst du einst »ich bin allein!«

Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: »Alles ist falsch!«

Es gibt Gefühle, die den Einsamen töten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort »Verachtung«? Und die Qual deiner Gerechtigkeit, solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

Du zwingst viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und gingst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehaßt.

»Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!« – mußt du sprechen – »ich erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Teil.«

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber mein Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so mußt du ihnen deshalb nicht weniger leuchten!

Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden – sie hassen den Einsamen.

Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer – der Scheiterhaufen.

Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame dem die Hand entge gen, der ihm begegnet.

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich will, daß deine Tatze auch Krallen habe.

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber führt dein Weg vorbei, und an deinen sieben Teufeln!

Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.

Verbrennen mußt du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!

Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selber liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.

Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiß der von Liebe, der nicht gerade verachten mußte, was er liebte!

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

Mit meinen Tränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht. –

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra.

 

 

 Horkheimer in „Kritik der instrumentellen Vernunft“ 1947, Kap. IV,
 Aufstieg und Niedergang des Individuums“, S. 152:

„Der Umstand das die blinde Entwicklung der Technik gesellschaftliche
 Ausbeutung und Unterdrückung verschärft, droht auf jeder Stufe den
 Fortschritt in sein Gegenteil, völlige Barbarei zu verkehren.“

 

Streetart (13)

 

 Die Zehn Angebote des evolutionären Humanismus (Originalfassung)

Vorbemerkung: Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.

1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!

2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.

3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht, sondern Lachsalven auslösen.

4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.

5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.

6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.

7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.

8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.

9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!

10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!

(Aus :„Manifest des Evolutionären Humanismus“, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, S.156-159)

 

 
Streetart (20)

 Konsumgesellschaft? - In der Konsumgesellschaft kann niemand ein autonomes Subjekt sein. ohne zunächst zur Ware zu werden, und niemand kann seine Autonomie verteidigen, ohne ständig jene Fähigkeiten zu erneuern, die man von einem verkäuflichen Produkt erwartet und fordert. Die "Autonomie" des "Subjekts" und die meisten Fähigkeiten, die sie ihm angeblich verleiht, sind auf die endlose Herausforderung ausgerichtet, eine verkäufliche Ware zu sein und zu bleiben. Die hervorstechendste, allerdings sorgsam verborgene Eigenschaft der Konsumgesellschaft ist die Transformation des Verbrauchers in eine Ware bzw. seine Auflösung in einem Meer der Waren, in dem, um einmal GEORG SIMMEL zu zitieren, die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird, do daß sie in einer gleichmäßg matten und grauen Tönung erscheinen, während sie alle mit gleichen spezifischem Gewicht in dem fortwährend bewegten "Geldstrom" schwimmen. Die Hauptaufgabe des Verbrauchers und zugleich das Hauptmotiv seiner unablässigen Konsumaktivitäten ist es deshalb, sich vor der "matten und grauen" Ununterscheidbarkeit unwirklicher Dinge abzuheben, die mit dem gleichen "spezifischen Gewicht" dahintreiben, und so die Blicke der "Blasierten", der anderen Konsumenten auf sich zu lenken.
 
Mit jedem Arbeitsvertrag wird der Warenfetischismus entzaubert, jeder Abschluß eines entsprechenden Geschäfts läßt ihn und die aus ihm folgende Täuschung bzw. Selbsttäuschung deutlich zutage treten.
Wenn der Warenfetischismus die menschliche, allzu menschliche Substanz der Industriegesellschaft verbergen sollte, so ist es nun die Aufgabe des Individualitätsfetischismus, die kommerziele und nichts als kommerzielle Realität der KOnsumgesellschaft zu verschleiern.
 
Der Individualismus ist in der Verbrauchergesellschaft das, was die Ware in der Industriegesellschaft  war: ein FETISCH - ein ganz und gar menschliches Produkt, dem man übermenschliche Autorität zuspricht, indem man seine allzumenschlichen Ursprünge und die menschlichen Aktivitäten, durch die es hervorgebracht wurde (denn wie sollte es sonst entstehen?) vergessen macht oder für irrelevant erklärt.
 
Die Individualität des Verbrauchers entsteht aus den Entscheidungen, die er beim Einkaufen trifft, Entscheidungen, bei der eigene Vorlieben und die vermeintlichen Vorlieben derer den Ausschlag geben, denen sich der Verbraucher später zum Kauf anbieten will. Wer ihn seiner Individualität beschreiben will, braucht nur seinen Einkaufszettel zu kopieren. Was für die Materialisierung einer individuellen "inneren Wahrheit" gehalten wird, ist in Wirklichkeit die Idealisierung der erworbenen materiellen Objekte, in denen Konsumentscheidungen zum Ausdruck kommen.
 
Als Käufer sind wir von Marketingmanagern und Werbetextern darauf getrimmt worden, die Rolle des Subjekts zu spielen, eine Maske, die wir mit Leben füllen müssen, ein Drama, das im wirklichen Leben stattfindet.
 
Das Versprechen der Modeszene im nächsten halben Jahr voraus zu sein bedeutet, nicht auf der Strecke zu bleiben, man entgeht der Gefahr der Ausgrenzung, des Verlassenwerdens, der Einsamkeit.
Zweitens hat die frohe Botschaft ein eingebautes Verfallsdatum: Ihre Gültigkeit beschränkt sich auf das "nächste  halbe Jahr." Die unterschwellige Nachricht lautet: Beeilen Sie sich - verschwenden Sie keine Zeit.
 
WAS SIE AUSWÄHLEN, IST IHRE SACHE. DOCH ZUM AUSWÄHLEN SIND SIE VERPFLICHTET.
 
Gerade die Unmöglichkeit der Zufriedenheit ist, wie eine "funktionale Voraussetzung" der Konsumgesellschaft. In einer solchen Gesellschaft gelten jene, die nur ihre "authentischen" Bedürfnisse befriedigen wollen, als schlechte Verbraucher und soziale Außenseiter.
 
Sozialisationsprozesse  sind dann erfolgreich, wenn die Individuen am Ende genau das tun wollen, was das System benötigt, um sich zu reproduzieren. Diese Gleichschaltung kann explizit erfolgen, etwa wenn Menschen aufgefordert werden, sich den Interessen eines Kollektivs (sei es eine Nation oder ein Staat) unterzuordnen, ein Verfahren, das typisch war für die Feste Moderne bzw. die Gesellschaft der "Produzenten" und das oft als "geistige Mobilmachung", staatsbürgerliche Erziehung oder ideologische Indoktrination bezeichnet wird. Sie kann allerdings auch auf subtilere Art sichergestellt werden: durch den offenen oder verborgenen Zwang, bestimmte Verhaltensweisen und Problemlösungsmuster einzuüben, ohne die das System nicht funktionieren würde (tatsächlich haben die Menschen oft gar keine ander Wahl, da ihnen Handlungsalternativen oder die entsprechenden Fertigkeiten fehlen). Diese Form der "Gleichschaltung" ist typisch für die Flüchtige Moderne und die Gesellschaft der Konsumenten.
 
Ind der FLÜCHTIGEN MODERNE wird die Gruppe mit ihren Anführern, ihrer Hierarchie und Hackordnung durch den SCHWARM ersetzt. Ein Schwarm kommt ohne all jene Symbole und Strategien aus, die eine Gruppe zu ihrer Herausbildung und Fertigung braucht. Schwärme bedürfen nicht der Selbstproduktion oder Selbsterhaltung; sie versammeln sich bei Gelegenheit, lösen sich auf und finden bei einer anderen Gelegenheit,angelockt von neuen und beweglichen Zielen, wieder zusammen. Der Reiz dieser beweglichen Ziele reicht in der Regel aus, um die Schwärme zu koordinieren und jeden Befehl oder andere Mittel der Koordination "von oben" überflüssig zu machen.
 
"Schwärme kennen im Gegensatz zu Gruppen weder Dissidenten noch Rebellen, höchstens "Deserteure", Stümper oder "Einzelgänger". Die wenigen, die während des Fluges den Anschluß verlieren, haben sich verirrt, sie sind "verschollen" oder auf der Strecke geblieben. Sie müssen nun eben alleine nach Nahrung suchen - aber ihr Leben als Einzelgänger währt meist nicht lang, da Schwärme wesentlich bessere Chancen haben, ein angemessenes und erreichbares Ziel zu finden, als einzelne Individuen. Und wer eingebildete, sinnlose oder gefährliche Ziele verfolgt, vervielfacht das Risiko des Scheiterns und mindert so die Chance des Überlebens.
 
Die Konsumgesellschaft tndiert zur Auflösung von Gruppen, an ihre Stelle setzt sie den Schwarm.
 
Konsum ist eine äußerst einsame Tätigkeit (vielleicht sogar der Archetyp der Einsamkeit). Selbst wenn man zusammen mit anderen konsumiert, entstehen keine dauerhaften Bindungen. Die Bindungen zwischen den Verbrauchern überdauern nie den Akt selbst. Sie halten den Schwarm für die Dauer des Fluges zusammen (d.h. bis sich das Ziel wieder ändert), sie sind aber offenkundig an diesen Anlaß gebunden und ohne ihn derart dünn und zerbrechlich, daß sie auf die zukünftigen Bewegungen der Individuen keinen Einfluß haben. (Zygmunt Baumann)

 Anarchist History

Streetart (32)

 

 

 Verschwende keinen Gedanken!
Die Philosophie und das intellektuelle Sparsamkeitsprinzip

Weniger ist manchmal mehr. Psychologen der Universität Harvard haben jüngst herausgefunden, dass das auch für Gedanken gilt. Mit der iPhone-Anwendung Track your happiness befragten sie 2250 Menschen mehrmals täglich, wie sie sich fühlten und an was sie gerade dachten. Das Resultat: Wer abschweift, ist unglücklicher – und zwar ganz egal, ob er gerade an etwas Schönes oder Unangenehmes denkt.

Dabei wird es immer schwerer, unnötige Gedanken abzuschalten. Informationen, Werbung und Meinungen prasseln ständig auf uns ein. Dank Facebook und Smartphones stehen wir immer in Kontakt mit Freunden und Bekannten. Viele Arbeitgeber erwarten permanente Bereitschaft. „War da nicht noch was?“, „Hab ich nicht...?“ – schnell führt das Durcheinander im Kopf zum Chaos.

Wer es überhaupt nicht schafft, seine Gedanken am ziellosen Umherschweifen zu hindern, dem kann die Philosophie helfen. Schon Epikur, Ockham, Wittgenstein und Nietzsche befassten sich mit dem Überschuss an Information. Ihnen ging es darum, Strategien zu entwickeln, mit deren Hilfe unnötiges Denken vermieden werden kann.

An den Tod zu denken ist sinnlos

Dem griechischen Philosophen Epikur hatte es vor allem der Tod angetan – eines der Themen, vor denen sich Menschen am stärksten fürchten. Eine ganze Reihe von überflüssigen Gedanken kommt von hier: die aberwitzige Hoffnung auf das Leben danach, die Trauer um Verstorbene und die Angst vor dem eigenen Tod. Das alles kann lähmen. Den Kopf. Die Menschen.

Für Epikur waren solche Ideen sinnlos. Er schrieb: „Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen geht er nicht an, und die anderen existieren nicht mehr.“ Weshalb sollte man sich um etwas kümmern, das man garantiert nicht erlebt?

Da Epikur auch einer der ersten Atomisten war, hatte er keine Probleme damit, dass mit dem Tod alles vorbei ist. Für ihn bestand selbst die Psyche aus Atomen.  Jeder einzelne Mensch werde als Teil der Natur weiterleben, wenn auch in ganz anderer Form. Diese Art zu denken ist bis heute populär, da sie viel unnötiges Grübeln über das Woher und das Wohin erspart.

Ein Rasiermesser für die Logik

Der nächste große Gedankensparer in der Philosophie war William von Ockham. Der im dreizehnten Jahrhundert lebende Gelehrte hat sein Studium an der Universität von Oxford nie zu Ende gebracht. Trotzdem bereicherte er die moderne Logik mit einem Satz, den wir heute im Alltag alle anwenden: „Frustra fit per plura quod potest fieri per pauciora“ – Es ist unnötig, etwas mit mehr zu machen, wenn man es auch mit weniger machen kann.

Dieser Grundsatz – von der Nachwelt „Ockham’s Rasiermesser“ genannt – besagt, dass die sparsamste Erklärung meistens die richtige ist. Stellen wir uns vor, wir haben eine Pflanze auf unserem Fenstersims stehen. Nach ein paar Tagen ist sie größer. Wir können dann annehmen, dass sie jemand ohne unser Wissen gegen eine größere Pflanze ausgetauscht hat – oder, dass dieselbe Pflanze einfach gewachsen ist. Die sparsamere Erklärung ist höchstwahrscheinlich die richtige.

Was uns heute klar scheint, war für Ockhams Zeitgenossen ein Problem. Denn die wichtigste Hypothese damals – Gott – war überhaupt nicht sparsam. Seit Generationen hatten sich die Philosophen mit absurden Fragen wie Engeln und dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Folgte man „Ockhams Rasiermesser“ war das alles unnötig. Er entging der Gefahr, als Ketzer verurteilt zu werden, indem er die Theologie aus seinem Sparsamkeitsprinzip ausklammerte. Doch für die Nachwelt war sein Rasiermesser eines der wichtigsten Grundlagen des Atheismus.

Besser mal den Mund halten

Noch radikaler im Hinblick auf philosophische Sparmaßnahmen war Ludwig Wittgenstein. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte er eine Philosophie, die durch ihre Nüchternheit die Moderne prägte. Ihr Kernsatz bestätigt etwas, das manch einer insgeheim bereits geahnt haben mochte: Philosophen reden zu viel. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“, heißt es in seinem schmalen Hauptwerk Tractatus Logico-Philosophicus. Der österreichische Denker war davon überzeugt, damit alle wesentlichen Probleme der Philosophie gelöst zu haben. „Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig“, schrieb er. Ihm zufolge kommt es lediglich darauf an, sich sinnlose Gedanken zu sparen und im richtigen Moment mit dem Denken aufzuhören.

Zum Beispiel sind ethische Sätze für Wittgenstein ohne Sinn. In ihrer Form „Du sollst dieses oder jenes tun“ geben sie vor, dass Konsequenzen oder Belohnungen für Handlungen allgemein vorhergesehen werden können. Wer gegen ethische Sätze wie „Du sollst nicht stehlen “ oder „Du sollst nicht lügen“ verstößt, den erwarten aber keine klar bestimmbaren Folgen. Manch einer wird durch Diebstahl und Lüge sogar glücklich werden, für andere können dieselben Handlungen fatale Folgen haben. Die Frage nach Dingen, die man im ethischen Sinn tun oder besser bleiben lassen sollte, war für Wittgenstein deswegen müßig.

Eine ähnlich klare Meinung hatte der Österreicher in Bezug auf Gott. „Gott offenbart sich nicht in der Welt.“, schrieb er. Dabei leugnete Wittgenstein nicht die Existenz Gottes, sondern verwies darauf, dass die Frage, ob es Gott gibt, falsch gestellt ist. Ob es etwas gibt, lässt sich nur in Bezug auf das sagen, was in der Welt ist. Da Gott eine metaphysische Idee ist, ist nicht davon auszugehen, dass er auf diese Weise zu finden ist. Genau so gut könnte man fragen, ob Gott grün oder blau ist. Das wäre in etwa so komisch, als würde man fragen, ob ein Kühlschrank glücklich ist. In solchen Fällen heißt es nach Wittgenstein: schweigen.

Warum ich sowieso recht habe

Beim Ideensparen übertraf nur Friedrich Nietzsche Wittgenstein. Seine Kernidee war die, das wir mehr durch körperliche Instinkte als das Denken gesteuert sind. Deswegen könne man sich das Denken auch sparen: „Leib bin ich ganz und gar“, schrieb Nietzsche, „Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft. »Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.“ Nietzsche zog die „große Vernunft“ des Körpers der kleinen Vernunft der Gedanken vor. Menschen, die den Körper zugunsten des Geistes vernachlässigten, produzierten für ihn nur „hässliche  Wahrheiten“. Gedanken solch verbissener Menschen, die das Leben nicht genießen, kann man sich diesem Philosophen zufolge sparen.

Kurz bevor er wahnsinnig wurde, behob er die bis heute größte Quelle der Verschwendung von Ideen. Eigentlich wollen uns Autoren ja mit jedem Text nur sagen, wie klug, intelligent und interessant sie sind und wie gut sie schreiben können. In seinem Ecce Homo hat Nietzsche kurzerhand beschlossen, mit dem Drumherumgerede Schluss zu machen. Die ersten drei Kapitel heißen schlicht: „Warum ich so gute Bücher schreibe“, „Warum ich so klug bin“ und „Warum ich so weise bin“ – und handeln eben davon. Kaum auszudenken, wie viel Gedanken gespart hätten werden können, wenn jeder Schriftsteller, Künstler oder Philosoph so ehrlich gewesen wäre!

Doch Nietzsches Thesen sind auch praktisch, um heute im Alltag zwischen Google, Facebook und diversen Nachrichtentickern den Überblick zu behalten. Bei Informationsüberschuss ist oft nichts effizienter, als mal das Denken sein zu lassen und auf seinen Bauch zu hören. Dann klappt es meist auch mit dem Glücklichsein.

Text: Johannes Thumfart

 

Art & Nature (15)

 "Bhaiji Bhai, wann wirst du dich auflehnen? Wann wirst du aufhören zu warten? Wann wirst du sagen "GENUG!" Wann wirst du uns deine ganze klingende , unbezwingliche Kraft zeigen? Wann wirst du mit dem Glauben brechen? Oder wird der Glaube dich brechen?

 

STAAT - _Wer ein Tier aufhalten will, bricht ihm die Glieder. Wer ein Land aufhalten will, bricht seinem Volk das Rückgrat. Du raubst ihm den Willen. Du zeigst, dass du absoluter Herr über sein Schicksal bist. Du machst klar, dass du selbst letztlich über Leben und Tod entscheidest, über Gedeih und Verderb.

 

Als Beweis demonstrierst du, was du alles kannst und wie mühelos. Wie mühelos du einen Knopf drücken und die Erde vernichten kannst. Dass du jederzeit Krieg anfangen oder Frieden schließen kannst. Dass du dem einen den Fluss wegnehmen und ihn einem anderen geben kannst. Das du eine Wüste begrünen und einen Wald fällen und woanders anpflanzen kannst.

 

Mit willkürlichen Launen zerrüttest du den Glauben eines Volkes an uralte Dinge - an Erde, Wald, Wasser, Luft. - Wenn das getan ist, was bleibt ihnen dann noch? Nur du. Sie werden sich an dich wenden, denn du bist alles was sie haben. Sie werden dich lieben, während sie dich gleichzeitig verachten. Sie werden dir vertrauen, obwohl sie dich kennen. Sie werden dich wählen, während du den letzten Atemzug aus ihnen herauspresst.

 

 

Sie werden trinken, was du ihnen zu trinken gibst. Sie werden atmen, was du ihnen zu atmen gibst. Sie werden wohnen, wo du ihre Habe fallen läßt. Sie müssen es. Was sollen sie sonst tun? Es gibt kein Gericht, an das sie sich wenden könnten. Du bist ihre Mutter und ihr Vater. Du bist der Richter und die Geschworenen. Du bist die ganze Welt. Du bist Gott.

 

Macht wird gestärkt nicht durch das, was sie zerstört, sondern auch durch das, was sie schafft. Nicht nur durch das was sie nimmt, sondern auch durch das, was sie gibt. Und Machtlosigkeit wird bestätigt nicht nur durch die Hilflosigkeit der Verlierer, sondern auch durch die Dankbarkeit derer, die etwas gewonnen haben (oder das zumindest glauben).

 

Diese kalte zeitgenössische Form der Macht verbirgt sich zwischen den Zeilen nobel klingender Sätze in demokratisch klingenden Verfassungen. Sie wird von den gewählten Vertretern eines scheinbar freien Volkes ausgeübt. Doch hat kein Monarch, kein Despot, kein Diktator zu irgendeiner Zeit der Menschheitsgeschichte solche Waffen zur Verfügung gehabt.

Tag für Tag, Fluss für Fluss, Wald für Wald, Berg für Berg, Rakete für Rakete, Bombe für Bombe - fast ohne dass wir es merken - wird uns das Rückgrat gebrochen.

 

Staatsmänner/Frauen verwirren das Denken, das Eier mit Hühnern, Milch mit Kühen, Nahrung mit Wäldern, Wasser mit Flüssen, Luft mit Leben und die Erde mit der Existenz des Menschen verbindet. - Können wir das entwirren? Vielleicht. Zentimeter für Zentimeter. Bombe für Bombe. Damm für Damm.

 

Ob man den Staat liebt oder hasst, ob man ihn will oder nicht, man sollte wenigstens begreifen, welchen Preis man für ihn zahlt. Den Mut haben zuzusehen, wenn Schulden beglichen und Bücher in Ordnung gebracht werden. - Unsere Schulden. Unsere Bücher. Nicht ihre. - Seid da. Arundhati Roy

 

 Mumia Abu-Jamal:


AUS DER TODESZELLE


Erzählt mir nichts vom Schattenreich des Todes. Ich lebe dort. Im Landkreis Huntingdon im mittleren Süden Pennsylvanias steht ein hundert Jahre altes Gefängnis. Seine düsteren gotischen Türme verheißen nichts Gutes, zu ihren Füßen meint man den Hauch des finsteren Mittelalters zu verspüren. Wie ich verbringen ungefähr 78 andere Gefangene täglich 22 Stunden in zwei mal drei Meter groben Zellen. Die verbleibenden zwei Stunden dürfen wir unter der Kontrolle der Wachtürme draußen verbringen, in einem Käfig aus Maschendraht.


Willkommen in den Todeszellen von Pennsylvania.


Ich kann es immer noch nicht fassen. Vor ein paar Jahren hat der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania das Todesurteil gegen mich mit den Stimmen von vier Richtern bestätigt (drei nahmen an der Sitzung nicht teil). Als schwarzer Journalist, der in jungen Jahren ein ”Black Panther” war, habe ich mich intensiv mit der langen Geschichte der legalen Lynchjustiz an AfrikanerInnen in Amerika beschäftigt. Ich erinnere mich an eine Titelseite der Black-Panther-Zeitung mit dem Zitat: ,,Kein schwarzer Mann hat Rechte, die ein weißer Mann respektieren müßte". Es wird Richter Roger Taney zugeschrieben, dem damaligen Vorsitzenden des Obersten US-Bundesgerichts, und es soll in dem berühmt-berüchtigten Dred-Scott-Prozeß gefallen sein, in dessen Verlauf das Gericht befand, daß weder AfrikanerInnen noch ihren ”freien” Abkömmlingen verfassungsmäßige Rechte zustünden. Kaum zu glauben, aber wahr.


Vielleicht bin ich naiv, vielleicht auch einfach nur dumm - aber ich habe trotz allem fest daran geglaubt, daß man sich in meinem Fall an das Gesetz halten und das Urteil revidieren wurde. Wirklich!


Trotz des brutalen Massakers vom 13. Mai 1985 in Philadelphia gegen MOVE, das der Verhaftung Ramona Africas vorausging, trotz der nie geahndeten, blutigen Polizeimorde an Eleanor Bumpurs, Michael Stewart, Clement Lloyd, Allan Blanchard und an zahllosen anderen AfroamerikanerInnen von New York bis Miami, ich glaubte daran. Selbst angesichts der aktuellen Welle massiven Staatsterrors gegen Schwarze meinte ich noch, daß meine Berufung erfolgreich sein würde. Tief in mir hielt ich noch immer an dem Glauben an die Gesetze der Vereinigten Staaten fest, und ich war fassungslos, als ich schließlich realisierte, daß die Berufung wirklich abgewiesen worden war. Intellektuell hatte ich zwar begriffen, daß die amerikanischen Gerichte ein Sammelbecken des Rassismus sind und historisch betrachtet schwarze Angeklagte vor allem als Feinde behandelt hatten. Doch die lebenslange Propaganda über ”Gerechtigkeit” in Amerika hat auch bei mir ihre subtile Wirkung nicht verfehlt.


Um die Wahrheit zu erkennen, die hinter schwarzen Roben und Versprechungen von gleichen Rechten verborgen ist, brauche ich mich eigentlich nur im eigenen Land umzusehen: 40 Prozent der zum Tode Verurteilten waren im Dezember 1994 Schwarze, in Pennsylvania waren es sogar 111 von 184 Personen, also über 60 Prozent. Dagegen machen Schwarze insgesamt nur knapp über 9 Prozent der Bevölkerung Pennsylvanias aus und etwas weniger als 11 Prozent der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung.


Es ist, wie gesagt, schwer, der Propaganda über ”Gerechtigkeit” nicht aufzusitzen, aber gemeinsam können wir es vielleicht schaffen. Wie? Sehen wir uns nur einmal dieses Zitat eines führenden Anwalts aus Philadelphia namens David Kairys an, das ich in einer juristischen Veröffentlichung von 1982 gefunden habe: ,”Das Recht ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.” Ein solcher Satz wirft ein grelles Licht auf die Funktionsweise von Gerichten, sei es nun heute oder vor 138 Jahren im Fall Dred Scott. Es geht nicht um ”Recht” es geht um ”Politik mit anderen Mitteln”. Liegt darin nicht die ganze Wahrheit?


Ich kämpfe weiter gegen das ungerechte Urteil gegen mich. Vielleicht gelingt es uns ja, einige der gefährlichen Mythen zu zerstören, die unserem Denken übergestülpt worden sind - zum Beispiel der Mythos vom ”Recht” auf ein nicht befangenes und unparteiisches Geschworenengericht mit Geschworenen ”aus unserer Mitte” (jury of our peers), der Mythos vom ”Recht”, sich selbst zu verteidigen, oder gar der Mythos vom ”Recht” auf einen fairen Prozeß. All dies sind nämlich nicht wirklich Rechte, sondern Privilegien der Mächtigen und der Reichen. Für die Schwachen und die Armen sind sie Seifenblasen, die zerplatzen, sobald man nach ihnen greift und sie als etwas Reales, Substantielles für sich in Anspruch nehmen will. Erwartet nicht, daß euch die Medien hierüber informieren. Sie können es nicht, denn die Interessen von Medien und Regierung und auch von den Großkonzernen, in deren Dienst beide stehen, sind zu eng miteinander verflochten.


Aber ich kann es.


Und ich werde es tun, selbst wenn ich gezwungen bin, es aus dem Schattenreich des Todes heraus zu tun.


Aus der Todeszelle - Mumia Abu-Jamal.

(Dezember 1994)

 

Aus dem Buch: Mumia Abu-Jamal / ... aus der Todeszelle

Bücher zu Mumia Abu-Jamal im Atlantik-Verlag


Freiheit für Mumia Abu-Jama l

 

 

 

 Widerstandskultur

Widerstandskultur besteht im Bewusstsein, dass die Kultur der Menschen wesentlich weiter ist, als es sich mit einer kapitalistische Produktionsweise noch tragen und ertragen lässt. Sie besteht aus dem Kampf gegen die herrschenden Formen des Besitzes, dem Privatbesitz der Wertformen, auf der Basis einer Kultur des menschlichen Lebens, das diesen Formen sich entgegenstellen muss, um sich zu erhalten und zu verwirklichen und ihnen widerstehen muss, also um sich zu entfalten.


Dieses Leben braucht keine Geldverwertungsanlagen, keine Gennahrung, keine Immobilienfonds und keine Energiekonzerne. Es hat längst die Mittel, sich im Einklang mit der Natur zu gestalten und die Anlagen zu bauen oder fortzuentwickeln, die ihm wirklich dienlich sind. Es gibt längst Produktionsautomaten, die den Großteil der nötigen Arbeit leisten könnten, die heute noch Menschen abverlangt wird, die z.B. zu einem großen Teil von chinesischen Arbeitern erbracht und importiert wird, weil diese Menschen noch billiger sind als der Preis, zu dem die Technologie der Weltmächte gehandelt wird. Und es gibt längst die Anlagen, die aus Gülle und Abfällen und aus Windkraft und Sonne den Strom erzeugen können, den wir benötigen. Sie müssen lediglich aus dem Geldhandel herausgenommen und ihrem Sinn und Zweck entsprechend produziert und vermittelt werden. Würde die Geldwirtschaft in eine Vertragswirtschaft gewendet, worin die Menschen die Produktion von Gütern aushandeln, welche sie zu ihrem Erhalt und ihrer Fortentwicklung benötigen, so wären alle Aufwände wesentlich geringer und die Erträge für die Menschen demzufolge weit höher. Würden die Mieten durch sozialen Wohnungsbau, durch Baugenossenschaften von VertragsarbeiterInnen aufgelöst werden, so könnten die Menschen den größten Teil ihrer Kraft für wichtigeres verwenden, als sie es zum Gelderwerb für ihre horrenden Mieten brauchen. Würden die Kommunen Produktionsanlagen besitzen und Verträge mit Landwirten und Bauern eingehen, die für ihre Produkte entsprechend entschädigt werden, so könnten die Arbeitsaufwendungen von ihnen auch so verteilt werden, wie die Produkte selbst. Es wäre auf diese Weise zumindest die Reproduktion der Menschen gesichert, so dass sie ohne Existenzangst sich an eine Mehrproduktion zur gesellschaftlichen Fortentwicklung machen und ihre eigenen Anteile für sich nutzen könnten.


Die Vermittlungsmacht des Kapitals, wäre schlagartig beendet. Es will als Geldagentur zugleich eine Vermögens- und Arbeitsagentur sein und wäre durch die Unabhängigkeit der Menschen von solcher Agenturtätigkeit zweck- und sinnlos. Es braucht überhaupt keiner von den Menschen selbst unkontrolierbaren Macht. Große Projekte werden sowieso auch heute schon durch Verträge geplant und geregelt. Das Arbeitsvolumen macht nicht das Kapital aus. Aber das Kapital bestimmt das Arbeitsvolumen zu einem unverbindlichen Moment seiner Bereicherung. Es bildet hierdurch einen Reichtum an Geld, der sich immer mehr gegen die Menschen wendet, weil er eine Machtfülle erzeugt, die für sie keinen Sinn hat und auf Dauer daher nur ihr Geld entwertet.


Dass wir das Kapital nicht mehr brauchen, das klingt für viele vielleicht wie ein Traum. Doch solche Träume sind der Stoff der realen Geschichte. Befolgen wir nur die Weisungen und Sprüche der Schuldentechnokratie, so bleiben wir fixiert auf die Macht der Geldwerte und werden zwangsläufig im unendlichen Geldbedarf des Kapitals versteinern. Widerstandskultur ist die Bewegung gegen diese Versteinerung. Sie ist nicht einfach Kultur, die von selbst Widerstand wäre. Sie verfolgt eine Politik gegen das politische Subjekt der bestehenden Verhältnisse, das fiktive Kapital, welches nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die ganze Natur und Kultur der Menschen, den Inhalt ihres Seins beherrscht.     (Wolfram Pfreundschuh)

 



 
Die Selbstvergiftung der "Gesellschaft" durch Massenkommunikation bildet ein Phänomen & die Erzeugung von Massenwahnzuständen - als den Versuch, die Bevölkerung in eine zu ihrer Selbstzerstörung hinreichende, durch Verlangen nach "Superbefriedigungen" überladene ekstatische Atmosphäre einzutauchen.
Unter der totalitären Zeichenglocke inhalieren die Menschen ihre zur öffentlichen Meinung gewordenen eigenen Lügen & bewegen sich freiwillig-unfrei in einer oppurtunistischen Hypnose. Im Inneren solcher toxischen Atmosphären sind die Einzelnen noch nachdrücklicher als das zu erkennen, was sie auch unter freieren Verhältnissen sind - "Schlafwandler", die sich im "sozialen Tagtraum" ihrer Organisationen wie Ferngesteuerte bewegen.
Den Journalisten fällt hierbei die Rolle von Narkoseärzten zu, die über die Stabilität der Kollektivtrance wachen.
Die vergesellschafteten Schlafwandler mitsamt ihrer Ausstattung an Freiheitsidentifikationen & Kritik-Einbildungen sammeln sich unter Parolen & Fahnen wie Miteigentümer an Luftschlössern.

 

Die "real existierende Gemeinschaft" verlangt bedingungslosen Gehorsam als Gegenleistung für die gebotenen oder versprochenen Dienste. Möchtest Du unseren Schutz genießen? Dann gib deine Freiheit ganz oder weitgehend auf. Suchst du echtes Vertrauen? Dann vertraue nur denen, die zur Gemeinschaft gehören. Sehnst du dich nach Verständnis? Dann rede mit Fremden und benutze keine fremden Sprachen. Willst du dich in deinen vier Wänden geborgen fühlen? Dann laß dich nicht mit Fremden ein, verhalte dich unauffällig und denk nicht soviel nach. Sehnst du dich nach Wärme und Geborgenheit? Dann bleib weg vom Fenster und öffne es nicht. De Haken dabei ist, daß die Luft bald unerträglich stickig wird, wenn man diese Anweisungen befolgt.

Das Privileg, in einer Gemeinschaft zu leben, hat seinen Preis - und dieser ist nur solange unerheblich, wie die Gemeinschaft ein Traum bleibt. Die Währung, in der dieser Preis zu entrichten ist, heißt Freiheit; man könnte sie ebensogut "Autonomie", Recht auf Selbstbehauptung oder "Recht auf Individualität" nennen. Wie aich immer: man verliert etwas, gewinnt aber auch etwas hinzu. Auf Gemeinschaft verzichten; heißt auf Sicherheit verzichten; der Anschluß an eine Gemeinschaft bedeutet allerdings sehr bald den Verzicht auf Freiheit. Sicherheit und Freiheit sind gleich kostbare und gesuchte Werte, die man besser oder schlechter ausbalancieren, doch kaum je störungsfrei in Einklang bringen kann.

Die real existierende Gemeinschaft wird nicht die ihrer Träume sein - eher die ihrer Alpträume: Sie wird ihnen neue Ängste und Unsicherheiten bringen, anstatt die alten zu lindern. Sie wird von ihnen verlangen, die Schwerter zu wetzen und rund um die Uhr auf der Hut; zu sein; sie wird sie jeden Tag wieder zum Kampf rufen, um die Fremden vor den Toren abzuwehren oder die Abtrünnigen in den eigenen Reihen aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. (Quelle - Zygmunt Baumann)

 

 

 

    Aus der Rede von Sir Karl R. Popper:

    "Die zynische Geschichtsauffassung sagt, daß es - in der Geschichte, wie auch überhaupt - immer nur die Gier ist, die regiert: die Habsucht, die Geldgier, das Gold, das Öl, die Macht. So war es, sagt der Zyniker, und so wird es wohl immer sein; es ist so in der Despotie, und in der Demokratie ist es nicht viel anders - nur daß in der Demokratie die Heuchelei womöglich noch ärger ist.

    Ich halte diese Lehre nicht nur für falsch, sondern auch für unverantwortlich, gerade weil ein gewisse Plausibilität für sie zu sprechen scheint. Und ich halte es für eine dringende Aufgabe, sie zu bekämpfen."

    "Ich bin Optimist, der nichts über die Zukunft weiß, und der daher keine Voraussagen macht. Ich behaupte, daß wir einen ganz schwarfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflußt werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüber zu stehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten."

    "Ich muß die Hauptpunkte meines Optimismus sofort näher erklären:

    1. Ich wiederhole noch einmal: Mein Optimismus bezieht sich ausschließlich auf die Gegenwart und nicht auf die Zukunft. Ich glaube nicht, daß es so etwas gibt wie ein Gesetz des Fortschritts. Es gibt das nicht einmal in der Wissenschaft; auch nicht in der Technik. Der Fortschritt kann nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnet werden.

    2. Ich behaupte, daß wir im Westen gegenwärtig in der besten sozialen Welt leben, die es je gegeben hat - und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, dergemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen.

    3. Ich behaupte, daß diese pessimistische Religion nicht nur eine krasse Lüge ist, sondern daß es nie vorher eine Gesellschaft gegeben hat, die so reformfreudig war wie unsere ...

    4. Diese Reformfreudigkeit ist das Resultat einer neuen ethischen Opferbereitschaft, ..."

    "Was die Zukunft betrifft, so sollen wir also nicht versuchen zu prophezeihen, sondern nur versuchen, moralisch und verantwortlich zu handeln. Das macht es aber zur Pflicht, daß wir lernen, die Gegenwart richtig zu sehen und nicht durch die farbige Brille einer Ideologie. ...

    Die politische Freiheit - Freiheit von Despotie - ist der wichtigste aller politischen Werte. Und wir müssen immer bereit sein, für die politische Freiheit zu kämpfen. Die Freiheit kann immer verloren werden. Wir dürfen nie die Händen in den Schoß legen im Bewußtsein, daß sie gesichert ist."

    "Die politische Freiheit ist eine Voraussetzung unserer persönlichen Verantwortlichkeit, unserer Menschlichkeit: Jeder Versuch, einen Schritt zu einer besseren Welt zu machen, zu einer besseren Zukunft, muß von dem Grundwert der Freiheit geleitet sein."

 

 

 

 Anleitung zur Selbstermächtigung
Über ein pädagogisches Paradoxon und was damit zu tun ist

Nora Sternfeld. Das pädagogische Unverhältnis. Lehren und lernen bei Rancière, Gramsci und Foucault, Verlag Turia + Kant, Wien 2009, 157 Seiten, ISBN-13: 978-3-85132-530-0, 15 Euro

Wahrscheinlich ist die Debatte um die anarchistische Antipädagogik deshalb nicht sehr weit über die 1980er Jahre hinaus gekommen: Sie konnte das Dilemma nicht lösen, das darin besteht, niemandem etwas vorschreiben und gleichzeitig anderen die eigenen politischen Vorstellungen vermitteln zu wollen. Weg und Ziel sollten sich nicht widersprechen und blockierten sich so gegenseitig.

Von dieser Blockade handelt auch das Buch von Nora Sternfeld. Zwar geht es darin nicht um Anarchismus, aber das problematische Verhältnis von Pädagogik und Politik trieb schließlich auch andere um.

Zum Beispiel den kommunistischen Kulturtheoretiker und Parteivordenker Antonio Gramsci und die französischen Philosophen Michel Foucault und Jacques Rancière.

Dieses etwas ungewöhnliche, da ziemlich unterschiedlichen theoretischen Strömungen zugehörige Dreigestirn macht Sternfeld zu ihrer eigenen philosophisch-pädagogisch-politischen Triangel. Es geht ihr um eine "politische Theorie als Pädagogik, eine pädagogische Politik als Theorie und eine theoretische Pädagogik als Politik". Was heißt das? Rancière lehnt die Verbindung von Pädagogik und Politik ab, denn ihm zufolge kann das Grundproblem einer kritischen Erziehung nicht gelöst werden: Befreiender Pädagogik, das haben schon die AnarchistInnen beschrieben, kann es nur um Selbstermächtigung gehen, aber eine Anleitung zur Selbstermächtigung kann es nicht geben. Sie ist ein Widerspruch in sich. Sternfeld lässt Rancière - und damit auch dem Anarchismus - diese Aussichtslosigkeit aber nicht durchgehen.

Da kommt Gramsci ins Spiel: Was schon Rancière festgestellt hatte, dass Lernen und Lehren immer ein Wechselverhältnis ist, dass also auch die Lehrenden lernen, macht der um kulturelle Hegemonie besorgte Kommunist zum Programm.

Selbstentfaltung kann sich demnach nicht individuell, sondern nur in einem kollektiven Prozess vollziehen.

Damit sind die gesellschaftlichen Verhältnisse gemeint, und damit ist auch ein prinzipieller Unterschied zwischen "linker" und "rechter" Pädagogik genannt: Es geht nicht nur um den Austausch der einzuflößenden Inhalte, sondern um eine Form des Austausches selbst, um ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, Führenden und Geführten.

Diese Gleichberechtigung - und das ist der Einsatz Michel Foucaults - muss erst hergestellt werden. Sie ist nicht schon immer da, als prinzipielle "Gleichheit" (Rancière) oder als Effekt des "Alltagsverstandes" (Gramsci). Da Foucault bekanntlich auch die Vorstellung des autonomen Subjekts in Frage stellt, die sowohl Ausgangspunkt (LehrerIn) als auch Ziel (SchülerIn) aufklärerischer Bildung ist, ergibt sich laut Sternfeld eine interessante Konstellation: Gehe man von dieser radikalen In Frage Stellung des Subjekts aus, "dann durchziehen Regierungsdiskurse Lehrende gleichermaßen wie Lernende, dann können Widerstand und Veränderung überall im Klassenraum entstehen".

So wie die Pädagogik seit mehr als zweihundert Jahren zwischen Normierung und Repression auf der einen und Kritik und Ermächtigung auf der anderen Seite hin und her pendelt, so können jedenfalls die Lehrenden nicht mehr nur als ExekutorInnen des Status Quo interpretiert werden.

Aber mehr noch: Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden selbst - ob die einen nun als diejenigen imaginiert werden, die das Wissen haben, das die anderen brauchen, oder ob sie als sich gegenseitig Austauschende vorgestellt werden - müsse hinterfragt werden. Stattdessen: Ein Unverhältnis.

Dessen Beschreibung allerdings fällt in Sternfelds letztem Kapitel etwas knapp aus.

Dafür ist das "Unverhältnis" der Faden, der sich durch den gesamten Überblick über die Diskussionen um Pädagogik und Gesellschaftskritik zieht, dezent, kaum sichtbar, aber dennoch so gerade gezogen, wie es sich mit einem Faden eben machen lässt.

Bei Rancière gibt es den Begriff des "Unvernehmens" im Gegensatz zum Einvernehmen.

Das Unvernehmen sprengt die einvernehmliche Verteilung von Ressourcen zwischen Besitzenden auf, es bringt die Ansprüche derer zur Geltung, deren Stimmen bislang nicht gehört oder nur als Rauschen wahrgenommen wurden. Auf einen solchen Bruch läuft wohl auch das Unverhältnis hinaus.

Nicht nur die Frage, wer wem Wissen und Werte vermittelt, sondern ihre Produktionsverhältnisse selbst stehen auf dem Spiel.

Sternfelds Buch gehört so gesehen nicht bloß unbedingt in die Bücherregale der Philosophischen Fakultäten auf der einen und jener der Freien Schulen und Kinderläden auf der anderen Seite. Auch die anarchistische Debatte könnte es wieder in Schwung bringen.

 

 

 

 

 

Um wirklich frei zu sein, muß ein Mensch für Kant die Freiheit haben, sich ebenso für das Böse entscheiden zu können wie für das Gute, denn sonst besitzt die (vernünftige) Entscheidung für das Gute keinerlei Wert, und die Vorstellung einer persönlichen Leistung, eines Verdienstes verliert jeden Sinn. Frei sein heißt selbstbestimmt sein. Werde ich von etwas beherrscht, auf das ich keinen Einfluß habe, dann bin ich nicht frei.


Folgt man dieser Denkweise, dann müssen sich vernunftbegabte Wesen ihre Wertvorstellungen selber geben. Werden diese von irgendeiner äußeren Instanz vorgegeben, ist man abhängig von dieser Instanz und somit nicht frei. Das meint Kant, wenn er sagt, daß Selbstbestimmung die Grundlage jeder Sittlichkeit sei. Sich auf Gedeih und Verderb einer äußeren Macht anzuvertrauen, sei es der nackten Natur oder einer transzendenten Macht, Gott oder der Natur, einer Instanz, die einem nach Belieben Befehle erteilen kann, bedeutet Fremdbestimmung, eine Form der Abhängigkeit von etwas, das sich meiner Kontrolle entzieht: Sklaverei. Ich, ich ganz allein, bin der Urheber meiner Wertvorstellungen. Selbstverständlich muß ich Gebote befolgen, aber ich bin frei, da diese Gebote, wie Rousseau lehrte, von mir selber geschaffen werden. Von außen kommende Befehle degradieren Menschen zu Sklaven oder Objekten; da Menschen, und nur sie allein, die Urheber von Wertvorstellungen sind, sind sie selber etwas überaus Wertvolles: Menschen für Zwecke zu benutzen, die nicht die ihren sind, sie also zu mißbrauchen, zu erniedrigen und zu demütigen, heißt ihr Menschsein an sich in Frage zu stellen, zu leugnen, daß sie Menschen sind; und das ist die abscheulichste Sünde überhaupt. Um die Unterdrückung, Versklavung oder Vernichtung eines Menschen zu rechtfertigen, muß ich mich darauf berufen können, daß ich all dies im Namen eines Wertes tue, der höher ist als der des Geschöpfes, dessen Freiheit ich verletze. Doch wenn es ex hypothesi keine solchen Werte geben kann - da alle Werte einer freien (vernünftigen) Entscheidung des Menschen entspringen -, dann bedeuten die gerade genannten Handlungen, daß man den höchsten Wert überhaupt in den Schmutz zieht - die endgültigen Ziele, die sich die menschliche Vernunft selber gesetzt hat: Vernunft und vernünftige Entscheidung sind der Inbegriff menschlicher Humanität, der Menschenwürde, und genau das ist es, was die Menschen, als freie Wesen, von den Tieren unterscheidet. Dies auch ist es, was in uns, wer immer wir sein mögen, so großen Ekel hervorruft, wenn wir Zeuge werden, wie unseresgleichen herumgestoßen, gequält, entmenschlicht und wie Vieh behandelt oder zu solchem gemacht werden.


 


Was tut ein Künstler? Er erschafft etwas, er drückt sich aus, er kopiert nicht, er imitiert nicht, er überträgt nicht (das ist bloßes Handwerk). Er agiert, macht, erfindet; er entdeckt nicht, genausowenig wie er kalkuliert, deduziert oder argumentiert. Schöpferisch tätig sein heißt im Prinzip, ganz auf sich allein gestellt zu sein.


Kunst ist nicht Nachahmung oder Abbildung, sondern Ausdruck; ich bin am ehesten ich selber, wenn ich etwas schöpfe - das, und nicht die Befähigung zu logischem Denken, ist der göttliche Funke, der in meinem Inneren glimmt; in genau diesem Sinne bin ich Gott zum Bilde geschaffen (sicut Deus).


Mensch zu sein heißt nicht, zu begreifen oder vernünftig zu urteilen, sondern zu handeln. Zu handeln, zu machen, zu erschaffen und frei zu sein sind ein und dasselbe: Hier liegt der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Der Künstler erschafft etwas; er kopiert nicht, und er entdeckt auch nicht.

Wenn wir spielen, dann erschaffen wir selber das Universum und seine Gesetze. Kinder, die "Indianer spielen", sind Indianer: Nichts hemmt sie. Die normalen Gesetze - gesellschaftliche, psychologische, ja sogar physikalische - sind außer Kraft gesetzt; wir können alles verändern, vielleicht sogar die Gesetze der Logik, ganz wie es unserer Phantasie beliebt. In dieser "noumenalen" Welt sind weder Phantasie noch Vernunft Grenzen gesteckt. In dieser Welt wird Tugend belohnt, Güte gefeiert, ebenso wie Schönheit und Wahrheit, und Sünde bestraft - anders als in der sogenannten wirklichen Welt. Kunst ist buchstäblich ein Spiel, sie ist Erfindung: eine Schöpfung aus dem Nichts, bei der wir die Inhalte der Welt und die Regeln, denen sie gehorcht, nach unseren eigenen, uneingeschränkten Wünschen und Vorstellungen gestalten. Auf diese Weise können wir, wann immer wir wollen, frei sein und der Tretmühle der physischen Existenz entrinnen. Dies ist die Welt der Kunst, der Sittlichkeit und der Vernunft. Ihre Wertvorstellungen werden nicht entdeckt, sondern geschaffen, und die Beziehung der Werte zueinander können wir nach Belieben bestimmen. Isaiah Berlin - Revolution der Romantik (Auszug)

 

 

 

 

 

 
 
Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«

Sehen Wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache Wir arbeiten, Uns hingeben und begeistern sollen.

Ihr wißt von Gott viel Gründliches zu verkünden und habt jahrtausende lang »die Tiefen der Gottheit erforscht« und ihr ins Herz geschaut, so daß Ihr Uns wohl sagen könnt, wie Gott die »Sache Gottes«, der Wir zu dienen berufen sind, selber betreibt. Und Ihr verhehlt es auch nicht, das Treiben des Herrn. Was ist nun seine Sache? Hat er, wie es Uns zugemutet wird, eine fremde Sache, hat er die Sache der Wahrheit, der Liebe zur seinigen gemacht? Euch empört dies Mißverständnis und Ihr belehrt Uns, daß Gottes Sache allerdings die Sache der Wahrheit und Liebe sei, daß aber diese Sache keine ihm fremde genannt werden könne, weil Gott ja selbst die Wahrheit und Liebe sei; Euch empört die Annahme, daß Gott Uns armen Würmern gleichen könnte, indem er eine fremde Sache als eigene beförderte. »Gott sollte der Sache der Wahrheit sich annehmen, wenn er nicht selbst die Wahrheit wäre«? Er sorgt nur für seine Sache, aber weil er Alles in Allem ist, darum ist auch alles seine Sache! Wir aber, Wir sind nicht Alles in Allem, und unsere Sache ist gar klein und verächtlich; darum müssen Wir einer »höheren Sache dienen«. Nun, es ist klar, Gott bekümmert sich nur um's Seine, beschäftigt sich nur mit sich, denkt nur an sich und hat nur sich im Auge; wehe Allem, was ihm nicht wohlgefällig ist. Er dient keinem Höheren und befriedigt nur sich. Seine Sache ist eine - rein egoistische Sache.



Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine - rein egoistische Sache?

Ich brauche gar nicht an jedem, der seine Sache Uns zuschieben möchte, zu zeigen, daß es ihm nur um sich, nicht um Uns, nur um sein Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist. Seht Euch die übrigen nur an. Begehrt die Wahrheit, die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit etwas anderes, als daß Ihr Euch enthusiasmiert und ihnen dient?

Sie stehen sich alle ausnehmend gut dabei, wenn ihnen pflichteifrigst gehuldigt wird. Betrachtet einmal das Volk, das von ergebenen Patrioten geschützt wird. Die Patrioten fallen im blutigen Kampfe oder im Kampfe mit Hunger und Not; was fragt das Volk darnach? Das Volk wird durch den Dünger ihrer Leichen ein »blühendes Volk«! Die Individuen sind »für die große Sache des Volks« gestorben, und das Volk schickt ihnen einige Worte des Dankes nach und - hat den Profit davon. Das nenn' Ich Mir einen einträglichen Egoismus.

Aber seht doch jenen Sultan an, der für »die Seinen« so liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? ja wohl, für »die Seinen«. Versuch' es einmal und zeige Dich nicht als der Seine, sondern als der Deine. Du wirst dafür, daß Du seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts, als auf sich gestellt - er ist sich Alles in Allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagte, nicht einer der »Seinen« zu sein.

Und an diesen glänzenden Beispielen wollt Ihr nicht lernen, daß der Egoist am besten fährt? Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen, lieber selber der Egoist sein.

Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf Sich. Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls auf Mich, der Ich so gut wie Gott das Nichts von allem Andern, der Ich mein Alles, der Ich der Einzige bin.

Hat Gott, hat die Menschheit, wie Ihr versichert, Gehalt genug in sich, um sich Alles in Allem zu sein: so spüre ich, daß es Mir noch weit weniger daran fehlen wird, und daß Ich über meine »Leerheit« keine Klage zu führen haben werde. Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.



Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn. Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!

Max Stirner: der Einzige und sein Eigentum