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Die wahre Geschichte der IS (Islamischer Staat)
In Samarra zerstört im Februar 2006 ein Bombenanschlag der AQI (al-Quaida in Iraq)
die Kuppel der Askari-Moschee, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Schia,
und kostet über tausend Menschenleben. Spätestens jetzt stehen Sunniten und
Schiiten des Irak im offenen Bürgerkrieg. 170 000 US-oldaten stehen im Land.
An der Spitze der sunnitischen Stammesmilizen gelingt es den amerikanischen
Beatzungstruppen in den folgenden zwei Jahren, die Macht der AQI zu brechen,
beziehungsweise diese in den Untergrund abzudrängen. Nach dem Tod ihres Anführers
Zarqawi im Juni 2006 gibt sie sich den neuen Namen ISI: "Islamischer Staat im Irak.
Weiter dezimiert und im Frühjahr  2010 erneut ihrer Führung beraubt, überträgt sie
diese an Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, besser bekannt als Abu Bakr al-Baghdadi.

Durch den Abzug der amerikanischen Kampftruppen im August desselben Jahres finden
sich die sunnitischen Stämme nicht nur von dieser Schutzmacht im Stich gelassen,
sie sehen sich alsbald von der Regierung Nuri al-Malikis ins Abseits gedrängt und
prtaktisch jeder materiellen Unterstützung ihres Staates beraubt. Es dauert drei Jahre
bis die radikalislamischen Kräfte im Verbunde mit ehemaligen Baathisten aus dem
Untergrund zurückkehren. Ermöglicht hat ihnen dies der Umweg über nordöstliche
Gebiete Syriens, die dem Regime Assad in Damaskus entglitten sind. Finanziell
unterstützt wird ihr Comeback von sunnitischen Sympathisanten in den arabischen
Golfstaaten, einer buntscheckigen Geberschaft von Saudi-Arabien über die Emirate
und Katar bis nach Kuwait, gegen welche ihre staatlichen Autoritäten nichts unter-
nehmen, falls sie nicht sogar direkt daran beteiligt sind.
Im syrischen Bürgerkrieg operieren bis heute auch radikalste Kräfte mit Billigung
und Zuspruch der Golfstaaten. Der ISI nennt sich nun ISIS. "Islamischer Staat"
im Irak und in al-Sham oder englisch ISIL: "Islamic State in Iraq and the Levant" -
das arabische "al-Sham" steht für Levante und schließt außer Syrien auch Jordanien,
Palästina und Libanon ein. Ende 2013 machen sich al-Baghdadis Kämpfer an die
Rückeroberung ihrer einstigen Hochburg Falludschah, die am 4. januar 2014 abge-
schlossen ist. Weitere Etappen ihres Vormarsches führen von Mosul im Irak über
Palmyra in Syrien bis an den Stadtrand von Damskus, wie auch zur Levante hinaus
durch den ägyptischen Untergrund auf dem Sinai nach Nordafrika zur lybischen
Hafenstadt Sitre. Im Nordosten Nigerias hat Boko Haram dem Kalifen Ibrahim
Treue geschworen. Beim IS handelt es durchaus um ein und dieselbe Kraft die Zarquai
2004 als AQI (al-quaida) aus der Taufe gehoben hat. Sie hat auf eigenem Boden zwölf
Jahre Kampferfahrung und an Diskontinuität allerhand überstanden, darunter den Tod
von achtzig bis neunzig Prozent ihrer kader.
Für die Strategen des saudischen Königreichs und die kleineren arabischen Golfstaaten
bleibt es eine knifflige Frage wer im Irak als hauptfeind zu betrachten ist, die Schiiten
und ihre iranischen Hintermänner im Süden oder die Sunniten im Nordwesten, die mit
dem IS  gemeinsame Sache machen..
Sunniten sind, nebenbei bemerkt, auch die Kurden und Türken, was diese allerdings
weder einander noch den arabischen Sunniten näher bringt.
Die Stellung der IS im Irak unterscheidet sich grundsätzlich von der in Syrien.
Dort sind ihre Todesschwadronen auch in den von ihnen gehaltenen östlichen Gebieten
Eroberer; im Irak sind sie obschon Extremisten doch Repräsentanten einer an den Rand
gedrängten Minderheit, die unter dem Terror der Schiitenmehrheit und deren Bewaffneter
kaum minder zu leiden hatte.
DIMENSIONEN DER GEWALT
Die Erfolge der IS in beiden Ländern sind wie ihre plakativen Gewaltorgien vor dem Hintergrund
einer ungleich breiter gestreuten Erscheinung und Erfahrung von Gewalt zu sehen, die seit
35 Jahren den Irak und nun seit bald fünf Jahren Syrien heimsucht und von deren Ausmaßen
im Westen noch zu wenig Bewußtsein aufgestiegen ist. Die Rede ist von Hunderttausenden
von Toten. In den syrischen Kriegswirren der letzten fünf Jahre übersteigt die Todesopfer eine
Viertelmillion.
Im Iraq zählt das unabhängige Iraq Body Count Project für die zehn Kriegsjahre von März 2003
bis März 2013 eine Zahl voin 174 000 Todesopfern - davon 40 000 auf den Schlachtfeldern,
die übrigen zivile Opfer. In mindestens gleicher Höhe und möglicherweise weit darüber liegt laut
den ungesicherten Angaben westlicher Menschenrechtsorganisationen die Zahl der Opfer,
die ein Vierteljahrhundert der Alleinherrschaft Saddam unter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit
des Iraks gefördert hat.
Wer weiter lesen möchte...kaufe sich doch das neue LETTRE INTERNATIONAL und studiere den
vollständigen Artikel von Georg Brunold DIE ISLAMISCHE SPALTUNG von Seite 37-44.



Tritt vor:; Wir hören
Daß du ein guter Mann bist.

Du bist nicht käuflich, aber der Blitz
Der ins Haus einschlägt, ist auch
Nicht käuflich,
Was du einmal gesagt hast, dabei bleibst du.
Was hast du gesagt?
Du bist ehrlich, sagst deine Meinung?
Welche Meinung?
Du bist tapfer.
Gegen wen?
Du bist weise.
Für wen?
Du siehst nicht auf deinen Vorteil.
Auf wessen denn?
Du bist ein guter Freund.
Auch guter Leute?

So höre:Wir wissen
Du bist unser Feind. Deshalb wollen wir dich
Jetzt an eine Wand stellen. Aber in Anbetracht deiner Verdienste
Und guten Eigenschaften
An eine gute Wand und dich erschießen mit
Guten Kugeln guter Gewehre und dich begraben mit
Einer guten Schaufel in guter Erde.
BERTOLT BRECHT

Wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat hat das Recht,

sie nennen uns ihre Sklaven, nach ihrem Gesetz. -

Wie viel sind hinter Gittern, die die Freiheit wollen?

Wie viel sind hinter Gittern, die wir draußen brauchen?

Wie viel sind hinter Gittern, nach dem Gesetz?

Wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat, hat das Recht!

Wie viel liegen in der Sonne und betrügen die Welt?

Fahren dicke Autos von unserem Geld?

Nennen uns ihre Sklaven nach ihrem Gesetz?

Die Richter und Staatsanwälte, für wen sind die da?

Für die Kapitalisten und für ihren Staat!

Sie verurteilen uns, nach ihrem Gesetz!

Sie sind gekauft, um uns zu quälen.

Sie schützen die Reichen, die uns bestehlen.

Sie verurteilen uns, nach ihrem Scheiß Gesetzen.

Sie nehmen uns aus.

Sie schmeißen uns raus.

Sie tun nichts für uns.

Doch sie leben von uns!

Sie nennen uns ihre Sklaven

und wenn wir kämpfen, werden sie uns jagen.

Und ihr hinter Gittern, gebt die Hoffnung nicht auf!

Eure Richter sind feige, eure Wächter sind gekauft!

Sie fürchten sich nur vor einem Gesetz.

Wer für das Volk kämpft, der hat das Recht!

Ihr seit die Gefangenen im Klassenkampf,

dem Kampf um unsere Zukunft und für unser Land.

Und es gibt für uns nur ein Gesetz:

Wir brauchen keine Sklaven und keine Chefs!

Sie nehmen uns aus.

Sie schmeißen uns raus.

Sie tun nichts für uns.

Doch sie leben von uns!

Die Kapitalisten, Faschisten und Voluntaristen,

Sie nennen uns ihre Sklaven

und wenn wir kämpfen, werden sie uns jagen.

Denn sie wissen,

Die Richter und Staatsanwälte 

der Kampf geht weiter.

Und sie wissen,

die Wahrheit wird siegen! Ⓐ Ⓐ Ⓐ Ⓐ

TON STEINE SCHERBEN

stille*


sie redet

ohne unterlass

sie hat wirklich viel zu sagen

niemals würde sie in verlegenheit geraten

ihr fällt wirklich zu allem etwas ein

notfalls wiederholt sie das gesagte

alle einfachen floskeln kennt sie auswendig

jeder satz beginnt gleich

und erinnert an die neue trachtengruppe

über die sie sich noch heute wundert

und deren mitglied sie jetzt ist

wo sie doch eigentlich ganz anders ist

es ist ihr sehr wichtig alles zu erklären

und alles ist erklärbar!

an den stillsten orten hörte man sie

von weit her

ist sie bemüht aufmerksam zu machen

auf alles was niemand wissen wollte

sie hilft wirklich wo sie kann

jemand muss doch helfen

es gibt so viel elend auf der welt

es ist ihr problemlos möglich

ausgefallene elektrogeräte

zu katastrophengebieten zu erklären

alles tut ihr wahnsinnig leid

und alle werden für bedürftig erklärt

ganz besonders ich

ihr volumen würde ich

in keinem bereich je erreichen können

was möglicherweise hilflos und bedürftig auf sie wirkte

während sie die angewohnheit zu entwickeln begann

meine haare zu sortieren

entwickelte ich die angewohnheit

aus dem nichts heraus

laut und bestimmend zu werden

wo ich doch am liebsten in ruhe bin

und jeden sein lasse wie er ist

so man mich lässt..

sie lachte laut

und bezieht rasch

eine größere personengruppe mit ein

sodass jedes wort

und jedes lächeln

auf dem weg von den lippen zu den augen

stirbt

während sie die welt erklärt

bewegt sich ihr ganzes gesicht

die nase geht in alle richtungen

ich versuche ihre nase mit den augen zu fixieren

während sich eine blase auf ihrer lippe bildet

sie hatte mal ausführlich erklärt

was das zu bedeuten hat

so ist klar was sie damit

ganz nebenbei aussagen will

und spült alle gläser nochmal

dabei redet sie von individualität

und eines jeden freiheit

seine eigene persönlichkeit auszudrücken

ganz so wie man selbst es möchte

und sich darstellen will

sich darzustellen hat

notfalls ist sie auch dabei behilflich

denn natürlich weiß sie genau wer wie ist

und sie weiß wer was will

das weiß sie ganz genau

da macht ihr keiner etwas vor

auch nicht die eigenen kinder

die alle farben und worte

verloren zu haben scheinen

vor allem könne man ruhig auffallen

das soll man sogar ganz unbedingt

natürlich nicht mit leopardenmuster

lieber in schwarz

das passt zu allem

während dem ganzen gerede müssen alle

unaufhörlich mit essen versorgt werden

denn sie weiß wer was braucht und wann

sie ist wirklich viel herumgekommen

und weiß wie alle sind

sie weiß wie afrikaner sind

wie bayern und hessen sind

und kann diese an gesichtsform und zügen erkennen

meine entgleisten plötzlich...

sie weiß wie kölner sind

überhaupt sind rheinländer frohnaturen

die einzige familie die ich dort kenne

sitzt höchst steif in anzügen

um die tafel mit polierten besteckbänkchen

und lacht selten. fast nie

ruhig werfe ich ein

dass nie alle gleich sind

das weiß sie natürlich

außerdem scheint sie diese stadt in der ich lebe

und ihre einwohner schon viel besser zu kennen als ich

hier ist alles wie in paris

dabei hörte ich gerade wie grauenhaft das ist

hier ist alles toll sagt sie. dort auch

während sie im zweiten satz mit der demontage beschäftigt ist

den kanal im friedlichen abendrot liebt sie sofort

und steht lautstark zwischen friedlichen menschen

irgendjemand muss wohl den abend moderieren

während sie alle für ein foto positioniert

eigentlich hätte sie noch ein paar punks gebraucht

die sich dazusetzen meinte sie

und drückt mir die kamera in die hand 

da fällt ihr ein

dass alle berliner sich dringend

verbal als solche outen müssen

um nicht für touristen gehalten zu werden

deswegen kreischt sie laut

und zeigt mit beiden händen auf mich

dass ich hier wohne und berlinerin sei

es ist nur ein kurzer moment

er geht vorbei

wie der wind an mir vorbeiweht

viel später

ich war weit weg

schien ein geröllhaufen auf mich niedergeprasselt zu sein

der mir nur kurz den atem nahm

und sich verschieben ließ

als ich aus der selbstgebauten höhle heraus kam

saß ich auf der treppe wie immer

sie hatte alles außen herum sortiert

und saß neben mir

ich sagte etwas

das war wirklich sehr witzig

und ich mußte lachen

sie auch

das sagte sie dann auch

das zu erklären war echt leicht

der impuls zuzuschlagen

wurde wegdiskutiert wie muskeln

vielleicht kann man jemanden

kraft und mutlos reden

wie man jemanden geil reden kann

aber das war in diesem moment weiter weg

als trachtenformationen

und schien zum glück nur kurz

für immer unerreichbar

sie winkte noch lange....(Gefunden bei Sonja Kosche)

 

Keine Macht für Niemand!
 

 Ich will unter keinen Umständen ein Allerweltsmensch sein. Ich habe ein Recht aus dem Rahmen zu fallen, wenn ich es kann. Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten. Ich will kein ausgehaltener Bürger sein,gedemütigt und abgestumpft, nur weil ein Staat für mich sorgt. Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas sehnen und es verwirklichen...Schiffbruch erleiden und wieder aufstehen. ich lehne es ab , mir den eigenen Antrieb abkaufen zu lassen. Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens entgegentreten, als ein gesichertes Dasein zu führen; lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolges als die abgestumpfte Ruhe Utopiens. Ich will weder meine Freiheit gegen Wohltaten , noch meine Menschenwürde gegen milde Wohltaten. Ich habe gelernt für mich selbst zu denken und zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen und zu bekennen...dies ist mein Werk, mein Leben. das alles ist gemeint, wenn ich sage...ich bin ein freier Mensch..


°°°°°AURE SAPERE°°°° wage zu wissen, ...was bin ich für ein Mensch ?

Keine Macht für Niemand!

 

 

 

 

Wir leben in einer kranken Gesellschaft. Das spüren oder wissen wir alle mehr oder weniger deutlich. Und können dies auch an einzelnen Dingen festmachen. JedeR von uns. Seit Jahren bereits drehen sich genau darum viele Diskussionen, die ich beispielsweise auf facebook erlebe, in Foren und auf anderen Internetplattformen. Seit Jahren ist dieser Trend sogar zunehmend. Es erschien mir oft, als würde sich dort etwas Luft machen und nach Aufmerksamkeit rufen, was im normalrealen Leben sich kaum noch äußern kann oder eben den Raum nicht findet, sich zu artikulieren.

Eines, was ich dabei immer wieder und ebenfalls stetig steigend feststelle, wird dabei aber meist nicht einmal angesprochen (vermutlich weil sich dies niemand so direkt zu sagen traut?): Wir leiden unter mangelnder Aufmerksamkeit und Bestätigung, ja oft auch an Liebe oder wenigstens Mitgefühl.

Dieses System, in welchem wir leben, erscheint mir daher oft wie ein Mangelsystem. Dem Überfluß an Dingen, Waren und käuflichen Dienstleistungen steht ein ewiger Mangel an persönlicher Bestätigung gegenüber. Und dies auf allen Ebenen. Beruflich erleben die meisten von uns, daß sie entweder ausgebeutet werden, sinnlose Arbeit verrichten müssen, die weder für sie selbst noch für die Gesellschaft einen Sinn ergibt, die hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, entweder den Reichtum einiger weniger zu mehren oder aber dieses System selbst aufrechtzuerhalten, was uns aber tatsächlich eigentlich nicht mehr sinnvoll erscheint. Weil wir wissen oder spüren, daß wir damit praktisch nur verlieren können. Und wir oft genug auch tagtäglich zu spüren bekommen, daß wir die letzten Deppen sind. Und die letzten beißen die Hunde. Und die Hunde, das sind wir. So etwas baut aber nicht auf, sondern macht dauerhaft unzufrieden und irgendwann vielleicht sogar krank.

Aber wir wissen noch nicht so recht umzugehen mit dieser Unzufriedenheit. Und so manchem ist auch noch nicht klar, daß diese Unzufriedenheit nicht allein daher kommt, daß sie zu wenig Geld für ihre Arbeit bekommen, prekäre Arbeitsverhältnisse haben, einen miserablen Chef, eine Art von Zwangsarbeit oder sinnlos erscheinende Tätigkeiten verrichten müssen oder aber überhaupt alles und jede Kleinigkeit der Lebensführung unsicher geworden zu sein scheint, unser Leben nicht mehr planbar ist, wie dies noch für unsere Eltern normal gewesen ist.

All diese Aufzählungen (und noch viel mehr, jedeR mag ergänzen) aber sind Ausdruck mangelnder Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Wir bekommen damit tagtäglich aufs Brot geschmiert und vom Leben serviert, daß wir mehr oder weniger austauschbar, bloße Rädchen im Getriebe oder gar ganz überflüssig sind. Und genau darum fühlen wir uns auch unwohl. Und manche sind bereits wütend. Und noch manche anderen möchten sich wehren. Und richten ihren Widerstand genau gegen die oben genannten Formen.

Das alles ist auch gut und richtig. Aber wie ich finde, nicht ausreichend. Nicht ALLEIN ausreichend. Es fehlt etwas sehr wichtiges dabei.

Denn wie ich in den letzten Wochen und Monaten auch in der Bewegung mit den vielen Namen feststellen konnte (und zuvor teilweise auch schon in anderen Zusammenhängen) setzt sich die fehlende Wertschätzung auch bei uns selbst und unter uns fort.

Warum ist das so?

Ich denke, das liegt daran, daß wir alle (oder die meisten von uns) in einem System groß geworden sind, in welchem Streit, Abgrenzung, Konkurrenz, Wettstreit, die Orientierung auf das Eigene und Individuelle, der Individualismus usw. zur Tagesordnung gehören. Dies gehört faktisch auch zur Selbstbehauptung in diesem System dazu. Es stellt einen wesentlichen Grundkonsens des Daseins hierzulande dar. JedeR will und muß sich selbst durchsetzen, auf Gedeih und Verderb, denn sonst setzen sich andere gegen ihn durch. Und das ist deswegen so, weil diese Form des Mit- (oder vielmehr Gegen-)einanders von allen geteilt wird. Oder von den allermeisten. Von einer Generation zur nächsten weiter gegeben.  Diejenigen, die das nicht wollen, und etwas anderes probieren, die scheitern daran, weil sie innerhalb eines solchen von der Mehrheit geteilten Wertesystems, das auf dem Prinzip der Konkurrenz jedes Einzelnen gegen jeden anderen basiert, daran scheitern müssen. Ihr sozialeres Verhalten wird als Schwäche interpretiert. Und folglich auch als Schwäche ausgenutzt und oft mißbraucht. So müssen sie verlieren, ob ihnen das nun recht ist oder nicht. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Und so werden viele mit der Zeit sehr verletzt. Manche von diesen ziehen sich zurück, andere fangen an, selbst die Praktiken zu üben, die sie eigentlich ablehnen, manche werden zynisch, krank oder rutschen in Süchte ab etc. Das gemeinschaftlich geteilte Wertesystem des Konkurrierens und Wettstreits setzt sich durch, eben deswegen weil es von der Mehrheit geteilt wird. Und weil es nun einmal Grundprinzip dieser Gesellschaft ist. Und je mehr dieses gegenwärtig in der Krise steckt, desto aggressiver wirkt es auch. Das scheint paradox, aber es ist so. Man braucht sich nur mit offenen Augen umschauen und wird dies sowohl aus den Nachrichten feststellen als auch im täglichen Leben. Bevor etwas Altes überwunden werden kann, hat es oft den Anschein, als würde sich dies Alte noch einmal selbst verstärken, bis zu Unterträglichkeit. Erst dann kann es auch überwunden werden. Denn erst dann haben auch wirklich alle restlos die Nase voll davon und sind bereit, es über Bord zu werfen. So einfach.

Folgen davon können wir auch bereits seit längerem beobachten: zunehmende Aggressivität im Alltag, Mobbing in Schulen und Betrieben (und auch in vielen Foren und auf Plattformen im Internet), Zunahme von „psychischen Krankheiten“ (die ich in dem Falle oft nicht einmal als solche bezeichnen würde, denn sie sind vielmehr recht gesunde Reaktionen auf eine kranke Umwelt) wie Depressionen, Angststörungen, Zwänge und Kontrollmacken oder auch Eßstörungen (die Gründe, warum sich dies bei dem oder jener unterschiedlich „manifestiert“, lasse ich einmal außen vor). Und es gibt noch viel mehr Folgen, die sich so einfach nicht benennen lassen. So spüren wir, daß der Druck auf uns und eine unbenennbare Anspannung zunehmen. Oder jedenfalls spüre ich dies. Ich belasse es einmal dabei. JedeR mag für sich ergänzen.

Denn worauf ich hin will, ist die Konsequenz, die wir aus dem oben umrissenen Zusammenhang ziehen sollten, nach meinem Dafürhalten.

Was also kann uns das sagen?

WIR KÖNNEN ES ANDERS MACHEN. Ganz kurz und knapp gesagt.

Ja, wir können es wirklich! Wenn wir es nur wollen und uns dazu entschließen und dies dann auch in aller Konsequenz durchziehen. Keiner von uns wird dies allein tun können. Aber zusammen geht das.

Warum können wir es anders machen? Weil auch wir eine Art geschlossenes System bilden können, so wie jenes, welches auf dem Prinzip Konkurrenz beruht. Und wir können daher miteinander vereinbaren, daß wir unter uns andere Werte haben und diese genau so leben und pflegen.

Wie oft habe ich im Internet gelesen (nicht nur von Frauen!), daß sie sich mehr Miteinander, Höflichkeit, gutes und förderliches Miteinanderumgehen etc. wünschen! Wie viele Initiativen habe ich allein in Berlin schon entstehen sehen, die sich genau aus diesem Grunde gegründet haben: weil sie sich irgendwo ein Fleckchen suchen wollten, um dort ein solidarischeres Miteinander zu leben! Sich quasi aus dieser kapitalistischen Logik herauszunehmen und dem etwas anderes entgegenzustellen. Dies alles sind gute und richtige Ansätze (meines Erachtens nach jedenfalls).

Und auch wenn der größte Teil von diesen Versuchen genau daran gescheitert ist, eben weil sie oft genau das  n i c h t  taten, was sie sich vorgenommen hatten, nämlich einen fairen Umgang zu pflegen, und sich Machtstrukturen auch dort unter der Hand wieder einschlichen und die Gruppe und das Projekt sprengten. So waren und sind doch all diese Versuche, wie sagt man: „Ein Wurf in die richtige Richtung“.

Woran sind also Gemeinschaftsprojekte bisher oft gescheitert?

Und was können wir daraus nun lernen für uns und für die Zukunft?

Gescheitert sind diese Projekte mehrheitlich nach meiner Beobachtung daran, daß die Werte, die sie leben wollten, nicht von allen wirklich geteilt und vor allem auch befolgt und gelebt wurden. Oft war dies nicht einmal absichtlich (manchmal aber doch). Es reicht eben nicht aus, gemeinsam das gleiche zu wollen oder ein gemeinsames Ziel zu haben. Entscheidend ist nach meiner Erfahrung am Ende immer die Art und Weise, wie dieses Ziel und das gemeinsame Wollen umgesetzt wird.

Und noch etwas: allein ein rationales Umsetzen von Gemeinschaftlichkeit mittels Plena, Reden, Ausdiskutieren usw. ist ebenfalls nicht ausreichend. Kopf und Herz müssen in eins gehen. Kopf ohne Herz ist kalt, Herz ohne Kopf oft nur sentimental. Beides im Extrem tendiert zum Krankhaften, in der ein oder anderen Form. Also ist alles Bemühen um Gemeinschaft und solidarisches Verhalten nicht ausreichend, wenn es nicht vollkommen verinnerlicht wurde und auch das Herz erreicht hat. Die Bereitschaft, sowohl an sich selbst zu arbeiten, um gemeinschaftsfähig zu werden als auch in der Gruppe und untereinander daran zu arbeiten, sind ebenfalls nach meiner Beobachtung Grundvorraussetzungen für das Gelingen von Gemeinschaftsprojekten.

Anderes, was ich sehe, aber noch nicht ganz durchdacht habe, möchte ich hier nur anreißen:

Da wäre einmal die Beobachtung, daß solche Projekte oft auch daran scheitern, weil man sich bei Projektbeginn noch völlig fremd ist. Und somit in der entscheidenden Phase zu Beginn des Gemeinschaftsprojektes auch das gegenseitige Kennenlernen und der Gruppenbildungsprozeß stattfinden, also während des Projektes erst klar wird, ob man miteinander KANN oder eben nicht. Das behindert meines Erachtens nach solch ein Projekt erheblich und führt oft dazu, daß es Trennungsprozesse gibt und das Projekt sogar beendet werden muß, weil es mit den verbleibenden Beteiligten nicht mehr durchführbar ist. Und so glaube ich, aus meiner inneren Überlegung heraus, daß es günstiger sein müßte für den Erfolg eines Gemeinschaftsprojektes, wenn sich die Beteiligten schon im Vorfeld kennen lernen und abchecken können, wer gut miteinander kann und wer nicht, mit wem also solch ein Projekt am Ende tatsächlich erfolgreich begonnen werden kann, weil der Gruppenzusammenhalt dann schon vorhanden sind, die ersten Kämpfe in der Gruppe bereits abgeschlossen sind und ein gewisses Gleichgewicht da ist. Als ein Sinnbild, welches verdeutlicht, was ich meine, mag dienen, daß auch ein Pärchen, welches sich gerade frisch kennengelernt hat, nicht gleich beginnen wird, ein Haus zu bauen oder eine Familie zu gründen, sondern sich erst einmal eine Weile kennenlernen wird, vor allem testen ob eine dauerhafte Bindung überhaupt vorstellbar und lebbar zwischen ihnen ist. Und je mehr Menschen zusammen kommen, desto wichtiger ist die Fähigkeit zu gemeinschaftlichem Kooperieren miteinander, so glaube ich.

Und die zweite Beobachtung, die ich besonders in den letzten Monaten der Bewegung machte, ist der Einfluß von Egoverhalten auf den Gruppenprozeß. Viele von uns sind voll guten Willens, voller Energie, Engagement und auch voller Ideen. Und haben eine hohe Motivation, diese auch umzusetzen, am besten sofort und mit einem mal und alles. Der Drang danach ist sehr groß, gerade wenn etwas Neues begonnen wird. Dies aber kann sich auch gegenseitig behindern. Wenn zu viele Menschen auf einmal jeweils ihre eigenen Ideen parallel zueinander umsetzen wollen, dann kann das dazu führen, daß am Ende unter Umständen keines von ihnen umgesetzt wird. Weil sie sich gegenseitig im Weg stehen. Denn was die Ideengeber dabei oft vergessen ist, daß jeder andere von ihnen das gleiche Recht und das gleiche Bedürfnis hat wie er oder sie selbst, seine Ideen umzusetzen. Und was dabei sogar noch mehr vergessen wird, ist das Gruppeninteresse. Das geht in einer solchen Konstellation mitunter sogar ganz unter. Es ist aber sogar das wichtigste, damit ein Projekt in der Gruppe überhaupt gelingen kann.

Auch hier ziehe ich den Vergleich mit einer Zweierbeziehung. In dieser gibt es nicht, wie viele glauben, nur zwei Interessen, die der beiden Partner. Sondern es gibt drei! Zu den Interessen der Partner kommt die Beziehung selbst dazu, die von beiden gepflegt werden muß, als das Gemeinsame. Beginnt nur einer von ihnen damit, nur seine eigenen Interessen zu verfolgen, den anderen aber zu vernachlässigen, gerät auch die Beziehungsebene in Gefahr, als dritte im Bunde. Und ganz ähnlich ist es in einer Gruppe. So kann es passieren, daß die Gruppe und das gemeinsame Projekt in Gefahr geraten, wenn nur einer dabei ist, der konsequent seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt und das Gruppeninteresse aus dem Auge verliert bzw. damit versucht, die anderen Gruppenmitgleider zu vereinnahmen für sein eigenes Interesse oder sogar zu benutzen oder zu manipulieren. Dies ist, so nehm ich im Moment an, einer der Gründe, warum das sogenannte “Führerprinzip” nicht funktionieren kann bzw. Gruppen im Laufe der Zeit im hierarchischen System degenerieren und nicht mehr das tatsächliche Gruppenziel verfolgen. Und vermutlich auch einer der Gründe, warum am Ende irgendwann immer “die Falschen” an die Spitze der Hierarchien gelangen und der Gruppe schließlich irgendwann den Rest geben und sie von innen heraus zerstören (und damit aber auch Neues fördern).

Da dies selbst ein umfangreiches Thema ist und ich damit für mich auch noch nicht fertig bin, nehme ich mir vor, dies Thema an anderer Stelle extra zu behandeln und nach verschiedenen Seiten zu betrachten. (Anregungen und Erfahrungen dazu jederzeit willkommen :-) )

Wichtig an diesem Punkt ist mir nur, daß wir bedenken, wie wichtig es ist, daß wir das Gruppeninteresse neben unseren eigenen Interessen nicht aus dem Auge verlieren und möglicherweise unsere eigenen zunächst auch zurückstecken. In einer gut funktionierenden Gruppe, wird jedeR seinen Platz finden und auch für jedeN die Zeit kommen, daß er oder sie mit seinen/ ihren Ideen zum Zuge kommt. Nur eben sicher nicht sofort und nicht auf einmal und nicht alles. Es ist also womöglich auch nötig, ein wenig Geduld aufzubringen, bis die richtige Zeit und die Gelegenheit ist, die eigenen Ideen umzusetzen.

Ich möchte dafür plädieren, daß …

… wir einen Umgang pflegen, der darauf ausgerichtet ist, daß es jedem und jeder von uns gut geht dabei

… daß wir aufmerksam zueinander sind, und uns dies auch sagen und zeigen (denn sonst merkt es der/ die andere nicht)

… nicht Streit primär im Zentrum steht, sondern das Ziel immer die Einigung ist (was nicht heißt, das eine Auseinandersetzung im Vorfeld nicht doch nötig ist. Nur bleibt das Ziel trotzdem, wieder zu einer Einigung zu kommen)

… Pöbeleien und Beleidigungen, Streit um des Streites willen, Trollereien, Frust ablassen etc.pp. nicht zugelassen werden, sondern mit (möglichst) fairen Mitteln denen, die das tun, der Wind aus den Segeln genommen wird

… jedeR so sein kann, wie sie oder er ist (also auch Schwächen zeigen darf, also auch wachsen kann, auch mit Hilfe oder Unterstützung der anderen), und nicht dazu gezwungen, den großen Max zu markieren, nur um nicht unterzugehen (im allgemeinen Hahnenkampf)

… wenn es jemandem schlecht geht, nicht etwa Abstand genommen wird (es sei denn, der/ die andere will das so), sondern man auf den/diejenigeN zugeht und wenigstens versucht, etwas Trost zu spenden (auch wenn das rein virtuell natürlich eher schwierig ist, zum echten trost braucht es eigentlich mehr als nur ein paar worte) zu fragen, was los ist oder den/diejenigeN wieder „runter“ zu bringen, so er/ sie dabei ist, abzudrehen, aus welchen Gründen auch immer.

… einfach gemeinschaftliches oder gemeinschafts/ kooperationsförderndes Verhalten geübt oder auch gelernt wird

….

Die Liste ist noch lange nicht vollständig. Mir fällt jetzt aber auch nicht alles ein, was man schreiben könnte. Sie kann ergänzt werden.

Ergänzende, aber wichtige Gedanken zur Liste

Ich weiß und bin mir dessen bewußt, daß das alles zu einer Art moralisch-kategorischem Imperativ neigt. Und das auch das wiederum im Wege stehen kann, also zum Selbstzweck verkommen, Anlaß zu Streit und neuen Auseinandersetzungen bieten könnte.

Mir kommt es aber dabei auf eine Art Gleichgewicht, eine Art dynamisches System an. Etwas, das veränderlich ist und immer wieder angepaßt und neu definiert werden muß. Alles andere wird irgendwann dogmatisch und damit schädlich und bremsend.

Und mir ist auch genauso klar, wie sehr wir alle von diesem System, welches auf Konkurrenz und Abgrenzung beruht, geprägt sind. Die einen sind darin aufgewachsen und kennen praktisch nichts anderes. Die anderen leben inzwischen auch schon über zwanzig Jahre darin. Und auch das prägt nachträglich, selbst wenn die Grundprägung eine andere war. Und so wird das erst einmal gar nicht einfach sein, gemeinschaftliches Miteinander umzusetzen. Das alles ist mir klar. Es wird von Fehlern begleitet sein, von Rückschlägen, von Streitereien darum, wie es „richtig“ ist, von Neuanfängen usw.

Und trotzdem ist es wichtig, damit anzufangen. Je eher, desto besser. Denn wenn wir nicht tatsächlich anfangen damit, dann wird es nie etwas. Nur vom Reden allein, wird es nicht passieren, wird nichts Neues geschehen, kann sich nichts verändern.

Und noch etwas: JedeR von uns wird bei sich selbst anfangen müssen! Und: NICHT den Balken zuerst im Auge des anderen suchen, sondern ganz bei sich selbst anfangen, bevor er/ sie auf andere schaut.

Individualismus vs. Kollektivismus? Mitnichten! Beides ist wichtig und beides funktioniert auch! Zusammen!

Zu guter letzt sei ergänzend etwas ebenfalls sehr wichtiges dazu gesagt: auch gemeinschaftliches Verhalten ist allein nicht glückseligmachend. Der Mensch ist immer Beides: er ist ein Einzelwesen UND ein Gemeinschaftswesen. In der DDR haben wir überwiegend das eine im Extrem gelebt, was mit Kollektivismus bezeichnet werden kann. Das war vom Ansatz her gar nicht so schlecht und hat auch nicht nur negative Effekte gehabt (weshalb ja so viele bis heute auch der DDR hinterhertrauern. Das hat, so glaube ich, mehrheitlich seine Ursache in der Erinnerung an die gelebte Gemeinschaftlichkeit. Wenn gleich die auch so manche Blüten trieb). Aber es war eben zu einseitig.

Hier in dieser Gesellschaft aber steht nur der Einzelne im Zentrum, der für sich allein seine Glückseligkeit finden soll und dies gegen die Interessen der anderen durchsetzen. Konkurrenz eben. Und dazu Individualismus total. Und das ist wirklich bei den allermeisten tief verinnerlicht und wird als richtig anerkannt und gelebt. Und trotzdem sind sie oder sehr viele unglücklich, obwohl sie sich weitgehend „selbstverwirklichen“ (was nach meiner Erfahrung eben oft nur ein anderes Wort für puren Egoismus ist). Das liegt daran, daß auch dies eben zu einseitig ist.

Der Mensch ist eben auch ein Gemeinschaftswesen, nicht nur ein Einzelwesen allein. Er braucht darum eben auch beides, den Rückbezug auf eine Gruppe (oder mindestens einen anderen Menschen und Bezugspartner) und die Bestätigung darin, aber genauso die Eigenständigkeit und eine Form von Selbstverwirklichung und Freiheit für sich selbst. Und ohne die Bestätigung eines oder mehrerer anderer bleibt auch die Selbstverwirklichung unbefriedigend. Beides bedingt letztendlich einander. Beides gehört zusammen, untrennbar. Aber das würden sich, so glaube ich, wohl die wenigsten eingestehen, aus beiden „Lagern“. Ich glaube aber, es ist dies ganz wichtig, das wir diesen Zusammenhang verstehen und schließlich auch akzeptieren und beginnen umzusetzen. DARUM geht es mir.

MIR kommt es darauf an, eben zu begreifen, daß beides gleich wichtig ist: das Gemeinschaftliche genauso wie das Individuelle. Und beides in einem gesunden Gleichgewicht liegen muß oder sollte. Erst dann ist der Mensch zufrieden und glücklich mit seinem Leben, so glaube ich nach meiner bisherigen Lebenserfahrung. Davon bin ich überzeugt. (Vorausgesetzt ist allerdings auch eine gesicherte Grundversorgung mit Lebensmitteln und einem angemessenen Dach überm Kopf, dem also was lebenswichtig ist. Sonst funktioniert auch dieses nicht, denn solange das Notwendigste zum Leben nicht gesichert ist, ist eigentlich alles nur Überlebenskampf, darüber hinausgehendes nicht möglich.)

Und daß dies in dieser Gesellschaft, in diesem System so schwierig ist, umzusetzen oder zu leben, das liegt nicht unbedingt an jedem einzelnen, es liegt schlicht daran, daß der stetige systemimmanente Zwang zur Konkurrenz nun einmal vorhanden ist und sich unter allen Bedingungen auch durchsetzen wird, und zwar solange dieser „Wert“ gemeinschaftlich und mehrheitlich innerhalb dieses Systems (dieser geschlossenen Gruppe, wenn man so will), geteilt und mitgetragen wird, auch passiv.

Wir können aber das eigene geschlossene System einer (selbstgewählten) (und auch lose vernetzten) “Gruppe” nutzen, diesen Wert der Konkurrenz und des Kampfes jedeR gegen jedeN als „Unwert“ erklären und vereinbaren, andere Werte miteinander zu teilen und diese zu leben (und auch einander helfen dabei, denn niemand ist perfekt, wir alle sind in dieser oder jenen Form geprägt von diesem destruktiven System hier und haben entsprechend unsere Grenzen und Fehler zunächst). Wir müssen es halt nur anfangen! Nur jammern und beklagen, aber auch Reden und Konzepte schmieden allein hilft uns nicht weiter auf die Dauer. Denn von nichts kommt nichts. Wie heißt es so schön: Packen wirs an!

http://blogbuchkonyhakert.wordpress.com/2012/02/21/ich-oder-wir-oder-beides-pladoyer-fur-ein-mehr-an-miteinander-und-gemeinschaftlichkeit/
Ich oder Wir oder Was? – Plädoyer für ein Mehr an Miteinander und Gemeinschaftlichkeit

 

 

 

 

REPEAT AFTER ME...I AM FREE !
 
 ICH BIN DAS WAS ICH BIN.
Mein Körper gehört mir. Ich bin ich, du bist du, und es geht schlecht.
Massenpersonalisierung. Individualisiserung aller Bedingungen -
des Lebens , der Arbeit, des Unglücks. Diffuse Schizophrenie.
Schleichende Depression. Atomisierung in feine paronide Teilchen.
Hysterisierung des Kontakts.
Je mehr ich Ich sein will, desto mehr habe ich das Gefühl der Leere.
Je mehr ich mich ausdrücke, desto mehr versiege ich.
Je mehr ich hinter mir herlaufe, desto müder bin ich.
Ich führe, du führst, wir führen unser Ich wie einen stumpfsinnigen Schalter.
Wir sind die Vertreter unserer Selbst geworden - ein seltsamer Handel -,
die Garanten einer Personalisierung, die am Ende ganz nach einer Amputation
aussieht. Wir kriegen es hin, bis zum Zusammenbruch,
mit einer mehr oder weniger verschleierten Ungeschicklichkeit.
Bis dahin hab ich´s im Griff.
Die Selbstsuche, meinen Blog, meine Wohnung, den neuesten Schwachsinn,
der gerade Mode ist, die Paar-, die Sexgeschichten...was man an Prothesen
braucht, um ein Ich aufrechtzuerhalten!
Wenn die Gesellschaft nicht diese entgültige Abstraktion geworden wäre,
bezeichnete sie die Gesamtheit der existierenden Krücken,
die man mir reicht, damit ich mich weiterschleppen kann,
die Gesamtheit der Abhängigkeiten,
die ich um den Preis meiner Identität eingegangen bin.
Der Behinderte ist das Modell der kommenden Bürgerschaft.
Die Vereine, die ihn ausbeuten handeln nicht ohne Vorahnung,
wenn sie gegenwärtig für ihn das Existenzgeld fordern.
Unsichtbares Komitee
 
 

 

 

"Ich bin den langen Weg in die Freiheit gegangen. Ich habe versucht, nicht zu wanken, ich habe Fehltritte auf dem Weg gemacht. Aber ich habe das Geheimnis entdeckt, dass nach dem Klettern über einen großen Hügel, man nur findet, dass es viele weitere Hügel zu klettern giebt. Ich habe hier einen Augenblick zur Ruhe genommen, um mir einen Blick auf die herrliche Aussicht, die mich umgibt zu stehlen, zurück zu blicken auf die Strecke die ich gekommen bin. Aber ich kann nur für einen Moment ausruhen, denn mit der Freiheit kommt Verantwortung, und ich wage nicht zu verweilen, denn mein langer Spaziergang ist nicht beendet " Nelson Mandela

 
 

 Was den (zweiten) Wunsch des Volkes anbelangt, nämlich seine Freiheit wieder zu erlangen, so kann der Machthaber diesen nicht erfüllen; er muß daher untersuchen, aus welchen Gründen das Volk frei zu sein wünscht. Er wird dabei finden, daß nur ein kleiner Teil des Volks frei zu sein wünscht, um zu herrschen. Die überwiegende Mehrzahl wünscht die Freiheit nur um sicher leben zu können. - Alle (übrigen), denen es genügt, in Sicherheit zu leben, werden leicht zufriedengestellt, wenn man Einrichtungen schafft und Gesetze gibt, die zusammen mit der eigenen Macht die allgemeine Sicherheit erhalten. Wenn ein Machthaber so handelt (...), wird es (das Volk) in kurzer Zeit beginnen, sich sicher und zufrieden zu fühlen. NICOLO MACHIAVELLI

 

 

Mensch...

 

Mensch vermeidet es andere zu verletzen; nicht, daß mensch sich 

nicht mehr gegen ungerechtfertigte Angriffe zu wehren weiß,

jedoch bleibt mensch ruhig und sachlich.

 

Mensch ist tolerant in bezug auf die Fehler anderer, und mensch be-

trachtet seine eigenen Unzulänglichkeiten mit Humor.

 

Mensch bemüht sich um Ehrlichkeit, auch wenn mensch dies ver-

meintliche Nachteile bringt.

 

Mensch verzichtet darauf, äußere Macht zu erwerben. Mensch möchte

nicht über andere herrschen, sondern kooperieren.

 

Mensch hat gelernt, sein Ego zurückzustellen, mit dem Ziel, Glei-

cher unter Gleichwertigen zu sein. Mensch weiß, daß Freiheit sich

niemals auf Kosten anderer realisieren läßt. Mensch  hat Spaß am

Kontakt zu seinen Mitmenschen und genießt die Gesellschaft mit  Freun-

den.

 

Sexualität ist für mensch eine Ausdrucksmöglichkeit der Liebe.

Nicht der sexuelle Genuß ist das vorrangige Ziel. Mensch muß

nicht Liebe heucheln, um seine sexuellen Ziele zu er-

reichen. Sexualität ist nicht ein Versuch der Selbstbestäti-

gung als Mensch, sondern der körperliche Aus-

druck eines seelischen Prozesses, der Liebe.

 

Mensch hat gelernt, im Hier und Jetzt zu leben. 

Seine innere Zufriedenheit ist nicht mehr davon abhängig, ob

sich politische oder gesellschaftliche Verhältnisse ändern

oder ob ein Lottogewinn mensch materiellen Wohlstand be-

schert, sondern mensch genießt sein Dasein, indem mensch Gelassenheit

sucht.

 

Mensch ist offen für Neues und hat Interesse an den Dingen um

ihn herum. Mensch engagiert sich für die gute Sache und ist nicht 

fixiert und fanatisch.

 

Arbeit ist für mensch kein Mittel, um vor sich selbst zu

flüchten. Mensch strebt nicht nach materiellem Überfluß oder

sozialem Prestige. Mensch weiß, daß Reichtum und Viel-Geld-

Haben völlig unterschiedliche Dinge sind. Wichtiger ist mensch,

daß mensch sich mit seiner Arneit identifizieren kann. Mensch ist unab-

hängig geworden, auch von Lob, da mensch selbst gelernt hat,

seine Arbeit zu bewerten.

 

Mensch ist kritisch mit sich, verzichtet aber auf jede Form der 

Selbstabwertung. Mensch kann auch Gefühle annehmen, die mensch zuvor

verleugnen mußte. Dazu gehören vor allem Neid, Eifersucht,

Schuld, Ohnmacht, Verzweiflung und Haß.

 

Es wird eine lebenslange Aufgabe bleiben, andere Menschen 

und sich selbst trotz aller Unzulänglichkeiten als gut wahrzu-

nehmen. Den Sinn des Lebens erkennt Mensch 

darin, für eine gute Sache auf der Basis von Gleichwertig-

keit mit anderen Menschen zu arbeiten. (Hein-Peter Röhr)

 

 

Streetart (31)

Bewußtseinsbildung ("consciousness-raising") und die „unstrukturierte“ Gruppe war ein hervorragendes Mittel zu diesem Zweck. Die Lockerheit und Zwanglosigkeit in ihr ermutigte zur Beteiligung an der Diskussion und die solidarische Atmosphäre verhalf zu persönlicher Einsicht und einem Selbstverständnis. Wenn bei diesen Gruppen niemals mehr als ein Selbstverständnis der einzelnen herauskam, dann machte das nicht viel aus, denn ihr Zweck ging im Grunde genommen nicht darüber hinaus.

Lexikon der Anarchie

 

 

 Die Frau, die einfach nur lebt

http://www.zeit.de/2003/18/Blockh_9ftte_neu


Darf man in einem Holzhaus wohnen, das kleiner ist als Nachbars Garage? Darf man so wenig arbeiten, wie man möchte? In einem oberschwäbischen Dorf praktiziert eine Frau ihre ganz persönliche Sozialreform


Wenn Anne Donath abends Licht braucht, greift sie in eine Schublade. Dort liegen die Streichhölzer für die Kerzen. Wenn sie im Sommer etwas kochen möchte, geht sie vor die Tür. Dort ist die Feuerstelle, drei große Steine, auf denen der Topf steht. Wenn sie in ihrem Haus vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer will und von dort in die Küche, muss sie sich bloß einmal drehen. Es gibt nur ein Zimmer.


Das Haus der Anne Donath ist aus Holz und eher eine Hütte, vier Schritte lang, vier Schritte breit. Es hat zwar moderne Dachziegel, wie sie der Bebauungsplan für diese Gegend vorsieht, doch so zu wohnen ist im Lebensplan der Menschen nicht vorgesehen. Die Menschen hier leben in Massivbauhäusern und fahren Mercedes. Sie haben große Gärten und mähen samstags den Rasen, sie haben Vermögen und schauen abends im Fernsehen Wer wird Millionär?. Anne Donaths Leben aber ist geprägt vom Nichthaben. Kein Strom. Kein Telefon. Kein Gas. Und erst recht kein Auto.


So lebt Anne Donath. Mitten in einer Einfamilienhaussiedlung. Mitten in einem oberschwäbischen Dorf. Und auf einmal auch mitten in einer gesellschaftlichen Debatte, die vor allem von einem Wort geprägt ist: Verzicht.


Jahrzehntelang haben die Politiker in Deutschland den Menschen versichert, dass ihr Leben auch im Alter geordnet verlaufen werde, dass ihre Rente sicher sei. Nun erfahren diese Menschen, dass sie besser privat fürs Alter vorsorgen. Nur wie? Mit Aktien haben viele viel Geld verloren. Die Lebensversicherungen zahlen weniger aus, als sie versprochen haben. Wie ein Bausparvertrag funktioniert, hat sowieso noch nie jemand durchschaut. Nur jeder Achte, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung, hat sich schon einmal Gedanken gemacht, wie viel Geld er im Ruhestand eigentlich braucht.


Anne Donath hat nachgedacht. Sie hat überlegt, was sie zum Leben braucht und wie viel sie das kostet. Vor zehn Jahren nahm sie einen Kredit auf und kaufte sich dafür ein Grundstück, sie setzte ihr Blockhaus drauf und zahlte peu à peu den Kredit zurück. Heute lebt sie von 370 Euro im Monat, dafür geht sie arbeiten. »Ich habe«, sagt die 54-Jährige, »meine Lebensumstände vereinfacht.«


Vereinfachte Lebensumstände sind es zum Beispiel, wenn Anne Donath im Urlaub nach Griechenland will, aber nicht das Flugzeug, nicht die Bahn nimmt – sondern mit dem Fahrrad fährt. Vereinfachte Lebensumstände sind es auch, wenn dieses Fahrrad kein Mountainbike ist, kein Ultraleichtmodell mit 36 Gängen, mit dem man die Alpen in Richtung Süden überquert. Anne Donath ist vergangenes Jahr mit dem Fahrrad gefahren, das sie sonst auch benutzt: ein altes, kleines BMX-Rad, ohne Gangschaltung; nur einen neuen Sattel hat sie sich gegönnt. Bergauf musste sie schieben.


So eine liegt uns auf der Tasche, sagen ein paar Leute im Ort


Es ist ein extremes Bild, das diese Frau den Menschen bietet, wie bei einem Zerrspiegel, in den man hineinschaut und nichts Vertrautes sieht, nur Sonderbares. Und wenn etwas sonderbar ist, schreckt es die meisten Menschen erst einmal ab. So eine liegt uns auf der Tasche, wenn das alle machen würden, wäre unsere Wirtschaft bald am Ende, sagen die einen im Ort. Es ist gut, dass sie wenigstens arbeitet, sagen die anderen, dort kann sie ab und zu duschen, und ein warmes Essen bekommt sie auch.


Bad Schussenried, auf halber Strecke zwischen Biberach und Bodensee. »Barock, Bier und Betonmischer«, sagt der Bürgermeister, so lasse sich seine Stadt ganz gut beschreiben. 8500 Einwohner, ein altes Kloster mit spätbarockem Bibliothekssaal, eine Brauerei mit Biermuseum, draußen vor der Stadt baut die Firma Liebherr mit 500 Beschäftigten Betonmischer für die Welt. Im Büro des Bürgermeisters hängt das historische Stadtwappen, daneben leidet Jesus am Kreuz. Georg Beetz trägt Rollkragenpulli statt Krawatte und eine rahmenlose Brille, Modell Jürgen Schrempp. Er ist so etwas wie der Moderator im Strukturwandel, den jede Kleinstadt durchmachen muss. »Manche hier haben Angst vor den Veränderungen«, sagt er. An der Hauptstraße von Bad Schussenried entdeckt man noch immer die Informationstafeln der Vereine, der Liederkranz 1859 e. V. lädt zur Jahreshauptversammlung in den Wilden Mann. Am Stadtrand zieht Aldi einen großen Supermarkt hoch, das Hotel am anderen Ende von Bad Schussenried heißt Amerika.


Am Anfang haben Anne Donath wohl alle für verrückt gehalten. Im Ortsteil Steinhausen wollte sie bauen. Der Ortschaftsrat verweigerte die Baugenehmigung. Dann gab das Kreisbauamt die Freigabe. »Da sollte man ein Streichholz dranhalten«, sagte ein aufgebrachter Dorfbewohner, als sich das Blockhaus nicht mehr verhindern ließ. Nur die Bank sagte nichts und gab Anne Donath Geld.


Viel hat das Haus damals ja auch nicht gekostet: 85000 Mark, inklusive Keller, Kamin und Bullerofen, dazu noch 50000 Mark für das Grundstück und die Erschließungskosten. So etwas finanziert jede Bank, wenn man die Grundschuld eintragen lässt, eine Lebensversicherung aufnimmt und ein solider Arbeitgeber das Gehalt garantiert. Heute ist das kleine Blockhaus so etwas wie die Touristenattraktion von Steinhausen: Wenn im Gasthof Linde an der Hauptstraße eine Familienfeier stattfindet, nutzen die Menschen die Zeit zwischen Mittagessen und Kuchen und gehen »mal gucken, wo die Frau lebt«. Es sind nur ein paar Querstraßen zu Fuß.


Anne Donath arbeitet als Krankenschwester im Zentrum für Psychiatrie von Bad Schussenried. Es ist, sagen die Leute dort, ein guter Arbeitgeber, der für seine Angestellten sorgt. Laut Vertrag arbeitet Anne Donath einen Tag pro Woche. De facto sieht das so aus: Im Sommer arbeitet sie als Urlaubsvertretung mehrere Wochen am Stück, dafür hat sie den Rest des Jahres frei. Macht einen Bruttolohn von monatlich 470 Euro – steuerfrei. Abgezogen werden ihr nur die Beiträge für die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung; das sind knapp 100 Euro. Gerade mal 33 Euro fallen jeden Monat an festen Kosten an: für die Gebäudeversicherung und die Grundsteuer, die Haftpflichtversicherung und den Kaminfeger, die Müllabfuhr und das Wasser, dazu für Holz, Schmierseife und Kerzen – und für die GEZ. Anne Donath besitzt ein batteriebetriebenes Radio.


Hinter dem Haus baut sie Gemüse an, Lauch, Zwiebeln, Tomaten und ein paar Kartoffeln, was der Garten eben so hergibt. Sie isst häufig Kartoffeln, am liebsten mit Zwiebeln, und weil der eigene Vorrat nicht reicht, muss sie nach einem langen Winter bei einer Freundin nachkaufen.


Wenn Anne Donath das Abendessen vorbereitet, sitzt sie mit angezogenen Beinen auf dem Boden ihrer Hütte, barfuß, so wie sie meist auch herumläuft, man sieht das, ihre Füße sind rau und haben Schwielen. Das Haus ist sparsam möbliert: Neben der Tür der Bullerofen, auf dem jetzt Wasser kocht; daneben ein Korb voll Holz und altem Papier als Brennmaterial; zwei Regale mit Büchern, ein kleiner Schrank für die Lebensmittel und ihre Kleidung; eine Leine, an der sie im Winter die Wäsche trocknet; ein heller, flauschiger Teppich, auf dem sie tagsüber sitzt und liest und nachts schläft oder liest, wenn sie nicht schlafen kann. Links vom Eingang geht es zum Bad: Hinter einem Vorhang ist eine Ecke der Hütte gefliest, an der Wand ein Wasserhahn, davor steht ein Eimer – »Das ist das Waschbecken«, sagt Anne Donath, »man kann sich auch mit drei Litern Wasser gründlich waschen, ohne Dusche«. Es gibt einen Spiegel und eine Toilette. Anne Donath spült mit Regenwasser, das sie draußen in einer Zisterne sammelt.


Sie hat Kartoffeln gekocht, dazu gibt es Brot und eingelegten Knoblauch. So ein Essen könnte vielleicht auch die Nachbarin servieren – nur hätte die es bestimmt nicht auf dem Boden zubereitet, barfuß, und die Kartoffelschalen in einer kleinen Pappschachtel gesammelt. Nur der Kartoffelschäler könnte der gleiche sein. Den hat Anne Donath aus dem Supermarkt.


Im Grunde lebt sie so, wie es viele Deutsche für ein paar Wochen im Jahr versuchen: einfach, ohne technischen Schnickschnack, in einer kleinen Hütte, die am besten in den Bergen steht oder am Meer. Wer das nicht sucht, hält es zumindest für vollkommen normal, dass die Menschen in Asien oder Afrika so leben. Aber in Oberschwaben?


Soziale Gegensätze können eine Gesellschaft zerreißen. Deshalb reden Sozialpolitiker so viel über das »Existenzminimum« oder die »Hilfe zum Lebensunterhalt«. Deshalb horchen die Menschen auf, wenn von »neuer Armut« die Rede ist oder davon, dass Arbeitslose weniger Geld bekommen sollen. 6948 Euro im Jahr beträgt das steuerfreie Existenzminimum in Deutschland; Anne Donaths Einkommen liegt darunter. Offiziell gilt man hierzulande als arm, wenn das Einkommen niedriger ist als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung. Laut Statistik lag das durchschnittliche Nettoeinkommen zuletzt bei 1440 Euro. Also ist Anne Donath arm.


Arm dran kann sie nicht sein. Sie hat sich ja bewusst entschieden, so zu leben. Sie könnte zum Beispiel länger arbeiten, um mehr zu verdienen, in der Klinik hat man ihr das immer wieder angeboten. Dann könnte sie sich auch ein Auto kaufen. Oder wenigstens ein besseres Fahrrad. Oder eine große Wohnung mieten, damit sie nicht in einem Haus leben muss, das kleiner ist als die Garage der Nachbarn. Sie will das nicht. Sie will nicht mehr arbeiten, um dann mehr zu haben. Anne Donath ist genau den umgekehrten Weg gegangen: Sie arbeitet so viel, wie für sie existenziell notwendig ist; mehr nicht. Das Existenzminimum ist für sie keine Barriere, hinter der das Glück beginnt. So ist sie zu dem Leben gekommen, das sie nun lebt. Eigentlich hat sie sich schon vor 50 Jahren auf den Weg gemacht.


»Müßiggang ist schöpferisch«, sagt sie – und hat sogar Zeit zum Wollespinnen


Malente, Schleswig-Holstein, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Geld ist in Deutschland knapp, insbesondere für jene, die viele Kinder ernähren müssen. Anne Donath hat zwei Brüder. Sie lebt mit ihren Eltern bei der Großmutter, in einem alten Haus. Viel Platz hat die Familie nicht: zwei Zimmer unter dem Dach. Als ein weiteres Kind kommt, ziehen alle in eine größere Wohnung, mit Badewanne und Eisschrank. Manchmal weiß die Mutter nicht, wie sie das Essen bezahlen soll. Als noch ein Kind kommt, wohnen sie in einer noch größeren Wohnung und haben noch weniger Geld. So etwas prägt. Heute sagt Anne Donath über sich, dass sie »einen extremen Hang zur Sicherheit in finanziellen Dingen« habe. Dass sie mit hohen Schulden nicht leben könne. Und dass es für sie immer klar war, »nach einem soliden Besitzstand zu streben« – einem eigenen Haus.


Als sie heiratet, zieht sie mit ihrem Mann nach Süddeutschland. Regelmäßig fahren sie im Urlaub nach Algerien, im VW Bus oder Geländewagen. Ihre drei Töchter nehmen sie mit. Im Norden Afrikas sieht Anne Donath, dass man zum Waschen keine Waschmaschine braucht. Dass man auch über einer Feuerstelle kochen kann. Und dass die Beduinen, obwohl sie so viel von Hand machen, immer noch Zeit für ein Gespräch haben.


Nach ihrer Scheidung zieht sie mit den Kindern nach Bad Schussenried in eine Mietswohnung. Hochhaus, siebter Stock, bei Föhn kann man die Alpen sehen. Das Fernweh kommt wieder. Als die Töchter erwachsen sind und ausziehen, kauft sich Anne Donath einen neuen Jeep und fährt los. Sechs Wochen verbringt sie 1992 in Mertoutek, einer kleinen algerischen Oase, dann weiß sie, wie sie künftig leben will. Als der Wäschetrockner kaputtgeht, kauft sie keinen neuen. Irgendwann macht die Spülmaschine ihren letzten Waschgang. Anne Donath rechnet. 400 Euro soll sie später als Rente bekommen, mehr nicht, sie hat wegen der Kinder einige Jahre nicht gearbeitet. Aber 400 Euro sind zu wenig, um die Miete zu zahlen und so zu leben wie bisher. Anne Donath rechnet weiter. Was kostet mich das günstigste Haus, vielleicht ein Blockhaus? Wie teuer wäre ein Kredit? Weil sie zwar Abitur hat, aber die Formel für den Zinseszins nicht kennt, schreibt sie lange Zahlenkolonnen aufs Papier. Nur jeder Vierte, heißt es in der Bertelsmann Studie, hat sich schon einmal ausrechnen lassen, wie viel Rente ihm später zusteht.


An Heiligabend 1993 zieht Anne Donath in ihr eigenes Haus. Wenn sie die Tür aufschließt und in die Hütte kommt, tastet ihre rechte Hand in den ersten Wochen immer noch nach dem Lichtschalter. Heute kann sie sich kaum vorstellen, noch einmal anders zu leben. Ihre Kinder haben das längst akzeptiert – vielleicht, weil sich gewisse Charakterzüge eben doch vererben. Ihre älteste Tochter wird im Sommer ihren Job aufgeben, um »eine Weile« Schafe zu hüten, wie Anne Donath sagt.


Natürlich versucht jeder im Ort, diese seltsame Frau in eine Schublade zu stecken – und wird widerlegt. Die Umweltbewegten sind enttäuscht, weil Anne Donaths Haus einen Betonkeller hat und keinen Lehmboden. Die Vegetarier sind enttäuscht, weil sie bei Freunden Wurst isst. Die Autohasser sind enttäuscht, weil Anne Donath sich von der Freundin mit dem Auto nach Biberach zum Einkaufen mitnehmen lässt. Die Konsumverweigerer sind enttäuscht, weil sie sich ab und zu richtig teure Sachen kauft, Wanderstiefel etwa, für 215 Euro. Die Streitlustigen sind enttäuscht, weil Anne Donath zu ihren Nachbarn ein recht gutes Verhältnis hat; manchmal kommt die Frau von nebenan und bringt Kuchen. Eigentlich sind alle enttäuscht, weil Anne Donath weder gramgebeugt durchs Leben geht noch die viele Zeit, die sie hat, für große Taten nutzen will. Sondern einfach nur lebt.


Aus vier Tagen Geldverdienen sind bei Anne Donath vier Tage Zeithaben geworden. »Müßiggang ist schöpferisch«, sagt sie. »Lieber sinniere ich fünf Stunden in der Hängematte und arbeite dann eine Stunde, als dass ich fünf Stunden den Buckel krumm mache und dann eine Stunde grüble, ob das wirklich nötig gewesen wäre.« Oder sie entdeckt, wofür sie jetzt alles Zeit hat. Zum Wollespinnen etwa. Anne Donath macht sich ihre Pullover selbst – nicht, weil sie mit selbst gemachten Pullovern die Textilindustrie boykottieren will. Sondern weil sie irgendwann entdeckt hat, dass der Bauer im Dorf ganz froh ist, einen Abnehmer für die Wolle seiner Schafe zu haben, die er sonst teuer entsorgen müsste. Weil sie einfach probiert hat, wie es ist, wenn man Naturwolle wäscht und kämmt und dann mit einem Holstöckchen spinnt. Zwei Monate braucht sie für einen Pullover. Im Laden würde ein Kleidungsstück aus handgekämmter Schurwolle ein Vermögen kosten. Anne Donath kann es sich leisten. Es kostet sie nur Zeit.


Und wenn nun in Bad Schussenried noch jemand auf die Idee kommt, so zu leben, noch ein solches Haus zu bauen?


Der Bürgermeister zögert. Vor zehn Jahren war Georg Beetz noch nicht im Amt, aber er hätte, sagt er, nichts gegen Donaths Hütte einzuwenden gehabt. Heute sitzt Beetz in einem Büro, so groß wie das kleine Holzhaus in Steinhausen. Vom Schreibtisch aus blickt er auf eine historische Stadtkarte.


»Kommt darauf an, wo dieses Haus hin soll. Direkt im Ortskern, zum Beispiel an der Hauptstraße, geht es natürlich nicht. Es kann eben nicht jeder immer das tun, wozu er gerade Lust hat. Nur so funktioniert eine Gesellschaft.«

 

 

 

 Ist es in Ordnung das jemand regiert?

Anarchische Gedanken über das Verhältnis von Staat und Individuum (von Roland Rottenfußer. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen" und der Beginn einer kleinen Serie "Anarchie".)
„Ich habe einen neuen Untertanen!“ König Alfons der Viertelvorzwölfte ist sichtlich gerührt. Der Regent des kleinen Inselstaates Lummerland herrschte nämlich bisher nur über genau drei Personen: Frau Waas, Herrn Ärmel und Lukas den Lokomotivführer. Nun sind es vier, ein Grund zur Freude. Niemand aber fragt das kleine schwarze Baby, das man später Jim Knopf nennen wird, ob es überhaupt Lust darauf hat, ein Untertan zu sein.

Diese skurrile Geschichte, die der Fantasy-Autor Michael Ende erdacht hat, macht eines ganz deutlich: Wir werden von unserem ersten Atemzug an regiert, ob wir das wollen oder nicht. Aber ist dies nicht eigentlich selbstverständlich? Brauchen wir nicht Gesetze, Regeln, Anweisungen wie die Luft zum Atmen? Hierüber gehen die Ansichten auseinander. Dass Herrschende Gehorsam und Unterordnung gut finden, ist verständlich; dass aber auch die meisten Beherrschten es in Ordnung finden, dass jemand regiert, ist vielleicht der phänomenaler Erfolg einer jahrhundertealten Propaganda.

Der Liedermacher Konstantin Wecker deutet den autoritären Charakter als Ergebnis von Sozialisation. Das Lied „Es ist schon in Ordnung“ schildert die fiktive Biografie eines kleinen Jungen. „Ob das die Eltern sind und ihr ‚Ordnung muss sein’, du möchtest wachsen, doch sie kriegen dich klein. Dann träumst du von Wiesen und von Dingen, die weich sind, währenddessen erzählen sie dir, dass die Menschen nicht gleich sind und dass das wichtig ist, dass man pariert: denn da ist immer wer, der bestimmt und regiert.“ Wirklich tragisch an diesem Lied ist aber die Schlusswendung. Als Ergebnis seiner Erziehung kommt es schließlich so weit, dass der Junge die Herrschaft von innen heraus bejaht. „Und es dauert nicht lange, dann ist es passiert: ‚Es ist schon in Ordnung, dass jemand regiert.“ Jeder Widerstand ist gebrochen. Der Junge wird einmal selbst eine Autorität sein und sein Kind im selben Geist erziehen.

Konstantin Weckers Lied ist ein beeindruckendes Zeugnis der anarchistischen Geisteshaltung. Anarchie ist der blinde Fleck in der heutigen politischen Landschaft, eine unterdrückte, meist ausgeblendete Strömung der jüngeren Geschichte. Ökologiebewegung, Frauenbewegung, Antiglobalisierungsbewegung und Gewerkschaftsbewegung haben irgendwo einen Platz in unseren Köpfen (und in den Parlamenten). Anarchismus dagegen bleibt in der „Schmuddelecke“. Man kennt sie vom Hörensagen, zieht sie aber für sich selbst nicht ernsthaft in Betracht – wie etwa Rechtsradikalismus, Satanismus und Ufo-Glaube. Heutige „Freiheitskämpfe“ gibt es fast nur noch im Vorgriff oder unter Berufung auf alternative Formen der Unfreiheit. Rebellion gegen die Entscheidungen von Politikern, so sie überhaupt stattfindet, beruft sich z.B. meist auf das Grundgesetz. Ein Innenminister hat gegen den Verfassungsgrundsatz des Demonstrationsrechts verstoßen, ein Arbeitsminister gegen das Sozialstaatprinzip, usw.

Wer sich als politischer Rebell aber nur auf vorhandene Gesetze beruft, stärkt sie damit indirekt den Legalismus – die Annahme, dass Gesetze unabhängig von ihrer Qualität befolgt werden müssen. Er sagt implizit, dass er notfalls jeden Unsinn mitmachen würde, solange er nur in einem Gesetz steht. Peter Kropotkin (1842-1921), einer der Vordenker des Anarchismus, setzte deshalb auf die Kraft freiwilliger Vereinbarungen, die während der frühen Perioden der Menschheitsgeschichte unser Geschick bestimmten. Diese besäßen naturgemäß eine gewisse Vernunft und soziale Ausgewogenheit. Gesetze dagegen seien ein verhältnismäßig junges Phänomen, bestimmt durch den Willen, die Masse zu beherrschen und sich deren Arbeitserträge anzueignen. Nicht Ungehorsam (wie der Fall von Adam und Eva suggeriert) ist der Sündenfall, sondern die Machtausübung. „Fast ein jeder verlangt leidenschaftlich danach, über wenigstens einen einzigen seiner Brüder zu herrschen. Darin liegt das Unheil“, sagt Jesus in Tschingis Aitmatows Roman „Der Richtplatz“.

Gewiss sind gute Gesetze allemal besser als schlechte. Durch die Fixierung auf das geschriebene Recht, verlieren wir jedoch den Zugang zu unserem spontanen Freiheitsimpuls. „Laws are made for people, and a law can never scorn the right of a man to be free”, sang die irische Folkgruppe The Dubliners. Kein Gesetz darf das Recht eines Menschen verachten, frei zu sein. Dem modernen Demokratiebürger fehlt es offenbar an dieser Art von Stolz, der „Obrigkeit“ an Respekt vor dem fundamentalen Wert der Freiheit. So als hätte uns das 20. Jahrhundert nicht schmerzlich gelehrt, wie unverzichtbar Freiheit ist, um überhaupt ein Dasein fristen zu können, das den Namen Leben verdient. Etwas von dem Geist des Anarchie-Urgesteins Michail Bakunin könnte uns da nichts schaden: „Ich glaube nicht an Verfassungen noch an Gesetze. Die beste Verfassung kann mich nicht befriedigen. Wir brauchen etwas anderes: den Sturm und das Leben, eine neue Welt, in der das Fehlen von Gesetzen die Freiheit erschaffen wird.“

Wozu und mit welcher Begründung gibt es überhaupt die Macht des Menschen über den Menschen? Wie kommt es zur scheinbar selbstverständlichen Herrschaft der Wenigen über die Vielen? Solche Fragen werden heute überhaupt nicht mehr gestellt. Unterstützt wird diese autoritätsgläubige Mentalität durch eine Mehrheit der Bürger, die allem Anschein nach nicht frei sein will. Die ihren Staat Hilfe suchend um Schutz vor Bedrohungen anflehen, die gar nicht so bedrohlich erscheinen würden, hätte sie die Staatsmacht nicht aufgebauscht. „Wir in einer autoritären Gesellschaft aufgewachsenen Menschen haben nur eine Chance, unsere autoritäre Charakterstruktur aufzubrechen, wenn wir es lernen, uns in dieser Gesellschaft zu bewegen als Menschen, denen diese Gesellschaft gehört, denen sie nur verweigert wird durch die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse“, schrieb Rudi Dutschke, Vordenker der 68er-Studentenbewegung.

Auch für Herrschaft, Gesetz und Ordnung gibt es zahlreiche, teilweise nachvollziehbare Argumente. Eine Argument allerdings sticht definitiv nicht: die Annahme, es sei „schon immer so gewesen“. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth bezeichnet beschreibt die archaische Gesellschaft nicht als „Herrschaft“ von Müttern, sondern als Abwesenheit von Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die erzählt von einer Art Basisdemokratie aus Clan- und Dorfräten, vergleichbar dem modernen Rätesystem. „Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft weder Hierarchien und Klassen noch ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen bilden können. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschaftsgesellschaften, sogar noch in ihrer Spielart als formale Demokratien.“ Die derzeitige „repräsentative Demokratie“ besagt dagegen eher: „Ich nehme deine Stimme und mache dann mit ihr, was ich will“.

Mit diesen Forschungsergebnissen, die durch Ausgrabungen u.a. im türkischen Catal Hüyük, gut belegt sind, wird ein faszinierende historische Perspektive eröffnet: Selbst wenn die Phase der Herrschaft noch so lange gedauert haben mag – was einen Anfang hatte, kann auch ein Ende haben. Ist Herrschaftslosigkeit ein weibliches Phänomen? Jedenfalls wurden alle wirklich fatalen Formen der Staatsautorität von Männern erdacht. Der Blick zurück in die Geschichte macht eines deutlich: Was dem Jungen in Konstantin Weckers Lied im Kleinen passiert ist, wiederholt sind in der Weltgeschichte im Großen: die traurige Geschichte eines nach Lust und Freiheit verlangenden Wesens, dem so lange erzählt wurde, dass es richtig sei, zu gehorchen, bis es daran sogar selber glaubte. Wer sich der Programmierung bewusst geworden ist, hat jedoch auch die Chance zur „Deprogrammierung“, der Auflösung der im Unterbewusstsein eingeprägten, fremdbestimmten Muster.

Mit dem Zusammenhang von autoritärem Charakter, muskulärer Verspannung und Neurosen befasste sich als erster der verkannte Psychotherapeut Wilhelm Reich (1897-1957). Sein Werk ist für den Zusammenhang von Politik und ganzheitlicher Gesundheit grundlegend. Reich gründete die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“. Er studierte die Probleme von Menschen aus dem Arbeitermilieu und erforschte, welche Auswirkungen Libidostau und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf den Gesundheitszustand hatten. Aufgrund dieser Erfahrungen kritisierte er Freuds Schriften als „Kulturanpassungslehre“ und beklagte „die Angst der Psychoanalytiker vor den sozialen Konsequenzen der Psychoanalyse“. Er forderte umfassende Maßnahmen zur „Neurosenprophylaxe“, die auch gesellschaftliche Reformen im Sinne von Marx umfassten.

„Freiheit definieren ist identisch mit Definition der sexuellen Gesundheit“, schrieb Reich. „Es gibt eine sexualphysiologische Verankerung der sozialen Unfreiheit im menschlichen Organismus.“ Letzte Konsequenz seines politischen Engagements war 1931 die Gründung eines „Reichsverbands für Proletarische Sexualpolitik“ als Unterorganisation der KPD. Später überwarf sich der Psychotherapeut allerdings mit den politisch und sexuell zunehmend repressiv agierenden Parteiführern. Wilhelm Reich hatte schon lange eine eigenwillige Interpretation des Marxismus favorisiert: „Die Diktatur des Proletariats ist die Autorität, die hergestellt werden muss zur Abschaffung der Autorität“, worin ihm die in den Stalinismus abgleitende Sowjetmacht natürlich nicht folgen wollte.

Anarchisten haben der Theorie, eine „Diktatur des Proletariats“ sei ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Freiheit, stets und mit Recht misstraut. Dennoch nähert sich Wilhelm Reich der anarchistischen Argumentationsweise sehr stark an. Freiheit und Gesundheit sind eins. Mit dieser These wäre den Verteidigern der Freiheit eine starke Waffe in der geistigen Auseinandersetzung mit den Vertretern eines autoritären Gesellschaftsmodells in die Hand gegeben. Leider wurde Reich viel diffamiert, seine Erkenntnisse standen weder bei den Faschisten noch bei Kapitalismus hoch im Kurs. Schon gar nicht bei „proletarischen“ Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Die Spaltung von Anarchismus und Sozialismus in zwei getrennte Lager hat aber auch eine tragische Note, da es sich eigentlich um einen „Bruderkrieg“ handelt.

Anarchismus und Sozialismus wurden lange Zeit als Einheit verstanden, weil die Befreiung von Ausbeutung mit der Befreiung von Herrschaft Hand in Hand gehen. Der Staat wurde im Sinne von Proudhons berühmtem Satz „Eigentum ist Diebstahl“ als Schutztruppe zur Sicherstellung der „Diebesbeute“ (des Eigentums) verstanden. Wenn man sich Stalins Gulag-System und Honneckers Stasi-Staat vor Augen führt, kann man sich überhaupt nicht mehr vorstellen, wie nah sich beide Richtungen in ihren Ursprüngen waren. Der Kern des Konflikts wurde bereits von deren „Urvätern“ Pierre Joseph Proudhon und Karl Marx ausgetragen. In der „Ersten Internationale“, gegründet 1864, waren die Ideen des frühen Anarchisten nämlich sehr populär. Als Marx Proudhon dann vehement für seine Sache vereinnahmen wollte, antwortete dieser mit einem legendär gewordenen Brief: „Machen wir uns nichts zu Führern einer neuen Intoleranz. Posieren wir nicht als Apostel einer neuen Religion, und sei es auch die Religion der Logik und der Vernunft. (…) Lassen Sie uns, wenn Sie wollen, gemeinsam die Gesetze der Gesellschaft suchen, die Wege, auf denen sie verwirklicht werden und den Prozess, nach dem es uns gelingt, sie zu entdecken. Hüten wir uns jedoch um Himmels Willen, den Leuten nach der Zertrümmerung aller vorgefassten Dogmen eine neue Doktrin einzuimpfen.“

Die weitere Geschichte des autoritären Kommunismus sollte Proudhon Recht geben. Überall in Geschichte finden wir den Verrat an der Freiheit durch „Revolutionäre“, die sich im Verlauf eines Prozesses als autoritär und faschistoid entpuppten. Robespierre und Lenin gehörten zu den Schlimmsten. Das „Ancien Régime“ wurde gekippt, doch im Taumel der Siegesfeiern fiel wohl nur wenigen besonders Sensiblen auf: „Freiheit ist die einzige die fehlt“ (Marius-Müller Westernhagen). Gerade deshalb ist es so enorm wichtig, bei allen „rebellischen“ Entwicklungen, die wir derzeit erleben, die Freiheit zu hüten wie einen Augapfel. Und auf die „Anwesenheit des Ziels in den Mittel“ zu achten – ein Grundprinzip des Anarchismus. „Fraternité“ kann nämlich nicht mit der Guillotine erzwungen werden. Die Idee, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in den der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes Wesen ist“ lässt sich nicht in Arbeitslagern in die Köpfe prügeln. Freiheit ist „immer die Freiheit des Andersdenkenden“, sagte Rosa Luxemburg. Sie bedeutet die „Ausdehnung des Feldes des Möglichen“, schrieb der Dichter Jean-Paul Sartre. Wann immer wir das Gefühl haben, dass unser Aktionsradius, das Terrain des Erlaubten schrumpft, anstatt zu expandieren, ist es nicht mehr Freiheit. Dann haben wir das Recht und die Pflicht zu rebellieren.

Genau deshalb legt Horst Stowasser, ein bekannter moderner Anarchist, Wert auf die Unterscheidung: „Revolution ist nicht, wenn es knallt, sondern wenn es sich wendet.“ Selbst wenn noch so viele Barrikaden gebaut, Bastillen gestürmt und Könige ermordet werden, ist das kein wirksamer Schutz gegen den „Animal Farm-Effekt“. In George Orwells Fabel „Farm der Tiere“ rebellieren Nutztiere gegen die Menschen. Innerhalb kürzester Zeit benimmt sich das revolutionäre Führungskader, die Schweine, jedoch so despotisch und parasitär, dass kein Unterschied zur Menschenherrschaft mehr festzustellen ist. Eine Revolution, in der sich wirklich etwas „wendet“, würde dagegen sicherstellen, dass die Herrschaft nicht lediglich die Farbe wechselt, sondern dass Herrschaft als solche zurück gedrängt wird.

Die Debatte um Anarchismus und Gewalt wird von Seiten der Befürworter von Autorität meist in sehr heuchlerischer Weise geführt. Wenn uns zum Thema „Anarchie“ als erstes ein Bombenleger mit wirrem Haar und fanatischem Blick einfällt, so ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Propaganda über viele Generationen. Vielen dürfte z.B. bekannt sein, dass die österreichische Kaiserin „Sissi“ 1898 von einem Anarchisten ermordet wurde. Weniger bekannt ist, dass die so genannte „Pariser Kommune“ von 1871 auf Seiten der aufständischen Bürger, die von anarchistischen Ideen inspirieren wurden, 20.000 Todesopfer forderte. Ein wahres Blutbad, mit dem die vertriebene Staatsmacht den Bürgern ein für alle mal einbläuen wollte, dass es ein Territorium ohne staatliche Bevormundung nirgendwo geben dürfe. Der Aufstand der autonomen Räterepublik von Kronstadt gegen den Vormarsch der leninistischen Staatsdiktatur kostet 1921 ungezählten Menschen das Leben. Diese Leute wollten nichts anderes als mit der Freiheit, die ihnen die Bolschewiken versprochen hatten, Ernst zu machen.

Man sieht, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen Anarchie und Gewalt – nämlich insofern, als Anarchisten immer wieder auf brutalste Weise Opfer von Gewalt wurden. Anarchisten gehören traditionell zu den „Verlierern“ der Geschichte, vielleicht auch weil ihnen die Stilmittel der „Gewinner“ (straffe Organisation, unbedingter Gehorsam und mörderische Brutalität) fremd waren. Die Weltgeschichte, wie wir sie heute kennen, ist aber eine Geschichte der Sieger. Bei „Linken“ und „Rechten“ wechselten sich Sieg und Niederlage stets ab. Eine aber blieb immer auf der Gewinnerseite: Die Staatsautorität. Wenn man sieht, wie viel Leid, Verwirrung und Chaos Staatsautorität angerichtet hat, kann man Vorwürfe gegen anarchische „Chaoten“ nur als besonders groteske Form der Schattenprojektion deuten. Wie viele Menschen, die zuvor einigermaßen frei und in Frieden lebten, wurden wegen Machtrangeleien zweier Staatsführer zu den Waffen gerufen und in Elend und Tod getrieben? Wie viel Unordnung und Leid hat allein die ungerechte Verteilung der Güter angerichtet? Darüber empörte sich bereits der Vordenker des Anarchismus, Pierre-Joseph Proudhon. Seine paradoxe Schlussfolgerung: „Anarchie ist Ordnung.“

Selbst in Friedenszeiten aber ist Staat gleichbedeutend mit Gewalt (was durch Begriffe wie „Staatsgewalt“ und „Gewaltmonopol“ auch noch offenherzig zugegeben wird). Sicher können wir uns an viele der staatlich verordneten Regeln aus freien Stücken halten (etwa an das Verbot von Mord und Vergewaltigung). Dies ändert aber nichts daran, dass hinter jeder noch so unbedeutenden Vorschrift eine Gewaltdrohung steht. Geldstrafen wird durch die Drohung mit Gefängnisstrafen die nötige Dringlichkeit verliehen. Und hinter einer Einweisung ins Gefängnis steht letztlich die Drohung mit gewaltsamer Verschleppung, denn selbstverständlich kann niemand sagen: „Ich will aber nicht ins Gefängnis“. Staatsautorität beinhaltet die ins System integrierte, beständige unterschwellige Drohung, den Willen des Bürgers notfalls mit Gewalt zu brechen.

Aber ist nicht auch die ungebremste Willkür des Einzelnen ein Alptraum? Man denke dabei nur an den Satz „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“, das dem berüchtigten Okkultisten Aleister Crowley zugeschrieben wird. Man muss dazu wissen, dass die meisten Vordenker des Anarchismus eine Form von Ordnung oder Struktur anstrebten, die vom Geist der Gemeinschaft und gegenseitiger Rücksichtnahme bestimmt war. Kollektiver oder „kommunistischer“ Anarchismus ist der Normalfall, Individualanarchismus eher die Ausnahme. Der Philosoph Max Stirner vertrat als einer der wenigen die absolute Selbstbestimmung des Individuums, ohne sich allzu viele Gedanken darüber zu machen, wie eine solche Gesellschaft aussehen könnte. „Was Du zu sein die Macht hast, dazu hast Du das Recht“, sagte er. Bei Stirner überwog der Affekt gegen den übergriffigen Staat: „Jeder Staat ist eine Despotie, sei nun Einer oder viele der Despot“. Damit brandmarkt er auch die Demokratie als ungenügend. Ist so eine Weltanschauung nicht unverantwortlich, narzisstisch, eine Einladung zu rücksichtslosem Verhalten?

Sicher könnte man mutmaßen, dass eine solche Gesellschaft nicht „funktionieren“ würde. Aber ziehen wir einmal eine nüchterne Bilanz aus der globalen Epoche des Staatsautoritarismus: Will man ernsthaft behaupten, dass die Staatsidee „funktioniert“ hat? Phänomene, die man in so genannten „failed states“ (gescheiterten Staaten) vorfindet, z.B. Bandenbildung und hohe Kriminalität, kann man nicht dem Anarchismus anlasten. Ein „Individualist“, der als Raucher z.B. einen Nichtraucher voll qualmt, ist kein Anarchist, weil er ja Macht über sein Gegenüber ausübt. Eine revolutionäre Zelle, die den Arbeitgeberpräsidenten für Wochen in ein „Volksgefängnis“ sperrt und ihm am Ende erschießt, hat mit Anarchismus nichts zu tun, denn sie übt ja in drastischer Weise Zwang aus. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als größtmögliche Freiheit zu organisieren und gleichzeitig Formen der Gegenwehr gegen Zumutung, Übergriff und Zwang zu finden – gegen die „alten Regime“ ebenso wie gegen neue Tyrannen aus den eigenen Reihen.

Wenn die Befürworter von Autorität darauf hinweisen, dass repräsentative Demokratien des Westens leidlich gut „funktionieren“, so schmücken sie sich eigentlich mit fremden Federn. Die Machthaber vereinnahmen für sich, was eher trotz ihrer Machtausübung (oder im Widerstreit mit ihr) errungen wurde. Warum so viel „Furcht vor der Freiheit?“ Die Willkür des freien Individuums richtet normalerweise nur begrenzten Schaden an. Die Willkür eines Machthabers – potenziert durch ein System automatisierter Gehorsamsreflexe – kann dagegen ein ganzes Volk samt den Anrainerstaaten in den Abgrund reißen. Der „absolute“ (von jeder Rücksicht und Kontrolle losgelöste) Herrscher, der Monarch von „Gottes Gnaden“, der autokratische Diktator – es sind Alpträume, die jedenfalls nicht auf das Konto von Anarchisten gehen. Die Zumutung der Machtausübung ist durch Aufklärung, Revolutionen und Demokratiebewegung in den letzten Jahrhunderten lediglich erträglicher geworden. Und zwar deshalb, weil sie sich den Idealen der Anarchie wenigstens teilweise angenähert hat: durch Elemente von Selbstbestimmung (Wahlen), Pluralismus und relativ viel persönliche Freiheit.

In westlichen Demokratien haben die meisten Bürger den Eindruck: „Das was ich will, ist fast immer erlaubt, und das was verboten ist, will ich in den meisten Fällen auch nicht.“ In einem solchen System lässt es sich lange bequem leben. Es bleibt dabei allerdings ein schaler Nachgeschmack, weil jede Freiheit eine von der Staatsmacht „gewährte“ Freiheit ist. Was der Mensch seinem Lebensbedürfnissen gemäß tun will, wird definiert als der Bezirk des „Erlaubten“. Dem steht die Tabuzone des „Verbotenen“ gegenüber. Im Deutschland des Jahres 2009 sind Mischehen legalisiert, Homosexualität ist erlaubt, Alkoholkonsum wird nicht eingeschränkt, Kritik an der Regierung darf sein. Danke, Papa Staat! Ob aber legalisiert oder kriminalisiert wird, ob der Bezirk des Erlaubten sich ausweitet oder schrumpft, das bleibt der Staatsmacht überlassen. Derzeit schrumpft er eher wieder.

Die bange Frage, ob wir etwas tun „dürfen“, überschattet unsere Gedanken eher stärker als noch vor 10 Jahren. Wann immer ein oder mehrere Politiker sich entscheiden, eine „harte Linie“ zu fahren oder „strengere Strafen“ einzuführen, ist der Bürger faktisch machtlos und muss sich der jeweiligen Verbots- und Erlaubnislage reflexartig anpassen. Ein unspezifisches Instrument wie Wahlen im Vierjahresrhythmus genügt nicht, um Gegendruck aufzubauen. Es ist nicht mehr so, dass das Volk Politikern erlaubt, es in einem bestimmten Rahmen zu vertreten; vielmehr lebt die Obrigkeit den Freiheitsrahmen fest, in dem sich die Bürger bewegen dürfen. Dies ist Fakt, und wir haben uns daran gewöhnt, aber ist es deshalb richtig? Entspricht es den Ideen von Demokratie und "Eigenverantwortung" (ein Begriff der gerade von Neoliberalen gern hoch gehalten wird, während gleichzeitig Bürgerrechte abgebaut werden)? Wäre Anarchismus eine Alternative?

Wer ein Anarchist sein möchte oder mit dem Anarchismus sympathisiert, muss sich selbstkritisch ein paar unbequeme Fragen stellen. Die wichtigste ist: Bin ich wirklich aufrichtig entschlossen, selbst auf die Ausübung von Herrschaft zu verzichten? Auch auf die Gefahr hin, dass an meiner Stelle ein weniger „brillanter“ Kopf das Ruder übernimmt? Verzichte ich darauf, Macht auszuüben über meine Frau, meinen Mann, meine Kinder, meinen Hund oder über „Untergebene“ im Berufsleben? Bin ich, wenn meine Kompetenz mir natürliche Autorität verleiht, bereit, kooperativ und führen – auch dann, wenn ein „Machtwort“ manchmal bequemer wäre? Jeder von uns, selbst der freiheitlichste Denker, ertappt sich gelegentlich dabei, in irgendeinem Punkt „schärfere Kontrollen“ oder „härtere Strafen“ zu fordern. Z.B. gegen die ungeliebten Finanzspekulanten, „Umweltsäue“ oder korrupte Manager. Darin liegt das Dilemma des Anarchismus: Man gewährt auch den Gegnern der Freiheit grenzenlose Freiheit, die diese dann zur Errichtung von mehr Herrschaft nutzen können. Andererseits möchte man Andersdenkende (also Autoritäre) nicht im Namen der Freiheit unterdrücken.

Ein Anarchist muss zweitens die Frage beantworten, welche Werte er dem primitiven Prinzip „Der Ober sticht den Unter“ eigentlich entgegen zu setzen hat. Es gibt ja tatsächlich eine destruktive Spielart von Freiheit. Wir alle kennen sie in Form des entfesselten Neoliberalismus. Je mehr sich ökonomisches Handeln von staatlicher Regulierung und moralischen Schranken „befreit“, desto mehr nähert sich das System genau genommen eine Wirtschaftsanarchie an. Diese Freiheit ist allerdings immer nur die Freiheit weniger Mächtiger auf Kosten einer machtlosen Mehrheit. Wie immer wird mit zweierlei Maß gemessen: schrankenlose Freiheit gilt im einen Fall (bei Konzernen) als Gebot ökonomischer Vernunft, im anderen Fall (bei Einzelpersonen) als Verbrechen.

Ob Freiheit „auf Kosten anderer“ geht, ist natürlich eine heikle Frage. Schon mein Nachbar, der sich über eine „Pace“-Fahne auf meinem Balkon aufregt, kann argumentieren, dass meine Freiheit sein ästhetisches Empfinden verletzt. Sicher werden aber die meisten zustimmen, dass Freiheit kein Privileg Weniger sein darf. Anders ausgedrückt: Freiheit und Gleichheit gehören zusammen. Die Frage, wo Freiheit möglicherweise doch enden muss, ist von Anarchisten oft mit dem Hinweis auf „natürliche Ethik“ beantwortet worden. Wenn wir plötzliche, schrankenlose Freiheit einführen würden, ohne auch an anderen gesellschaftlichen „Stellschrauben“ zu drehen, könnte ein anarchisches Experiment in der Tat Probleme aufwerfen. „Politik ohne innere Veränderung der an ihr Beteiligten ist Manipulation von Eliten“, sagte Rudi Dutschke. Wenn wir andererseits auf die Verwirklichung der Freiheit warten, bis der „Neue Mensch“ heraufgedämmert ist, können wir lange warten. Wir werden uns vorerst schon mit dem „Alten Menschen“ begnügen müssen.

Erinnern wir uns aber an die These aus der Matriarchatsforschung, dass wir das, was uns heute utopisch erscheint, teilweise durch die Rückkehr zum Urzustand finden können. Damit ist nicht gemeint, dass wir technisch zur Steinzeit zurückkehren sollen, sondern dass Freiheit von Bevormundung, Basisdemokratie, Ausgleichsökonomie, ein Leben in Frieden ganz natürliche, der praktischen Vernunft entsprechende Bedürfnisse des Menschen sind. Sie kommen zum Vorschein, wenn es uns gelingt, die Macht von Fremdsuggestionen zu brechen. Der Prozess der gesellschaftlichen Befreiung könnte damit einhergehen, dass eine wachsende Zahl von Menschen zu ihrem eigentlichen Menschsein erwacht. Von den Institutionen ist dann lediglich zu fordern, dass sie dieses Erwachen nicht einschränken. „Wer ein ganzer Mensch ist, braucht keine Autorität zu sein“ (Max Stirner)

„Menschsein“ aber ist nicht denkbar ohne Harmonie mit einer Art natürlicher Ordnung. Im Tao Te King, dem großen Weisheitsbuch der Chinesen, heißt es: „Als der Weg (Tao) verloren ging, tauchte die Tugend auf; als die Tugend verloren ging, tauchte die Güte auf; als die Güte verloren ging, tauchte die Gerechtigkeit auf; als die Gerechtigkeit verloren ging, tauchte die Moral auf.“ Laotse beschreibt hier vereinfacht einen historischen Verfallsprozess. Man kann hinzufügen: Dieser Verfallsprozess endete nicht bei der „Moral“ (Ethik). Als die Moral verloren ging, tauchten die Gesetze auf. Gesetze sind dazu da, Ethik oder Tugend in konkrete, allgemeingültige Regeln zu übersetzen. In der Praxis ist es jedoch so, dass geschriebene Regeln oft die Moral verfälschen, der Tugend Hohn sprechen und das Gegenteil von Güte sind. Heutige Obrigkeiten pochen auf die Einhaltung des Buchstabens eines Gesetzes und haben die Anbindung an die Ethik verloren (vom Tao zu schweigen).

Wenn wir also eine Gesellschaft bauen wollen, die frei und gerecht ist, müssen wir den von Laotse beschriebenen Weg rückwärts gehen: Von der Gesetzestreue zu Ethik und Gewissen, von der Ethik zu einem selbstverständlichen, unverkrampften Fließen mit dem „Tao“ – einer Ordnung, die zugleich natürlich, vernünftig und gütig ist. Religiöse Menschen würden vielleicht von einer „göttlichen Ordnung“ sprechen. Doch eine religiöse Deutung sollte niemandem aufgedrängt werden, so wie es über „Natürlichkeit“ immer geteilte Ansichten geben wird. Es wird niemals „die Anarchie“ geben, sondern immer „Anarchien“, sonst wäre es ja nicht Anarchismus, sondern Uniformität im Namen der Freiheit. Die Freiheit aber ist für gesund empfindende Menschen so selbstverständlich wie Atmen und Essen. Nur den „Nutzen“ von Bevormundung und Ausbeutung mussten uns Machthaber mühsam erklären und gewaltsam einbläuen. Wie lange wollen wir ihnen Glauben schenken?



(Erstveröffentlichung einer kürzeren Version dieses Artikels im Titelthema "Konstruktive Anarchie" des Schweizer Magazins "Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch)
 
Quelle - www.hinter-den-schlagzeilen.info

 

 

 Drei Gründe, warum wir um die konstruktive Anarchie nicht herumkommen. (Von Geni Hackmann. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen". Anarchie-Serie, Teil 3)
1. Die Staatsgewalt wankt

Das Tempo, mit der Regierungen zur Zeit ihre Meinungen und Massnahmen ändern, kann nur Eines bedeuten: Sie sind (schon bald) am Ende ihres Lateins. Ihre Entscheidungen klingen nur noch in den Ohren derjenigen gut, die sie nicht verstehen oder die sich verzweifelt an jeden Strohhalm klammern. Für die Erosion der staatlichen Macht gibt es aber auch undiskutable Gründe: Staaten ohne Geld sind nicht mehr handlungsfähig und verlieren damit ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument. Die Anarchie kommt also, ohne dass ein Anarchist den Finger zu rühren braucht. Besser, wir lernen jetzt schon, mit ihr umzugehen, sonst bricht Chaos aus, was – nebenbei gesagt – nicht mit Anarchie zu verwechseln ist. Chaos braucht den Zustand der Herrschaftslosigkeit (oder der pervertierten Herrschaft), um sich auszubreiten. Anarchie dagegen verhindertdas Chaos – vorausgesetzt, wir haben gelernt, ohne Herrschaft zu leben.

Je mehr also die Staatsgewalt schwindet, desto mehr sind wir herausgefordert, uns in herrschaftslosen Zuständen zu orientieren und eine neue Ordnung zu finden. Ich gebe zu, dass mich diese Aussicht keineswegs begeistert. Aber je mehr man über den Zustand der Welt nachdenkt, desto klarer wird die Richtung, in die wir steuern und desto unmissverständlicher wird die Aufforderung, Anarchie zu lernen, nicht als zerstörerischen, sondern als konstruktiver Akt.

2. Die systemische Gewalt nimmt zu

Parallel zum Schwinden der Staatsgewalt, die wir noch weitgehend unter demokratischer Kontrolle wähnen, ist die systemische Gewalt gewachsen, die sich vollends unserer Kontrolle entzieht: Das beginnt ganz simpel mit der Technik, die uns mit einer Unzahl von Automatismen steuert, die wir bestenfalls noch über Piepstöne wahrnehmen. Das geht über zu den Sachzwängen von Technologien, die unsere Optionen für die Zukunft gewaltig einschränken, wie etwa die Atom- oder Gentechnologie. Und es endet mit der Macht des Geldes, der wohl grössten systemischen Gewalt, die der Erde und ihren Bewohnern bis in ihre vorletzten Winkel den Stempel aufdrückt. Es ist ja nett, wenn sich die Mächtigen dieser Welt an Konferenzen treffen und die Kontrolle des Finanzmarktes fordern. Die schönen Worte können die Wahrheit des Gegenteils nicht vertuschen, nämlich dass der Finanzmarkt sie (und uns) unter Kontrolle hat und mit unwiderstehlicher Gewalt zu einer Entwicklung zwingt, die niemand will, mit Massenarbeitslosigkeit, Staatsbankrotten und Elend.
Die Herrschaft dieser systemischen Gewalt, liebe Leserinnen und Leser, muss gebrochen werden. Entweder wir werden Anarchisten oder wir hören auf, als Menschen zu existieren.

3. Die Freiheit steht auf dem Spiel

Die staatliche Regulierung hat - nicht zuletzt aufgrund der systemischen Herrschaft – eine Dichte erreicht, in der es nur noch möglich ist, gesetzeskonform zu leben, wenn die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach Freiheit und Selbstverantwortung systematisch unterdrückt werden. Vom Diener seiner Bürgerinnen und Bürger hat sich der Staat zum Regenten gewandelt, der nur noch überleben kann, wenn sich sein Souverän – freiwillig aber unwissend – zu seinem Sklaven macht.

Diese wachsende Widernatürlichkeit führt dazu, dass viele staatliche Vorschriften nur noch denen nützen, die gegen sie verstossen. Paradebeispiel ist die Steuergesetzgebung, die von den Reichen und Superreichen über Trusts und verschachtelte Firmenkonstruktionen mühelos umgangen werden kann. Diese Perversion der Gesetze führt zu einer Schwächung des Willens, sie zu befolgen. Wenn die Mehrheit der Bürger die von ihnen beschlossenen Gesetze nicht mehr befolgen will, kann unser Rechtsstaat nicht mehr funktionieren.

Diese Prognosen sind düster, aber nur so lange wir sie ablehnen. Sobald wir das in unserer gesellschaftlichen Lebensweise angelegte Chaos erkennen und beginnen, unsere eigenen, herrschaftsfreien Ordnungen zu schaffen, öffnen sich Räume, in denen der grosse Menschheitstraum der Freiheit wahr werden kann. Ich finde, diese Chance sollten wir nutzen.


(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Titelthema "Konstruktive Anarchie" der Schweizer Zeitschrift "Zeitpunkt", www.zeitpunkt.ch)
 
(Quelle: www.hinter-den-schlagzeilen.info)

 

Textsammlung

Empfehlenswerte theoretische Texte

Unrentable Menschen – Robert Kurz

Die Klimax des Kapitalismus – Robert Kurz

Manifest gegen die Arbeit – Gruppe Krisis

Nationalsozialismus und Antisemitismus – Moishe Postone

Aufhören, den Kapitalismus zu machen – John Holloway

Wir sind die Krise der abstrakten Arbeit – John Holloway

Der kommende Aufprall – Strategiepapier der Antifa Kritik & Klassenkampf

Texte und Textsammlungen von verschiedenen linksradikalen Gruppen

Theorieseite der autonomen antifa [w]:

http://antifaw.blogsport.de/category/texte-theorie/

Reichliche Textsammlung der antifa rgb:

http://aargb.blogsport.de/texte/linke-theorie/

Schriftenreihe der anarchistischen Gruppe Mannheim:

http://www.anarchie-mannheim.de/schriftenreihe.php

Theorie der Antifa Heinsberg:

http://antifahs.blogsport.de/texte/

Texte der antifaschistischen Gruppe westliches Ruhrgebiet(A2K2):

http://projekte.free.de/a2k2/mainpage.php?cat=archiv&subcat=texte

Texte des Antifa AK Cologne:

http://antifa-ak.org/texte/

Theorie von der antifa [b]:

https://antifab.noblogs.org/stuff/

Literaturempfehlungen der Antifa Essen Z:

http://wordpress.antifa-essen.de/literaturempfehlungen/

Theorie und Praxis der autonomen Antifa Erfurt:

http://aaef.blogsport.eu/material/theorie-praxis/

Gute Theoriesammlung des Antifa Infoportal Duisburg:

https://antifaduisburg.noblogs.org/texte/

Antifa Jugend Bochum (AJB) – Texte:

http://ajb.blogsport.de/stuff/

Publikationen der autonomen antifa [f] / Kritik&Praxis:

http://kritikundpraxis.org/category/publikationen/

Texte der Basisgruppe Antifaschismus Bremen:

http://basisgruppe-antifa.org/wp/mitmachen/

Textarchiv von Fast Forward Hannover:

http://www.fastforwardhannover.net/textarchiv/

Texte der Gruppe Kritik & Intervention:

http://kritikundintervention.org/inhalt/texte

Texte der Gruppe …never going home:

http://nevergoinghome.blogsport.de/texte/

Artikel von TOP B3rlin:

http://top-berlin.net/de/texte/artikel