Links:

Anarchy - Fotografie - anarchy-photography-geroldflock

https://www.geroldflock-photography.de/

 

~ Tsveyfl

www.tsveyfl.de/

Diese Schrift rüttelt nicht nur an vermeintlich linken Gewissheiten, sie bricht ganz offen mit ihnen.

Graswurzelrevolution

Die Lifestyleanarchist*in – Ein anarchistisches Magazin aus dem ...

https://lifestyleanarchistin.noblogs.org/

Unser Haus, Unser Viertel, Unsere Stadt! Perspektiven linksradikaler Wohnraumpolitik. Von Für Lau Haus in Die Lifestyleanarchistin

Unruhen.org

unruhen.org/

https://lavamuc.noblogs.org/
lava [muc] – libertäre Antifa

Alles Verändern, ein anarchistischer aufruf / …

https://www.crimethinc.com/tce/deutsch

 

Postanarchismus

www.postanarchismus.net/

No Power For No One! Postanarchismus setzt sich mit poststrukturalistischen und postmodernen Theorien aus anarchistischer Perspektive auseinander.

FdA-Logo

Crimethinc

Verlag Edition AV - Ne znam - Zeitschrift für Anarchismusforschung

www.edition-av.de/ne_znam.html

Ne znam. Zeitschrift für Anarchismusforschung Herausgeben von Philippe Kellermann. Ne znam (kroatisch) – zu Deutsch: Ich weiß es nicht. Was gewusst wird ...

A-Fahne

Anarchie heute

Anarchie heute. Das politische System der BRD und des ...

Anarchistische Gruppe Mannheim
www.anarchie-mannheim.de

Lexikon der Anarchie – DadAWeb

dadaweb.de/wiki/Lexikon_der_Anarchie


www.anarchismus.at

Libertad Verlag: Bücher der Freiheit und Solidarität

https://www.libertadverlag.de/

Literatur fuer die Anarchie- und Anarchismus-Forschung. Themen: Anarchie, Anarchismus, Anarchosyndikalismus, Linksradikalismus.

 

Bildergebnis für ausgestrahlt

.ausgestrahlt – gemeinsam gegen Atomenergie | .ausgestrahlt.de

https://www.ausgestrahlt.de/

ausgestrahlt ist eine bundesweit tätige Anti-Atom-Organisation. Wir vernetzen AtomkraftgegnerInnen, organisieren Proteste und informieren zum Atomausstieg.

FAU-Fahne

FAU - Mehr als nur Gewerkschaft

Untergrund-Blättle | Online Magazin

 
www.untergrund-blättle.ch

Artikel, Reportagen und Analysen aus dem politischen und kulturellen Untergrund. Rezensionen, Essays und linke ...

Bildergebnis für anarchistischebibliothek.org

Die anarchistische Onlinebibliothek | Anarchistische ...

anarchistischebibliothek.org/special/index

 

Edition Irreversibel

https://editionirreversibel.noblogs.org/

Bibliothek der Freien

bibliothekderfreien.de

Die Bibliothek der Freien existiert seit Dezember 1993. Wir sammeln libertäre Publikationen und Archivalien aus allen Zeiten und in allen Sprachen.

Gaudiblatt – umsonst – aber nicht vergebens

https://gaudiblatt.de/

Gaudiblatt

 

Verlag Edition AV - Anarchismus und Theorie

www.edition-av.de/theorie.htm

Bücher seit 1974 | EDITION NAUTILUS

https://edition-nautilus.de/

Willkommen bei Unrast Verlag – Bücher der Kritik

https://www.unrast-verlag.de/

UNRAST - Bücher der Kritik.

Rubikon - Magazin für die kritische Masse

https://www.rubikon.news/

Rubikon ist das Magazin für die kritische Masse. Wir berichten über das, was in den Massenmedien nicht zu finden ist.

Anarchy - Photography - Gerold Flock

www.geroldflock-photography.de/

BYUNG_CHUL HAN

Psychopolitik

Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Wir glauben heute, dass wir kein unterworfenes Subjekt,
sondern ein freies, sich immer neu entwerfendes, Projekt
sind. Dieser Übergang vom Subjekt zum Projekt wird vom
Gefühl der Freiheit begleitet. Nun erweist sich dieses
Projekt selbst als eine Zwangsfigur, sogar als eine
effizientere Form der Subjektivierung und Unterwerfung.
Das Ich als Projekt, das sich von äußeren Zwängen und
Fremdzwängen befreit zu haben glaubt, unterwirft sich nun
inneren Zwängen und Selbstzwängen in Form von Leistungs-
und Optimierungszwang.
Wir leben in einer besonderen historischen Phase, in der
die Freiheit selbst Zwänge hervorruft. Die Freiheit des
Könnens erzeugt sogar mehr Zwänge als das disziplinarische
Sollen, das Gebote und Verbote ausspricht. Das Soll hat
eine Grenze. Das Kann hat dagegen keine. Grenzenlos ist
daher der Zwang, der vom Können ausgeht. Wir befinden
uns somit in einer paradoxen Situation. Die Freiheit ist
eigentlich die Gegenfigur des Zwanges. Frei sein heißt
frei von Zwängen sein. Nun erzeugt diese Freiheit, die
das Gegenteil des Zwanges zu sein hat, selbst Zwänge.
Die psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-
out sind der Ausdruck einer tiefen Krise der Freiheit.
Sie sind ein pathologisches Zeichen, dass heute die Frei-
heit vielfach in Zwang umschlägt.
Das Leistungssubjekt, das sich frei wähnt, ist in Wirk-
lichkeit ein Knecht. Es ist insofern ein absoluter Knecht,
als es ohne den Herrn sich freiwillig ausbeutet. Ihm
steht kein Herr gegenüber, der ihn zur Arbeit zwingt.
Es verabsolutiert das bloße Leben und arbeitet.
Das bloße Leben und die Arbeit sind zwei Seiten einer
Medaille. Die Gesundheit stellt das Ideal des bloßen Le-
bens dar. Diesem neoliberalen Knecht ist die Souveränität,
ja die Freiheit jenes Herrn fremd, der Hegels Dialektik
von Herr und Knecht zufolge nicht arbeitet und nur genießt.
Diese Souveränität des Herrn besteht darin, dass er sich
über das bloße Leben erhebt und dafür sogar den Tod in
Kauf nimmt. Dieser Exzess, diese exzessive Lebens- und
Genussform ist dem arbeitenden, um das bloße Leben besorg-
ten Knecht fremd. Entgegen Hegels Annahme macht die Arbeit
ihn nicht frei. Er bleibt weiterhin ein Knecht der Arbeit.
Hegels Knecht zwingt auch den Herrn zur Arbeit. Hegels
Dialektik von Herr und Knecht führt zur Totalisierung der
Arbeit.
Das neoliberale Subjekt als Unternehmer seiner selbst ist
nicht fähig zu Beziehungen zu anderen, die frei von Zweck
wären. Zwischen Unternehmern entsteht auch keine zweckfreie
Freundschaft. Frei-sein bedeutet aber ursprünglich bei
Freunden sein. Freiheit und Freund haben im Indogermanischen
dieselbe Wurzel. Die Freiheit ist im Grunde ein Beziehungs-
wort. Man fühlt sich wirklich frei erst in einer gelingen-
den Beziehung, in einem beglückenden Zusammensein mit
anderen. Die totale Vereinzelung, zu der das neoliberale
Regime führt, macht uns nicht wirklich frei.
So stellt sich heute die Frage, ob wir die Freiheit nicht
neu definieren, neu erfinden müssen, um der verhängnisvollen
Dialektik der Freiheit, die diese in Zwang umschlagen lässt,
zu entkommen.
Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes
System, die Freiheit selbst auszubeuten.
Ausgebeutet wird alles, was zu Praktiken und Ausdrucksformen
der Freiheit gehört wie Emotion, Spiel und Kommunikation.
Es ist nicht effizient, jemand gegen seinen Willen auszubeu-
ten. Bei der Fremdausbeutung fällt die Ausbeute sehr gering
aus. Erst die Ausbeutung der Freiheit erzeugt die höchste
Ausbeute.
BYUNG-CHUL Han
Psychopolitik
Neoliberalismus
und die neuen
Machttechniken
Seite 9-11.

Der Zwang zur Transparenz ist letzten Endes kein ethischer

oder politischer, sondern ein ökonomischer Imperativ.

Ausleuchtung ist Ausbeutung.

Kommunikation ist Kommerz.

Wer ganz ausgeleuchtet ist, ist der Ausbeutung schutzlos 

ausgeliefert.

Die Überbelichtung einer Person maximiert die ökonomische Effizienz..

Der transparente Insasse ist der neue Insasse, ja der neue Homo sacer

des ökonomischen Panoptikums. Das Panoptikum der Konsum- und 

Leistungsgesellschaft unterscheidet sich vom Panoptikum der Disziplinar-

gesellschaft dadurch, daß es keiner Fesseln, keiner Mauern, keiner

geschlossenen Räume bedarf.

Nun bildet die ganze Gesellschaft, der ganze Globus das Panoptikum.

Google und soziale Netzwerke wie facebook sind gleichzeitig digitale 

Panoptiken der Geheimdienste.

Schon die Suchbegriffe, die man eingibt, und die Profile, die man erstellt,

liefern die Person einer panoptischen Beobachtung und Kontrolle aus.

Die Analyse der Daten, die eine Person ins Netz einspeist, würde die 

Person transparenter machen als sie es gegenüber sich selbst je wäre.

Das Netz vergisst und verdrängt nichts.

Im Gegensatz zum Panoptikum der Disziplinargesellschaft erfolgt die 

panopoptische Kontrolle nicht durch Isolierung und Einsperrung, sondern

im Gegenteil durch Vernetzung. Heute vollzieht sich die Überwachung 

nicht als Angriff auf Freiheit. Vielmehr fallen Freiheit und Kontrolle in eins.

So liefert man sich freiwillig dem panoptischen Blick aus.

Der transparente User ist Opfer und Täter zugleich.

Jeder baut fleißig mit am Panoptikum der Netze.

Die freie Kommunikation und die panoptische Kontrolle greifen ineinander

und werden ununterscheidbar.

BYUNG-CHUL HAN Topologie der Gewalt

Seite 134-135

Verlag Matthes & Seitz Berlin

 

 

Im digitalen Panoptikum.

ESSAY

Im digitalen Panoptikum

Wir fühlen uns frei. Aber wir sind es nicht. Von Byung-Chul Han

Heute wird alles smart. Wir werden bald in einer Smart City leben, in der alles, ja, komplett alles miteinander vernetzt sein wird, nicht nur Menschen, sondern auch Dinge. Wir werden nicht nur von Freunden, sondern auch von Haushaltsgeräten, Haustieren und Lebensmitteln im Kühlschrank E-Mails erhalten. Das Internet der Dinge macht es möglich. In der Smart City werden wir alle mit dem Google Glass unterwegs sein. Wir werden überall und jederzeit mit nützlichen Informationen versorgt, ohne dass wir sie eigens abgefragt hätten. Wir werden ins Restaurant gelotst, in die Bar, ins Konzert. Die Datenbrille wird für uns auch Entscheidungen treffen. Mit einer Dating-App wird sie uns sogar zu mehr Erfolg und Effizienz in Sachen Liebe und Sex verhelfen.

Unser Gesichtsfeld wird von der Datenbrille auf nützliche Informationen hin gescannt. Wir werden alle glückliche Informationsjäger. Dabei unterwerfen wir uns einer Jägeroptik. Die Sichtfelder, von denen keine Information zu erwarten ist, werden ausgeblendet. Das kontemplative Verweilen bei Dingen, das eine Formel des Glücks wäre, weicht komplett dem Jagen nach Informationen. Die menschliche Wahrnehmung erreicht endlich eine totale Effizienz. Sie lässt sich nicht mehr von den Dingen ablenken, die wenig Aufmerksamkeit verdienen oder kaum Information versprechen. Das menschliche Auge verwandelt sich selbst in eine effiziente Suchmaschine.

Das Internet der Dinge vollendet gleichzeitig die Transparenzgesellschaft, die ununterscheidbar geworden ist von einer totalen Überwachungsgesellschaft. Dinge, die uns umgeben, beobachten und überwachen uns. Sie senden pausenlos Informationen über unser Tun und Lassen. Der Kühlschrank etwa weiß Bescheid über unsere Essgewohnheiten. Die vernetzte Zahnbürste über unsere Zahnhygiene. Die Dinge wirken aktiv mit an der Totalprotokollierung des Lebens. Die digitale Kontrollgesellschaft verwandelt auch die Datenbrille in eine Überwachungskamera und das Smartphone in eine Wanze.

Heute wird jeder Klick, den wir tätigen, gespeichert. Jeder Schritt, den wir machen, wird rekonstruierbar. Überall hinterlassen wir unsere digitalen Spuren. Unser digitaler Habitus bildet sich exakt im Netz ab. Die Totalprotokollierung des Lebens wird Vertrauen vollständig durch Information und Kontrolle ersetzen.

Vertrauen macht Beziehungen zu anderen Menschen auch ohne genauere Kenntnisse über diese möglich. Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermaßen, dass Vertrauen als soziale Praxis immer unbedeutender wird. Es weicht der Kontrolle. So hat die Transparenzgesellschaft eine strukturelle Nähe zur Kontrollgesellschaft. Wo Informationen sehr leicht zu beschaffen sind, schaltet das soziale System vom Vertrauen auf Kontrolle und Transparenz um.

An die Stelle des Big Brother tritt Big Data. Die lückenlose Totalprotokollierung des Lebens vollendet die Transparenzgesellschaft. Sie gleicht einem digitalen Panoptikum.

Die Idee des Panoptikums stammt von dem britischen Philosophen Jeremy Bentham. Er hat im 18. Jahrhundert einen Gefängnisbau konzipiert, der eine totale Überwachung der Insassen möglich macht. Zellen werden um einen Überwachungsturm herum angeordnet, der dem Big Brother einen totalen Durchblick gewährt. Die Insassen werden zum Disziplinierungszweck voneinander isoliert und dürfen nicht miteinander sprechen. Die Bewohner des digitalen Panoptikums hingegen kommunizieren intensiv miteinander und entblößen sich freiwillig. Die digitale Kontrollgesellschaft macht intensiv Gebrauch von der Freiheit. Sie ist nur möglich dank freiwilliger Selbstausleuchtung und Selbstentblößung.

In der digitalen Kontrollgesellschaft fallen die pornografische Zurschaustellung und die panoptische Kontrolle zusammen. Die Überwachungsgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner nicht durch einen äußeren Zwang, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus sich mitteilen, wo also die Angst davor, seine Privat- und Intimsphäre aufgeben zu müssen, dem Bedürfnis weicht, sie schamlos zur Schau zu stellen, und wo Freiheit und Kontrolle ununterscheidbar werden.

Der Big Brother des benthamschen Panoptikums kann die Insassen nur äußerlich beobachten. Er weiß nicht, was in ihrem Innern vor sich geht. Er kann ihre Gedanken nicht lesen. Im digitalen Panoptikum ist es dagegen möglich, zu den Gedanken seiner Bewohner vorzudringen. Darin besteht die ungeheure Effizienz des digitalen Panoptikums. Möglich wird nun eine psychopolitische Steuerung der Gesellschaft.

Die Transparenz wird heute im Namen der Informationsfreiheit oder Demokratie gefordert. In Wirklichkeit ist sie eine Ideologie, ja, ein neoliberales Dispositiv. Sie kehrt alles gewaltsam nach außen, um es Information werden zu lassen. Mehr Information und Kommunikation bedeuten in der heutigen immateriellen Produktionsweise mehr Produktivität, Beschleunigung und Wachstum.

Geheimnis, Fremdheit oder Andersheit stellen Hindernisse für eine grenzenlose Kommunikation dar. So werden sie im Namen der Transparenz abgebaut. Vom Dispositiv der Transparenz geht ein Konformismuszwang aus. Zur Logik der Transparenz gehört es, dass sie ein weitgehendes Einvernehmen erwirkt. Eine totale Konformität ist die Folge.

"Neusprech" heißt die Idealsprache in George Orwells Überwachungsstaat. Es hat komplett "Altsprech" zu ersetzen. Neusprech hat nur das Ziel, den Gedankenspielraum einzuengen. Gedankendelikte sollten schon dadurch unmöglich gemacht werden, dass die Wörter, die dafür notwendig wären, aus dem Vokabular entfernt werden. So wird auch das Wort "Freiheit" beseitigt. Bereits in dieser Hinsicht unterscheidet sich Orwells Überwachungsstaat vom digitalen Panoptikum von heute, das gerade von der Freiheit exzessiv Gebrauch macht.

Orwells Überwachungsstaat mit Teleschirmen und Folterkammern ist etwas ganz anderes als das digitale Panoptikum mit Internet, Smartphone und Google Glass, das vom Schein grenzenloser Freiheit und Kommunikation beherrscht ist. Hier wird nicht gefoltert, sondern gepostet und getwittert. Die Überwachung, die mit der Freiheit zusammenfällt, ist wesentlich effizienter als jene Überwachung, die gegen die Freiheit gerichtet ist.

Die Machttechnik des neoliberalen Regimes ist nicht prohibitiv oder repressiv, sondern seduktiv. Eingesetzt wird eine smarte Macht. Sie verführt, statt zu verbieten. Sie setzt sich nicht im Gehorchen, sondern im Gefallen durch. Man unterwirft sich dem Herrschaftszusammenhang, während man konsumiert und kommuniziert, ja, während man Like-Buttons klickt. Die smarte Macht schmiegt sich der Psyche an, schmeichelt ihr, statt sie zu unterdrücken oder zu disziplinieren. Sie erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen. Wir haben heute mit einer Machttechnik zu tun, die nicht unsere Freiheit verneint oder unterdrückt, sondern sie ausbeutet. Darin besteht die heutige Krise der Freiheit.

Das Prinzip der Negativität, das den Überwachungsstaat von Orwell bestimmt, weicht dem Prinzip der Positivität. Das heißt: Bedürfnisse werden nicht unterdrückt, sondern angeregt. Kommunikation wird nicht unterdrückt, sondern maximiert. An die Stelle der durch Folter erpressten Geständnisse treten die freiwillige Ausstellung der Privatsphäre und die digitale Ausleuchtung der Seele. Smartphone ersetzt Folterkammer.

Benthams Großer Bruder ist zwar unsichtbar, aber er ist allgegenwärtig in den Köpfen der Insassen. Im digitalen Panoptikum fühlt sich dagegen niemand wirklich überwacht. Daher ist der Terminus "Überwachungsstaat" nicht ganz geeignet, um das digitale Panoptikum von heute zu charakterisieren. In ihm fühlt man sich frei. Aber gerade diese gefühlte Freiheit, die Orwells Überwachungsstaat ganz fehlt, ist ein Problem. Sie verhindert den Widerstand.

1987 kam es zu heftigen Protesten gegen die Volkszählung. Im Einwohnermeldeamt von Leverkusen explodierte sogar eine Bombe. Menschen vermuteten hinter dem Vorhaben einer Volkszählung einen Überwachungsstaat, der ihnen Freiheit nimmt und Informationen gegen ihren Willen entreißt. Der Fragebogen enthielt aber nur sehr harmlose Angaben wie Schulabschluss, Beruf oder Miete. Heute entblößt man sich freiwillig und gibt sogar intime Details über sich selbst preis. Trotz NSA-Überwachungen, die jedes Smartphone in einen Überwachungsapparat verwandeln, kommt es kaum zu Protesten. Darin besteht die Effizienz der freien Überwachung. Überwachung gibt sich als Freiheit. Freiheit erweist sich als Kontrolle.

Legendär ist der Werbespot von Apple, der 1984 während des Super Bowl über den Bildschirm flackerte. In ihm inszeniert sich Apple als Befreier gegen Orwells Überwachungsstaat. Im Gleichschritt betreten willenlos und apathisch wirkende Arbeiter eine große Halle und lauschen der fanatischen Rede des Großen Bruders auf dem Teleschirm. Da stürmt eine Läuferin in die Halle, verfolgt von der Gedankenpolizei. Sie läuft unbeirrt nach vorn, vor ihrem wogenden Busen trägt sie einen großen Vorschlaghammer. Entschlossen rennt sie auf den Großen Bruder zu und schleudert den Hammer mit voller Wucht in den Teleschirm, der daraufhin lichterloh explodiert. Die Menschen erwachen aus ihrer Apathie. Eine Stimme verkündet: "On January 24th, Apple Computer will introduce Macintosh. And you'll see why 1984 won't be like '1984'." Entgegen Apples Botschaft aber markiert das Jahr 1984 nicht das Ende des Überwachungsstaats, sondern den Beginn einer neuartigen Kontrollgesellschaft, die in ihrer Effizienz den Überwachungsstaat von Orwell um ein Vielfaches übertrifft.

Es ist kürzlich bekannt geworden, dass die NSA in internen Unterlagen Steve Jobs als Big Brother bezeichnet. Handy-User heißen dort "Zombies". Und es ist auch konsequent, dass dort von "Smartphone-Ausbeutung" die Rede ist.

Die NSA ist aber nicht das eigentliche Problem. Nicht nur Google oder Facebook, sondern auch Datenfirmen wie das global agierende Marketing-Unternehmen Acxiom sind von der Datensammelwut erfasst. Allein in den USA verfügt das Unternehmen über Daten von 300 Millionen US-Bürgern, also von fast allen. "Wir geben Ihnen einen 360-Grad-Blick auf Ihre Kunden", so heißt der panoptische Werbeslogan von Acxiom. Angesichts dieser Entwicklung ist Edward Snowden weder Held noch Verbrecher. Er ist ein tragisches Phantom in einer Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist.

Han, 54, ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Im Schwarm. Ansichten des Digitalen" (Matthes & Seitz, Berlin).

Von Han, Byung-Chul

Die Stimme und der Blick.

Die Stimme und der Blick.
Die Stimme dringt in jene Tiefenschicht ein, die un-
terhalb des Bewusstseins liegt. Auch der Blick hat die
gleiche Intensität und Tiefenwirkung.
Als der Blick auf mich fiel, schien es ihm, daß dieser Blick
schon betreffende Dinge erledigt hatte, von denen Vorhanden-
sein er selbst noch gar nicht wußte, von deren Vorhanden-
aber der Blick ihn überzeugte.
Auch die Stimme untergräbt die Selbstpräsenz.
Sie schlägt einen tiefen Riss im Inneren des Subjekts, durch
den das Andere ins Selbst einbricht.
Stimme und Blick sind Zeichen des Körpers.
Eine Kommunikation ohne diese Körperzeichen ist nur ein Verkehr
mit Gespenstern: Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen
durch Briefe miteinander verkehren können!
Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen
Menschen fassen, aber alles andere geht über Menschenkraft.
(...) Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden
von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.
Die digitalen Kommunkationsmittel sind noch viel körperloser als
Briefe. Die Handschrift ist noch ein Körperzeichen.
Alle digitalen Schriften gleichen sich.
Die digitalen Medien verschleifen vor allem das Gegenüber des Anderen.
Sie berauben uns tatsächlich der Fähigkeit, an den fernen Menschen
zu denken und einen nahen Menschen zu fassen.
Sie ersetzen Nähe und Ferne durch Abstandslosigkeit.
Mit der "Rauheit der Stimme" bezeichnet Roland Barthes jene Körper-
lichkeit der Stimme, die sich jeder Form von Repräsentation, sowohl
der Vorstellung als auch der Bedeutung entzieht.
Diese Körperlichkeit der Stimme bedeutet zwar nichts, aber sie ist
verantwortlich für eine Wollust: Etwas ist da, unüberhörbar und
eigensinnig (man hört nur es), was jenseits (oder diesseits) der
Bedeutung der Wörter liegt (...) etwas, was direkt der Körper des
Sängers ist, der in ein und derselben Bewegung aus der Tiefe der
Hohlräume, Muskeln, Schleimhäute und Knorpel (...) an das Ohr dringt,
als spannte sich über das innere Fleisch des Vortragenden und über
die von ihm gesungene Musik ein und dieselbe Haut.
Die Wahrheit der Sprache liegt aber nicht in ihrer Funktionalität
(Klarheit, Expressivität, Kommunikation), sondern in der Wollust und
Verführung.
Stimme und Blick sind das Medium, in dem sich das Sein als das Andere
des Seienden, das dies jedoch stimmt und be-stimmt.
Zum Denken gehört der Eros als Streben zum Anderen: "Das Andere, von
der Liebe zu Dir u. von meinem Denken in anderer Weise Unzertrennliche,
ist schwer zu sagen. Ich nenne es den Eros, den ältesten der Götter
nach dem Wort des Parmenides.
Aus dem digitalen Echoraum, in dem man vor allem sich selbst sprechen
hört, schwindet immer mehr die Stimme des Anderen. Heute ist die Welt
aufgrund der Abwesenheit des Anderen weniger stimmhaft.
Im Gegensatz zum Du hat das Es keine Stimme.
Vom Es geht weder Ansprache noch Anblick aus. Das schwindende Gegen-
über macht die Welt stimm- und blicklos.
Die digitale Kommunikation ist sehr arm an Blick und Stimme.
Verbindungen und Vernetzungen werden ohne Blick und Stimme hergestellt.
Darin unterscheiden sie sich von Beziehungen und Begegnungen, die auf
Stimme und Blick angewiesen sind. Ja. Sie sind besondere Erfahrungen
von Stimme und Blick. Sie sind Körpererfahrungen.

Selbst wenn das Subjekt alle Bedürfnisse befriedigt hat,
ist es auf der Suche nach dem Anderen.
Bedürfnisse gelten dem Selbst.
Die Umlaufbahn des Begehrens liegt außerhalb des Selbst.
Es ist befreit von der Gravitation des Sich, die das Ich
immer tiefer in sich hineinreißt.
Es ist allein der Eros, der in der Lage ist, das Ich aus
der Depression, aus der narzisstischen Verstrickung in
sich selbst zu befreien. Der Andere ist, so gesehen, eine
Erlösungsformel. Allein der Eros, der mich aus mir her-
aus- und zum Anderen hinreißt, kann die Depression
besiegen.
Das depressive Leistungssubjekt ist ganz vom Anderen ab-
gekoppelt. Das Begehren des Anderen, ja die Berufung oder
die Bekehrung zum Anderen wäre ein metaphysisches Anti-
depressivium, das die narzisstische Schale des Ich auf-
bricht.
Einem Menschen begegnen heißt, so Levinas, von einem
Rätsel wachgehalten werden. Heute ist uns diese Erfahrung
des Anderen als Rätsel oder Geheimnis abhandengekommen.
Der Andere ist nun ganz der Teleologie des Nutzens, der
ökonomischen Berechnung und Bewertung unterworfen.
Er wird transparent.
Er wird zu einem ökonomischen Objekt degradiert.
Der Andere als Rätsel dagegen entzieht sich jeder Ver-
wertung.
Die Liebe setzt immer eine Andersheit voraus, und
zwar nicht nur die Andersheit des Anderen, sondern auch
die Andersheit der eigenen Person.
Die Zweiheit der Person ist konstitutiv für die Liebe
zu sich selbst: Was ist denn Liebe anderes als verstehen
und sich darüber freuen, dass ein Andrer in anderer und
entgegengesetzter Weise, als wir lebt, wirkt und empfindet?
Damit die Liebe die Gegensätze durch Freude überbrücke,
darf sie dieseleben nicht aufheben, nicht leugnen. -
Sogar die Selbstliebe enthält die unvermischbare Zweiheit
(oder Vielheit) in Einer Person als Voraussetzung.
Wo jeder Zweifel ausgelöscht ist, ertrinkt man im Selbst.
Ohne jede Zweiheit verschmilzt man mit sich selbst.
Diese narzisstische Kernschmelze ist tödlich.

Auch Alain Badiou nennt die Liebe die Bühne der Zwei.
Sie macht es möglich, die Welt aus der Perspektive des
Anderen neu zu erschaffen. und das Gewohnte zu verlassen.
Sie ist ein Ereignis, das etwas Anderes beginnen lässt.
Heute bewohnen wir dgegen die Bühne der Eins.
Angesichts des krankhaft vergrößerten Ego, das vom
neoliberalen Produktionsverhältnis eigens gezüchtet
und zur Steigerung der Produktivität ausgebeutet wird,
tut es not, das Leben wieder vom Anderen, vom Verhältnis
zum Anderen her in den Blick zu nehmen und dem Anderen
einen ethischen Vorrang einzuräumen, ja wieder die
Sprache der Verantwortung zu erlernen, dem Anderen
zuzuhören und zu antworten. Die Sprache als "Sagen"
(dire) ist für Levinas nichts anderes als Verant-
wortlichkeit des Einen für den Anderen.
Jene vorursprüngliche Sprache als Sprache des Anderen
geht heute im Lärm der Hyperkommunikation zugrunde.

BYUNG-CHUL HAN

Die Austreibung

des Anderen

Gesellschaft,

Wahrnehmung und Kommunikation heute