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Die Revolution in Bayern 1918/1919 nach einer Artikelserie in der Tageszeitung junge Welt von November 1998 bis Juni 1999 mit freundlicher Genehmigung des Autors N.B.

    ***

    "Freistaat Bayern" - das scheint heute ein Synonym für CSU-Herrschaft, Law-and-Order-Politik, Rückständigkeit und Intoleranz zu sein. Kaum jemand denkt daran, daß es ein Berliner Sozialist war, der während der Revolution 1918 Bayern zum Freistaat erklärte. Stoiber und seine Amigos verdrängen den revolutionären Ursprung ihres geliebten "Freistaates" und die bayerische SPD - Mitschuldige an der blutigen Zerschlagung der bayerischen Revolution - schweigt sich ebenfalls lieber aus./

    Wie überall im Reich herrschte auch in der bayerischen Landeshauptstadt München Ende 1918 Lebensmittelknappheit, und Kriegsverdruß. Dazu kam noch die Wut auf die Berliner Zentralgewalt. Ging doch das Gerücht um, vor allem bayerische Soldaten würden als Kanonenfutter für den preußischen Kaiser geopfert. Schon im Januar 1918 war es in mehreren Münchner Rüstungsbetrieben zu Streiks gekommen. Der Führer der Münchner Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD), Kurt Eisner, war deswegen bis Mitte Oktober inhaftiert worden. Kurt Eisner, ein jüdischer Literat aus Berlin, der mit einer wilden weißen Haarmähne und dichtem Bart schon rein äußerlich nicht dem Bild eines Bayern entsprach, verstand es dennoch vorzüglich, gerade den Preußenhaß der Bayern für seine politischen Ziele zu verwenden. In Bayern, so Eisner, seien die Leute viel freiheitlicher gesinnt und kennen nicht die preußische Überdisziplin. Deswegen sei auch er als Preuße nach München gekommen. Vor dem Krieg gehörte Eisner zum revisionistischen Flügel der SPD um Eduard Bernstein. Nicht der Marxismus sondern die Vernunftphilosophie Emanuel Kants war sein Leitbild. Als Pazifist schloß sich Eisner den in der USPD versammelten Kriegsgegnern an.
     
     
    Als die deutsche Niederlage im Krieg offensichtlich wurde und die Reichsregierung vorsichtige demokratische Reformen einleitete, um die Verantwortung für die Niederlage auf Liberale und Sozialdemokraten abzuwälzen, hielten die bayerischen Arbeiter endgültig nicht mehr still. Für den 7.November war auf der Münchner Theresienwiese eine Friedenskundgebung einberufen worden. Nicht nur Eisners USPD, sondern auch die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) waren gezwungen, zur Kundgebung zu mobilisieren, wollten sie nicht noch mehr Anhänger an die Unabhängigen verlieren. Bis vor kurzem im Burgfrieden mit König und Kaiser, widerstrebten den MSPD-Führern die Demonstration zutiefst. Untertänig versicherte deren Vorsitzender Erhard Auer den königlich-bayerischen Ministern, man werde Kurt Eisner "schon an die Wand drücken".

    80.000 Menschen strömten bei einem für die Jahreszeit außergewöhnlich milden Wetter auf die Theresienwiese. Nicht nur die MSPD-nahen Gewerkschafter der Münchner Großbetriebe, sondern auch radikalere sächsische Arbeiter, die im Krieg in den Krupp-Werken eingesetzt wurden, waren dabei. Dazu kam eine große Zahl von meuternden und desertierten Soldaten. Unter Führung des blinden Bauernbundführers Ludwig Gandorfer beteiligten sich Bauern aus dem Umland. Gandorfer war ein Sozialist aus dem Freundeskreis von Kurt Eisner. Auf seinem Hof war auch "Helmi", der Sohn von Karl Liebknecht untergekommen, der wegen der Antikriegstätigkeit seines Vaters nicht in Berlin auf der Schule bleiben konnte. Neben den Arbeitern, Soldaten und Bauern strömten noch die unvermeidlichen Bierkeller-Rabauken und Schwabinger Kaffeehausliteraten zur Friedenskundgebung. Einige dieser Schwabinger Intellektuellen sollten in den folgenden Monaten noch führende Positionen in der Räterepublik erlangen. Bis zu 25 Redner sprachen gleichzeitig an verschiedenen Stellen des weiten Platzes. Gemäßigte Sozialdemokraten wie Erhard Auer versuchten, die aufgebrachte Menge zu beruhigen und mit Versprechungen baldiger Reformen abzuspeisen. Anarchisten wie der Dichter Erich Mühsam propagierten die sofortige Errichtung eines sozialistischen Rätesystems nach sowjetischem Vorbild. Kurt Eisner und die Mehrheit der Redner forderten den Rücktritt des bayerischen Königs und Kaiser Wilhelms II., die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung, eine Demokratisierung des Staates und die Entfernung von Reaktionären aus der Verwaltung. Die Forderung nach Annahme der alliierten Waffenstillstandsbedingungen zur Erlangung eines sofortigen Friedens wird noch bis in bürgerliche Kreise hinein mitgetragen. "Es lebe die Revolution!" steht auf vielen Plakate und rote Fahnen dominieren die Kundgebung. "Hoch Eisner! Hoch die Weltrevolution!" beantworten Tausende von Arbeitern, die sich unterhalb des Bavaria-Denkmals versammelt hatten, die Rede des USPD-Führers. Ein Teil der Demonstranten unter Führung Erhard Auers zog nach der Kundgebung zum weit entfernten "Friedensengel". Auf Weisung von MSPD-Funktionären begaben sie sich sodann friedlich nach Hause. Auf der Theresienwiese forderte unterdessen der noch in feldgrauer Uniform gekleidete USPD-Aktivist Felix Fechenbach: "Genossen! Unser Führer Kurt Eisner hat gesprochen. Es hat keinen Zweck mehr, viele Worte zu verlieren. Wer für die Revolution ist, uns nach! Mir nach! Marsch!" Zehntausende von Menschen setzen sich in Bewegung, an der Spitze Arm in Arm der hagere Berliner Literat Eisner und der breitschultrige, bayerische Bauer Gandorfer. Ziel der Demonstranten war die nahegelegene Guldeinschule, in der Landstürmer untergebracht waren. Nachdem der diensthabende Major sich weigert, das Gebäude zu übergeben, stürmen die Revolutionäre das Gebäude. Die Landsturmleute schließen sich augenblicklich den Aufständischen an. Waffen werden verteilt. Auch bei den anderen Münchner Kasernen ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Wachen werfen ihre Waffen weg, die Mannschaften schließen sich mit roten Wimpeln an ihren Gewehren den Revolutionären an. Auch die Gefangenen im "Franzl", dem Militärgefängnis werden befreit. Die Wärter haben ihre Uniformen gegen Häflingskleidung vertauscht, um nicht erkannt zu werden. Doch die erzürnten Ex-Häftlingen geben nicht auf, bis sie Rache an ihren Schindern nehmen können. Bis 22 Uhr sind alle Münchner Kasernen, die Ministerien und der Landtag, Bahnhof, Post und Telegraphenamt in der Hand revolutionärer Arbeiter und Soldaten.

    Der bayerische König Ludwig III. hatte an diesem Tag seinen gewohnten Spaziergang im Englischen Garten gemacht, als ihm ein Schutzmann mitteilte, die Revolution sei ausgebrochen. Der König nahm die Angelegenheit zuerst nicht allzuernst. Während sich eine Menschenmenge vor der Residenz versammelte, speiste er mit seiner Gemahlin Maria Therese zu Abend. Erst auf Druck einiger Minister, die den Ernst der Lage erkannten, beschloß König Ludwig III., für einige Tage die Landeshauptstadt zu verlassen. Wie weit die Revolution schon vorgedrungen war zeigt, daß der König den Fahrer einer Mietwagenfirma holen mußte, da der königliche Chauffeur sich den Aufständischen angeschlossen hatte.

    Die Revolutionäre begaben sich am Abend in den größten Münchner Bierkeller, dem Mathäserbräu in der Nähe des Hauptbahnhofs. Um 22.30 Uhr eröffnet Eisner als erster Vorsitzender die vorläufige konstituierende Versammlung der Arbeiter,-Soldaten,- und Bauernräte. Begleitet von bewaffneten Gardisten marschieren die Ratsmitglieder zum Landtagsgebäude, wo Eisner die bayerische Republik ausruft: "Die bayerische Revolution hat gesiegt, sie hat den alten Plunder der Wittelsbacher Könige hinweggefegt. Der, der in diesem Augenblick zu Ihnen spricht, setzt Ihr Einverständnis voraus, daß er als provisorischer Ministerpräsident fungiert." Ausgehend von der Revolution in München bildeten sich auch in anderen bayerischen Städten wie Passau, Augburg, Rosenheim, Bayreuth und Nürnberg Arbeiter,- Bauern,- und Soldatenräte. Ausgerechnet im konservativen Bayern war der erste deutsche Königsthron durch einen Volksaufstand gestützt worden. Am Morgen des 8.Novembers wehten rote Fahnen auf den Türmen der Münchner Frauenkirche und die Presse verkündete die Proklamation der Republik durch Ministerpräsident Eisner: "Bayern ist fortan ein Freistaat!"

    Fanal der bayerischen Revolution

    „Ich gehe jetzt, den Eisner zu erschießen.“rief Anton Graf Arco einem Verwandten zu, der ihm am Morgen des 21. Februar zufällig begegnete. Minuten später war der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner tot. Getroffen von zwei Genickschüssen, die der junge Offizier aus nächster Nähe abgefeuert hatte. Schwerverwundet durch die Schüsse von Eisners Leibwächtern sinkt auch der Attentäter vor dem bayerischen Außenministerium im Palais Montgelas zu Boden. Nur eine sofortige Operation durch den berühmten Chirurgen Professor Sauerbruch kann ihm das Leben retten. Für Eisner kam jede Hilfe zu spät. Nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatten die deutschen Arbeiter einen weiteren Anführer durch den Mordanschlag eines Reichwehroffiziers verloren.

    Am 7.November hatte der Münchner USPD-Vorsitzende Kurt Eisner die Friedensdemonstration von 80.000 Arbeitern, Soldaten und Bauern auf der Theresienwiese angeführt. Unter dem Druck der kriegsmüden Bevölkerung stürzte der bayerische Königsthron. Noch in der Nacht zum 8.November verkündete Kurt Eisner als provisorischer Ministerpräsident: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“
     
     
     
    Als „Preuße“, Jude, Literat und Sozialist war Kurt Eisner von Anfang an dem besonderen Haß aller reaktionären Kräfte ausgesetzt. Er sein ein Ostjude, der eigentlich „Salomon Koschinsky“ hieße und sich nur zur Täuschung der Bayern Eisner nenne, lautete ein verbreitetes Gerücht. Im Mittelpunkt der von der gesamten bürgerlichen Presse getragenen Diffamierungskampagne befand sich die „satirisch-politische parteiose Zeitung“ „Rote Hand“. Herausgeber dieser antisemitischen Hetzschrift war die Thule-Gesellschaft des Mystikers Rudolf von Sebottendorff. Ihren Sitz hatte dieser „Orden für die deutsche Art“, der das Hakenkreuz zu seinem Symbol erwählte, im vornehmen Hotel Vier Jahreszeiten. Graf Arco wurde eine Mitgliedschaft in der Thule-Gesellschaft allerdings verwehrt, da er „von der Mutter her Judenblut in den Adern“ habe. Die Gesellschaft verstand sich als Zentrale der Gegenrevolution in Bayern. Unmittelbar nach der Revolution am 10.November wurde der Thule-Kampfbund als bewaffneter Kader gegründet. Seine Mitglieder arbeiteten verdeckt innerhalb der Arbeiterparteien, der Reichswehr und der Polizei. Auch in die von Eisner gegründete Republikanische Schutztruppe wurden Thule-Agenten eingeschleust. Ein erstes Attentat des Kampfbundes auf Eisner Anfang Dezember mißlang allerdings. Am 5.Januar 1919 gründete der Thule Mann Anton Drexler als parteipolitischen Arm der Thule-Gesellschaft, die Deutsche Arbeiterpartei, die später in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt werden sollten.

    Nicht nur von den völkischen Fanatikern drohte Eisner Gefahr. Auch sein Koalitionspartner, die Mehrheitssozialdemokratie mit Innenminister Erhard Auer an der Spitze ließ nichts unversucht, die alte Ordnung wieder zu restaurieren. SPD Mitglieder sabotierten gezielt die Arbeit der Räte. „Den Soldaten,- Arbeiter- und Bauernräten steht keinerlei Vollzugsgewalt zu. Sie haben daher jeden Eingriff in die staatliche und gemeindliche Verwaltungstätigkeit zu vermeiden“, stellte Auer bereits am 21. November klar.

    Als Anhänger der Philosophie Emanuel Kants sah Eisner in den Räten vor allen ein Mittel zur Erziehung der Bevölkerung zur Demokratie:„Die Revolution ist nicht die Demokratie, sie schafft erst die Demokratie.“ Daher wollte Eisner den Räten auch keine legislative oder exekutive Gewalt übertragen, sondern ihnen lediglich beratende und kontrollierende Funktionen gegenüber dem Parlament zugestehen.

    Die Mitglieder des Revolutionären Arbeiterrates, vor allem Anarchisten und Anhänger der neugegründeten KPD, forderten dagegen ein Rätesystem nach sowjetischen Modell und wollten sich nicht mit der „halben Macht den Räten“ zufriedengeben. Als am 7.Januar 1919 4000 Arbeitslose versuchten, das Sozial-Ministerium am Promenadenplatz zu besetzen, gab es drei Tote und acht Verwundete. Eisner ordnet die Verhaftung führender KPD-Mitglieder und Anhänger des Revolutionären Arbeiterrates an. Unter den Verhafteten sind auch der Münchner KPD-Chef Max Levien und der Anarchist Erich Mühsam. Eine Demonstration vor das Außenministerium kann die sofortige Freilassung der Verhafteten erzwingen.

    Deutlich wurde die Isolation des Ministerpräsidenten in der Landtagswahl vom 12. Januar. Seine USPD blieb unter drei Prozent. Die Wahlgewinner waren die konservative Bayerische Volkspartei mit 35 und die Sozialdemokratie mit 33 Prozent. Zu diesem Debakel für Eisner trug auch der Beschluß der KPD zum Wahlboykott bei. In Bayern stand die KPD noch stark unter dem Einfluß der „Vereinigung Revolutionärer Internationalisten“ um den Anarchisten Erich Mühsam, die sich zeitweilig der Partei angeschlossen hatten.

    Als drei Tage nach der Bayernwahl rechtsradikale Freikorps in Berlin Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordeten, rief der Revolutionäre Arbeiterrat zur„revolutionären Wachsamkeit“ auf. Auf der Demonstration dominierten Parolen wie „Alle Macht den Räten. An der Spitze dieser Demonstration fuhr im offenen Auto der noch amtierende Ministerpräsident des Freistaates, Kurt Eisner. In seiner letzten öffentlichen Rede forderte er, „die Massen zu sammeln“ , um „das Werk der Revolution zu vollenden“.

    Die Mordhetze gegen den Ministerpräsidenten nahm von Tag zu Tag zu. „Alle, mit denen ich zusammentreffe, rechnen mit einem Attentat auf Eisner“, vermerkt Dr. Herbert Field, amerikanischer Repräsentant der Kommission für die Friedensverhandlungen, in seinem Tagebuch. „Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen“, antwortete Eisner auf solche Warnungen. Als ihn am 21.Februar die tödlichen Schüssen trafen, befand er sich auf dem Weg zum Landtag, um seinen Rücktritt als Ministerpräsident verkünden.

    Der Schriftsteller Oskar Maria Graf bereichtete: „Da hatten sich Hunderte schweigend um die mit Sägespänen bedeckten Blutspuren Eisners zu einem Kreis gestaut. Etliche Soldaten traten in die Mitte und erreichteten eine Gewehrpyramide. Dem einen rannen dicke Tränen über die braunen Backen. Plötzlich fuhr vorne am Promenadenplatz ein vollbesetztes Lastauto mit dichten Fahnen und Maschinengewehren vorüber, und laut schrie es herunter: Rache für Eisner!“

    Innenminister Auer von der SPD war in den Augen vieler Arbeiter der geistige Urheber des Mordes. Der Ruf wird laut :„Nieder mit dem Verräter Auer“. Dieser hatte gerade im Landtag einen kurzen Nachruf auf den Ermordeten gehalten, als Schüsse fielen. Der Metzger Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates, war mit einem Browning Gewehr in den Plenarsaal gestürmt. Auer bricht schwer verwundet zusammen, ein weiterer Abgeordneter und ein Offizier sind sofort tot. In wilder Panik stürmen die Landtagsabgeordneten aus dem Gebäude. Die Macht liegt plötzlich beim neugebildeten Zentralrat der Arbeiter,. Soldaten- und Bauernräte Bayerns. Der Zentralrat verhängt den Ausnahmezustand über München. Eisners Bestattung am 26. Februar wird zu einer einzigen revolutionären Kundgebung im ganzen Land. „Als Attentat auf die Revolution wurde die Bluttat denn auch vom Proletariat bewertet, und es war nur natürlich, daß im Augenblick nach seiner Ermordung sich alle Sympathien Eisner wieder zuwandten. Er war mit seinem Tode zum Symbol der bayerischen Revolution geworden“, erklärt Erich Mühsam die Wirkung des Attentats.

    Der Mord an Kurt Eisner sollte die zweite Phase der bayerischen Revolution einleiten, die in der Errichtung der Räterepublik gipfelte. Anton Graf Arco wurde zum Tode verurteilt, eine rechtsbürgerliche bayerische Regierung wandelte das Urteil schon Anfang 1920 in Festungshaft um. 1924 wird er begnadigt. Er gilt bis heute als Einzeltäter. Spuren, die auf eine Offiziersverschwörung und die Thule-Gesellschaft hindeuteten, wurden von der Justiz ignoriert. An Kurt Eisner, den Gründer Freistaates Bayern, erinnern bis heute nur zwei kleine Tafeln an der Stelle seiner Ermordung gegenüber dem Hotel Bayerischer Hof.


    Die 1. Räterepublik in München

    Als der sozialistische Ministerpräsident Kurt Eisner am Morgen des 21.Februar 1919 von den Schüssen des Reichwehrleutnants Anton Graf Arco tödlich getroffen zu Boden fiel, war dies nicht wie von Seiten des Bürgertums erhofft das Ende der bayerischen Revolution. Vielmehr ging die Bewegung in ihre zweite, radikalere Phase. Von den Schüssen des kommunistischen Metzgers Alois Lindner wurde der gerade einberufenen Landtag auseinandergetrieben. Die Macht lag plötzlich wieder bei den Arbeiter,- Soldaten- und Bauernräten und deren obersten Organ, dem Zentralrat unter Vorsitz des Unabhängigen Sozialdemokraten Ernst Niekisch. Massendemonstrationen in ganz Bayern zu Eisners Beerdingung zeugten von einem deutlichen Linksruck in der Arbeiterschaft durch die Bluttat. Die Verfechter eines Rätesstems waren wieder in der Offensive. Gerade auf dem bayerischen Land entstanden unter der bisher passiven Bevölkerung neue Räte. In München tagte vom 25. Februar bis zum 8.März ein Rätekongreß, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Wie sehr sich der unerfahrene Münchner KPD-Vorsitzende Max Levien täuschte, als er den Rätekongreß schon als die Diktatur des Proletariats bezeichnete, zeigte sich, als am 27.Februar die sozialdemokratisch geführte Republikanische Schutztruppe in den Kongreß eindrangen und ihn und Mühsam kurzerhand verhafteten. Unter dem Druck der Räte mußten die Revolutionäre zwar wieder freigelassen werden, doch die SPD hatte deutlich gemacht, daß sie mit den Räten so schnell wie möglich Schluß machen wollte.
     
     
    Vor allem scheiterte der Rätekongreß an sich selber. Ein Arbeiter berichtet: „Proletarier! Ich bin seit 24. Februar in diesem Hause und habe in keiner Sitzung gefehlt. Ich kann es kurz machen, ich habe den Eindruck gewonnen, daß ich mich in einem Narrenhause befinde und daß die Insassen alle, wie sie hier sind, nicht fähig sind, auch nur ein Atom für das Volkswohl zu schaffen.“ Die noch schwache KPD war auf dem Kongreß kaum vertreten. Zudem stand sie unter dem Einfluß von Mühsams Anarchisten, die ihr kurzzeitig beigetreten waren. Die zentristische USPD, die den größten Teil der revolutionär gesinnten Arbeiter repräsentierte, war in sich gespalten. Ihr Parteiführer Karl Kautsky weilte in München, um die Partei auf einen gemäßigten Kurs zu bringen. Die Führung der Münchner USPD lag bei dem politisch unerfahrenen pazifistischen Dichter Ernst Toller, der auch schon mal eine Revolution der Liebe ohne Waffen forderte. Nur die Mehrheits-SPD wußte genau, was sie wollte. Während ihre Vertreter auf dem Rätekongreß mit der Verschleppung vieler Anträge zu fruchtlosen Diskussionen beitrugen, richtete sich das 3.Armeekommando in Nürnberg unter Führung des Sozialdemokraten Ernst Schneppenhorst auf eine militärische Niederschlagung der Rätebewegung ein. Der „bayerische Noske“ ließ Flugblätter über München abwerfen, die mit offener Gewalt drohten, sollten sich die Räte nicht von anarchistischen und kommunistischen Einfluß freimachen. Ein Antrag Erich Mühsams zur sofortigen Ausrufung der Räterepublik hatte der Rätekongreß bereits mit 234 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Stattdessen beschloß der Kongreß die Wiedereinberufung des Landtages vorzubereiteten. Die SPD hatte unterdessen mit den bürgerlichen Parteien, darunter der rechtsklerikalen Bayerischen Volkspartei, die Bildung einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung vereinbart. Die bürgerlichen Parteien hatten erkannt, daß sie momentan über keinen Rückhalt bei den Massen verfügten und zur Erdrosselung der Revolution auf die SPD angewiesen waren. „In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein eckelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei“ bemerkte der anarchistische Schriftsteller und Räteaktivist Gustav Landauer damals. Im sogenannten Nürnberger Kompromiß einigten sich USPD und SPD auf die Bildung einer Regierung unter Ministerpräsident Hoffmann. Militärminister wurde der bei den Räten verhaßte Schneppehorst. Um die USPD zu besänftigen, wurden den Räten beratende Funktionen zugestanden.

    Am Tag der Regierungsbildung am 18.März erschien die erste Ausgabe des KPD-Organs „Münchner Rote Fahne“. Chefredakteur war Eugen Leviné, ein erfahrener Kampfgefährte Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Er war von der Parteizentrale nach München geschickt worden, um der jungen bayerischen KPD unter die Arme zu greifen. Unter Levinés Leitung begann die Partei systematisch mit dem Aufbau von Parteizellen in Betrieben und Kasernen. „Gewiß, wir stehen auf dem Boden des Rätesystems, aber wir haben die Voraussetzungen erst noch zu schaffen, die dieses System gewährleisten. Wir haben Arbeiterräte zu bilden aus den Betriebsräten der beschäftigten Arbeiterschaft und der Fülle der Arbeitslosen“ umriß Leviné die nächsten Aufgaben der Kommunisten. Die Erfahrungen der russischen Revolution ebenso, wie das Scheitern des Berliner Januaraufstandes, ließen Leviné mißtrausch gegenüber Putschismus und revolutionärer Ungeduld sein.

    Einige SPD-Führer hatten verstanden, daß es die einfachste Art sei, den Rätegedanken völlig zu kompromitieren, wenn sie selber aktiv zur verfrühten Ausrufung einer „Räterepublik“ hindrängten. Die Stimmung unter großen Teilen der Arbeiterschaft war revolutionär. Die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn am 20.März war ein ermutigendes Beispiel. Am 4.April traten die Augsburger Arbeiter in den Generalstreik und forderte die Ausrufung der Räterepublik. Scheinbar unter dem Eindruck der Massenbewegung, in Wirklichkeit aus konterrevoutionären Kalkül wurden in München ausgerechnet der sozialdemokratische Stadtkommandant Dürr und Militärminister Schneppenhorst zu den entschiedensten Vertretern der Räterepublik. Beide hatten in den Wochen zuvor nicht gezögert, militärische Gewalt gegen die Räte anzudrohen. Während Anarchisten und Unabhängige Sozialdemokraten sich bedenkenlos mit den plötzlich gewendeten Mehrheitssozialdemokraten gemein machten, verweigerte die KPD der geplanten Räterepublik jegliche Unterstützung. Leviné warnte: „Das ganze scheint mehr eine Provokation der SPD zu sein. Sie sehen, daß unser Einfluß von Tag zu Tag größer wird, und versuchen nun, künstlich von oben eine Räterepublik einzusetzen, die keinen genügenden Unterbau hat und leicht zu zerschmettern und vor den Massen zu diskreditieren ist. Das gäbe ihnen auch den gewünschten Anlaß, ihre Truppen in München einmarschieren zu lassen.“ Prophetisch erkannte er: „Nach dem ersten Rausch würde folgendes eintreten: die Mehrheitssozialisten würden sich unter dem ersten besten Vorwand zurückziehen und das Proletariat bewußt verraten. Die USPD würde mitmachen, dann umfallen, anfangen zu schwanken, zu verhandeln und dadurch zum unbewußten Verräter werden. Und wir Kommunisten würden mit dem Blut unserer Besten eure Tat bezahlen.“ Doch alle Warnugen der KPD halfen nichts. In der Nacht zum 7.April verkündete Ernst Niekisch im Aufrag des Revolutionären Zentralrates: „Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik.“ Während sich in Nürnberg, der zweitgrößte Stadt Bayern eine Mehrheit gegen eine Räterepublik ausgesprochen hatten, entstanden in anderen bayerischen Städten kurzlebige Räterepubliken, die schon nach ein bis zwei Tagen zerfielen oder gestützt wurden.

    Die größte Änderung unter der vorgeblichen „Rätemacht“ schien allerdings die Schreibweise Baiers mit einem „i“ statt einem „y“ zu sein. Die Münchner Rote Fahne höhnte: „Alles wie sonst. In den Betrieben schuften und fronen die Proletarier nach wie vor zugunsten des Kapitals. In den Ämter sitzen nach wie vor die königlichen Wittelsbacher Beamten. An den Straße die alten Hüter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit dem Schutzmannssäbel. Kein bewaffneter Arbeiter zu erblicke. Keine roten Fahnen. Keine Besetzung der Machtpositionen der Bourgeosie...“


    Tage der Arbeitermacht

    Trotz aller Warnungen der Kommunistischen Partei hatten Anarchisten, USPD und einzelne Vertreter der SPD am 7.April 1919 „Baiern“ zur Räterepublik erklärt. Der „Scheinräterepublik“ fehlte die stabile Basis unter den Arbeitern in den Betrieben. Auch verfügte sie über keine bewaffnete Exekutive zur Durchsetzung ihrer vollmundigen Proklamationen. Ein ganz eigenes Schauspiel bot der Rat der Volksbeauftragten als oberstes Organ. Der Volksbeauftragte für Volksaufklärung Gustav Landauer hatte sich zwar einen Namen als Philosoph und Shakespeare-Übersetzer gemacht, war für die praktische Politik allerdings gänzlich ungeeignet. Die Verbreitung atheistischer Propaganda im streng katholischen Bayern stand für ihn als überzeugten Anarchisten im Vordergrund. Der Volksbeauftragte für das Äußere, ein gewisser Dr. Lipp, stellte sich nach wenigen Tagen als geisteskrank heraus und mußte in die Psychatrie eingeliefert werden. Zuvor ließ er noch absurde Erklärungen per Funk verbreiten. In einer Lageschilderung an Lenin beklagte er so: „Bamberg Sitz des Flüchtlings Hoffmann, welcher aus meinem Ministerium den Abortschlüssel mitgenommen hat.“ Für die Finanzen verantwortlich war der Erfinder der Freigeldlehre Silvio Gesell, dessen wirre Theorien von der Abschaffung des „kapitalistischen Geldes“ als „Dritter Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus bis heute von Anarchisten (Anmerkung von AnaRKomM: Die meisten AnarchistInnen lehnen heute die Freigeldlehre komplett ab und sie war auch damals umstritten. AnaRKomM hält natürlich gar nichts von der bürgerlichen Freigeldlehre) und Neofaschisten gleichermaßen nachgebetet werden. Der Sozialdemokrat Schneppenhorst, der zuvor die Räterepublik mit ausgerufen hatte, setzte sich nach Nürnberg ab, um als Militärminister der Regierung Hoffmann die militärische Niederschlagung der Scheinräterepublik vorzubereiten.
     
     
    Nach nur sechs Tagen war das Gastspiel der Schwabinger Kaffeehausliteraten in der Politik beendet. Wie die KPD gewarnt hatte, nutzte die nach Bamberg geflohene sozialdemokratische Regierung Hoffmann das Chaos der Scheinräterepublik für einen gegenrevolutionären Putsch. Am Palmsonntag den 13.April besetzten Mitglieder der Republikanischen Schutztruppe öffentliche Gebäude in München und verhafteten 12 Mitglieder der Räteregierung. Die Kommunisten, die sich bisher auf das Schärfste von der Scheinräterepublik distanziert hatten, sahen jetzt die Notwendigkeit, sich an die Spitze des Kampfes gegen die Putschisten zu stellen. Gestützt auf die in den letzten Wochen geschaffenen Betriebs- und Kasernenräte organisierte die KPD die bewaffnete Niederschlagung des Palmsonntagsputsches. Die KPD hatte die Verantwortung übernommen und konnte nicht mehr zurück. Ein Aktionsausschuß der drei Arbeiterparteien wählte einen Vollzugsrat mit dem Kommunisten Eugen Leviné an der Spitze. Die kommunistisch geführte Räteregierung ergriff sogleich Maßnahmen zur Verteidigung der Revolution. Ein 10-tägiger Generalstreik gab ihr Zeit, die Arbeiter zu bewaffnen. An der Spitze der Bayerischen Roten Armee stand der 22-jährige Matrose Rudolf Egelhofer, der zudem Stadtkommandant von München wurde. Zur Entwaffnung des Bürgertums erließ er folgenden Aufruf: „Beschluß! Sämtliche Bürger haben binnen 12 Stunden jede Art von Waffen in der Stadtkommandantur abzuliefern. Wer innerhalb dieser Zeit die Waffe nicht abgegeben hat, wird erschossen.“ Um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, beschlagnahmte die Rote Armee Lebensmittellager und Hamsterware. In den Betrieben übten die Betriebsräte die Kontrolle über die Finanzen aus und erhöhten die Löhne. Die bürgerliche Presse wurde verboten oder erschien unter Kontrolle der Räte. Es herrschte tatsächlich die Diktatur des Proletariats in München.

    Die Regierung Hoffmann hetzte die Landbevölkerung gegen die „Diktatur der Russen und Juden“ in der Stadt auf, die angeblich die Frauen zu Gemeineigentum erklärt hätten. Eine Hungerblockade gegen die Münchner Räterepublik setzte ein. Jetzt rächte es sich, daß die Münchner Revolutionäre die Bauernfrage im Agrarland Bayern unterschätzt hatten.

    Da es nicht gelang, ausreichende bayerische Truppen auszuheben, die bereit waren, gegen ihre Landsleute in München zu kämpfen, entschloß sich Ministerpräsident Hoffmann, von Gustav Noske Freikorps aus Berlin anzufordern. In der zweiten Aprilhälfte rückte 35.000 Soldaten der Weißen Armee unter General v. Oven auf München zu. Mit dabei waren Protofaschisten wie der Ritter von Epp und der spätere Führer der Fememörder-Organisation Orgesch Escherich. Viele Soldaten trugen schon das Hakenkreuz am Helm. Bayerische Offiziere bekamen keine Befehlsgewalt.

    Ein überraschender Sieg der Roten Armee unter Führung Tollers am 16.April in Dachau verleitete die USPD dazu, Verhandlungen mit der Bamberger Regierung zu suchen. Doch Hoffmann hatte die Macht längst Armee und Freikorps überlassen und besaß keinerlei Handlungsspielraum mehr. Während die kleinbürgerlichen Kräfte um Toller der Konterrevolution soweit entgegenkamen, daß sie die bürgerliche Presse wieder zuließen, fanden die Kommunisten mit ihrer Forderung nach Verteidigung der Arbeitermacht bis zum letzten Mann keine Mehrheit und mußten am 27.April aus dem Aktionsausschuß ausscheiden.

    Am 1. Mai 1919 drangen die Weißen Truppen in München ein. Bis heute beklagt jedes bayerische Schulbuch den „Roten Terror“ der Erschießung von 10 Geiseln im Luitpoldgymnasium durch Rotgardisten. Alle Geiseln waren Mitglieder bewaffneter rechtsextremer Verbände wie der Thulegesellschaft. Vergessen sind dagegen die Massaker der Weißen an über 1000 Münchner Arbeitern. In den Arbeitervierteln Giesing, Sendling und um den Schlachthof wüteten die Freikorps besonders grausam. Bürgerliche Münchner, die sich die letzten Tage im Keller verkrochen hatten, bildeten Einwohnerwehren zur Jagd auf revolutionäre Arbeiter. Aufgrund willkürlicher Denunziationen wurden hunderte Münchner verhaftet oder gleich erschossen. Als Denunziant tat sich auch der Gefreite des 2.Infantrieregiments Adolf Hitler hervor. Während der Revolution hatte er sich ängstlich im Hintergrund gehalten. Nun lieferte Hitler diejenigen Regimentskameraden ans Messer, die die Räterepublik unterstützt hatten. Willkürlich wurden 21 katholische Gesellen niedergemetzelt, weil sie für „Spartakisten“ gehalten wurden und 55 russische Kriegsgefangene exekutiert. Kommandant Egelhofer wurde am 2.Mai erschossen, Gustav Landauer im Gefängnis Stadelheim erschlagen. An der Mauer des Gefängnisses prangte der Spruch: „Hier wird aus Spartakistenblut Blut- und Leberwurst gemacht.“ Eugen Leviné wurde nach einem fragwürdigen Prozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet, Erich Mühsam kam in langjährige Festungshaft.

    Tote auf Urlaub

    „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“, erklärte Eugen Leviné in seiner Verteidigungsrede vor dem Münchner Standgericht Anfang Juni 1919. Vor einem knappen Monat hatten die Noske-Garden das rote München eingenommen. Über 1500 Arbeiter wurden niedergeschlachtet, viele Revolutionäre wie der Anarchist Gustav Landauer und der rote Matrose Rudi Egelhofer fielen schon in den ersten Stunden der Lynchjustiz zu Opfer. Mit besonderem Eifer suchten die Bürgerwehren aber Eugen Leviné, einen „jungen Mann, von jäher und wilder Energie“, der in den Augen des Publizisten Sebastian Haffner „möglicherweise das Zeug zu einem deutschen Lenin oder Trotzki hatte“.

    Der Sohn einer jüdischen Kaufmannfamilie war 1883 im russischen Petersburg zur Welt gekommen. In Heidelberg, wohin in die Mutter zum Studium geschickt hatte, kommt er in Kontakt mit revolutionären Ideen durch russische Emigrantekreise. Er schließt sich 1903 der Sozialrevolutionären Partei an, die einen bäuerlichen Sozialismus anstrebte und nimmt an der russischen Revolution von 1905 teil. 1907 wird er verhaftet und schwer mißhandelt. Die Mutter, mir der er zuvor wegen seiner politischen Ideale gebrochen hat, kauft ihn mit einer hohen Kaution frei. Zurück in Deutschland nimmt er die deutsche Staatsbürgerschaft an. Im Weltkrieg gehört er zu den Mitbegründern der Spartakusgruppe. Als in Rußland die Oktoberrevolution siegt, stellt sich Leviné der russischen Botschaft zur Verfügung, wo er für Rosta, die Vorgängerin der Nachrichtenagentur TASS arbeitet. Für die Spartakusgruppe tritt er als Agitator im Ruhrgebiet auf. Die Ruhrarbeiter verleihen ihm als einzigen wichtigen KPD-Führer ein Mandat für den Allgemeinen Kongreß der Arbeiter und Soldatenräte Deutschlands.

    Mitte März wird Leviné von der KPD-Zentrale nach München geschickt, um dort die „Münchner Rote Fahne“ heraus zu geben und die aktivistische aber unerfahrene Ortsgruppe der Münchner KPD anzuleiten. Unter Levinés Anleitung wird ein Betriebrätesystem geschaffen, auf das sich die Kommunisten in der Räterepublik stützen können. Seit der russischen Erfahrung ist der Rätegedanke zentral in Levinés Denken. „Ich hätte niemals an einer Revolution teilgenommen, welche von den Führern geschoben worden wäre.“ In der kommunistische Räterepublik steht Leviné an der Spitze des Vollzugsausschusses.

    Als Jude und Russe zieht er sich den besonderen Haß der Rechten zu. Selbst der Dichter Ernst Toller, Führer der USPD in München, schreckt zuletzt nicht vor antisemitischen Angriffen auf Leviné zurück. „Ein hagerer Mann, aus dessen eingefallenem Gesicht die gebogene fleischige Nase groß hervorspringt.“ beschreibt ihn Toller auch später im Jahr 1933 in bester Stürmer-Manier.
     


    Knapp zwei Wochen nach dem Ende der Räterepublik, am 13.Mai, wird Leviné gefaßt. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark hat ihn ein Spitzel der Polizei ausgeliefert. Bei dem anschließenden Hochverratsprozeß geht es nicht um Recht, sondern nur noch um Macht. Das Gericht in der Münchner Au gleicht einem Heerlager. Maschinengewehre und Handgranaten allerorts.

    Auch die Erschießung von Geiseln, die der rechtsextremen Thulegesellschaft angehörten, wirft ihm das Gericht vor. Obwohl Leviné mit der Geiselerschießung nichts zu tun hatte, lehnt er es ab, diese zu verurteilen. Seine Frau Rosa Meyer-Leviné schildert seine Motive: „Vielleicht hätte er sein Leben retten können. Das wäre dann aber nicht mehr das Leben eines revolutionären Führers gewesen und hätte seiner Sache nicht mehr gedient. Es gibt kein Schachern, wenn es um menschliche Integrität geht. Ein kompromißlerischer, kriecherischer Leviné hätte in einem langen Leben nicht mehr das erreicht, was er in seinen letzten Tagen erreicht hat. Aus dem einfachen Grund, weil er dann moralisch tot gewesen wäre.“

    „Fällen Sie das Urteil, wenn Sie es für richtig halten. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, daß meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, daß der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese und ich mit ihnen zusammen, wir haben alles versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen die Internationale und die Kommunistischen Weltrevolution.“ schloß Leviné seine Verteidigungsrede. Das Standgericht verurteilt ihn zum Tode. Am 5.Juni 1919 wird er von einem Exekutionskommando erschossen. „Es lebe die Weltrevolution“, lauten seine letzten Worte. Mit einem 24-stündigen Generalstreik im ganzen Land protestieren Arbeiter gegen diesen Akt der Klassenjustiz.

    Heute ist Eugen Leviné weitgehend vergessen. In München erinnert kein Straßenname und keine Gedenktafel an den Mann, der damals in einem Atemzug mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg genannt wurde.

    Der SPD, die zur Niederschlagung der Revolution bereit war, die verhaßte preußischen Truppen nach Bayern zu holen, haftete seitdem der Ruf des Landesverräters an. Es ist den bayerischen Sozialdemokraten bis heute nicht gelungen, sich von ihrer damaligen Schmach zu erholen. Für das Münchner Bürgertum waren die wenigen Tage der Arbeitermacht ein so gewaltiger Schock, daß das Pendel im einstmals liberalen München völlig umschlug. Jede kleinste Regung von linker Seite sollte von nun an im Keime erstickt werden. Unter breiter Zustimmung der nicht-proletarischen Bevölkerungsschichten gingen die rechtsextremen Wehrverbände und die BVP daran, die „Ordnungszelle Bayern“ als Zentrum der Gegenrevolution auszubauen, die heute in der CSU-Herrschaft ihre Fortsetzung findet. „Die Münchner kommunistische Episode ist vorüber. Eines Gefühls der Befreiung und Erheiterung entschlage auch ich mich nicht. Der Druck war abscheulich“, schrieb der Schriftsteller Thomas Mann nach dem Sieg der Gegenrevolution in sein Tagebuch. So wie er fühlten damals viele Vertreter des Bürgertums. Nur die wenigsten konnten sich zu der späteren Erkenntnis Thomas Manns durchringen, daß der Antikommunismus die Grundtorheit des Jahrhunderts ist.

    (Ein Teil dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung "junge Welt")

           
      
Gustav Landauer Ich erinnere mich an ein Wort, das der englische Anarchist Mowbray 1893 auf dem internationalen Sozialistischen Kongreß in Zürich gesprochen hat. Es handelte sich darum, ob die Anarchisten das Recht hätten, am Kongreß theilzunehmen oder nicht. Nach stürmischen Debatten war eine Resolution durchgegangen, wonach nur solche zugelassen sein sollten, die für die "politische" Aktion einträten. In diesem Moment, wo wir Anarchisten schon ausgeschlossen zu sein schienen, brachte Mowbray noch einmal durch einen pathetischen Witz die Waage ins Schwanken. Er erklärte: Die That des Brutus, rief er aus, war eine eminent politische Aktion. Wir sind für die politische Aktion und müssen also zugelassen werden.
Dies Wort scheint mir überaus geeignet, die seltsame Erscheinung zu erklären, daß es fast zum anarchistischen Dogma geworden ist, die Tötung von Staatsoberhäuptern, wenn erst vollbracht, als etwas Anarchistisches anzusehen; das ferner in der That fast alle Attentäter der letzten Jahrzehnte von anarchistischen Grundgedanken ausgegangen sind. Seltsam wird jeder Unbefangene dieses Zusammentreffen in der That nennen; denn was hat es mit Anarchismus, der Lehre von einer zu erstrebenden Gesellschaft ohne Staat und ohne autoritärem Zwang, was mit der Bewegung gegen den Staat und gegen legalisirte Gewalt zu thun, daß Personen ums Leben gebracht werden? Gar nichts. Aber die Anarchisten sehen ein, daß mit Lehren und Verkünden noch nicht genug gethan ist; der gesellschaftliche Neubau ist nicht zu errichten, weil die Gewalt der Machthaber im Wege ist; es gilt also, so fahren sie in ihren Folgerungen fort, neben der Propaganda durch Wort und Schrift und neben der Konstruktion auch die Destruktion; zum Umreißen aller Schranken sind sie viel zu schwach; also wenigstens die That propagiren und durch die That Propaganda machen; die politischen Parteien treiben positive politische Aktion; so müssen also die Anarchisten, als Einzelne, positive Antipolitik, negative Politik treiben. Aus diesem Raisonment erklärt sich die politische Aktion der Anarchisten, die Propaganda der That, der individuelle Terrorismus.
Ich stehe nicht an, es in aller Schärfe auszusprechen - und ich weiß, daß ich mit diesen Worten hüben noch drüben Dank ernten werde -: Die Attentatspolitik der Anarchisten geht zum Theil aus dem Bestreben einer kleinen Gruppe hervor, es den großen Parteien gleich zu thun. Es steckt Rennomirsucht darin. Wir machen auch Politik, sagen sie; wir sind nicht etwa unthätig; man muß mit uns rechnen. Die Anarchisten sind mir nicht anarchisch genug; sie sind noch immer eine politische Partei, ja, sie treiben sogar ganz primitive Reformpolitik; das Töten von Menschen hat von je her zu den naiven Besserungsversuchen der Primitiven gehört; und Mowbrays Brutus war ein kurzsichtiger Reformpolitiker. Wenn die amerikanischen Machthaber jetzt, ohne Rücksicht auf Rechte und Gesetze, einige ganz unbetheiligte Anarchisten aufhängen ließen, so handelten sie genau so anarchistisch wie irgendein Attentäter, - und vielleicht, eben so wie dieser, aus Idealismus. Denn nur Dogmatiker können leugnen wollen, daß es glühende und aufrichtige Staatsidealisten giebt. Die Anarchisten freilich in ihrer Mehrzahl sind Dogmatiker; sie werden schreien, daß ich, der ich mir auch heute noch das Recht beimesse, meiner Weltanschauung den Namen der Anarchie zu geben, so ohne weiteres meine Wahrheit ausspreche; sie sind auch Oppurtunisten und werden finden, gerade jetzt sei nicht die Stunde zu solcher Aussprache. Ich aber finde: Jetzt gerade ist der Moment.
Auch das ist freilich so ein Dogma der Anarchisten, daß sie etwa sagen: Alle Tage werden soundso viele Arbeiter, soundso viele Soldaten, soundso viele Tuberkulose von unseren mörderischen Zuständen ums Leben gebracht; was soll das Geschrei? McKinnley (amerikanischer Präsident, 1901 von einem Anarchisten umgebracht) zählt nicht mehr als einer von ihnen. Mit Verlaub! Auch da werde ich meinen Anarchisten gar zu anarchisch sein: mich hat der Tod McKinleys mehr, weit mehr erschüttert als der eines Dachdeckers, der in Folge eines schlecht gebauten Gerüsts vom Dach gefallen wäre. Es ist altmodisch, ich gebe es gern zu; aber wenn ein Mensch, mit dem Schein der Machtfülle umgeben, harmlos und mit gutem Gewissen, von einem Mitmenschen, dem er die Hand hinstreckt, erschossen wird, wenn dann die Augen von Millionen seinem Sterbelager sich zuwenden, dann steckt darin für mich echte Tragik, die diesen Menschen, der vielleicht nur ein mäßiger Kopf und ein wenig edler Mensch gewesen ist, verklärt. Gern aber füge ich hinzu, daß ebenso auch der Attentäter meinem Herzen nähersteht als der unglückliche Kerl, der das Gerüst schlecht gezimmert hatte. Es will etwas heißen, so mit dem Leben fertig zu sein.
Es ist hier nicht meine Absicht, mich in die Psychologie der modernen Attentäter zu versenken. Sie sind vielleicht weniger Helden oder Märtyrer als eine neue Art von Selbstmördern zu nennen. Für einen Menschen, der an nichts glaubt als an dieses Leben und den dieses Leben bitter enttäuscht hat, der erfüllt ist von kaltem Haß gegen die Zustände, die ihn zu Grunde gerichtet haben und die ihm unerträglich zu gewahren sind, kann es ein dämonisch verführerischer Gedanke sein, noch einen von denen da oben mitzunehmen und sich auf dem Umweg über die Gerichte und vor den Augen der Welt demonstrativ ums Leben zu bringen. Und mindestens ebenso verführerisch ist der Gedanke, der tausendfach variiert in der anarchistischen Literatur widerkehrt: der autoritären Gewalt die freie Gewalt, die Rebellion des Individuums entgegenzusetzen.
Das ist der Grundirrthum der revolutionären Anarchisten, den ich lange genug mit ihnen getheilt habe, daß sie glauben: das Ideal der Gewaltlosigkeit mit Gewalt erreichen zu können. Sie wenden sich mit Heftigkeit gegen die "revolutionäre Diktatur", die Marx und Engels in ihrem kommunistischen Manifest als ein kurzes Übergangsstadium nach der großen Revolution vorgesehen hatten. Das sind Selbsttäuschungen; jede Gewaltausübung ist Dikatatur, sofern sie nicht freiwillig ertragen, von den befehligten Massen anerkannt ist. In diesem fall aber handelt es sich um autoritäre Gewalt. Jede Gewalt ist entweder Despotie oder Autorität.
Die Anarchisten müßten einsehen: ein Ziel läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. die Anarchie ist da, wo Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr üben. Ich sage damit wahrhaftig nichts Neues; es ist dasselbe, was uns Tolstoi schon lange gesagt hat. Als der König von Italien von Bresci umgebracht worden war, veröffentlichte Tolstoi einen wundervollen Artikel, der in den Worten gipfelte: Man soll den Fürsten nicht töten, sondern ihnen klarmachen, daß sie nicht selbst töten dürfen. Der Wortlaut war noch schärfer und der Artikel enthielt so wuchtige Streiche gegen die Machthaber, daß ihn anarchistische Blätter zum Abdruck brachten; auch diese Stellen wurden, ich möchte sagen: gemüthlich oder nonchalant, abgedruckt, aber, wie eine Marotte, nicht weiter beachtet.
Die Anarchisten werden einwenden: Wenn wir Gewaltlose sind, lassen wir uns alle Beraubung und Unterdrückung gefallen; dann sind wir nicht Freie, sondern Sklaven; Wir wollen nicht die Gewaltlosigkeit einzelner Individuen, sondern den Zustand der Gewaltlosigkeit; wir wollen die Anarchie, aber zuerst müssen wir zurückerhalten oder nehmen, was uns geraubt oder vorenthalten wird. Das ist wieder so ein Grundirrthum: daß man den Anarchismus der Welt bringen könne oder müsse; daß die Anarchie eine Menschheitssache sei; daß zuerst die große Abrechnung käme und dann das Tausendjährige Reich. Wer der Welt die Freiheit bringen will - Das heißt eben doch: seine Aufassung von Freiheit -, ist ein Despot, aber kein Anarchist. Niemals wird die Anarchie eine Sache der Massen sein, nie wird sie auf dem wege der Invasion oder der bewaffneten Erhebung zur Welt kommen. Und ebensowenig wird das Ideal des föderalistischen Sozialismus dadurch zu erreichen sein, daß man abwartet, bis das bereits aufgestapelte Kapital und der Bodenbesitz in die Hände des Volkes kommt. Die Anarchie ist nicht die Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart; nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich, sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten Gegensätze vom Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren: es handelt sich um Formen des nie Gewesenen.
Wenn die Anarchisten wüßten, wie nah ihre Gedanken an den tiefsten Grund des Menschenwesens rühren und wie unsagbar weit sie abführen von dem Getriebe des Massenmenschen, dann würden sie schaudernd erkennen, welcher Abstand gähnt zwischen ihrem Handeln, ihrem oberflächlichen Benehmen und den Abgründen ihrer Weltanschauung, dann würden sie einsehen: es ist zu alltäglich und zu gewöhnlich für einen Anarchisten, McKinley zu töten oder derlei überflüssige Posen und Tragödien aufzuführen. Wer tötet, der geht in den Tod. Die das Leben schaffen wollen, müssen Neulebendige und von innen her Wiedergeborene sein.
Ich müßte um Entschuldigung bitten, daß ich auf einem neutralen Boden "Propaganda für den Anarchismus" mache, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß, was ich hier, aber ohne mich irgend an das Wort zu binden Anarchie nenne, eine Grundstimmung
ist, die in jedem über Welt und Seele nachdenkenden Menschen zu finden ist. Ich meine den Drang, sich nocheinmal zur Welt zu bringen, sein eigenes Wesen neu zu formen und danach die Umgebung, seine Welt, zu gestalten, so weit man ihrer mächtig ist. Dieser höchste Moment müßte für jeden kommen: wo er, um mit Nietzsche zu sprechen, das ursprüngliche Chaos in sich schafft, wo er wie ein Zuschauer das Drama seiner Triebe und seiner dringendsten Innerlichkeiten vor sich aufführen läßt, um dann festzustellen, welche seiner vielen Personen in ihm herrschen soll, was das Eigene ist wodurch er sich von den Traditionen und Erbschaften der Vorfahrenwelt unterscheidet, was die Welt ihm, was er der Welt sein soll. Das nenne ich einen Anarchisten, der den Willen hat, nicht doppeltes Spiel vor sich selber aufzuführen, der sich so wie einen frischen Teig in entscheidender Lebenskrise geknetet hat, daß er in sich selber Bescheid weiß und so handeln kann, wie sein geheimstes Wesen ihn heißt. Der ist für mich ein Herrenloser, ein Freier, ein Eigener, ein Anarchist, wer seiner Herr ist, wer den Trieb festgestellt hat, der er sein will und der sein Leben ist. Der Weg zum Himmel ist schmal, der Weg zu einer neueren, höheren Form der Menschengesellschaft führt durch das dunkle, verhangene Thor unserer Instinkte und der terra abscondita unserer Seele, die unsere Welt ist. Nur von innen heraus kann die Welt geformt werden. Dies Land und diese reiche Welt finden wir, wenn wir durch Chaos und Anarchie, durch unerhörtes, stilles und abgründliches Erleben einen neuen Menschen entdecken; jeder in sich selbst. Dann wird es Anarchisten geben und Anarchie, da und dort, Einzelne, Zerstreute; sie werden einander finden; sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tieftse Versunkenheit zur Wiedergeburt führt; sie werden von sich mit Hoffmannsthals Worten sagen können: "So völlig wie den Boden untern Füßen hab' ich Gemeines von mir abgethan." Wer erst durch seinen eigenen Menschen hindurchgekrochen ist und tief im eigenen lebendigen Blut gewatet hat: Der hilft die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen.
Man würde mich sehr falsch verstehen, wenn man glaubte, ich predige Quietismus oder Resignation, Verzicht auf Aktion und auf Wirken nach außen. O nein! Man thue sich zusammen, man wirke für Munizipalsozialismus, auch für Siedlung- oder Konsum- oder Wohnungsgenossenschaften; man gründe öffentliche Gärten und Bibliotheken, man verlasse die Städte, man arbeite mit Spaten und Schaufel, man vereinfache all sein äußeres Leben, um raum für den Luxus des Geistes zu gewinnen; man organisiere und kläre auf; wirke für neue Schulen und die Eroberung der Kinder; all das erobert doch nur das ewig Gestrige, wenn es nicht in neuem Geiste und aus neu erobertem Binnenland heraus geschieht. Wir alle warten auf Großes und Unerhörtes, all unsere Kunst ist voll voll von zitternder und leiser Ahnung von etwas, das sich vorbereitet: aus unserem Wesen heraus wird es kommen, wenn wir das Unbekannte, Unbewußte heraufzwingen in unseren Geist, wenn unser Geist sich selbst vergißt im Elemente des ungeistig Psychischen, daß in unseren Höhlen auf uns wartet, wenn wir neu werden; dann wird die geahnte Welt werden, die die äußere Entwicklung nie bringen wird. Die große Zeit wird den Menschen kommen, die nicht nur Zustände und Einrichtungen, sondern sich selbst nicht mehr ertragen. Nicht andere umbringen, sondern sich selbst: Das wird das Kennzeichen des Menschen sein, der sein eigenes Chaos schafft, um sein Urältestes und Bestes zu finden und mit der Welt so mystisch eins werden, daß, was er in der Welt wirkt, aus einer unbekannten Welt in ihn hineingeflossen zu sein scheint. Wer die verflossene Welt in sich zum Leben, zu individuellem Leben erweckt, wer sich selbst als Strahl der Welt fühlt, nicht als Fremder: Der kommt, er weiß nicht woher, der geht, er weiß nicht wohin, dem wird die Welt sein wie er selbst. Die werden leben unter einander als gemeinsame, als Zusammengehörige. Da wird Anarchie sein. Das ist ein weites Ziel; aber es ist nun schon so gekommen, daß uns das Leben unfaßbar ist, wenn nicht Unglaublichem zuzusteuern uns vorzunehmen. Das Leben ist uns nichts und nichtig, wenn es uns nicht ein Meer ist, ein Unendliches, das uns Ewigkeiten verheißt. Was Reformen, was Politik, Revolution! Es ist doch immer das nämliche. Was Anarchismus! Was die Anarchisten uns als ideale Gesellschaft aufzeichen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und Mord, sondern Wiedergeburt.
Sehr falsch würde man aber widerum meine Meinung verstehen, wenn man in dieser gewandelten Auffassung eine Abkehr von der vielseitig fördernden, zusammenfassenden und erneuernden Thätigkeit des freien, undogmatischen Sozialismus finden wollte. Vielleicht liegt es unsereinem, der solchen Dingen seit jahren sein Thun gewidmet hat, nicht nah genug, gerade jetzt auf all das hinzuweisen, wo der Kinderglaube an eine radikale Wandlung durch äußeres Geschehen überall aufgegeben wird, wo man sieht, daß der Sozialismus nicht eine Sache ist, die hinter der bürderlichen Gesellschaft als neues, glänzendes Gebilde aufsteigt, sondern etwas, das innerhalb unserer kapitalistischen Welt selbst wächst und sich überall in sie hineindrängt. Diese Erkenntnis, so selbstverständlich sie zu werden beginnt, ist doch zu sehr mit Schmerzen erkauft, als daß wir uns so schnell in die neue Art der Thätigkeit hineinfinden könnten. Es ist etwas Helles, Hartes, Praktisches in den modernen Sozialismus gekommen. Das ist erfreulich, gewiß: aber wir Schwärmer von anno dazumal waren so sehr an das Halbdunkel und die Romantik der Erwartung und der Vorbereitung des Plötzlichen gewöhnt, daß man uns schon einige Zeit gönnen mag, uns nun an die neue Art zu gewöhnen; es fehlt ja auch nicht an frischen Kräften, die am Werke sind. Ebensowenig übersehe ich, daß die Massen, die aus sozialer Noth und Unsicherheit herauswollen, gar wenig mit den höchsten Kulturbedürfnissen un den seelischen Nöthen zu thun haben, von denen ich hier rede. Es ist ihnen gleichgiltig, wonach wir Besonderen ringen, und es wäre wiederum verderbliche Romantik, wenn man glaubte, die Erneuerungen, die den sozial abhängigen und armen Massen nothtun, seien identisch oder auch nur unlöslich verschmolzen mit der Wesenswandlung der Menschen, von der ich hier spreche. Wir müssen lernen, daß es hundertelei Wege giebt, staatliche und außerstaatliche, um den Massen vom Fleck zu helfen; wir müssen uns abgewöhnen, jede Verbesserung, jde Erneuerung nur in Verbindung mit unserem höchsten und letzten Ziel und unter keinen Umständen anders haben zu wollen. Es ist ein wundervoller Gedanke, den Wohlstand, das Gedeihen der Massen und die innerste Nothwendigkeit der Kultur so ineinander zu verkoppeln, daß beide Ziele auf einem Weg erreicht werden; aber er ist falsch, wie alle solche starren, reinlichen Begriffsgedanken falsch sind. Wir haben lange genug unter Sozialismus eine vage, allverbindende Weltanschauung verstanden, eine Springwurzel, die alle Thore öffnet und alle Fragen löst; wir könnten jetzt wissen, daß alles in der Welt da draußen und ebenso in unserer Seele, so durcheinander gewirrt ist, daß es niemals einen Weg giebt, den alle zu einem Ziele gehen könnten. Was ich hier also vertrete, ist keineswegs eine Aufforderung an die Menschengesellschaft; wir müssen einsehen, daß es verschiedene Stufen der Kultur nebeneinander giebt, und können ruhig den Traum aufgeben, der nicht einmal schön ist, daß alle auf ein Niveau gehoben werden sollen. Keine Aufforderung; ich will nur den inneren Zustand beschreiben, aus dem heraus einzelne vielleicht dazu gelangen können, den anderen Kommunismus und Anarchie vorzuleben. Ich will nur sagen, daß diese Freiheit erst im innersten Menschen geboren und erzogen sein muß, bevor sie sich als äußere Thatsächlichkeit sehen lassen kann. Auch Sozialismus ist allmählich ein altes ort geworden; er hat vielerlei zusammengefaßt, daß jetzt in mehrere Selstständigkeiten auseinanderfällt. Überall geht die Dogmatik zu Ende und der Kampf für Schlagwörter, die man als utopistische Grenzpfähle an den Beginn einer neuen Periode gestellt hatte; überall ist aus den Worten Wirklichkeit und Fließendes geworden, Unberechenbares und Schwankendes. Klarheit giebt es eben nur im Lande des Scheins und der Worte; wo das Leben beginnt, hört die Systematik auf.
Auch die Anarchisten sind bisher gar zu sehr Systematiker und in feste, enge Begriffe eingeschnürte gewesen; und das ist schließlich die lezte Antwort auf die Frage, warum Anarchisten im Menschenthöten etwas Werthvolles erblicken. Sie haben sich angewöhnt, gar nicht mehr mit Menschen zu thun zu haben, sondern mit Begriffen. Es giebt zwei feste, getrennte Klassen für sie, die einander feindlich gegenüberstehen; sie töteten nicht Menschen, sondern den Begriff des Ausbeuters, des Unterdrückers, des Staatsrepräsentanten. So ist es gekommen, daß die gerade, die im Privatleben und Empfinden oft die Menschlichsten sind, im öffentlichen Treiben der Unmenschlichkeit sich hingeben. Ihr Empfindungsleben ist dann ausgeschaltet; sie handeln als denkende Wesen, die, ähnlich wie Robespierre der Göttin der Vernunft, der scheidenden und urtheilenden unterthan sind. Aus den Urtheilen der kalten, innerlich unwissenden, unlebendigen, lebensfeindlichen Logik sind die kalten Todesurtheile zu erklären, die von den Anarchisten gefällt werden. Die Anarchie ist aber nichts so Nahes, Kaltes, Deutliches, wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos und ihr handeln von einerlei Art werden.
(1901)