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Raoul Vaneigem

Als die Tyrannei der Arbeit von der Tyrannei des Geldes aufgesogen wurde,
hat sich eine in klingende Münze umsetzbare große Leere der Hirne und Leiber bemächtigt.
Überall hat sich der mächtige Hauch des Todes verbreitet. Der Fluch hat sogar die Energie
der Verzweiflung zerstört.
Dabei graut es dem Leben und dem Körper vor Inhaltslosigkeit, Stillstand, Zwang und Widersinn.
Es kommt ein Moment, in dem das Feuer aus der Asche aufflackert, die es erstickte.
Obwohl Generation auf Generation am Rande der belebendsten Quelle verdurstet ist, wie es
die Tradition befiehlt, hat es immer nur ein paar wenige gebraucht, die davon tranken und
darin herumtollten, und die Oasen wurden wieder grün.

Keine Epoche hat Verzweiflung und Ressentiment derart verharmlost.
Keine hat den Lebensgewohnheiten so viel Bitterkeit und den Herzen
so viel Gift eingeflößt. Von den zahlreichen Freuden, die wir erstreben,,
sind uns nur noch Reflexe geblieben, die wie tote Fische um uns
herum treiben.
Nur das Geld arbeitet und lässt arbeiten. Von den armen Vorstädten
bis zu den Ghettos der Reichen herrscht eine tollwütige Habsucht,
die abstumpft und mordet. Die Gier der Räuber und die Angst, die sie
erregen, verunstalten Körper und Bewusstsein.
Das Menschliche irrt mehr und mehr unter Masken umher, die ihm die Haut
zerfressen. Das Lebendige macht seinen Trugbildern Platz. Überall herrscht
eine vor Verachtung für Menschen und Dinge zitternde kriecherische Lethargie.
Resigniert billigen die Menschen den Zynismus, der zum obersten Gesetz
wird.
Wir haben miterlebt, wie so manche unter dem Slogan "Arbeitet nie!! Ihr Recht
auf Faulheit rentabel machten, indem sie andere arbeiten ließen.
Der Spekulations- und Finanzkapitalismus macht das besser: Er wertet die nützliche
Tätigkeit ab und die lukrative Nutzlosigkeit auf.
In der Logik des Raubes wird nicht schöpferische Betätigung das Ende der Arbeit
einläuten, sondern der allgemein gewordene Betrug. Die Langeweile, die der
Existenz nach und nach auch den letzten Zauber raubt, ist zur Profitquelle
geworden.
Das Geld ist die Leidenschaft, die bleibt, wenn alle anderen erloschen sind,
und sie verschlingt, falls sie wiedergeboren werden.
(RAOUL VANEIGEM)

Die Entwicklung der Welt hat die schlimmsten Befürchtungen
der Situationisten bestätigt. Da keine neuen Werte geschaffen
wurden, die auf dem Leben und der Entschlossenheit gründen,
dessen uneingeschränkte Souveränität  sicherzustellen, sehen
wir uns einer Leere gegenüber, in der sich in wildem Durch-
einander die patriarchalen Werte und die Erinnerung an die
Kämpfe gegen Staat, Armee, Polizei, Religion, Ideologien ge-
genseitig verschlingen.
Die Arbeit, die zu verweigern wir stets angeregt haben, ist
heute aus dem doppelten Grund schädlich, weil sie sinnlos ist
und knapp wird.
Diejenigen, die ihre Wirkkraft preisen und durch Beschäfti-
gungsgarantien Hoffnungen auf ein Konsumglück vorgaukeln,
sind genau dieselben, die Unternehmen schießen, weil die Ar-
beit den Aktionären weniger Gewinn einbringt als die Börse.
Die internationalen Börsenspekulanten haben die fleißige
Nutzlosigkeit zum Instrument ihrer Bereicherung gemacht. Die
einst vorrangige Produktion zur Befriedigung der Grundbedürf-
nisse kann dem Reiz von ebenso einträglichen wie zufallsbe-
dingten Spekulationsgeschäften nicht standhalten.
In den Bienenstöcken der Industrie ist nur noch das sinnlose
Rauschen der Angst und der Demotivation zu hören. Wo es noch
Arbeit gibt, hat sie nur eine Gnadenfrist. Der Moloch der Indus-
trie wird bald nichts als Kulisse sein, ein Bühnenhintergrund, vor
dem die Hilfsarbeiter kommen und gehen, die einzig die Sorge
um einen ungewissen Lohn umtreibt. Sie wissen, dass sie, am
seidenen Faden hängend, der Schere einer Ökonomie preisgege-
ben sind, die aus dem eigenen Bankrott noch Gewinn schlägt.
Denn die Geschicke eines Unternehmens werden künftig auf dem
Schachbrett seiner lukrativen Liquidation entschieden.

Der Fluch der Arbeitslosigkeit liegt darin, dass sie den Fluch
der Arbeit fortbestehen lässt. Kaum steht das Fließband still,
empfindet der Mensch die Abschaffung der Sklaverei, durch de-
ren Einführung er sich einst disqualifiziert hat, als Qualitäts-
verlust.
Die Verknappung einer Arbeit, die das Überleben dem Le-
ben vorzog, lässt neben der Entbehrung auch den Mangel am
Allernotwendigsten bedrohlich nahe rücken. Da sie dem Leben
mit seinem Einfallsreichtum keine Vorrangstellung einräumen,
opfern die Arbeiter durch ihre an der Börse spekulierenden
Chefs vom Arbeitsmarkt verstoßen. ihr Leben auch weiterhin,
als wären sie ihrerseits Aktionäre der Leere geworden und spe-
kulierten mit ihrer eigenen Nichtexistenz.
Der Geldfetischismus vollendet die Diskreditierung einer
Arbeit, deren schwindende Rentabiität ihr schließlich sogar das
Gefühl gesellschaftlichen Nutzens nimmt, das lange Zeit noch
ihre Notwendigkeit begründete. Die Mode der kurzfristigen Be-
reicherung gewinnt der Verachtung der Lohnarbeit und der mit
ihr verbundenen Unsicherheit eine noch ungesundere und nie-
derträchtigere Sorge um den Umsatz ab: Geschäftemacherei
reinsten Wassers, Gewinnbessenheit, Erpressung von Gel-
dern, ob legal oder illegal, Profite aus Betrugsmanövern, die
immer löblich sind, wenn sie erfolgreich waren.
Der Baum der Freiheit ist nur die Stange, auf der die
Geier sitzen.
Wie lässt sich in einer Zeit, da Verunsicherung, Angst und Re-
signation einen Fatalismus verbreiten, der das Abgleiten in die
Tyrannei und die abscheuliche Wiedergeburt religiöser und
ideologischer Intoleranz fördert, begreifbar machen, dass die
Arbeitslosigkeit - anders als die Arbeit, die uns uns selbst
entfremdet - keine leere Zeit ist, sondern Zeit, über die wir
verfügen können? Wie lässt sich wieder ein Bewusstsein da-
für schaffen, dass Arbeitslose ihr Leben endlich so gestalten
können, dass sie etwas davon haben? Dass man hier einen
Raum befreien und sich aneignen kann, das hier ein Gebiet zu
erobern und fruchtbar zu machen ist, indem es dem
Wunsch verschreibt, etwas zu schaffen und sich selbst zu er-
schaffen?

Das Spektakel, in dem das Leben abstrakt, von sich selbst ge-
trennt ist, hat sich überall durchgesetzt. Man erlebt nur, was
man sieht; was man nicht sieht, existiert nicht, ist jene Leere,
die sich mit immer größerer Leere füllt.
Der Nihilismus wird von einem Wettrennen in die Ver-
nichtung abgelöst, bei dem nur die besessene Gier nach
Geld befriedigt wird. Wie Chavée vorhergesagt hat, sind wir
drauf und dran, >>mit dem Nichts furchtbare Ersparnisse zu machen.<<

Das monetäre Gesetz der Austauschbarkeit setzt den Men-
schen mit einer vermenschlichten Ware gleich. Die Götter stei-
gen wieder auf die Erde herab, die sie in dem Maß geplün-
dert haben, wie die Verehrung des Geldes sich ökumenisch
Religionen wie Ideologien einverleibte. Wie Überlebende, die
sich sehnlich eine Existenz wünschen, sind sie Gespenster,
Trugbilder von Homunkuli, die durch eine Nacht ohne Morgen
irren.
Die Vermählung von Himmel und Erde vollzieht sich in der
Auflösung des Lebendigen. Die totalitäre Ökonomie errichtet
ein Pantheon, in dem das virtuelle Geld unter dem Schutz der
Börsennotierung über die Menschendämmerung und phantas-
matiche Gottheiten regiert.
(RAOUL VANEIGEM)