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Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu: Die Kapitalarten

Pierre Bourdieu: Die Kapitalarten

 

Bourdieu geht ebenfalls von einem Unterteilung der Gesellschaft in Klassen aus. Er postuliert einen sozialen Raum, auf dem er die unterschiedlichen Klassen verortet. Die Klassen unterscheiden sich dabei in der Ausstattung mit Kapitalarten. Unterschieden wird in soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital. Das heißt die soziale Struktur wird durch die Verteilungsstruktur des Kapitals bestimmt. Dabei spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Kapital kann nämlich akkumuliert und (teilweise) vererbt werden. Es kann aber auch ineinander umgewandelt werden. Das kulturelle Kapital ist entscheidend bei der Erklärung von ungleichen schulischen Leistungen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft (vgl. Bourdieu 1992, 49f). Im Folgenden werden die Kapitalarten und ihre Eigenschaften genauer beschrieben. Neben dem ökonomischen Kapital gibt es noch zwei weitere Kapitalarten nach Bourdieu.

 

1. Kulturelles Kapital

 

Das kulturelle Kapital kann in drei verschiedenen Formen auftreten:

 

Inkorporiertes kulturelles Kapital

Diese Form lässt sich mit dem Begriff Bildung beschreiben. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie persönlich durch Lernen erworben werden muss. Das heißt es muss persönliche Lebenszeit und Arbeit investiert werden um diese Form von kulturellem Kapital zu erwerben. Eine Delegation an andere Personen ist hier ausgeschlossen. Die Erziehung in der Familie fällt auch unter diesen Begriff. Je nach Verwertbarkeit des in der Familie erworbenen kulturellen Kapitals kann dies ein Vorteil oder ein Nachteil in der Schule bedeuten. Das inkorporierte Kapital wird zu einem Bestandteil der Person selbst, es wird zum Habitus und ist damit nicht mehr von der Person zu trennen, die es besitzt. Das bedeutet aber auch, dass man es nicht kurzfristig verschenken oder vererben kann und damit eine kurzfristige Weitergabe unmöglich wird (vgl. Bourdieu 1992, 55f).

 

Der Wert des kulturellen Kapitals bestimmt vor allem die Seltenheit des Gelernten, sowie die Masse an Kapital. Durch die Zeit, die benötigt wird um Kapital zu akkumulieren, bestimmt die Menge an ökonomischen Kapital auch die Möglichkeiten kulturelles Kapital zu inkorporieren. Die Zeit zum Erwerb von kulturellem Kapital wird, ab einem gewissen Maß an Schulbildung, vor allem dadurch bestimmt, wie lange die Familie dem Individuum die Notwendigkeit von Erwerbsarbeit erspart (vgl. Bourdieu 1992, 57ff).

 

Objektiviertes kulturelles Kapital

Das objektivierte Kulturkapital steht auch in der Beziehung zum inkorporierten Kulturkapital. Objektiviertes Kulturkapital ist übertragbar in Form von Schriften, Bildern oder Maschinen. Entweder durch Kauf mit ökonomischen Kapital, Vererbung oder Schenkung. Damit ist allerdings nur die physische Übertragung geregelt. Das Wissen zur Nutzung einer Maschine, oder die „richtige“ Sichtweise auf ein Gemälde dagegen kann nicht mit Geld erworben werden. Dazu ist wieder der Erwerb von inkorporiertem kulturellen Kapital nötig, oder es müssen Dienste von Inhabern des benötigten kulturellen Kapitals in Anspruch genommen werden (vgl. Bourdieu 1992, 59ff).

Institutionalisiertes kulturelles Kapital

Institutionalisiertes kulturelles Kapital sind Titel, die den Nachteil der körperlichen Bindung von inkorporiertem Kapital ausgleichen. Titel existieren unabhängig von der Person des Inhabers und garantieren ihm die Anerkennung seines erworbenen kulturellen Kapitals. Es entbindet ihn zunächst vom direkten Beweis seiner Fähigkeiten. Dies unterscheidet den Inhaber schulischer Titel vom Autodidakten, der seine Fähigkeiten stets beweisen muss. „Der schulische Titel ist ein Zeugnis für kulturelle Kompetenz, das seinem Inhaber einen dauerhaften und rechtlich garantierten konventionellen Wert überträgt“ (Bourdieu 1992, 63). Es ist damit unabhängig von der Person und auch vom tatsächlichen kulturellen Kapital, das eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich besitzt. Die Konvertierung in ökonomisches Kapital wird wiederum durch die Seltenheit des Titels und der Höhe der Investition zur Erlangung festgelegt. Wo bei dieser Wechselkurs gerade durch den Faktor Seltenheit durchaus variabel ist (vgl. Bourdieu 1992, 61ff).

 

2. Soziales Kapital

 

Das soziale Kapital basiert auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Das Gesamtkapital aller Mitglieder dient hier allen als Sicherheit. Die Grundlage des Sozialkapitals sind materielle und symbolische Tauschbeziehungen. Durch den Austausch werden die Beziehungen erhalten und sogar verstärkt. Die Institutionalisierung des Sozialkapitals kann beispielsweise durch eine Familie, Schule oder Partei erfolgen. Wie viel jemand an Sozialkapital besitzt, hängt davon ab, wie groß sein Netzwerk an tatsächlich mobilisierbaren Beziehungen und wie groß das ökonomische, kulturelle oder symbolische Kapital derjenigen in diesem Netzwerk ist (vgl. Bourdieu 1992, 63f).

 

Der Profit, der dadurch entsteht, ist wiederum die Basis für die Solidarität innerhalb der Gruppe. Wobei dies nicht bewusst geschehen muss. Die Institutionalisierung ist auch nicht mit einem Mal abgeschlossen. Vielmehr ist es ein stetiger Prozess der Erneuerung und Erhaltung der Beziehungen. Dies kann man auch als soziale Investition betrachten, die in Beziehungen investiert wird, die früher oder später einmal einen Nutzen bringen (vgl. Bourdieu 1992, 64ff).

 

Dabei gilt, dass die Kapitalarten unterschiedlich gut in andere Kapitalarten umgewandelt werden können. So können schulische Titel meist nicht direkt gekauft werden. Zwar muss ökonomisches Kapital eingesetzt werden, doch machen sich Umwandlungskosten, hier in Form von Arbeit, bemerkbar. Um das vorhandene Kapital zu reproduzieren und damit die soziale Position zu halten, werden Strategien notwendig, die darauf abzielen, die Umwandlungskosten möglichst gering zu halten. Bei der Umwandlung von Kapital besteht immer ein Risiko. Beispielsweise kann die Investition in soziales Kapital immer darauf hinauslaufen, dass erwartete Gegenleistungen verweigert werden, da der Austausch meist informell und ohne Garantien erfolgt (vgl. Bourdieu 1992, 70ff).

 

Literatur:

Bourdieu, Pierre 1992: Die verborgenen Mechanismen der Macht. In Schriften zu Politik & Kultur Hrsg. Margareta Steinrücke, Hamburg: VSA-Verlag.

pierre bourdieu | Initiative für Praxisphilosophie und ...

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