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Warum Anarcho-Kapitalismus ein Widerspruch ist?

Warum Anarcho-Kapitalismus ein Widerspruch ist.

(Und Anarcho-Sozialismus redundant.)

Ich habe einmal angekündigt, in diesem Blog wenigstens vorerst den Schwerpunkt auf die Irrungen und Wirrungen des kapitalistischsten aller denkbaren Kapitalismen zu legen: den „Anarcho“-Kapitalismus. Da der eine oder andere vielleicht nicht weiß, was es damit auf sich hat oder was es aus traditionell libertärer Perspektive daran auszusetzen gibt, ein paar klarstellende Worte. (Und, ja, die ironisierenden Anführungszeichen werde ich weiterhin tippen.)
Woher kommt der Anarchismus?

Der Begründer des Anarchismus als entwickelte Ideenlehre ist der Franzose Pierre-Joseph Proudhon, der 1840 in Was ist das Eigentum? die dem Kapitalismus zugrundeliegenden Eigentumsvorstellungen analysierte und lange vor Marx den ausbeuterischen Charakter kapitalistischer Produktionsweisen aufzeigte.

Proudhon lehnte den Kapitalismus ebenso ab wie die autoritären Gegenentwürfe sozialistischer Zeitgenossen. Statt Verstaatlichung der Produktionsmittel schwebte ihm die Emanzipation der Produzenten von den Kapitalisten durch Bildung autonomer Arbeiterzusammenschlüsse und Bereitstellung zinslosen Kredits durch genossenschaftliche Banken vor. Proudhon erhoffte sich daraus ein freies Tauschwesen zwischen Selbständigen und föderalisierten Arbeiterkooperativen, in dem an die Stelle von Privateigentum der persönliche Besitz der Arbeiter am Produkt ihrer Arbeit treten würde.

Proudhons Eigentumskritik, seine Vorstellungen von wirtschaftlicher und sozialer Selbstbestimmung sowie seine Analyse des Staates als Instrument der Klassenherrschaft und Zerstörer individueller Freiheit übten einen beträchtlichen Einfluß auf nachfolgende Sozialisten aus und entwickelten sich über vor allem Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin schnell zu dem weiter, was heute unter der Bezeichnung Anarchismus geläufig ist. Und obwohl viele neue Ideen in den Anarchismus hineingetragen und viele alte substantiell ausgearbeitet wurden, änderte sich über die Jahre nichts an der Ausgangsmaxime des Anarchismus: der Ablehnung autoritärer gesellschaftlicher Strukturen, und nichts an seinem schwerwiegendsten Schluß: der Ablehnung von Eigentum als Apparat zur Ausbeutung der produktiven Mehrheit durch eine privilegierte Elite.

Diese wesentlichen Grundlagen des Anarchismus sind der Grund, aus dem die Entwürfe all seiner Strömungen problemlos koexistieren und einander sogar sinnvoll ergänzen könnten.
Woher kommt der „Anarcho“-Kapitalismus?

Über weite Teile in-kompatibel mit allen tatsächlichen anarchistischen Schulen ist der „Anarcho“-Kapitalismus, der auch historisch außerhalb der sozialistischen Tradition steht. Der „Anarcho“-Kapitalismus ist ein Fortsatz des Liberalismus; seine Vordenker, frühe Vertreter eines staatenlosen Kapitalismus wie Gustave de Molinari, wären erschaudert vor der Kategorisierung durch radikalliberale Nachfahren als Anarchisten.

Wenig überraschend bei zwei politischen Strömungen, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben haben, finden sich in Anarchismus und Liberalismus zwar durchaus gemeinsame Ideen, aber da es mit dem Eigentum die ganze Substanz des Liberalismus war, die Proudhon bereits in seinem konstituierenden Was ist das Eigentum? angriff, kann kaum behauptet werden, daß die zwei je Berührungspunkte über allgemeine philosophische Grundannahmen hinaus gehabt hätten. Tatsächlich wurden Sozialismus und Liberalismus immer unvereinbarer, je mehr mit dem Fortschreiten der Industriellen Revolution die Eigentumsfrage ins Zentrum beider Philosophien rückte.

Der liberale Eigentumsbegriff, um ihn kurz zusammenzufassen, geht auf John Locke und dessen Idee vom Selbsteigentum zurück, von welcher „Anarcho“-Kapitalisten all ihre Freiheitsrechte ableiten. Selbsteigentum ist dabei nicht einfach im Sinne von Selbstbestimmungsrecht zu verstehen, sondern dient Liberalen aller Coleur zur philosophischen Reduktion des Menschen zum Handelsartikel, der seine Rechte an andere Menschen verkaufen kann – und zur quasi-religiösen Verklärung rücksichtsloser Aneignung von Ressourcen. Denn indem ich dem liberalen Verständnis nach Land und andere Ressourcen bearbeite, strahlt mein Selbsteigentum auf diese Ressourcen ab, wodurch sie selbst mein Eigentum werden – mystische Erweiterungen meiner Person. Pflanze ich Früchte auf einem Feld, werden so nicht nur die Früchte mein Eigentum, sondern auch das Land, auf dem ich sie pflanze. Und das dauerhaft und unabhängig davon, ob ich weitere Verwendung dafür habe. Verbunden mit meinem so gewonnenen Eigentum an einem Teil der Natur ist nicht nur ein Anrecht auf die Früchte, die andere fortan darauf ernten, sondern weitreichende Verfügungsgewalt über diese Menschen selbst. Und wo sich bei Locke noch die Bedingung fand, der Natur nicht mehr entnehmen zu dürfen als man selbst benötigt (die Lockean proviso – halten wir kurz fest, daß selbst für den Ahnherren des Liberalismus der real existierende Kapitalismus verbrecherisch ist), werfen „Anarcho“-Kapitalisten wie der Begründer der Strömung Murray Rothbard derlei lästige Beschränkungen freudig über Bord.

Der Anarchismus, die radikal dezentralistische Strömung des Sozialismus, entstand als direkte Zurückweisung liberaler Eigentumsprämissen, entlarvte sie als Instrument zur Kontrolle und Ausbeutung der Produktiven und der Konzentration des Reichtums der Welt in den Händen Weniger. Ich betone das nur deshalb erneut, weil der „Anarcho“-Kapitalismus Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als genau gegenteiliges Modell entworfen wurde – als elitäre, erklärt antisozialistische Klassen- und Eigentumsreligion. Und jeder Versuch, ihn in die Nähe des Anarchismus zu rücken, kann nur mit böser Absicht oder Unkenntnis von Geschichte und Inhalt wenigstens einer der beiden Bewegungen erklärt werden.
Wollen Anarchisten und „Anarcho“-Kapitalisten nicht letztlich dasselbe?

Nein. Die beiden Modelle unterscheiden sich nicht nur in ihren philosophischen Herleitungen, sondern ganz fundamental in ihrem Verständnis davon, was Freiheit beinhaltet. Zwar würden die meisten Radikalliberalen auf Anfrage bekunden, dasselbe im Sinn zu haben wie Anarchisten, nämlich eine Gesellschaft, die das größtmögliche Maß an individueller Freiheit unter Achtung der Freiheit anderer ermöglicht. Einige der zumutbareren Vertreter würden sogar hinzufügen, daß sie eine im Vergleich zum real existierenden Kapitalismus relativ egalitäre Gesellschaft anstrebten. Das ändert nichts an den fundamentalen Unterschieden der beiden Philosophien.

„Anarcho“-Kapitalisten lehnen nicht grundsätzlich Herrschaft von Menschen über Menschen ab, nur solche Herrschaft, die sich anders als mit Verträgen oder Eigentum zu rechtfertigen versucht. Praktisch beschränkt sich die Herrschaftskritik Radikalliberaler meist auf die Ausübung von Zwang durch eine ganz bestimmte Institution: den Staat. Und nicht einmal ihn lehnen sie primär als Gewaltherrscher ab, sondern als Eigentumsverletzer. Damit befinden sich Radikalliberale im krassen Gegensatz zu Anarchisten, die nicht nur keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Staat (als Halter des legalen Rechts auf Gewalt gegen die Menschen in seinem Herrschaftsbereich) und Eigentümern (als Halter des legalen Rechts auf Gewalt gegen die Menschen in ihrem Herrschaftsbereich) erkennen, sondern letztlich sogar den Staat aus seiner Rolle als „besonderer“ Eigentümer einerseits und Wahrer der Privilegien „niederer“ Eigentümer andererseits heraus ablehnen. „Anarcho“-Kapitalisten füllen dort, wo Wald-und-Wiesen-Liberale noch ehrlich genug sind, einen Minimalstaat für den Erhalt bestehender Eigentumsverhältnisse als erforderlich zu betrachten, Bücher darüber, wie man tragende Institutionen des Staates privatisieren könnte, um dieselben Aufgaben effektiver zu betreiben. Das Ergebnis solcher Prozesse wäre gewiß Kapitalismus – anarcho, nicht die Spur.

Die von „Anarcho“-Kapitalisten postulierte Gesellschaft wäre im Ergebnis wahrscheinlich sogar eine weniger freie als die der klassisch Liberalen. Die kulturell vielfältige, in Wirtschaft und Gerichtsbarkeit stark dezentralisierte Gesellschaft, die viele Radikalliberale sich erhoffen – eine, in der jeder Mensch potentiell Herr über sein eigenes, unabhängiges Reich wäre und friedlicher Wettbewerb zwischen Bossen und Gutsherren einen hohen Grad an Freiheit auch für Eigentumslose ermöglichte –, verkennt den Ausdehnungsdrang von Eigentum, dessen charakteristischstes Merkmal in der Konzentration von Wohlstand liegt, das notwendigerweise Hierarchien erzeugt und die Rücksichtslosesten strukturimmanent bevorzugt. Die „anarcho“-kapitalistische Realität wäre binnen weniger Generationen eine überschaubare Anzahl einander mal bekriegender, mal ergänzender privater Kleinstaaten und Kleinstaatbünde, gestützt durch private Armeen und private Polizeien.
Fazit.

    „We must therefore conclude that we are not anarchists, and that those who call us anarchists are not on firm etymological ground, and are being completely unhistorical.“

Murray Rothbard, Are Libertarians Anarchists?

Rothbard selbst wußte noch, daß die Wörter „libertär“ und „anarchistisch“ über weite Teile das genaue Gegenteil von seiner Philosophie beschreiben. Anarchisten lehnen Herrschaft von Menschen über Menschen und vertikale Organisationsformen ab – Kapitalismus benötigt beides, um zu funktionieren. Und während ich gerne einräume, daß manch Radikalliberaler aufrichtig ist in seinem Streben nach einer freieren Gesellschaft, waren, sind und bleiben Anarchismus und „Anarcho“-Kapitalismus unvereinbar in Theorie, Strategie und Absicht.

Adversarius